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5. Juni 5. Juni14. Juni 14. Juni

6. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen beginnt noch zeitiger, als er eigentlich müsste, nämlich so gegen 5 Uhr. Eigentlich ist das erst die Zeit, in der die Dämmerung so weit fortgeschritten ist, dass die meisten Sterne verblasst sind, aber da klarer Himmel ist, vertreibt sie die Finsternis, nur dass man dabei noch nicht gleich Zeitung lesen könnte, also jedenfalls ich nicht. Dafür sorgt dann die SNCF, die bald darauf ihre Natriumdampflampen entzündet, wohl in der irrigen Annahme, schon mehr als eine halbe Stunde vor Abfahrt des ersten Zuges am Morgen könnten sich erste schlaflose oder ungeduldige Fahrgäste am Bahnhof einfinden, um dort ihrer Verbindung entgegenzufiebern.

Unter solcher Illuminierung hat auch das Umdrehen keinen rechten Zweck mehr, und ich sammle meine müden Glieder, um das »Bettzeug« einzupacken. Zwar kann ich mich im Augenblick nicht entsinnen, schon mal irgendeinen Zeitgenossen erkennbar irritiert zu haben mit meinem Aufzug, den ausgebreiteten Matten und dem Schlafsack, aber es muss ja auch gar nicht erst dazu kommen. Mir fällt wieder das US-amerikanische Radfahrerpaar ein, dem ich vor zwei Jahren in der Nähe von Krakau begegnete, das auf der Reise um die Erde bzw. den nördlichen Teil davon war und immerhin schon ganz Nordamerika und Westeuropa durchquert hatte und das wie aus dem Ei gepellt aussah. Da war kein »Sondergepäck« irgendwo außen an den Taschen angeklemmt, da hing nirgends etwas heraus, da war kein Fleck auf ihren Trikots, und kein Sonnenbrand pellte sich, und kein Bart stoppelte. Vielleicht verleiht die Würde des Auftretens Kraft und Schwung. Ich sollte mal darüber nachdenken (obwohl die beiden über zehn Jahre jünger und vielleicht schon allein deshalb schwungvoller waren). Aber das Nachdenken nützt ja nichts, wenn du in einen Ort kommst, abends um neun oder ein paar Minuten später, und alle Häuser, die Gastlichkeit über die Nacht versprechen, dunkel, abweisend und verschlossen in der Dämmerung liegen. Da kannst du noch so große Scheine aus der Tasche ziehen. Und dann liegst du am Morgen da, befühlst den Schlafsack, und er wirkt etwas klamm, und du ziehst dich um, und die Sachen vom Vortag schmiegen sich auf eine sehr gewöhnungsbedürftige Weise an deinen Körper; aufwärmen musst du sie erst noch, bis es geht, und nein, es gibt nicht jeden Tag frische Wäsche, denn da müsste ich ja aller drei Tage waschen (und nicht nur das, sondern auch dafür sorgen, dass diese Wäsche rechtzeitig und unter allen Witterungsbedingungen wieder trocken wird).

An sich ist die Sache jetzt klar: Es geht heim. Ich habe einige Karten umsonst durch die Gegend gefahren, ich habe viele Strecken nicht gesehen, schon gar nicht abgefahren, bekannte und leider auch unbekannte, aber es ist ja noch nicht aller Tage Abend. Beim nächsten Mal lasse ich die südlichsten Regionen weg, fahre von Turin aus westwärts, aber lassen wir das mit den Plänen, wo ich gerade welche verwerfe.

