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3. Juni 3. Juni5. Juni 5. Juni

4. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen beginnt zeitig, d.h., die Nacht war etwas kürzer, als man sich das für große Leistungen wünschen würde, aber zumindest gestern habe ich ja keine derartigen vollbracht. Er beginnt deshalb zeitig, weil kurz vor sechs das Erdgeschoss des Bahnhofsgebäudes besiedelt wird, dem ich ja vis-à-vis auf vielleicht zehn bis zwölf Meter Entfernung gegenüber liege. Das begreife ich zunächst nicht, denn die Linie ist ja zurzeit nicht im Betrieb. Sollte der Verkehr etwa ausgerechnet heute wieder aufgenommen werden? Das würde ja heißen, dass gestern, also am ersten Tag nach dem Wochenende, alle Hürden aus dem Weg geräumt worden wären. Undenkbar wäre das nicht, aber nicht sehr geschickt: einen Tag Arbeit gegen drei Tage Betriebsausfall. Da hätte man am Freitag oder in der gesamten Woche zuvor besser etwas mehr rangeklotzt. Aber von solchen Sprüchen halten die hier vielleicht nicht so viel. Jedenfalls schließt ein junger Mann die Tür auf, betritt das Bureau, öffnet die Fensterläden, außerdem den Wartesaal und lässt sich zwecks administrativer Tätigkeiten hinter einem Schreibtisch nieder. Bald kommt auch eine Frau, die den Wartesaal belegt. Ich beschließe, dass ich ohne zu säumen einpacken sollte.

Als ich diesen Vorgang erschöpft abgeschlossen habe – ja, das Stopfen eines Daunenschlafsacks in die dafür vorgesehene Transporthülle ist ein Vorgang, der alle Konzentration erfordert –, setze ich mich erst mal wieder hin und denke darüber nach, warum diese beiden Menschen da sind und der eine ins Beamtenmikado verfallen ist, aber kein Zug kommt. Für den Mann fällt mir ein, er könnte hier sein, weil das eben seine Stelle ist, auf der er normalerweise viel zu tun hat, von der aber nicht einfach nur deshalb beurlaubt wird, weil kein Zugbetrieb ist. Es gibt ja immer irgendwas Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Was allerdings die Frau angeht, so bleibt mir ihr Hiersein schleierhaft, denn so lange vor Abfahrt eines Zuges kommt normalerweise niemand, und wenn gar kein Zug fährt, kommt erst recht kein geistig gesunder Mensch zum Bahnhof – außer natürlich Leute wie ich, die dort übernachten wollen, weil das einzige Hotel am Ort geschlossen ist. Übernachtet hat sie hier nicht, also ist sie vielleicht tatsächlich … – etwas sonderbar?

Der Himmel hängt noch wie am Vorabend voller dunkler Wolken. Eigentlich ist es nur eine dunkle Wolke, die quasi von Horizont zu Horizont reicht und zusätzlich ein paar Senker ausgebildet hat, die fast die Talsohle abtasten. Das sieht nicht nach schönem Wetter aus, höchstens nach kühlem Kopf und angenehmer Temperierung, jedenfalls solange das Wasser oben bleibt. Andererseits: Was sich über Nacht nicht abgeregnet hat, erwärmt sich tagsüber, und wärmere Luft hat ja eine größere Kapazität für Feuchtigkeit, muss also vorerst keine Last abwerfen.

Ich lasse die beiden da sitzen, wo sie sind, und denke mir, dass ich jetzt ohnehin einige Kilometer entlang des Flusses Var fahren werde, also auch entlang der Bahnstrecke, und sollte dort etwas verkehren, so werde ich es schon merken.

Die Fahrt ist sehr flott. Der Fluss hat genau das richtige Gefälle, damit man auf dem Fahrrad noch etwas zu tun hat und nicht auskühlt, aber zugleich ein angenehmes Rückenwindgefühl bekommt. Die Tachoanzeige schwankt um die 30 km/h, die Höhenwerte unterschreiten nach einigen Minuten die 400-Meter-Marke. Als sie die 380 unterschritten haben, kurz vor einer Ansiedlung, die angeblich Notre Dame heißt, erreiche ich den Pont du Cians, also die Brücke über denjenigen Fluss, der die sagenhaften Schluchten formte, die ich, von Beuil kommend, 1999 mit sprachloser Begeisterung und vor fünf Tagen im strömenden Regen erneut durchfahren habe. Nun geht es die Schlucht wieder hinauf, zumindest ein kleines Stück weit.

