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3. + 4. Juni 3. + 4. Juni6. Juni 6. Juni

5. Juni

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

In Bulgarien gilt, wie auch in Griechenland, der Türkei und Rumänien (und natürlich in zahllosen weiteren Länder, die mich in diesem Jahr jedoch nicht weiter interessieren), osteuropäische Sommerzeit; dort ist es also eine Stunde später als z.B. in Deutschland. Meine Funkuhr habe ich nicht umgestellt; die macht im Zweifelsfall sowieso, was sie will. (Ob jedoch der Frankfurter Sender bis nach Bulgarien reicht, weiß ich nicht.) Die Aufstehzeiten werden dadurch für mich beeindruckend zeitig, allerdings ist natürlich auch bereits gegen 20 Uhr Feierabend bzw. Quartiersuche angesagt. Als ich gestern ankündigte, dass ich um acht aufbrechen wolle, wurde ich folglich gefragt, nach welcher Zeitzone, denn die Familie ist das Hin und Her der Zeiten durch viele Telefonate mit deutschen Kunden gewohnt und fragt lieber einmal öfter nach. 8 Uhr Ortszeit wäre einerseits ambitioniert, vielleicht auch etwas früh für den allgemeinen Betrieb im Haus. Andererseits trifft man sich hier nicht regulär zum Frühstück; morgens gibt es einen Kaffee, gegen Mittag eine frugale Suppe, die jeden Kardiologen begeistern würde… Allerdings müsste man ihn dann am späten Nachmittag ins Freie bitten, denn die abendlichen Mahle sind nicht von Pappe. Ich vermute aber, dass die Ziege vorgestern nicht repräsentativ war. Jedenfalls ist das Abendessen die Hauptmahlzeit. Matei hat mir gestern und vorgestern Morgen einen 400-ml-Becher Naturjoghurt gereicht und etwas Zucker, denn er hat ganz richtig eingeschätzt, dass ich erstens ein Frühstück gewohnt bin – auch wenn ich die beiden Tage ausnahmsweise fast nur am Computer verbrachte anstatt im Sattel und daher keinen außergewöhnlichen Energiebedarf hatte – und zweitens den Joghurt so pur nicht besonders mag.

Zwischen halb und dreiviertel auf meiner Uhr ist dann alles startklar – bis auf meinen VDO-Tacho; der ist mir anscheinend noch immer böse, dass ich ihn, ein klassisches Fahrrad-Accessoire, wie man naiv meinen könnte, einfach dem Wetter ausgesetzt habe, wie es halt gerade ist. Und vor zweieinhalb Tagen stand eben Weltuntergang auf der Agenda. Jedenfalls darf das, was im Display noch zu erkennen ist, getrost als letzte Zuckungen ohne Informationsgehalt bezeichnet werden. Keine Frage: Das Teil ist abgesoffen, die Batterie damit wahrscheinlich leer. Gut, dass ich Ersatz mitgenommen habe, denn diese CR2032-Flachbatterien bekommt man sicherlich nicht im nächsten Supermarkt. Aber der Ersatz bessert die Situation auch nicht. Könnte es eventuell sein, dass er schon überlagert ist, Aldi-billig, wie er war? Ich frage Matei, ob er ein Multimeter habe. Zwar hat er eines, aber das braucht selbst neue Batterien, andere natürlich, die im Augenblick nicht verfügbar sind. Allem Anschein nach benötigt man so etwas zur Reparatur/Wartung einer Zugmaschine nur selten. So fahre ich also ohne funktionierenden Tacho los und muss mich auf die Datenerfassung durch den Navi verlassen. Hier sind keine engen Schluchten, also sollte es keine grobe Messwertverfälschung durch satellitenmageres Zickzack geben. Nur die Temperatur zeigt mir der Navigator nicht an, aber ändern kann ich die ja ohnehin nicht. Und da ich den Verdacht habe, dass es noch immer vorhandene und »gut« gekapselte Feuchtigkeit ist, die den Tacho lahm legt, lasse ich das Batteriefach geöffnet und befestigte ihn so am Lenker, dass Sonne und Luft gut herankommen.