Ich könnte nun mit dem Zug nach Breil-sur-Roya fahren, dort in einen Zug nach Cuneo umsteigen und ab da die Anreise durch Italien quasi in umgekehrter Richtung abrollen. Originellerweise wird die Bahnlinie durchs Roya-Tal von der FS betrieben, was zwar eine gewisse Logik hat, da Anfangs- und Endpunkt der Strecke in Italien liegen, und so lang ist sie nicht, dass sich da eine Übergabe lohnen würde – oder gar deren zwei. Aber ein nennenswerter Teil der Strecke verläuft durch Frankreich, und das Originelle daran ist, dass das Tal vor gut 150 Jahren sardisch war, also auf gewisse Weise italienisch (aber wie es aussieht, ging die politische Zugehörigkeit immer wieder hin und her). Die FS hat die Strecke auf eine gewisse Weise »heim ins Reich« geholt. Dazu müsste ich an diesem Automaten, der wahrhaftig keine große Auswahl an Zielen bietet, eine Karte bis nach Breil lösen, dabei die Frage des Fahrradtransports außer acht lassend, denn dafür erkenne ich keine Optionen. Das könnte schon das erste Mal Ärger geben, obwohl ich es noch nie erlebt habe, dass das Fehlen von Fahrradkarten wie Schwarzfahren geahndet wurde; schlimmstenfalls musste ich sie nachlösen. Das nächste Problem ist, dass in Breil nur sechs, sieben Minuten Umsteigezeit sind. Man weiß nicht, wie pünktlich die SNCF solche Nebenstrecken bedient; man weiß aber gewiss, dass die Orientierung über den gesamten weiteren Streckenverlauf in Italien – egal, ob an einem Schalter oder an einem Automaten – in Breil mehr als diese sechs oder sieben Minuten erfordert. Und wenn die nicht langen, kann man zwei Stunden auf den nächsten Zug warten. Auch keine schöne Perspektive. Einfach ohne Ticket in den Zug setzen und dort auf Verständnis hoffen: wiederum riskant. Jedenfalls sollte ich so was nicht im deutschen Nahverkehr probieren; da ist die Bahn inzwischen ziemlich hart, selbst wenn man die lautersten Absichten hegt und ganz gewiss und unter allen Umständen eine Fahrkarte erwerben möchte.

Was mache ich also stattdessen? Obwohl eine Bahnfahrt durch Roya-Tal gewiss Erlebniswert hätte, setze ich mich aufs Fahrrad und überwinde den Col de Braus. Bei diesem Namen denke ich an Zuckerwasser mit Sprudel und irgendeinem Früchtearoma für zehn oder 15 Pfennige aus meiner Jugendzeit. Ich bin mir aber ganz sicher, dass die Franzosen den Namen dieses Passes anders aussprechen als wir unsere Brause. – Seine Überwindung kostet mich beträchtliche Überwindung. Das Feuer ist erloschen, die Luft ist raus, der Spaß ist vorbei. Und 650 Höhenmeter sind es außerdem, aber der Col de la Bonette von vorgestern kann nun wirklich nicht mehr als Ausrede herhalten, denn übernommen habe ich mich an ihm gewiss nicht. Und das Geländemuster – die Berge, ihre Formen, die Vegetation, die Straßenserpentinen, das Türkis der Flüsse – ist mittlerweile vertraut; ich schrieb es schon. Auf halber Höhe komme ich an einer Gruppe von Häusern vorbei, rechts stehen ein paar alte Autos … – und tatsächlich: eine Rennpappe! Mit französischem Kennzeichen. Neugierig halte ich an und äuge hinein. Liebevoll gepflegt ist das Teil nicht, wirkt fast wie abgelegt, wenn da nicht das Kennzeichen wäre. Auf dem Beifahrersitz liegt ein Formular, von einer Behörde oder einer Werkstatt. Am 30. März 1976 wurde das Fahrzeug zum ersten Mal zugelassen, so glaube ich ihm entnehmen zu können. Und man darf wohl sagen, dass so enorm groß der Anteil jener Fahrzeuge auf den Straßen Mitteleuropas nicht ist, die über 37 Jahre alt sind. Das muss man erst mal schaffen, zumal mit solchem Material.

Trabant 601 mit französischem Kennzeichen alter Peugeot
Touët-de-l'Escarène Touët-de-l'Escarène, Detail mit alten Autos
Efeu am Col de Braus

Oberhalb der Siedlung verliert sich die Straße in Schnörkeln, die einem kletternden Radfahrer wohl nichts ausmachen, aber die Motorisierten sind nur noch am Rudern mit Lenkern und Lenkrädern. Und runterwärts kann natürlich auch ein Radfahrer es praktisch nie wirklich mal rollen lassen.

