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4. Juni 4. Juni6. Juni 6. Juni

5. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Ich werde früh wach, zu früh für mein Ermessen. Dieses Ermessen ist zurzeit etwas unscharf; ich habe noch keine klar umrissenen Pläne für den heutigen Tag, da der gestrige zwar von einer vorzeigbaren Leistung geprägt war, aber trotz aller Mühe nicht von einem Durchbruch, wie ich ihn mir gen Norden erhofft …, nun ja – erträumt hatte, muss man wohl realistischerweise sagen. Es gilt nun, neue Pläne zu stricken, neu abzuwägen und dabei zu berücksichtigen, dass der Col de la Bonette trotz aller vollmundigen Schilder »plus haute route d`Europe« erstens schon mal nicht der höchste französische Alpenstraßenpass ist – dies ist der Col de l’Iseran bei Val-d’Isère mit 49 Metern mehr; die prestigesüchtigen Südländer haben dann einfach noch ein Asphaltband um den gleich neben dem Pass liegenden Gipfel Cime de la Bonette gewickelt, und dort erreicht es dann gut 2800 Meter Höhe. Das ist dann tatsächlich die höchstgelegene Straße in Frankreich, aber schon mal nicht mehr in den ganzen Alpen, denn da haben die Österreicher die Ötztaler Gletscherstraße gebaut, die sogar 2829 Meter über der Adria erreicht. Aber die Franzosen finden ja auch, sie hätten den höchsten Berg Europas, und das ist mit Sicherheit falsch, weil sie den europäischen Teil des Kaukasus mit dem über 5000 Meter hohen Elbrus ignoriert haben (allerdings lässt sich dann wieder trefflich über die »offizielle« Grenze zwischen Europa und Asien streiten, die manche nördlicher verorten, womit der Kaukasus komplett asiatisch wäre). So mag es also auch gut sein, dass es dort einen asphaltierten Pass jenseits der 2800er Grenze gibt. Zumindest früher hatten die Russen ja Asphalt ohne Ende. Aber jetzt wird Erdöl teuer verkauft, und im Kaukasus wird ewig kein Frieden; da weiß man nicht, in welchem Zustand die Straßen Richtung Georgien sind, und mögen tun sie einander ja schon seit einiger Zeit nicht besonders.

Ja, also, der Col de la Bonette ist nicht der höchste, aber der südlichste. Aller Erfahrung nach wird es nach Norden hin kühler, also ist mit weiteren gesperrten Pässen zu rechnen – mit allen, die nicht unbedingt gebraucht werden, und mit allen hohen. Die beiden Wiener Motorradfahrer gestern waren ja auch etwas ratlos. Und dann noch die SMS vom Hochwasser zu Hause…

Ich denke, ich fahre erst mal nach Italien und dort weiter Richtung Norden, quasi »an der Wand lang«. Wo es dann offen ist, werde ich sehen. Aber weil es noch zu früh ist, um von einer der gestrigen Mühe angemessenen Nachtruhe reden zu können, drehe ich mich noch mal um.

Erneut wach werde ich von Pfiffen und pubertärem Geschrei. Aha, die Sportgruppe rückt wieder aus. Ich hätte ja nicht gedacht, dass in einem solch kleinen Nest so viel Sport getrieben wird oder, anders interpretiert, so viele Klassen existieren, dass an jedem meiner »Besuchstage« Sportunterricht stattfindet. Aber sowohl auf dem Fußballplatz als auch in der Halle findet körperliche Ertüchtigung statt. Dieser Weckruf genügt mir jedenfalls, um nicht weiter den Penner zu spielen. Dabei sehe ich bestimmt wie einer aus: unrasiert und seit einem weiteren Tag ungewaschen. Dass die Hotels und Herbergen hier aber auch niemanden erwarten, der nach Sonnenuntergang kommt! Klar, man kann nicht erwarten, dass rund um die Uhr in jeder kleinen Herberge eine Rezeption besetzt ist. Aber dass die Hoteliers quasi um acht Feierabend machen und nach Hause gehen, was offenbar stets ein anderes Haus als das Hotel ist, das lässt für mich drei Schlüsse zu: Entweder bin ich ein so ungewöhnlich spät eintreffender Gast, dass sie sich wegen Leuten wie mir keine besonderen Umstände machen. Oder sie ändern ihr Verhalten in der Hochsaison. Oder sie verzichten lieber auf Einkünfte durch spät eintreffende Gäste als auf ihren Feierabend – was ja auch irgendwie verständlich wäre, aber Hotels sind eben Hotels. Züge fahren ja auch noch nach 20 Uhr.

