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28. Mai 28. Mai30. Mai 30. Mai

29. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Ich erwache kurz vor sechs und denke mir bald darauf, dass es vielleicht eine gute Idee sei, auf einem Bahnhof nicht allzu lange herumzuliegen, zumal wochentags. Keine fünf Minuten später fährt der erste Triebzug ein, Desiro-Format, aber wohl ein italienisches Produkt, allerdings auf dem anderen Gleis. Auf »meinem« Bahnsteig läuft also niemand herum. Die Züge werden offenbar von der FS betrieben, was nicht weiter verwunderlich ist, denn sie kommen aus Italien und fahren vermutlich über Sospel hinaus auch wieder nach Italien bis an die Küste. Die Linie wurde 1928 in Betrieb genommen; da müssen sich Franzosen und Italiener also noch ganz gut verstanden haben, denn anders ergibt eine Strecke, die von Italien nach Italien durch Frankreich verläuft, keinen Sinn. Aber irgendwann bald darauf war es mit der Brüderlichkeit vorbei, und es heißt, dass eine der vielen Brücken, über die die Bahn fährt, das Viadukt von Saorge, in den Kriegsjahren volle dreimal zerstört wurde, einmal von den Italienern quasi beim Angriff, dann, nachdem sie sie wieder repariert haben, vor dem deutschen Einmarsch ein zweites Mal und schließlich, nach der provisorischen Reparatur durch die Deutschen, ein drittes Mal im Rahmen deren üblicher »Strategie« der »verbrannten Erde«. Und das Tolle daran ist: Es hat jedes Mal Arbeitsplätze geschaffen!

Bahnhof Fontan-Saorge Bahnhof Fontan-Saorge

Ich packe rasch zusammen, gönne mir ein paar Happen Frühstück und breche auf nach Saorge. Dieses Dorf, das fast wie ein Schwalbennest am Berg klebt, hatte mich schon 1999 beeindruckt, als ich die Roya herauf kam. Ich fragte mich damals, wie seine Bewohner wohl hinauf oder wieder herunter kämen. Diese Frage soll heute beantwortet werden, und die Tatsache, dass ich an einem Bahnhof übernachtet habe, kommt mir bei der Suche nach der Antwort sehr entgegen, ja, sie ist schon ein Teil der Antwort, denn der Bahnhof lautet Fontan-Saorge, bindet also beide Dörfer an, das eine im Tal und das andere am Berg, und er liegt quasi auf halber Strecke zwischen beiden; viel zu klettern, hinauf ins Bergdorf, gibt es also gar nicht mehr für mich.

Auf der Fahrt hinauf komme ich durch einen Tunnel, und hinter dem Tunnel geht rechts ein ganz unscheinbarer Weg ab, den ich erst ein paar Meter weiter bemerke, als ich die Serpentinen erblicke, auf denen er sich ins Tal schlängelt. Aha, ein alter Zugang, einer ohne Tunnel. Gar nicht so steil, müsste man mal ausprobieren. Aber nicht unbedingt. Wer weiß denn, ob man wirklich bis ganz hinunter kommt und ob dort noch eine Brücke über die Roya existiert.

Frühere tunnelfreie Auffahrt nach Saorge von oben Cairos-Tal

Ein Bus überholt mich. Gute Anbindung. Na ja, ich weiß ja nicht, wie oft er täglich fährt, aber rentabel ist das bestimmt nicht, diese kleinen Käffer wegen ein paar Leuten mit so einem großen Gerät anzufahren. Die Busfahrerin bedankt sich, weil ich sie in einer unübersichtlichen Kurve vorbeiwinke, denn bergan bin ich mit meinem geringen Tempo ein echtes Hindernis.

Das Dorf stellt sich als Sackgasse dar. Für den Bus und für alle zweispurigen Fahrzeuge stimmt das auch, aber Mopeds und Fahrräder kommen in einer engen Gasse weiter – der einzigen, weshalb man sich nicht großartig verfahren kann bzw. beim Experimentieren keine große Auswahl hat. Aus dem schattigen Dämmerlicht komme ich nach ca. 200 Metern allmählich wieder ans Licht. Mensch, ist das verwunschen hier! Ich mag mir nicht vorstellen, wie die Südfassaden im Juli/August in der Sonne glühen, zumal sich das Dorf wie ein Brennspiegel der Sonne des frühen Nachmittags zuwendet, aber in den Gassen mag es auszuhalten sein. Was kommt jetzt noch?

