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28. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Das mit der störungsfreien Nachtruhe muss man relativ sehen. Relativ ist die Nacht. Als die nämlich vorbei ist, also der Morgen graut, ist es auch mit der Ruhe vorbei. Motorisierte Reinlichkeitsfanatiker machen sich auf Wegen und Straßen unten mit Heulaggregaten und Kehrfahrzeugen zu schaffen, und dass keiner der Anrainer sein Sturmgewehr herausholt, liegt wohl allein daran, dass keiner eines hat. Ich auch nicht. Vielleicht kommen wir eines Tages dahin, dass auch das letzte Gebläse nur noch funktioniert, wenn es GPS-, GSM- und Internetanbindung hat, und dann könnte man es eventuell mit einem Jammer lahmlegen. Aber bis dahin drehen ihre Bediener und Benutzer ihre Kreise, ihrerseits mit Kopfhörern abgeschirmt.

Ich habe keine solchen Kopfhörer und ziehe mir den Schlafsack über die Ohren. Aber der mag wohl wärmedicht sein, jedoch nicht schalldicht. Und als dann noch gegen sechs Uhr in einem vielleicht 20 Meter entfernten Fenster ein Mann auftaucht, der mich entdeckt zu haben scheint und einen unwilligen Eindruck erweckt, beschließe ich, die Nacht auch meinerseits zu beenden, sonst kommt der noch an und stellt irgendwelche unverständlichen Fragen. Was macht der um diese Zeit schon hier?! Der Laden öffnet doch bestimmt nicht vor acht.

Kurz nach neun möchte ich in Milano Centrale im Zug sitzen, und die einzigen beiden Informationen, die ich in Bezug auf Mailand habe, sind eine Himmelsrichtung und eine vage Entfernungsangabe. 40 Kilometer könnten es ungefähr sein, im konkreten Gewirr der Straßen gerne auch etwas mehr. Es kann nicht schaden, jetzt schon aufzubrechen.

Die Fahrt nach Mailand ist unspektakulär und ohne jeden landschaftlichen Reiz. Angesichts des Zeitrahmens und der Tatsache, dass das hier quasi Transitgebiet auf dem Weg zu meinem Urlaubsziel ist und keineswegs schon das Ziel selbst, verzichte ich darauf, stillere, vielleicht sogar ruhige Strecken zu suchen. Ich folge einfach den Schildern. Andernfalls würde ich nicht die Genugtuung erleben, über mehr als zehn Kilometer schneller als alle Kraftfahrer zu sein, die in einer endlosen slow motion performance nach Mailand streben. Das Elend ist erkannt, und man baut an einer vierspurigen Schnellstraße, größtenteils über den Dingen, aber diese Bauerei macht den Status Quo vorerst nur noch schlimmer. So mancher verliert da einen kühlen Kopf oder möchte sich im blechernen Einerlei am blühenden Grün der Straßenrandblumen erfreuen, so wie einer der Beifahrer, der sich weit aus seinem Lieferwagen beugt, um etwas Sprießendes zu schnappen. Ich will ihn nicht einen Deppen schelten, denn was ihm passiert, geschah auch mir schon: Ihm gleitet etwas aus der Brusttasche, während der schleichend-langsamen Fahrt wohlgemerkt (mir eher bei anderen unpassenden Gelegenheiten), und es scheint so, als habe er es noch nicht einmal bemerkt, denn der Wagen hält nicht, und ich komme Sekunden später an diesem Etwas vorbei, und siehe da, es ist ein Nokia-Handy. Nokia gilt ja mittlerweile nicht mehr als Highend, aber es ist immer blöd, wenn jemandem ein Vertragshandy in die Hände fällt, der das als eine günstige Gelegenheit ansieht, ein paar längst fällige Gespräche zu führen, vielleicht sogar mit 0900er Nummern, oder wenn ein anderer einfach mit seinem LKW drüber fährt. Jedenfalls hebe ich das Teil auf, fahre in der Kolonne noch ein paar Kilometer mit – mal vergrößert sich der Abstand zum Lieferwagen, mal verringert er sich –, und irgendwann reiche ich das Handy durch dasselbe Fenster wieder hinein. Der Typ kann es gar nicht fassen, aber wenn es vom Fall auf die Straße nicht ernstlich Schaden genommen hat, wird’s den Fall auf den Kabinenboden wohl auch überstanden haben. – Hoffentlich habe ich den richtigen Lieferwagen erwischt. Jedenfalls schreit er »Grazie!«

