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9. Mai 9. Mai20. Mai 20. Mai

19. Mai

Tage wie dieser sind nicht gerade das, was ich an meinen Reisen besonders schätze. Ich weiß noch, wie es 1999 los ging. Da stand ich zu Hause vor Tau und Tag auf, packte den Kram, den ich in den Tagen zuvor zusammengetragen hatte, in die Taschen, und dann ging es am zeitigen Vormittag los, gleich mit dem Fahrrad und ohne Umwege über andere Verkehrsmittel. Da kam bis Schwäbisch Hall noch eine Etappe heraus, mit der man sich sehen lassen konnte. Ja, damals. Da war noch alles anders.

Heute dagegen liegt keineswegs alles bereit, schon gar nicht ladefertig in den Taschen. Es ist fast schon ein Last-Minute-Aufbruch, wenn man mal von der Fahrkarte absieht, die ich heute gar nicht mehr lösen könnte, weil ich dann weder einen Stellplatz für das Fahrrad noch einen Liegeplatz für mich bekommen würde. Ich müsste dann mit Regionalzügen bis Venedig fahren, was vielleicht auch mal eine interessante Erfahrung wäre und möglicherweise gar nicht so viel länger dauern würde, aber dann könnte ich nicht erst am Nachmittag aufbrechen, sondern müsste schon längst im Zug sitzen. Also, den Fahrschein habe ich bereits vor einem Monat gekauft, und vom freundlichen Schalterpersonal wurde ich dabei angesichts meines extragalaktischen Ansinnens (im Nachtzug nach Venedig einen Platz im Liegewagen für mich und einen Stellplatz für das Fahrrad) mit »Na bravo! Das wird bestimmt nichts.« begrüßt. Da freut sich doch der Mensch…

Unmöglich ist schon mal das Frühstück: Gemüse und Tofu. Das mache ich ohnehin schon selten, aber frühmorgens? Der Kühlschrank muss aber ausgeräumt werden, damit die Hauptsicherung fallen kann. Da hilft alles nichts außer der Biotonne. Aber so war das ja nicht gedacht. Also Frühstück. Es geht schon. Vermutlich werde ich so ein Mahl in den nächsten Wochen sogar gelegentlich vermissen.

Der Rest muss eingepackt werden, aber das mache ich heute Nachmittag, wenn ich aus dem Büro zurückgekommen sein werde. Man muss ja den Prozess des Verderbs nicht mutwillig beschleunigen.

Im Büro tauche ich kurz nach zwölf auf. Meine Ahnung, dass dies lediglich ein Alibi-Aufenthalt sein wird, ist bereits sehr konkret. In gut zwei Stunden muss ich ja bereits wieder los. Nein, noch nicht zum Bahnhof; mit vollem Ornat hier aufzutauchen und schwer bepackt direkt von der Arbeit aufzubrechen wäre vielleicht originell gewesen, aber erstens wäre niemand zum Winken mit an die Pforte gekommen, und zweitens ist die Schlepperei entweder ein mehrstufiger Vorgang oder eine elende Viecherei.

Bis halb drei bin ich ansprechbar; dann verabschiede ich mich von meinen drei Schreibtischnachbarn für »längere Zeit«. Was jetzt noch? Ich muss zum Friseur, und beim Schlecker will ich mir eine zusätzliche Tube Reisewaschmittel sowie einen kleinen Spiegel kaufen. Ich beschließe, dass die Friseuse den Vorrang erhält.

