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27. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Es ist bereits alles gepackt. »Bereits« ist gut – der Abend hat gestern wieder bis nach Mitternacht gedauert, und heute musste ich auch vor sechs Uhr aus den Federn, weil eben noch ein paar Kleinigkeiten unterzubringen waren, vor allem die letzten Sachen aus dem Kühlschrank.

Eigentlich sollte man meinen, es gäbe ein Schema F, das Gepäck in den Taschen unterzubringen; schließlich gibt es auch ein Schema F für das Gepäck an sich: eine lange Liste im PC, die allerdings vor jedem Ausdrucken ein wenig angepasst wird, je nachdem, wohin es geht – ob in die Hitze oder in die Kälte –, wie groß die Tour wird und wann welche Komponenten am Fahrrad zuletzt ausgetauscht wurden – das hat dann Einfluss auf den Umfang des Ersatzteillagers und der Werkzeugtasche.

Dennoch zieht sich das Packen aus noch immer nicht geklärten Gründen stets über Stunden hin. Weiß der Henker, warum das so ist! Diesmal zumindest kann ich anführen, dass ich meine große Rolle nicht dabei habe und deshalb alle Übernachtungsutensilien in den Seitenpacktaschen unterbringen muss, was eine gewisse Verdrängung bedeutet. (Eigentlich müsste ich seit vergangenem Jahr »mittelgroße Rolle« schreiben, denn in Island kam erstmals ein 109-Liter-Gefäß von Ortlieb zum Einsatz für alles, was weich und uns trocken lieb und teuer ist, und da kommt schon einiges zusammen, und außerdem ist es keine Rolle, sondern ein zylinderförmiger Packsack.) Und darum bin ich jetzt nicht gerade ausgeschlafen, aber zur Not kann ich ja im Zug noch etwas Augenpflege betreiben. Ich habe zwei Bücher Reiselektüre dabei; da sollte mir zumindest in der Bahn nicht langweilig werden.

Bevor meine Lektüre jedoch zum Einsatz kommt, habe ich eine Aufwärmphase, denn da ich mit dem Bayernticket unterwegs bin und heute Montag ist, kann ich es erst ab 9 Uhr verwenden, und weil ich so weit wie möglich kommen will, fahre ich schon mal mit dem Fahrrad nach Nürnberg.

Die Fahrt verläuft auf vertrauten Pfaden. Seit vielleicht zwei Jahren fahre ich seltener nach Nürnberg; ich weiß auch nicht, woran das liegt. So konnte mich Faber-Castell mit seiner monströsen Lagerhalle auf dem Gebiet des ehemaligen Franken-II-Kraftwerks überraschen; dieses Gebäude war quasi vom einen »Tag« auf den anderen da. Heute gibt es keine Überraschungen. Das Wetter ist nicht so prall, aber es regnet nicht, und wegen des grauen Himmels rücke ich ja gerade nach Süden aus.

Ich habe mir vorgenommen, auf dieser Fahrt unterwegs weniger Lebensmittel zu bunkern, zum Einen, weil die Einkäufe Volumen beanspruchen, das diesmal vom Schlafsack, der Isomatte und dem Mückennetz belegt wird (dafür lasse ich allerdings auch Gaskartusche, Kocher und Kochtopf zu Hause, aber das alles zusammen hat einen geringeren Umfang als der »Nachtbedarf«), zum Anderen, weil Lebensmittel auch Gewicht bedeuten. Ich habe mir vorgenommen, blind gegenüber den Preisen der winzigen Läden in den provenzalischen Dörfern zu sein, obwohl diese meist beim Zwei- bis Dreifachen deutscher Discounter liegen (aber das müssen sie auch, wenn sie bei den mickrigen Umsätzen davon leben wollen), da die Lebensmittel auch so noch viel billiger sind als zivilisierte Übernachtungen.

Das ist nicht so einfach. Wenn du an einem Carrefour vorbei kommst, also einem richten Super-Supermarkt, wie es ihn in einigermaßen dicht bevölkerten Gegenden in Frankreich gibt, dann erschlägt dich dort eine Riesenauswahl zu einigermaßen vertrauten Preisen, jedenfalls günstigeren als im Tante-Émilie-Laden auf dem Dorf. Da möchtest du einen Anhänger haben, um eine vielfältig bestückte Vorratskammer mitführen zu können, aus der du zwischen fünf Käsesorten, drei Obstsorten, etwas Gemüse, diversem Naschwerk, Getränken und, wenn’s ganz hoch kommt, ein paar Salaten auswählen kannst. Der nächste Berg? Ach was, wozu habe ich denn eine Rohloff?