Bulgarien, Kirchenneubau im Industriegebiet von Vidin

Aber davon abgesehen könnte es ein guter Tag werden: Ich habe viel Zeit, bin ausgeruht, erst mal geht es flach daher, und das Wetter täuscht bislang auch gute Laune vor. Nächster Ort ist natürlich Vidin. Irgendwie kommt es mir nicht in den Sinn, dem gestrigen Ausflug mit Milen noch einmal »nachzuspüren«; daher biege ich auf die Umgehungsstraße ein, die den Ort großzügig umfährt. Die letzten Ausläufer der Stadt bekomme ich aber noch mit: die Kirchenbaustelle mitten im Industriegebiet, an der mich Milen in der Dämmerung kopfschüttelnd vorbeichauffiert hat: hier eine Kirche zu bauen! Nun könnte man ja sagen: Warum nicht? Wir Deutschen bauen die Kirchen sogar an Autobahnen. Das Besondere an diesem Industriestandort ist allerdings, dass das größte Werk ein ehemaliger Reifenhersteller ist. Der ist derart ehemalig, dass schon kleine Bäumchen an Stellen wachsen, die ein aktives Unternehmen wohl nie tolerieren würde. Mein »Fahrer« ließ mich gestern wissen, dass das ein sozialistischer Betrieb gewesen sei, der wegen eines Politiker-Hickhacks um die Privatisierung den Übergang in die neue Zeit nicht geschafft habe. Inzwischen würden die Zigeuner den Schrott aus dem Gelände klauen. Na ja, unter einem gewissen Blickwinkel könnte man das immerhin als Rückbau und Rekultivierung verstehen und deshalb positiv bewerten – nur ist Stahl wahrscheinlich der geringere stoffliche Anteil der Anlage, und da alles andere wertlos ist, wird es möglicherweise bis zur Sichtung durch Archäologen des vierten Jahrtausends dort bleiben und versanden.

Bulgarien, Portal des Kirchenneubaus im Industriegebiet von Vidin

Aber die Kirche? So was macht doch kein einzelner Mensch aus einer Laune heraus! Es sieht auch gar nicht so aus, als sei der letzte Handschlag Jahre her. Ein veritables Gerüst füllt den Innenraum, und fasziniert betrachte ich das Eingangsportal: Es ist ein Torbogen, bei dem noch nicht so ganz klar ist, ob er neogotisch oder neoromanisch werden soll, weil die Spitze so stumpf ist, dass sie fast als rund gelten kann. Beton hat hier wieder einmal jede Form ermöglicht, aber das hat der Sache nicht gut getan: Erstens ist das Portal asymmetrisch geraten, und das war bestimmt keine Absicht, sondern schlichtweg Pfusch und dürfte von den Verputzern nur schwer auszugleichen sein, und zweitens ist es in einer Weise ausgeführt, die zwar zweckmäßig sein mag und nach dem Verputz nicht mehr sichtbar sein wird, aber bis zum heutigen Tag tragen sich gemauerte Bögen größtenteils selbst, nämlich durch radial angeordnete Steine. Hier nun hat man quasi von unten Ziegel gegen den Beton gemauert oder nach der Betonierung die Verschalung etwas zurückgenommen und dann die Lücken ausgefüllt… Weiß der Henker!

Als nächstes überquert die Straße eine Eisenbahnstrecke, die wohl die neueste in ganz Bulgarien ist. Linkerhand befindet sich ein Bahnhof mit zeitgemäß betonierten Bahnsteigen und allem, was dazu gehört, nur: Es wird erkennbar nur ein Gleis benutzt, und die ganze Anlage steht ebenso im Nirgendwo wie zuvor schon die Kirche (wenn man sich stillgelegte Industriegebiete einfach mal als Acker vorstellt). Ein Bahnhof gehört doch ins Zentrum einer Stadt! Oder soll hier Vidin II entstehen? Gestern erst erzählte mir Milen, dass auch in dieser Stadt die Bevölkerung ständig abnimmt; alle gehen nach Sofia, weil dort eine größere Auswahl an Jobs existiert und diese zudem besser bezahlt werden. Okay, dort hat man erst mal keine eigene Wohnung, aber das muss man dann halt gegeneinander abwägen.

Auf dem Deckglas des Tachos hat sich mittlerweile heftiger Beschlag gebildet. Klare Sache, der muss erst mal weg, und damit weiß ich dann auch genau, wann frühestens der Einsatz der Batterie wieder sinnvoll ist. Hinein geht das Wasser offensichtlich schneller als wieder heraus.

