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29. Mai 29. Mai31. Mai 31. Mai

30. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Den Morgen lasse ich nach dem gestrigen Fleiß ruhig angehen. Ruhig, das heißt spät. Die Sonne geht um diese Jahreszeit, auch hier im Südwesten Europas, sowieso bereits zu einer Zeit auf, zu der man nur auf der Flucht die Piste aufsucht. Ich aber bin keineswegs auf der Flucht.

Mein Lager befindet sich unmittelbar an der Tinée; eine Stadtautobahn zu Rushhour unter einem geschlossenen Fenster aus den 90er Jahren ist kaum lauter als dieses Gewässer fünf Meter neben meinem Schlafsack. Aber man kann so schlafen, wenn man rechtschaffen gearbeitet hat am Vortag, und vielleicht unterscheidet das Frequenzspektrum eines rauschenden Flusses sich ja doch irgendwie in entscheidenden Details von dem, das viele Reifen auf Asphalt erzeugen.

Ich improvisiere ein Frühstück und beobachte ein paar Jugendliche, die am anderen Ufer auf dem Weg zum Sportunterricht sind. Es geht in die Halle, obwohl die Sonne scheint. Zumindest einige müssen hellwach sein, denn sie haben mich entdeckt, quasi das Einzige, was nicht so ist wie jeden Tag, und zwei Mädchen winken herüber. Ich winke zurück.

Ich will Richtung Valberg, einen langen Berg hinauf. Aber bevor das was wird, muss – oder möchte, denn über die absolute Notwendigkeit lasse ich unter Umständen mit mir streiten – ich noch meine Vorräte ergänzen. Sicherlich wäre es cleverer, in den Bergdörfern einzukaufen, damit die Auffahrt leichter wird. Zwei, drei Kilo mehr oder weniger spüre ich jedoch nicht im Gepäck, auch wenn sie im Vergleich eine Fahrt bremsen. Aber wann mache ich denn mal eine Fahrt in die Berge kurz hintereinander zweimal unter den gleichen Bedingungen, allerdings mit einem bekannten Gewichtsunterschied? Das kommt doch nie vor. Also beglücke ich eine Tante Emma im Dorf, eine kleine Epicerie, und fahre dann los.

Herunter kam ich schon von Valberg, im Jahre 2005, aber damals war es bereits fast finstere Nacht. Da verspreche ich mir vom umgekehrten Weg schon mehr, auch wenn der Weg hinauf natürlich etwas anspruchsvoller ist. Es ist halt ein Auf und Ab.

Saint-Sauveur-sur-Tinée Saint-Sauveur-sur-Tinée
Roubion aus der Ferne Roubion aus der Ferne, Detail
Saint-Sauveur-sur-Tinée Saint-Sauveur-sur-Tinée, Detail
schneebedeckte Berge östlich des Tinée-Tals Tinée-Tal südlich von St.-Sauveur, Blick von Roure

Was mich an vielen Gebirgsstraßen fasziniert, ist ihre offenbar geradezu generalstabsmäßige Planung. Sie haben meist einen Anstieg bzw. ein Gefälle, das über lange Strecken um kaum mehr als zwei Prozentpunkte variiert, und dabei werden gelegentlich die unterschiedlichsten Gesteinsformationen durchschnitten und die verschiedensten Bedingungen im Gelände angetroffen. Ich frage mich, wie alt solche Wege sind, denn sollten es wirklich jahrhundertealte Pisten sein – wie sollten die Leute damals vermessen und kartiert haben? Andererseits: Trampelpfade, solche für Fußgänger, Pferde und Maultiere werden die von mir beobachtete Qualität eher nicht haben, und wer Karren oder gar richtige Fahrzeuge in Bewegung bringen will, kann sich nicht mehr durch Büsche schlagen; da braucht es Wegebau, und wer gotische Kathedralen bauen kann, wird wohl auch eine Wegeplanung hinkriegen.