Beim letzten Mal hat mich die Chefin geschnitten; als ich auf sie wartete, sah ich zu, wie ihre vielleicht 25-jährige Angestellte einen jungen Mann um die 30 mit einer Kopfmassage betörte. Aber die konnten das nicht so richtig ausleben, weil seine Freundin zugegen war. Diesmal ist diese junge Angestellte nicht da, dafür eine andere, nicht so gut aussehende, und die Chefin ist beschäftigt. – Ein Meisterwerk bekomme ich nicht geboten, aber dafür ist mein Schädel vielleicht auch ungeeignet, und außerdem sind kurze Haare gerade in heißen Regionen unheimlich praktisch; zudem macht man keinen ganz so verwahrlosten Eindruck, wenn doch mal die Rasur vier, fünf Tage ausfällt. Trotzdem – sollte ich noch einmal hierher kommen, werde ich versuchen, anderem Personal den Vorzug zu geben. Aber normalerweise bin ich ohnehin bei Kathleen; für die hiesigen Preise bekomme ich bei ihr drei Haarschnitte, und daran gab’s noch nie was zu meckern. Lediglich über ihr »wie gesagt« muss ich irgendwie hinweghören; sie gehört zu der kleinen Gruppe von Menschen in meinem Bekanntenkreis, die »wie gesagt« zutreffend wie unzutreffend einstreuen wie weiland Edmund Stoiber seine »Äh«s – die Älteren werden sich noch erinnern. Damit will ich freilich nicht behaupten, dass Kathleen oder all die anderen Wie-Gesagten mich bewusst anlügen würden, aber manchmal haben sie’s halt schon gesagt und manchmal nicht, und dass sie die Floskel überhaupt verwenden, ist ihnen höchstwahrscheinlich ebenso unbewusst geworden wie Stoiber seine unsäglichen Denkpausenfüller. Bitte – kritisiert meine Sprech- und Schreibschwächen und -marotten in meiner Gegenwart nicht erst dann, wenn ich auf dem Sterbebett liege! Dort kann ich daran nämlich nichts mehr ändern. Und wer auf den Gedanken verfällt, mir meine Neigung vorzuhalten, vom Hundertsten ins Tausendste zu kommen – denn ich weiß, dass ich die habe –, der will mich eines Stilmittels berauben. Darauf verzichte ich nur dann, wenn mein Gesprächspartner in Eile ist oder ich, oder wenn das Gespräch aus irgendeinem Grunde kostspielig ist. Aber dann ist es auch garantiert nicht mehr unterhaltsam. Das hier gehört ja auch nicht zur Reise.

Nach meinen Besorgungen wandern die letzten Kühlschrankinhalte in die Taschen, die danach bereits voll wirken; ich denke: »So viel ist es doch gar nicht; was soll denn das unterwegs werden, wenn ich mal drei verschiedene Obstsorten einkaufe?« Aber vielleicht habe ich beim wenig systematischen Einpacken – die praktische Ordnung ergibt sich immer erst unterwegs – einige Lücken gelassen, die sich bei künftigen Erwerbungen vermeiden lassen.

Wie lange sich Käse und Pesto bei Temperaturen zwischen 25 und 35 Grad halten, wird sich zeigen müssen. Der Kühlschrank ist nun zwar leer, aber er wird wohl nach meiner Rückkehr ziemlich riechen. Auswischen ist nicht mehr gegangen – aus zeitlichen Gründen und weil das Gefrierfach noch nicht abgetaut ist. Im vergangenen Jahr hat das Regine gemacht; dafür bin ich ihr heute noch dankbar. Ein letzter Blick in die Runde – nein, der Schreibtisch ist nicht leer geworden, den ganzen Zettelkram habe ich nicht weggeheftet… gestraft derjenige, der sich das antun muss, falls mir unterwegs etwas zustößt –, alle Sicherungen umlegen, Tür zuschließen, und los kann es gehen mit der Fracht.

Eigentlich möchte ich einen Zug früher nach Nürnberg nehmen, weil man ja nie weiß, wie pünktlich die Züge sind, und es wäre wirklich ganz blöd, den Nachtzug nach Venedig zu verpassen, bloß weil irgendwo zwischen Bamberg und Erlangen eine Kleinigkeit klemmt. Allerdings kommt dieser frühere Zug um einiges zu spät, ist hoffnungslos überfüllt, und in den letzten Waggon kann überhaupt niemand hinein. Vielleicht sollte die Bahn nicht so viel über voluminöse Bestellungen im Hochgeschwindigkeitssektor nachdenken, dessen aktuelle Flotte kaum älter als 20 Jahre ist und nach Angaben der Bahn höchstens zehn Prozent des Umsatzes ausmacht, sondern über Nahverkehrszüge, in denen, natürlich schön rot angestrichen, noch die alten Silberlinge unterwegs sind, die zum Teil mehr als doppelt so alt sind und das auch erkennen lassen.

Den lasse ich abfahren. Mir bleibt ohnehin keine andere Wahl. Der Regionalexpress soll aber pünktlich kommen – soweit das noch möglich ist und man der Anzeige trauen kann. Dass er dann wahrscheinlich hinter der verspäteten Regionalbahn, die ja öfter hält und die er nicht überholen kann, herzuckelt und letztlich doch verspätet in Nürnberg ankommt, ist nicht zu ändern, aber als er anrollt, sieht es so aus, als würde das zumindest meinen Anschluss in Nürnberg nicht gefährden.

