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7. Juni 7. Juni9. Juni 9. Juni

8. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Bulgarien, Übernachtung bei Simitli

Im Morgengrauen piept mich meine Armbanduhr wach. Was für ein Urlaub! Die Nacht jedoch war ein Gewinn, zumindest im Vergleich zur vorigen und einigen anderen. Im »Biergarten« hatte ich mir zum Tagesausklang noch eine Wasserspardusche gegönnt, ausreichend und durchaus nicht selbstverständlich. Da darf man wohl frühmorgens erwarten, dass der Kandidat kerzengerade nachfedernd aus den Falten seines Schlafsacks springt und die Herausforderungen des Tages in Angriff nimmt.

Was jetzt ansteht, ist ein Aufstieg um mehrere Hundert Höhenmeter. Ich werde unterwegs Gelegenheit haben festzustellen, ob es kleinmütig war, noch bei hellerlichtem Tage nach einem Quartier Ausschau zu halten, oder ob lediglich Mutter Natur mich bis nach oben begleiten wird. Ich packe auf, wuchte mein Fahrrad die Treppen (Naturbeton ohne Geländer) hinunter – wuchten erscheint mir nicht so ganz das richtige Wort, aber wie drückt man es aus, wenn man etwas mit aller Kraft daran zu hindern versucht, sich den Weg zu suchen, der ein Klavier beim Umzug erst- und zugleich letztmalig so richtig dröhnen lässt? –, springe wieder nach oben, schließe ab und verstecke, wie geheißen, den Schlüssel dort, wo vermutlich jeder Dieb als erstes suchen würde. Aber ich habe mir das Versteck nicht ausgedacht. Hoffentlich finden die beiden Leute alles zu ihrer Zufriedenheit; nicht, dass sie ihre Gastfreundschaft am Ende noch aus irgendeinem mir unbekannten Grunde reut.

Vorwärts geht es, morgens sowieso langsam und nun auch noch bergauf. Immerhin ist das Wetter sehr gut – nicht zu kühl, nicht zu warm. So lässt es sich schon passabel fahren. Auf der Straße bleibe ich nicht lange allein. Dies ist nicht irgendeine Nebenstraße. Schwerlast- wie Personenverkehr verdrängen alle Lauschigkeit. Aber so berückend ist die Landschaft auch wieder nicht. Zwar befinde ich mich an den nördlichen Flanken von einigen der höchsten Berge Bulgariens, eingeschlossen in einem veritablen Nationalpark, aber davon ist im Laubwald nichts zu ahnen; der ist regelrecht gewöhnlich. Die Ortschaften an der Nationalparkgrenze sind demgegenüber nicht gewöhnlich. Sie bieten Hotels ohne Ende, Casinos von A bis Z und jede Menge Investitionsmöglichkeiten, eine mehr versprechend als die andere. Die Preise – ich kann sie kaum abschätzen, weil ich ja die Qualität der Bausubstanz in keiner Weise beurteilen kann – reichen von anscheinend günstig bis ran ans deutsche Niveau, vielleicht nicht gerade das von München, Hamburg oder Stuttgart, aber auch nicht die Uckermark. Sollte es das wert sein? Ich meine, was macht man hier, wenn man nicht gerade im Urlaub ist oder selbst Hotelier – das Chalet elf Monate im Jahr leer stehen lassen? Dafür gebe ich doch nicht so einen Haufen Geld aus. Und wie es scheint, haben sich das auch manche der adressierten Investoren oder eben Nichtinvestoren gedacht. Den ersten Gruß der Siedlung an der Kuppe, als es allmählich flacher wird, entbietet linkerhand ein ehemaliges Hotel. Als ich vor acht Jahren von Dubrovnik kommend entlang der Grenze zwischen Bosnien und Kroatien fuhr und auf diesem Wege in die Krajina kam, bot sich mir ein seltsames Bild: Häuser befanden sich »irgendwie« in einer Art Rohbauzustand. Aber irgendwas war daran auch faul. Am nächsten Tag wurde mir von Deutschen, die dort schon Jahre lebten, erzählt, dass im Zuge des Bürgerkriegs heftige Konflikte ausgetragen wurden, denn in dieser kroatischen Region lebte eine serbische Minderheit, und für die war der Krieg ziemlich problematisch. Jedenfalls seien die Serben vertrieben worden, und dann seien Lastzüge durch die Ortschaften gefahren und hätten alles mitgenommen, auch das Niet- und Nagelfeste. Zurück blieben besagte »Rohbauten«. Und ungefähr diesen Eindruck macht auch dieses – mutmaßliche – Hotel. Es wäre mal interessant, den Verlauf der »Entkernung« und des Verfalls anhand signifikanter »Fortschritte« fotografisch verfolgen zu können. Die Hütte könnte allerdings auch einfach abgebrannt sein, aber dann würde ich mir das alles rußgeschwärzter vorstellen.

