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7. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen ist wesentlich heller, als es der Abend zuvor war. Das ist eigentlich normal; ich müsste sonst um 4 Uhr oder noch früher aufstehen, und damit ich um diese Zeit einigermaßen ausgeschlafen wäre, müsste ich zu einer Zeit schlafen gehen, in der das abendliche Leben noch richtig pulsiert. Da wäre es schwierig, einen Schlafplatz zu finden, ohne dabei bemerkt zu werden. Ob ich will oder nicht – ich muss mich schon annähernd an den Tagesrhythmus der Menschen anpassen, in deren Umgebung ich mich bewege. Wäre das nicht zu beachten, könnte ich – zumindest an heißen Tagen, von denen ich glücklicherweise bisher nur wenige hatte – versuchen, mit der ersten Dämmerung losfahren, am frühen Nachmittag eine mehrstündige Siesta halten, und vom frühen Abend an noch mal loslegen. Aber wo sollte diese Nachmittagspause stattfinden? Da halte ich die Zeiten doch lieber »gewöhnlich«, auch wenn Aufstehen vor fünf Uhr im Urlaub sicherlich nicht so ohne Weiteres von »gewöhnlichen« Urlaubern als normal angesehen wird.

Was ich jetzt tun muss, ist im Grunde ganz einfach: Ich muss zum Kreisverkehr von gestern Abend zurückkehren. Da ich diesen jedoch auf einer Hauptstraße verlassen habe, von der ich irgendwann rechts abgebogen bin, kommt mir in den Sinn, weiter in der gestrigen Richtung zu fahren, bis ich wieder auf diese Hauptstraße treffe, dann auf der anderen Seite aufzufahren und zum Kreisverkehr zurückzukehren. Ganz einfach. Denke ich jedenfalls. Aber während ich immer weiter in Richtung Westen fahre, obwohl der Kreisverkehr im Osten liegt, will einfach keine Querstraße nach links abbiegen, um mich auf die parallel vermutete Hauptstraße zu führen. Das Einfachste wäre freilich, einfach umzukehren. Aber das wäre ja noch schöner! Es gehört zwar nicht zu meinen Axiomen, eine einmal befahrene Strecke nie wieder zu benutzen – zumindest bei Verirrungen kommt mir nicht einmal der Gedanke, anders als auf dem zuvor benutzten Hinweg zum letzten vertrauenswürdigen Punkt zurückzukehren –, aber wenn es geht, probiere ich entschieden lieber etwas Neues aus. – Schließlich ist da doch noch so etwas wie eine Straße, aber die wirkt so … – wie soll ich sagen? Ich habe mehr das Gefühl, auf ein Werksgelände, genauer: auf das Gelände eines stillgelegten Werkes zu fahren, mithin in eine Sackgasse. Aber jetzt ist mir schon alles egal. Zumindest taugt dieser Versuch, um seine Untauglichkeit zu erweisen.

Rechts und links Niedergang oder bereits Niedergegangenes. Es ist ein Elend. Irgendwo hier muss sich noch etwas regen, denn ich werde von einem PKW überholt, der nicht so wirkt, als er genauso auf der Suche wie ich; der Fahrer weiß, dass er hier richtig ist, und das ist ziemlich sicher kein Fotograf, der eine Dokumentationsserie über ehemals sozialistische Industrieensembles machen will. In mir dagegen – nein, auch ich bin nicht für eine Fotoserie hier – kommt ein alter destruktiver Gedanke wieder herauf: Abrissbirnen! Abrissbirnen brauchte man hier, eine ganze Batterie davon. Man müsste durch diese Stadt ziehen, ach was, durch alle Städte und am besten gleich noch durch alle Dörfer, und zwar nicht nur in Bulgarien, und dann müsste man alles abreißen, für das sich über zehn Jahre weder ein Nutzer noch ein Sanierer gefunden hat. Wäre das ein Fest! Wer sich nicht vorstellen kann, was ich meine, und zur Veranschaulichung nicht extra nach Bulgarien fahren will, kann es auch in Leipzig versuchen: Bitte von Weißenfels nach Leipzig mit der Bahn fahren. Erkennbar sind die Kandidaten an eingeschlagenen Scheiben, einer Industriearchitektur des ausgehenden 19. Jahrhunderts … – ja, durchaus mitunter ehemals reizvolle Ziegelbauten, erst gestern habe ich von deren energetischer Sanierbarkeit schwadroniert – und zerlöcherter Dachpappe. Man findet »ausschnittsweise Stalingrad« sogar nahe dem Bahnhof, City, beste Lage – ungeklärte Vermögensverhältnisse, zumindest in Leipzig die höchstwahrscheinliche Ursache. So was könnte mich in Rage bringen. Welchen Erben auch immer das rechtlich zustehen mag: Mindestens seit 1990 ausstehende Grundsteuern zuzüglich Verzugszinsen hätten den Marktwert dieser Ruinen längst übertroffen und damit der Stadt eine Handhabe geboten, die Ruinen einzukassieren und platt zu machen. Kann das so teuer sein, verglichen mit dem Wiederverkaufswert einer Fläche, die saniert und grundbuchbereinigt ist? Und wenn Mitteldeutschland tatsächlich auch weiterhin einen Bevölkerungsrückgang verzeichnen sollte, dann wohl am wenigsten die Großstädte, und wenn auch die, dann sät man eben Rasen und macht den Stadtkern dadurch ein wenig luftiger. Aber nichts zu tun, das ist an jeder einzelnen verdammten Stelle ein Schandfleck, und den sehen nicht nur die Leute auf der Straße, den sehen auch die Leute, die in den Häusern gegenüber wohnen, und den sehen mögliche Investoren, die sich für die Perspektiven eines Standorts interessieren, also u.a. dafür, ob dort entsteht oder verfällt. Wer solche Abrissorgien bezahlen soll? Nennt mich naiv, aber ist Abriss eine Sache, die eine so hohe Qualifikation erfordert? Wer es schnell haben will, wer sprengen muss, wer Bodenbelastungen sanieren soll … – alles keine Frage, da müssen Experten ran. Aber kaputt machen kann doch nicht schwieriger sein als aufbauen, und wenn man sich anschaut, was für »Fachleute« manchmal auf dem Bau tätig sind, dann werden sich doch wohl in den Millionenheeren der Arbeitslosen ein paar Leute finden, die Spaß am Kaputtmachen haben.