Das heißt, es soll. Einer hat was dagegen, und der kurvt just in dem Moment, in dem ich links abbiegen will, mit einem Radlader auf die Straße und blockiert den von mir aus gesehen rechten Fahrstreifen. Natürlich könnte ich links an dem Fahrzeug vorbeifahren, aber das scheint mir nicht an seinem Sinne, und weil ich nicht so recht weiß, worauf das hinausläuft, halte ich erst mal in etwas Abstand an und studiere den weiteren Verlauf meiner Route. Da kommt den Var aufwärts ein PKW, will rechts abbiegen und hält vor dem Straßenbaumitarbeiter – zumindest weist seine Jacke ihn als solchen aus –, um sich darüber zu informieren, was er will bzw. warum er es nicht will. Aber der erklärt nicht viel, sondern ergänzt verbal, was sein schweres Gerät schon signalisiert: Hier geht’s nicht weiter, gesperrt. Das Handy hat er am Ohr. Ich nehme an, dass der gestrige Regen das eine oder andere angerichtet hat. Aber das Ganze ist doch eher eine komische Aktion, unprofessionell, würde ich sagen, denn keine fünf Minuten, nachdem der Mann aufgekreuzt ist, fährt er sein Ding schon wieder von der Straße. Was immer die Straße blockiert hat – es muss schnell wieder beiseite geräumt worden sein. Oder die Blockade wurde erst sehr spät an den Abzweig gemeldet. Da wäre es ja sinnvoll gewesen, dem Mitarbeiter eine Schätzung mit auf den Weg zu geben, wie lange die Räumung noch ungefähr dauern könnte. Denn alternative Wege nach Beuil sind erheblich länger, und auf denen sind die zwei oder drei Autos jetzt unterwegs, die abgewiesen wurden.

Gorges inférieures du Cians

Jedenfalls fahre ich nun wieder die Gorges inférieures du Cians hinauf, um nach fünf, sechs Kilometern, bevor die Gorges supérieures beginnen, rechts abzubiegen, Richtung Pierlas und Ilonse und letztlich St. Sauveur. Es dauert auch gar nicht lange bis zu den ersten Zeugen dessen, was sich gestern ereignet hat. Auf der Straße liegt einiges an Schutt, der von den teils sehr steilen Felshängen heruntergespült wurde. Man kommt zwar gut durch, aber es ist nicht auszuschließen, dass hier bereits Baufahrzeuge das Gröbste beseitigt haben. An einem Abzweig stehen ein Sperrschild und zwei Autos; vielleicht kamen die beiden mit dem Auto nicht mehr durch und sind zu Fuß weiter gegangen. Die Straße, soweit ich sie von meinem Weg aus erkennen kann, hat tatsächlich erheblich gelitten, zumindest ist sie für Fahrzeuge unpassierbar. Nun will ich nicht sagen »Was bauen die sich auch da oben in aller Einsamkeit ein Haus?«, denn man muss bekanntlich nicht einsam und in den Bergen siedeln, um nach schweren Regenfällen Zugangsprobleme zu seinen vier Wänden zu bekommen; das passiert auch Menschen entlang großer Flüsse bei Hochwasser (die man natürlich ebenso fragen kann, warum sie ihre Häuser nicht mindestens zehn Meter oberhalb des Normalpegels gebaut oder Wohnungen unterhalb dieser Sicherheitslinie gemietet haben). Aber wundern tut’s mich doch ein wenig, was Leute in solche Entlegenheit treibt.

Die Felsformationen sind in diesem Tal recht interessant. Ein schieferartiges Gestein wurde nahezu ungefaltet um ca. 45 Grad gedreht, und da Schiefer ein ziemlich bröseliges Material ist, führt die Verletzung einer Schicht dazu, dass diese recht schnell komplett wegerodiert. Das hatte eine auffallend große und ziemlich glatte Fläche zur Folge, in die schräg hinein die Straße gehauen wurde. Sollte oben mal viel Wasser auf diese Fläche fließen, kommt unten auf der Straße auch viel Wasser an, und zwar praktisch ohne deutliche Verzögerung, weil die Fläche selbst nichts aufnimmt, stelle ich mir vor. Aber das braucht schon einen starken Regen.