Bulgarien, Razlog, Investruine

An anderer Stelle steht links eine Unvollendete. Wahrscheinlich sollte das mal eine Villa oder so was in der Art werden, jedenfalls etwas Gehobenes in mehrerlei Hinsicht: zwei Vollgeschosse, die allein schon für zwei »Normalfamilien« gereicht hätten, darauf ein Dachgeschoss, dazu, halb in das Haus integriert, halb aus ihm herausragend, eine Wendeltreppe, die zu einem runden Turmzimmer komplett oberhalb des Daches führt, dessen Durchmesser vielleicht das Anderthalbfache der Wendeltreppe beträgt. Man könnte jetzt sagen: ein Aussichtsturm. Aber dafür liegt das ganze Anwesen noch zu sehr im Tal. Man sieht also vom »Ausguck« aus nicht so wahnsinnig viel mehr als vom Empfang, jedenfalls je nach Bewuchs. Und der ist weit fortgeschritten, d.h., es sieht so aus, als suche der Eigentümer schon länger einen Käufer, inzwischen sogar auf Englisch. Das Gebäude ist jedoch auf den zweiten Blick noch größer als zunächst vermutet; als ich daran vorbeifahre, sehe ich, dass es noch eine etwas zurückgesetzte Fortsetzung gibt. Bemerkenswert an dieser Investruine ist, dass sie bereits wetterfest scheint; es sind also schon Fenster eingesetzt worden. Ich finde, das Geld für den Putz wäre enorm gut angelegtes Kapital gewesen, denn dann hätte die Immobilie fast fertig ausgesehen. Gut – man weiß jetzt nicht, was im Inneren noch alles fehlt. Sanitär- und Elektroinstallationen erfordern ja eine nicht unbeträchtliche Handwerkerarbeit. Aber »eigentlich« müsste so was hier in Nationalparknähe doch gut weggehen. Müsste.

Bulgarien, Piringebirge

Auf den Bergspitzen des Nationalparks liegt Schnee. Das ist bei der Höhe der Berge und angesichts des kalendarisch noch nicht angebrochenen Sommers auch weiter kein Wunder. Und da es fast jeden Tag Niederschläge gibt, werden die Häubchen auch immer mal wieder aufgefrischt. Die Berge reizen mich jedoch nicht. Nach meinen Karten führen keine Straßen hindurch, und täten sie es, wären sie vermutlich von zweifelhafter Qualität und mit beträchtlichem Zeit- und Kraftaufwand zu befahren. Außerdem sind die Flanken des Gebirges so dicht mit Wolken umflort, dass zu befürchten ist, dass man von oben nur mit viel Glück eine lohnende Aussicht hat.

Bulgarien, Piringebirge

Von der Passhöhe auf ca. 1140 Meter geht es ein wenig abwärts und dann »unentschlossen voran«, linkerhand nach Raslog (mit stimmhaftem »s«, also »kroatisch« Razlog geschrieben) und nach rechts, entlang meiner Route, nach Bansko. Raslog wirbt vor allem mit Casinos und »attraktiven Investitionsmöglichkeiten«, und da mir für beides das Geld fehlt, beschließe ich, gebirgliche Erbauung einzig aus Bansko zu beziehen, soweit eine Stadt dies überhaupt bieten kann. Was ich hier auf jeden Fall suchen werde, ist ein Internet-Café. Es sind ja doch schon wieder einige Tage seit meinem letzten Lebenszeichen vergangen. Als Hotelgast ist man häufig zumindest so weit privilegiert, dass man einen WLAN-Hotspot nutzen kann. Aber das nützt mir nichts; ich benötige ein Kabuff mit wenigstens einem freien PC, der mehr als nur einen Stromanschluss hat, und sehr vorteilhaft wäre es, wenn der Stuhl davor einen unverstellten Blick böte – nein, nicht aufs Gebirge, sondern auf mein Stahlross samt Gepäck. Das alte Problem. Aber ich bin unverschämt. Die Leute hier, die Touristen wie die Einheimischen, brauchen dergleichen nicht oder sind bereits privat verdrahtet oder verfügen alle schon über ein WLAN-fähiges Smartphone (mit dem sich natürlich in unvergleichlicher Geschwindigkeit voluminöse E-Mails eintippen lassen). Nirgends ist auch nur ein @-Zeichen zu sehen, kein Internet, nicht mal eine Bude, die ich aus Sicherheitsgründen ablehnen müsste. Frustriert drehe ich ab. Das muss ich im nächsten Jahr anders machen, egal, wohin es geht. Es wird entweder ein fortgeschrittenes Telefon mit irgendwie anschließbarer faltbarer Tastatur im Gepäck sein müssen oder ein Mini-Netbook, irgendwas möglichst Stoßfestes natürlich. Oder ich gebe das Konzept der Berichte von unterwegs auf. Aber das bedeutet dann nach der Tour wochen- und monatelange Schreiberei. Oder natürlich den Verzicht auf eine mehr als telegrammstilartige Dokumentation. Das war ja bisher fast immer so. Also back to the roots?