Roya-Tal Saorge und Cairos-Tal
Saorge Saorge

Am südöstlichen, oberen Ende des Dorfes soll ein Kloster liegen. Eine Anlage gibt es dort auch, aber ob da noch irgendwelche geistliche Aktivität stattfindet, erschließt sich dem Betrachter von außen nicht. Still und unbewegt liegt das Areal, ja fast das gesamte Dorf, noch sehr schräg, mit langen Schatten und zurückhaltend von der steigenden Sonne beschienen, und man mag sich gar nicht vorstellen, dass in Nizza zur selben Zeit die morgendliche Rush-Hour über die Bühne geht.

Von hier aus kann ich das Tal des Caїros sehen, also dasjenige, in das ich als nächstes fahren will und das nach Maßstäben von 1:200.000 eine Sackgasse ist. Doch ich habe ein Blatt mit doppelter Vergrößerung; da sind ein paar mehr Details drauf und auch ein paar Forstwege. Auf denen will ich wandeln. Na ja, es wird ein Pedalieren über Stock und Stein sein, nehme ich an. Das sind Fahrwege, aber im Nationalpark darf man da nicht zu viel Komfort erwarten.

Roya-Tal Kirche südlich von Saorge
Saorge frühere tunnelfreie Auffahrt nach Saorge von unten

Von dieser Seite des Dorfes aus gibt es eine andere Straße ins Tal, und von ihrem Fußpunkt aus muss ich ein kurzes Stück wieder flussaufwärts fahren, um zum Abzweig zu gelangen. Dabei fahre ich unter dem Viadukt von Saorge hindurch; wahrhaftig, es sieht aus wie 3x wieder aufgebaut: ein funktionaler Stahlbetonbau ziemlich weit oben ohne jede Feldsteinrundbogenromantik. Außerdem sehe ich den unteren Teil des Weges, der vorhin, kurz nach der Ausfahrt aus dem Tunnel, von der Straße abgebogen war. Na ja. Theoretisch wäre da wohl was machbar gewesen, aber das hat offenbar schon lange kein Mensch mehr probiert.

Neben dem Caїros geht es ordentlich aufwärts; Aufsteiger werden nicht auf später vertröstet. Aber es gibt hier wenige Ambitionierte. Schon einen Wohnsitz in diesem Tal zu haben kann in gewisser Weise als außergewöhnlich gelten: Es gibt nur wenige Grundstücke, und die Häuser darauf wirken teils wie Wochenendbehausungen, teils wie »Bewohner mögen nicht mehr wegziehen«, teils verlassen. Aber zur Relativierung sei hinzugefügt: Es gibt viele solcher Täler, und dieses kann noch als geradezu flach gelegen gelten. Man kommt sich eben nur irgendwie wie am Ende der Welt vor.

Direkt neben der Straße verläuft ein kleiner Kanal. Es ist beileibe kein stehendes Gewässer, sondern eher ein reißender kleiner Bach, aber er ist kilometerlang in Beton eingefasst. Wer macht sich solche Arbeit und wofür? War das mal die Trinkwasserversorgung für die Grundstücke, diese von oben beliefernd und damit auch zugleich mit dem zweckmäßigen Wasserdruck? Oberflächenwasser? Na ja, wer sonst nichts hat, und das Graben von Brunnen ist im Gebirge vermutlich ein sehr hartes Geschäft. Vielleicht ist es ja auch nur für die Gartenbewässerung.

Es gibt aus diesem Tal keinen Ausweg, es sei denn, man verzichtet auf asphaltierte Straßen. So sagt es die Karte. Das Tal teilt weitere Einschränkungen mit, es sei denn, man ignoriert diverse Verbotsschilder. Dies hier ist der Mercantour-Nationalpark, und da kann es schon passieren, dass auch Forstwege in leidlich gutem Zustand für Fahrzeuge aller Art gesperrt sind und dass außerdem Tafeln mit zweifelsohne international verständlichen Piktogrammen, ergänzt um englische und natürlich französische Erläuterungen, das Zelten, selbstverständlich das Entzünden von Feuern, das Wegwerfen von Müll etc. verbieten. Klar so weit. Und dann steht da ein Bild von einem Fahrrad mit sehr markantem Reifenprofil – ohne weiteren Kommentar. Das steht für VTT – vélo tout terrain, also Mountainbike, gar keine Frage. Habe ich so ein Fahrrad? Nein. Mein Profil ist sogar schon ausgesprochen abgefahren, vor allem hinten. Also geht mich das nichts an. Ich hoffe darauf, dass die Ranger in der Vorsaison was anderes zu tun haben, als einen harmlosen Radfahrer zu jagen.

