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19. Mai 19. Mai21. Mai 21. Mai

20. Mai

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Die Zugreise verläuft unspektakulär und glücklicherweise meistens unauffällig – weil ich doch über lange Strecken zum Schlafen komme. Es gibt da diese klassischen Haltepunkte – Innsbruck, der Brenner, Verona und sicherlich noch so einige andere –, an denen man durch vorbeirumpelnde Güterzüge oder durch Rangierbewegungen, das Aufeinanderprallen von Puffern und nicht zuletzt durch unbedachten oder mutwilligen Lärm von Leuten auf dem Bahnhof wach werden könnte. Und einige Male bin ich vielleicht auch im Schlaf unterbrochen worden. Und die Liegen sind immer noch zu kurz für mich. Aber ich war wohl müde; jedenfalls hat mich das jeweils nicht lange gestört.

Als es in Italien wieder nach Osten geht, gen Venedig, graut der Morgen und regt sich erstes Leben im Zug. Es kommt auch immer darauf an, wer wo aussteigen möchte, aber wer will schon sonstwo aussteigen, wenn er nach Venedig reisen kann? Hm, na ja…, wahrscheinlich diejenigen, die Venedig schon zur Genüge gesehen haben oder den Touristenrummel nicht mögen. Nur: Wann muss man nach Venedig reisen, um den Markusplatz für sich allein zu haben? Diese Umstände müssen wohl erst noch erfunden werden; schließlich lebt die Stadt vom Tourismus.

Mein Zielbahnhof ist keineswegs die Lagune. Ich habe Venedig Mestre angegeben, als ich die Fahrkarte kaufte. Schön blöd, denn ich will in Mestre eigentlich gar nichts. Das kommt davon, wenn man glaubt, die Eisenbahn fahre nicht bis zu den Gondeln. Das tut sie aber wohl. Also lerne ich, dass man – gegen einen geringen Aufpreis, vermute ich – auch noch die restlichen fünf, sechs, sieben Kilometer der Strecke reisen kann. Beim nächsten Mal dann.

Zum Glück hat der Zug mehr als nur ein paar Minuten Aufenthalt in Mestre. Warum, weiß ich nicht. Pünktlich ist er anscheinend, und dass er eine viertel Stunde zu früh eingetroffen sein könnte, halte ich für sehr unwahrscheinlich – wobei Strecke und rollendes Material das sicherlich hergegeben hätten. Man muss sich mal vorstellen: Von München nach Venedig in knapp zehn Stunden! Und das im Zeitalter der Hochgeschwindigkeitszüge! Wahrscheinlich ist die Trödelei vor allem dem Schlafbedürfnis der Reisenden geschuldet, denn tagsüber gibt es eine um drei Stunden kürzere Verbindung, und das ist noch immer »nur« ein Eurocity.

Während die Schlaf- und Liegewagenbegleiterin rauchend und kopfschüttelnd ob meiner Beschäftigung auf dem Bahnsteig steht, schwelge ich in der Reiseauftaktromantik des Herausfädelns eines Fahrrads und vielteiligen Gepäcks aus dem Nachtzug. Das sind so die Höhepunkte einer Reise, von denen man noch in Jahren… – na ja, die Würze wenigstens. Auch nicht? Okay, es ist einfach Mist! Es ist unmittelbar einsichtig, dass die Schaffnerin darin keinen Reiz erblicken kann. Aber tauschen mit ihr – also für eine Weile an ihrem Glimmstengel ziehen und ihr dafür das Aufpacken überlassen – nein, da bleibe ich schon lieber bei dem, was notwendig ist, um das zu erleben, was interessant und vielleicht auch hin und wieder schön ist.

Die Weltstadt Mestre hat keine Aufzüge zu ihren Bahnsteigen. Es gilt also Treppen zu überwinden. Ich kann jetzt schon mal für die Lagune üben; da sind schließlich auch nur Brücken mit Treppen, um von A nach B zu kommen. Oder Gondeln. Na, die Gondolieri sollte ich mal ansprechen: Ich hätte da ein kleines Handgepäck, ein knapper Zentner, etwas sperrig, aber Sie kommen ja auch mit mehrzentnerschweren Touris zurecht, nicht wahr?