Bulgarien, Bansko, Piringebirge

Von Bansko geht es zunächst in Richtung Osten, dann allmählich immer stärker in Richtung Süden. Der Plan ist…, also, der abgewandelte Plan, nachdem ich die Weiterverfolgung der E79 bis kurz vor die griechische Grenze gestrichen habe, nach Goce Delčev zu fahren und von dort aus Richtung Osten nach Dospat. Die Helden aus Bielefeld (vom Reise-Knowhow-Verlag) finden jedoch, abseits der Strecke lägen sehenswerte Felsen. »Svadbata« (mit rotem Stern!) steht da. Es sieht nach vier Kilometern Entfernung von der Hauptstraße aus. Diese verläuft inzwischen in einem ausgeprägten Tal. Es ist also mit etwas Kletterarbeit zu rechnen, wenn ich der Empfehlung folge. Und da ich hier wahrscheinlich nie wieder entlang kommen werde und der Tag heute sonst keine roten Sterne oder irgendetwas Atemberaubendes zu bieten verspricht, denke ich, dass ich das mal riskiere könnte. Es braucht zwar eine kleine Pause am Abzweig, ein bisschen Bedenkzeit, eine unvermeidliche Essenspause ohnehin, aber dann biege ich ab und lasse mich auf das Abenteuer »Hinterland in den Westrhodopen« ein.

Bulgarien, Westrhodopen von Mesta aus Bulgarien, Westrhodopen von Mesta kommend

Was die Felsen angeht – sie sind tatsächlich erst nach einem gewissen Aufstieg zu sehen, und ob sie nun rechtfertigen, eine Kennzeichnung als »sehenswert« – und das ist die einzige auf einer Kartenfläche von 10x10 Quadratzentimetern, also in natura auf 1600 Quadratkilometern – vorzunehmen, das mag anhand der Fotos jeder selbst für sich entscheiden. Mich haut’s jedenfalls nicht vom Hocker.

Bulgarien, Westrhodopen von Mesta kommend

Nun stellt sich angesichts der Tatsache, dass die Straße nicht zu besagten Felsen führt, sondern an ihnen vorbei, allerdings eine Frage von nicht unerheblicher Tragweite: Finde ich die Gegend hier interessant genug oder erwarte ich mir wenigstens vom weiteren Verlauf der Straße etwas, das über die Perspektiven der vorhin verlassenen Hauptstraße hinausgeht? Indem ich diesmal nicht zögere, geht das oben genannte Abenteuer nämlich erst richtig los.

Vorerst bleibt es mäßig schwere Arbeit, denn es geht so steil aufwärts, dass ich mir gerade noch nicht einen weiteren Gang unterhalb des ersten wünsche – denn auch Berge mit Anstiegen, die in Schinderei ausarten, gibt es. Dass dies eine Nebenstraße ist, merkt man vor allem an den Kurvenradien; hier kämen Sattelschlepper nicht weiter. Weiter unten hat denn auch folgerichtig ein Verbotsschild für Lastkraftwagen gestanden. Das gilt eigentlich für alle Fahrzeuge dieser Kategorie, auch wenn ich nicht weiß, ab wie viel Tonnen Gesamtmasse oder Achslast oder ab welcher Fahrzeuglänge ein solches Verbot (hier) greift. Aber das hindert ein schweres Gefährt, das unter Garantie davon erfasst ist und an mir vorbei dröhnt, nicht an der Weiterfahrt. Wer sollte es hier auch aufhalten? Und für die Kurven ist es wendig genug. Es sieht jedenfalls so aus, als käme hier noch etwas von Bedeutung, ein Ort, eine Baustelle, vielleicht sogar ein Ausgang am anderen Ende des Gebirges. Der Reise-Knowhow-Verlag verspricht gleich zwei Möglichkeiten, eine kurze, nördlicher verlaufende Strecke, an einem Dorf namens Medeni poljani vorbei, nach geschätzten acht Kilometern ein Flüsschen Dospat erreichend, das nach gut 20 weiteren Kilometern in den gleichnamigen Stausee nordwestlich der ebenfalls gleichnamigen Stadt fließt – und einen südlichen, der nach spätestens zwei Kilometern ebenfalls ein fließendes Gewässer erreicht, welches jedoch nach vielleicht 30 Kilometern durchs Gebirge wieder in jenem Tal landet, das ich vorhin verlassen habe und in das zurückzukehren ich als langweilig und irrwegig empfinden würde, weshalb ich nach vielleicht 15 Kilometern nach Osten abzweigen müsste… Das erscheint mir kompliziert, und ich nehme mir vor, den nördlicheren zu nehmen, sobald ich dann tatsächlich an einer Gabelung vor die Wahl gestellt sein werde; er führt allem Anschein nach weiter durch die Entlegenheit, und Metropolen kann ich schließlich auch in Deutschland haben, aber nicht das »Da traust du dich hin? Wenn dir da was passiert wäre …!«