Auf ein richtiges Frühstück verzichte ich vorerst; mich drängt eher Gegenteiliges. Vor einer öffentlichen Toilette muss ich noch etwas warten, denn sie wird gerade fachmännisch gereinigt. Doch dann komme ich zum Zug, und erleichtert erwäge ich weitere Schritte. Zuerst mal muss ich meine Futterbasis auf Vordermann bringen; zumindest an Getränken ist nicht mehr viel da, und lieber schleppe ich einen oder zwei Liter unnötigerweise durch die Berge, als dass ich noch mal so einen Wassermangel erleide wie zuletzt. Das mit dem Wasser ist an einem Wasserhahn am Ortsrand schnell abgesichert. Jetzt fehlen noch der Geschmack dazu, etwas Süßes, vielleicht etwas Obst oder/und Gemüse und ein Brot. Die Verkäuferin kennt mich schon. Als ich ihr erzähle, dass ich gestern am Pass war, nennt sie mich keineswegs einen Spinner und Lügner, obwohl sie einige Tage zuvor erklärt hatte, der Bonette und der la Lombarde seien wegen viel Schnee gesperrt. Was ja auch stimmte.

Der Pudding muss sofort dran glauben; während ich darin herumlöffele, kommt ein Radfahrer des Wegs, ein Berliner, wie sich zeigt. Er ist etwas ratlos angesichts der vielen gesperrten Pässe. Er will erfahren haben, dass von weiter nördlich gelegenen Pässen schon bekannt gemacht wurde, dass diese im Juni nicht mehr geöffnet werden, und sieht nun seine ganze sorgfältige Urlaubsplanung zerrinnen, die noch auf einige weitere Wochen angelegt ist, denn er kam mit dem Flieger nach Nizza und hat wohl auch den Rückflug bereits gebucht. Tja, blöd gelaufen, würde ich sagen. Ich verzichte angesichts seiner Wahl der Verkehrsmittel auf Verweise aufs Wetter; er meint dann aber selbst, dass das wohl was mit dem Klima zu tun hätte. Nun muss er nur noch darauf kommen, was er selbst mit dem Klima zu tun hat…

Erosion, südlich von St. Sauveur

Dann mache ich mich auf den Weg. Es geht auf elfe! Das werden heute wahrlich keine Heldentaten. Ich bin aber auch recht antriebslos. Die Fahrt bis zur Mündung der Tinée in den Var sollte nicht sehr spektakulär sein. Da gibt es jedoch zwei Möglichkeiten auszubüchsen: einmal nach links bzw. nach Osten nach La Tour und einmal nach rechts bzw. nach Westen über den Berg ins Var-Tal. Die Auffahrt nach La Tour ist nicht schlecht; sie hat mir sogar 1999 gefallen, als jeder steilere Anstieg noch ein Kampf war. (Ich bin ja immer noch stolz, dass ich gestern nach weniger als sieben Stunden von St. Sauveur aus am Pass war, was mich vor 14 Jahren nach meiner Erinnerung mehr als acht Stunden kostete. Mehr Gepäck dürfte ich nicht gehabt haben, aber eben mehr Mühe an den Anstiegen.) Allerdings war ich 2005 auch noch mal in La Tour, diesmal in umgekehrter Richtung. So toll ist das Dorf dann auch wieder nicht, dass man es in jedem Urlaub mit einem Besuch beehren müsste. Also nicht. Und die westliche Alternative? Die Frage stellt sich: Wozu? Locken konkrete Reize? Es gibt einen Abzweig nach rechts, der zu einem »Medieval village« führt, aber das ist eine Sackgasse, und so toll das Nest da oben am Himmel hängt – es hängt wirklich hoch, und das ist eine Sackgasse, und es ist ja nun wirklich nicht so, dass ich noch kein solches Dorf besucht hätte. Außerdem ist in Dörfern wie diesem wirklich der Hund begraben. Laut Karte sollen da noch 100 Menschen leben. Wahrscheinlich trifft man davon zwei oder drei auf der Straße an.