Kurz vor dem Erreichen des Endes des Asphalts sehe ich am linken Straßenrand ein Auto, und ein nicht mehr ganz junges Paar steigt in Stiefel, um sich wandernd und mit Karte bewaffnet auf den Weg zu machen. Wohin, beachte ich nicht. Das soll sich als Fehler erweisen. Denn ich dringe nun bis zum Ende der Straße vor, stelle dort fest, dass ich die Legalität verlasse und sogleich mit Schotter und verschärftem Anstieg bestraft werde. Ach was, das gehen wir ganz ruhig an und hoffen darauf, dass bald der Abzweig nach links kommt, also nach Süden, der Abzweig in den Forêt de Caїros. Eigentlich hätte er ja schon gekommen sein müssen, wenn die Karte präzise ist. Wenn ich den Abzweig aus irgendeinem Grunde verpasst haben sollte, führt dieser Weg hoch in die Berge und endet dort vermutlich an einer Schäferei.

Fahrweg am Ende des Cairos-Tals Cairos-Tal
Fahrweg am Ende des Cairos-Tals Blick vom Forêt de Cairos nach Norden

Ich fahre an einem Haus vorbei, das das Kriterium der Abgelegenheit nun im Quadrat erfüllt. Selbstverständlich fahren hier zweispurige motorisierte Fahrzeuge lang – warum sollte es sonst einen zweispurigen Fahrweg geben? Aber die werden wohl entweder besonders renitent sein oder eine Ausnahmegenehmigung für den Park haben müssen. Ich erblicke keine Menschenseele, suche aber auch nach keiner. In Serpentinen geht es nach oben, und meine Zweifel daran, dass ich hier noch richtig bin, verstärken sich.

Motorengeräusche werden hörbar. Ich steige lieber ab. Das Schieben von Fahrrädern wird ja wohl erlaubt sein. Nach wenigen Sekunden biegt ein Kleinlaster um die Ecke. Handwerker. Sie freuen sich, dass ich ihnen so devot Platz mache, und grüßen. Die jagen keine illegalen Radfahrer. Ich kurbele weiter. Noch eine Serpentine und noch eine. Das Hinterrad rutscht auf dem Schotter durch. Jetzt reicht’s! Das ist definitiv der falsche Weg. Danke für den Ausblick! Ähnlich langsam, wie ich hoch kam, stuckele ich wieder nach unten. An eine rasche Abfahrt ist auf diesem Untergrund nicht zu denken. Dafür habe ich in die Bodenhaftung und zudem in meine Bremsen nicht genügend Vertrauen.

Unten an der Straße wieder angekommen stärke ich mich erst mal und inspiziere einen Abzweig. Der führt als schmaler Pfad über eine Brücke, und was sich dahinter anschließt, ist bei viel gutem Willen als Wanderpfad zu interpretieren. Mit dem Fahrrad, gar noch mit Gepäck, ist da kein Stich zu machen. Das kann’s doch auch nicht sein. Also weiter zurück! Ich hatte mich bei der Einfahrt in das Tal bereits dagegen gewappnet, auf unüberwindliche Hindernisse zu treffen; folglich verdirbt mir das noch nicht die Laune. Und die Hoffnung habe ich noch nicht aufgegeben.

Dann komme ich zu dem Auto, von dem aus die beiden Leute zu ihrer Wanderung aufgebrochen waren, und siehe da: Breit, fast wie ein Scheunentor, zweigt dort ein Weg hinunter zum Caїros ab, überquert ihn auf einer soliden Brücke, und ebenso unübersehbar geht’s auf der Südseite mit zivilem Anstieg und in akzeptabler Wegequalität nach Südosten den Hang hinauf. Einen langen, hohen Hang. Hinauf ins Gebirge wäre wohl treffender formuliert. Der Abgleich mit der Karte sagt mir: Das hätte ich früher sehen können. Alles passt. Aber verboten ist die Passage hier genauso. Also, jedenfalls nicht so richtig erlaubt.

Blick vom Forêt de Cairos nach Norden, Detail Blick vom Forêt de Cairos nach Osten
Blick vom Forêt de Cairos aufs Mittelmeer Blick vom Forêt de Cairos nach Osten

Aber es gibt »noch verbotenere« Wege. Nach einigen Kehren zweigt ein solcher scharf rechts ab, versperrt jedoch und verschlossen durch eine hölzerne Schranke, und auf diesem Weg war anscheinend schon eine Weile niemand mehr unterwegs, jedenfalls liegen dort so einige größere Steine herum, die wohl von weiter oben gerollt gekommen waren. Das sieht immer wieder eindrucksvoll gefährlich aus, und man denkt dann vielleicht, wie klug man doch den eigenen Weg gewählt habe, weil dort keine Steine herumliegen und dass hier folglich keine Gefahr bestehe – dabei werden die hier wahrscheinlich einfach nur weggeräumt, im einfachsten Fall von jenen Fahrern, die sich durch die Steine an der Weiterfahrt gehindert sehen.