Bulgarien, Westrhodopen, Osenovo Bulgarien, Westrhodopen, Osenovo

Und tatsächlich gibt es bald eine solche Gabelung, und ich zögere, auch weil an der Gabelung ein kleines Häuschen steht, das wie die Behausung eines Zöllners oder wie einer der obsoleten Kontrollpunkte wirkt – obwohl… – obsolet…, wer weiß, vielleicht im Rahmen von Schengen… Wie Schleierfahndung sieht das allerdings nicht aus. Und weil das Häuschen tatsächlich besetzt ist, nämlich von einem reichlich tätowierten Typen, denke ich mir: Den könntest du ja auch mal fragen. Also frage ich nach Medeni poljani, und dem Kerl scheinen rechts wie links gleichermaßen zu taugen. Ich fahre nach links. Was ich in diesem Moment noch nicht weiß: Entweder hat er mich nicht verstanden, oder er will mir nicht helfen, jedenfalls ist der Weg nach rechts nicht auf meiner Karte eingezeichnet, und der führt ganz gewiss nicht ins »Dorf meiner Träume«. So ist meine Entscheidung also erst mal richtig, und geringfügig verunsichert bin ich lediglich von der Tatsache, dass da jetzt ein Dorf kommt, eines mit wenigen, alten und schon am späten Vormittag oder frühen Nachmittag – wie man's nimmt – auf einem kleinen Platz in der gefühlten Mitte der Ansiedlung augenscheinlich nur noch auf den Abend wartenden Frauen. Das dürfte hier eigentlich nicht sein, oder ich bin lange noch nicht so weit wie gedacht und der gerade passierte Abzweig ist auf der Karte gar keiner. Das Nest ist trotzdem irgendwie ganz interessant: viele verschiedenartige Lehm-Holz-Bauten, ziegelgedeckt und vielfach verlassen, keine Kinder, keine Jugend, kaum mal irgendwo ein altes Auto, aber am Ortsausgang Richtung Gebirge unter einer Plane ein alter Trabant 601. Musste der wirklich so hier enden? Er musste wohl. Auch Spuren von W50 und S50 finden sich immer mal wieder hier und dort, so verschieden die beiden voneinander auch sind. Der ehemals sozialistische Bruderstaat aus dem Nordwesten lässt grüßen. Die Frauen gucken, wie ich langsam vorbei kurbele. Sie haben in ihrem Leben sicherlich schon Spektakuläreres gesehen als einen Radfahrer.

Bulgarien, Westrhodopen

Eine Kurve weiter ist von der Siedlung nichts mehr zu ahnen. Die Straße – ja, es ist tatsächlich ein zwar schmales, aber ziemlich gut asphaltiertes Band, das sich da durchs Nirgendwo schlängelt – verläuft neben einem Bach und hat einen angenehm milden Anstieg. Wohin geht das hier? Ich meine, die Karte zeigt die Verläufe klar auf, aber warum baut jemand hier entlang eine Straße? Steckt dahinter ein wirtschaftliches Kalkül, ein politisches, oder waren nur gerade mal ein paar Tonnen Bitumen und Diesel übrig? Einerlei, ich erfreue mich am Seelenbalsam in Reinstform: Wald, Sommer, saubere Luft und Stille. Hinter einer der Kurven kommt mir ein Motorradfahrer entgegen. Doch keine Reinstform? Denkwürdig genug – der Motor läuft nicht! Da möchte jemand die Ruhe genießen oder einfach Sprit sparen; das Krad ist kein Modell, das beim Eigentümer noch viel Geld für Benzin vermuten ließe. Hinter einer anderen Kurve fällt mir links eine Felsformation auf, die aussieht wie eine natürliche Mauer, die das Tal durchquert, aber vom Fluss und der Straße durchbrochen wurde. An der Flanke dieser Mauer hängt eine Radkappe. Die »Zivilisation« lässt grüßen.