Nein, lieber nicht. Lieber treibe ich Studien morgendlichen Erwachens und hege den Traum von der Entdeckung eines geöffneten Minoan- oder Anek-Büros zwecks Erwerb eines Fährscheins. Wahrscheinlich bin ich wirklich noch nicht ganz ausgeschlafen, denn auf welche Kundschaft sollten die jetzt warten? Um halb sieben schläft die Stadt noch weitgehend; lediglich am Bahnhof philosophieren einige nachlässig gekleidete Herren – wahrscheinlich über den Sinn leerer Flaschen und über die sehr viel höhere zivilisatorische Bedeutung gefüllter Trinkgefäße. Eine Vespa knattert durch die leeren Straßen. Nein, ich will fair bleiben und muss gestehen, dass es nicht das lauteste Modell ist. Nur der Schlaf empfindsamer Seelen bei offenen, der Straße zugewandten Fenstern erscheint mir dadurch gefährdet. Ach wären sie doch alle so, diese elenden Nervtöter minderjähriger Motorisierter – wobei das hier kein ganz so junger Lenker mehr ist. Immer wieder kommt mir Robert Gernhardt Elftes Gebot in den Sinn: Du sollst nicht lärmen! Er schrieb, der Herr hätte ihn auf den Feldberg gerufen und gestanden, ein Gebot hätte er bei der Verkündigung an Mose völlig verschwitzt. Und dann hätte Er es ihm gegeben, auf dass er es aller Welt verkünde. Bis zu einigen Erlanger Pubertierenden ist es aber allem Anschein nach noch nicht vorgedrungen, wahrscheinlich vor lauter Lärm.

Das mit den Tickets wird eindeutig ein Lagunenprojekt; laut Google soll direkt am Hafen eine Einkaufsmöglichkeit bestehen. Hier ist jedenfalls nichts zu wollen. Die Stadt macht auch touristisch nichts her oder versteckt es gut. Aber sollte es doch einen schönen Park oder etwas geben, das mich ganz besonders interessiert, würde es mich auch nicht weiter wundern; schließlich deckt mein Hin und Her nicht annähernd das Stadtgebiet ab; zumindest habe ich nach dem Einbiegen auf die Schnellstraße keine Vorstellung davon gewonnen, wie groß die Stadt wirklich ist.

Gegen halb acht bin ich am Hafen. Die Ticket-Counter sollen eine halbe Stunde später öffnen. Ich mache derweil erstes Frühstück. Obwohl die Fähre erst um 14 Uhr abgehen soll, stehen die ersten LKW und auch einige Urlauber schon da. Ein Österreicher rollt gerade mit seinem Wohnmobil heran. Er stellt sein Auto irgendwo abseits hin, weil er wohl meint, dass es da während des Fahrscheinerwerbs am wenigsten stören würde. Ganz nüchtern betrachtet stimmt das auch, aber rationale Erwägungen spielen dort keine Rolle. Einweiser in neonfarbenen Anzügen haben im Hafengebiet das Sagen, und nach meinem Eindruck tut man nicht nur gut daran, ihren Anweisungen zu folgen; letzten Endes hat man gar keine andere Wahl. Jedenfalls fängt einer dieser Typen an zu pfeifen und mit den Armen zu fuchteln, und dass der Österreicher mit der Ganzkörperaussage »Was wüllst’n du?« vor ihm steht, treibt den Einweiser von Sekunde zu Sekunde näher an den Herzinfarkt: »Exit port!« ist das Einzige, was ich von seinem in der englischen Version arg begrenzten Wortschwall verstehe. Auf Italienisch ist der Tourist praktisch schon mit einem Zentner Beton an den Füßen im Hafenbecken versenkt. Schließlich fügt er sich und reiht sich wie verlangt ein. Wer weiß, vielleicht rettet ihn das gerade noch vorm Paten.