Und tatsächlich ist dort noch ausreichend Zeit. Was vielleicht nicht ausreichen wird, ist der Platz im Zug. Der Bahnsteig ist schwarz vor Menschen, unter denen sich beängstigend viele Radfahrer befinden. Dabei ist doch heute weder Freitag noch sind Ferien! Na ja, es ist nicht zu ändern; wenn man nun noch wüsste, wo genau die Waggons mit den Fahrradstellplätzen halten… Immerhin, der Zug wird schon mal pünktlich bereitgestellt, und es sieht am Ende so aus, als würde wider Erwarten doch niemand auf dem Bahnsteig zurückgelassen. Es müssen zwar einige stehen, auch einige Radfahrer, aber das lässt sich ertragen, und vielleicht entspannt sich ja die Situation während der Fahrt noch etwas.

Ich stelle fest, dass der Zug den längsten Weg nimmt, nämlich den über Regensburg. Nun gut, dass es nicht die Variante über die Hochgeschwindigkeitsstrecke werden würde, war bereits am Zugmaterial zu sehen – da setzen sie ja die früheren Interregio-Waggons ein, und zumindest einige dieser Züge nehmen wohl in »guter« Bahntradition auch keine Fahrräder mehr mit. Aber die Strecke über Pappenheim oder die andere über Donaueschingen wäre nach meiner Erinnerung immerhin auch noch in Frage gekommen.

In Neumarkt lässt der Druck nach. Ich kann jetzt sitzen, mein Buch herausholen, die Mitreisenden beäugen oder mich an der Oberpfälzer Landschaft ergötzen. Im Hinblick darauf, dass das Buch für alle Regenpausen meiner Reise und die Dauer der Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel zum Abschluss der Tour reichen muss, möchte ich diese Möglichkeit vorerst nicht wahrnehmen. Und die Strecke nach Regensburg ist mir sowohl per Bahn als auch – entlang des König-Ludwig-Kanals – per Fahrrad schon recht vertraut. Da mir eine junge Frau schräg gegenüber sitzt, die zwar nicht mein Typ ist, mir aber immerhin interessant für einen Gesprächsversuch erscheint, verfalle ich auf Variante zwei und erkunde erst mal, was sich ohne Fragen und einigermaßen unaufdringlich herausfinden lässt. Sie hat an ihrem Koffer einen Anhänger »Crew baggage« mit dem Kranich. Das sieht nach Lufthansapersonal aus, und als sie ihn für irgendeine Kleinigkeit öffnet, sehe ich auch die Uniform, wahrscheinlich die einer Stewardess. Die Überprüfung dieser These ist doch ein brauchbarer Aufhänger für eine Frage zum Einstieg.

Also frage ich sie, ob sie Stewardess sei, und sie bejaht. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch, und währenddessen fällt mir auf, dass sie einen Akzent hat, den ich in Deutschland nicht einordnen kann; irgendwie rollt da etwas Ost- oder Südosteuropäisches. Ich habe schon manche Menschen erlebt, zuletzt einen meiner Kollegen, die die Frage nach ihrer Herkunft offenbar nicht so mögen – was daran liegen mag, dass diese Frage die Unfähigkeit der Befragten offenbart, ihre Ursprünge restlos zu verschleiern; es ist ja denkbar, dass sie sich lieber als »von hier« verkaufen würden; auch ich würde lieber ohne Reste des Dialekts aus meiner Schulzeit sprechen –, und darum zögere ich, mich nach den Ursprüngen dieses Akzents zu erkundigen. Aber nachdem wir schließlich beim A380 angekommen sind und der Frage, ob sie darin schon einmal Dienst getan habe, frage ich schließlich doch und erfahre, dass sie aus Rumänien stamme und mit einer der letzten Wellen der Siebenbürger Sachsen oder Banater Schwaben nach Deutschland gekommen sei.

Was sie von ihrer Arbeit erzählt, wäre ganz und gar nichts für mich. Mit launischen bzw. schlecht gelaunten oder betrunkenen Fluggästen sich herumärgern, den Kreislauf mit ständig wechselnden Zeitzonen malträtieren und ein soziales Gefüge unter Kollegen innerhalb von Stunden aufbauen müssen und mit der Landung wieder verwehen zu sehen, als junger Mensch, d.h. zumeist ja als junge Frau, und damit vor einer eventuellen Familiengründung sich über Jahre einer Höhenstrahlungsintensität aussetzen, die selbst hartgesottene Radiologen aus ihren Arbeitsräumen vertreiben würde – die Fluggesellschaften haben wirklich Glück, dass sie dafür immer wieder Leute finden, die so etwas toll finden.