Die Straße endet vor einem Kraftwerk. Einem Kohlekraftwerk, wie es aussieht. Aus diesem Jahrhundert ist das nicht. Na ja, der Strom kommt eben aus der Steckdose. Und für mich heißt es umkehren, weil das hier nicht weiter führt.

In einer Linkskurve sehe ich rechts Leute auf einem Trampelpfad kommen. Wenn schon, denn schon, denke ich, breche das Manöver nach links ab und biege auf den Pfad ab. Die Leute machen den Eindruck, als hielten sie das für keine kluge Idee. Ich auch nicht, aber im Augenblick bin ich gerade mal Entdecker mitten in einer Stadt.

Der Pfad verläuft bald darauf neben Gleisen und endet auf einem Bahnsteig, der wahrscheinlich der Bahnzubringer für das Kraftwerk ist. Auf der anderen Seite der Schienen ist wieder ein Weg zu sehen; ich wechsle die Seite. Wieder kommen mir ein paar Menschen entdecken: dunkle Haut, große Tragetaschen, keine wohlwollenden Blicke. Mensch, was machst du hier?!

Schließlich erreiche ich die Schnellstraße, zu der ich wollte, allerdings verläuft sie hier auf Pfeilern über mir, und ich ergründe das Schuttbiotop unter ihnen nach einer Möglichkeit der Unterquerung mit der Perspektive einer Auffahrt. Der Weg, wenn man ihn denn so nennen will, führt weiter in Richtung Westen, also unverändert in die falsche Richtung. Aber nachdem ich mit Verachtung durch Pfützen und Scherben gerollt bin, ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Fast schon aus der Unterwelt tauche ich auf, fahre über eine Böschung eine 180-Grad-Kurve, und nun geht es endlich in die richtige Richtung, genauer: erst mal wieder auf den gestrigen Kreisel zu. Dort muss ich nach rechts abbiegen, und dann stimmt die Richtung, denn es geht jetzt erst mal eine ganze Weile nach Süden in Richtung griechische Grenze.

Die A6 ist eigentlich nicht für Radfahrer gedacht. So signalisieren es die Schilder. Aber da es dazu keine Alternative gibt und da dort auch am heutigen Vormittag nicht gerade Stoßstange an Stoßstange unterwegs ist, ignoriere ich das Verbot, und es kümmert sich auch niemand darum, die Polizei eingeschlossen.

Bulgarien, Blick zum Witoscha-Gebirge

Die Straße über- und durchquert auf der Route nach Süden einige Höhenzüge. Das ist insgesamt nichts Wildes, und wo es mal »Härten« gegeben hat, wurden diese mit Macht beiseite geräumt. Hier dürften die großkalibrigen Presslufthämmer Monate gewütet haben. Jetzt stellt sich da und dort die Frage, ob die Flanken vielleicht etwas steil geraten sind, denn im Fels droht Steinschlag mit jedem Verwitterungsfortschritt bei Frost und Hitze, und im weicheren Material graben sich Starkniederschläge eigenwillige Furchen.

An der Straße werden Kirschen verkauft. Wie groß war noch mal das Einkommensgefälle zwischen Deutschland und Bulgarien? Ich habe nicht den Eindruck, dass von mir Sonderpreise verlangt werden. Obwohl die Früchte hier nur die Hälfte oder gar nur ein Drittel von dem kosten, was ich zu Hause dafür hinlegen müsste, sind Einheimische gezwungen, dafür ganz schön tief in die Tasche zu langen. Oder ich unterschätze deren finanzielle Möglichkeiten. Schließlich fahren sie ja durchaus auch mit Audi und BMW durch die Gegend, und zwar keineswegs mit den Rostlaubenvarianten. Da sollte man annehmen, dass auch ein paar Kilo Kirschen noch drin sind. Bis ich so weit bin, dass ich ein positives Verhältnis zu dem Obst gewonnen habe – Hürden auf dem Weg dahin sind z.B die Frage, wo ich die Früchte waschen kann und wo ich sie bis dahin unterbringe, ohne dass sie derweil zu Mus geworden sind –, vergehen so viel Zeit und Wegstrecke, dass das dichteste Angebot schon wieder vorbei ist. An den Plantagen bin ich offenbar vorbei. Dann kommt aber doch noch ein einzelner Stand, ich nehme ein Kilo ungeschmälert an »Bord«, und weiter geht’s nach Süden.