Der Kauf des Fahrscheins ist letztlich einfacher als der für eine Zugfahrt mit zweimal Umsteigen in Deutschland. Das Ticket kostet genau jene 27 Euro, die Minoan Lines auch im Internet hatte haben wollen. Ich habe erwartet, das wäre hier wieder so ein zweistufiger Prozess wie im vergangenen Jahr in Durrës, bei dem man zum Ticket noch die Boarding-Card – natürlich woanders – besorgen muss. Damals erfuhr ich das bei meinem Versuch, an Bord zu gehen. Zum Glück waren die zuständigen Schalter nur ein paar Hundert Meter von der Fähre entfernt, hatte ich ein Fahrrad, um die Entfernung dorthin schneller als ein Fußgänger zurückzulegen, waren die Schalter noch offen und besetzt, ließen mich die Angestellten nicht lange warten, sondern erledigten den Zettelkram unverzüglich, und waren noch zehn Minuten bis zur Abfahrt der Fähre. Es hätte nur einer dieser glücklichen Umstände zu fehlen brauchen! Da hatte ich echt noch mal Stress, und das nur für einen blöden Zettel. Der kostete noch nicht einmal extra und löste nichts als ein formales Problem. Aber er musste eben sein. Hier jedoch ist nur einfach der Fahrscheinerwerb erforderlich. 27 Euro, das muss man sich mal reinziehen: für wahrscheinlich reichliche 800 Kilometer und das innerhalb von ca. 21 Stunden!

Nun ist aber noch viel Zeit bis zur Abfahrt der Fähre gegen 14 Uhr, die ich nicht ungenutzt verstreichen lassen will. Schließlich ist es schon ca. 20 Jahre her, dass ich das letzte Mal in Venedig war. Da kann man doch die eine oder andere Erinnerung auffrischen. Und wer weiß – vielleicht haben sie die Stadt ja inzwischen an irgendeiner Ecke richtig umgekrempelt. Allerdings kann ich mir das fast überall vorstellen, nicht jedenfalls in Venedig.

Als ich die Piazzale Roma erreicht habe, den finalen Parkplatz für alle, die unbedingt so weit wie möglich individualmotorisiert zu ihren Zielen vordringen müssen – aber auch für alle Busse –, warte ich auf ein Déjà-vu, allein, es stellt sich nicht ein. Als wäre ich noch nie hier gewesen; doch damals war ich ganz sicher von hier aus mit Carsten, einem meiner damaligen Kollegen, mit den Fahrrädern zum Markusplatz aufgebrochen, was im Wesentlichen Schieben und – an den Kanalbrücken – Tragen bedeutete. Damals hatten wir allerdings außerhalb von Venedig gezeltet, als junge Leute ohnehin viel weniger Gepäck dabei als ich heute, und sogar davon hatten wir einiges im Zelt zurückgelassen. Ich meine mich dunkel daran zu erinnern, trotz dieser vergleichsweise günstigen Umstände verschrammte Knöchel davongetragen zu haben, und hoffe, dass mir meine seither gewonnene jahrelange Erfahrung in der Überwindung von fahrradwidrigen Hindernissen diesmal solche Peinlichkeiten ersparen wird.

Venedig, Blick vom Piazzale Roma über den Canale Grande Venedig, Blick vom Piazzale Roma über den Canale Grande
Venedig, am Piazzale Roma.jpg Venedig
Venedig Venedig

Allerdings beruht die Hoffnung, dass die moderne modernde Stadt inzwischen barriereärmer geworden sei, weitgehend auf einer Illusion. Gleich am Anfang findet man linkerhand eine moderne Brücke über den ersten Schlenker des Canale Grande – ausschließlich mit Stufen. Obwohl diese flach sind, ist das natürlich nichts für Rollstuhlfahrer. Und wenn es auch einige Brücken gibt, die mittlerweile mit Liften ausgestattet sind, so gilt dies doch längst nicht für alle, z.B. auch nicht für die große Rialtobrücke. Und so nehme ich meinen Ramschladen immer wieder unter den Arm und ächze die Stufen hinauf, ganz langsam. Es ist mir egal, ob jemand komisch guckt. Vermutlich sieht man hier nur alle paar Wochen oder gar Monate mal ein Fahrrad.

Kurz vor neun erinnere ich mich an mein Projekt Handy-Ladegerät. Ich finde tatsächlich zwei Läden, rechts und links eines Abzweigs von »meiner« Gasse, die vermuten lassen, dass man dort so etwas bekommt. Aber das eine Geschäft öffnet erst um 9, das andere gar erst eine viertel Stunde später. Derweil rätsele ich, was die Dinger hier wohl kosten werden. Bei Amazon habe ich letztens eines für vier Euro (einschließlich Versand!) bekommen; da habe ich mich schon gefragt, wie daran noch was verdient werden soll. Hier wird das nicht so sein, da bin ich mir sicher. Venedig – das ist eine morbide, außerordentlich enge Stadt, praktisch jeder Laden verwinkelt und schlecht zugänglich. Von den Kanälen wird alles in Handkarren vor Ort gebracht. Das muss einfach teuer werden.