Bulgarien, Westrhodopen

Der Weg, den mein Navi aufzeichnet, ähnelt nur sehr bedingt dem, den die Karte vorgibt. Dass die Kartographen – oder wie auch immer die Geniezeichner heißen mögen, die für den Reise-Knowhow-Verlag die Abstraktion der Natur auf ein Vierhunderttausendstel versucht haben – Straßenverläufe nicht so abgebildet haben, dass man sie im Detail wieder erkennt, daran habe ich mich schon gewöhnt. Wo es in Serpentinen die Berge hinauf- oder hinabgeht, ist es eigentlich unerheblich, ob die genaue Zahl der Haarnadelkurven exakt getroffen wird, wenn sie sich angesichts der zeichnerisch gewählten Darstellungsbreite der jeweiligen Straße sonst ohnehin überlagern würden. Aber dass dort mit Serpentinen zu rechnen ist, sollte aus der Darstellung schon irgendwie hervor gehen. Und wenn ein Straßenverlauf über eine Strecke von einem Kartenzentimeter in der Realität mehrere Biegungen und Kurven durchläuft, dann sollte die Karte wenigstens zwei davon darstellen können. Wenn ein Darstellungsmittel davon überfordert ist, eignet es sich nicht für diese Zwecke.

Nach einigem Hin und Her geht es wieder abwärts, nach meinem Geschmack deutlich zu früh. Ich bin mir immer sicherer, dass dies nicht der Weg ist, den ich fahren wollte. Ein Bach, der in meine Fahrtrichtung fließt, verstärkt mich in meinem Verdacht. Nur, was sollte ich jetzt tun? Umkehren? Ich habe mich an den wesentlichen Stellen links gehalten und bin mir ziemlich sicher, keinen halbwegs befahrbaren Linksabzweig übersehen zu haben, und als solcher war die Route nach Medeni poljani eingezeichnet. Ich fingere aus meinen Taschen den Google-Plot heraus. An einem der letzten Tage vor dem Urlaub machte ich Bildschirmabzüge ungefähr im Maßstab der Generalkarten von den Regionen, durch die mich die Reise führen soll(te). Das ergab einen Stapel von ca. einem Zentimeter. Der sollte doch zu irgendwas gut sein. Bald habe ich die maßgebliche Seite gefunden. Aha! Es gibt einen Routenverlauf, der praktisch identisch zum Track auf dem Display meines Navis ist. Das ist aber nicht der, den ich fahren wollte, und wenn man sich das Ganze aus zwei Metern Entfernung ansieht, bemerkt man auch Ähnlichkeiten mit einem Straßen- oder Wegeverlauf auf meiner Landkarte. Aber jetzt kommt der Hammer: Google kennt keinen Weg nach Medeni poljani! Ich muss also hier lang, wenn ich ins Dospattal will. Auf welcher Grundlage haben die Bielefelder diesen Weg wohl eingezeichnet? Auf einem Kokstrip vielleicht?! Fest steht, dass die Durchquerung dieses Gebirgszuges damit zumindest zeitlich aufwändiger wird, und wenn ich bedenke, dass es gerade talwärts geht, bis es vom Zusammenfluss dieses Bachs mit einem anderen an dessen Ufern wieder ostwärts bergauf geht, bedeutet das auch einen zusätzlichen Energieaufwand – was mich jedoch weniger irritiert als die im Verlauf des Nachmittags abnehmende zeitliche Spekulationsmasse. Nicht, dass die Übernachtung im Gebirge ein Weltuntergang wäre, aber erstens wollte ich heute deutlich weiter kommen, und zweitens sind Bäume für mich kein Dach über dem Kopf; ich hätte es gern ein wenig geschützter.

Der Bach, der mich begleitet, ist auf einem Abschnitt des Weges beiderseits gesäumt von einem schmalen Wiesenstreifen, auf dem Kühe stehen. Das wirft die Frage auf, wer sich hier eigentlich um diese Tiere kümmert. Ich habe mal gehört, dass Kühe leiden würden, wenn man sie bei vollem Euter längere Zeit nicht melkt, und dass sie dann ein ziemliches Gebrüll veranstalten würden. Das mag sein, wie es will – hier trottet jedenfalls eine Kuh durch die Gegend, deren Euter so voll ist, dass die Milch von ganz alleine heraustropft. Und sie wirkt dabei alles in allem ziemlich ruhig. Wenn man bedenkt, dass andernorts den Kühen extra »Piekser« in die Nase gesteckt werden, damit sie nicht auf den Gedanken verfallen, bei »Kolleginnen« zu saugen – oder zumindest, damit diese sich das nicht gefallen lassen… Was es nicht alles gibt …