Beim Aldi in Nürnberg in der Königstraße werden meine guten Vorsätze erstmals suspendiert, denn es ist noch Platz in meinen Taschen. Dass Zusatzgepäck auf Bahnhofstreppen noch viel quälender ist als beim wohlgeordneten Pedalieren die Berge hinauf, verdränge ich und entlaste mich mit der Ausrede, dass in Nahverkehrszügen keine Möglichkeit zum Lebensmittelerwerb besteht und ein hungriger Auftakt kein guter Auftakt ist.

Ich habe einen Reservereifen mitgenommen, der ähnlich abgefahren ist wie der, den ich aufgezogen habe: noch nicht ganz; er stammt von der Islandtour, vom Vorderrad wohlgemerkt, denn der hintere Reifen war hinterher wirklich nur noch Müll. Das also ist meine Reserve. Und der Reifen im Einsatz stammt aus einem Freilauf-Schrottbestand – wenn man denn den Begriff »Schrott« auch für Reifen gelten lassen will. Als ich irgendwann mal von großer Tour mit der Bahn nach Hause kam, hatte ich so wenig Vertrauen in meinen hinteren Reifen, dass ich damit nicht einmal mehr vom Bahnhof nach Hause fahren wollte. Jörg Gruner holte einen 7/4-Zoll-Reifen aus dem Keller, der zwar noch ein gutes Profil hatte, aber hart wie Kunststoff war; an den Flanken bröselte es schon hier und da. Wenn man nicht gerade scharf auf guten Grip ist, kann man mit so einem Teil noch um die halbe Welt radeln, denn harte Reifen haben zwar keinen guten Haftreibungskoeffizienten, aber dafür einen geringen Abrieb. Und mit diesem Ding fahre ich jetzt erst mal los in der Gewissheit, dass es die französischen Pässe nicht überstehen wird; daher die Reserve. Ja, und weil der Reservereifen kein Faltreifen ist, darf er nicht gar zu sehr zerknüllt werden und passt daher in keine Packtasche. Daher habe ich ihn auf halben Durchmesser verdreht und in eine Plastiktüte auf dem Gepäckträger geklemmt. Das ist nun die Packreserve, die beim Aldi alles möglich macht, denn die Tüte ist ja noch längst nicht voll.

Am Bahnhof ist dann nicht mehr so unendlich viel Zeit. Am Schalter hole ich mir die internationale Fahrradkarte bis Mailand und an einem der Automaten das Bayernticket. Die Bahn hat auf dem Nürnberger Hauptbahnhof so viele Automaten aufgestellt, dass es schwierig ist, jemanden zu erwischen, der in dieselbe Richtung will und mit dem man sich ticketmäßig zusammentun könnte. Zwar finde ich Leute, die nach München wollen, aber die wollen dann auch noch den MVV für den Rest des Tages nutzen oder am Abend wieder zurück und könnten mich daher nicht von München aus weiter reisen lassen.

Dann eben nicht. Im Zug stelle ich – wenig überrascht – fest, dass ich für einen der anwesenden Mitreisenden als Begleiter einen anderen Automaten hätte aufsuchen müssen. Aber diese Messe ist nun gelesen.

Der Zug ist der Nürnberg-München-Express, eine Nahverkehrsverbindung, von der es in Deutschland noch mehr geben könnte. Insbesondere die Erkenntnis, dass die im Bau befindliche ICE-Strecke von Ebensfeld nach Erfurt und weiter nach Leipzig den Nahverkehr gänzlich ausschließt, fand ich bedrückend, wobei ich zugeben muss, dass sich auf dieser Strecke der Begriff Nahverkehr etwas relativiert. Es ist nicht so sehr die Streckenlänge – da kommt die Verbindung nach München noch locker drüber –, sondern vielmehr die geologische Barriere des Thüringer Waldes und die politisch-wirtschaftliche Landesgrenze, die die Frage aufwerfen, ob dort jemand ähnlich vorteilhaft pendeln könnte wie jetzt die Leute z.B. in Allersberg (nach Ingolstadt oder Nürnberg). Aber warum eigentlich nicht? Die Wege nach Erfurt und Bamberg wären dann jedenfalls deutlich verkürzt. So aber – ICEs und Güterzüge immer nur im Transit – findet keinerlei Flächenanbindung statt.