Also gut, on y va! Nach der ersten und zweiten Kehre geht es immer noch über St. Sauveur nach oben. Das Bild ändert sich nicht großartig, sondern nur die Perspektive – halt ein Blick von immer weiter oben. Direkt östlich über dem Dorf, also auf der gegenüber liegenden Seite der Tinée, wird etwas sichtbar, das wie Reste einer alten Siedlung aussieht. Der Hang glänzt irgendwie, als befände sich dort eine verteilte Quelle, feuchter Fels oder Lehm, aber kaum Vegetation. Der Zoom meiner Kamera verhilft mir auch nicht zu mehr Gewissheit. Auf jener Seite gehe ich aber gar nicht auf Entdeckungstour, und auf dieser will ich abweichen von der »Durchfahrtsstraße«. Auch wenn es ein zeitaufwändiges Erkunden ist – ich möchte mir heute mal das Dorf ansehen, das sich ca. 600 Meter oberhalb von St. Sauveur befindet: Roure. Also biege ich nach drei bis vier Kilometern rechts ab. Die Stichstraße ist zunächst eindeutig kurvenreicher und unübersichtlicher als die Hauptstraße nach Roubion und Beuil. Ich denke mir noch: Hier kommt bestimmt nur alle Naselang mal einer gefahren – ob die wohl rechts und links unterscheiden? Da kommt auch schon ein Motorroller mit zwei Jungs auf mich zu, der hier die Gegenspur für zweckmäßig hält. In der langsamen Aufwärtsfahrt kann ich so schnell nicht reagieren, aber der Steuermann weicht mir zum Glück noch rechtzeitig aus.

Von dieser Straße aus kann man einen Teil des Tinée-Tals in Richtung Isola überblicken. Der Cime de la Bonette ist jedenfalls nicht zu sehen, aber das ist auch nicht notwendig, um die Ansage, dass die hohen Pässe eingeschneit seien, glaubhaft erscheinen zu lassen, jedenfalls sind auch die Berge rechts und links des Tals, die kaum über 2000 Meter hinausragen, oben eingezuckert. Schwer vorstellbar, dass die Sonne innerhalb der nächsten vier, fünf Tage so viel Kraft entwickelt, dass sie das alles abschmilzt.

Roure Roure, Le grand Guetteur

Nach geraumer Zeit erreiche ich das Dorf. Kurz unterhalb komme ich an einer Müllsammelstelle vorbei. Immerhin – keine wilde Deponie. Dennoch liegt einiger Unrat rechts und links der Container und vor den Toren herum. Wäre das hier flaches Land, würde ich mir wahrscheinlich nichts dabei denken, aber in den Bergen kommt mir das immer wie Frevel an der schönen Landschaft vor.

Roure ist ziemlich verschlafen. Ein paar Hundert Meter vor dem Ortseingang hat mich eine junge Frau mit ihrem Kleinwagen überholt. Der steht jetzt, unauffällig eingereiht in das übrige Blech, in der Ortsmitte am Straßenrand. Von Menschen weit und breit keine Spur. Aber gut, wenn junge Menschen hier wohnen, befindet sich das Dorf vielleicht nicht in der sterbenden Phase. Es liegt ca. 1100 Meter über dem Meeresspiegel. Da frage ich mich immer wieder, wie hoch die Aufwendungen der Automobilisten für Sprit wohl sein mögen und ob einem die steigenden Ölpreise nicht irgendwann das Pendeln verleiden (was nicht heißt, dass man hier vor Ort eine Arbeit bekäme, wenn man sich nur »ordentlich bemühen« würde). Der Gedanke kommt mir eigentlich immer in den Bergen – in Italien, in der Schweiz und andernorts. Aber irgendwann fällt mir dann meist auch ein, dass es erstens Ortschaften gibt, die noch höher liegen, bei denen das aber nicht so auffällig ist, weil man sie ohne Kehren und Serpentinen erreicht, indem man einfach dem Tal hinreichend lange flussaufwärts folgt. Und dann denke ich mir, dass fünf, sechs Kilometer den Berg hinauf wahrscheinlich ähnlich viel Benzin verbraucht wie vielleicht 15…20 km in der Ebene – und es gibt ja nun wahrhaftig längere Pendelstrecken. Ich weiß nicht, ob den Bergdörfern vielleicht mit einer Seilbahn gedient wäre, aber wenn das der Fall wäre, hätte man sicherlich schon eine gebaut – wobei das eine kommunale oder regionale Unternehmung wäre, für die wahrscheinlich niemand die Straße aufgeben würde, d.h., billiger wäre der Weg zwischen Dorf und Tal vielleicht für den Einzelnen, aber irgendeine Körperschaft hätte nur Zusatzkosten.