Hier und da sieht man gestapelte Baumstämme. Das wird kein billiges Holz, wenn man dafür so weit hinauf in die Berge muss. Aber es spricht dafür, dass gelegentlich auch schwerere Fahrzeuge diese Wege benutzen. Na ja, was sonst – andernfalls wären es wohl nur Trails.

Irgendwann komme ich oben an. Oben – das ist so eine Art Pass. Der hat zwar keinen Namen, aber es ist eben ein Sattel, und auf beiden Seiten hat er nicht nur eine, sondern zwei Zufahrten, jeweils einen von Westen und einen von Osten, leicht nördlich auf meiner Seite und leicht südlich auf der anderen. Weil die Karte die östlichen Wege als nahe dem Tinée-Tal miteinander verbunden ausweist, hoffe ich auf einen Blick von ziemlich weit oben nach ziemlich weit unten und beschließe, auf der Nordseite zu bleiben, den Pass also nicht zu überqueren. Gesagt, getan. Leider geht’s nun erst mal wieder abwärts, leider besonders deshalb, weil über Stock und Stein. Abfahrten auf Schotter mag ich nicht, denn da kann man sich nicht einfach den Wind um die Ohren blasen lassen. Das wäre in den Kurven zu gefährlich, irgendwann auch auf gerader Strecke, und Reifen, Schlauch und Felgen mögen es auch nicht, wenn sie bei Tempo 50 einem Stein mit mehr als drei Zentimetern Durchmesser begegnen. Leider aber auch deshalb, weil ich alles, was ich jetzt absteige, bis zur erneuten Begegnung mit dem Pass wieder werde aufsteigen müssen. Aber dafür bin ich schließlich ins Gebirge gefahren: fürs Klettern.

Meine Erwartung wird enttäuscht. Den Blick auf das Tinée-Tal versperrt ein Buckel, man könnte auch sagen eine bucklige Terrasse, jedenfalls eine Formation vielleicht 100 Meter unterhalb des Weges, und ob es von deren östlicher Kante aus dann optisch unverstellt in die Tiefe geht, steht noch dahin. Jedenfalls verlasse ich meinen Weg nicht, um das zu erkunden; da ergeben sich wohl noch genügend andere tolle Ausblicke. Nun geht es also langsam wieder hinauf.

Kurz vor Erreichen des Passes, praktisch schon wieder auf »Zielhöhe«, begegne ich einer Schafherde. Ein paar Tiere trotten auf dem Weg, die meisten grasen im Gebüsch rechts hangaufwärts, jedenfalls werde ich kaum behindert. Am Ende der Herde sehe ich eine Schäferin, eine junge Frau zwischen 20 und 30. Ich stelle mir die Frage, wie man Schäferin wird. Nein, genauer gesagt: warum man das wird, warum sich jemand entschließt, das zu tun. Ich kenne einen Mann, der ist promovierter Theologe, Pfarrer, andernorts auch Pastor genannt, also wenn man so will, von Berufs wegen Hirte von Herden »ganz spezieller« Schäfchen. Und der hat eines Tages anlässlich eines Aufgabenwechsels – vielleicht war es auch schon der anstehende Ruhestand – seinen Ranzen gepackt und ist mit einem Schäfer über die Lande gezogen, obdachlos zumindest für Wochen. Dann wurde er sesshaft, übernahm wieder eine Pfarre mit »menschlichen Schäfchen«, hielt aber nebenbei noch die tierischen Schafe – andere natürlich als vorher auf seiner Wanderschaft –, wofür er unchristlich frühe Aufstehzeiten und unakademisch dreckige Arbeit auf sich nahm. Und das Ergebnis dieser Arbeit? Schafwolle, die man kaum noch los wird, Fleisch mit nicht besonders guter Ökobilanz (da Schafe Widerkäuer sind), Umgang mit Tieren, die nach meinem Eindruck weitaus blöder sind als Hunde oder Pferde – aber gut, deren Fleisch isst man hierzulande auch nicht so häufig wie andernorts – also, ich würde sagen, eine unattraktive und schlecht bezahlte Arbeit. Da könnte mich mal ein Schäfer über seine Motive aufklären. Vielleicht sind die meisten in einer Situation vergleichbar der von Mitarbeiterinnen einer Putzkolonne: Deren Arbeit wirkt auf mich auch nicht attraktiv, und gut bezahlt ist sie ebenfalls nicht. Aber sie bekommen keine andere, weil ihnen die Zeugnisse dazu fehlen. Und wahrscheinlich können die meisten solche Zeugnisse auch nie erwerben.