Sospel, Brücke über die Bévéra Sospel
Sospel

Auch Sospel, auf der anderen Seite des Passes und ebenfalls nicht sehr hoch gelegen, ist von oben nur über viele Bremsmanöver zu erreichen, und da meine vordere Felgenbremse immer noch so ätzend quietscht – oder alternativ Schleif- und Kratzgeräusche von sich gibt, die nach einer eher kurzen Restlebensdauer von Felge und Bremsklötzen klingen –, kann man mich schon von ferne kommen hören. Allerdings ist hier genauso wenig auf den Straßen los wie anderswo, was mir in fast allen überschaubaren Kehren große Kurvenradien gestattet.

In Sospel ist Markttag. Dem oberflächlichen Eindruck des Vorbeifahrenden nach werden dort nur Klamotten feilgeboten, aber ich möchte wetten, dass jeder Händler des Ortes, der es irgendwie einrichten konnte, einen Teil seines Geschäfts dorthin ausgelagert hat, denn da treibt sich derzeit das Volk herum. Auf der Straße kommt es zu bizarren Verstopfungen, weil einige Menschen offenbar meinen, sie könnten ihr Blech nach Lust und Laune abstellen. Eine Zeit lang komme sogar ich nicht durch, aber dann ergibt sich doch eine schmale Lücke und gelingt mir die Weiterfahrt. Ungefähr zur gleichen Zeit tauchen eine Frau und ein Mann auf Rennrädern auf, die allem Anschein nach in Richtung Breil unterwegs sind, also über die Berge. Für ein paar Minuten bleibe ich an ihnen dran, aber dann muss ich passen, denn auch für mich geht es aufwärts, obwohl ich dem Fluss abwärts folge. An diese Strecke habe ich keine klare Erinnerung mehr. Ich weiß, dass ich sie 1999 in umgekehrter Richtung gefahren bin und dass ich enttäuscht war, denn ich hatte gedacht, auf der direkten Verbindung zwischen Sospel und Breil sei – das wusste ich von der Hinfahrt am Tag zuvor – ein Pass zu überwinden, der Col de Brouis, auf dem kurzen Umweg über Italien könne man dagegen einem Fluss abwärts und dann dem anderen aufwärts folgen und hätte somit weniger Höhenmeter. Letzteres mochte wohl auch stimmen, aber der andere Fluss – die Bévéra durch Sospel – mündete erst viel später in die Roya, fast schon an der Mittelmeerküste, sodass ich eben doch wieder über einen Pass musste, nur war der nicht so hoch wie der Col de Brouis. Über diesen niedrigeren Pass musste ich nun diesmal erneut, denn den heillos verschlungenen Windungen der Bévéra folgt nicht einmal ein Fußweg über ihre gesamte Länge. Die italienische Seite dieses Höhenzuges ist ganz nett.

Roya

An der Roya angekommen muss ich neu darüber entscheiden, welche Gültigkeit Durchfahrtsverbots- und Sackgassenschilder für mich haben. Ich gebe mich experimentierfreudig und ignoriere sie, natürlich nur im Interesse des motorisierten Verkehrs, der in den nach Süden folgenden beiden längeren Tunneln in einem Radfahrer sicherlich nur ein Hemmnis sehen würde. Folglich umfahre ich die Tunnel auf einer vermutlich älteren Straße entlang der Roya. Es ist schönes Wetter; da sieht man draußen sowieso viel mehr, nur das Navi sieht mal wieder kaum Satelliten. Von dieser Straße aus kann ich einige Male die Tunnelstrecke sehen, die dort praktisch in einer Galerie fährt, ja, ich könnte sogar einfach über die Leitplanke klettern und dann im Tunnel weiter fahren. Hier in Italien haben die französischen Kartenverlage alles viel gröber kartiert als auf heimischem Territorium. Das erinnert mich an Kartenbilder aus DDR-Zeiten, z.B. die der Deutschen Reichsbahn. Da die Kartenblätter immer schön rechteckig waren, die innerdeutsche Grenze jedoch keineswegs wie mit dem Lineal gezogen verlief, musste zwangsläufig Territorium jenseits der Grenze abgebildet werden. Aber da war nichts, quasi das Ende der Welt. Ich glaube, es war gelb. Wäre die Grenze nicht so gut gesichert gewesen, hätte man befürchten müssen, bei einem Fehltritt ganz tief abzustürzen. Ich glaube, schon im Mittelalter stellte man sich vor, abenteuerlustige Schiffsexpeditionen könnten über den Rand der Erdscheibe wie an einem Wasserfall abstürzen. So stürzt man noch heute von Frankreich nach Italien. Oder in die Schweiz. Karten, auf denen Frankreich an andere Länder angrenzt, habe ich keine.