Dass das Dorf verschlafen auf mich wirkt, mag der Uhrzeit geschuldet sein: später Vormittag. Ich fahre bis zur Kirche vor. Dort ist Ende Gelände, d.h., die Straße geht dann nicht mehr weiter. Außerdem befindet sich gegenüber der Kirche ein kleiner Berg, ein Fels, auf dessen Spitze ein Künstler einen Ausgucker installiert hat. Damit die Figur genügend Überblick hat, thront sie auf dem Verbindungspunkt dreier langer Stahlrohre, die wie die Zeltstangen eines Tipis aufgestellt worden sind. Auf Ideen kommen die Leute … So was muss man sich erst mal einfallen lassen. Und dann jemanden gewinnen, der das Ganze bezahlt.

Ich nutze den Wendepunkt für eine Mahlzeit. Nach den 600 Höhenmetern habe ich mir das irgendwie verdient. Gut, das ist noch nicht die Welt, aber es soll ja auch kein Gelage werden. Also lasse ich mich zu Füßen des Ausguckers nieder, im Schatten des kleinen, aber steilen Hügels, auf dem er platziert wurde, und packe aus. Mir gegenüber befindet sich das Portal zur Kirche des Dorfes. Ich denke darüber nach, wie in einer sich zunehmend säkularisierenden Welt die weitere Entwicklung von Gemeinden einerseits und Sakralbauten andererseits vonstatten gehen mag. Religiöse Gemeinschaften bedürfen ja nicht unbedingt pompöser Bauten; das weiß man zumindest von den »klassischen« monotheistischen Religionen, die in der Neuzeit Gebäude errichten, deren Höhe mitnichten den herausragenden Punkt der umgebenden Siedlung darstellt, u.a., weil sie sich »Leuchttürme« gar nicht mehr leisten können, diese vielleicht auch keine Akzeptanz mehr finden würden. Aber wenn sie sie einmal haben? Wenn die Gemeinden entweder überwiegend aus schwarz gekleideten, alten Frauen bestehen, die auch nur den Erhalt einer großen Kirche weder finanziell noch alternativ von ihren handwerklichen Fähigkeiten her leisten können, oder wenn es eine zwar gemischte Altersstruktur gibt, aber die Gemeindeglieder nicht der Ansicht sind, dass das Gros ihrer finanziellen Beiträge zum Gemeindeleben nicht dem Erhalt eines Denkmals dienen sollte, sondern vielleicht näher liegenden Zwecken wie der Unterstützung der Schwächsten innerhalb oder auch außerhalb der Gemeinde?

Nach dem Mahl steige ich noch einmal zum Grand Guetteur hinauf, lasse die Blicke über St. Souveur und das Tal der Tinée schweifen, und dann wird es Zeit für den Aufbruch, zunächst wieder hinab zum Abzweig von der Hauptstraße, dann jedoch weiter hinauf und dabei deutlich weiter, als ich es im Augenblick bin. Es müsste so eine Verbindung durch die Berge geben, entlang einer Isobaren, hinüber zum gleich hohen Punkt auf der Hauptstraße. Die gibt es wahrscheinlich sogar, so in erster Näherung, aber wohl nur als Trampel- oder bestenfalls Wanderpfad, nicht nutzbar für mich mit meiner Fuhre. Ein Stück Arbeit liegt also vor mir.

Vallon de Saint Sébastien Roubion

Auch auf der Hauptstraße ist erfreulich wenig los. Es sind noch keine Ferien. Wie mag sich der ganze Straßenbau hier rechnen, all die Zeit über, in der er so wenig genutzt wird? Nicht, dass die Straße oder ihre Erbauer etwas davon hätten, wenn dort mehr Verkehr wäre, aber die Nutzung außerhalb der Ferienzeiten lässt ja Rückschlüsse auf die Zahl der Steuerzahler zu, auf deren Köpfe sich die Erhaltungs- und Ausbaukosten verteilen. Um wie viel niedriger ist diese Pro-Kopf-Belastung auf dem Flachland. Aber Frankreich ist ja ein zentralistischer Staat; da wird wohl vieles aus einem gemeinsamen Topf bezahlt, und wenn man sich darüber einig ist, die Gebirgsregionen nicht komplett der Natur zurückzugeben oder Abenteurern, die auch ohne Infrastruktur auskämen, dann ist das so ja wahrscheinlich auch der vernünftigste Weg. Ich profitiere jedenfalls davon und nähere mich Roubion. Auch dort mache ich diesmal einen Abstecher, denn beim letzten Mal unterließ ich es in der Hoffnung, dadurch noch ein wenig Restlicht für die Abfahrt nach St. Sauveur zu haben. Diesmal bilde ich mir ein, alle Zeit zu haben, aber ich werde im Dorf einen Hinweis darauf erhalten, dass das eine Frage der Interpretation ist.