In München fragen mich ein paar ausländische Reisende nach einem Zug auf dem Nachbargleis. Ich studiere die Verbindungen auf ihrem Reiseplan. Tja, Leute, der ist weg. Schaut mal auf die Uhr! Da müsst ihr den nächsten nehmen. Die gelbe Tafel mit dem Abfahrtsplan ist für die nächsten Minuten meine wärmste Lektüreempfehlung.

Mein Zug fährt ab, und der Sommer bricht aus. Also, zumindest der sonnige Teil des Frühlings. Die Sonne scheint, zwar nicht ununterbrochen, aber durch eine blitzblank geputzte Luft mit messerscharfer Sicht auf die schneebedeckten Berge um Garmisch und Mittenwald. Das heißt, Mittenwald bekomme ich vom Zug aus nicht zu sehen, sondern nur die Luft darüber, denn in Klais ist Schluss. Schienenersatzverkehr bis Mittenwald. Das ist mir bekannt, und die Anschlusszeiten sind so großzügig, dass ich mir denke, dass ich auf Verhandlungen mit dem Busfahrer wegen der Fahrradmitnahme verzichten kann und stattdessen selbst fahre.

bei Eschenlohe bei Eschenlohe
Hohe Kisten und Archtalkopf Wettersteingebirge
Wettersteingebirge, Detail Wettersteingebirge, Detail
Wettersteingebirge, Detail Wettersteingebirge, Detail
Wettersteingebirge, Detail Karwendelgebirge hinter Mittenwald

Dumm nur, dass ich keine Karte von dieser Region habe und an einem Abzweig die Schilder für Radfahrer mit denen für Wanderer verwechsle. Das Navi weist mich allerdings unübersehbar darauf hin, dass ich Mittenwald links liegen lasse und mich dem Ort kein bisschen nähere. Aber es gibt ja kurvige Strecken. Auch dass es eine Mautstrecke ist, irritiert mich nicht sonderlich; das kenne ich von einer nicht weit entfernten Straße oberhalb des Sylvensteinstausees. Und die Hauptstraße nach Mittenwald geht woanders lang. Das ist mir von Anfang an klar, aber ich bin ja alternativ. Doch als ich schließlich nach zwei oder drei Kilometern eine Orientierungstafel mit detailliertem Kartenbild erreiche, wird offensichtlich: Hier ist irgendwo vielleicht Schloss Elmau, aber nicht der Bahnhof Mittenwald. Klar ist nach 20 verschenkten Minuten nun auch, dass der Zug nach Innsbruck weg ist. Egal, ich wollte ja sowieso mal wieder den Zirler Berg hinabfahren. Und die Karwendelbahn … – ja, heute wäre wirklich eine gute Sicht. Als ich sie zuletzt im Nebel benutzte, erstmals und ca. 23 Jahre, nachdem ich aus dem Inntal erstmals begehrliche Blicke auf die Felswand hoch oben geworfen hatte, hielt sich der Genuss über den Höhenrausch in Grenzen weg; den musste uns der Schaffner indirekt vermitteln, indem er von Leuten erzählte, die beim Blick in die Abgründe Angst bekommen hätten.

Aber es wird ein weiteres Mal geben. Zunächst mal muss ich jetzt auf den Seefelder Sattel hinauf. Den bin ich in dieser Richtung zuletzt 1990 gefahren, und irgendwie kommt mir der Anstieg aus der Erinnerung weniger lang vor. Typisches Auftaktgewinsel!

