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5. Juni 5. Juni7. Juni 7. Juni

6. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Als ich am Morgen aus dem Hotel trete, ist der Wachposten vom Parkplatz nicht zu sehen. Na klasse! Nicht, dass ich mir um mein Fahrrad Sorgen machen würde, denn das hatte einen leidlich sicheren Platz in der Garage und war damit gegenüber den mehr oder weniger noblen Karossen in unmittelbarer Sichtweite der Straße schon etwas privilegiert, denn diese hätten zwar auch nicht einfach weggeschleppt werden können, weil da ja noch der Stahlgitterzaun als Hindernis existierte, aber wer die süßen Früchte schon mal sieht, entwickelt vielleicht kreative Ideen. Und motorisierter Gewalt hätte die Grundstücksbegrenzung ohnehin nicht standgehalten. Aber das wäre dann ja schon mehr als nur Diebstahl gewesen…

Ich belade meinen Esel und »reite« los. Was jetzt ansteht, ist ein ordentliches Stück Arbeit; wir reden hier von ca. 1000 Höhenmetern ohne Unterbrechung. Zuerst interessiert mich jedoch, ob es im nächsten Dorf noch ein Quartier gegeben hätte. Allerdings hätte es sowieso nicht viel günstiger sein können, und einen großen Weg- oder Höhenfortschritt hätte es auch nicht bedeutet; von daher ist diese Frage reine Neugierde und nicht von großer Spannung begleitet. Und tatsächlich fällt mir nichts auf, was ich verpasst hätte.

Nach dem Dorf beginnt bald der Wald. Es ist größtenteils Laubwald, weshalb die Straße im Halbdunkel versinkt. Eine großartige Aussicht bemerke ich an keiner einzigen Stelle bis hinauf zum Pass – schade eigentlich, denn aus solcher Höhe müsste doch was zu sehen sein…, wobei – die Luft ist ja nicht gerade wie nach einem Aprilregen klar gewaschen; was würde ich schon sehen außer den bewaldeten Hängen?

Der Verkehr ist zu ertragen. Er ist aber offensichtlich stark und vor allem schwer genug, um dem Asphalt ordentlich zuzusetzen. Ich will mich nicht beklagen, vor allem nicht bergauf, wo man für die Entdeckung jedes Schlaglochs langsam genug ist, aber an die Qualität der Umgehungsstraße von Vidin reicht dies hier lange nicht mehr heran.

Zunächst geht es noch überwiegend nach Süden, aber in dieser Richtung liefe die Route bald an die Wand, weshalb die Serpentinen beginnen. Erfreulicherweise bleibt der Anstieg auf Werte kaum über acht Prozent begrenzt; das ist mit meinem Gepäck in den untersten Gängen ohne kämpferischen Gestus zu bewältigen; man braucht halt Zeit, und ich habe – gerade angesichts des noch verhältnismäßig frühen Morgens – keine Lust, Höhenmeter nach Zeit zu schrubben. Es braucht halt, was es braucht.

Irgendeine Übernachtungsgelegenheit bis zum Pass ist nicht zu entdecken. Hätte ich mich also gestern Abend noch auf das Wagnis der Bergbesteigung eingelassen, so wäre es ein nächtliches Bitternis geworden, zumindest eine unerfreuliche Sache über ein, zwei Stunden, denn ab und zu kommt ja doch noch mal ein Kraftwagen, und bei Nacht rechnen die nun wirklich nicht mit Pferdewagen oder ähnlich langsamen Hindernissen auf der Straße. Okay, meine Lichtanlage funktioniert und ist natürlich gerade im Stockfinstern sehr gut zu sehen, aber das ist lediglich der Sicherheitsaspekt; ich hätte nichts davon gehabt außer der Frage, wo ich am Pass einen Schlafplatz finde. Und ich kenne eine Menge Pässe, an denen niemand im Freien übernachten möchte. Gar noch auf der anderen Seite im Dunkeln wieder bergab zu fahren wäre bei dieser Straßenqualität doch recht riskant gewesen. Also, das war schon die richtige Entscheidung.