Ich warte. Wo ich genau bin, weiß ich nicht. Mein Navi müht sich redlich, hier und da noch einen Satelliten zu »erblicken«, aber der Himmel besteht in dieser Stadt, wenn man nicht gerade am Canale Grande oder am Hafen oder auf dem Markusplatz ist oder sich in den etwas »trockeneren« Gebieten aufhält, aus einigen wenigen schlanken blauen Kreuzen; der Rest sind undurchdringliche Mauern. Von daher wirkt der Track, den das Gerät auf meinem Weg aufzeichnet, reichlich wirr. Daraus lassen sich bestenfalls Tendenzen ableiten. Aber da auf einer Weltkarte der Markusplatz auch Hunderte Meter weit draußen im als offenes Meer deklarierten Bereich liegen kann, halte ich mich lieber an gelegentliche Schilder.

Da, der erste Ladeninhaber betritt die Szene. Er schiebt das Gitter hoch, mit dem seine Schaufenster gesichert sind, schließt auf, tritt ein und verlässt kurz darauf, da noch gut zehn Minuten bis neune fehlen, sein Geschäft wieder, um sich in den Untiefen der gegenüber liegenden Trattoria zu verlieren. Was wäre ein Tag für einen Italiener ohne einen caffe am Morgen! Viele sitzen dort nicht, eine junge Frau surft mit ihrem Notebook im Internet. Ich warte weiter. Ich hasse warten!

Als der Mann schließlich wieder aufkreuzt, folge ich ihm sogleich. Auf meine Frage hin sagt er »yes and no«; er könne mir zwei Komponenten anbieten, die zusammen als Ladegerät für meine Zwecke taugen würden, aber das käme auf 25 Euro. Dafür – so weit habe ich die Schaufensterpreise bereits studiert – bekäme ich bei seinem Nachbarn gleich ein neues Handy (einschließlich Ladegerät natürlich); deshalb meint er, ich solle doch zehn Minuten später mal bei dem mal fragen. Als der dann seinen Laden öffnet, kann er erst mal kein Englisch, aber irgendwie bekomme ich doch heraus, dass das Ladegerät hier 20 Euro kosten soll. Das scheint mir immer noch unangemessen viel, und so ist hier vorerst nichts zu machen. Ich wandere weiter in der Hoffnung, es möge die Richtung zum Markusplatz sein.

In den Gassen finden sich die sonderlichsten Läden. Natürlich. Wo sonst würden sich Leute Dinge kaufen, deren einziger Wert darin besteht, dass man sagen kann, sie seien in Venedig erworben worden, sozusagen als aparter Globetrotternachweis? In einem Geschäft werden Masken feilgeboten. Fantasievoll, üppig, garantiert nicht »selbstgemacht« und immer wieder »not made in China«. Wann – außer zu Fasching – strömen die Besucher in solche Läden? Was darf noch in den Hartschalenkoffer, wenn man solch ein vergleichsweise filigranes Teil nach Übersee schleppt, ohne dass eins am anderen Schaden nimmt? Fragen über Fragen. Irgendwo bekomme ich schließlich mein Ladegerät/Netzteil für 15 Euro. Na gut. Billiger wird’s hier sehr wahrscheinlich nicht.

Venedig11052008VenedigSchaufensterEinesMaskenladens.jpgVenedig, Schaufenster eines Maskenladens.jpg
Venedig im VerfallVenedig im VerfallVenedig, Gondeln am Canale Grande
Venedig, am Canale Grande Venedig, Rialtobrücke
Venedig, am Canale Grande Venedig, Canale Grande von der Rialtobrücke
Venedig, Canale Grande von der Rialtobrücke Venedig, Canale Grande von der Rialtobrücke
Venedig, auf der Rialtobrücke Venedig, Bartolucci