Begleitet auf meiner Route werde ich von der eben erwähnten Eisenbahnstrecke. Sie ist hier sogar elektrifiziert und muss, wie ich, die nördlichen Ausläufer des Balkangebirges überqueren. Und da sie nicht so steil hinauf und hinab kann wie Straßenfahrzeuge, ergeben sich daraus so einige Sonderschleifen. Leider sehe ich keinen einzigen Zug. Ich überlege mir, ob die Strecke wohl ununterbrochen und vollständig unter Spannung steht. Immerhin treten ja auch dann Leitungsverluste auf, wenn gar kein Zug fährt, sodass die Energiekosten pro tatsächlich fahrendem Zug höher sein dürften als auf vielbefahrenen Strecken wie z.B. in Deutschland, vom Wirkungsgrad der verwendeten Lokomotiven mal gar nicht zu reden. Da ist das Land schon arm und leidet nun noch zusätzlich unter Kostennachteilen! Aber das ist ja überall so, wo wenig »Struktur« ist, geringe Bevölkerungsdichte und geringe Kaufkraft. Das trägt wohl zur Dynamik bei, die Menschen wie Unternehmen dahin treibt, wo ohnehin schon viele Menschen und Unternehmen sind, und damit die Urbanisierung forciert.

Die Straße ist erste Sahne. Frisch mit EU-Mitteln auf Europaniveau gehievt. Aber wie es aussieht, gilt dieser Standard nicht innerorts. Oder der Teer war alle. Oder das Geld anderweitig versickert. Was auch immer – in Dimovo wird der gebügelte Asphalt von Kleinpflaster abgelöst. Kleinpflaster! Ich weiß, es gibt Schlimmeres, auch heute noch und mitunter selbst auf vom rollenden Verkehr benutzten Straßen mit einem Beharrungsvermögen, als versuchte jemand, ein kulturelles Erbe zu bewahren. Aber ich bin gerade etwas stubenverwöhnt und werde nun mit den Härten der Realität »unter freiem Himmel« konfrontiert. Also stuckele ich mit dem Tempo eines engagierten Fußgängers die Hauptstraße dieses größeren Dorfes entlang, und es ist schon irgendwie ein Trauerspiel: Verfallende Häuser, nicht nur, aber auch nicht gerade wenige, Menschen in Muße oder Langeweile oder im Schwatz… Freilich, es ist Sonntag, und wenn auch hier und da ein Laden geöffnet ist, so gibt es doch keinen Grund zu erwarten, dass irgendwo emsige Geschäftigkeit herrsche, aber ich habe weder den Eindruck von Zufriedenheit noch von optimistischem Aufbruch… Nur, um fair zu bleiben: Ist der Michel solchen Leuten weit voraus, wenn ich nach dieser Gemütsverfassung gehe?

Nach einem Bahnübergang geht es wieder den Berg hinauf, diesmal vielleicht ohne erneutes Zwischentief in Richtung Belogradčik. Kurz nach Beginn der kurvigen Rampe steht rechts im Schatten der Bäume ein Denkmal für einen jungen Menschen, der kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs ums Leben kam. Ein roter Stern lässt vermuten, dass er ein Partisan oder etwas in dieser Richtung war. Im Gedenken seiner rühre ich eine Flasche Wasser mit Mineralstoff- und Vitamintabletten an. Was letztere angeht, so bin ich von der Wirkung nicht so ganz überzeugt, zumal ich ja auch Obst und Gemüse zu mir nehme, aber das Röhrchen, das ich gerade habe, ist so alt, dass ich seinen Inhalt entweder wegwerfen oder zusammen mit den Kalzium- und Magnesiumtabletten verwursten muss; noch mal mit auf eine andere Reise werde ich es ganz gewiss nicht nehmen. Und wie ich da so stehe und über die Rolle und die Möglichkeiten der Bulgaren im letzten großen Krieg nachdenke, kommen vom Bahnübergang aus zwei Sattelschlepper angebrummt. Es sind außergewöhnliche Fahrzeuge, und zwar aus zwei Gründen: Erstens haben sie weder eine Verdeckplane noch eine offene flache Fracht, sondern sie haben jeweils drei nagelneue Scania-Zugmaschinen geladen, ein hoher Aufbau also. Und zweitens haben sie vorne jeweils zwei Nummernschilder, eines in arabischen Schriftzeichen und ein anderes, auf dem als Nationalität in lateinischem Klartext »Iran« steht. Alle Wetter! Von dort habe ich auch noch kein Fahrzeug gesehen. Irgendwann, vor zehn oder elf Jahren in den Pyrenäen, habe ich mal einen PKW mit arabischen Schriftzeichen gesehen, vielleicht einen Marokkaner. Aber Iraner sind eine Premiere. Die Jungs haben noch eine ziemlich lange Reise vor sich. (Allerdings habe ich keine Ahnung, wie weit der Transit durch die Türkei tatsächlich ist und wie lange er dauert, aber deutlich über tausend Kilometer dürften es schon sein.) Und schon sind sie wieder hinter der nächsten Kurve verschwunden.