Irgendwann mündet die Straße nach einigen Kurven in eine vierspurige Rennstrecke, und da ist die Weiterfahrt plötzlich für Radfahrer verboten. Na toll! Setzt doch mal ein Kfz-Verbotsschild irgendwo mitten auf die Autobahn – was würde dann wohl passieren? Ich meine, wir sind jetzt alle einmal hier, und wir dürfen noch nicht mal wenden, weil wir dann Geisterfahrer wären. Was haben die sich eigentlich rein logisch dabei gedacht? Wahrscheinlich genauso viel wie bei vielen anderen Regulierungen gegen oder vermeintlich für Radfahrer. Ich fahre noch eine Weile weiter – es ist ja nicht das erste Verbot, das ich ignoriere, und es hupt auch niemand – und biege dann rechts in einen Park ab, von dem aus ich nach der Himmelsrichtung weiter fahre.

Ich fahre immer weiter in Richtung desjenigen Punktes, den Garmin als den Mittelpunkt dieser großen Stadt festgelegt hat. Dass dort genau der Hauptbahnhof ist, wage ich nicht zu hoffen, aber ich habe momentan überhaupt keinen Anhaltspunkt, wie ich sonst suchen soll, außer natürlich der Möglichkeit, Leute auf der Straße zu fragen. Solange ich noch Kilometer vom Ziel entfernt bin, genügt mir als Orientierung eine Himmelsrichtung; hilfreich ist eine ungefähre Entfernungsangabe. Dann kann ich ja erneut fragen. Bis dahin leitet mich Garmin.

War es bereits in Treviglio bedeckt, so setzt mit Erreichen des eigentlichen Stadtgebiets sogar leichter Regen ein. Er ist harmlos; da muss ich nichts überziehen. Aber er trübt das Tageslicht in der Innenstadt ein, zusätzlich ein, denn dort ist flächendeckend alles ziemlich hoch zugebaut, fünf, sechs Geschosse, und zwar mit alten Geschosshöhen von vielleicht vier Metern – das spendet im Sommer angenehmen Schatten, aber die Winter müssen düster sein. Da muss man sich eben entscheiden, was einem wichtiger ist.

Mailand, Stadtzentrum Mailand, Dachgrün
Mailand, Dachgrün Mailand, Dachgrün
Mailand, Dachgrün, Detail Mailand, Dachgrün

Aber zunächst arbeite ich mich ins Innerste des Inneren vor. Straßenbahnen, Pflaster wie in Neapel (zum Glück nur auf wenigen Straßen, aber das muss enorm historisch sein, dass die Italiener an diesem katastrophal zu befahrenden Straßenbelag so festhalten) und: Bäume auf den Dächern! Wirklich, das ist auffällig, wie viel und wie großes Grün die Mailänder auf ihren Häusern haben, also auf den großen Häusern, den älteren trutzigen, die wie ein Bankhaus von 1850 aussehen, wie den neuen mit einer Glas-Stahl-Fassade: Man hat Gärten auf dem Kopf. Und da die Bäume durchaus Format haben, sind sie entweder mit dem Hubschrauber hochgebracht oder schon vor längerer Zeit gepflanzt worden.

Und die Mailänder haben genauso einen glasüberdachten Einkaufstempel mit kreuzförmigem Grundriss und Prada-Belegung wie die Neapolitaner. Es wäre mal interessant zu wissen, wer es wem nachgemacht hat.

Nachbemerkung: Die Neapolitaner haben es den Mailändern nachgemacht, und zwar rund 20 Jahre später, gegen Ende des 19. Jahrhunderts.