Aber mich irritiert das nicht weiter, und dass ich heile in Italien angekommen bin, wird mir spätestens in dem Augenblick klar, als von hinten ein Schallschwall kommt, ein billiges Geplärre aus einem Megaphon, von einem Obst- und Gemüsehändler, wie ich bald darauf feststelle, der mit sehr gemäßigtem Tempo diese Straße befährt – immerhin die Europastraße 74 –, damit auch alle Anwohner seine viel versprechenden Ansagen verstehen und noch Zeit finden, seiner selten günstigen Angebote wegen zur Magistrale zu eilen, damit er dort endgültig anhalte und seine Waren feil biete – und den übrigen Verkehr aufhalte. Es kommt zwar niemand geeilt, aber er hält dennoch an, und der Verkehr staut sich hinter ihm, weil Gegenverkehr kommt, und als dieser vorbei ist, bin ich nicht schnell genug auf der linken Spur und muss daher erst noch alle vorbei lassen, die zuvor hinter mir standen. Ich habe nicht übel Lust, mich an seinen Früchten zu vergreifen, die in Reichweite vor mir liegen.

Ventimiglia kommt in Sicht und damit das Ende der Radtour. Links lockt ein Lidl mit günstigen Angeboten, aber ich bin wild entschlossen, nur noch Apfelsaft und Wasser zu kaufen, weil ich der Ansicht bin, ansonsten noch gut mit Lebensmitteln versorgt zu sein, und warum soll ich beim Umsteigen noch Lebensmittel schleppen, die ich unterwegs ja doch nicht mehr schaffe? Folglich widerstehe ich den Verlockungen und mache mich auf die Suche nach dem Bahnhof. Ich bin wirklich gespannt, wie weit ich um halb, dreiviertel zwölf in Italien noch komme.

Nach einer Extrarunde ist der Bahnhof ausfindig gemacht, und voller Hoffnung betrete ich die Halle. Tatsächlich fährt in sechs Minuten ein Zug nach Genua. Da muss ich gar nicht nach weiteren Verbindungen suchen; der Rest wird sich dort ergeben. Das Dumme ist nur, dass der blöde Fahrkartenautomat keine Scheine annimmt, und 30 Euro 80 in Kleingeld habe ich dann doch nicht. Vor den Schaltern jedoch befindet sich eine kurze, allerdings an der kurzen Restzeit gemessen zu lange Schlange von anderen Reiseinteressenten. Es wäre ja auch zu schön gewesen.

Was nun? Die nächste Verbindung am Schalter. Gleichzeitig mit mir reiht sich eine Frau in die kurze Schlange ein, die … – na ja, wie soll ich sagen? Ich würde sie irgendwie nicht in der Eisenbahn erwarten, zumindest nicht auf einem Provinzbahnhof: Die Absätze ihrer Schuhe sind mindestens zehn Zentimeter hoch, dabei nur ein paar Millimeter dick. Knappe Zuganschlüsse sind damit nicht zu schaffen. Ihre Jeanshose ist wenig länger als kürzestmöglich. Ihre Oberweite lässt gute Verbindungen zur plastischen Chirurgie vermuten, jedenfalls hat die Bluse eine ordentliche Spannung auszuhalten; das Gesicht scheint von Eingriffen noch verschont geblieben zu sein. Es sieht ganz hübsch aus, nicht umwerfend, aber irgendwie seriöser als ihre restliche Aufmachung. Ich lasse sie vor, denn nachdem »mein« Zug weg ist, habe ich keine Eile mehr.