Der Pass ist unspektakulär. Lediglich einen Stausee oder ein Wasserreservoir hätte ich dort nicht erwartet; Pässe sind ja topografisch meist eine Art Sattel; da gibt’s fast nie große Flächen, auf denen sich Wasser sammelt oder stauen lässt. Eine Pause zur Stärkung genehmige ich mir dennoch, allerdings liegt auf dem Gelände viel Müll herum. Das wird mal eine bessere Bushaltestelle gewesen sein, aber jetzt ist es schon fast eine Kippe. Auf der gegenüber liegenden Seite steht ein Restaurant. Ein Reisebus hält, die Leute vertreten sich kurz die Füße, steigen wieder ein, und weiter geht es. Zu besichtigen oder aus der Ferne bzw. von oben zu beschauen gibt es hier nichts. Also fahre auch ich weiter, sobald ich das Gefühl habe, dass die Energie erst mal wieder für eine Weile reicht.

Die Fahrt nach Sofia hatte ich mir von hier aus einfacher vorgestellt. Ich dachte mir so, dass man von 1400 Metern Höhe eigentlich eine ganze Weile entspannt rollen können müsste, und tatsächlich geht es auch erst mal schön bergab, aber das erste Tal führt gen Westen, nach Pirot, also in Richtung Serbien, das zweite nach Osten, über Pleven zur Donau, und da die Straße nicht so lange auf Kämmen verläuft, bis die Sofioter Ebene in Sicht ist, bedeutet dies, dass weitere Anstiege zu bewältigen sind. Mir wär’s lieber, ich hätte eine klarere Vorstellung von dem, was da noch auf mich zu kommt. Aber aufgrund des 300-Meter-Abstands der Höhenlinien auf meiner Karte sind im ungünstigsten Fall noch mal knapp 300 Meter tiefe Einschnitte möglich, ohne dass diese erkennbar sein müssen.

Aber das Auf und Ab bringt mich nicht an meine Grenzen, sondern ist lediglich unerwartet und darum etwas unerfreulich. Vielleicht dämpft auch die Erwartung der Hauptstadt meine Stimmung; ich mag große Städte nicht so. Es ist für mich schwer, dort etwas zu finden, was mich reizt und gleichzeitig mit dem Fahrrad erkundet werden kann. Alles, wo ich das Gepäck aus den Augen verliere, bedeutet ein Risiko; das schränkt die Sightseeing-Optionen gerade in einer urbanen Umgebung stark ein. Und hinzu kommt, dass nahezu alle Städte dieser Welt autozentriert sind. Natürlich gibt es Fußgänger- und verkehrsberuhigte Zonen, Siedlungen, in die man mit dem Auto zwar hinein, aber nicht durch sie hindurch fahren kann/darf. Aber die Städte als Ganzes sind in der Regel von Magistralen zerschnitten, auf denen erheblich mehr Menschen Zeit im Auto verbringen als auf dem Fahrrad, von zurückgelegten Strecken gar nicht zu reden, und es ist nun mal so, dass die Kraftfahrzeuge erheblich schneller und schwerer sind als Fahrräder, mit anderen Worten: im Konfliktfall die Stärkeren.