Mailand, Galleria Vittorio Emanuele Mailand, Hauptbahnhof

Am Parco Sempione sehe ich zum ersten Mal eine Art Stadtplan. Es ist ja nicht schlecht, wenn städtische Verkehrsbetriebe ihrer Kundschaft Orientierung geben wollen, aber ich bin mir nicht sicher, ob jede schematische Darstellung, die sich ausschließlich auf das betriebene Netz beschränkt und sowohl jeglichen Straßennamen als auch Informationen anderer Art wie etwa die Position bedeutender Bahnhöfe weglässt, wirklich optimal ist. Jedenfalls komme ich damit nicht weiter und fahre erst mal zum Castello Sforzesco, einer großen Ruine ziemlich im Stadtzentrum. Dort entdecke ich immerhin einen Bahnhof; es ist aber der falsche. Der Mann, den ich dazu konsultiere, kennt sich aus. Er weiß, wo Milano Centrale ist, aber er findet es zu kompliziert, den Weg dorthin zu erklären. Eine sehr gute Erkenntnis! Gib mir die Richtung, Mann, und du hast mir am besten geholfen! Das tut er, und rasch mache ich mich in diese Richtung auf, denn es geht inzwischen doch auf neun Uhr zu. Und tatsächlich ist der Weg lang und kurvenreich, aber nicht so sehr, dass ich ihn versehentlich verlassen und dadurch das Ziel verfehlen würde, obwohl sich erst kurz, bevor das martialische Bahnhofsgebäude in Sicht kommt, der erste Hinweis auf den Bahnhof auf einem Schild findet. Ohne weitere Fragen komme ich an, besorge mir an einem Automaten die erforderlichen Dokumente, kompostiere sie auch gleich – ja, so nennen die das, wenn Datum und Uhrzeit an einem Automaten auf die Tickets gestempelt werden – und finde dann sogar noch Zeit für einen kleinen Rundgang. Es sieht ganz so aus, als wäre dieses Etappenziel erst mal wieder erreicht.

Die Fahrt nach Turin kommt mir vor wie eine schnurgerade Strecke, was sie jedoch nicht ist, sondern sie besteht nur aus lauter schnurgeraden Teilstrecken, und wieder einmal finde ich, dass man mit dem Regionalverkehr in Italien preiswert und schnell vom Fleck kommt. Ansonsten ist an dieser Strecke nur auffällig, dass der Zug kurz vor Turin in einen Tunnel fährt und innerhalb des Tunnels ein Bahnhof, viele Weichen und Verzweigungen und was weiß ich noch alles ist. Das sieht nicht danach aus, als sei hier ein Berg durchbohrt worden, sondern als sei ein öffentliches Verkehrsmittel sozusagen in den Untergrund gegangen. Ich will mir gar nicht vorstellen, was das gekostet haben mag. Der Hauptbahnhof selbst liegt wieder offen, ein Kopfbahnhof, aber mir bleibt keine Zeit, ihn zu verlassen oder auch nur näher in Augenschein zu nehmen, denn der Anschlusszug nach Cuneo steht schon bereit.

Cuneo, Stura di Demonte

Kurz vor Cuneo überquert der Zug ein großes Tal. Das ist derart kurz vor dem Bahnhof, dass ich mir vornehme, mit dem Fahrrad noch mal dorthin zurückzukehren, um mir das noch mal in Ruhe anzusehen. Gesagt, getan. Nachdem alle Taschen wieder am Fahrrad sind, die Karte zurechtgerückt ist (obwohl sie Cuneo gar nicht enthält, d.h., ich muss erst noch in die Karte hineinfahren) und auch sonst alles startklar scheint, fahre ich erst mal in die entgegengesetzte Richtung, also nach Norden. Für den Auftakt ist das Panorama schon mal nicht schlecht. Wenn ich später die Über-2000er Pässe und die Gorges in hinreichender Zahl gesammelt haben werde, würde mich so etwas nicht mehr besonders reizen, aber jetzt bin ich noch empfänglich für so was.

Doch nun auf nach Süden, auf zum Col de Tende!

Einmal noch werde ich abgelenkt, und zwar gleich doppelt. Ich sehe links einen Lidl, und so wie zuvor der Aldi in Nürnberg bringt mich auch dieser Discounter vom rechten Pfad ab. Er wird später keine Chance mehr haben, denn in den südfranzösischen Schluchten gibt es keinen Markt für Lidl-Filialen. Hier aber kann ich mich noch günstig mit Apfelsaft, Käse und letztmalig Profiteroles eindecken.