Die Angestellte spricht zu meinem Glück außer Italienisch und Französisch noch Englisch. Sie ist sofort skeptisch, was den Brenner angeht. Sicherlich hat sie damit Recht, zumindest jetzt, wo der Mittagszug fort ist. Aber sie hält Verona für das Äußerste, was noch machbar ist, und buddelt eine Verbindung aus, die nach 18 Uhr hier losgeht, aber die endet erst nach Mitternacht in Verona, und angeblich gelten Regionaltickets nur bis Mitternacht, egal, zu welcher Uhrzeit die Reise angetreten wird; ich würde demnach also nicht einmal bis Verona kommen. Ich halte das für keineswegs die optimale Vorgehensweise, denn bis dahin fahren von hier aus noch einige Züge sowohl nach Cuneo als auch nach Genua. Nach einigem Hin und Her zaubert die Frau eine Verbindung, die in anderthalb Stunden abgeht und noch heute bis nach Verona kommt. Zwar bin ich nicht begeistert – ich hatte gehofft, dem Brenner noch etwas näher zu kommen, aber was will man machen? –, aber ich kann die Fahrpläne ja nicht ändern.

Dann besorge ich mir erst mal das, wovon ich glaube, dass ich es bei diesen Temperaturen am ehesten auf der langen Reise nach Hause entbehren werde: etwas zu trinken, genauer: Wasser und Apfelsaft für meine bewährte Mischung, die nach meiner Erfahrung allen Hightech-, Designer-, isotonischen Getränken oder wie auch immer sie beschaffen sein oder beworben werden mögen, zumindest annähernd ebenbürtig ist. Im Grunde gilt diese Entbehrlichkeit auch für alle Superriegel wie z.B. Powerbar. Vor 20 Jahren, als ich diese Dinger in der Nähe von Los Angeles zum ersten Mal in die Finger und zwischen die Zähne bekam, hätte ich darauf noch schwören können; innerhalb von zwei Wochen war ich fünf Kilo los und litt dennoch nie Hunger, und so im Laufe der Fahrt setzten die Hersteller mit mir wahrscheinlich um die 150 bis 200 Dollar um. Inzwischen bin ich mit solchen Eiden etwas zurückhaltender geworden, aber das liegt vielleicht auch daran, dass die europäischen Supermarktangebote nicht im gleichen Maße wie die US-amerikanischen einer Ergänzung zur Vollwertigkeit bedürfen. Mittlerweile tun’s mein Vollkornbrot (für die komplexeren Kohlenhydrate) und hin und wieder ein Stück Käse (für die Proteine), ergänzt um Schokolade (fürs Glücksgefühl) ebenfalls. Da nehme ich zwar nicht so schnell ab oder sogar kaum noch, aber vor einiger Zeit hörte ich von einem Hardcore-Radler, er habe in Tibet wieder mal seinen Hintern verloren, einfach weil der Kalorienbedarf in solchen Höhen und mit so viel Gepäck so immens sei, dass er durchs tägliche Essen einfach nicht ersetzt werden könne. Und wer seinen Hintern verliert, sitzt im Sattel auf den Knochen, und das kann hart werden; das weiß ich aus eigener Erfahrung. Also ist das Abnehmen während meiner Fahrten nur noch ein ganz im Stillen und heimlich gehegter Wunsch; ich weiß ja außerdem, dass solche Effekte nach den Urlauben rasch wieder verloren gehen.

Doch der Billa in der Nähe des Bahnhofs hat alle möglichen Zuckerwässer, auch Pfanners Apfelprodukte, bei denen man ganz besonders genau hinschauen muss, um zu entdecken, dass sie keineswegs 100 Prozent Saft sind, sondern eben doch wieder nur Wasserflaschen, für ein paar Stunden neben die Apfelkiste gestellt. Billa hat auch echte Säfte, aber eben keinen Apfelsaft; ich begnüge mich zum Schluss mit Grapefruit, denn das ist gegen Durst nach meiner Erfahrung auch recht gut.