Bulgarien, altes Wohnhaus an der E79

Hinter einer Kreuzung befindet sich links ein Lokal oder etwas in dieser Art. Entscheidend ist für mich der Wasserhahn an der Außenwand des Gebäudes. Jetzt gibt’s Obst! Regelrecht lauschig ist der Platz zwar nicht gerade, denn der ganze Fernverkehr rollt in Kirschkernspuckweite vorbei. Ich betrachte ein diagonal gegenüber liegendes Gebäude. Das war mal beste Lage, »verkehrsgünstig gelegen«, wie man heute zuweilen über Wohnungen liest, in denen man weder tagsüber noch nachts mal eine ruhige Minute hat. Aber diese Hauptstraße, die hier nicht mehr die A6 ist, sondern nur noch einfach die zweispurige Nr. 1 (und zugleich die Europastraße 79, aber das verrät zur Feier des Tages nur meine Landkarte, nicht dagegen maps.google.de und openstreetmap.org; die Wikipedia weiß es noch, aber die ist ja kein kartografisches Produkt), hatte vor 20 Jahren sicherlich auch schon eine vergleichsweise hohe Bedeutung und dabei dennoch einen Durchsatz, der akzeptable Wohnqualität ermöglichte. Aber die Zeiten haben sich geändert, Griechenland liegt jetzt quasi um die Ecke, die Leistungsfähigkeit der Antriebsaggregate im Kraftverkehr hat sich vervielfacht, die Geschwindigkeit vielfach mindestens verdoppelt – was will man da hier noch? Während ein Teil meiner geistigen Fähigkeiten von der Verwaltung von Kirschen und Kernen im Mund in Anspruch genommen wird, geht ein anderer Teil der Frage nach, ob in dieser Spelunke, deren Dach zumindest partiell undicht ist, wohl noch jemand haust. Alte Bäume lassen sich ja nicht mehr so leicht verpflanzen, heißt es, und auf meiner Reise habe ich schon Erstaunliches gesehen, zumindest wenn ich bedenke, dass Behausungen und Bewohner jedes Jahr aufs Neue auch einen Winter mit Minusgraden zu überstehen haben.

Bulgarien, Rila-Gebirge

Die linke Hälfte meines Horizonts wird durch das Rila-Gebirge geprägt, dessen teils schneebefleckte Gipfel bis knapp 3000 Meter aufragen. Es sind die höchsten Berge Bulgariens, die sich mehr oder minder im Dunst verbergen. Am Kartentisch – vor einem Urlaub sowieso und auch gar nicht so lange danach, zumeist noch vor dem vollständigen Verheilen der letzten Hautirritationen – neigt man ja zu Himmelsstürmereien: »Machen wir mal eine Durchquerung der Höhenzüge; die Aussicht ist bestimmt grandios. Ach, schade, es gibt gar keine durchgehende Straße. Na ja, nicht zu ändern. Vielleicht mache ich mal einen Abstecher und schaue wenigstens, wie weit ich komme.« Es ist verblüffend, wie leicht man in der wohltemperierten Stube mal eben 2000 Höhenmeter »wegabstrahiert«, obwohl die Karteneinfärbung nicht den geringsten Zweifel daran lässt (außer dem grundsätzlichen und prinzipiell gerechtfertigten Misstrauen gegenüber mutmaßlich drogenschwangeren Phantasien der Kartografen), dass damit locker ein »Tagwerk« in den Skat gedrückt wird. Ich sehe keine Schilder, die auf Abstechermöglichkeiten hinweisen, und ich halte auch gar nicht so gründlich Ausschau danach. Denn jetzt stehe ich nicht am Kartentisch, sondern sitze seit Wochen im Sattel und werde es, wenn alles nach Plan läuft, auch noch für weitere Wochen tun. Aber will ich das wirklich? Ich meine, hin und wieder ist die Strecke interessant, und grundsätzlich schließe ich mit meiner Expedition Wissenslücken, koloriere gewissermaßen weiße Flecken auf meiner ganz persönlichen Europakarte. Aber reicht das nach Ende des Urlaubs für eine Rückschau im Sinne von »hat sich gelohnt«? Könnte ich, nur mal so theoretisch gedacht, wie z.B. über meine Etappen vom letzten Jahr in Montenegro, Empfehlungen aussprechen? Oder geht es nur darum, niemandem sagen zu müssen, dass Planung oder Durchführung eher ein Fehlgriff war, längst nicht so dicht mit Reizen besetzt wie eine alpine Tour, oder der Vermutung die Grundlage zu entziehen, ich würd's nicht mehr bringen? Matei hat mir ja eine durchaus verlockende Option eröffnet. Was könnte ich nicht alles schaffen während eines Urlaubs auf Balkonien… – Lese-, Schreib- und Diskussionsstoff gäb's für einen langen verregneten Sommer genug, so viel ist sicher.

Einem dieser Abstecher gehe ich dann aber doch ein Stückchen nach. Der Kartenverlag hat hier so genannte »Pyramiden« eingezeichnet, irgendeine in der Nähe der Strecke liegende vorgebliche Sehenswürdigkeit von den nicht so überwältigend vielen eingezeichneten. Am Ende der Stichstraße soll noch eine »Monastery« liegen, also wohl ein Kloster, und vielleicht macht das sogar mehr her als die meisten anderen aus meiner Sicht wenig beeindruckenden Bauten; immerhin soll ein Antrag auf Aufnahme ins Weltkulturerbe der Unesco laufen, aber Antrag und Bewilligung sind bekanntermaßen zwei verschiedene Dinge. Dorthin will ich nicht; ich muss ein wenig im Blick behalten, dass meine Gesamtstreckenplanung sehr ambitioniert war, um nicht zu sagen unrealistisch, und dass ich schon zwei volle Tage vorm Computer verbracht habe, 48 Stunden, die mich keinen Meter weiter gebracht haben. Freilich, wenn ich mich nach nicht einmal der Hälfte der Gesamtstrecke auf dem Bock eines 40-Tonners nach Hause bringen lasse, bin ich auf jeden Fall pünktlich wieder im Büro. Aber das ist eben nur eine Exit-Strategie für den Fall, dass Fleiß und Preis auf der Route überdeutlich aus der Balance geraten.