Wieder am Pass angekommen beschließe ich eine Pause und genieße zunächst die Aussicht, wenn schon nicht ins Tinée-Tal, so doch aufs Mittelmeer. Die Horizontlinie ist deutlich erkennbar. Oftmals verschmelzen Meer und Himmel ja zu einem Grau, das den Übergang nicht erkennen lässt – auch bei herrlichem Sonnenschein. Heute nicht. Das Blau oben und das unten unterscheiden sich klar voneinander. In das Blau am Himmel mischt sich ein rötlicher Ton. Abends wäre das verständlich; tagsüber jedoch … Ich tippe auf Wüstenstaub in der Atmosphäre. Im Frühjahr waren südlich von Neapel alle Autos nach einem starken Regen mit einer rötlich-braunen Dreckschicht überzogen gewesen, die so dünn war, dass man damit noch fahren konnte, aber so dick, dass der Unterschied zu frisch gewaschenen Fahrzeugen deutlich erkennbar war. Vielleicht war wieder mal so ein Samum über die Sahara gezogen, und kein Regen hatte die Atmosphäre über dem Mittelmeer gereinigt.

Breil-sur-Roya Breil-sur-Roya, Detail
Blick vom Forêt de Cairos nach Westen Blick vom Forêt de Cairos nach Süden

Direkt an der Kreuzung der vier Wege sind ein kleiner Unterstand und eine Bank. In meinem Gepäck krame ich nach Dingen, die weg müssen. In der linken Tasche steht das Wasser. Gibt’s ja wohl nicht! Wie denn das? Offenbar ist eine Flasche undicht geworden; ich frage mich nur, wodurch. Meine Speichen transportiere ich seit einiger Zeit in einer separaten, etwas zerknüllten Flasche (damit sie nicht so viel Volumen beansprucht), deren Deckel und Boden aber immerhin so stabil sind, dass ich hoffen kann, dadurch die Tasche gegen Durchstiche zu schützen, aber auch benachbartes Gepäck innerhalb der Tasche. Und diese Flasche ist auch unversehrt. Die andere aber nicht mehr. Immerhin ist offenbar die Packtasche so dicht, dass daraus nichts ausgelaufen ist. Doch weiter will ich dieses ja nun nicht mehr trinkbare Wasser nicht schleppen. Man muss es positiv sehen: schlagartig weniger Gepäck. Ich sehe keine Getränkenot auf mich zukommen, auch wenn ich nicht weiß, wie weit es bis zur nächsten Einkaufsmöglichkeit ist. Aber so heiß ist das Wetter ja nicht, und ich argwöhne ohnehin, dass ich an manch trägem Bürotag mehr Flüssigkeit zu mir nehme als auf diesen Touren.

Der weitere Weg wird wildromantisch. Was bin ich froh, dass ich diese Qualität bergauf habe! Der Schotter ist wirklich übel grob, und eigentlich ist es gar kein Schotter, sondern unorganisiertes Geröll. Es geht auch ganz nett aufwärts, und das Romantische daran sind die sprossenden Eichen – jedenfalls denke ich, dass dieses zarte Gelbgrün Eichen sind, denn um sicher gehen zu können, müssten die Knospen schon etwas weiter sein, aber hier oben und im Mai … – und die Einsamkeit: Kein Schwein weit und breit. Auch die Schafe und die Schäferin lasse ich hinter mir, alle Wanderer sind woanders, und alle übrigen, die zwei oder vier Räder haben, respektieren entweder die Nationalparkschilder, toben sich gerade woanders aus oder machen ganz was anderes.

Der Weg nähert sich von Süden her immer mal wieder dem Kamm, und von dort aus kann man versuchen, ins Caїros-Tal zu gucken, aber zumindest dessen Grund ist von Bäumen verdeckt. Seine Nordseite freilich und die Berge, die sich darüber erheben, sind gut zu sehen, und besonders gut ist das Mistwetter erkennbar, das sich dort gerade entlädt. Gut, wenn man stattdessen gerade hier ist, ein paar Kilometer von den Schauerfronten entfernt. Weiter im Nordosten, an den Flanken des Roya-Tals, beginnen wenig oberhalb meiner Position die Schneefelder. Ja, es ist ein kühler Mai und ein niederschlagsreicher zudem. Aber solange ich den Regen nicht direkt abbekomme und nicht durch den Schnee stapfen muss, soll es mir recht sein.