Blick von Roubion auf das Ruisseau de Vionène-Tal Roubion

Roubion befindet sich wie alle übrigen Orte noch ein wenig im Außer-Saison-Schlaf. Man fährt nach dem Abzweig von der Hauptstraße in entgegengesetzter Richtung, also halb wieder in Richtung St. Sauveur, den Hang hinauf, bald vorbei an einem Café und ein paar kleinen Läden, und wenn man dann nicht erneut die Richtung wechselt, ist man auch schon wieder vorbei. Ich wechsle nicht die Richtung, passiere einen kurzen Tunnel, erreiche einen Parkplatz, dessen Größe mir veranschaulicht, was hier zuweilen los sein kann, jetzt aber weitgehend leer ist, und erhalte den ersten Hinweis darauf, was der Tag noch zu bieten haben wird, in Gestalt eines Graupelschauers. Ich flüchte in den Tunnel und erkenne von dort aus, dass hier offenbar jener Wanderweg von Roure endet, der von dort aus bis hierher, zumindest durchschnittlich, nur moderat hierher ansteigt.

Weil es ein Schauer ist, ist er auch gleich wieder vorbei, aber ich könnte gewarnt sein, dass der Rest des Tages mehr als nur strahlenden Sonnenschein in petto hat. Aber was sollte ich mit dieser Warnung – in einem Hotel absteigen und ein paar Tage warten, bis sich ein Hochdruckgebiet etabliert? Das könnte viel Geduld erfordern. So viel Überbrückungslektüre habe ich nicht dabei. Vor nicht allzu langer Zeit riet mir jemand zur Anschaffung eines eBook-Readers; gerade auf dem Fahrrad sei doch die Schlepperei von Büchern absurd. Ja, aber erstens gibt es längst nicht jedes Buch als eBook, zweitens bezahle ich nicht jene Bücher, die ich bereits in der Papierausgabe habe, ein zweites Mal als eBook, drittens mag ich mich nicht in die Abhängigkeit der Verlage mit ihrem DRM begeben, was schon mal dazu führen kann, dass nach einem Umzug zwischen Deutschland und Großbritannien die ganze teuer erworbene Kindle-Bibliothek wertlos ist, weil Amazon einen britischen Residenten nicht einfach weiter das lesen lässt, was er zuvor als deutscher Staatsbürger erworben hat und lesen konnte. Ja, und viertens müsste ja das Lesegerät auch mit Strom versorgt werden; da wäre also noch eine dynamogetriebene Universalstromversorgung zu installieren – von der dann allerdings auch Kamera- und Handyakkus profitieren könnten. Es ist so viel zu bedenken…

Weiter hinauf geht es, und als ich nicht mehr weit vom (unspektakulären) Pass bin, bietet mir ein Passant an, mich vor dem Panorama zu fotografieren. Oh Mann, wenn du mich an jedem Pass fotografieren wolltest, dann würde das ganz schön viele Fotos von mir ergeben; die Bezwingung eines Unter-2000ers erfüllt mich doch mit sehr begrenztem Stolz. Nein, ich misstraue dir nicht; du wirst sicherlich nicht mit meiner Kamera auf und davon rennen, aber danke für das freundliche Angebot.

Am Pass wird es herbstlich. Oder frühfrühlingshaft. Oder reduziert freundlich: bedeckt, windig, grau. Da die Fahrt durch Beuil, den letzten Ort vor den Gorges du Cians, von einem Auf und Ab geprägt ist, also nicht ganz fix vorbei ist, hätte ich Zeit, mich auf ein unfreundliches Szenario in der vorliegenden Schlucht vorzubereiten. Aber ich will es wohl nicht wahrhaben, und darum bin ich, als ich den ersten Windungen der Abfahrt versinke, recht enttäuscht, als es erneut zu regnen beginnt, diesmal mit einer Heftigkeit und Dauer, die mir regelrecht hoffnungslos erscheint – und das in einer der spektakulärsten, weil engsten Schluchten Europas. Bloß gut, dass ich diese Strecke schon einmal gefahren bin, und zwar bei schönem Wetter. Aber ich hatte gehofft, meine Fotosammlung von damals üppig ergänzen zu können, aber was will man mit grauen Aufnahmen?