Bulgarien, Rila-Gebirge

Das Tal zu den Pyramiden zweigt in nordöstlicher Richtung von der Hauptstraße ab. Weil das so ist und weil es eine Nebenstraße geben soll, die diesen spitzen Winkel – ich bin ja hauptsächlich in Richtung Süden unterwegs – etwas abzustumpfen verspricht, folge ich dem entsprechenden Schild. Während die Fahrt heute bisher geradezu bequem eben und wohltemperiert war und ich infolgedessen recht flott vorankam, ist der jetzt gewählte Abzweig das genaue Gegenteil: Es geht deutlich bergauf, und in der Langsamkeit des Aufstiegs entfaltet die Sonne im Zenit ihre ganze Macht. Ruckzuck ist das Thermometer auf 30 Grad gestiegen, und da hilft jetzt nur noch eine kämpferische Attitüde. Jedenfalls machen sich rasch Zweifel an der ursprünglichen These breit, dass diese Abkürzung eine Zweitersparnis wäre. Aber jetzt bin ich einmal hier; da wird das nun auch durchgestanden.

Die Ortschaften am Nordhang des Gebirges leben offenbar ganz gut vom Weinanbau; zumindest einige Höfe machen einen recht wohlhabenden Eindruck, wie ich im ersten Ort Smočevo sehen kann. Ansonsten ist nicht viel Geschäftigkeit zu sehen; wahrscheinlich sind die meisten auf Arbeit.

Bulgarien, Weinanbau in Stob am Rila-Gebirge

Nachdem ich über einiges Zickzack hinab im Seitental angekommen bin, stellt sich die Frage, ob ich darin noch weiter in Richtung Osten vordringen muss oder die Pyramiden quasi auf dem Rückweg zur E79 suchen sollte. Nach eingehendem Abgleich von Karten und Navi entscheide ich mich für die zweite Variante, und die ist wohl auch richtig. Linkerhand kommt der Abzweig nach Ctob, dem Ort am Fuße der Pyramiden. Auch hier ist nicht viel los. An einer Wasserstelle entscheide ich mich für eine warme Mahlzeit. Es sollte mal wieder etwas Warmes sein, nicht immer nur Schokocreme; das Weißbrot von Matei erscheint mir in seiner Folienverpackung und unter Berücksichtigung der aktuellen Feuchtigkeits- und Temperaturwerte akut schimmelgefährdet, und dann sind da noch Käse- und Gemüsevorräte aus Serbien, die mit der Zeit ebenfalls nicht besser werden. Der Käse ist mir überdies nicht ganz koscher. Ich habe so den Verdacht, in Gestalt dieses letzten Einkaufs auf serbischem Gebiet erstmals einem Vertreter der Gattung Analogkäse begegnet zu sein. Das Zeug wollte bisher jedenfalls nicht »rutschen«, wenn ich mir mal eine Scheibe zur Stärkung abgeschnitten habe, und solche Probleme hatte ich bei Käse bisher eigentlich noch nicht.

Bulgarien, Eselsgespann

Ich setze die Nudeln auf und mache mich mit dem Messer über die Trennung zwischen Genießbarem und eher Ungenießbarem beim Gemüse her. Derweil bleibe ich nicht der einzige »Wassergast«; ein paar Mal kommen Mopedfahrer vorbei, die ihre Flaschen auffüllen, zweimal auch ein Eselskarren. Und einmal streunt ein Hund vorbei, der anscheinend eine seltsame Mischung aus Schäferhund und Husky ist – jedenfalls hat er ein braunes und ein blaues Auge. Die blauen Augen der Huskys mag ich ja nicht so sehr, sie verleihen ihrem Blick so etwas Stechendes, aber solcherlei Animositäten treten in den Hintergrund angesichts meiner Sorge über die Unversehrtheit, möglichst sogar Unberührtheit meiner Zutaten. Da ist eigentlich nichts dabei, was ein »richtiger« Hund mag, jedenfalls kein Fleisch, und angesichts des dubiosen Käses wahrscheinlich noch nicht einmal tierische Proteine. Aber nachdem ich in Inovo gesehen habe, wie ein Pittbull mit Weißbrot gefüttert wurde und immer noch wie ein Pittbull aussah und knurrte, halte ich auch eine Attacke auf meine Tomaten nicht mehr für völlig ausgeschlossen. Ob das nun ein Beitrag zu ausgewogener Ernährung ist, der Versuch zur Umerziehung hin zu vegetarischer Ernährung oder ganz einfach ein Mangel an Geld, um täglich genügend frisches Fleisch heranzuschaffen, oder bei herumstreunenden Kötern der blanke Hunger – ich will nicht, dass irgendein Vieh an meinen Lebensmitteln auch nur herumschnüffelt. Also halte ich Wache.

Als alles kocht und der Topf fast überzulaufen droht, schneide ich noch die Reste des Käses hinein. Ich würde sagen, das klingt lecker, allein: Es ist nicht lecker. Ob das nun allein an dem Käse liegt oder am Weißbrot, oder ob mir die rechte Soße fehlt – vielleicht ist es auch einfach ein bisschen viel auf einmal – zum Schluss liegt mir irgendwie ein großer Klumpen im Magen, und ich kann nur hoffen, dass der während der Fahrt größtenteils auf höheren Touren drehende Kreislauf diesen Ballast in erträglicher Zeit wieder abbaut.