Auf Langstreckenflügen haben die Flugbegleiter zwar nicht durchgehend Dienst, aber doch ziemlich lange. Die Crews – das meinte ich eben mit dem flüchtigen sozialen Gefüge – sind jedes Mal andere; Teambildung ist praktisch ausgeschlossen. Sie sagt, im A380 würde sie nicht arbeiten wollen, weil da die Crews zu groß seien; da käme man überhaupt nicht zusammen.

Dann führt sie noch ein paar Telefonate, eines auf Englisch, als sei sie – völlig klar natürlich – Muttersprachlerin, und eines auf Deutsch; da ist offenbar in Freising ein Mann, der auf sie wartet. Es ist ja gerade mal eine Uhrzeit außerhalb irgendwelcher Nachtstunden, während der man womöglich erklären würde: Hör zu, Schatz, du kommst, wann du kommst, aber ich gehe jetzt schlafen, denn ich muss morgen meinen Job erledigen.

Der Nachtzug nach Venedig wird wenige Minuten nach meiner Ankunft in München bereitgestellt, und dass da ein bisschen Zeit zum »Boarding« bleibt, ist, wie sich herausstellt, sehr sinnvoll, denn Fahrrad- und Liegewagenabteil sind in verschiedenen Waggons, und gerade das Fahrradabteil ist sagenhaft schlecht zugänglich, zumindest wenn man mit Gepäck einsteigen will. Da ist erst die mittelalterlich enge Tür, wie es sie in Deutschland eigentlich nur noch in einigen überalterten Nahverkehrszügen (s.o.) gibt, und dann geht es um enge Ecken – von Kurven kann man da wirklich nicht sprechen – bis zu einer kleinen Zahl so blöd angeordneter Stellplätze, dass dann, wenn einer sein Fahrrad von einem hinteren Stellplatz entnehmen will, bevor die vorderen Stellplätze geräumt sind, Kratzer im Grunde unvermeidbar sind. Ich möchte mal wissen, wie lange die Bahn so etwas bei Autoreisezügen durchhalten würde, ohne unter Schadenersatzforderungen zusammenzubrechen oder mit leeren Zügen fahren zu müssen. Für die legendäre S-Klasse der 90er Jahre – ja, das war die, deren Zulassung als PKW theoretisch ungültig wurde, sobald der Fahrer schon als einziger Insasse vollgetankt hatte! – hatten sie angeblich die Waggons damals angeblich sogar extra umgebaut, jedenfalls war das Blech zumindest für den Sylter Autoreisezug zu breit. Das muss man sich mal für Fahrräder vorstellen! Aber die meisten europäischen Bahnen werden von Autofahrern gemanagt, die Deutsche Bahn sogar zum Teil von ehemaligen Lufthansa-Managern (googelt man nach Deutsche Bahn Manager Lufthansa, so verweisen die ersten beiden Treffer auf die Einträge für Karl-Friedrich Rausch und Christoph Franz in der Wikipedia!) – da werden die deutschen Straßenbauer Krötentunnel wohl schon freiwillig mit Leitsystemen ausstatten, bevor ihre Bahnkollegen auch nur zurückkehren zu Waggons, deren Türen oder anderweitig benannte Öffnungen für Fahrräder so breit sind wie die der aus dem heutigen Schienenbild weitgehend verdrängten Packwagen. Als die noch Mode waren, musste man zwar alles bis in eine Höhe von einem Meter stemmen, was bei voll beladenem Gerät eine außerordentliche Herausforderung an die Kraft der Fahrer war – deshalb will ich auch nicht zurück zu den Anfängen, sondern fordere eine durchdachte Synthese dieser Lösung mit den Niederflureingängen des modernen Regionalverkehrs, wenn es schon nicht möglich ist oder den Fernbahnern als zu vulgär erscheint, deren Fahrzeuge für den Fernverkehr einfach zu übernehmen. Ach, das Leben könnte so schön einfach sein …