Sofia liegt in einem so weiten Tal, dass man bei mäßiger Sicht gar nichts davon mitbekommt, dass hier so etwas wie eine Senke ist. Ist die Luft aber etwas klarer – und so ist das heute –, nimmt man eine Dunstglocke wahr, hinter der sich, gewaltiger noch und näher als der Vesuv über Neapel, der Černi Vrach erhebt, der 2290 Meter hohe Gipfel des Vitoša-Gebirge, der jedoch meines Wissens nicht vulkanischen Ursprungs ist. Sonst hätte er die Metropole in ihrer mehrtausendjährigen Geschichte wahrscheinlich schon mehrere Male unter seinen Auswürfen begraben. Ich fühle mich an ein Foto von Teheran erinnert. Ich war da noch nicht, weshalb ich nicht beurteilen kann, ob die Nahwirkung des Elburs-Gebirges im Hintergrund lediglich auf die Wahl einer besonders großen Brennweite zurückzuführen ist – auch von München gibt es Fotos, auf denen die Zugspitze zum Greifen nah liegt, und dennoch ist sie über 100 km entfernt und daher normalerweise gar nicht zu sehen –, oder ob auch diese Hauptstadt quasi im Schatten eines Berges liegt.

Der Vorortverkehr und die Unmittelbarkeit der Naheindrücke wiegen im Augenblick aber schwerer als die Vorstellung kühler Hänge und frischer Gipfelwinde. Das ist schade, denn die Nähe ist einfach nur hässlich: Die Bebauung längs der Straße wirkt planlos, hier mal ein paar Wohnhäuser, da mal etwas Gewerbliches, da und dort ein paar Müllflecken, aber das veranlasst mich eher, zügig weiter zu fahren. Grundsätzlich bin ich ein Befürworter der Durchmischung von Gewerbe- und Wohngebieten, allerdings nur »stilles« Gewerbe, also Bürogebäude und kleine Läden ohne schweren und zeitlich konzentrierten Publikumsverkehr, und natürlich geht es auch nicht, dass sich Bürotürme über Reihenhäuser erheben. In Erlangen-Büchenbach haben wir am Main-Donau-Kanal 'ziggeschossige Wohnhäuser, wohl aus den 70er Jahren. Die fügen sich in vergleichbar schlechter Weise in die übrige Traufhöhe ein, wie es das Rathaus an dieser Stelle täte, von dem man seinerzeit wohl ebenfalls glaubte, in der Nähe zum Himmel läge das Heil. Ja, und natürlich müssten gewerbliche und Wohnbauten stilistisch in vergleichbarer Weise miteinander abgestimmt werden, wie das in reinen Wohngebieten zwischen den Wohnbauten geschieht. In Gewerbegebieten wird ja eher nach Zweckmäßigkeitsmaßstäben gebaut; selten bemerke ich – hier in Bulgarien wie auch daheim in Deutschland – auch nur den Versuch, gewerbliche Bauten ästhetisch »anzureichern«, Hotels und Banken machen da vielleicht gelegentlich Ausnahmen. Wenn man sich da so alte Ziegelindustriebauten von vor 100 Jahren ansieht – oder was noch davon übrig ist –, so ist häufig weit mehr als nur reine Zweckmäßigkeit zu entdecken. Leider sind solche Bauwerke nur sehr aufwändig im Winter warm zu halten, weshalb ihre Zahl vermutlich weiter abnehmen wird.