Also gerade durch. Oder doch nicht? Gestern habe ich zwischen St. Sauveur und St. Étienne auf eine alternative Route verzichtet, eine Straße, die an irgendeiner Stelle die Hauptstraße verließ, sie dann überquerte, irgendwo oben an der Wand lang verlief und dann … – na ja, entweder wieder herunter kam oder von der aufsteigenden Hauptstraße wieder eingeholt wurde. Man weiß ja bei solchen Straßen nie, ob sie überhaupt noch durchgängig benutzbar sind. Allerdings vermeldete die Karte diesbezüglich nichts Gegenteiliges. Beim nächsten Mal dann, sollte ich hier noch einmal vorbei kommen. (Es gibt ja wirklich Gegenden in Frankreich, die ich im Vergleich zu den Seealpen sträflich vernachlässige. Da fallen mir gleich einige ein, aber da ist dann auch die Anreise etwas aufwändiger.)

Und eine ähnliche Konstellation ergibt sich auch in südlicher Richtung am heutigen Tag – mit dem feinen Unterschied, dass diese alternative Straße auf der Karte als gesperrt vermerkt ist. Gesperrt kann zweierlei bedeuten: Da soll niemand lang, oder da kann niemand lang, jedenfalls nach kartographischem Ermessen. Ich denke, ich riskiere nicht viel und biege ab. Da es auf der neuen bzw. der Hauptstraße bergab geht, wird das wohl auch hier so sein; schlimmstenfalls muss ich dann also wieder etwas den Hügel hinauf. So denke ich.

Als erstes ist wieder einmal ein Sperrschild zu ignorieren. Darin habe ich ja mittlerweile reichlich Übung. Mir wird bald klar, dass dies einmal die Hauptstraße gewesen ist, und nach dem ersten Erdwall, der wohl zumindest Kraftfahrer daran hindern soll, noch weiter zu fahren, wird mir auch klar, wieso man nach einer Alternative gesucht hat. Diese Straße wurde quasi unter einer Felswand gebaut, die zudem noch aus ziemlich bröseligem Gestein besteht. Da fällt also immer mal wieder was herunter, na ja, und das fällt dann entweder auf die Straße oder auf das, was sich da gerade auf der Straße befindet. Und das, was hier so herum liegt, taugt auch durchaus zum Durchschlagen von Autodächern. Die Verlegung der Hauptstraße dürfte also eine Sicherheits- und vermutlich auch eine Wartungsfrage gewesen sein. Für mich ist jetzt zu entscheiden: Traust du dich hier noch weiter oder nicht? Klar ist: Die Straße wird seit Jahren nicht mehr benutzt. Ich schätze, es werden zehn bis 20 Jahre sein. Wenn man sich ansieht, was hier alles herum liegt, dann fällt nur alle paar Wochen mal ein Brocken herunter, und als es vorgestern so viel regnete, wird es mal wieder so weit gewesen sein. Heute ist schönes Wetter – heute passiert nichts. Typische Verdrängung.

Was auch sein kann, ist, dass ich am Ende vor einer zerbrochenen Brücke stehe und deshalb wieder zurück muss. Die gesperrte Straße ist ca. drei Kilometer lang. Das wären dann also sechs Kilometer Pampa. Und die Pampa, obwohl ich sie noch nie mit eigenen Augen gesehen habe, mag tatsächlich besser befahrbar sein als dieser Parcours. Steine mit einer Größe von bis zu 20 Zentimetern (nach aufschlagbedingtem Zerfall!) sind da nur ein Hindernis von mehreren. Inzwischen sind auf dem Asphalt Büsche und Bäume gewachsen. Quellen, die vielleicht irgendwann mal durch eine Röhre unter der Straße ins Tal geleitet wurden, suchen sich wegen Verstopfung oberirdisch ihren Weg, und wegen des vielen Fallgutes staut sich da schon auch mal was. Also fahre ich durch kleine Tümpel und Sümpfe. Die Natur holt sich alles wieder, alles. Und es ist erstaunlich, wie schnell das geht. Es lohnt wirklich nicht die Mühe, irgendwas zu renaturieren, wenn es hinterher nur Natur sein soll. Klar, wenn ein bebaubarer Acker herauskommen soll, muss man wohl den Asphalt einer nicht mehr benötigten Straße wegräumen und entsorgen, aber sonst: In 50 Jahren kommt kein Mensch mehr auf die Idee, dass dieser Waldstreifen mal eine Straße war. 2008 habe ich das bei Torun mal eindrucksvoll gesehen.