Das Gepäck bringe ich in zwei Durchgängen lieber außerhalb des Zuges nach vorne zum Liegewagen; in den schmalen Gängen der Waggons würde ich mir damit keine Freunde machen. Dass die so schmal sind … – tja, das ist wohl »historisch gewachsen«. Die malerische Erklärung, dass die Normalspur auf den Abstand zweier nebeneinander eingeschirrter Pferde zurückzuführen sei, womöglich bis zurück in die Römerzeit, verweist die Wikipedia leider in das Reich der urbanen Legenden. Na, dann eben nicht. Wenn sich so etwas erst einmal eingespielt hat, kommt man da jedenfalls nur noch sehr schwer heraus (wie die Spanier mit ihrer Breitspur haben abschätzen lassen), und wenn man nicht das Umkippen überbreiter Waggons in engen Kurven riskieren will, muss man sich »ladetechnisch« eben bescheiden: auf Gängen und nicht zuletzt auf den Liegen und in den Betten der Nachtzüge. Gardemaß ist dort nicht gefragt.

Aber irgendwann ist alles an seinem Platz, mich eingeschlossen, und die Reise kann losgehen. – Ich habe einen Platz im Viererabteil gebucht, weil ich dachte, dass ich da mehr Platz haben würde, aber das war ein Irrtum. Es ist lediglich mehr Platz fürs Gepäck und für die Schläfer in der unteren Etage. Aber da ich ziemlich viel Gepäck habe, bin ich trotzdem ganz froh, mich mit niemandem um Ablagefläche fürs Gepäck streiten zu müssen. Als ich komme, bin ich sowieso erst mal allein, was mir sehr recht ist.

Die Bahn hat uns mit Werbelektüre eingedeckt; außerdem liegt da noch eine »Bunte«. Ich blättere darin herum; für den Augenblick ist das genau das richtige Niveau: Aha, Filmfestspiele in Cannes, jedenfalls viele bunte Bilder von Prominenten und solchen, die es gerne wären. Allerdings stellt sich kurz darauf heraus, dass diese Zeitschrift keine Dreingabe der Bahn ist, sondern die Reiselektüre einer Frau, die kurze Zeit später mit ihrem Mann eintrifft; die waren nur mal kurz woanders. Auf ihre gespielte Empörung hin lege ich das Blatt hastig wieder zurück. »Nö, nö, lesen Sie mal ruhig. Wir gehen noch in den Speisewagen.« Wenig später kommen sie enttäuscht zurück: nix Speisewagen, aus Kostengründen gestrichen. Wahrscheinlich sind die Nachtgäste im Allgemeinen nicht so große Esser. – Wenig später trifft der vierte Reisende ein, und damit sind wir komplett, und Neulinge müssen sich nur noch mit den Besonderheiten der Beleuchtung und der nächtlichen Abteilverriegelung vertraut machen. Der Zug setzt sich pünktlich in Bewegung und beginnt seinen Wiegengesang (schütteln und quietschen). Da es jedoch draußen noch nicht einmal richtig dunkel ist, widerstehe ich dem noch eine Weile und versuche zu lesen. Spaß macht das in dieser Enge und mit der nicht gerade ergonomischen Beleuchtung – vermutlich aus Rücksicht auf die anderen Reisenden – nicht gerade. Außerdem überlege ich immer noch, ob »Scheidung auf Französisch« wirklich ein so tolles Werk ist, wie sein Cover es anpreist. Die Bibliothek Erlangen hatte es jedenfalls los werden wollen.

Kurz hinter Rosenheim mache ich meine letzten Anrufversuche, und als ich dann das Handy abschalte – man bekommt ja bei jedem Länderwechsel Willkommensnachrichten, und ich bin mir da nie so sicher, ob die mit einem kostenpflichtigen Roaming verbunden sind –, fällt mir siedend heiß ein, was ich vergessen habe: das Ladegerät! Was nun? Nur einschalten, wenn ich sowieso anrufen will? Das wäre zwar ohnehin sinnvoll, aber würde das ausreichen, um den Akkuinhalt bis in die letzte Urlaubswoche zu retten? Allerdings habe ich jetzt ohnehin keine Wahl und überlege nur kurz, ob wohl in Venedig eine Möglichkeit besteht, ein Ladegerät, wie ich es benötige, nachzukaufen. Aus den anderen drei Liegen kommen nur noch Schlaf- oder gar keine Geräusche; also werde ich das jetzt auch mal so halten.

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