Bulgarien, öffentliche Todesanzeigen

Der Aufenthalt »zu Tisch« zieht sich über mehr als zwei Stunden hin, Zeit auch, die unmittelbare Umgebung ein wenig in Augenschein zu nehmen. Auffällig ist ein Aushang, gedacht und genutzt für Nachrufe. Ich vermute, dass Tageszeitungen, in denen man inserieren könnte, hier keine so große Rolle spielen, vielleicht sind sie auch einfach nur teurer und weniger zielgerichtet als solche Aushänge – wobei dieser ausgesprochen gepflegt wirkt. Bushaltestellen sind ein beliebter »Untergrund« für wahllose Klebereien solcher Art: in schwarz-weiß und in Farbe, mit Jugend- und Altersaufnahmen versehen, anlässlich aktueller Todesfälle und zur Erinnerung an längst zurückliegende – alles ist möglich, und während das hier »in Reih' und Glied« angeordnet ist, auch in der Menge sehr überschaubar, herrscht andernorts »Klebeanarchie«, der Hässlichkeit der Unterstellmöglichkeiten angepasst und sie vertiefend.

Also dann, auf zu den Pyramiden. Ich bin ja schon mal gespannt. Glücklicherweise halten die Stober oder auch irgendeine übergeordnete Behörde, die das Recht hat, in Stob Schilder anzubringen, dieses touristische Ziel für hinreichend bewerbungswürdig; sonst würde ich es wahrscheinlich gar nicht finden. Über einen zentralen Platz, von dem aus sich jenseits eines Baches bereits der Hang erhebt, führt der Weg durch diverse Straßen, immer steiler hinauf, aber alles noch im Rahmen. Am Ortsausgang befindet sich eine neue oder renovierte Kirche, danach kommt nur noch ein geschotterter Wendeplatz, vielleicht für Reisebusse, eine hölzerne geschlossene Schranke und daneben ein kleines Häuschen, eher eine Kabine, rundum vergittert, in der eine Frau sitzt und Eintrittskarten verkauft. Ich kaufe eine.

Obwohl sich die Schranke in ihrer Sichtweite befindet und obwohl ich mein Fahrrad qua Schloss mit dem Gebälk verbunden habe, möchte ich es doch nicht länger als unbedingt nötig aus den Augen lassen. Also marschiere ich forschen Schrittes bergauf, gespannt darauf, was für Dinger sich wohl hinter der eher an Ägypten erinnernden Bezeichnung »Pyramiden« verbergen. Dass sie so aussehen wie Pyramiden, glaube ich eher nicht. Aber man wird ja sehen.

Zunächst geht es über einen geschotterten Weg so aufwärts, dass ich auch noch einigermaßen hätte fahren können, wenn da nicht die Schranke gewesen wäre (die zu respektieren mir geraten schien). Dann kommt ein weiterer Wegabschnitt, auf dem Treppen durch einen niedrigen, verhältnismäßig lichten Nadelwald führen, und schließlich hören die Bäume ganz auf und geben den Blick auf zerfurchte Hänge frei. Pyramiden? Die müssen noch kommen. Dank einer Informationstafel am Kiosk neben der Schranke weiß ich inzwischen auch, wie die »Pyramiden« aussehen sollen, woraus sie bestehen und wie sie entstanden sind (und wieder vergehen). Es handelt sich dabei um Gebilde, die man in den französischen Alpen unter der Bezeichnung »Demoiselles« findet. Diesen Namen hat man steilen Sandsteinkegelstümpfen gegeben, auf denen verhältnismäßig große Basaltsteine liegen. Diese Basaltsteine haben die Namensgeber an den monströsen Kopfschmuck französischer Damen erinnert, der vom Durchmesser auf jeden Fall den Kopf, nicht selten aber auch den Körperumfang seiner Trägerinnen überragte. Genauso war es mit den Basaltsteinen. Je weiter der Sandstein verwitterte, desto instabiler wurde das Gebilde, und irgendwann stürzen die Basaltsteine herunter, und danach ist der Rest nicht mehr weiter bemerkenswert. – Hier nun ist das »Trägermaterial« kein Sandstein, sondern irgendein ziemlich haltbares Geschiebe aus grobem Kies und Lehm, wobei »ziemlich haltbar« nicht in Relation zu Sandstein gemeint ist, sondern in Bezug auf die Erwartung, wie lange Lehm und Kies wohl halten mögen, wenn das Gemisch mal einem ziemlich hohen Druck durch aufliegende Schichten ausgesetzt war. Allerdings haben hier schon mächtig viele Damen ihren Hut verloren; es gibt also aktuell nur eine begrenzte Anzahl von zu bestaunenden Gebilden.

Bulgarien, Stob

Als ich gerade am Waldrand ankomme und die ersten »Pyramiden« erblicke, sehe ich eine kleine Besuchergruppe, die schon wieder den Berg herunterkommt. Als wir gerade aneinander vorbeilaufen, sprechen sie mich an: Es ist ein älteres Paar und wahrscheinlich ein junges Paar (also, jung sind sie auf jeden Fall, aber dass sie zusammen gehören, ist für mich weniger sicher als bei den Senioren). Und es sind, wie es aussieht, Deutsche. Als mir klar ist, dass sie sich nicht untereinander unterhalten, sondern mich ansprechen, bin ich schon fünf Meter vorbei, komme aber wieder zurück. Ja, ich komme aus Deutschland, ja, allein. Mit dem Fahrrad. Hier schaltet sich die junge Frau ein, die einen deutlichen Akzent hat; allem Anschein nach ist sie Bulgarin. Das erinnert mich an ein Gespräch, das ich vor dem Urlaub mit einer Kollegin von Bernd V. hatte, einem ehemaligen Studienfreund. Diese Kollegin ist ebenfalls Bulgarin und lebt seit einigen Jahren in Deutschland, hat hier auch einen Freund. Als ich sie befragte, ob ich mir wohl rein nach dem Gefühl »taugliche« Ecken von Bulgarien für meine Reise ausgesucht hätte, erfuhr ich, dass ihr Freund dieses Jahr zum ersten Mal mit nach Bulgarien käme, sozusagen zur Erkundung ihrer Wurzeln. Und so einem Paar bin ich hier offenbar auch gerade begegnet. Die junge Frau ist, wie sich das »gehört«, erstaunt über meine Radelei. Das sei doch – was sonst? – ziemlich gefährlich. Ich schildere meine Wahrnehmung, dass bulgarische Autofahrer ähnlich rücksichtsvoll wie Deutsche seien, was ihr ein spontanes Gelächter entlockt. Dabei habe ich mich nicht zu irgendwelchen blöden Einheimischenkomplimenten veranlasst gesehen, d.h., ich meine das wirklich so, zumindest, was ihr Verhalten mir gegenüber angeht. Dass es schon vorgekommen ist, dass mich jemand mit dem gebührenden Sicherheitsabstand überholte, dabei jedoch den Gegenverkehr in arge Bedrängnis brachte, setze ich jetzt der Einfachheit halber nicht weiter auseinander.