Waschstelle südlich von Marie Waschstelle südlich von Marie

Bevor es aber so richtig dicke kommt, etwa einen Kilometer nach meinem Aufbruch in die Wildnis, bricht sich links von mir unerwartet die Sonne durch die steile Böschung und das Dickicht. Sie trifft auf einen kleinen Bach, der dort drauf und dran ist, sein junges Dasein in die Tinée zu stürzen, also erst mal unter dieser toten Straße hindurch, aber dann. Schlagartig fällt mir wieder ein, was ich seit Tagen vermisse: Ein Vollbad, eine Dusche wenigstens oder als absolutes Minimum eine Ganzkörperwaschung. Mag es auch ein weiterer Aufenthalt am an Verzögerungen so reichen Vormittag sein, aber diese Chance lasse ich mir nicht entgehen. Ich bin an sich nicht besonders verkrampft, aber so exhibitionistisch bin ich dann doch nicht veranlagt, dass ich mich splitternackt an ein Gewässer neben einer normal befahrenen Straße stellen würde. Doch diese Straße hier wird nicht normal befahren; hier kommen im Extremfall ein paar ganz besonders abenteuerlustige Wanderer vorbei. Und auf die lasse ich es jetzt ankommen. Das Wasser ist gar nicht so kalt, es dampft auf der Haut und in der Sonne, und der Ort bekommt von mir vier Sterne. Den fünften verweigere ich ihm, weil ich mich nicht ins Wasser stellen kann: Der Grund erscheint mir zu glitschig und damit zu unsicher. Aber seinen Zweck erfüllt die Sache, wenn auch die Mittagszeit nicht der ideale Zeitpunkt für Körperpflege ist, weil man sich bis dahin an den Schweiß vom Vortag gewöhnt hat und bis zum Abend erneut verklebt sein wird.

ehemalige D2205 südlich von Marie ehemalige D2205 südlich von Marie
ehemalige D2205 südlich von Marie Tinée-Tal am Ende der ehemaligen D2205

Ich habe Glück: Die neue Hauptstraße, die die ganze Zeit auf der anderen Seite des Flusses verlief, überquert ihn – ich brauche also keine Brücke –, und es fällt kein Stein vom Himmel. Ich muss nur zum Schluss mein Fahrrad über eine Leitplanke hieven, was schwierig genug ist, wenn man alle Taschen dran lässt. Dann wird die Fahrt wieder langweilig.

Var nach dem Zusammenfluss mit der Tinée

Am Zusammenfluss von Var und Tinée ist nicht erkennbar, was für Zerstörungen diese Gewässer – in den Flüssen und bevor sie diese erreicht haben – in den letzten Wochen mit kurzen, aber heftigen Hochwässern schon angerichtet haben. Man sollte meinen, dass da ab und an ein entwurzelter Baum treibt, aber entweder sind die alle an irgendwelchen Wehren hängen geblieben, oder sie haben sich mit sinkendem Pegel in den Weiten des Flussbettes abgelegt; die Schotterebenen bieten ja ausgedehnten Raum.