Als nächstes kommt ein Mann auf einem Rennrad – eine Rarität in dieser Region. Ich muss daran denken, wie ich gestern in Vidin mit Milen vor den Auslagen eines Fahrradladens stand und er sie sinngemäß als ausnahmslos Schrott bezeichnete. Dabei waren gerade einige Modelle optisch durchaus ansprechend und auch gar nicht so billig. Aber hohe Preise gewährleisten bekanntlich noch längst keine Qualität. – Rasch ist er vorbei. Mit dieser Kombination aus (keinem) Gepäck und (leichtem) Fahrrad kann ich ohnehin nicht mithalten, bergan schon gar nicht. Dabei würde mich durchaus mal interessieren, was so »drin« wäre, wenn ich ein attraktives Zugpferd vor mir hätte, denn ich kann ja deutlich schneller fahren, auch über längere Zeiten, als ich jetzt so abliefere. Ich erinnere mich an die Fahrt am 16. Juni 1999 auf Korsika, als ich mal ungefähr eine halbe Stunde lang am Ende einer kleinen Gruppe von Rennradfahrern »hing« und dabei sicherlich Schnitt 30 fuhr. Diese Strecke damals war weitgehend eben, und sicherlich hätte ich das Tempo nicht wesentlich länger als eine Stunde durchgehalten, allerdings würde ich diese Zugpferde auch nicht unbedingt als attraktiv bezeichnen, wenngleich sie natürlich optisch weitaus stylischer waren als ich; und so wäre es wohl auch heute noch, denn meine Kleidung wird mehr denn je von der »Farbe« grau dominiert; selbst das Rot aus meinem T-Shirt ist unter dem Beschuss von UV-Licht und Schweiß mehr oder weniger der »Grundierung« gewichen, jedenfalls auf der Schulter und dem oberen Rücken.

Bulgarien, Blick von den Hängen des Balkangebirges nach Norden

Meine Hoffnung wird nicht enttäuscht. Die Auffahrt dauert nicht sehr lange, jedenfalls kann sie nicht als echtes Vorhaben gelten, und danach geht es in unerheblichen Wellen immer weiter nach oben; aber etwas anderes als zumindest überwiegend Anstiege kann man nach dem Tiefpunkt Donau ja auch gar nicht erwarten. Belogradčik liegt klar innerhalb des Balkangebirges, wenn auch längst noch nicht auf seinen Höhen. Dies sind keine Hügel oder schrägen Ebenen mehr, in Jahrmillionen aufgespült bis hinunter zur Donau aus Verwitterungsresten der Gipfel; dies ist Urgestein. Den ersten Hinweis darauf entnehme ich einer Ortschaft namens Granitovo, die ich links liegen lasse. Auf einer Höhe von gut 400 Metern wird die Richtung uneindeutig. Die Ortshöhe ist wohl erreicht, und nun versuchten die Erbauer der Straße anscheinend, sich so leidlich auf der Höhenlinie zu bewegen. Aber das ist bei alten Straßen wohl schwer zu sagen. Jedenfalls ist es interessant, darüber zu spekulieren, warum die einen geradezu sklavisch an einer Höhenlinie festhalten, während andere die Vorsprünge eines Berges lieber höher und die Vertiefungen lieber auf abgesenktem Niveau passieren (das verkürzt die Straßenlänge, macht die Fahrt aber wegen des Auf und Abs natürlich anstrengender), und wieder andere folgen den Flüssen, nehmen also nahe einer Quelle steile Anstiege in Kauf. – Und weil Garmin über die Lage von Belogradčik ausnahmsweise offenbar keine genauen Informationen vorlagen, ich also laut Navi längst daran vorbeigefahren sein sollte, und ich den Ort durch den Wald nicht sehe, weiß ich, wo er wirklich liegt, praktisch erst, als ich da bin.