Die zweite Ablenkung ist ein Platten. Das fängt ja gut an! Schon als ich das Fahrrad abstelle, um in den Laden zu gehen, höre ich das Zischen. Na immerhin. Wenn das Loch wenigstens so groß ist, dass man es akustisch orten kann, werde ich keine Kopfstände machen müssen. Nach dem Einkauf lade ich also erst mal alles ab, bringe den Schlauch in Ordnung, wobei mir die Ursache für diese Panne mysteriös bleibt, denn es steckt nichts im Mantel, dass diesen Defekt verursacht haben könnte, und da argwöhne ich meist eher, dass ich es lediglich übersehen habe. Aber ich finde trotz gründlicher Suche nichts, und als anschließend alles wieder aufgepumpt und beladen ist, hält der Flicken auch.

Zurzeit ist der Himmel bedeckt, aber die Temperaturen sind immerhin deutlich höher als noch in Deutschland, und man kann die Sonne auch ahnen. Ich will mich also nicht beklagen. Sollte der Col de Tende unangenehme Überraschungen für mich bereit halten, wäre es fürs Jammern immer noch früh genug.

SS20 Richtung Colle di Tenda SS20, Seitental
SS20, Seitental Limone

Da Cuneo, wie erwähnt, noch auf keiner meiner Karten verzeichnet ist, muss ich nach Navi, Gefühl und Sonne fahren. Die Sonne steht hoch am Himmel und ist nicht durchgängig zu sehen; das macht die Orientierung schwierig. Mein Gefühl … – na ja. Und das Navi weist zwar jedes größere Dorf aus, jedoch längst nicht jede Straße, eigentlich nur Autobahnen und wichtige Fernstraßen. Meine Idee, die OSM-Karten last minute nachzuladen, war eben ein bisschen zu sehr kurz vor knapp. Also kann es hier, quasi im Aufmarschgebiet, schon erforderlich sein, grundlegende Pfadfinderqualitäten abzurufen. Wenn’s denn klappt: Irgendwo, wo ich abbiegen müsste, fahre ich einmal unentschlossen im Kreis und dann in der falschen Richtung weiter. Auf die erste Himmelrichtung soll man dabei nicht viel geben; manche Straßen machen, je nach Phantasie der Straßenplaner, manchmal noch die abenteuerlichsten Schlenker, teils um mehr als 180 Grad. Auf die Schilder sollte man allerdings doch achten. Ich denke mir, dass der Abzweig zu einer Ausbaustrecke führt, die ich mir gerne sparen und stattdessen lieber auf ruhigen alten Straßen durch stille Ortschaften fahren würde. Das mit den ruhigen Straßen klappt so weit auch problemlos, nur bleibt die Fahrtrichtung hartnäckig um ca. 90 Grad verkehrt, und nach vielleicht zwei Kilometern und einer erneuten Karteninspektion stelle ich fest, dass ich nicht dorthin unterwegs bin, wohin ich hin will, sondern in ein verschwiegenes Alpental ohne Entkommen. Also zurück!

Diesmal biege ich ab, richtig auf die SS20, also auf die Hauptstraße zum Tunnel unter dem Colle di Tenda hindurch, und die ersten 200 Höhenmeter nehme ich locker unter die Räder. Dann bin ich in Vernante, und dann muss ein halbes Kilo Windbeutel dran glauben. Leute, haltet von mir, was ihr wollt, aber ich habe heute noch richtig Arbeit zu erledigen! Die Leute haben aber allem Anschein nach andere Sorgen als meine Fressorgie.

Auch bis Limone, dem letzten Ort vor der Grenze, bleibt der Anstieg moderat, aber dann wird die 1000-Meter-Höhenlinie überschritten, und dann wird es wirklich kurvig. Die Landkarte (eines französischen Verlags) verzeichnet südlich von Limone einen Schlenker der Straße in die Berge – oder unter ihnen hindurch, denn es geht quer über die Höhenlinien –, den ich nicht nachvollziehen kann. Den gibt’s schlichtweg nicht. Möglicherweise haben sich die Karteure gedacht: Was geht’s uns an – ist ja nicht Frankreich.