Der Zirler Berg ist abwärts für Fahrräder gesperrt. Es kann auch keiner behaupten, er hätte ein Schild übersehen, denn das Verbot wird Kilometer für Kilometer lange vorab angekündigt, eine Alternative allerdings nicht ausgewiesen. Dabei wäre das keine schlechte Idee, denn erstens ist am Zirler Berg verkehrsmäßig ganz schön was los, er ist also nicht gerade die ideale Strecke für Radler, und zweitens ist er wirklich steil. 16 Prozent steht auf den Schildern, und 15 davon glaube ich sogar, weil mein Tacho sie bestätigt. 16 Prozent Gefälle findet man auch andernorts in der Welt, aber da ist weniger los, oder die Strecke ist kürzer, oder sie ist in Südamerika oder in China. 1990 wurden mir hier meine Trommelbremsen heiß, und zwar so heiß, dass ich dem vor mir fahrenden Auto doch bedrohlich nahe kam, denn heiße Trommelbremsen tun nur noch eingeschränkt das, wofür Bremsen eigentlich konstruiert worden sind. Auch diesmal nimmt es der Kraftfahrer vor mir mit dem Tempolimit einigermaßen genau, aber ich habe jetzt bessere Bremsen. Man kann hier locker 80 km/h erreichen, aber dafür würde meine Experimentierfreude auch bei freier Strecke nicht ausreichen, nicht bei dieser. Also bleibt’s irgendwo bei 60.

Unten im Tal – das sollte ich mir vielleicht für die Zukunft mal merken – fährt man auf einer mäßig stark befahrenen Hauptstraße ohne Alternative; vielleicht ist auf dem anderen Ufer des Inn was für Radfahrer zu wollen, aber hier nicht. Auf der Nordseite gilt also nur das Ziel, der Bahnhof Innsbruck. Bis mich eine Blondine auf dem Rennrad überholt. Das wirft schlagartig die – natürlich rein sachorientierte – Frage auf, ob ein ordentlicher Windschatten einem netten Anblick vorzuziehen sei. Ich finde, dass letzterer immerhin auch noch etwas Windschatten bietet und hefte mich unschicklich an ihr Hinterrad. Moderne Menschen sind ja glücklicherweise meist so sehr in ihre Medienträger vertieft – auch bei Ampelrot oder auf Fernstraßen –, dass sie solch kollektives Reisen eher nicht mitbekommen, und deshalb plagt mich mein schlechtes Gewissen wegen Missachtung des gebotenen Sicherheitsabstands nicht lange. Irgendwo in den ersten Vierteln von Innsbruck ist ihr iPod aber anscheinend nicht mehr in der Lage, ihre ganze Aufmerksamkeit zu binden, jedenfalls verliere ich sie, weil sie andere Wege wählt, für die man anscheinend entweder Insider sein oder letztlich doch einen Verfolger am Hinterrad entdeckt haben muss.

Im Gegensatz zum Frühjahr ist der Brenner schnee- und frostfrei. Aber schön ist er dann trotzdem nicht. Ich entlocke dem Automaten nicht nur eine Verbindung, die mich dichter an Mailand heranführt – sogar Mailand selbst wäre möglich, aber da wüsste ich nicht, wo ich übernachten sollte –, sondern auch gleich eine Fahrkarte. Die Fahrt nach Verona ist unspektakulär, macht aber wieder einmal Lust, die Berge zwischen Bozen und Verona zu erkunden. Nach Verona steigen auf einer Station lärmend drei Radfahrer ein, zwei Frauen um die 30 und ein Mann um die 50 mit einem beeindruckenden Armreifen ähnlich denen, wie man in historischen Filmen z.B. Gladiatoren welche tragen sieht. Ich frage mich, ob er den wohl ablegen kann – wofür er ja irgendwo offen sein müsste –, oder ob er als Kind beschlossen hat, dass ihn später so ein extravaganter Schmuck männlich zieren würde, was lediglich noch die Frage offen lässt, wie es mit der Hygiene unter dem Blech aussieht. Wir lassen all dies unerörtert, und bald darauf steigen sie wieder aus.

In Treviglio angekommen, beginnt das spätabendliche Abenteuer der Suche nach einem passenden Übernachtungsplatz. Ich finde ihn ziemlich bald, nämlich neben dem Parkdeck eines centro commerciale, des Konsumpalastes am Ort, denn neben dem Parkplatz finden sich auf dem Dach auch noch gastronomische Einrichtungen mit Innen- und Außenbereich, wobei der Außenbereich ohne das Brechen von Schlössern zugänglich ist, überdacht und mit einem Material wie Hartholz gefliest, also auch barfuß schön zu beschreiten.

Der Platz erscheint mir kaum einsehbar, was für eine störungsfreie Nachtruhe spricht.

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