Venedig, Blick zur Markuskirche

Der Markusplatz ist von Touristen ziemlich überlaufen. Und von Tauben. Und von Touristen, die Tauben füttern. Das darf man hier wohl. Aber über die Touristen darf ich mich nicht ärgern (tue ich auch eigentlich nicht, denn noch herrscht kein Gedränge), da ich schließlich einer von ihnen bin, und ein Fahrrad in der Hand ändert daran überhaupt nichts. Vor der Markuskirche warten in einer Hundert Meter langen Schlange Menschen; andere haben anscheinend ein entspannteres Verhältnis zum Warten als ich. An den Gondeln spricht mich eine US-Amerikanerin an; sie sagt, sie sei mit ihrem Begleiter mit dem Fahrrad durch Europa unterwegs. Sie waren scheinbar schon überall, der langen Liste von Ortsnamen quer durch Europa nach zu urteilen, und sie haben – anscheinend angesichts meines nicht unwesentlich beladenen Lowriders – festgestellt, dass die Konzentration des Gepäcks allein auf dem (hinteren) Gepäckträger nicht so das Gelbe vom Ei ist. So macht jeder so seine Erfahrungen.

Venedig, Markuskirche Venedig, Dogenpalast
Venedig, MarkuskircheVenedig, Markusturm
Venedig, DogenpalastVenedig, Dogenpalast
Venedig, Torre dell' OrologioVenedig, Markuskirche
Venedig, GondelnVenedig, Gondeln

Für den Rückweg zum Hafen nehme ich eine andere Route, nicht mehr über die Rialtobrücke, die für einen Radfahrer mit einem halben Zentner Gepäck ein veritables Hindernis ist. Auf einem langgezogenen Platz vor der Ponte dell’Accademia meine ich, es ginge wohl schneller, wenn ich mal ein Stück fahren würde, aber das ist anscheinend überhaupt keine gute Idee. Ich vernehme ein mehrstimmiges Zischen und Pfeifen, und ein älterer Mann winkt mir aufgeregt zu. Ich rolle auf ihn zu, und er erklärt zunächst auf Englisch, dann auf Deutsch, dass das Fahrradfahren in der Lagune verboten sei. Was ist nicht alles verboten – aber offenbar ist es streng verboten. Ich frage ihn, wo das denn stünde, mich wohl daran erinnernd, dass Carsten und ich damals auf dem Markusplatz von der Polizei einkassiert worden waren, als wir langsam, aber stolz auf unseren Erfolg, ein paar Runden drehten; allerdings hatte man sich damals nur unsere Pässe kopiert und uns dann wieder gehen lassen – »you must go by bike« ordnete der Uniformierte in offenkundig nicht ganz sattelfestem Englisch an, aber uns war klar geworden, was er tatsächlich wollte. Der Mann antwortet, dass an der Piazzale Roma ein dementsprechendes Schild stehe, und ich muss zugeben, dass da erstens tatsächlich so ein blaues Gebotsschild für Fußgänger gewesen sein könnte – man musste es nur zur Kenntnis nehmen und sich merken, denn Wiederholungen gibt es keine –, und zweitens gibt es nicht gar so viele Zugänge zur Lagune. Diese durch blaue Schilder mit eingezeichnetem Fußgänger für alles, was rollt, zu verriegeln, ist kein großer administrativer Akt. Und, darauf weist mich der Signore hin, es drohen Bußgelder von 500 Euro für Verstöße. Also wohl wirklich streng. Das ist es mir dann doch nicht wert.

Da ich nun einmal auf dem Teil der Lagune bin, der durch den Canale Grande vom Hafen, von der Eisenbahn und der Fernstraße getrennt ist, muss ich wohl oder übel ein zweites Mal dieses nennenswerte Hindernis überwinden, zwar nicht über die Rialtobrücke, aber eben über den Ponte dell’Accademia, und wirklich leichter macht’s der dem Träger schweren Gepäcks auch nicht. Es müssen ja dieselben Kähne drunter durch passen.