Bulgarien, Stob, Pyramiden

Leichtsinnig, wie ich bin, erläutere ich meine weiteren Reisepläne bis in die Ukraine. Kerl, Kerl, du überlegst, dich an der bulgarischen Schwarzmeerküste auf die billige Tour aus dem Staub zu machen, und hier tönst du herum. Das erinnert mich doch fatal an die Begegnung mit einer französischen Familie 2009 im norditalienischen Longarone, denen ich weismachte, ich wäre auf dem Weg nach Griechenland. Dabei war das gar keine Lüge, sondern »nur« eine ziemlich ausgewachsene Fehleinschätzung – schließlich war schon vor Trieste Wendepunkt und in Villach Ende der Tour, und beiden Orten ist gemeinsam, dass sie sich signifikant außerhalb des griechischen Hoheitsgebietes befinden. Es ging zum Schluss halt nicht mehr, zumindest war dies meine Sorge. Der Irrtum war derart perfekt, dass es im darauffolgenden Jahr, als ich die Tour in Villach wiederaufnahm, noch immer nicht bis Griechenland reichte. Aber Durrës lag immerhin – bzw. liegt noch immer – bereits im Nachbarland von Griechenland. Da sollte ich doch jetzt etwas zurückhaltender in meiner PR sein. Aber das entspricht wohl nicht dem Wesen von PR. – Natürlich ist der Kerl verrückt. Erste Variante: »Wahnsinn!«, zweite: »Extrem!« Oder so ähnlich. Sonderlich phantasievoll oder auch nur positiv sind die Leute diesbezüglich eigentlich nicht – »Sportlich!« oder »Kann ich mitkommen?« kommt z.B. so selten vor, dass ich mich spontan gerade nicht daran erinnern kann, ob das schon mal war.

Wir gehen in entgegengesetzten Richtungen auseinander. Da ich »Pyramiden« ähnlicher Art schon mal gesehen habe, ist mein Erstaunen begrenzt. Ich nehme zur Kenntnis, mache eine Menge Fotos, registriere, dass der Pfad so hart an der äußerst steilen Schräge für Besucher ungefähr so sicher ist wie die Unterlage der Basaltsteine für eben diese (und bekanntlich stürzen da immer mal wieder welche ab), jedenfalls bei Regenwetter. Das haben wir ja jetzt gerade nicht, und so hoffe ich für mich das Beste. – Nachdem ich alles im Kasten habe, geht’s im gestreckten Galopp wieder nach unten. Erstens habe ich Sehnsucht nach meinem Fahrrad, und zweitens hätte ich nichts dagegen, noch einmal die – durchaus hübsche – Bulgarin zu sehen. Und tatsächlich sitzen die vier gerade wieder im Auto, als ich an der Schranke ankomme. Von Leuten in dachgeschlossenen Limousinen sehen aber höchstens Paparazzi Bemerkenswertes. Und dann fahren sie auch schon, winken noch kurz, während ich damit beschäftigt bin, meinen Drahtesel aus seiner Sicherungsumklammerung zu befreien.

Bulgarien, Stob, Pyramiden Bulgarien, Stob, Pyramiden
Bulgarien, Stob, Pyramiden Bulgarien, Stob, Pyramiden
Bulgarien, Stob, Pyramiden Bulgarien, Stob, Pyramiden
Bulgarien, Stob Bulgarien, Stob, Pyramiden
Bulgarien, Stob, Pyramiden Bulgarien, Stob, Pyramiden

Über die Dörfer, mehr von der Orientierung nach der Himmelsrichtung geleitet als von nicht vorhandenen bzw. – schlimmer noch, aber leider üblich – verfälschten Details zu Nebenstraßen gelange ich wieder zurück auf die E79. Nächster Punkt von Bedeutung ist Blagoevgrad, eine größere Stadt, für die ich die Transitstrecke verlasse, um einen Eindruck zu gewinnen. Allerdings finde ich diesen nicht erheblich; mir prägt sich lediglich eine Fabrik fast schon wieder am Ortsausgang ein, aus der in hellen Scharen Menschen strömen. Halb sieben, meinetwegen auch erst halb sechs – das ist entweder ein ziemlich langer Arbeitstag oder ein verhältnismäßig später Arbeitsbeginn. Heute ist Dienstag, also knapp Halbzeit in der 5-Tage-Arbeitswoche – da würde ich jetzt bestenfalls Erleichterung über das heutige Ende einer Mühsal erwarten, keine Wochenausklangsvergnüglichkeit. Darum bin ich umso überraschter, als plötzlich vielleicht sieben oder acht Meter schräg vor mir ein Mann, der Ende 50 sein mag, den rechten Arm hochreißt und mir mit deutlichem Überschwang entgegenruft: »Good bye, sir, good bye!« Was hat er nur? Will er, dass ich möglichst schnell verschwinde – denn so etwas sagt man ja üblicherweise nicht zur Begrüßung, gewissermaßen zum Auftakt einer Begegnung –, oder ist ihm lediglich klar, dass die Begegnung von vergleichsweise kurzer Dauer sein wird, sodass ihm der unmittelbare Übergang zur Abschiedszeremonie geratener erscheint? Fragen über Fragen, und sie bleiben wie so viele andere unbeantwortet.