Schließlich gelange ich an den zweiten Bach. Interessanterweise verzweigt sich der Weg hier nicht, wie die Karten es gleichermaßen vermuten ließen. Nach eingehendem Studium des Google-Prints beschließe ich, dass der Abzweig auch noch einen knappen Kilometer später kommen und dass mir sein genauer Ort eigentlich auch egal sein kann, da ich den Weg flussabwärts ohnehin nicht verfolgen will, ganz nach dem Motto: Nun gerade! Es erscheint mir nur etwas unlogisch, flussaufwärts fahren zu müssen, um zu einem Abzweig zu gelangen, der das Gewässer abwärts begleitet. Bald darauf entdecke ich die Erklärung für diese Merkwürdigkeit: Der Weg verläuft auf der anderen Seite des Baches, und zwar ziemlich weit oben am Hang. Die Bielefelder haben den Wegverlauf zwar grob vereinfacht eingezeichnet, aber in einem Punkt warnen sie den Benutzer zu Recht: Um dem Bach zur Mündung folgen zu können, muss man erst mal anständig bergauf. Hätte ich nicht nur die Karteninformationen von Google (die ohne jegliche Höhenangaben sind), sondern auch die Geländebilder mitgenommen, könnte ich ihnen 120 Meter Höhenunterschied entnehmen. Das ist zwar weniger als die Hälfte dessen, was ich seit dem höchsten Punkt meiner heutigen Reise schon wieder an Höhe verloren habe und nun unter Garantie noch einmal erklimmen darf, aber man freut sich doch immer wieder über unerwartete Fleißeinlagen.

Für mich geht es aber so oder so wieder bergauf, und mit Spannung beobachte ich jeden Abzweig und vor allem jede Gabelung des Wegs. Bei irgendwelchen Räumgassen herrscht ja rasch Klarheit darüber, welchen Spuren ich besser nicht folgen sollte. Aber wenn sich der Weg scheinbar gleichberechtigt verzweigt – was dann? Mein gesamtes Kartenmaterial ist sich darin einig, dass es keine relevanten Verzweigungen gibt, aber sollte ich mal einer irrelevanten gefolgt sein, so wäre dies erst einen halben Kilometer später erkennbar, wenn die Route auf dem Navi sich signifikant von der auf dem Ausdruck unterscheidet. Bloß gut, dass ich das Teil überhaupt habe. Zwar scheint noch die Sonne, sodass ich die Himmelsrichtung zur Not auch so bestimmen könnte, aber deren Kenntnis sagt noch wenig über die aktuelle Position aus.

Überraschenderweise gibt es hier oben in dieser »Entlegentei« noch Menschen, die anscheinend zumindest vorübergehend in den Bergen sesshaft sind. Es gibt ein paar Hütten, auf einer Lichtung so etwas wie ein bestelltes Feld – und das in über 1400 Metern Höhe! – und Weideflächen. Ich meine, jetzt, im Juni, mag das hier ja ganz gemütlich sein, solange keine Diebe oder Räuber auftauchen, aber im Winter muss hier doch so was von Feierabend sein…

Und dann passiert es: Auf einer Lichtung mit einem kleinen Tümpel und einem Bauwagen daneben, aus dem sich ein Mensch so zielgerichtet von mir entfernt, dass ich den Gedanken verwerfe, ihn nach dem Weg zu fragen, zumal ich noch gar nicht weiß, was genau ich da fragen könnte, also z.B. nach welchem Ort… – auf dieser Lichtung also bleibe ich stehen und bin erst mal recht ratlos. Himmel! Es geht doch nicht, immer nur nach Gefühl abzuzweigen! Wo soll mich das denn heute Abend noch hinführen?! Dabei neigt sich die Sonne schon bedenklich zum Horizont. Ich bin noch nicht mal oben, und nachher muss ich noch wieder hinunter! Das kann ja, je nach Wegqualität, durchaus auch Zeit in Anspruch nehmen. Nach eingehender Konsultation aller zur Verfügung stehenden Informationen verwerfe ich meine ursprüngliche Bauchgefühlsrichtung und biege links ab. Wenn das mal gut geht…

Mitten im Tann höre ich auf einmal Motorengeräusch, und hinter einer Kurve tauchen plötzlich drei Quad-Bikes auf. Ah, die Jugend auf Fun-Tour. Hier?! Na ja, warum eigentlich nicht? Hier gibt es kaum störenden Gegenverkehr und so gut wie niemanden, dem man mit seinem Lärm ernstlich auf den Keks gehen kann. Sie bremsen sogar rücksichtsvoll ab, als sie mich passieren. Und ich dachte schon, solche Gefährte würden sich hier wohl nur die Sprösslinge der örtlichen Mafia leisten können und sich dementsprechend aufführen.