Vor dem Laden steht mal wieder ein schwarzer Mann und bittet um Geld. Da ich am Ende auch noch ein paar Ciabatta und ein Kilo Nektarinen zur Kasse getragen habe, verlasse ich den Laden mit vollen Armen. Er guckt resigniert. Ich packe meine Beute weg und gehe dann noch mal zu ihm zurück, um ihm einen Euro zu geben und ihn zu fragen, woher er kommt. Nigeria. Sie kommen alle aus Nigeria. Sagen sie jedenfalls. Das ist insofern glaubhaft, als sie alle Englisch sprechen. In vielen anderen Ländern wird ja Französisch gesprochen. Aber wieso sie alle in Italien landen und dort auch bleiben, ist mir unklar. Natürlich – der Weg bis Sizilien ist nicht so weit, der nach Lampedusa auch, aber noch viel kürzer ist der über die Straße von Gibraltar. Nur sind natürlich all diese Fakten schon längst keine Geheimtipps mehr, weder für die Flüchtlinge noch für Frontex oder die Guardia Civil. Und wie viele den Weg übers Mittelmeer nicht überleben, weiß niemand. Der Mann ist nicht so lustig drauf wie sein Landsmann aus Lamezia Terme, den ich im Frühjahr »kennen gelernt« habe und der mit den Kunden des von ihm belagerten Supermarkts immer Scherze gemacht hat. Aber in solch einer Situation muss man das auch erst mal können. Und sie alle haben dasselbe Problem: keine Arbeit, keine Einkünfte, wahrscheinlich auch gar keine Arbeitserlaubnis. Er bedankt sich und fragt, woher ich komme. Ich sage es ihm und frage mich, was wohl passieren würde, wenn er vor einem Aldi in Deutschland stünde, und vor allem, wie lange.

Ich kehre zum Bahnhof zurück. Die Unzufriedenheit mit der Verbindung macht mich kribbelig. Ich suche noch mal den Automaten auf und forsche nach Verbindungen ab Verona. Und siehe da, es gibt noch einen Anschluss nach Trento. Was soll man da noch sagen, wenn Laien bessere Verbindungen herausfinden als die Profis? In Verona kann ich die Anschlusskarte kaufen, wenn bis dahin alles wie geplant klappt.

Die papierne Abfahrtstafel weist den Bahnsteig 5 aus. Ich schleppe mein Fahrrad den Bahnsteig hinauf. Aus Richtung Genua trifft ein Regionalzug ein und endet hier. Gut möglich, dass er nach dorthin zurückfährt, aber die Abfahrtstafel bleibt vorerst leer. Kein Problem, denn es ist ja noch über eine Stunde Zeit. Ein paar Mormonen auf Missionierungstour laufen herum. Entweder bin ich kein interessantes Ziel, oder sie haben für heute schon ihr Soll erfällt. Auf einer anderen Bank wartet eine Frau um die 50, ich weiß nicht, auf welchen Zug. Sie interessiert sich für meine Ziele. Ich möchte Genova sagen, aber heraus kommt Geneva. Nun ja, zwischen Genua und Genf liegen doch ein paar Kilometer. Jedenfalls meint sie, das werde heute auf keinen Fall mehr etwas; dann klären wir das Missverständnis. Aber mit der Zeit kommen mir Zweifel an diesem Bahnsteig, gerade noch rechtzeitig, denn die elektronische Anzeige weist inzwischen Bahnsteig 1 als die Abfahrtsplattform aus. Das Abfahrtsschema der Italiener ist doch ziemlich beschissen: Entweder gibt es überhaupt keine statischen Zugbahnsteige – dann weiß die Reisegemeinde immerhin, dass sie sich vor den elektronischen Tafeln versammeln und auf die dortige Zuweisung warten muss –, oder es gibt gedruckte Pläne, auf die man sich nicht verlassen kann. Fast wie in Indien. Na ja, für dieses Mal ist es ja noch mal gut gegangen.