Blick von der Straße zum Colle di Tenda

Die Sonne hat sich scheinbar noch einmal für mich entschieden, jedenfalls guckt sie jetzt öfter durch die Wolken, aber Richtung Pass sieht es nach einer Wetterscheide aus, denn dort überwiegen die Wolken nicht nur, sondern sie hängen auch so tief, dass die Passhöhe nicht sichtbar ist. Wir werden sehen. Oder auch nicht. Eigentlich müsste es jetzt irgendwo rechts zum Pass abgehen, eine schmale Straße, nicht für den Durchgangsverkehr gedacht. Es geht auch rechts ab, aber ausgeschildert ist der Abzweig mit Limonetto, und laut Karte folgt der Abzweig zum Pass weiter südlich. Doch dann sehe ich plötzlich die Einfahrt zum Tunnel, eine Schranke und davor ein paar Autos. Es sieht ganz so aus, als sei der Tunnel nur einspurig befahrbar, zumindest im Augenblick, denn da ist eine Ampelregelung aktiv. Links vom Tunnel führt ein Fahrweg in die Berge, aber der ist nicht so beschildert, dass mich das optimistisch stimmen würde, darüber den Pass zu erreichen. Und schließlich steht da auch noch ein Auto, ein Dienstfahrzeug; das sieht nach Leuten aus, die überwachen sollen, dass die Kraftfahrer Ampel und Schranke gebührend respektieren. Was für ein Personalaufwand! Aber sie sollen auch undisziplinierte Radfahrer davon abhalten, in den Tunnel hinein zu fahren, denn für Unmotorisierte ist hier immer rot! Und so sehe ich Regungen hinterm Steuer, als ich entschlossen an der Schranke vorbei fahre, doch die Regungen legen sich, als die Insassen merken, dass ich genau auf sie zu halte.

Ich versuche, den beiden Männern eine Antwort auf die Frage zu entlocken, wo es zum Pass geht. Sie wissen es. Sie wissen aber noch mehr: »Due metri« sagen sie und noch irgendwas. Schneehöhe oder Sichtweite – wer kann das schon wissen? Ich kann kein Italienisch. Aber ich zeige mich unbeeindruckt. Und Radfahrer aus Schneewehen zu retten gehört offenbar nicht zu ihren Pflichten, also zeigen sie auf einen Weg, für den ich 100 Meter wieder zurück fahren muss, und ergänzen lakonisch »You can try.« Na, was glaubt ihr wohl, was ich jetzt mache?! Reisende soll man nicht aufhalten, und solange sie nicht mit dem Fahrrad durch den Tunnel wollen…

Nach kurzer Strecke mündet der Weg in eine Straße, die von rechts kommt und nach scharf links weiterführt zu einem Ski-Gebiet mit Hotels, Liften und allem, was so dazu gehört – außer Schnee. Jedenfalls habe ich im Augenblick erst mal diesen Eindruck.

Als das letzte Gebäude hinter mir liegt, beginnt eine lange Folge von Serpentinen, immerhin asphaltiert, aber ohne Reisewetter, denn die Sonne hat sich in nördlichere Gebiete des Tals verzogen, und ich fahre ja nach Süden. Also, tatsächlich fahre ich meist entweder nach Osten oder Westen, aber mit jeder Kurve komme ich dem Süden und damit der Grenze zu Frankreich ein kleines Stück näher. Und die Höhe nimmt zu und die Temperatur ab. Auf Höhe der Tunneleinfahrt (1300 m.ü.NN) sind es noch über zehn Grad gewesen. Mal sehen, wie das 600 Meter höher aussieht.

Die Geschichte mit den zwei Metern Schnee halte ich so lange für erfunden oder zumindest für maßlos übertrieben, wie ich Schnee lediglich in irgendwelchen verschatteten Falten der Piste sehe. Doch dann ragt er auch auf die Straße, und schließlich ist da eine Wehe, die die Straße fast vollständig bedeckt. Vorbeikommen, ohne durch den Schnee zu fahren – das geht nur mehr für einspurige Fahrzeuge, wie ich ja eines habe. Ich bin gespannt, wie es weiter geht, denn wenn man solche Schneeansammlungen böswillig vermisst (im Sinne einer Vermessung), kommt man vielleicht tatsächlich auf zwei Meter, nur sind sie eben noch kein wirkliches Hindernis.