Vallon de Pierlas Schieferhang am Vallon de Pierlas
Schieferhang am Vallon de Pierlas
Schieferhang am Vallon de Pierlas

Das nächste Dorf, Pierlas, ist zwar ein Dorf, aber immer noch Ausdruck gehobener Abgeschiedenheit. Es liegt, wenn man positiv denken will, immerhin an einer Durchgangsstrecke, aber Transitverkehr gibt’s hier wohl eher selten. Strategisch geschickt wurden die meisten Häuser auf so etwas wie einer Felsnase oberhalb des Zusammenflusses zweier Bäche errichtet, also zwar nahe am Wasser, aber ungefährdet selbst bei schwersten Starkregenereignissen. Das ändert nichts daran, dass es ein Kaff ist, ein pittoreskes Kaff bei geeigneter Beleuchtung zwar, aber dennoch ein Kaff. Ich biege von der Durchgangsstrecke ins Dorf hinein ab, um zu sehen, ob es was zu sehen gibt; ich lande auf einem Dorfplatz, vielleicht 15x40 qm groß, mit einem Rathaus und zwei Handwerkern, die ein paar Ofenrohre reinigen, einer älteren Frau, die mit ihrer Wäsche vorbei kommt: großer Auflauf! Mir kommt angesichts der altertümlichen Waschstelle der Gedanke, meine Wäsche zu waschen; tagsüber hat sie ja immerhin eine Chance, auch wieder zu trocknen, denn tatsächlich haben sich bereits erste Sonnenstrahlen durch die frühmorgens noch undurchdringlich erschienene Wolkendecke gebohrt.

Pierlas Pierlas
Pierlas Pierlas

Gedacht, getan. Ich suche nach meinem Reisewaschmittel und muss erst mal – nun schon zum zweiten Mal – feststellen, dass Packtaschen, die schön wasserdicht sind, Wasser in beiden Richtungen zurückhalten, und irgendwie muss wohl gestern, beim langen Warten im Regen, eine der Taschen nicht ganz geschlossen gewesen sein, jedenfalls steht in ihr das klare Wasser. Ach, da freut man sich doch. Zum Glück ist es nicht die mit dem Werkzeug, und die wasserempfindlichen Lebensmittel liegen etwas höher. So baden nur mein Reserveschlauch und die Waschmitteltuben. Ich leere beide Taschen komplett, um sicher zu gehen; mit der Zeit wird es ohnehin zuweilen ganz interessant, was man da so findet: vergessene Einkäufe und Mitbringsel (ach, das Nähzeug, sieh an, das hättest du kürzlich auch mal gut gebrauchen können …), zum Glück diesmal nichts, was unmittelbar vom Verderb bedroht oder schon hinüber wäre. Ich breite die Wäsche auf den zum Wasser hin abschüssigen Steinflächen aus und bearbeite sie mit Bürste und Seife. Rein optisch wird diese Aktion wohl nicht viel bringen, nehme ich an, aber wenn sich die Absonderungen von Talg- und Schweißdrüsen bzw. deren nichtflüchtige Bestandteile mit der Seife ins Waschwasser verflüchtigen würden, dann wäre schon viel gewonnen. Wenn die Hosen oder Hemden hinterher rein äußerlich noch ungewaschen aussehen, ist das nachrangig. Ich mache das also wohl eher nicht mit der Hingabe meiner historischen Vorgänger an diesem Ort – denn ich nehme an, dass jetzt wohl doch jeder Haushalt eine Waschmaschine hat und nicht mehr hierher kommen muss, ja, es gibt sogar Ortschaften, in denen an solchen Waschstellen das Wäschewaschen ausdrücklich verboten ist –, aber das Ergebnis zählt, und so kann ich vielleicht eine halbe Stunde später wieder aufbrechen, weiter hinauf in die Berge und von ihren Höhen wieder herab Richtung Ilonse.

Während es weiter hinauf geht, mache ich mir Gedanken über meinen weiteren Streckenverlauf. Von St. Sauveur aus geht es, wenn man mal Isola noch in die Betrachtungen mit einbezieht, in fünf Richtungen weg: nach Valberg, was ich vor fünf Tagen erst hatte, nach St. Martin, woher ich vor sechs Tagen erst kam, zum Col de la Bonette und zum Col de la Lombarde, die beide gesperrt sind, und nach Süden zum Var und nach Nizza. Die Südvariante finde ich nicht so prickelnd. Weder will ich nach Nizza noch erneut den Var entlang fahren, denn da sind auch nur Strecken, die ich vor kurzem erst hatte. Bliebe höchstens noch der last exit nach Gilette. Aber die Strecke beeindruckte mich vor 14 Jahren nicht sonderlich. Allerdings käme ich über sie wieder nach Westen, könnte die Gorges du Verdon umfahren und dann über weniger hohe Pässe nach Norden vordringen. Oder ich teste mal den Wahrheitsgehalt der Aussagen über die gesperrten Pässe…

