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30. Mai 30. Mai1. Juni 1. Juni

31. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Die Tage verlaufen für das Schreiben eines Reiseberichts angenehm unspektakulär. Wobei das relativ ist. Wer die Gorges du Verdon noch nicht gesehen hat (und auch keinen der nordamerikanischen oder chinesischen Canyons), kann kaum umhin, die Anblicke, zumindest den ersten Blick in die Schlucht, mit einem »Wow!« zu kommentieren. Also, insofern war der Tag schon spektakulär – nur war ich vor 20 Jahren in den USA und habe mich dort bereits einigermaßen beeindrucken lassen, wenn ich das mal mit der allmählich verblassenden Erinnerung so moderat ausdrücken darf, und vor 14 Jahren war ich auch schon mal hier, genau am selben Ort. Genau genommen habe ich in der Schlucht nichts Neues gesehen, nur viel mehr Fotos gemacht. Kann man ja jetzt auch, im Zeitalter der Digitalfotografie. Aussortiert wird hinterher.

Die Route davor war allerdings komplett neu und landschaftlich durchaus auch sehenswert, zumindest beim heutigen Wetter, das mir trotz einiger seltsamer Wolkenbilder vollständig gnädig gesonnen war. War ja nach der gestrigen Vorstellung vielleicht auch angemessen.

Ich sitze hier in so etwas wie einer Ferienanlage, die entweder pleite ist oder noch vor der Saison. So richtig hat die Saison ja noch nicht angefangen. Die Deutschen sind zwar entschlossen im Vormarsch, und da Wochenende ist, sind auch einige Franzosen unterwegs, aber es ist immer noch ein äußerst angenehmes Fahren, wenngleich man sich natürlich nicht darauf verlassen kann, dass in unübersichtlichen Situationen schon nichts um die Kurve kommt, denn dann kommt garantiert was. Also, jedenfalls hat diese Anlage, die schön überschaubar ist – vielleicht so für vier bis acht Ferienwohnungen – einen Pool, und der ist leer, und vor dem bivakiere ich hier in bewährter Weise unter einem Dach, und abgesehen von der fehlenden Dusche und, ja, auch der fehlenden Steckdose für meine Helferlein, die demnächst sicherlich zu spinnen anfangen oder gänzlich den Dienst einstellen …, abgesehen davon also sind die Lage und die frische Luft und der leichte Wind und die erstmalig angenehme Temperatur nicht mit Geld zu bezahlen. Und angesichts der immer noch recht frühfrühlingshaften Temperaturen hält sich das Klebrigkeitsgefühl im Schlafsack immer noch so sehr in Grenzen, dass ich es gar nicht spüre; nur bezüglich der Rasur stelle ich mir langsam die Frage, ob ich es immer noch wagen kann, in jedes x-beliebige Geschäft zu gehen, um dort einem ganz gewöhnlichen Warenerwerb nachzugehen.

Angefangen hat die Sache heute ja auf so etwas Ähnlichem wie einer Sparterrasse, also einem etwas vergrößerten überdachten Hauseingang. Dummerweise – aber das war mir gestern schon klar, nur hatte ich da keine große Auswahl – lag das ganze Dorf am Osthang eines Tals. Es war also nicht damit zu rechnen, dass das erste Alpenglühen bereits auf meine noch vom Vortag feuchten Schuhe und Socken treffen würden. Ich musste auf die Sonne bis kurz nach acht warten. Da wurde es dann auch Zeit, das Tagesprogramm anzugehen. Irgendwann in der Nacht, so gegen vier wird es gewesen sein, war ich mal aufgewacht und hatte, wie schon am Vorabend, beunruhigt in mich hineingefühlt, ob ich wohl peinigenden Durst litte, denn meine Flüssigkeitsvorräte beschränken sich auf vielleicht 100 Milliliter unverdünnten Apfelsaft – nicht gerade als Durstlöscher bekannt, aber immerhin Wasser enthaltend – und 500 Gramm ungewaschene Tomaten. Weil ich nicht gleich wieder einschlafen konnte, musste der Saft erst mal dran glauben. Die Kirchturmuhr schlug, zur Sicherheit gleich zweimal. Zu anderen vollen Stunden ließ sie es dafür gleich ganz, so war jedenfalls mein Eindruck.