Auf ca. 1800 Metern Höhe endet die Straße an einem kleinen Restaurant. Dort gibt’s in der Skisaison den Aprés-Ski. Aber eben nicht mehr jetzt. Die Hütte ist verriegelt und verrammelt, und sollte hier jemand in schlechtes Wetter geraten, bietet sie auch nicht den geringsten Schutz, höchstens auf der Leeseite vor widrigen Winden. Jetzt gibt es keine widrigen Winde, dabei wären sie durchaus einen Versuch wert, um die Waschküche wegzublasen, in die ich inzwischen geraten bin. »Due metri« Sichtweite wäre schon mal nicht so weit von der Wahrheit entfernt. Von der Himmelsrichtung her halte ich mich rechter Hand – Beschilderung: Fehlanzeige. Und eine Orientierung an der Sonne oder auffälligen Geländemarken verhindert der Nebel. Na, das kann ja was werden am Pass. Aber vielleicht ist da oben so eine Art Abrisskante, wo auf der einen Seite die Sonne scheint und sich auf der anderen der Nebel bildet, irgendwie mit aufsteigenden kalten Winden. Träum weiter! Wie soll das denn gehen? Seit wann steigt kalte Luft?

ich am Col de Tende

Die Entscheidung ist dennoch richtig. Plötzlich stehe ich auf 1870 Metern Höhe am Pass. Ein kleines Schild, angemessen dem Publikum, das es lesen wird, weist auf Höhe und Name des Passes hin, ein anderes darauf, dass hier jetzt Frankreich ist. Man muss sich das mal vorstellen: Da haben die Parteien des Ersten Weltkriegs, vielleicht sogar schon vorher, hier enorme Wehranlagen gebaut, ein Fort oder ein Kastell. Das war ja nicht so ganz ohne, in Zeiten ohne Kraftfahrzeuge das ganze Baumaterial hier hoch zu schaffen, das ganze Kriegsspielzeug, von Kosten und Personal gar nicht zu reden. Wenn sie denn wenigstens ein Höhenluftsanatorium für ihre Muschkoten gebaut hätten, aber sie mussten ja Krieg führen. Und weshalb? Worum ging es? Spielt es heute etwa eine Rolle – außer für die Anwohner, die darum gewiss nie Krieg führen würden, sondern höchstens Zivilprozesse –, zu welchem Land welches Fleckchen Erde gehört? Also, natürlich ist es ein Unterschied, ob Kaliningrad russisch oder Königsberg deutsch ist. Aber selbst dieser Unterschied ist heute wesentlich unbedeutender als noch vor 30 Jahren. Heute lassen sich die Unternehmen dort nieder, wo sie die besten Bedingungen bekommen, und das hängt von Steuersätzen, der Qualität des Arbeitsmarktes, den Absatzchancen und einigen weiteren Faktoren ab, nicht von einer Nationalität. Und wem das Unternehmen gehört, entscheidet die Börse. Georg Schramm hat es so schön gesagt: »Den Global Playern ist es fast egal, wer unter ihnen regiert.« Es ist ein Trauerspiel, rückblickend. In der Um- und Vorausschau möglicherweise ebenso. Und trotzdem lassen sich auch heute noch – oder schlimmer: wieder – Menschen in den Krieg schicken, Deutsche, und sie gehen freiwillig, und sie wissen nicht, wofür sie es tun außer für ihren Sold, sie reden von beschissenen Bündnisverpflichtungen und haben offenbar keine Ahnung vom vertraglichen Inhalt dieser Bündnisse, und sie riskieren ihr Leben und sie opfern ihre Gesundheit und manchmal noch mehr. Und wer zieht die Strippen? Man lausche Georg Schramm.

Col de Tende Fort Central, Nebengebäude Col de Tende Fort Central, Nebengebäude
Col de Tende Fort Central, Nebengebäude Col de Tende Fort Central, Nebengebäude
Col de Tende, Fort Central Col de Tende, Fort Central

Doch was nun? Zunächst mal kann ich bestätigen, dass die beiden Italiener unten am Tunnel nicht geflunkert haben. Hier am Pass liegen zwei Meter Schnee. Übereinander. Unumgänglich. Jedoch nicht unüberwindlich. Doch das klären wir später. Jetzt möchte ich »mein« Fort sehen. Also folge ich einem Abzweig, der dementsprechend beschildert ist, und lande erst mal in einer Reserve oder einem Mannschaftsquartier. Beziehungsweise dem, was davon noch übrig ist. Das wird ja seit ca. 100 Jahren von Wind, Frost und Wetter zerrüttet. Die Dächer haben da natürlich, weil aus Holz, als erstes den Geist aufgegeben, d.h., Schutz bieten zumindest diese Ruinen keinen mehr. Die Stimmung ist gespenstisch. Kein Wind, eine Sichtweite von maximal 50 Metern, viele Schneeverwehungen, alles hart verharscht. Und kein Laut, nix. Hoffentlich kriege ich hier keine Panne. Da fehlte dann bloß noch hereinbrechende Dunkelheit. Aber es ist erst kurz nach sieben; da ist noch etwas Luft bis zur Dämmerung. Aber kühl ist es hier: 3 Grad. Nicht, dass mir kalt wäre, aber ich habe geschwitzt, und es ist nun eigentlich nur noch eine Frage der Zeit, bis mir eben doch kalt wird.