Blick vom Col de la Sinne Richtung Süden Blick vom Col de la Sinne Richtung Süden, Detail

Am fortgeschrittenen Vormittag erreiche ich den Pass, den Col de la Sinne, auf gut 1400 Meter Höhe. Das wären also schon mal die ersten gut 1000 Höhenmeter für heute, und das will am Vormittag schon was heißen. Aber wenn man auch so zeitig schon losfährt… Ab jetzt geht es abwärts, aber ich muss aufpassen: Obwohl die Straße asphaltiert ist, erweist sie sich als ausgesprochene Rüttelpiste. Da ich das erste nasse Shirt vom Wäschestapel auf meine Lenkertasche drapiert habe, kann sie unter diesen Umständen leicht verloren gehen, und das wäre bei den kostspieligen Icebreaker-Hemden ausgesprochen schade. Mal quietschend und mal kratzend-schabend – ich möchte bloß wissen, woraus diese Bremsklötze bestehen – bewege ich mich abwärts, den Blick mal auf die Lenkertasche, mal auf die Straße und mal auf die Täler rechts davon und Richtung Nizza gerichtet.

Ilonse

An Ilonse fahre ich mehr oder weniger vorbei. Dabei liegt das Dorf so malerisch auf einem Kamm und macht einen so gut erhaltenen Eindruck, dass es mir fast ein wenig Gewissensbisse bereitet, nicht mal kurz hineingefahren zu sein, aber inzwischen ist in mir ein Plan gereift, dessen Umsetzung heute noch viel Zeit in Anspruch nehmen wird, und deshalb zögere ich nur kurz und fahre dann weiter, erneut auf St. Sauveur zu. Die Tinée erreiche ich gegen dreiviertel zwölf, und weil ich es für sehr wünschenswert halte, mir noch ein paar Lebensmittel einzukaufen, hoffe ich, dass der einzige Laden, den ich kenne, noch bis nach zwölf offen hat, denn es bleiben gut fünf Kilometer zu fahren, es geht flussaufwärts, und die verbleibende Zeit bis zwölfe dürfte kaum reichen.

Blick von Ilonse auf Tinée und M2205 Richtung Nordosten Blick von Ilonse auf Tinée und M2205 Richtung Südosten

Und so kommt es: Drei Minuten nach zwölf treffe ich in St. Sauveur ein. Die Boulangerie hat bereits geschlossen, aber die Epicerie, die ich bereits beim letzten Mal besuchte, ist noch offen. Nach einem Brot, ein paar Bananen, einem Experiment mit einer Maronencreme (die ich noch nie gegessen habe) und Traubensaft als Ersatz für den nicht verfügbaren Apfelsaft breche ich viertel nach eins auf nach Norden.

Die roten Schilder sind nicht zu übersehen: Fermé! Ach was, die Fahrt nach St. Étienne ist doch auch ganz nett, und vielleicht erforsche ich ja, wenn der Pass wirklich nicht überwindbar oder noch nicht einmal erreichbar ist, ein paar Sackgassen links der Piste, etwa die Auffahrt zu dem namenlosen Pass in gut 2400 Metern Höhe, an dessen anderer Seite ich vorgestern Abend wegen Schnee gescheitert bin und der mit Sicherheit immer noch dicht ist, oder wenigstens Saint-Dalmas-le-Selvage, ein Nest in 1500 Metern Höhe… Wer zum Teufel wohnt in einer solchen Gegend, die mehr als die Hälfte des Jahres eingeschneit ist, oftmals nicht erreichbar, z.B. für Rettungsdienste?