Schon gestern konnte ich auf Hinweisschildern lesen, wie »Sofia« kyrillisch geschrieben wird, nämlich mit dem Anfangsbuchstaben С. Dieses jedoch wird wie ein (stimmloses) ›ß‹ ausgesprochen, nicht stimmhaft wie der Vorname Sophie. Wir Deutschen sprechen also den Namen der bulgarischen Hauptstadt anders aus als die Bulgaren. Aber das gilt ja für fast alle Ortsnamen dieser Welt. Verwirrung mögen auch Transkriptionsversuche stiften. Man kommt inzwischen durch alle Länder zumindest Europas auch ohne Kenntnisse der kyrillischen Schrift. Sicher, es gibt Dörfer und Regionen, in denen einem keine lateinischen Schriftzeichen unter die Augen kommen, aber das ist nur dann ein Problem, wenn man dort nicht durch will, sondern hin. Die Länder mit kyrillischer Schrift versuchen sich nun also in solchen Umschreibungen, und ich weiß nicht, ob das immer besonders glücklich ist. Denn manche versuchen es unter Nutzung des englischen Buchstabensatzes, also quasi minimalistisch, und andere nutzen die Zeichen, wie sie z.B. in Kroatien gebräuchlich sind. Dort wird aus einem ч ein č (die Polen schreiben dafür ein »cz«, die Engländer oder US-Amerikaner ein »ch«), aus einem ш ein š (auf Polnisch »sz«, auf Englisch »sh«) oder aus einem ц ein c (auf Englisch »ts«). Das Problem daran ist, dass z.B. die englische Umschreibung »ch« auch anders gedeutet werden kann, jedenfalls wenn man den englischen Sprachraum verlässt. Wir Deutschen kennen diese Notierung nur in den Formen wie in »ich« und »noch«, also noch anders ausgesprochen… Es ist jedenfalls ein tolles Durcheinander, und da ist es dann manchmal ganz hilfreich, wenn man eben doch kyrillisch lesen kann und weiß, wie die einzelnen Buchstaben bzw. ihre Kombinationen auszusprechen sind. Ich verwende hier meist die Umschreibungen, wie sie in z.B. in Kroatien üblich sind, wo die lateinischschriftliche Variante des Serbokroatisch benutzt wird.

Sofia boomt. Jedenfalls sieht es so aus. Baustellen über Baustellen, Umwege, Umleitungen – ich fahre meist einfach durch, sofern die Straßen nicht gerade durch Gräben unterbrochen werden. Dafür bin ich auf vierspurigen Schotterpisten dann fast allein und meditiere darüber, was die Einzelhändler rechts und links der Baustelle während der Bauarbeiten eigentlich machen, denn kaum jemand kann mit seinem Auto vorfahren, um einzukaufen. Und die Laufkundschaft ist sehr überschaubar. Aber so was ist wohl Schicksal.

Nicht nur die Baustellen machen die Stadt unansehnlich; es gibt auch jede Menge Altbauten, wahrscheinlich zwischen 1950 und 1990 errichtet, die grandios hässlich sind. Und angesichts der vielen Menschen, die darin wohnen, und der – vermutlich stark im Steigen begriffenen – Kosten, mit denen Neubauten verbunden sind, werden sie wohl auch nicht so schnell aus dem Stadtbild verschwinden. Die Straßen, wenn es nicht gerade Baustellen sind, wirken befahrbar – wenn man mal von gelegentlichen Kanalöffnungen ohne passenden Deckel absieht, die nicht nur die Reise eines Radlers unwiderruflich beenden können, wenn er gerade träumt. Meine Güte!

Bei Billa mache ich Halt. Hier und jetzt steht ein Einkauf an, ein richtiger! Unseliger Fehler, einen Einkaufswagen zu verwenden! Da hat ja schon der Kofferraum manches Kleinwagens ein Problem, wenn Leute mit ihren Wochenendeinkäufen über den Parkplatz gewalzt kommen. Ich muss im Blick behalten, dass für die mir zu Gebote stehenden Stauräume selbst ein bedeckter Boden des Wagens zu einer verpackungstechnischen Herausforderung geraten kann. Dabei gibt es hier lauter so gute und günstige Sachen! Es läuft, wie es in solchen Situationen immer zu laufen pflegt: Der Einkauf gerät zu einem Picknick im ganz und gar nicht Grünen, damit das verzehrt wird, was partout keinen Platz mehr gefunden hat oder für die Neueinkäufe weichen musste. Und da ich nicht ins Vitoša-Gebirge fahren will – dies aber auch nur deshalb, weil es dort laut Landkarte praktisch nur Sackgassen, also kein Durchkommen gibt –, muss ich auf das Gewicht auch nicht so achten. Gleichwohl sind heute Nachmittag trotzdem noch einige Höhenmeter angesagt. Aber das interessiert doch jetzt noch nicht!