Bulgarien, Felsen über der Stadt Belogradcik

Milen hat mir die Burg als eine der wichtigen Sehenswürdigkeiten von Bulgarien genannt. Ansonsten muss ich nicht jede Burg erklimmen, aber wenn es schon mal eine Empfehlung gibt, will ich ihr auch folgen. Dass sie etwas von überregionaler Bedeutung ist, kann man auch daran sehen, dass der Weg hinauf gut ausgeschildert ist. Gleichwohl herrscht auf der schmalen Dorfstraße dorthin kein Touristengedränge oder Autostau. Das ist ja schon mal gut. Sehenswürdigkeiten, bei denen sich die Leute gegenseitig auf die Füße steigen oder irgendwelches Personal mit der Müllentsorgung nicht hinterher kommt, sind mir ein Graus oder knapp davor. Und dass ich mit dem Fahrrad bis quasi vor die Kasse komme, finde ich auch gut; es fühlt sich einfach etwas sicherer an, wenn der ganze Kram nicht zu weit entfernt ist, auch wenn ich ihn nicht unentwegt im Blick habe.

Bulgarien, Belogradcik

Es gibt ein paar Buden mit dem üblichen Touristenkram, ein überdachtes Freiluftcafé und eben ein Häuschen, an dem man Eintrittskarten und Informationen in verschiedenen Sprachen kaufen kann. Ein paar Dutzend Leute sitzen, stehen und laufen herum, im Gelände der Burg sind es vielleicht noch einmal so viele. Das hält sich also alles in Grenzen.

Die Burg spielt eigentlich keine große Rolle im Erscheinungsbild dessen, was sich dem Auge bietet. Bekannter ist die Stadt für die Felsformationen um diese Burg herum und innerhalb derselben, und das hat durchaus etwas. Die Gebilde erinnern mich etwas ans Elbsandsteingebirge und den Bastei-Felsen (für diejenigen, die das kennen), jedenfalls finde ich es ziemlich beeindruckend – und dabei bin ich schon ziemlich abgebrüht in dieser Hinsicht. Was meine Aufmerksamkeit jedoch nicht weniger in seinen Bann zieht, ist das heraufziehende obligatorische Gewitter, und hier oben auf diesen nackten Felsen, teils gesichert durch Geländer, teils jedoch der wachen Eigenverantwortung der Besucher überlassen, möchte ich weder in einen Regenguss geraten noch Blitz und Donner ausgesetzt werden. Also geraten die Fotosession etwas hektisch und die Bilder etwas kontrastarm. Ein nicht mehr ganz junges Paar bietet an, von mir ein Foto zu machen. Sie erzählen, dass sie aus Südafrika kommen und schon längere Zeit unterwegs sind; es hört sich an, als seien sie die ganze Strecke mit dem Auto gefahren. – Die Szene erinnert mich ein wenig an einen Ausflug im Zion Nationalpark in den USA 1993, den ich von der Straße Richtung Grand Canyon zu einem der großen Halb-Arches unternahm. An der Straße stand ein Schild, das nach meiner Erinnerung 45 Minuten Fußweg in Aussicht stellte, und damals war es kein Unwetter, sondern mein persönlicher Ehrgeiz (und natürlich wiederum der Wunsch, meine Habseligkeiten auf zwei Rädern so schnell wie möglich wieder unter meiner persönlichen Obhut zu wissen), der mich darauf erwidern ließ: Das wollen wir doch erst mal sehen. Allerdings trug ich zu dieser Zeit so etwas Ähnliches wie Laufschuhe, die mir auf dem Sandstein Halt wie einer Bergziege boten; hier dagegen muss ich immer an die vorstehenden Klinken meiner Fahrradschuhe denken, die auf dem Fels ziemlich leicht wegrutschen und eigentlich für die Pedale gedacht sind, aber irgendwie passt dieser Lidl-Mist nicht zueinander, jedenfalls rutsche ich aus den Pedalen immer wieder heraus, und so sind die Schuhe sowohl im Sattel als auch auf festem Boden unzweckmäßig und durch die Stahlplatte im Boden zudem unnötig schwer. Ich nehme mir ganz fest vor, sie nach der Reise unverzüglich zu entsorgen, zumal sich auch allmählich die Sohle löst.