Aber bislang läuft alles gut. Isola wirbt für seinen Wintersportableger in 2000 Metern Höhe, den ich aber schon vor acht Jahren nicht schön fand, und versäumt seinerseits nicht den Hinweis auf geschlossene Pässe. Die Route nach St. Étienne bin ich nun schon ziemlich lange nicht mehr gefahren, aber sie ist auch nicht so spektakulär. Ich erinnere mich, dass es kurz vor Erreichen des Ortes schon mal etwas in die Berge ging und dann wieder hinab und wie mich das angesäuert hat, denn wer so hohe Ziele erklimmen will, der mag nicht noch durch zusätzliche Schikanen behindert werden. Diese Hürde existiert natürlich noch immer, aber ob neu oder damals nur von mir übersehen: Es gibt, extra für Radfahrer, eine Alternative, die flach zu verlaufen erscheint. Nur ist sie blockiert: Route barrée. Ich werde das auf dem Rückweg erkunden, sofern ich zur Rückkehr vom Pass gezwungen sein sollte; vorerst nehme ich die paar Extrahöhenmeter in Kauf. Der Ort kommt mir einigermaßen bekannt vor, auch dass es auf seiner Ausfahrt über die Tinée geht und die Straße dort dann scharf links abbiegt. Von da an hat der Spaß ein Ende, und die niedrigeren Gänge gelangen zum Einsatz. Damals, so meine ich mich zu erinnern, überholte mich dort ein Kleintransporter mit lauter Fahrrädern hinten drauf und den zugehörigen »Gipfelstürmern« in der Kabine. Ja, so kann man die Pässe natürlich auch erklimmen. Diesmal ist nichts und niemand dergleichen zu sehen. Heute ist der 4. Juni, damals war es der 25. Juni, dieses Frühjahr ist ein sehr kühles und niederschlagsreiches, 1999 dagegen schien die Welt noch so einigermaßen in Ordnung: Jahrhundertfluten, Jahrhunderthitzen, Lothar waren noch Zukunftsmusik – okay, Wiebke und Vivian hatte es schon gegeben. Und im Zweifelsfall galt die Eindimensionalität »das Klima wird wärmer, also schmilzt der Schnee früher«. Inzwischen lernen wir in fast jedem Jahr eine neue Lektion, haben aber immer größere Schwierigkeiten, sie in ein einfaches und verständliches Schema zu pressen, weil das Klima offenbar doch eine komplexere Angelegenheit ist.

Schneereste bei Saint Étienne

Ein roter Kleinwagen kommt mir entgegen; sein Fahrer hält und fragt mich, ob ich Französisch spreche. Un peu, es wird schon irgendwie gehen. Er spricht mir Mut zu, bewundert meinen Elan und freut sich über Gäste aus fremden Ländern. – Großer Blödsinn! Er sagt vielmehr: »Cinq mètre de neige. À bientôt!« So macht man Leuten Mut! Immerhin liegt er damit drei Meter über den Angaben der Italiener am Tunnel de Tende. Und die hatten Recht. Und die hatten noch gesagt: »But you can try.« Dieser fügt nichts hinzu. Sollte mir das nicht zu denken geben? Ach wo, außerdem mache ich diesen Ausflug doch vor allem um der alten Zeiten willen. Ich wappne mich innerlich gegen die irgendwann unausweichlich auf mich eindringende Erkenntnis: Hier kommst du nicht mehr weiter. Denn dass überall da, wo ein Wille sei, auch ein Weg wäre, das glauben nur Spinner. Vor allem gilt dies nicht, wenn man keine Winterausrüstung dabei hat, dafür aber ein schweres Fahrrad. Es soll ja schon mal jemand versucht haben, den Mount Everest mit dem Fahrrad zu erklimmen; sie haben ihn dann aber nicht hochklettern lassen.