Méailles Méailles, Detail des Kirchturmdachs

Nach dem Aufbruch musste ich erst mal durchs Tal, also zur Eisenbahn hinunter, vorbei an einem Bahnhof zum Dorf, bei dem ich mich frage, wer den wohl noch benutzt; man muss immerhin 100 Meter Höhenunterschied überwinden. Aber vielleicht haben sie das Bahnhofshäuschen ja auch nur pro forma dahin gebaut, denn dort ist immerhin eine Ausweichstelle auf der ansonsten eingleisigen Strecke. Schon schade, dass derzeit nichts fährt. Das rollende Material, das ich hier und auf Bahnhöfen habe stehen sehen, erinnert mich irgendwie an die Schmalspurbahn in Kalabrien, die auch alt und mit Graffiti nahezu vollständig zugekleistert war. Aber was soll auch werden, wenn die konkurrierenden Straßen gut ausgebaut sind und fast jeder ein Auto hat. Hier in den französischen Alpen kenne ich keine Situation, vergleichbar etwa mit der Zentralschweiz, wo die Pässe wirklich ringsum im Winter dicht sind und die Züge einfach darunter durch fahren. Hier sind viele Pässe im Winter natürlich auch dicht – der Bonette ja immer noch, obwohl der Winter längst vorbei ist –, aber die Eisenbahnen gehen eben nicht ambitioniert unten durch, sondern sie erschließen die Täler hier und da mit kleinen Tunneln, die nicht zu den Jahrhundertwerken gezählt werden und daher für die Überbrückung solcher Barrieren auch nicht taugen.

Dann noch ein Stück weiter bis zum Fluss, und anschließend auf der anderen Seite wieder hinauf. Das sind ca. 130 Höhenmeter, ein zu verschmerzender Zusatzaufwand für einen sehr annehmbaren Schlafplatz. Die Landschaft wirkte verkarstet, jedenfalls hier und da. Aus diesem Grund war der Hang, auf dem es zum Pass aufwärts ging, auch recht trocken. Mit einiger Sorge prüfte ich den inneren Wasserstand. Und als dann endlich mal ein Bach von links die Straße unterquerte, scheute ich keine Kletterei, um an das kostbare Nass zu gelangen und auch gleich ein halbes Pfund Tomaten zu waschen. Tomaten – wenn man bedenkt, wie viel mir auf Radtouren ein guter Gemüsesalat wert ist. Wert wäre, muss man wohl sagen, denn wo bekommt man ihn denn schon? Ich hoffe immer noch auf mal einen anständig großen Hypermarché, wo ich mich mit meiner überschaubaren Transportkapazität arg disziplinieren muss beim Einkaufen, dafür dann aber wirklich in den Delikatessen schwelgen kann. Aber solange ich in kleinen Gebirgstälern herumkrebse, ist das wohl eine vergebliche Hoffnung. Da ist einfach nicht genügend Kaufkraft für solche Konsumtempel.

Blick von Méailles auf die Chemins de Fer de Provence Chemins de Fer de Provence, Vaire und Straße zum Colle St. Michel
Chemins de Fer de Provence bei Méailles Blick auf Méailles und die Chemins de Fer de Provence
Blick auf Méailles und die Chemins de Fer de Provence Abfahrt vom Colle St. Michel ins Verdon-Tal

Der Pass war niedriger, als ich aus dem Kartenbild entnommen hatte. Also, die Karte war schon richtig, aber irgendwie hatte ich an der falschen Stelle geguckt. Also ging es schon wieder hinunter, diesmal ins Tal des Verdun. Von relativ weit oben war das Tal bereits einsehbar; über mehrere Kilometer schlängelte sich die Straße dann an der Flanke des Tals nach unten. Ich konnte sehen, dass auf dem Fluss ein Schlauchboot unterwegs war. Rafting – und das bis in die sagenhafte Schlucht! Das musste ein Erlebnis sein! Allerdings täuschte ich mich dabei, denn zwischen diesem Boot und den Gorges liegen zwei Wasserkraftwerke mit veritablen Staumauern, die man nicht einfach umtragen kann. Da ist also am oberen See Schluss mit dem Spaß.