Das Unwetter bleibt ein Unwetterchen, aber ich warte es am Kassenhäuschen ab. Zu mir gesellt sich ein Motorradfahrer, der aus Großbritannien kommt und noch weiter in Richtung Südosten will. Georgien steht auf seiner Liste, aber er meint, da seien ein paar Unruhen, ein paar Tote, er wolle lieber noch ein wenig warten, und dann müsse er mal sehen, ob er über das Schwarze Meer oder durch die Türkei reisen werde. Offenbar hat er mehr Zeit als viele andere angelsächsische Touristen, wenn sie mal in Europa im Urlaub unterwegs sind. Aber es ist interessant zu hören, dass es offenbar Fähren über das Schwarze Meer gibt.

Die Wartezeit nutze ich auch, um erst mal wieder meinen Tacho instand zu setzen. Der Beschlag darauf ist inzwischen restlos verschwunden, und er tut jetzt wieder, was er soll, allerdings kann ich ihn nicht kalibrieren, denn ich kenne den Radumfang nicht genau aus dem Kopf, und an den Straßen sind hier nur höchst selten Kilometersteine oder sonstige Markierungen zu finden. Da das Gerät aus unerfindlichen Gründen in 1000 Meter Meerestiefe startet, aber bereits im Stillstand einen rasanten Aufstieg hinauf in die Nähe der tatsächlichen Höhe hinlegt, und da ich versäume, es danach zurückzusetzen, sind natürlich die gezählten Höhenmeter für den Rest des Tages völlig überhöht und damit unbrauchbar.

Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, altes Blockhaus bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen über der Stadt Belogradcik Bulgarien, Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen über der Stadt Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen bei Belogradcik

Bulgarien, Belogradcik, Stephan Geue

Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, alte Windmühle bei Belogradcik
Bulgarien, Felsen bei Belogradcik Bulgarien, Felsen

Belogradčik bildet topografisch einen Sattel: Im Norden der Stadt liegt ein Berg mit einem Sendemasten, im Süden die Burg an den Hängen des Balkangebirges, und nach Osten und Westen senken sich Flusstäler hinab. Dem nach Osten folge ich. Bald fehlt nicht mehr viel an der 200-Meter-ü.NN-Marke, als mich ein Abzweig nach rechts dem nächsten Tal wieder flussaufwärts folgen lässt. Zunächst verläuft die Straße fast genau in Nord-Süd-Richtung, mit mir nach Süden praktisch direkt auf den Kamm des Karpatengebirges zu, doch dann gibt es einen erneuten Abzweig nach links, der wiederum ziemlich genau Montana ansteuert, die nächste größere Stadt südöstlich von hier. Zunächst ist eine kleine Anhöhe bei gut 500 Meter zu erklimmen, und dann ist das Tal wieder leicht flussabwärts zu befahren. In mehreren Ortschaften ist mir jetzt schon aufgefallen, dass z.T. entlang der Hauptstraße Wein angebaut wird, quasi als zwei parallele Galerien von Ortseingang bis Ortsausgang und vor allem als Dach dieser »Wandelgänge«. Ob er hier in erster Linie seines Ertrags wegen wächst oder um den Bürgersteig und damit auch die Häuserfassaden ein wenig zu verschatten, weiß ich nicht, aber er setzt einen kräftigen grünen Akzent, und wo die Häuser nicht so schön aussehen, bleiben manches Grau und mancher Putzschaden weniger auffällig. In einem der Dörfer bessere ich meine Wasservorräte auf; man weiß ja nie, wo es das nächste Mal was gibt (eigentlich eine unsinnige Argumentation, denn kleinere Läden sind zumindest außerhalb richtiger Gebirgsstraßen fast in jedem Dorf zu finden, aber für heute stehen keine bedeutenden Anstiege mehr an; da kann ich mir das wohl leisten). Der Verkäufer will umgerechnet 45 Cent dafür. Wer aus der örtlichen Bevölkerung wird wohl so viel für anderthalb Liter Trinkwasser ausgeben? Viele nicht, das weiß ich; denn öfters schon habe ich Leute selbst mit dem Auto zu Gebirgsquellen fahren gesehen, wo sie dann ansehnliche Kanistermengen auffüllen. Aber das habe ich vor ein paar Wochen sogar in der Nähe von Höchstadt an einer Quelle erlebt!