Aber noch sehe ich keinen Anlass zum Pessimismus – außer natürlich der Erinnerung an mindestens drei Hinweisschilder, die den Pass unmissverständlich als gesperrt darstellten. Was die Leute heutzutage alles so schreiben. Der Himmel ist ambivalent; es gibt ziemlich dunkle Wolken, aber nicht hier, und immer kommt irgendwo, meist irgendwo anders, die Sonne durch. Solange es nicht regnet, stört mich das nicht. Wenn es aber regnen sollte, hätte ich hier tatsächlich nicht sehr gute Karten. Nass und dann lange und nicht gerade flach einen hohen und recht kühlen Berg hinunter – das gehört nicht zu dem Erstrebenswertesten auf einem Fahrrad. Aber bislang passiere ich den Abzweig nach St. Dalmas, nehme erstaunt zwei Reisebusse voller Kinder zur Kenntnis, die mir entgegen kommen – woher kommen die??? –, einen weiteren PKW, dessen Fahrer seine Zeigefinger überkreuzt, um mir knapp zu signalisieren, dass es da nicht weiter gehe, irgendwann zumindest nicht mehr, und ich sehe die letzten Siedlungen, noch höher als St. Dalmas gelegen und gar nicht mehr mit Gewissheit belebt. Die untere, Pra, besteht fast nur aus Ruinen; an einem Haus hängt noch eine Satellitenschüssel, aber vielleicht ist sie ja beim Auszug des letzten Mohikaners nicht demontiert worden; Rauch steigt jedenfalls aus keinem Schornstein auf. Die nächsthöhere Siedlung, Bouseyas, auf knapp 1900 Metern Höhe gelegen, besteht zum Teil aus gut intakten Gebäuden, einem gîte d'étape, der ein außen liegendes, jedoch überdachtes und von drei Seiten abgeschlossenes Treppenhaus aufweist. Da könnte man zur Not sogar trocken übernachten, selbst wenn alle Gebäude abgeschlossen wären und keine Menschenseele anzutreffen sein sollte. Aber das wäre nur ein extremes Rückzugsszenario, denn im Moment komme ich so gut voran, dass ich überzeugt bin, den Pass oder ein davor liegendes unüberwindliches Hindernis so zeitig zu erreichen, dass ich locker bis Sonnenuntergang wieder in St. Étienne wäre. Schwieriger wäre es dagegen, auf der anderen Seite den Pass noch ein paar Hundert Höhenmeter hinabzufahren und dort dann auf eine zu hohe Schneewehe zu treffen, jedoch auf keine Übernachtungsmöglichkeit. Dann müsste ich wieder den Pass hinauf, was natürlich Zeit und Kräfte kosten würde.

Bouseyas vor geräumter Passstraße Blick auf die Passstraße oberhalb von Bouseyas
Cime de la Bonette (exakt in der Bildmitte) Col de la Bonette (exakt in der Bildmitte)

Ich »warte« auf eine verlassene Siedlung ganz weit oben, das Camp des Fourches in 2271 Metern Höhe, d.h., ich suche den Hang oben danach ab. Aber noch ist nichts zu sehen. Irgendwie habe ich in Erinnerung, dass die inzwischen größtenteils verfallenen Häuser mit Goldgräbern oder dergleichen zu tun hätten, aber das stimmt nicht; der Hintergrund ist eher militärischer Art.

Camp des Fourches Camp des Fourches

Zwei Motorrollerfahrer überholen mich, halten an und fragen mich etwas; sie sehen nicht aus wie Berg-Ranger oder Mitarbeiter des Nationalparks. Anscheinend wollen sie wissen, wie weit man noch kommt. Woher soll ich das denn wissen? Da stand etwas von einer Sperre nach zehn Kilometern. Also sage ich, dass es noch für acht oder neun Kilometer geht. Sie fahren weiter. Dann überholt mich noch ein PKW. Den sehe ich dann kurz vor dem Camp des Fourches am Straßenrand stehen und seine Insassen, zwei Männer mit Hund, über den Schnee spazieren. Ich durchquere die ehemalige Siedlung, und etwas später kommen mir die beiden Motorrollerfahrer wieder entgegen. Ich hatte mich schon gefreut, dass sie durchgekommen wären. Das macht mich nun wieder etwas skeptischer. Die ganze Zeit über jedoch sehe ich Spuren einer Straßenräumung bis ganz nach oben. Wo die Straße verlaufen müsste, verläuft eine schmutzige Linie im Schnee. Es sieht so aus, als wäre dort Schnee von der Straße geräumt, also hangabwärts gekippt worden, und mit dem Schnee eben noch etwas Geröll oder sonstiger Dreck. Aber wenn die Straße bis zum Pass geräumt ist, warum geben sie sie dann nicht frei?

Ich erreiche eine hölzerne Schranke, die zudem verschlossen ist. Hier kommen nur noch Fußgänger und leichtere einspurige Fahrzeuge vorbei, also ich auch. Ich schiebe das Fahrrad zwischen Schranke und Abhang vorbei. Dann kommt der erste Radlader. Der steht da einfach so herum. Wenig später beginnt die Schneegrenze. Also, ich meine die Grenze zur geschlossenen Schneedecke. Erste größere Flecken waren schon in 1300 Metern Höhe zu sehen, und hier bin ich auf über 2400 Metern Höhe. So hoch war ich auf meiner diesjährigen Reise noch nicht. Mal sehen, wie weit es noch geht. Fünf Meter, hat der Typ gesagt. Warten wir's ab. Ein paar Meter sind es ja schon durchaus schon.

Es dauert auch tatsächlich gar nicht lange, da türmt sich der Schnee, zumindest hangaufwärts, in die von dem Mann beschriebene Höhe. Auweia, das hatte ich wirklich noch nicht! Auf der Straße liegt ein totes Murmeltier, anscheinend unverletzt. Ich fühle mich in meinen gestrigen Vermutungen bestätigt.