Weg im Forêt de Cairos nach Westen Forêt de Cairos
Blick vom Forêt de Cairos nach Südosten Blick vom Forêt de Cairos nach Südosten
Blick vom Forêt de Cairos nach Norden Blick vom Forêt de Cairos nach Norden, Detail
Blick vom Forêt de Cairos nach Nordosten Blick auf den Forêt de Cairos nach Nordosten
schlechtes Wetter, aber woanders alte Festungsanlagen vor Cairos-Tal
alte Festungsanlagen vor Cairos-Tal, Detail Licht und Schatten

Der Weg geht bis auf 2000 Meter hinauf. Dort liegt noch Schnee, wenngleich nur rechts und links der Piste. Hier sind ein paar Autos unterwegs, deren Fahrer entweder den Pass oder die in seiner Nähe befindlichen Hinterlassenschaften des Ersten Weltkriegs besichtigen wollen. Man schaut sich das an, und angesichts der häufig schönen Aussichten könnten man fast auf den Gedanken verfallen, dass ein Einsatz im Gebirge für Naturliebhaber doch eine vergleichsweise … – nun ja …, nicht so schlecht getroffene Variante gewesen sein könnte. Doch weit gefehlt. Es ging auch hier zum Sterben, hunderttausendfach, und der größte Gegner war nicht der Soldat auf der anderen Seite des Tals, sondern die Winterkälte und die Anstrengungen bei der Schlepperei all dessen, was dort oben gebraucht wurde, denn dabei halfen kein Auto und erst recht kein Hubschrauber.

nahe dem Col de Turini, Blick nach Süden Blick nach Südwesten Richtung Col de Turini
Nahe dem Col de Turini, Blick nach Süden Abfahrt vom Col de Turini Richtung Westen

Von dort oben geht es abwärts zum Col de Turini. Normalerweise fährt man zu einem Pass ja hinauf, aber er ist ja definitionsgemäß die niedrigste Verbindung zweier Täler, weshalb es auch höhere Lagen in den umgebenden Höhenzügen geben muss, und von einem solchen führt die Straße – jetzt ist der Untergrund nämlich asphaltiert – hinunter zum Pass.

Abfahrt vom Col de Turini Richtung Westen La Bollène-Vésubie

Soweit ich mich entsinne, habe ich diesen Pass bislang erst einmal überquert, nämlich 1999. Er ist weder besonders hoch noch irgendwie spektakulär. Und weil ich heute noch einiges vor habe, trete ich noch mal nach, um die Abfahrt nach Roquebillière zu forcieren. Da dieser Ort an der Vésubie liegt, geht es weit hinab. Inzwischen hat die Sonne wieder einmal die Oberhand gewonnen, und so im Sonnenschein nach unten – dagegen lässt sich kaum etwas einwenden, wenngleich ich weiß, dass noch einmal knappe 1000 Höhenmeter auf dem kürzesten Weg ins Tinée-Tal vor mir liegen, und es gibt keine Brücke, die mir die erspart.

In Roquebillière gibt es einen Supermarkt, einen Shopi, der zur Carrefour-Kette gehört, und dort beschließe ich eine Aufstockung meiner Vorräte. Der Laden hat sagenhaft viel Personal; die ganze weibliche Jugend des Ortes scheint hier Praktikumsstellen zu haben, denn anders als so oder durch Hungerlöhne ist ein solcher Personalbestand im kostendeckenden Betrieb nicht zu erklären. Klar, die Preise in den meisten französischen Supermärkten können nicht mit dem Niveau bei deutschen Discountern konkurrieren, aber das erklärt sich schon dadurch, dass sie aufgrund der geringen Bevölkerungsdichte hier im Gebirge nicht solche Umsätze wie diese generieren können. Das heißt in meinen Augen jedoch nicht, dass sie mehr Personal benötigen würden, es sei denn, es sind überwiegend keine Profis. Wie dem auch sei – sie sind da, und einige der Mädels sind ausgesprochen gut aussehend. Zur Mahlzeit sollte ich aber wohl eher auf den Parkplatz ausweichen, und dort muss ich mich mit der Kundschaft begnügen, und das ist sozusagen der Rest der Bevölkerung, denn Touristen sind in diesen Tagen immer noch die Ausnahme.

