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3. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Tag beginnt ziemlich zeitig, denn wann die Proletarier auf der Baustelle anrücken werden, weiß man nie, auch nicht am Montagmorgen. Meine Akkus sind alle wieder aufgeladen, die Wäsche …, na ja, trocken geworden ist sie ohne Beheizung und über Nacht natürlich nicht, aber so viel Wasser habe ich ja gestern auch gar nicht abbekommen.

Le-Bachelard-Tal Richtung Westen Le-Bachelard-Tal Richtung Südosten
Lärche Ravin de la Moutière

Die Auffahrt zum Pass sollte nun, gemessen an den üblichen Herausforderungen, ein Kinderspiel sein, denn es fehlen ja nur noch ungefähr 500 Höhenmeter bis oben. Aber so richtig flutschen will es nicht. Auch mein Sitzgefühl gefällt mir nicht so richtig. Ich bin nicht sicher, wie das weiter gehen wird; nur ungern erinnere ich mich der Entwicklungen während der 2005er Tour und vor allem der Wochen und Monate danach. Davon brauche ich keine Neuauflage, weshalb ich – gerade in den Bergen – sensibler in mich hineinhöre als damals und eher bereit bin, vom Pässesammeln abzurücken oder gar ein Rückfahrticket zu lösen. Vielleicht liegt es aber auch am frühen Morgen. Das Wetter ist allerdings ein Traum, verglichen mit der gestrigen Abschlussvorstellung. Die Sonne scheint mit einer Klarheit auf die geschlossene Schneedecke, dass die Sonnenbrille dringend geboten ist.

Fließstrukturen auf dem Schnee auf der Fahrt zum Col de la Cayolle
auf der Fahrt zum Col de la Cayolle auf der Fahrt zum Col de la Cayolle

Auf dem Schnee lassen sich erste Murmeltiere blicken. Ihre Zeit ist ran, ihr Futter jedoch noch nicht, denn was sollen sie fressen, wenn alles dick mit Schnee bedeckt ist? Selbst wenn sie sich nach unten durchwühlen würden – da ist kein frisches Grün, sondern nur halbverfaultes Braun. Und sie haben lange Monate des Hungers hinter sich. Ich schätze, das werden einige von ihnen nicht überstehen.

Murmeltiere vor Refuge Murmeltier

Refuge du Col de la Cayolle

Kurz vorm Pass ist ein Refuge, eine Schutzhütte. Zunächst sehe ich nur ihr Dach und die Oberkante des einzigen Geschosses. Hm, eigentlich wären solche Schneebedingungen eine der klassischen Bedingungen, unter denen man eine Schutzhütte benötigen könnte. Wenn sie dann nicht zugänglich ist – was nützt sie am Ende? Doch eine Kurve weiter sehe ich, dass eine Zufahrt freigegraben wurde. Ob die Hütte allerdings unverschlossen ist, weiß ich nicht. Und da ich im Augenblick keinen Schutz suche, will ich es auch nicht herausfinden.

ich am Col de la Cayolle

Den Pass hatte ich irgendwie dunkler in Erinnerung (kein Wunder, es war ja auch schon später Abend, als ich 1999 hier ankam), zugewachsener. Auch den Passstein hatte ich größer in Erinnerung. Doch da ist gar nichts: ein kleiner Stein mit der Höhenangabe des Passes, aber kein einziger Baum. Da dies bislang der höchste Pass in diesem Urlaub ist, mache ich ein Foto.

Gut, dass sie wenigstens diesen Pass geräumt haben; ganz oben sind die Schneewände rechts und links der Straße zum Teil zwei Meter hoch. Ohne den Einsatz einer anständigen Schneefräse ginge da noch nichts, für Kraftfahrzeuge überhaupt nicht, und für Fahrräder hört der Spaß spätestens dann auf, wenn sich eine Verschüttstrecke über mehr als 20 Meter erstreckt, falsch: wenn sich alle Verschüttstrecken zusammen über wesentlich mehr als 20 Meter erstrecken. Und auch dann muss der Schnee schon so verharscht sein, dass man nicht bis zu den Knien versinkt, wenn man sein Zeug darüber schleppen will, jedenfalls ist das meine Erfahrung vom Col de Tende. Dank der Räumung kann ich meine etwas unterbelichtete, genauer: trostlose Erinnerung an den Pass und an die Abfahrt auf der Südseite zum Positiven revidieren.

Vielleicht rührt sie daher, dass ich damals in die Dunkelheit hinein fuhr, und bis Guillaume, wo ich damals übernachtete, ist es noch ein ganz schönes Stück, auch wenn es praktisch nur bergab geht. Es gibt nur einen kleinen Abschnitt – der mich damals wohl irgendwie prägte –, an dem an den Hängen fast nichts wächst; da besteht das Gestein aus quasi zerkrümeltem schwarzem Schiefergestein und sieht so ein bisschen aus wie die Schieferhalden vom Mansfelder Kupferbergbau oder wie ein Steinkohleflöz. Aber sonst ist es ein grünes Tal wie andere Täler auch.