Auf der Abfahrt begegnete mir eine junge Frau mit ihrem Fahrrad. Sie hatte nicht so sonderlich viel Gepäck, ich glaube, nur drei statt meiner fünf Taschen. Ich sagte »Hallo!«, sie »Bonjour!«, und ich reichte ebenfalls noch ein »Bonjour!« nach, um es »richtig« zu machen. Es hat mal Zeiten gegeben, da habe ich für jeden Reiseradler angehalten, selbstverständlich auch die Straßenseite gewechselt, aber ich habe inzwischen schon ziemlich viele getroffen, und seit ich den Eindruck habe, dass das sonst kaum jemand macht, kommt mir eine solche Begegnung nicht mehr so einzigartig vor, dass sie mit ein paar persönlichen Worten oder Fragen gewürdigt werden müsste. Man grüßt einander, und das war’s dann, es sei denn, natürlich, es irgendwie eine ganz besonders auffällige Karawane.

Haute Verdon Haute Verdon, Blick Richtung Süden
Haute Verdon, Blick Richtung Norden Haute Verdon, Blick Richtung Norden, Detail
Haute Verdon, Blick Richtung Norden, Detail Haute Verdon, Blick Richtung Süden
Saint-André-les-Alpes und Verdon Verdon bei Saint-André-les-Alpes
Lac de Castillon Brücke der N202 über den Lac de Castillon
Lac de Castillon Lac de Castillon
Lac de Castillon, Saint-Julien-du-Verdon Barrage de Castillon-Demandolx

Die beiden erwähnten Stauseen liegen praktisch hintereinander. Dem oberen fehlen drei, vier Meter Wasserstand, dem unteren eigentlich nichts, und der (dritte) Stausee hier unten am Ausgang der Gorges scheint mir sogar etwas Hochwasser zu führen, wenn ich mir die Bäume in Erinnerung rufe, die ich vorhin halb unter Wasser gesehen habe. Vielleicht rechnet die EdF noch mit beträchtlichen Schmelzwassermengen. Völlig abwegig ist das ja nicht.

Allerdings muss man 200 Höhenmeter drangeben – präzise: extra leisten –, wenn man vom oberen (ersten) zum unteren Stausee wechseln will. Nach Castellane gibt es noch einen anderen Weg von Nordwesten, mit weniger Kletterei, aber dann sieht man eben auch den unteren Stausee nicht. Und ich wollte ihn sehen, und die Abfahrt runter zu ihm war sehr schön. Einstweilen stand ich jedoch auf der Staumauer des ersten Sees, bestaunte ihr Halbrund und ihre Höhe und beäugte die Umgebung oberhalb des Stausees. Diese besteht zum größten Teil aus bewaldeten Hängen, ist also nicht so rasend interessant. An einer Stelle fand ich jedoch merkwürdige Anlagen – Gebäude oder Skulpturen oder was auch immer. Wieder einmal musste der inzwischen recht beachtliche Zoom meines Fotoapparats weiter helfen, und eine Aufnahme mit maximaler Brennweite förderte doch recht Erstaunliches zutage: mehrere Gebäude, deren Stil man eher im Orient vermuten würde, eine riesige, vielleicht zehn oder sogar 20 Meter hohe Statue eines Königs mit Krone, Zepter und entsprechendem Gewand… Sehr ungewöhnlich, würde ich sagen. Im Internet finde ich später das Stichwort Mandarom Shambhasalem und Hinweise auf eine religiöse oder zumindest quasireligiöse Gemeinschaft, die anscheinend aber ihre besten Jahre schon hinter sich hat, auf ungenehmigte und daher wohl z.T. auch schon wieder durch die Behörden abgerissene Bauten wie diese Statuen und andere Seltsamkeiten.