Auch die Weiterfahrt ist geprägt von Baustellen. Das U-Bahnnetz wird erweitert. Dagegen lässt sich kaum etwas sagen, und ich will nicht behaupten, dass mir die Momentanaufnahme dieses gewiss hochkomplexen Bauvorhabens unlogischer oder verworrener vorkäme als beispielsweise die der S-Bahnbaustelle zwischen Fürth Vach und Fürth Hauptbahnhof. Aber schön ist das nicht, und außerdem entstehen in meinem Kopf gleich wieder Ideen von städtebaulichen Projekten vom Reißbrett auf den Acker. Nicht, dass ich vorschlagen würde, die Stadt zu verwerfen, wie sie gerade ist, aber sie wächst anscheinend – wie wohl die meisten Megaansiedlungen – in alle Richtungen, die das zulassen. Das Zentrum bleibt dasselbe, aber nahezu jede bestehende Infrastruktur wird tendenziell überlastet. Warum baut man die nächste Trabantensiedlung nicht gleich 20 km entfernt, und zwar nur dort, verlegt zwischen der Peripherie der bestehenden Stadt und geplanten Knotenpunkten des neuen Baugebiets ein paar leistungsstarke S-Bahn-Stränge, am besten gleich schachbrettartig oder wie eine Strickleiter hin zum zweiten, entstehenden Zentrum und weist für neue Gewerbeansiedlungen den Platz zwischen altem und neuem Mittelpunkt zu? Dann müssten sich Gleise und Straßen keinen teuren Konkurrenzkampf mit bestehender Bebauung liefern und schon gar nicht mit Mordsaufwand durch den Untergrund buddeln, und dann könnte man die Bahnhöfe gleich mit Bürokomplexen überbauen, deren Insassen schwerlich einen attraktiveren Zugang zum Arbeitsplatz finden dürften als den ÖPNV im Erdgeschoss. Aber mich fragt ja eh keiner, und die Chinesen machen das auch ohne meine Ratschläge ungefähr so, allerdings wohl immer noch stärker am Auto orientiert.

Bulgarien, Sofia

Vor einem aufziehenden Gewitter flüchte ich in die Altstadt. An einer Kreuzung mit Rot schallt mir von der Seite ein fröhliches »Hallo Deutschland!« entgegen. Ein bulgarisches Paar, das seit einer Weile in Bielefeld arbeit und jetzt mal hier Urlaub macht, hat offenbar meine kleine Fahne an der Lenkertasche bemerkt. Hier Urlaub – gegen Heimatgefühle lässt sich einfach nichts sagen. – Mein Unterstand, als es richtig zu regnen beginnt, ist ein Hauseingang an der Ecke eines Blocks. Da stehen noch ein paar Leute. Die Haustür ist die eine Seite der Ecke, eine Wechselstube die andere. Vorerst bin ich jedoch noch versorgt und kann/will diese Gelegenheit nicht nutzen. Als ich das schützende Dach für einen Moment verlasse, um die Umgebung etwas in Augenschein zu nehmen, kippt das Fahrrad um! Schrecksekunde! Der Fotoapparat in der Lenkertasche, der Navi direkt am Lenker, das eine oder andere Glas in den Lowrider-Taschen – dem Uneingeweihten muss es sicher erscheinen, dass da mehr oder weniger große Werte zu Bruch gehen. Ein Fahrrad, das umkippt, ist großer Mist, so oder so. Aber – wieder einmal, und ich als »Eingeweihter« habe sofort darauf gehofft – nichts ist passiert. Irgendwie verdreht sich der Lenker beim Kippen jedes Mal so seltsam, dass die ganze Chose über die Packtaschen abrollt, und zwar so mild, dass nicht einmal deren Inhalt zermatscht wird. Klar, wenn ein Nugatcreme- oder Honigglas zertrümmert würde, gäb’s eine elend-klebrige Sauerei, wenngleich ohne bedeutende Kosten, es sei denn, die Packtaschen selbst würden gleich zerschnitten. Wenn ein Einmachglas den Geist aufgibt – in Albanien hatte ich mal eine große Paprikakonserve gekauft –, ist Überschwemmung angesagt, aber das würde weder den anderen Lebensmitteln was ausmachen noch dem Werkzeug. – Jedenfalls ist nichts passiert, außer dass mein Verdruss darüber aufgefrischt wurde, noch keine gleichermaßen einfache wie wirksame Methode gefunden zu haben, dass die Karre bei etwas Seitenwind oder einem tektonischen Ereignis unterhalb der Stärke 4 (vorbeifahrender LKW) instabil wird.