Blick vom Col de la Cayolle nach Süden Blick vom Col de la Cayolle nach Süden
Quellgebiet des Var Quellgebiet des Var

In Guillaume mache ich Rast, tafele ein wenig und festige meinen Entschluss, dem Fluss Var zu folgen, um da sozusagen noch eine »Bereisungslücke« zu schließen. Man kommt dort wieder durch ein irre tiefes und verhältnismäßig enges Tal mit spektakulären Blicken ins Tal, überwiegend in roten Fels »gefasst«, ähnlich wie im oberen Tal der Gorges du Cians; das weiß ich schon von 2005, als ich diese Strecke in umgekehrter Richtung fuhr. Damit es jetzt, entgegengesetzt orientiert, nicht langweilig wird, wähle ich die schmale und wesentlich weniger befahrene Alternative auf der linken, also östlichen Talseite. Bald komme ich anlässlich des ersten Tunnels und des verhältnismäßig flachen Verlaufs auf den Gedanken, dass hier mal eine Bahnlinie gewesen sein könnte, ja müsste, und ich bin gespannt darauf, weitere Spuren dieser enorm herausfordernden Erschließung zu entdecken. Bald endet die Asphaltdecke, und erkennbar ist die Charakteristik aller Tunnel auf diesem Abschnitt: ziemlich hoch und ziemlich schmal. Ohne Zweifel war das mal eine Schmalspurstrecke, aber warum so hoch? War sie vielleicht elektrifiziert? Oder man wollte alles hochkant transportieren, was auf Schmalspur quer nicht ging. Wie auch immer – irgendwann überquert die Strecke das Tal, und der Weg mündet in die mir von 2005 bereits bekannte Straße. Nun wird es besonders interessant, denn mir war damals schon aufgefallen, dass sich die Straße an vielen extremen Stellen teilt: Der flussabwärts verlaufende Teil des Verkehrs fährt durch Tunnel, und der entgegenkommenden Verkehr umfährt die Felsformationen näher am Abgrund und bis auf eine Ausnahme ohne Tunnel. Wer also was vom Ausblick haben will, muss flussaufwärts fahren oder Extrarunden drehen. Und durch die Tunnel fuhr ursprünglich wohl die Eisenbahn – mit beachtlich engen Kurvenradien und bemerkenswerten Gefällewerten. Nur dort, wo es aus der Schlucht wieder heraus geht, erscheint mir die Strecke eindeutig zu steil für eine Eisenbahn – was natürlich alles hinfällig wird, wenn man einen Zahnradantrieb in Betracht zieht. Jedenfalls war das eine tolle Ingenieurleistung. Es wäre mal interessant zu erfahren, wann der Betrieb aufgenommen und wann er eingestellt wurde und wann die Straße dazu gebaut wurde.

Nachbemerkung: Die Bahnstrecke hat es gegeben, aber sie war zwischen 1923 und 1929 nicht einmal sechs Jahre lang im Betrieb. Das dürfte kein gewinnbringendes Geschäft gewesen sein. Möglicherweise brachte die Weltwirtschaftskrise den Zusammenbruch.

Var südlich von Guillaumes ehemalige Eisenbahnbrücke über den Var
Gorges de Daluis Gorges de Daluis
Gorges de Daluis Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung
Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung
Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung Gorges de Daluis, Schlucht rechts der Felsnase
Gorges de Daluis Schlucht links der Felsnase Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung
Gorges de Daluis, Felsnasenbesteigung Gorges de Daluis, Felsnasenspitze
Gorges de Daluis, Schlucht links der Felsnase Gorges de Daluis, Steinpflanzen
Gorges de Daluis, Rückweg von der Felsnase Gorges de Daluis
Gorges de Daluis Tête de Femme
Var unterhalb der Gorges de Daluis Var unterhalb der Gorges de Daluis

So weit, so gut. Ich erreiche das Ende dieser Strecke und damit jenen Teil des Var-Tals, das ich schon vor drei Tagen befuhr, wo nun also zu entscheiden ist, auf welcher Route es weiter gehen soll, und anscheinend will mir das Wetter die Entscheidung abnehmen bzw. mich ihrer entheben: Es regnet, und das tut es wirklich und wahrhaftig über fünf Stunden lang! Und ich sitze auf einem kleinen Bänkchen, zum Glück noch weitgehend trocken, aber mit den Böen bekommt man unter einem Dach von einem einzigen Quadratmeter auch mit der Zeit einiges ab, und es wird immer ungemütlicher und kälter – also mir jedenfalls. Und fast die ganze Zeit hindurch blitzt und donnert es so vor sich hin, also ohnehin ein no go für Radfahrer, die an ihrem Leben hängen. Zwischendurch fallen zur Abwechslung kurz auch mal zentimetergroße Hagelkörner.