Lac de Castillon Lac de Castillon, Detail
Blick von der Barrage de Castillon-Demandolx Blick von der Barrage de Castillon-Demandolx, Detail
Lac de Castillon Lac de Castillon, Detail: Mandarom Shambhasalem
Lac de Castillon, Detail: Mandarom Shambhasalem Ruinen am Lac de Castillon
Retenue de Chaudanne Retenue de Chaudanne
Retenue de Chaudanne, Blick Richtung Mandarom Chambhasalem Retenue de Chaudanne

In Castellane hatte ich wieder ein Déja-vu in Bezug auf 1999, jedenfalls erkannte ich ein paar Felsformationen. Hier wollte ich unbedingt noch irgendwas Apfeliges kaufen; Saft war nicht zu bekommen, aber Äpfel. Der Laden war so klein, dass ich die Verkäuferin bereits mit einem 10-Euro-Schein in Verlegenheit bringen konnte. Dabei war laufender Kundenverkehr. Was hätte die wohl gemacht, wenn ich mit 50 oder 100 Euro angetreten wäre?

Dort traf ich dann auch die junge Radfahrerin wieder. Ich fragte mich, wo entlang sie wohl gefahren sein mochte, obwohl es da gar nicht so viele Möglichkeiten gab, die in Frage kamen. Sie war offenbar Engländerin und sah bei genauerem Hinsehen nicht mehr ganz so jung aus wie am Vormittag, und sie wollte wissen, wohin ich unterwegs sei. Ungetrübt von Erinnerungen an den zeitlichen Ablauf von 1999 meinte ich, die Süd- und die Nordseite der Schlucht abfahren zu wollen. Sie zeigte sich erstaunt, und sie sollte Recht behalten, denn jetzt sitze ich hier am Ausgang der Schlucht oder ein paar Kilometer davon entfernt, und die Nordroute ist noch vollständig dem morgigen Tag vorbehalten. Gut, wenn man keine Pläne macht – oder eben bei der Planung einigermaßen konservativ bleibt. Immerhin bin ich auf reichlich 2000 Höhenmeter und knapp 140 km gekommen. Das erinnert mal an alte Zeiten, so annähernd jedenfalls. Und jetzt muss ich sehen, ob mich die Mücken oder irgendwelche fliegenden Viecher, die ebenfalls ein Jucken verursachen, schlafen lassen. Sonst kann ich nämlich mein Moskitonetz doch nicht als Kopfkissen benutzen. Immerhin beruhigend, es dabei zu haben.

Barrage de Chaudanne Castellane, Kapelle Notre Dame du Roc
Castellane, Kapelle Notre Dame du Roc, Detail zwischen Castellane und den Gorges du Verdon
zwischen Castellane und den Gorges du Verdon zwischen Castellane und den Gorges du Verdon

Doch zurück nach Castellane. Die Route sollte zunächst dieselbe wie 1999 sein, also von Ost nach West an der Südseite entlang. Erfreulicherweise war es diesmal sonniger als damals, und aufmerksam beobachtete ich die markanten Punkte der Landschaft, um sie mit meinen Erinnerungen abzugleichen. Zumindest an den Felsformationen sollte sich ja nichts Wesentliches geändert haben. Okay, auch hier kann es manchmal gravierende Veränderungen geben. So war ich z.B. 2007 das erste Mal nach 1990 wieder in Zermatt, und auf dem Weg von der Rhône hinauf bemerkte ich einen gigantischen Bergabrutsch, über den ich auf Nachfrage erfuhr, er habe sich 1991 ereignet, also nur ein Jahr nach meiner ersten Passage. Glücklicherweise habe es keine Toten gegeben, sondern nur dezimeterdicke Staubschichten auf weiten Wiesenarealen, erzählte man mir. Auch wenn ich was für Action übrig habe, aber das hätte ich dann wohl doch nicht unbedingt aus nächster Nähe erleben müssen.