Auf der Strecke am Mittelmeer entlang nach Genua sollte man nicht nur Bücher lesen, wenn man sie – die Strecke – nicht schon kennt; sie ist sehenswert. Zuweilen fährt der Zug unmittelbar an der Wasserkante entlang. Die Hänge zur Linken sind auch ganz nett. Und in den Städten wirkt die Linie zuweilen wie knapp an den Wohnzimmern vorbei gebaut. Vielleicht wurden die Wohnzimmer aber auch nachträglich an die Gleise heran gebaut. Im Hinterland verläuft die – garantiert nachträglich gebaute – Autobahn, abwechselnd durch Tunnel und auf Stelzen über die Städte. Sie muss sagenhaft teuer gewesen sein. Gleich nach dem Verlassen von Ventimiglia sehe ich Gewächshäuser, die mit PV-Anlagen bedeckt sind. Wie soll denn da was wachsen, denke ich mir. Gar nicht natürlich. Wenig später sehe ich Gewächshäuser ohne PV-Anlagen: leer, trocken, tot. Da kann man sie tatsächlich noch zur Stromgewinnung nutzen. Wahrscheinlich sind die Flächen zu klein, um mit südspanischen Plastikwüsten konkurrieren zu können.

In Genua ist etwas Zeit; die bemerkenswert figurierte Frau aus Ventimiglio läuft mir wieder über den Weg. Ich mache einen kleinen Ausflug in die Stadt, zu Fuß. Mir gefällt sie nicht. Kolumbus haben sie ein großes Denkmal errichtet. Was für ein Held!

Auf der Fahrt nach Mailand prüfe ich noch einmal den Verbindungsplan. In Mailand soll eine gute Stunde Aufenthalt sein. Mehr als eine Stunde? Fahren die Züge auf solch wichtigen Strecken wie zwischen Mailand und Verona nicht im Stundentakt? Warum sollte ich dort dann mehr als eine Stunde warten müssen? Ich werde mir die Abfahrtstafel sehr schnell ansehen müssen. Und tatsächlich – als ich ankomme, heißt es, sechs oder sieben Minuten später gehe ein Zug nach Verona ab. Vorerst steht auf dem Bahnsteig noch ein anderer Zug, der verspätet ist, aber da niemand den Bahnsteig verlässt, bleibe auch ich erst mal dort. Mit gut zehn Minuten Verspätung fahre ich dann in Richtung Osten ab, fast eine Stunde früher, als mir in Ventimiglia beschieden wurde. Das Problem ist, dass der Zug kein Fahrradabteil hat. Ich stehe also in einem Durchgang von einem Abteil zum nächsten, neben einem weiteren Fahrrad, der Zug ist voll, und alle, die da durch wollen, müssen sich irgendwie an den Fahrrädern vorbei schlängeln. Aber sie sind tolerant und nörgeln nicht. Sogar ein Paar, das wohl zu spät aufgestanden ist und daher den Ausstieg an seiner Zielstation verpasst – und daher wahrscheinlich -zig Kilometer wieder zurückfahren muss –, macht kein Theater. Ich nehme an, es lag nicht an mir, sondern sie haben die Station irgendwie verpennt. Jedenfalls stehen sie plötzlich da und gucken ziemlich belämmert.

In Verona wird es spannend. Es ist zwar schon dunkel, aber ein paar Stunden hat der Tag noch. Der Automat sagt mir, dass in Bozen Sense ist. Immerhin, das ist ein ganzes Stück weiter nur bis hierher. Und es dauert auch gar nicht mehr lange bis zur Abfahrt. Ich besorge mir ein Ticket, und los geht’s. In Bozen ist es allem Anschein nach der letzte Personenzug des Tages, und ich beschließe, die Nacht auf dem Bahnhof zu verbringen, etwas außerhalb allerdings, damit ich während der Nacht keine unliebsamen Begegnungen habe, und am Morgen den ersten Zug zum Brenner zu nehmen. Dabei vergesse ich allerdings, dass zwar keine Personenzüge mehr verkehren, aber dafür reichlich Güterzüge vom und zum Brenner, und die machen so richtig Krach. Aber da ich schon in der vorigen Nacht nicht besonders viel geschlafen habe, schlafe ich nach jeder Störung rasch wieder ein.

5. Juni 5. Juni14. Juni 14. Juni