Nach einiger Zeit lässt der Regen nach, und ich mache mich wieder auf die Socken. Meine Bahnen ziehe ich jetzt durch Stadtgebiete, in denen kaum Bautätigkeit zu verzeichnen ist. Keine Ahnung, wann das hier gebaut wurde, zum Teil wohl vor dem Krieg, zum Teil danach. Ich habe keinen Schimmer, wie Bulgarien, speziell Sofia, im Verlauf des Zweiten Weltkriegs beschädigt wurde. Zunächst hat das Land ja mit den Nazis gemeinsame Sache gemacht, und mit wie viel Zerstörung der Rückzug vor der Roten Armee einherging, weiß ich nicht. Das ist nach 45 Jahren Herrschaft der Kommunistischen Parteien sowieso nicht mehr auszumachen – daher stammt ja der Spruch »Ruinen schaffen ohne Waffen«. Allerdings gab es seit dem Krieg mindestens ein schweres Erdbeben, und da damals das erdbebensichere Bauen noch nicht so Mode war, dürften bei einem solchen Ereignis einige »Baulücken« entstanden sein.

Bulgarien, Sofia

Aber irgendwie haut mich das alles nicht vom Hocker, so vom Stil her und vor allem von der Harmonie zwischen Alt und Neu. So suche und finde ich das Tal, das östlich des Vitoša-Gebirges durch die Berge verläuft. Aber ich habe die Stadt noch nicht richtig verlassen, als der Regen wieder einsetzt. Feige flüchte ich in eine Bushaltestelle. Und der Regen hält an! Er hält so lange an, bis mich meine Langeweile an die mitgeführte Lektüre erinnert. Also krame ich wieder einmal in den hinteren Taschen und fördere den Schinken zutage. Ob der wohl bis zu den letzten Reisetagen reichen wird? – Jedenfalls komme ich diesmal ein ganzes Stück darin voran. Ist ja auch doof, wenn man immer nur fünf Minuten liest und so irgendwie nie das große Ganze im Blick behält – obwohl ich sagen muss, dass es in diesem Roman nur einen einzigen Handlungsstrang gibt; das ist wahrhaft leichte Kost.

Bulgarien, Sofia

Nach knapp anderthalb Stunden geht es endlich weiter. Schön, dass es nicht staubt und ich bergan nicht schwitzen muss. Wenn ich bedenke, dass in diesen Breiten Sommertemperaturen von über 40 Grad keinen Seltenheitswert haben, ist es durchaus sinnvoll, sich hin und wieder die Vorteile eines »verregneten« Sommers vor Augen zu halten. Und wirklich verregnet ist etwas anderes. Ich war 1996 in Norwegen, und wäre ich zwischen Trondheim und dem Nordkap ähnlich hasenfüßig vor jeder Wolke geflüchtet (wenn’s da immer so etwas wie einen Unterstand gegeben hätte), dann hätte ich mein Ziel nie erreicht; da erzählt mir also so schnell keiner was von anhaltenden Niederschlägen.

Der Nachteil ist zweifelsohne, dass ich Zeit verloren habe. Es ist aus dem Stand die Zeit angebrochen, in der es sinnvoll erscheint, nach einem Nachtquartier Ausschau zu halten, aber regenfest bitte; das war mir über Nacht auch in Skandinavien wichtig.