Blagoevgrad ist opulent an die E79 angebunden; das sind schon fast Autobahnkreuze, und so fädele ich mich über alle vorgesehenen Kurven wieder auf den Überlandweg nach Thessaloniki ein. Ursprünglich, d.h. entsprechend meiner Planung, wollte ich diese Straße bis fast hinunter zur griechischen Grenze fahren – es hätten gerade mal noch drei Kilometer bis zum Schlagbaum gefehlt –, aber die Beratungen im Hause Madžarov (in Inovo) ergaben, dass das kein landschaftlicher Gewinn sei gegenüber einer etwas kürzeren Variante, die den Knick nach Osten, fast schon wieder nach Nordosten ca. 40 km früher macht und dann weiter östlich, bei Bansko, den Fortschritt in Richtung Süden zum Teil nachholt.

Auf dem Weg zu diesem Abzweig komme ich an einer Stelle vorbei, an der die Polizei Achslastmessungen durchführt. Es ist das erste Mal, dass ich sehe, wie sie das ungefähr machen (es ist gerade kein LKW da; daher kann ich nur die Messgeräte sehen und muss mir den Rest zusammenreimen). Angesichts eines nicht vorhandenen oder zumindest sehr kurzen Federwegs von Sattelaufliegern habe ich mich immer gefragt, wie man die Last einer einzelnen Achse messen könne, ohne dass diese auf einer Waage zwangsläufig die anderen Achsen entlastet und somit zu einem viel zu hohen Messwert führt. Ein Weg zur Antwort sind die flachen Platten, vielleicht einen oder zwei Zentimeter stark, die ich an dieser Stelle auf der Straße liegen sehe. Entweder ist die Verfälschung durch diese flachen Teile so gering, dass man sie vernachlässigen kann, oder die Ordnungshüter legen einfach unter jeden Reifen eine Waage. Es können ja bei drei Achsen zur Not auch vier von sechs Geräten Dummys sein; man hat dann bloß nicht alle Messwerte in einem Schritt. So also geht das – wieder was gelernt. Was ich dabei freilich nicht lerne, ist, wie dicht das Netz der Kontrollen ist und was passiert, wenn einer zu schwer herumfährt. Martin hat mir erzählt, in Deutschland würde häufig mit mehr als 50 Tonnen gefahren, obwohl die Dinger ja offiziell 40-Tonner heißen, d.h., man überschreitet die zulässigen Grenzwerte ganz erheblich. Und wenn man solche Massen dann auf zwölf Reifen herunterrechnet – wobei die steuernde Achse vermutlich weit geringer belastet wird als die übrigen –, kommt man auf mehr als vier Tonnen je Rad, und spätestens dann wird klar, wieso ein LKW viel stärker zum Verschleiß einer Straße beiträgt als ein popeliger PKW, und sei es auch ein SUV. In der ZEIT stand kürzlich ein Artikel, demzufolge der Straßenschaden mit der vierten Potenz der Last oder des Drucks ansteigt. Weil das nicht dasselbe ist, denn LKW-Reifen haben einen größeren Durchmesser und daher sicherlich auch eine größere Auflagefläche auf der Straße, wird es natürlich schwierig, die Relation zwischen PKW und LKW genau anzugeben. Ich komme auf einen Faktor von 5000…10000, der Autor des ZEIT-Artikels sogar auf bis zu 100000 (aber ich bin mir ziemlich sicher, dass er da einen Denkfehler gemacht hat), aber wahrscheinlich ist das egal, denn er weist zu Recht darauf hin, dass die Schädigung durch PKW bei solchen Unterschieden komplett vernachlässigbar sei.

In Simitli ist der Abzweig, und habe ich bis vor gar nicht allzu langer Zeit davon geträumt, die Rampe heute noch zu schaffen, also den ersten Ort oberhalb des Anstiegs um ca. 850 Meter zu erreichen, so erscheint mir das jetzt zunehmend unrealistisch, zumindest in Anbetracht der restlichen Tagesdauer. Blöd daran ist, dass es jetzt eigentlich noch viel zu früh für eine Quartiersuche ist. Was soll ich da denn jetzt schon machen?

Vorerst ergänze ich meine Vorräte, lasse mir ein Eis schmecken – jetzt ist sowieso schon alles egal –, spekuliere über die weiteren landschaftlichen Reize des zuletzt immer tiefer gewordenen Flusstals und kurbele dann langsam zum Ortsende. Bis dahin geht es schon deutlich bergan. Die weitere Fahrt ist unsicher; es kann sein, dass ich noch was finde, aber u.U. muss ich auch wieder umkehren. Allerdings kann ich mir den Versuch im Augenblick leisten – sowohl kräftemäßig als auch zeitlich. Und schon am Ende einer langgestreckten Kurve erblicke ich rechts, vielleicht 20 oder 30 Meter von der Straße entfernt und sechs, sieben Meter über dem Straßenniveau einen Palast von einer Baustelle. Das Ding ist zweigeteilt: Rechts ein konventionelles Haus über knapp drei Stockwerke, von denen jedes einer vierköpfigen Familie zum Leben reichen müsste, und links ein fast genauso breiter Abschnitt ohne jegliche Wände und mit nur zwei Geschossen. Die Anlage macht den Eindruck, als sollte auf der großen obergeschossigen Freifläche mal so etwas wie ein Freiluftlokal entstehen, ein überdachter Biergarten quasi. Bis dahin ist allerdings noch viel Arbeit zu verrichten – und einiges Geld auszugeben, denn wenn auch die dicken Brocken – Beton und Ziegel für Wände und Dach – schon erledigt sein mögen, so kosten doch die noch fehlenden Fenster, diverse Installationen usw. noch mehr als nur Kleingeld… Wie leisten die sich das nur?! Unklar, selbst wenn der Bauherr das meiste in Eigenleistung erbracht haben mag.