Bulgarien, Zigeunertreck

Die nächste überraschende Begegnung habe ich mit einem Zigeunertreck. Die Pferdefuhrwerke kommen mir nicht entgegen, sondern sie sind in derselben Richtung wie ich unterwegs, nur eben etwas langsamer. Als ich sie bemerke, bin ich ihnen schon recht nahe, und als mir der Gedanke kommt, ein Foto davon zu machen, wird mir klar, welch erbarmungswürdige Armut da vor mir auf dem Weg ist und dass die Leute es sicherlich nicht gerne sähen, wenn ich sie als Spektakulum ablichtete. Zunächst mal hat nach meinem Eindruck auch in Bulgarien fast jeder ein Auto, der längere Strecken zurückzulegen hat – oder er bleibt einfach dort, wo er ist. Aber ich habe noch keinen der dunkelhäutigen Menschen in einem Auto sitzen sehen. Der Treck entspricht nicht allein dem Klischee vom »fahrenden Volk«, sondern wirft Fragen nach der Lebensweise der Leute auf. Auf den schmalen Wagen, die mich an die Pferdefuhrwerke in Rumänien erinnern, sitzen sie größtenteils an den Seiten und lassen die Beine herunterbaumeln. Hinter ihnen stapeln sich allerlei Dinge, die ich normalerweise als Schrott einstufen würde, aber die sehen irgendwie nicht wie auf Sammeltour aus. Da stehen verrostete Kanonenöfen neben ebenso verrosteten Stahlfederkernmatratzen (ohne jeden Bezug!); den Rest kann ich aus dieser Entfernung nicht einordnen. Irgendwie macht der Haufen den Eindruck, als sei er gerade abgebrannt und als hätte man das, was das Feuer übriggelassen hat, noch retten wollen. Als ich schließlich den Treck überhole, vernehme ich kein Gespräch, kein Gelächter, nichts. Mann, oh, Mann, bloß weiter, das ist ja fast unheimlich.

Bulgarien, Westrhodopen

Nach einiger Zeit schätze ich meine Entscheidung von vorhin als die richtige ein, aber vergleichbare Situationen, in denen mir kein Schild die richtige Richtung weist, kommen noch öfter. Irgendwie gelingt es mir jedoch tatsächlich, das try-and-error-Schema ohne einen einzigen Error, sprich: Irrweg, bis zur Passhöhe in gerade so 1600 Metern Höhe zu durchfahren, und da ist die Sonne dann auch schon am Horizont angelangt. Auch dort stehen ein paar Hütten, und da sind sogar ein paar Menschen. Hier wundere ich mich inzwischen nicht mehr so sehr über sie, denn das Dospattal ist zumindest über die Luftlinie nicht mehr so weit entfernt. Wenn's dorthin genauso asphaltiert abwärts ginge wie aus dem vorigen Tal mit Hauptstraße in die Berge hinauf, wäre ja alles in Ordnung, aber aus nicht näher beschreibbaren Gründen fehlt mir dafür der Glaube. Dass sich mein Misstrauen jedoch derart bestätigen würde, wie sich das auf dem Weg bergab jetzt darstellt, dass es also im Nachhinein geradezu als optimistisch gelten kann – das hätte ich dann doch nicht erwartet. Immer wieder frage ich mich bei dem wirklich krassen Geholpere, ob das behauener Fels ist oder irgendeine abstrakte Art von Pflasterung. Und mir wird wieder einmal klar, dass zumindest diese Schikane mir erspart geblieben wäre, wenn es den direkten Weg nach Medeni poljani gegeben hätte – und dass ich mich möglicherweise aufgrund der tatsächlichen Länge gar nicht auf die Gebirgstour eingelassen hätte, wenn ich vorher gewusst hätte, dass es keinen solchen direkten Weg gibt.

Bulgarien, Westrhodopen, Blick ins Dospattal

Meter um Meter stuckelt die Fuhre nach unten. Das Bremsen tut schon richtig in den Händen weh, denn wenn ich die Karre einfach laufen ließe, wäre sie binnen Sekunden Schrott, zumindest die Felgen. In den Atempausen verfluche ich das Bielefelder Personal. Gibt es denn gar keine Möglichkeit, jemanden juristisch dranzukriegen, wenn er solche Falschinformationen streut und auch noch Geld dafür nimmt?