Nach Montana will ich nicht; stattdessen biege ich zehn oder zwölf Kilometer vorher rechts ab auf eine Straße, die mich ein knappe Stunde später nach Borovci führt auf die 81, die von Montana nach Sofia verläuft und dabei morgen zunächst ca. 1000 Höhenmeter von mir verlangen wird, wenn es über das Balkangebirge geht. Das heute anzufangen hieße, es beim Aufstieg Nacht werden zu lassen, und würde auch bedeuten, dass ich mir entweder am Anstieg oder spätestens oben ein Nachtquartier suchen müsste. An Pässen ist die Auswahl meist nicht so berückend, und vielleicht bietet der Aufstieg ja die eine oder andere Aussicht, die ich im Dunkeln nicht genießen könnte. Die Auffahrt heute komplett bleiben zu lassen bedeutet allerdings ein zeitiges Ende der Etappe. Wenn schon, dann müsste da wenigstens ein Internet-Zugang drin sein, damit ich die Ereignisse dieses Tages irgendwie schon abhandeln kann. Es wäre erstaunlich, wenn sich in den kommenden Tagen nicht wieder Lücken auftun würden, und je später sich der Nachrichtenstau bildet, desto besser.

Bulgarien, Eisenbahnlinie nach Berkovica

Eigentlich führt die Straße an Borovci vorbei, jedenfalls für Reisende nach Süden; den Ort nehme ich kaum zur Kenntnis. Ich überquere wieder mal ein Gleis; dies ist eine Stichstrecke zum Rand des Gebirges, nach Berkovica. Die Schwellen sind »begrünt«, die Gleise gleichwohl blank und die Strecke elektrifiziert. Mal sehen, ob ich was Fahrendes erwische.

Vorsichtig tastet sich die Straße wieder an die 400-Meter-Marke heran, hat sie aber in Berkovica noch nicht ganz erreicht. In der Ferne grüßt das morgige Arbeitspaket. Die Stadt wirkt wenig einladend; sogar die Eisenbahn endet außerhalb der Stadt, parallel zur Hauptstraße, die ebenfalls mehr als einen Kilometer am Zentrum vorbei verläuft. Das ist wohl auch gut so; wozu sollte der ganze Transitverkehr die Einwohner nerven? Eigentlich ist es nicht gerade eine Blechlawine, die sich zuletzt an mir vorbeigeschoben hat. Nach Milens Prognose, am Sonntagabend würden alle wieder nach Sofia strömen, war ich auf deutlich mehr gefasst. Aber vielleicht nehmen sie ja einen anderen Weg als hier entlang und hoch über den Berg.

Nun, wo es schon wieder in den Wald geht, stellt sich mir allerdings die Frage, ob wohl im nächsten Dorf, dem letzten vor dem Anstieg, noch so etwas wie ein Hotel zu finden sein wird. Deshalb zögere ich, nachdem ich gerade an einem recht hübsch gemachten, zweistöckigen Hotel vorbeigefahren bin. Billig sieht das nicht aus, aber es ist letztlich doch irgendwie Provinz, und leisten kann ich es mir bestimmt; zu klären bleibt also die Frage, ob ich das auch will.

Sogar einen Parkplatzwächter haben die, aber besonders bärbeißig sieht er nicht aus. Wenn hier wirklich Autoknacker kommen, wird er günstigstenfalls Fersengeld geben und die Polizei anrufen. Aber das ist eher die Sorge des Mercedes-Besitzers, der sein Automobil vor dem Anwesen geparkt hat. Ich erkundige mich erst mal nach den Preisen, bevor ich abzuladen beginne. 15 Euro sind eine angenehme Überraschung, und da das Hotel zwar einen Wi-Fi-Point hat, jedoch keinen Computer, ist die nächste angenehme Überraschung, dass mir der Hotelmanager ohne zu Zögern sein Notebook zur Benutzung anbietet; ich könnte es sogar mit aufs Zimmer nehmen!

Erst mal räume ich meinen Kram nach oben. Das sind ja meist mindestens drei Anläufe, bis alle Taschen weggeräumt sind. Das gesamte Gepäck auf einmal ohne das Fahrrad auch nur zehn Meter zu transportieren, wäre eine beträchtliche Herausforderung. Es ist gar nicht so sehr das Gewicht von mal weniger, aber wohl meist mehr als einem halben Zentner. Aber die Taschen alle zu fassen zu kriegen, zu halten und dann noch Schritte zu machen – ich hoffe bloß, dass ich nie in die Verlegenheit komme, das tun zu müssen. Das Fahrrad kommt in die Garage; da bin ich gegenüber den Autofahrern privilegiert.