Ich spüre in mich hinein. Die Grenze von 3000 Höhenmetern habe ich heute schon reichlich überschritten. Dabei geht es mir immer noch sehr gut, und ich habe auch kaum Hunger, obwohl ich schon eine ganze Weile nichts mehr gegessen habe. Der Herzschlag ist sehr vernehmlich; vermutlich hat der Kreislauf auch wegen der etwas dünneren Luft mehr zu tun als sonst, aber davon abgesehen? Alles im grünen Bereich, würde ich sagen.

Ein blauer Container, Wohn-Container wäre wohl zu viel gesagt, aber jedenfalls keiner für Gütertransporte, wird sichtbar. Das hier könnte der Col de Raspaillon mit ca. 2500 Metern Höhe sein. Das Problem ist, dass es auf seiner nördlichen Seite keine Straßen gibt, sondern nur Fußwege und die noch dazu unter dickem Schnee verborgen. Ihn erreicht zu haben nützt mir also nichts. Ein leichter Graupel setzt ein. Da mache ich jetzt keine Experimente; ich hole die Regenjacke und sogar die Regenhose heraus und ziehe alles über. Hier oben werde ich wohl kaum mehr schlimme Schweißausbrüche erleiden; eher wird mir zu kalt. Und weiter geht’s.

unterhalb des Col de la Bonette Fünf Meter Schnee unterhalb des Col de la Bonette
blockierte Passstraße auf 2679 Meter Höhe Räumfahrzeuge am Pass

Und plötzlich geht’s auf einmal nicht mehr weiter. Zwei durchaus respektgebietende Radlader stehen auf der Straße, als sei ihnen der Sprit ausgegangen, und hinter ihnen beginnt der Teil der Straße, der von einer zwar festgefahrenen, aber doch noch ziemlich dicken Schneeschicht bedeckt ist. Ich stelle das Fahrrad ab und mache mich zu Fuß auf den weiteren Weg. Ich befinde mich auf 2679 Metern Höhe; es fehlen also gerade mal noch 36 Höhenmeter bis zum Pass. Also, wenn dieser Schneehaufen das einzige Hindernis sein sollte, dann wäre es ein überwindbares. Nach vielleicht 150 Metern endet die Barriere, und die Straße ist wieder ziemlich frei, wenn man mal von einem halben Zentimeter Schneematsch absieht. Ich erreiche den Pass, umrunde ihn, und auf der nördlichen Seite wird das ganze Ausmaß des Debakels sichtbar: Rien des travaux. Die haben da noch gar nichts getan. Man kann nicht einmal erahnen, wo entlang die Straße verläuft. Hat das hier angrenzende Departement kein Geld, oder hatten die Leute aus Nizza Langeweile, dass sie schon mal angefangen haben? Ich meine, das ist doch vertane Mühe, wenn die hier die Straße räumen, und niemand kann die mit vermutlich erheblichem Aufwand an Zeit und Diesel erzielten Ergebnisse nutzen, weil ein Transit gar nicht möglich ist.

Na gut, das ist nun nicht zu ändern, und irgendwas in dieser Richtung hatte ich mir ja auch schon gedacht. Ich kehre zum Fahrrad zurück, prüfe die Temperatur – 2 Grad über Null – und lege erst mal obenherum alles ab. Verschwitzte Klamotten kann ich jetzt auf dem Weg nach unten wirklich nicht brauchen. Und darum ziehe ich trockene an und zusätzlich unter die Regenjacke noch die Fliesjacke, damit mir nicht kalt wird. Und da gerade kein Wind weht und der Graupelschauer wieder abgeklungen ist, erscheint mir der Strip auch gar nicht so unangenehm. Nun gilt es zu klären, wie weit ich auf dem Rückweg komme.

Die Abfahrt wird nicht so schlimm wie gedacht: Mir ist einigermaßen warm, und die Bremsen machen trotz des feuchten Mileus einigermaßen mit. Unterhalb des letzten Hauses von Bouseyas kommen mir zwei Spaziergänger entgegen, die so langsam sind, dass ich auf den Gedanken verfalle, sie könnten in dieser Siedlung leben und nur zum Abend hin mal einen Sprung an die frische Luft gemacht haben. Herbergseltern vielleicht?