Hier muss ich die zunächst nur wenigen Übereinstimmungen wohl meinem Gedächtnis zuschreiben. Es ist halt viel Zeit vergangen, und ich fahre ja auch nicht durch die Gegend im Bestreben, später möglichst viel davon wieder zu erkennen. Und so passierte es, dass mir die Auffahrt aus der Talsohle auch erst mal ziemlich fremd vorkam. Da geht es abseits des Verdon nach Süden und – wie sollte es anders sein – in die Höhe. Schließlich schaut man später nur noch von ganz weit oben nach tief unten, und im Verlaufe der Schlucht verliert der Fluss nicht ausreichend an Höhe, um allein daraus eine Schlucht konstruieren zu können. Der Reisende muss sich also aus eigenem Bemühen in die Vogelperspektive begeben. Das tue ich, und es macht nicht viel her. Erst im ersten – und letzten – Ort auf diesem Aufstieg, Trigance, wird es etwas interessanter. Klar, diese Siedlung gehört quasi zu den Toren zur Schlucht, auch wenn man sie von hier aus nicht sieht. Hier lebt man natürlich ein Stück weit vom Tourismus, von diesem speziellen Ziel der Touristen. Ich machte nur vor ihren Pforten ein wenig Rast, denn tatsächlich braucht man den Ort nur zu tangieren, um zur Schlucht zu gelangen, und dann geht es schon weiter.

Trigance südöstliche Zufahrt zu den Gorges du Verdon

Nach kurzer Strecke gelangte ich zu einer T-Kreuzung, bog rechts ab, und von hier an wurde es vertrauter. Nach einem kurzen Auf und Ab war die Schlucht zu erahnen. Ich bemühte mich diesmal mehr um gewagte Perspektiven. Es gab da am Rande der Schlucht einige balkonartige Bauten, man könnte sagen: frühe Vorläufer der jetzt in Mode gekommenen, aufwändigen Skywalks, frei tragenden Gängen, am besten mit gläsernem Boden, auf denen sich die Besucher teilweise -zig Meter über den Rand der Schluchten hinaus begeben können – wenn sie denn hinreichend schwindelfrei sind –, ein bisschen wie in einem Helikopter. Natürlich lassen sich die Nationalparkverwaltungen – oder welche Unternehmen auch immer die Skywalks errichten – solche Einrichtungen gut versilbern. Hier dagegen sind die nicht ganz so spektakulären Einrichtungen vollkommen kostenlos; auch die Passage der Straßen wird in keiner Weise belastet oder behindert. Es würde mich wundern, wenn über ein solches Modell in Zeiten klammer Kassen noch nirgends zumindest diskutiert worden wäre.

Heute entstanden ganze Fotoserien, wo ich damals nur vereinzelte Aufnahmen machte, ein Vorteil der Digitalfotografie natürlich, allerdings auch ein Fluch im Nachgang, in der Auslese. Von den 1999er Aufnahmen habe ich fast keine weggeworfen, auch wenn sie hier und da von eher zweifelhafter Güte waren. Man hatte ja sonst nichts. Jetzt dagegen würde man keinem »Ach, zeig mir doch mal deine Urlaubsbilder!« die ganze Flut zumuten wollen; die meisten Betrachter würden sich wie ein Entrümpelungsunternehmen vorkommen.

Was soll ich sagen? Der Eindruck war wieder enorm; diesmal wuchs die Spannung auf die Perspektive von der Nordseite aus, wo vor 14 Jahren feststand, dass dies einer anderen Reise vorbehalten bleiben würde. Ich erinnerte mich an meine Ideen von damals, dicke Seile über die Schlucht zu spannen, vielleicht nur saisonal, an denen kleine Kabinen hängen könnten, Hotelzimmer quasi in ganz besonderem Ambiente. Damals dachte ich nur an die technische Realisierbarkeit und daran, dass alles, was am selben Seil hängt, in hohem Maße mechanisch verkoppelt sein würde – was man sich bei Hotelbetten ja nicht unbedingt immer wünscht. Diesmal kamen mir auch Fragen zur Sicherheit, zur Anfälligkeit gegenüber möglichen Anschlägen oder Bränden. Gut, zu all diesen Fragen ließe sich eine abgewogene Lösung entwickeln, aber ebenso, wie sich wahrscheinlich die Region oder das Land bislang anderweitig der kommerziellen Verwertung der Schlucht entgegenstellt, würde sie das wahrscheinlich auch bei einem solchen Vorschlag tun, egal, wie originell er wäre. Also bleibt der größte Thrill wahrscheinlich immer noch der Bungee-Jump vom Pont de l’Artuby über eines der Seitentäler der Schlucht. Diese Sprünge hatte es 1999 bereits gegeben, obwohl ich keinen gesehen hatte, und es würde mich schon sehr wundern, wenn man seither dahinter zurückgegangen wäre. Allerdings ist die Brücke auch diesmal verwaist; wahrscheinlich hat sich noch nicht genügend Kundschaft versammelt.