Aber »mein« Fort will ich noch sehen. Das war so eindrucksvoll im Juni 1999, als ich hier oben übernachtet habe: Am nächsten Morgen schien die Sonne, was ging (am Abend zuvor auch schon, aber der Morgen ist es, der alles neu macht), und der Weg vom französischen Tunneleingang herauf sah aus wie eine ausgedrückte Zahnpastatube: unendlich viele Windungen. Und über allem thronte dieser Kolossalbau, rundum gespickt mit Kanonenschießscharten und umgeben von einem Burggraben, nur dass die Zugbrücke inzwischen weggeschimmelt war. So hatte ich damals durch den Burggraben hindurch und an der felsgemauerten Wand hinaufklettern müssen, durch eine der Schießscharten hinein, um überdachtes Quartier für die Nacht zu finden. Das Fahrrad blieb zurück; ich nahm nur warme Sachen und die erforderlichen Schlafutensilien mit.

Über einen anderen Abzweig finde ich es schließlich. Na ja, was man halt so sieht bei dieser geringen Sichtweite. Fast nichts. Wenn ich den Bau nicht kennen würde, hätte ich ihn vermutlich nicht einmal gefunden. Erinnerungsfotos lassen sich so nicht machen, höchstens ein paar Erlkönig-Illustrationen.

Ich fahre wieder zum Pass hinunter und wuchte das Fahrrad über den Schneepfropfen am Pass, der aussieht, als wäre er von Räumfahrzeugen beider Nationen im Streit darüber, wo der überschüssige Schnee zu deponieren wäre, genau an der Grenze zusammengepresst worden. Aber in Wirklichkeit war es wohl der Wind. Ich schätze, hierher werden niemals Räumfahrzeuge kommen. Das Problem danach ist ein altbekanntes: Die Bremsen erfüllen ihren Zweck nicht mehr. Die kleinen Eiskristalle, zu denen sich die früheren Schneeflocken über die Zeit zusammengeklumpt haben, sind höchst aggressiv gegenüber der Felge und schaben dort sofort die Zutaten für eine Suppe zusammen, die nach meinem Eindruck aus Aluminium, Aluminiumoxid und Wasser besteht und die eines ganz sicher nicht zulässt: einen Bremsvorgang. Und Bremsversuche eignen sich auch nicht, diese Suppe von den Felgen abzuwischen; sie generieren anscheinend zusätzliche Suppe. Man muss also mit einem Zellstofftaschentuch, Klopapier oder Ähnlichem die Felge abwischen, gründlich abwischen und die Bremsklötze ebenfalls und dann darauf achten, nicht erneut in eine Schneewehe zu geraten, sonst geht das Theater von neuem los. Und dann darf man auch wieder vorsichtig versuchen zu bremsen. Und das braucht man, denn es geht hier abwärts um über 1000 Meter. Leute, ich hätte gerne etwas mehr Sicherheit! Vorerst habe ich vor allem schwarze Hände.

Es gibt auch auf der Südseite noch zwei, drei Stellen, an denen man nur knapp am Schnee vorbei kommt. Aber das lässt rasch nach. Was ebenfalls rasch nachlässt, ist meine vom Aufstieg gespeicherte Wärme. Die Außentemperatur steigt im Gegenzug nur langsam. Und hier ist nichts, was mir neue Wärme zuführen könnte. Die Betätigung der Bremsen allein bringt’s nicht. So fange ich langsam an zu frieren. Als die Serpentinen dann irgendwann, weiter unten, asphaltiert sind, überlege ich, ob das vor 14 Jahren schon so war. Aber einerlei: Die Fahrt besteht nur aus Lenken und Bremsen, und mir wird kälter und kälter. Als ich schließlich an der Fernstraße angekommen bin, habe ich das Gefühl, dass Ober- und Unterkiefer nicht mehr richtig aufeinander passen; einer von beiden hat sich verkürzt oder verlängert. Die Kälte schüttelt mich; dabei sind inzwischen schon wieder zehn Grad.