Die weitere Fahrt ist für mich nicht besonders reizvoll. Das weitere Tal des Var führt nur noch nach Nizza; es wird zunehmende flacher, der Verkehr nimmt zu, der Gegenwind ebenfalls – ein typisches Hochdruckverhalten übrigens, dass der Wind immer die Täler hinaufbläst, was das Hinabfahren flacher Täler anstrengender als das Hinauffahren machen kann – ich bin froh, als der Abzweig ins Tal der Vésubie kommt. Aber erst mal stärke ich mich. Man mag mit Fug fragen, welche Mühen ich denn schon zu bewältigen hatte, dass jetzt erneut die Fettlebe einsetzt. Aber wenn mir der Hintern weh tut, esse ich auch erst mal was, ohne mir klar zu machen, dass ich gar nicht hungrig bin. Solange ich esse, wird jedenfalls das Sitzgerät geschont. Und sollte ich noch regenerieren müssen wegen der gestrigen Fahrt, dann wird eben deshalb gegessen. Außerdem müssen die Muscheln weg; die sind sauer eingelegt, und der Essig zersetzt alles, sobald er warm wird. Dann kann man Muschelsuppe in Essig trinken – nicht gerade optimal.

Erneut taucht ein Radfahrer auf. Diesmal ist es ein Engländer, und ich spreche ihn an. Er hat nicht das beste Kartenmaterial, aber über die Situation an den Pässen ist er ganz gut im Bilde und macht sich deshalb keinen großen Kopf. Die Italiener reißen sich kein Bein aus, um die Pässe frei zu kriegen, sagt er. Wahrscheinlich müssen sie sparen. Da weiß ich dann ja gleich Bescheid, was alles nicht gehen wird. Meine Kampfmoral sinkt.

Gorges de la Vésubie

Das Tal der Vésubie ist eigentlich atemberaubend. Man darf nur nicht seit einer Woche ständig durch solche engen Schluchten gefahren sein; das brüht nämlich ab. Da hebst du den Blick, ganz weit nach oben, siehst irgendwo blauen Himmel – ja, er ist wahrhaftig blau! – und denkst dir nur: Aha, gorges eben. Außergewöhnlich ist lediglich, dass ich einen kleinen Kanal entdecke, der über ein Aquädukt die Vésubie überquert, den Canal de la Vésubie; da hätte ich einen Wanderweg oder sonst was erwartet. Wozu brauchen die hier so einen Kanal? Zufluss für ein kleineres Wasserkraftwerk? Seit ich im oberen Var-Tal Spuren einer enorm ambitionierten Bahnstrecke entdeckt habe, frage ich mich jetzt bei jedem Tal, ob hier wohl auch die Eisenbahn … oder gar zuerst nur die Eisenbahn… Aber hier wohl nicht. Doch wer weiß? Ich muss mal im Internet recherchieren, ob ich da was über anciens chemins de fer finde. Wahrscheinlich wohl nur auf Französisch. Und dann verstehe ich es wieder nicht.

Nachbemerkung: Es hat auch hier sehr wohl eine Eisenbahnstrecke gegeben, die aber bereits 1929 nach weniger als 20 Jahren Betrieb wieder eingestellt wurde. Da ist es kein Wunder, dass kaum noch Spuren existieren.

Canal de la Vésubie Blick von Duranus auf die M2565
Blick von Duranus auf die M2565 Duranus
Gorges de la Vésubie Gorges de la Vésubie
le Cros d'Utelle le Cros d'Utelle

Dann kommt überraschend die Abbiegung nach Levens und damit der Aufstieg. Er ist moderat, aber ich merke schon, dass dies heute nicht mein Klettertag ist. Ich kann es gar nicht beschreiben; es ist keine Schwäche in den Beinen, schon gar kein Muskelkater – den hatte ich vom Radfahren fast noch nie – es ist irgendwie einfach keine Lust. Beim allerschönsten Wetter und obwohl ich heute wahrhaftig noch keine Heldentaten vollbracht habe, halte ich an, setze mich auf einen großen Stein und beginne zu lesen. Abgesehen von diesem Qualitätszeugnis für das Buch – gibt es ein deutlichere Indiz für die Krise? Ich bin wirklich gespannt, ob ich morgen mehr Grund zur Zuversicht sehe. Aber dafür müsste ich auch komfortabler sitzen; da ist so ein Gefühl… Ich kenne das von 2005, und ich bin alarmiert.