Rechts oberhalb der Straße verläuft wieder mal eine Eisenbahnstrecke. Es wäre ja sensationell, wenn ich nicht immer nur bulgarische Gleise sehen würde, sondern auch mal etwas darauf Fahrendes. Diesmal habe ich Glück; und es ist nicht mal alter Klapperkram, der dort rollt, sondern ein Talent-Triebzug. Wahrscheinlich machten Sofioter Pendlermassen auch mal eine Neuanschaffung rentabel.

Nach einer Weile, als der Anstieg innerhalb des Tals flacher geworden ist, sehe ich neben der Straße ein Schild: Hotel »diskret«. Na, wenn das keine Top-Adresse ist, ruhig und vor dem Lärm der Straße verborgen, diskret eben. Wenn’s mal so wäre! Meine Spesen für die nächste Woche und 10 zu 1, dass das ein Puff ist! Irgendwann kommt der Hinweis, dass nun für Diskretion links abzubiegen sei. Ich mache mir den Jux. Es geht ein paar Hundert Meter durch den Wald, und dann tauchen ein paar Häuser auf, eines davon festlich mit rosa Lichterketten geschmückt. Hab’ ich’s nicht gewusst? Leuchtreklame bei Nachtruhe finde ich ätzend. Damit hatte ich schon mal in Frankreich eine üble Nacht, und das war kein Stundenhotel. Und Gestöhne oder Geschrei aus Nachbarzimmern muss schon gar nicht sein. Und wenn die grad gar keine Kundschaft haben? Anyway, für eine ganze Nacht wird das bestimmt kostspielig, auch ohne Engagement weiteren Personals.

Ich kehre also wieder um. Und wie eine Strafe für solcherlei freudloses Tun braut sich am dämmernd ohnehin dunkelnden Himmel Feuchtes zusammen, frei nach dem Motto: Willst du es unten herum nicht, bekommst du es von oben! Die Frage ist, ob ich rechtzeitig ein Dach finde. Ein von sich selbst nicht so recht überzeugt wirkendes Tröpfeln wird ohne Weiteres vom Fahrtwind und der inneren Heizung weggetrocknet, aber was, wenn es doch mehr wird? Zum Glück spendet bald darauf linker Hand eine Tankstelle Licht und Zuversicht. Ich parke auf dem Bordstein vor dem Shop und beobachte fasziniert das gebotene Unterhaltungsprogramm: Ein Tieflader mit zwei monströsen Gussteilen – Überlänge, Überbreite, Überhöhe, Übergewicht…, das volle Programm – versucht, an der Tankstelle zu wenden. (Dass es das war, was er wollte, weiß ich aber erst kurz, bevor er es geschafft hat.) Der Fahrer hat einen Helfer, der ihn auf der für ein solches Vorhaben definitiv zu stark befahrenen Hauptstraße einweist, genauer: herannahende Kraftfahrer mit Handzeichen stoppt und um Geduld bittet. Ansonsten macht er fast alles selbst, obwohl die beiden über Walkie-Talkie in direkter Verbindung stehen. Zwischen den Eisenklötzen und dem Dach der Tankstelle fehlen vielleicht noch zehn, 20 Zentimeter. Sonst wäre wohl gar nicht möglich, was der Fahrer dort zaubert. Er kriegt es über die zahllosen selbstlenkenden oder lenkbaren Räder am hinteren Ende des Tiefladers mit gerade mal drei, vier Hin- und Her-Manövern tatsächlich hin, ohne irgendwelche Schäden am Fahrzeug, an der Ladung oder der Straße zu wenden und so vermutlich einen vorangegangenen Abbiegefehler zu korrigieren. Lediglich der Asphalt wird wohl noch für ein paar Stunden oder Tage den Gummiabrieb einiger Reifen zeigen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich im Stillen einem Schwerlastartisten meinen höchsten Respekt zolle.