Dann eile ich wieder zur Rezeption, wo noch das Notebook liegt. Jeder hätte es mitnehmen können. Viele Diebe hat das Haus offenbar noch nicht zu Gast gehabt. Irgendwo quakt ein englischsprachiger Zeichentrickfilm; während der Rechner hochfährt, erkundige ich die Herkunft des lästigen Geräuschs. Eines der Zimmer des Hotels steht weit offen; niemand ist anwesend, aber das Zimmer ist offenkundig belegt, sodass ich mich nicht hineintraue, um die Lärmquelle abzuwürgen. Und die Türe schließen… – wenn da jemand seinen Schlüssel nicht dabei hat, gibt’s auch Verdruss. Also werde ich das wohl erdulden müssen, bis die Gäste zurück kommen.

Die Eigentümer des Hotels wohnen offenbar im selben Gebäude, mit Blick zur Straße, gleich neben dem Empfang. Ein paar Mal kommt eine junge, bildhübsche Frau mit ihrem Jungen vorbei. Während ich interessierte Blick in ihre Richtung werfe, guckt der Junge neugierig auf mein Tun, vielleicht auch nur auf mein Outfit. So, wie der aussieht, kommt er nach seiner Mutter und wird sicherlich mal ein Mädchenschwarm. Aber erstens ist sie wohl die Frau des Managers, und zweitens muss der Junge ins Bett. Während es bei mir erst kurz nach acht ist, steht die Uhr hier schon nach neun, und morgen ist für den Kleinen sicherlich kein Ausschlafen angesagt. Und so verschwinden sie nach mehreren eiligen Gängen bald endgültig, was mir Gelegenheit gibt, der Welt kund zu tun, was sich heute so zugetragen hat.

aufgekratztes Hemd

Eine Ewigkeit später kommt eine rauchende Frau mit ihrem Kind – obwohl ein unübersehbares Rauchverbotsschild an der Rezeption hängt –, kurz darauf klappt die entscheidende Tür, und das TV-Geplärre dringt nur noch sehr gedämpft auf den Flur. Das arme Kind! Ich dagegen bin erleichtert, denn es gibt einiges zu schreiben. Aber irgendwann endet auch diese Sitzung. Das Notebook fahre ich herunter und lasse es zurück, dem Respekt aller Ehrlichen vor fremdem Eigentum empfohlen.

(Und dieses seltsame Bild ganz zum Schluss? Zwischendurch hat's mal an der Schulter gejuckt – kommt ja gelegentlich vor. Was macht man in solchen Fällen, wenn die betroffene Hautpartie gerade nicht frei liegt? Man rubbelt einfach die Kleidung etwas hin und her. In der Regel führt das ohne Kollateralschäden zum gewünschten Effekt. Nur diesmal meldete sich mein T-Shirt ab. Die Grundierung allein hielt wohl doch nicht mehr allzu großen mechanischen Belastungen stand. Und wie Siegfried das Drachenblut auf seiner Haut gegen Verletzungen durch Feinde schützte, aber ein Lindenblatt eine Stelle ungepanzert ließ, so öffnete sich nun diese Stelle an der Schulter dem ganztägigen UV-Beschuss der Sonne. Jedenfalls spürte ich beim Kratzen plötzlich die bloße Haut unter den Fingern, und um zu sehen, was da los war, nahm ich einfach den Fotoapparat zu Hilfe, um mir auf den Rücken schauen zu können. Leute, da war echte Trauerarbeit angesagt! Natürlich war das nicht das einzige T-Shirt, aber es war das letzte, das so schön dünn war. Als ich beim letzten Mal nachkaufte, gab's die dünnen einfach nicht. Mir blieb noch ein etwas dickeres und eins aus Synthetik, und beide tragen sich nicht so angenehm wie das kaputte. Darum machte ich in der Folge noch allerlei Verrenkungen, trug das Hemd mal verkehrt herum, verbrannte mir dann aber wegen des leicht asymmetrischen Ausschnitts das Genick etwas, mal musste die Sonnenschutzcreme auch für dieses Loch – das natürlich mit der Zeit größer wurde – herhalten. Nun ist das Teil jedoch endgültig bei den Putzlappen gelandet.)

3. + 4. Juni 3. + 4. Juni6. Juni 6. Juni