Am Abzweig nach St. Dalmas verscheuche ich den Gedanken, noch einen Abstecher dorthin zu machen. Es ist noch nicht so recht die Zeit zum Übernachten, aber wenn ich jetzt noch Zusatzstrecken fahre, komme ich womöglich erst im Dunkeln nach Isola, und eigentlich möchte ich schon noch so weit nach unten.

In St. Étienne folge ich auf dem Rückweg den Hinweisen für Radfahrer. An einer Stelle findet ein Kinderfest statt, eigentlich auch ungewöhnlich um diese späte Zeit, zumindest hier draußen und bei diesen Temperaturen. Der Radweg ist auch von dieser Seite aus als gesperrt deklariert. Ach Leute, das schaue ich mir doch lieber selbst mal an. Der Radweg, das sind zwei grün gestrichene Spuren, die die Hälfte der Straßenbreite einnehmen. Wie läuft das hier, wenn's Gegenverkehr von Autos gibt? Aber im Augenblick gibt es gar keinen Verkehr, denn die Straße ist ja gesperrt. Irgendwann blockiert noch ein kleiner Erdwall die Straße. Die meinen es anscheinend ernst, aber in der Mitte des Walls ist erkennbar, dass sie von Radfahrern nicht so richtig ernst genommen werden; da sind schon einige drüber gefahren.

Wenig später wird klar, dass die Sache tatsächlich ernst ist. Die linke Hälfte der Straße ist abgebrochen, von der Tinée unterspült. Ob von der rechten Hälfte noch mehr als die Asphaltdecke übrig ist, kann ich nicht erkennen. Scharf am rechten Rand umfahre ich die Abbruchstelle. Dann kommt der Wall auf der anderen Seite, ebenso gezeichnet von den Spuren der Ignoranten. Und das war's dann auch schon an Sperre. Kurz darauf erreiche ich die Hauptstraße und folge ihr erst mal.

Auf der Herfahrt hatte ich schon einige Abschnitte von Radwegen links der Straße gesehen, zwar zweispurig, aber dafür hätte ich jedes Mal die Straße überqueren müssen, und da so wenig Verkehr war, habe ich mir das verkniffen. Doch jetzt ist der Radweg nahe liegend und außerdem was Neues, also benutze ich ihn. Und so erreiche ich, nun inzwischen in der Dämmerung, Isola. Am Ortseingang ist ein Campingplatz. Man kann auch Hütten mieten, aber ich nehme an, dass man trotzdem zu einer zentralen Dusche pilgern muss, und denke mir, ein Hotel dürfe es heute wirklich ruhig mal sein. Also fahre ich weiter, bis ich den eigentlichen Ort erreiche. Seltsamerweise erkenne ich ihn gegenüber 2005 kaum wieder. Aber Reminiszenzen haben jetzt auch keine Priorität; ich suche Hotels. Und ich werde rasch fündig. Im Ortskern liegen gleich zwei hintereinander. Allein – sie sind geschlossen. Alles dunkel, alles. Die scheinen nicht mal Gäste zu haben. Na ja, woher auch? Isola liegt derzeit an einem toten Ende, denn beide angrenzenden Pässe sind geschlossen. Also weiter! Irgendwo steht ein Bus, der mich an die zwei Busse erinnert, die mir an der Auffahrt zum Col de la Bonette begegnet sind. Kinder waren da drin. Sollte hier so eine Art Jugendherberge sein? Doch auch das Gebäude, vor dem er jetzt parkt, ist komplett dunkel, vielleicht nur, weil die Fensterläden zu sind, aber machen hier alle Leute nachts die Fensterläden zu? Ich meine, man freut sich doch meist über alles Licht, das in eine Wohnung dringt, jedenfalls alles natürliche. Noch eine Runde drehe ich am Ende des Ortes, aber dort gibt es keine Herbergen, nicht mal geschlossene. Also wieder St. Sauveur. Das Dorf wird mir zum Schicksal, sehe ich kommen.

Da es weiter abwärts geht, sind auch diese 14 km rasch zurückgelegt. Die Dämmerung ist praktisch vorbei; es ist ca. 22 Uhr, und dass das Hotel-Restaurant am Ortsausgang dunkel und abweisend aussieht, wundert mich gar nicht mehr. Da bleibt mir wohl nur noch meine bewährte Übernachtungsstelle vom vorigen Mal. Berichte schreibe ich heute keine mehr; dafür ist es mir jetzt zu spät und angesichts meiner heutigen Kletterei die Nachtruhe zu geboten.

3. Juni 3. Juni5. Juni 5. Juni