Als ich nach einer Stunde wieder aufbreche und den nächsten Ort erreiche, wird klar: Dies ist der Speckgürtel von Nizza. Nicht, dass hier unbegrenzter Reichtum oder Luxus waltete, aber die Besiedlung hört nicht mehr auf: Das Ende des einen Ortes ist der Anfang des nächsten, jedenfalls scheint das so. Wenn man von oben auf die Dinge sieht, erblickt man schon auch noch ausgedehnte Waldgebiete, aber entlang der Straßen…

Nach einer dieser Pausen streikt mein Tacho. Das heißt, der Tacho selbst funktioniert schon noch – das kann ich mit meinem Taschenmesser feststellen, indem ich mit Klinge und Griff die beiden Kontakte des Tachos mal verbinde, mal trenne, und dann zählt er durchaus was –, aber entweder mag der Sensor nicht mehr, oder im Kabel ist ein Wackelkontakt. Was auch immer – ich kriege die Sache nicht mehr zum Laufen. An sich ist das wild. Ohne meine Bilanzierung machen die Fahren nicht so viel Spaß – das ist heute noch nicht viel anders als 1977 –, aber da ich zusätzlich das Navi habe, rechne ich mir die Kilometer und Höhenmeter eben später mit seiner Hilfe aus. Das heißt, sofern er die Tracks alle schön speichert. Das hatten wir ja auch schon mal anders. Und vorausgesetzt, ich habe die Tracks nachträglich einigermaßen korrigiert. Denn auf dem Grunde der tiefen Täler sieht das Gerät oft genug nur drei oder noch weniger Satelliten, und damit ist dann keine Position mehr zu berechnen. Dort sind die Tracks unterbrochen oder haben abenteuerliche Verläufe, aus denen man keine Wegstrecke ableiten sollte.

Contes l'Escarène

Über zwei Höhenzüge erreiche ich erst Contes und dann l’Escarène. Das sind natürlich keine Rekordanstiege mehr, aber es läppert sich auch etwas zusammen. An sich hätte ich gern noch Sospel erreicht, aber in l’Escarène ist es bereits halb neun, und bis zur nächsten Passhöhe sind über 600 Höhenmeter zu fahren. Das wäre einfach albern; da würde ich mindestens die letzte halbe Stunde bis zum Pass im Dunkeln fahren, und nächtens über Serpentinen in die Tiefe – das ist nicht nur reizlos, sondern auch gefährlicher als tagsüber. Und auf der Karte kann ich keine Besiedlung erkennen, die zur Hoffnung berechtigte, irgendwo unterwegs einen Schlafplatz zu finden. Also suche ich da, wo ich gerade bin. Eigentlich ist die Sonne noch nicht untergegangen, d.h., wenn irgendwo ein Hotel oder ein anderes Quartier sein sollte, dann müsste da auch noch jemand anzutreffen sein, aber jetzt, nach Überquerung des Tals, bin ich offenbar nicht gerade im gastlichen Teil des Ortes angelangt, und da bleibt mir wohl bloß noch, wieder einmal auf dem Bahnhof Asyl zu beantragen. Rein von der Fälligkeit her sollte ein Hotel jetzt ja auch entbehrlich sein; immerhin hatte ich heute wirklich mal Gelegenheit zur Körperpflege.

Das Bahnhofsgebäude ist, ähnlich wie in Entrevaux, bewohnt. Man hört vom Obergeschoss her Gespräche. Ich suche nach einer Abfahrts- und Ankunftstafel, um herauszufinden, ob ich für den Rest des Abends meine Ruhe habe und ab wann morgen der Reiseverkehr wieder los geht. Das sieht passabel aus: Kurz nach sechs fährt der erste Zug nach Nizza, 8:08 Uhr der erste nach Sospel und Breil in die Gegenrichtung. Ich beziehe Quartier in einem rundum verglasten Wartehäuschen, spiele noch ein wenig mit dem Fahrkartenautomaten herum, aber damit kann ich auch in Gedanken keine weiten Reisen unternehmen, ziehe dann meinen Tablet-Computer und die Tastatur hervor und schreibe zusammen, was heute so los war. Gegen 22 Uhr wird die Beleuchtung abgeschaltet. Die Mücken lassen mich glücklicherweise weitgehend in Ruhe, und als es 23 Uhr ist, wird’s Zeit, langsam die Segel zu streichen, denn ein bisschen Schlaf soll ja auch noch sein.

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