Bis St. Martin geht es ständig leicht aufwärts, flussaufwärts entlang der Vésubie. In der Zwischenzeit ziehen sich am Himmel hier und da ein paar Wolken zusammen und veranstalten ein bisschen Theater. Jedenfalls lässt es sich von hier aus gut ertragen, wenn dort, wo ich vorhin einkaufen war, gerade ein dichter Regenvorhang niedergeht, begleitet von Blitz und Donner. Ich studiere derweil die Karten. Mein Plan ist, heute noch St. Sauveur-sur-Tinée zu erreichen, einen der Dreh- und Angelpunkte der südostfranzösischen Alpen. Aber die Strecke bin ich schon mal gefahren. Es wäre reizvoller, irgendwo auf Pisten durch die Berge zu klettern. Na ja, was heißt »durch die Berge«? Der »konventionelle« Weg, die M2565, geht immerhin in Colmiane, also am Pass, auch bis auf ca. 1500 Meter hoch. Aber es ist keine Piste, sondern eine gepflegte Asphaltstraße, von der aus man sich St. Martin aus 1000 und einer Perspektive ansehen kann. Nein, ich meine einen Weg, der von St. Martin erst nach Norden, dann nach Nordosten verläuft, zunächst vielleicht auch noch asphaltiert ist – aber das zu testen habe ich zu so vorgerückter Stunde und vor allem bei dem Wetterszenario über den Bergen nicht den Mumm (vielleicht bin ich auch zu weise dafür ;-)) –, dann jedoch garantiert nicht mehr, wenn es vom Lac du Boréon aus nordwestlich weiter geht. Man kann es auf den Karten wie auch bei Google verfolgen: Die Linien werden immer dünner und schließlich sogar gestrichelt; ich würde sagen: festes Schuhwerk dringend empfohlen und Fahrräder, auch leichte, eher nicht im Handgepäck. Das ist nichts in einem Szenario, in dem ein Fahrrad, ein schweres zumal, eine tragende Rolle übernimmt. Mut in allen Ehren, aber Leichtsinn … – das erinnert mich doch irgendwie an eine Begebenheit im Nationalpark Gran Paradiso aus dem Jahre 2005, bei der ich, von Aosta aus nach Südwesten fahrend, das Tal bei Villeneuve nach Süden verließ, dem Torrente Savara folgend, ausgestattet mit einer vagen Zuversicht, es könnte eine fahrradtaugliche Verbindung zur SP50 geben, zum Lago Agnel und zum Lago Serrù, und wenn man der SP50 dann wieder nach Osten folgt, gelangt man nach Cuorgnè und Rivarolo Canavese usw. Jedenfalls hatte ich das Terrain im Vorfeld kartografisch sondiert, und die Belastbarkeit der These von der durchgehenden Straße war gering, am geringsten bei Google. Ich wagte es dennoch, nicht zuletzt deshalb, weil in einem Outdoor-Laden in Aosta eine Geländereliefkarte aushing, die ganz eindeutig eine durchgehende Straße zeigte, und weil der Inhaber des Ladens auf Nachfrage bestätigte, es gebe diese Straße tatsächlich, und machte die bemerkenswerte Erfahrung einer Übernachtung auf der Alm, sah am nächsten Morgen zum ersten Mal einen Steinbock in freier Natur und lernte, dass richtig steile Passagen dreimal zu klettern waren: einmal fürs Fahrrad und zweimal fürs Gepäck. Aber damals war gutes Wetter, jedenfalls bis zum Morgen, und da ich nicht noch mal nach Aosta zurück kam, überlebte der Ladeninhaber seine dreiste Lüge, und das mit dem guten Wetter ist jetzt nicht der Fall, und das käme verschärfend hinzu, und im Augenblick brauche ich es nicht verschärft. Ich brauche möglichst lange anhaltendes Sonnenlicht, wobei es sich damit oben am Pass bereits erledigt hat.

Saint-Martin-Vésubie Regen im Vésubie-Tal
Saint-Martin-Vésubie, Cime de la Palu Saint-Martin-Vésubie
Saint-Martin-Vésubie Saint-Martin-Vésubie, Blick nach Nordosten

Blick über Saint-Martin-Vésubie nach Südosten

Aus den Bergen kommen von der Seite, ähnlich wie ich selbst am Pass zuvor, Radfahrer, Mountainbiker, gleich in Gruppen, und Ordner weisen den zum Teil recht erschöpften Gestalten den Weg. Was so ein rechter VTT-Fahrer ist, der nimmt auch dann nicht die Straße, wenn es der kürzeste Weg zum Ziel ist oder die Arme schon weich sind. Nach einigen Hundert Metern Weiterfahrt sehe ich, worauf das Ganze hinausläuft: Man sammelt sich auf einem Campingplatz nahe dem Pass, dem Camping Municipal de Valdeblore. Hm, dort würde ich jetzt auch gern dazu stoßen, aber dagegen sprechen einige Gründe: Erstens ist mein Französisch miserabel, zweitens habe ich ein Ziel, das ich heute noch erreichen will, drittens passe ich weder von der Fahrzeuggattung noch vom Alter dazu, und viertens gehöre ich nicht dazu. Ja, und fünftens könnte man fragen: Was willst du da eigentlich?