Die Stelle, an der der Mann vermutlich falsch abgebogen war, kommt bald darauf, unmittelbar vor dem östlichen Industrie- und Wohngebiet von Pernik: ein riesiger Kreisverkehr (Durchmesser: gute 200 Meter), überquert auf einer höheren Ebene von einer Autobahn oder einer Schnellstraße, jedenfalls von irgendwas, das mit europäischen Kohäsionsmitteln erheblich bezuschusst wurde, wie ein Schild verrät. Ich frage mich, ob Straßen wohl das einzige sind, was Europa im öffentlichen Erscheinungsbild fördert. Klar, hier in diesen Ländern ist gelegentlich deutlicher Bedarf an der Verbesserung des Straßenbelags erkennbar. Da etwas zu tun ist also nicht automatisch vergeudetes Geld. Nur kommt es gelegentlich vor – nein, nicht immer, das will ich gar nicht behaupten –, dass die Planer von einem unerschütterlichen Wachstumsglauben beseelt scheinen, jedenfalls planieren sie dann Jahrhundertwerke in die Landschaften, auf denen sich selbst die paar Kraftfahrzeuge verloren vorkommen müssen, von denen sie benutzt werden, von einem einzelnen Fahrradfahrer gar nicht zu reden. Gut, jetzt ist vorgerückter Abend; ich werde die Verkehrsdichte morgen noch einmal neu bewerten, und im Grunde hätte ich einen zusätzlichen Vorteil (außer dem, Recht gehabt zu haben) davon, wenn sich meine heutige Beobachtung bestätigen würde: Meine Fahrt auf dieser Strecke würde dann weniger stressig sein. Denn davon bin ich überzeugt: Dort muss ich lang. Heute in Richtung Süden auf die A6 abzubiegen erscheint mir jedoch nicht mehr sinnvoll, weil sich entlang solcher Flugzeugstartbahnen weniger leicht ein Quartier findet als innerhalb einer Stadt.

Also dringe ich nach Pernik vor. Die Stadt ist von alter und, soweit es die in fortschreitender Dämmerung immer schlechter beleuchtete Szene erkennen lässt, ehemaliger Industrie geprägt. Schön ist was anderes, aber jetzt suche ich nicht nach Schönheit, sondern nach einem Dach über dem Kopf. – Diverse Discounter kündigen sich mit Schildern entlang der Straße an. Da könnte ich morgen noch mal einkaufen, bevor ich in die Provinz aufbreche, denke ich. Die Schilder sind zwar klein – nicht vergleichbar mit gängigen Werbeplakaten –, aber sie wetteifern miteinander in der Entfernung: Der nächste Lidl ist 5,8 km entfernt. Irgendwo wird man rechts abbiegen müssen. Jetzt gleich, irgendwann zwischendurch, oder liegt er sogar genau an dieser Straße, nur eben auf deren rechter Seite? Für die zuverlässige Orientierung der Schnäppchenjäger müssen die Schildermaler sich noch etwas ausdenken.

Irgendwann sehe ich rechts ein paar mehr oder weniger improvisierte Straßenläden, um diese Zeit unbesetzt und grundsätzlich überdacht. Dort zu nächtigen würde mich zwingen, zeitig aufzustehen (was für das Vorankommen nicht unbedingt schlecht wäre), denn wer weiß, wann die Händler morgens anrücken. Aber dann finde ich die Lokalität doch zu unkommod, vor allem zu nahe an der Hauptstraße. Hier gibt’s die ganze Nacht über mehr oder weniger häufig Getöse; das muss ja nun wirklich nicht sein. Aber gleich um die Ecke finde ich eine Baustelle, bei der es sich Bauarbeiter oder Auftraggeber (oder deren Banker oder die Stadtverwaltung) nach ein paar Geschossen offenbar anders überlegt haben, mit anderen Worten: Hier wird mich vermutlich niemand befugt stören, auch morgen früh nicht. Und so lasse ich mich dort nieder.

5. Juni 5. Juni7. Juni 7. Juni