Ich brauchte weniger als die Hälfte der Südseite, um zu erkennen, dass eine direkt daran anschließende Nordseitenfahrt eher ein Nachtunternehmen werden würde, wollte ich es nicht auf den folgenden Tag verschieben. Na ja. Da es keine feste Planung gibt, kann mir das einigermaßen egal sein. Sollte mich die Reise wie vorgesehen noch weiter nach Norden führen, dann wäre ja unverändert die Möglichkeit vorhanden, über jeweils einen einzigen Pass nach Italien zu wechseln und von dort mit der Bahn nach Hause zu fahren. Die Italiener machen das flexibel und preiswert, und irgendwie steht die Eisenbahn ja ohnehin am Ende aller Routen, weil von diesen mich keine bis nach Erlangen führt, anders als 1999, als ich sogar noch eine Blutspende in Nürnberg »einbaute«.

Gorges du Verdon, Mündung des l'Artuby, Panorama links oben Gorges du Verdon, Mündung des l'Artuby, Panorama rechts oben
Gorges du Verdon, Mündung des l'Artuby, Panorama unten Gorges du Verdon, Mündungsschleife des l'Artuby
Gorges du Verdon, Brücke über den l'Artuby Gorges du Verdon
Gorges du Verdon, l'Artuby Gorges du Verdon, l'Artuby
Gorges du Verdon Gorges du Verdon, östliches Ende der Südseite mit zwei Balkons
Gorges du Verdon Gorges du Verdon, Nordseite
Gorges du Verdon Gorges du Verdon, Detail
Militärisches Sperrgebiet südlich der Gorges du Verdon Militärisches Sperrgebiet südlich der Gorges du Verdon, Detail
Gorges du Verdon Gorges du Verdon
Gorges du Verdon, Detail Gorges du Verdon
Gorges du Verdon Gorges du Verdon, Nordseite
Gorges du Verdon, Nordseite Gorges du Verdon, Nordseite
Gorges du Verdon, Nordseite, Blick Richtung La Palud-sur-Verdon Gorges du Verdon, Nordseite
Gorges du Verdon, Straße auf der Nordseite Gorges du Verdon, westlicher Abfluss
Gorges du Verdon, westlicher Abfluss, Detail Gorges du Verdon, westlicher Abfluss, Detail

Bewusster nahm ich, so scheint mir, diesmal die Abfahrt auf der Westseite der Schlucht wahr, obgleich es mindestens ähnlich spät war wie damals. Ich bewunderte besonders die Fähigkeit der Vegetation, sich inmitten all der Geröllabsturzbahnen zu behaupten oder doch zumindest immer wieder neu Fuß zu fassen. Auch diesmal war die Dämmerung bereits hereingebrochen, als ich die D957 unterhalb von Aiguines erreichte. Ihre Brücke über den Verdon nutzte ich wie damals für ein Foto, und dann folgte die Suche nach dem Quartier, die sich unerwartet lange hin zog. Die Karte hätte das vermuten lassen können – sie ist praktisch blank auf der ganzen Strecke –, aber es gibt hier und da doch ein Grundstück, allerdings sind sie alle so eingezäunt oder gut einsehbar, dass ich einige Mal wieder abzog, bis ich dieses wirklich überzeugende Fleckchen fand, und da bleibe ich nun.

Lac de Sainte-Croix Lac de Sainte-Croix
Wolke 'Starfighter' Campingplatz am westlichen Ausgang der Gorges du Verdon
Westlicher Ausgang der Gorges du Verdon

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