Also fahre ich weiter, passiere im Ort, also in Valdeblore, ein Gymnasium, was mich zur Frage führt, wie die das eigentlich im Winter organisieren, denn da herrschen ja hier oben sicherlich auch Schnee und Glatteis, aber das ist eine Frage, die allerorten in den Alpen beantwortet werden muss, egal, ob es nun die Grundschule, die Oberschule oder irgendein Arbeitsplatz ist.

In der Dämmerung werden alle malerischen Abfahrten blaugrau, verlieren damit – zumindest aus meiner Sicht – ziemlich an Reiz und gewinnen an Tücke. Andere Verkehrsteilnehmer sieht man in der hereinbrechenden Dunkelheit eher früher, nämlich auch hinter Kurven, weil sie sich durch ihren Lichtkegel verraten. Aber das kompensiert nicht die Risiken, die tagsüber, bei guter Beleuchtung, viel früher gesehen werden. Da wäre z.B. Schutt oder Sand aus Steinschlag, der vorzugsweise in Kurven liegt und ein deutlich herabgesetztes Tempo gebietet. Mit Scheinwerfern nach deutscher StVZO, 20 kg Zuladung und 10 Prozent Gefälle sollte man da Tempo 40 nicht überschreiten und Kurven sowieso deutlich langsamer angehen. Unter all diesen Randbedingungen verrutscht eine späte Abfahrt von der Haben- auf die Sollseite. Aber irgendwann ist man dann doch unten.

Tinée-Tal

Das Tal der Tinée ist hier am uninteressantesten, wenn man mal von den letzten 30 km vor Nizza absieht. Aber jetzt will ich ja auch nur noch nach St. Sauveur. Kurz vor Erreichen des Dorfes erlange ich Gewissheit bezüglich einer schon seit einigen Tagen gehegten Befürchtung: Der Bonette ist zu. Sogar der Col de Lombarde, der noch 400 Meter niedriger liegt, ist gesperrt. Da ich heute auf über 2000 Metern unterwegs war, wo es nur noch an einer Stelle links und rechts der Straße nennenswerte Schneemengen gab, verstehe ich nicht ganz, was 300 Meter höher für substanzielle Probleme vorhanden sein sollen. Aber der Col de la Bonette – das ist eine andere Kategorie; wenn da Niederschlag fällt, dann vermutlich meist als Schnee, und alles, was ich gestern und heute in dieser Höhenlage gesehen habe, war schneebedeckt. Wenn also niemand den Ehrgeiz hat, die Piste frei zu kriegen, dann ist sie es nicht. Und man muss auch fragen, für wen. Ich stelle erstaunt fest, dass wirklich sehr wenig Autoverkehr ist, gemessen an dem, was ich auf früheren Reisen in Frankreich erlebt habe. Aber es sind halt keine Ferien, und Urlauber aus dem Ausland sind auch noch ziemlich rar; ich habe bislang, also in den letzten anderthalb Tagen, bestimmt keine fünf Autos mit deutschem Kennzeichen gesehen. Eigentlich erstaunlich bei dem häufigen Mistwetter in Deutschland; da sollte man doch annehmen, dass die Teutonen in wärmere Gefilde fliehen. Aber vielleicht liegen sie ja alle an der Cote d’Azur, und ich habe mich getäuscht.

Schon zum dritten Mal bin ich nun schon hier, in diesem Alpenkaff, wahrhaftig nicht um die Ecke von Erlangen gelegen. 1999 kam ich hier gegen halb elf in der Nacht an, legte mich irgendwo an der Tinee auf eine Bank – ja, damals konnte ich so noch schlafen, und ich weiß nicht einmal, ob ich da mehr als so eine »Lebensretteralumatte« unter mir hatte, aber besonders gut war die Nacht tatsächlich nicht –, und das war’s dann an Ortserkundung. 2005 kam ich von Westen her, von Valberg, den Berg herunter. Es muss etwas zeitiger gewesen sein, aber während der Abfahrt wurde es ebenfalls dunkel, sodass ich mal so auf 22 Uhr tippe. Ich habe hier dann allerdings nicht Halt gemacht, sondern bin gleich weiter nach Isola gefahren; das war damals so ein Hardcore-Trip, ständig die Berge rauf und runter. Ja, und heute treffe ich auch erst nach Sonnenuntergang hier ein, aber immerhin ist es noch nicht dunkle Nacht. Der Platz ist fast der gleiche wie beim ersten Mal, ich habe aber nicht den Ehrgeiz, das Original zu finden, denn unter freiem Himmel schlafe ich nur, wenn das Wetter sicher ist, aber wiederum auch kein klarer Himmel ist, damit mich der Morgentau nicht erwischt – und wann ist unter den Umständen wie derzeit das Wetter schon mal sicher?

28. Mai 28. Mai30. Mai 30. Mai