Roubion Roubion, Detail
Zufahrt zum oberen Le-Cians-Tal Oberes Le-Cians-Tal

Doch es kommt noch schlimmer: Die alten Trassen, schon vor Jahren in Rad- und Fußwege umgewidmet – für den Kraftverkehr wurden stattdessen Tunnel gebohrt –, sind in einem ziemlich desolaten Zustand. Desolat, das heißt hier, dass Geländer teils frei schwebend nur noch sich selbst halten, während ihre Fußverankerung vom Fluss Cians weggerissen wurde, als er mal noch mehr Wasser führte als im Augenblick. Die überhängenden Felsen, in die bei erstmaligem Bau dieser Strecke seitlich die Straße hineingehackt worden war, erscheinen mir auf einmal bedrohlich, und es liegt auch jede Menge Geröll auf der Straße, teils von der Decke gefallen, vielmehr aber wahrscheinlich von Hängen herabgerutscht. Es wäre wieder einmal blöd, wenn gerade jetzt, wo ich dort durchfahre, wieder etwas von oben nachkäme. Hätte ich hier zu entscheiden, würde ich diese Wege wohl kurzerhand bis auf Weiteres sperren. So fahre ich mit einer Mischung aus Grusel und Boaah! nach unten, nicht besonders schnell, denn mit dem Zustand meiner Bremsen und dem nassen Untergrund sind auch Brems- und Ausweichmanöver riskant geworden.

Im unteren Teil des Tals, dem weißgrauen (weiter oben ist das Gestein praktisch ausschließlich rotbraun), weitet sich die Schlucht an der Basis, versinkt dafür aber umso tiefer im Gebirge. Jetzt würde ich vom Navi wieder mal eine qualifizierte Positionsangabe erwarten – weiter oben, praktisch halb unterhalb des Felsmassivs, war diesbezüglich nichts zu erwarten –, und es macht auch eine, aber auf dem Display entstehen wilde Krakel; offenbar schwankt die Zahl der sichtbaren Satelliten zwischen 3 und 4, sodass die Fehler bei der Triangulation enorm sind. Oder liegt es auch an meinem Gerät? Es wäre nicht schlecht, wenn die Positionsangaben sekundär plausibilisiert werden könnten, etwa unter Zuhilfenahme des Luftdrucks, vielleicht auch unter Nutzung von Tachometersignalen, also Geschwindigkeitswerten; solch eine wilde Hüpferei käme dabei dann sicherlich nicht heraus. Aber was hier am Fahrrad eine interessante Spielerei für Programmierer wäre, würde auf ernsthaften Geräten, etwa für die Navigation von Rettungsgeräten oder die Positionsbestimmung von Schienenfahrzeugen, zu einer heiklen Angelegenheit: Wie erkenne ich, in welchem Maße meine Berechnungen unter Verwendung der Daten aus unterschiedlichen, jeweils fehlerbehafteten Quellen spekulativ sind und in welchem Maße die Unsicherheit der schließlich errechneten Position oder Geschwindigkeit steigt, bis ich sagen muss: Bring mich erst mal wieder in sicheres Fahrwasser, bevor ich noch irgendwelche Auskünfte gebe, und bis dahin mach sicherheitshalber höchstens halbe Kraft!

Gorges supérieures du Cians, alte Straße Gorges supérieures du Cians, alte Straße
Gorges supérieures du Cians, alte Straße Gorges supérieures du Cians, alte Straße
Gorges supérieures du Cians, alte Straße Gorges supérieures du Cians, alte Straße
Gorges supérieures du Cians, Schäden an alter Straße Gorges supérieures du Cians, Hangbewuchs
Gorges supérieures du Cians, Hangbewuchs Gorges supérieures du Cians, alte Straße
Gorges supérieures du Cians, alte Straße Gorges inférieures du Cians

Dort lassen Regen und Gefälle nach; ich kann sogar noch mal kurz umkehren und einen Kilometer erneut abfahren in der Hoffnung auf einen halbwegs vernünftigen Track, und dann erreiche ich le Var, den Fluss ziemlich ganz unten, in den weiter östlich schließlich auch die Tinée mündet und der selbst schließlich in Nizza ins Mittelmeer fließt. Hier jedoch wende ich mich in westliche Richtung; auf in die Provence!