Venedig, Canale Grande Venedig, Canale Grande, Blick zur Kirche Santa Maria della Salute

Von dort aus kämpfe ich mich zum Rand des von kleinen Kanälen und eben dem Canale Grande durchzogenen Siedlungsgebietes durch. Aber da stehe ich keineswegs am Rande des Ozeans oder auch nur der Adria, sondern hier kommt jetzt der Canale gigantesco. Diesen Namen hat dem Gewässer nur noch niemand mit der Bestimmtheit gegeben, dass das der übrigen Welt im Gedächtnis haften geblieben wäre. Dabei ist die Inselgruppe La Giudecca ganz klar durch eine – keineswegs geradlinige – Wasserstraße ziemlich konstanter Breite von der Hauptinsel getrennt. Und diese Breite beträgt bestimmt das Fünffache der Breite des Canale Grande. Aber da meinetwegen die Karten von Venedig sicherlich nicht umgeschrieben werden, wird es wohl meine ganz private Namensgebung bleiben. Hiermit publiziere ich sie aber immerhin schon mal.

Venedig, Molino Stucky Venedig, Molino Stucky

An diesem Gewässer entlang strebe ich wieder zum Hafen. Noch besteht kein Grund zu Eile, aber wer weiß denn, welche Hindernisse sich mir noch alles entgegen stellen werden. Erst mal hören die kleinen Kanäle auf. Venedig wird hier gewöhnlich. An die Stelle bröckelnden Putzes treten schicke Ziegelneubauten. Links ist die Hafenverwaltung, rechts ein Studentenwohnheim. Und auf einmal kommt da ein rundes Schild, das sich in der Rückschau als eben das erweist, was auch auf diesem Wege jeglichem Vehikel den Weg abschneiden soll: jenes blaue mit einem weißen Fußgänger darauf, das mir an der Piazzale Roma offenkundig entgangen sein muss. Jetzt nun endlich werde ich wohl ungestraft wieder in den Sattel und in die Pedale gehen können.

Venedig, Kreuzfahrtschiff P&O Cruises, Azura

Am Hafen liegt ein Riesenpott vor Anker, gegen den die griechischen Autofähren kleine Boote sind, ein Kreuzfahrtschiff, ein turmhohes Monstrum aus Glas und Stahl; ich frage mich, was dieses Gefährt für einen Tiefgang haben muss, um solche Massen über Wasser und im Lot zu halten. P&O Cruises bewerben den Kahn mit typisch britischem Understatement als »Family-friendly larger ship«. Ob das Ding familienfreundlich ist, kann ich nicht beurteilen; jedenfalls können die Kleinen sich auf herrlich vielen Decks vor ihren verzweifelten Eltern verstecken. Und dass es ein »größeres Schiff« ist, kaufe ich den Werbetextern ohne Weiteres ab. Ich würde damit nicht fahren wollen; mir gefallen die Bilder vom Webauftritt zu wenig; das Ganze kommt mir vor wie … – ich weiß nicht, mir kommen Begriffe wie steril, technokratisch und klischeehaft in den Sinn.

Das Boarding (der Fähre) ist nicht weiter aufregend. In erster Linie muss man warten. Ich nutze die Zeit, um meine Packtaschen etwas umzusortieren; ich will ja nicht den ganzen Kram mit nach oben nehmen. Das einzig Ungewöhnliche ist ein österreichischer Schwerlasttransport einer 96 Tonnen-Stahlröhre für die Türkei. Der Fahrer meistert die Herausforderung ebenso souverän wie alle anderen Brummifahrer – als wär’s ein Kinderspiel. Ich persönlich halte ja das Rückwärtsfahren von Sattelschleppern für eine der höheren Künste…

Die Fahrt mit der Fähre beginnt geradezu spektakulär. Denn entgegen den Angaben z.B. auf maps.google.de über den Routenverlauf der Verbindung Venedig-Igoumenitsa begibt sich das Schiff nicht etwa gleich auf hohe See, sondern schippert mit der dafür gebotenen Langsamkeit als erstes durch »meinen Canale gigantesco«. Das Oberdeck liegt von der Höhe her geringfügig über den meisten Dächern der Stadt; man hat also einen geradezu exzellenten Überblick. Ich rufe den Fährpreis von 27 Euro in Erinnerung: Einmal angenommen, man wollte als Besucher Venedigs ein Boot chartern, das genau diesen Anblick von der Lagunenstadt böte, dann müsste es ziemlich hohe Aufbauten haben. Ich schätze, von einem Ticketpreis von 27 Euro wäre man bei solchen Anforderungen nicht allzu weit entfernt. Ich habe auch überhaupt keine Ahnung, was man für 20…30 Minuten Gondelfahrt so zahlen muss, und das mag wohl reizvoll sein, ist aber ganz klar die Froschperspektive im Vergleich zu meinem aktuellen Ausguck. Und im Gegensatz zu einer solchen Rundfahrt, die gewiss auch nicht durch alle Ecken und Winkel der Stadt führte, bekomme ich noch die Passage nach Griechenland quasi gratis dazu. Also, wenn das kein Sonderpreis ist!