Hätte ich vorher gewusst, dass das nicht nur ein Intermezzo, sondern beherrschendes Geschehen des Nachmittags wird, hätte ich mir gleich ein paar warme Sachen herausgezogen, aber so hoffe ich in den Klamotten, in denen ich fahrenderweise wohltemperiert bin, stehend oder sitzend auf der Stelle und auf Dauer unterkühlt von einer Stunde auf die nächste auf Besserung, und die Hoffnung schwindet so langsam, und was das Fazit des Tages angeht, so senkt sich der Daumen zusehends.

Nach sechs flüchte ich in den nahe gelegenen Tunnel, durch den ich »gerade erst«, also kurz nach Mittag, von Guillaume gekommen bin. Der ist nur ganz kurz, vielleicht 40 Meter lang, und durchbohrt eine dieser etwas schräg stehenden Platten, die ich bereits auf der Fahrt zu den Gorges du Verdon wahrgenommen habe und die die Täler gewissermaßen in Abschnitte unterteilen. Bei Entrevaux war auch ein solches Tor, das sich der Fluss durch die Platte gebohrt hat, und es wurde sogar eine Art Burg rittlings auf dem verhältnismäßig schmalen Rand einer solchen Platte errichtet. Von der Flucht in den Tunnel erhoffe ich mir Verschonung von Spritzwasser – weniger durch den Verkehr als durch Windböen – und etwas Auslauf, um mir Wärme zu verschaffen. Wobei mir klar ist, dass der Tunnel sich dafür erstens nicht sehr gut eignet, weil da ja immer wieder Autos kommen, und das ist, wenn schon nicht gefährlich für mich als Fußgänger, so doch immerhin eine Zumutung für die Kraftfahrer. Und zweitens braucht es bei meiner gegenwärtigen Fitness schon eine ganze Menge Anstrengung, um mich warm zu machen; ich würde also etliche Runden drehen müssen.

Val de Var, Scheißwetter

Während man bei diesem Regen immer wieder Motorradfahrer sehen kann, die anscheinend schön wasserdicht und atmungsaktiv verpackt sind – nach dem Motto »Es gibt kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung.«, ein Spruch, mit dem immer wieder Radfahrer in überteuerte Goretex-Kleidung gelockt werden, die dann bei Temperaturen über null Grad eben doch schwitzen, sobald es einigermaßen zur Sache geht –, sind die Radfahrer anscheinend alle in ihre Höhlen gekrochen oder abgereist. Jedenfalls kommt da mal wieder ein deutsches motorisiertes Trio, und da passiert’s um Haaresbreite: Es kommt, gleich am Eingang zum Tunnel, zu einem Felsabbruch von geschätzten fünf bis zehn Kilo, und das Trümmerteil kracht dicht neben einem der Fahrer auf die Straße. Gut, es ist nur aus vielleicht drei oder vier Metern Höhe gekommen, aber wenn es nicht gerade genau den Helm, sondern etwa die Schulter eines Fahrers getroffen hätte, wäre der Urlaub mit einer ganzen Reihe von Knochenbrüchen dadurch beendet worden. Und ein Treffer auf dem Helm hätte ihn wohl auch von seiner Maschine gefegt. Von Fahrradhelmen wollen wir da gar nicht erst reden. Aber das muss eigentlich jedem Reisenden hier klar sein: Es gibt Steinschlag, und es gibt keinen wirklich sicheren Schutz dagegen. Das ist einfach Schicksal in den Alpen, und wer das nicht riskieren will, soll an die Nordsee fahren und sich von Möwen vollkacken lassen oder zu Hause bleiben.

So gegen halb acht, also nach circa sechs Stunden, lässt der Regen so weit nach, dass an eine Weiterfahrt zu denken ist, aber natürlich nicht mehr weit. Ich suche Quartier und klingele einmal bei einer Adresse »chambre d’hotes«, aber da wird mir ohne Angabe von Gründen gesagt, die seien geschlossen. Als ich in Entrevaux ankomme, durchforste ich zunächst die historische Altstadt erfolglos nach einem Quartier, und dann nehme ich an der Durchfahrtsstraße ein Hotel wahr, dessen Scheiben sämtlich verhängt sind, offenbar ebenfalls geschlossen. So lande ich doch wieder in einem halboffenen Wartehäuschen des örtlichen Bahnhofs – die Linie wird ja derzeit nicht befahren –, nur dass das Bahnhofsgebäude selbst offenbar bewohnt ist.

Es ist noch nicht so spät am Abend, also ziehe ich noch mal meinen elektronischen Notizblock heraus und denke beiläufig darüber nach, wie viele Tage ich mir noch Herumstehen bei Regen zumuten lasse und ob ich nicht nach Italien fahren und mich wieder in die Bahn setzen sollte. Noch sind meine Bücher nicht ausgelesen, aber heute habe ich von Dimitré Dinevs »Engelszungen« locker über 100 Seiten geschafft, und noch zwei solche Tage, und die Langeweile bricht aus.

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