Gorges inférieures du Cians Gorges inférieures du Cians
Gorges inférieures du Cians Felstor an der Pont de Gueydan

Ein paar Kilometer weiter, in Puget-Théniers, setzt der Regen jedoch erneut ein, und ich flüchte mich unter den zweifelhaften Schutz eines Wartehäuschens an einer Bushaltestelle. Da dessen Plexiglasmantel nicht bis ganz nach unten reicht, werden alle Wartenden – viele passen nicht drunter – von vorbei schwimmenden Autos nassgespritzt, bekommen zumindest nasse Füße. Ja, die Wassermassen auf der Straße sind beträchtlich, und einige Fahrer fürchten offenbar den Verlust der Navigationsfähigkeit infolge Aquaplanings kein bisschen, jedenfalls brettern sie durch das Wasser wie Speedboote. Und das Dach ist an einer Stelle ebenfalls durchschlagen; da bleibt man also auch nicht trocken. Schön ist das nicht; nur gut, dass ich nicht so rasch auskühle.

Der Regen legt sich diesmal nur langsam, was mich hoffen lässt, dass er danach nicht so bald wieder einsetzt. Dafür bleibt es allerdings auch grau; nicht mal die hier noch gar nicht so sehr hohen Berggipfel werden sichtbar. Interessant ist die Durchquerung eines der Bergmassive bei Entrevaux dennoch. Die Schichten haben sich um 60 oder 70 Grad geneigt und an einer ganz besonders harten hatte der Var offenbar ziemlich lange zu knabbern, bis er seinen Durchbruch hatte; diese Platte ist jedenfalls noch sichtbar, bis hinunter zur Straße.

An der Pont de Gueydan knickt der Var im rechten Winkel nach rechts ab – bzw., in Richtung seiner Fließrichtung gesehen, eigentlich im rechten Winkel nach links –, und mir ist, als entdeckte ich Spuren einer alten Eisenbahnbrücke. Was denn, hatten die in diesem Seitental mit seinen halsbrecherischen Engstellen auch mal eine Eisenbahn? Das jedoch wird später zu klären sein. Ich fahre derweil weiter nach Westen, unverändert den hier nicht gar so gewagt gespurten Chemins des Fer de Provence folgend, der Eisenbahn von Nizza nach Digne-les-Bains, die keineswegs zielstrebig von A nach B verläuft, sondern eher so den Eindruck einer irgendwann mal topmodern gewesenen Flanierstrecke vermittelt, um wer weiß wie viele Ecken und gar nicht so mit Grand Vitesse wie der TGV. Es möge ja keiner behaupten, es ginge heute mit dem Auto schnurgerade zu allen Zielen. Aber wohl doch deutlich flotter.

Felstor an der Pont de Gueydan Felstor an der Pont de Gueydan

Spätestens in Annot wird klar, dass nach all den Verzögerungen des heutigen Tages der kommende Pass, kein Schwergewicht, aber doch eben der la Colle St.-Michel, ca. 1000 Meter über meinem tiefsten heutigen Punkt liegend …, dass dieser Pass also der Ertrag des morgigen Tages werden muss und ich mich besser auf die Quartiersuche fokussieren sollte – die nicht ganz leicht wird. Das letzte halbwegs größere Dorf nahe der Strecke ist Méailles, laut Karte mit 100 Einwohnern, und dort fahre ich an einigen Bauerngrundstücken vorbei, inspiziere die Einsehbarkeit von Strohballendepots und sonstigen Angeboten, aber die Hunde wissen immer schon vorher, dass da ein Fremder kommt, und mich begeistern die Quartiere auch nicht so, wüsste ich doch wieder einmal nicht, was ich den Eigentümern antworten sollte, wenn sie mich – auf die eine oder andere Weise – fragen sollten: Was zur Hölle suchst du hier?

Nach einigen Zirkeln im und um den Ort finde ich dann jedoch ein Haus, in dem offenbar schon seit einigen Wochen niemand mehr ein- oder ausging, das etwas außerhalb liegt, sodass es keine Rolle spielt, wie gut seine überdachte Veranda einsehbar ist – und spät genug ist es außerdem. Dort, etwas oberhalb des Dorfes mit Blick auf die Kirche und die gegenüber liegende Seite des Tals, auf der es morgen zum Pass gehen soll, mache ich Halt und schlage mein Lager auf.

LaVaire-Tal

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