Abfahrt vom Col de Tende Richtung D6204

Hier ist tatsächlich kein Nebel mehr. Aber hier herrscht kein Sonnenschein; hier regnet es, und je weiter es ins Tal hinab geht, umso stärker. Goretex oben und unten mögen verhindern, dass Fahrtwind und Regen eindringen, aber den Schweiß bringen sie nicht raus, und der bleibt kalt. So geht es durch Tende und St. Dalmas. Das Roya-Tal ist eigentlich sehr schön. Vor allem der Verlauf und die Windungen der Eisenbahn haben mich immer wieder gereizt. Nur bei Regen am Abend und mit dieser Kälte in den Gliedern gelingt mir die Erbauung nur sehr geringfügig.

In Fontan mache ich erst mal Halt in einer Bushaltestelle. Rechts hängt ein Plakat, auf dem eine Pfanne abgebildet ist, zumindest die Hälfte mit dem Griff. Sie steht offenbar auf einem Küchenherd, und der Griff ragt über den Herd hinaus. Und von unten versucht die Hand eines offenbar kleinen Kindes – man sieht nur die Hand –, diesen Griff zu erreichen. Das Plakat warnt vor Unfällen im Haushalt. Vor lauter Verlegenheit esse ich ein Stück Käse, kalt, nicht in der Pfanne gebraten, denn so richtigen Hunger habe ich keinen. Vor allem habe ich keine Lust, jetzt weiter zu fahren, denn als nächstes steht wieder ein Aufstieg bevor, und von dem will ich mehr haben als etwas Aufwärmung. Vor allem wird mir ein solcher Aufstieg in die Pampa in der Nacht keinen Schutz gegen das Wetter bieten. Also verfalle ich auf den Gedanken, hier im Ort nach einer Unterkunft zu suchen. Jetzt aber schnell, denn der Regen nimmt jetzt auch ortsfest zu. Irgendwo sehe ich ein Symbol für eine Jugendherberge. Auch die wäre mir recht, aber da, wo ich danach suche, kommt nichts Derartiges. Ich entschließe mich, Richtung Bahnhof zu fahren. Das wird morgen ohnehin meine Richtung sein. Mal sehen, wie dieser Bahnhof beschaffen ist.

Als ich ankomme, bin ich erstaunt. Das Bahnhofsgebäude ist ziemlich groß, fast wie ein Warenkontor. Wer weiß, welch vielfältigen Zwecken es früher einmal gedient hat, welche Rolle die Eisenbahn hatte. Jetzt ist das meiste abgesperrt. Was aber entscheidend ist: Auf dem gegenüber liegenden Bahnsteig – es gibt deren zwei, also ist dies auf der ansonsten eingleisigen Strecke wohl ein Begegnungspunkt – ist ein großer überdachter Bereich mit drei geschlossenen Mauern: perfekt. Und laut Informationstafeln soll heute kein Zug mehr fahren. Die Anzeigen auf dem großen Monitor dagegen bleiben für mich eher rätselhaft. Für mich steht fest: Das ist es! Jetzt bloß schnell den Schlafsack heraus und hinein! Es geht um Leben und Tod! Der Daunenschlafsack soll ja Wunder wirken bei Halberfrorenen. Und das tut er auch.

Obwohl es eigentlich noch nicht später Abend ist, stellt sich meine Entscheidung als sehr gut heraus, denn der Regen nimmt weiter an Intensität zu, ja, es gießt bald regelrecht. Ich muss zwar noch mal meinen Platz um ein paar Meter verschieben, weil das Dach ausgerechnet in »meiner« Ecke etwas undicht ist und alle zwei Minuten ein Tropfen auf den Schlafsack fällt, was ja nun gar nicht geht. Aber davon abgesehen habe ich meine Ruhe, und um 22 Uhr werden sogar die ziemlich hellen Natriumdampflampen gelöscht.

27. Mai 27. Mai29. Mai 29. Mai