Venedig, Hafenverwaltung Venedig
Venedig Venedig
Venedig Venedig
Venedig Venedig
Venedig Kirche Santa Maria del Rosario Venedig
VenedigVenedig, Blick Richtung Dogenpalast

VenedigVenedig, Dogenpalast und Markuskirche

Venedig, Markusplatz, AusschnittVenedig, Markusplatz
Venedig, Canale Grande Venedig, San Giorgio Maggiore
Venedig, Kirche Santa Maria del Rosario und Canale Grande Venedig, Dogenpalast und Markusturm
Venedig Venedig, Parco delle Rimembranze
Venedig, Parco delle Rimembranze Venedig

Die weitere Fahrt fällt dann hinsichtlich ihres Unterhaltungswertes steil ab. Wir bewegen uns mit ca. 26 Knoten, also knappen 50 km/h. Ringsum Wasser, kein Land in Sicht, kaum andere Schiffe. Ich bin zwar froh, dass ich mir etwas zu lesen mitgenommen habe, aber im Moment bin ich nicht in der Stimmung dazu und treibe mich daher auf dem Schiff herum. Der Schlafmangel der zurückliegenden Nacht macht sich bemerkbar, und wo ich gerade sitze – irgendwo in einem Salon –, halte ich ein kleines Nickerchen. Als ich wieder wach werde, tritt einer vom Personal an mich heran und weist mich höflich darauf hin, dass für diese Zwecke doch vorzugsweise die Räume mit den Schlafsitzen genutzt werden sollten. Hm. Zwar kann ich nicht erkennen, wen ich gestört haben sollte, und wenn meiner »bequemen Platzbeanspruchung« wegen jemand am Eingang hätte auf mein Erwachen warten müssen, hätte man wahrscheinlich etwas weniger höflich nachgeholfen. Aber grundsätzlich hat er ja Recht. Also trolle ich mich und mache eine Deckinspektion.

Adria

Ich habe eine Deckpassage gebucht. Andere wahrscheinlich auch, denn da liegen schon welche, trotzen in ihren Mumienschlafsäcken, obwohl noch gar nicht Schlafenszeit ist – aber vielleicht waren die ja auch schon nächtens mit Zügen unterwegs –, dem Fahrtwind und fühlen sich in der klaren Seeluft vermutlich ziemlich wohl.

Wieder drinnen, bemerke ich drei Männer, offensichtlich Trucker, die vor einem tragbaren Fernseher sitzen, den sie sich wohl aus einem ihrer Fahrzeuge mitgenommen haben. Bruce Willis rettet die Welt und schlägt sie nebenher kurz und klein – mit bulgarischen oder serbischen Untertiteln. Von der Seite versuche ich etwas mitzubekommen, aber nach einer Weile gebe ich auf; ich will den Leuten ja nicht zu sehr auf die Pelle rücken, und sowohl optisch als auch akustisch fällt es mir sehr schwer, ausreichend viel von der Handlung zu erfassen.

Ob die Nutzung der Schlafsitze durch mein Ticket abgedeckt ist, interessiert mich zunächst nicht so. Dann erweist sich deren Neigung als ohnehin nicht hinreichend horizontal, sodass ich auf meine für die Deckpassage mitgenommene Campingausrüstung in Gestalt von Isomatten und Schlafsack zurückgreife und mich an einer Wand ausbreite. Ich deklariere das jetzt mal als Deck; es ist halt kein Außendeck, aber dass die Übernachtung draußen erfolgen müsste, davon hat ja nirgends was gestanden; mir ist es jedenfalls draußen ein wenig zu zugig. Vielleicht bin ich dafür auch einfach schon etwas zu alt. Schrecklich! Dafür muss ich eine schnarchende Nachbarin ertragen. Auch grenzwertig.

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