Irgendwann, nachdem ich schon einige Hundert Höhenmeter abgegeben habe, fällt mir in der Geräuschkomposition unter mir ein ganz besonderer Missklang auf, und ich halte im Zwielicht an, um dessen Ursache zu ergründen. Es dauert auch gar nicht lange, bis ich es heraus habe. Der Gepäckträger hat sich von einer seiner vier Schrauben verabschiedet, die ihn am Rahmen halten, genauer: von einer der beiden, die die Fracht direkt oberhalb des hinteren Ausfallendes halten. Das hat mir gerade noch gefehlt! So eine Inbusschraube habe ich jedenfalls nicht in der Reserve. Und wenn die Last der beiden hinteren Packtaschen zuzüglich der Packrolle nun bloß noch von einer kleinen Schraube gehalten wird – denn die oberen beiden halten den Gepäckträger eigentlich nur »in Spur«, tragen kaum seine Last –, dann ist das eine dramatische Vergrößerung seiner Belastung, zumal nun noch die Verwindung durch das Wackeln im gewonnenen Spiel hinzukommt. Was also tun? Ich beschließe, eine gleich große Schraube umzuwidmen, die die Drehmomenthalterung der Gangschaltung fixiert. Die hat keine großen Kräfte aufzunehmen, auch wenn der lange Hebel etwas anderes vermuten lässt, und ganz in der Anfangszeit des Fahrrads hatte ich die auch schon mal verloren, ohne dass dadurch irgendwas nicht ging. Morgen werden ich mich irgendwie um Ersatz dafür kümmern. Jetzt aber muss erst mal wieder der Gepäckträger in den Normalbetrieb zurückversetzt werden. Der Transfer an sich geht nach der Beschlussfassung rasch vonstatten. Hauptsache, auf dem Rest der Strecke geht nicht noch mehr verloren. So eine Höllenpiste!

Als es schon fast dunkel ist, erreiche ich schließlich die Straße im Tal. Endlich! Und wo ist jetzt mein Quartier? Das muss ich erst noch finden, und wenn ich bedenke, dass die letzten beiden Nächte keine Dusche boten, wäre es mal wieder an der Zeit, mit etwas mehr Wasser in Kontakt zu kommen, d.h., vor der nächsten Kleinstadt brauche ich rechts und links des Weges die Blicke gar nicht erst schweifen zu lassen.

Ich tue es natürlich doch, aber viel zu erkennen ist da nicht mehr. Nach einer halben Stunde, nunmehr in völliger Dunkelheit, erreiche ich Sarnica. Für Google liegt der Ort völlig auf dem Trockenen; den Dospat-Stausee gibt’s bei denen gar nicht, also jedenfalls nicht auf der Straßenkarte. Da könnte man natürlich sagen, dass sich Straßenbenutzer ohnehin nicht für das interessierten, was auf oder gar unter dem Wasser ist, aber das ist ein schwaches Argument. Die Autoren von openstreetmap.org …, aber lassen wir die beiseite, was dieses Gebiet angeht. Sie kennen erst überhaupt keinen durchgehenden Weg durch das, was ich hinter mir habe.

Meine Intuition ist zu dieser Stunde nicht sonderlich gesprächig. Nach ein paar Hundert Metern entlang der Hauptstraße »murmelt« sie etwas von Nebenstraßen – nicht, weil Nebenstraßen natürlicherweise der bessere Standort für Gasthäuser oder Hotels wären, sondern weil sie näher am vermuteten See liegen. Wirklich sehen werde ich ihn wohl erst morgen, aber hier muss er irgendwo sein.

Und tatsächlich komme ich an einem mehrstöckigen Neubau vorbei, durchgehend erleuchtet im Hochparterre und durchgehend dunkel darüber. Das sieht aus, als sei es einen Versuch wert. Ich trete ein. Wie eine Hotelrezeption sieht das nicht aus, eher wie eine etwas bessere Kneipe, und fast an jedem Tisch sitzen ein paar Männer. Soll ich jetzt wirklich eine Kettenreaktion in Gang zu setzen versuchen, die vermutlich ungefähr so aussieht, dass einer den Schlüsselwart kennt (und dessen Handynummer), ihn vielleicht erreicht, dass der dann – sofern er Zeit hat, irgendwann – kommt und vielleicht ein akzeptables und nicht unverschämt überteuertes Gemach auftut?

Ich wage es, und ziemlich genau so läuft es. Die Ausstrahlung des Zimmers ist nicht rekordverdächtig, aber die Bettwäsche ist sauber, und die Dusche funktioniert. Ich kann also zufrieden sein. Im vereinbarten Salär ist auch enthalten, dass ich das Fahrrad mit aufs Zimmer nehmen kann. Das ist angesichts des allem Anschein nach noch nicht lange zurückliegenden Baudatums bemerkenswert, denn wohl auch der letzte Bulgare weiß, dass man sich mit Straßendreck schöne weiße Wände versauen kann. Aber dieser Bulgare ist zugleich offenbar davon überzeugt, dass das Fahrrad auf der Straße – angeschlossen oder nicht – nicht hinreichend sicher ist.

Obwohl der Abend schon fortgeschritten ist, gestatte ich mir, vor dem Fernseher zu versumpfen, obwohl das wegen der Sprachbarriere ein weiteres Mal kein Entertainment-Highlight ist. Aber ich brauche die Bedudelung jetzt wohl.

7. Juni 7. Juni9. Juni 9. Juni