Aber ich kann da nicht einfach einsteigen bzw. hochklettern, denn vor dem Haus ist ein nicht mehr ganz junges Paar mit Gartenarbeiten beschäftigt. Denen wird die Hütte wohl gehören, d.h., ich muss neue Wege beschreiten und fragen, ganz offiziell. Nur wie? Welche Verständigungsmöglichkeiten haben wir, selbst bei bestem Willen? Ich muss es versuchen, aber Englisch wie auch Deutsch scheiden schnell aus. Verständlich, bei einem vergleichbaren Paar in Deutschland würde bis auf Deutsch, womöglich sogar nur Dialekt, auch keine andere Sprache in Betracht kommen. Englisch? Probiert es doch mal auf dem Dorf bei der Generation 40+. Klar wird es Kundige geben, aber bestimmt ebenso viele Unkundige. Ich verlege mich auf Russisch. Was ich wissen will, bekomme ich noch vermittelt, mit Verhöflichungen wie »würde gerne« anstelle von »will« kann ich aber leider nicht dienen. Die Frau ist zunächst reserviert, taut aber in dem Maße auf, in dem sie versteht, worauf ich hinaus will – anscheinend kann sie etwas Russisch, wahrscheinlich sogar mehr als ich. Der Mann hat das nach meinem Eindruck die ganze Zeit über relativ unkompliziert gesehen, aber auf dieses Eis gehe ich nicht: mir den geneigteren Partner herauszusuchen und ihn gegen den weniger geneigten sozusagen in Stellung zu bringen. Das sollen die mal schön unter sich ausmachen.

Als ich ein deutliches Signal der Zustimmung bemerke, freue ich mich natürlich und schaffe das Fahrrad auf die Fläche unter dem hypothetischen Biergarten. Viel Platz ist hier nicht mehr; da liegen Bretter, steht ein altes Auto, findet sich Schüttgut. Aber für eine Isomatte ist immer noch Platz. Wie ich gerade dabei bin, sie auszubreiten, bemerkt der Mann mein Tun, und das ist gar nicht in seinem Sinne. Er nötigt mich, hinaufzukommen, wo wesentlich mehr Platz ist, und bittet mich sogar in den bereits mit Fenstern und Türen versehenen Teil. Die Naturholztüren machen fast schon eine heimelige Atmosphäre, allerdings gibt es keinen Estrich, sondern nur nackten Beton, teilweise mit Läufern abgedeckt. Wie wollen die denn hier noch den Fußboden reinkriegen, wenn die Türen jetzt schon fast schleifen? Anfängerfehler? Nein, nein, keine Frage, ich hätte den Bau allein mit eigenen Fertigkeiten und erforderlichem Gerät nicht so weit gebracht, wie er jetzt da steht – vermute ich jedenfalls mal. Aber dennoch wäre ich mal neugierig auf die Lösung dieses Rätsels.

Ich werde in ein Zimmer mit einem alten Sofa bugsiert. Dann macht mir die Frau klar, dass sie selbst jetzt ins Dorf fahren würden, weil sie dort wohnen. Aha, man hat sich also noch nicht auf Gedeih und Verderb an die Winterfestigkeit dieser Immobilie gebunden – wobei ich mich frage, welche Erfordernisse ein Winter so nahe der griechischen Grenze noch mit sich bringt. Der Mann zeigt mir, wie man das Haus abschließt und wo ich den Schlüssel verstecken soll, wenn ich morgen abfahre. Donnerwetter, das war ja eine Vertrauensbildung im Eiltempo!, denke ich mir. Ich meine, gäb’s hier etwas, das ich klauen und mit dem Fahrrad wegschleppen könnte? Wohl nicht, aber ich könnte ein bisschen randalieren oder anderweitig die Sau herauslassen. Was Menschen mit der Haltung »ist doch nicht meins« an einem Abend anrichten können, hat vielleicht der eine oder andere schon mal gesehen: Eisenbahnabteile und Bushaltestellen künden landauf, landab von Vandalismus.

Ich habe nichts dergleichen im Sinn, und als ihr Auto – nicht das alte, sondern ein anderes, deutlich neueres – auf der Straße hinter der nächsten Kurve verschwunden ist, erkunde ich das Stockwerk. Die meisten Türen sind entweder verschlossen oder klemmen. Es gibt noch so eine Art Küche. Da hängt ein Bild, vermutlich von ihrer Hochzeit, auf dem der Mann seine Frau auf den Armen trägt. Wie viel Zeit ist seither vergangen, was hat sich geändert? Haben die beiden Kinder? Ich vermute fast, dass das nicht der Fall ist, auch wenn das Haus Platz für einen ganzen Kindergarten böte. Ich hätte aber angenommen, dass Kinder dann nicht zu Hause geblieben, sondern mit auf der Baustelle gewesen wären, egal, ob sich da der Mischer gedreht hätte oder die Sense geschwungen worden wäre. Na ja, daran lassen sich viele weitere Fragen und Überlegungen anknüpfen. Ich werde jetzt mein Lager aufsuchen, noch ein paar Seiten lesen und dann schlafen gehen, damit ich den Aufstieg morgen einigermaßen ausgeruht angehen kann.

6. Juni 6. Juni8. Juni 8. Juni