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7. Juli

Das ist kein Montag wie jeder andere. Schließlich geht es heute los, und es wird kein Trip nach Havelberg. Nein, ich habe schließlich ein russisches Visum in der Tasche. Ich habe sogar zwei »Versuche«, d.h., ich darf zweimal einreisen. Was das wohl wird…

Aber vorerst bin ich noch mitten in Deutschland, und ich habe gestern an meinem Fahrrad serienweise Pannenpotenziale behoben, vorne und hinten neue Reifen aufgezogen, in einem aufregenden Kampf mit Clemens die Seele eines der Schaltbowdenzüge gewechselt. Also, wenn mir das auf den Schlachtfeldern von Tscherkassy passiert wäre… Da hätte ich ja noch ganz anders Blut und Wasser geschwitzt. Aber letztlich haben wir es dann mit etwas Wagemut und Bordmitteln in den Griff bekommen. Die Schaltung selbst ist auch gewartet worden; da kann ja nun eigentlich nichts mehr schief gehen. Wie alt ist noch mal das Tretlager? 58000 Kilometer, uiuiui…

Für Griebener Verhältnisse bin ich früh aufgestanden. Wenn es gegen Mittag in Frankfurt/Oder losgehen soll, muss ich entsprechend zeitig in Genthin am Bahnhof sein. Die Überführung noch einmal mit der Bahn (nach der Bahnreise von Erlangen bis Tangerhütte im »Prolog«) hat den Sinn zu gewährleisten – oder es doch zumindest deutlich wahrscheinlicher zu machen –, dass ich am 10. Juli die Grenze nach Russland zum ersten Mal überquere. Da beginnt nämlich die Gültigkeit des Visums, und da dies auch nach hinten begrenzt ist, also in seiner Gesamtdauer, soll davon kein Tag unnötig verschenkt werden. Schließlich war der Fetzen teuer genug. Kurz entschlossen nach Russland Reisende müssen auf dem von mir gewählten »Behördenweg« knappe 200 Euro einkalkulieren. Das reicht bei mir normalerweise für… Hm, einerlei. Das ist hier nicht so wichtig.

Die Taschen sind schon gepackt. Jetzt kommen noch die guten Wünsche für die Reise. Die Sorgen sind bereits erörtert worden. Wenn ich losfahren will, muss ich mich letztlich darüber hinwegsetzen, und einen gewissen Selbsterhaltungstrieb habe ich ja auch. Also kommen sie nicht noch einmal zur Sprache, was ich angenehm finde. Der Panzer setzt sich in Bewegung.

Die Bezeichnung »Panzer« ist eigentlich grob irreführend. Keineswegs bietet mir mein Gefährt irgendeinen Schutz gegen irgendwas, höchstens gegen Hochwasser bis zehn Zentimeter über der Straße und Modder bei sehr geringem Tempo. Ansonsten – das weiß natürlich jeder, der ein Fahrrad schon mal gesehen hat – ist da nichts, was an einen Panzer erinnert. Trotzdem gibt es Radfahrer, die mit einer geradezu spartanischen Ausrüstung sehr weit kommen, andere, die – für welche Zwecke auch immer – einen Drahtesel haben, der zumindest aufgrund seines Gewichts diesen Namen eher verdient, denn als »Stahlross« bezeichnet zu werden. Aber wenn ich dann mal solchen Leuten begegne und es kommt aus irgendeinem Grund dazu, dass »Bruttoregistertonnen« visuell taxiert oder durch Probeheben abgeschätzt werden, dann erlangt der Panzer eine gewisse Berechtigung, denn es gibt keine leichten Panzer. Die sind immer tonnenschwer. Und bevor ich mein Fahrrad mit dem ersten kleinen Gepäckstück belade, wiegt es bereits 19 kg. Da ließe sich zwar schon was machen, denn allein mit der hydraulischen Sattelfederstütze würden Anfänger im Kraftsport nicht so schlecht fahren, und der Lenker ist ebenfalls aus Stahl. Aber dafür ist er mir auch noch nicht gebrochen, wie mir das mit Aluminiumlenkern bereits mehrfach (!) passierte, bis ich aus Schaden klug wurde. Und was die Federstütze angeht… – wenn ich den perfekten Sitz für solch eine Radtour fände, dann dürfte der von mir aus fünf Kilo wiegen. Allein, es gibt den perfekten Sattel nicht, und so bleibt es bei einer Annäherung – sowohl an die von mir zugestandenen fünf Kilogramm als auch an ein kontinuierliches Sitzwohlgefühl auch nach tausend Kilometern bei 37 Grad (Außentemperatur, wohlgemerkt!). Also lässt sich wohl doch nicht so viel sparen. Gut, möglicherweise am Seilschloss. Aber vielleicht sollte man Langfingern wenigstens die Mühe zumuten, den großen Seitenschneider anzuschleppen, anstatt die Sache mit einem kleinen Knacks abzuwickeln.

Das erste (planmäßige) Hindernis ist die Elbe. Die Fähre fährt zwar immer mal wieder, aber bezüglich der minimalen Frequenz gibt es nur Erfahrungswerte. Und wenn sie gerade losgefahren oder auch am anderen Ufer »vor Anker gegangen« ist und auf Kundschaft wartet, dann kann die Zeit schon mal schneller verstreichen als sonst – zumindest, wenn man einen ganz bestimmten Zug in Genthin erreichen will. So ergeht es mir.

Schließlich kommt sie aber doch, ich schraube mich am anderen Elbufer die Böschung hinauf und schalte für die Passage nach Genthin einen Gang höher als sonst. Glücklicherweise haben wir durchmischtes Wetter und daher Westwind. Gegenwind könnte jetzt wirklich meine Kalkulationen durcheinander bringen, zumal ich in Genthin nur so eine ungefähre Vorstellung davon habe, wo sich der Bahnhof befindet. Aber ein, zwei Fragen führen mich dann doch zum Ziel.

Die Fahrkarte! Der Bahnhof ist tatsächlich noch personell besetzt, und wirklich steht gerade kein Mensch an, so dass sich die erforderlichen Fragen rasch beantworten lassen (die im Übrigen kein Automat beantworten würde). Das Land Brandenburg kocht bahntariflich sein eigenes Süppchen. Hier kann man mit der BahnCard nur dann etwas anfangen, wenn man entweder Fernzüge benutzt oder die Reise außerhalb des Landes antritt oder/und beendet. Und im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt werden Fahrräder nicht kostenlos befördert.

Man kann sagen, dass dieser Fahrkartenkauf hinsichtlich der dafür erforderlichen Zeit optimal gelaufen ist, und dennoch bleiben mir gerade noch drei oder vier Minuten, um den Bahnsteig zu wechseln. Der Fahrstuhl erleichtert die Sache, denn das Tragen eines solchen Gefährts ist keine Rückentherapie, und eigentlich brauche ich genau eine solche, weil mich seit dem Unfall im Januar immer noch Schmerzen plagen, zumindest dann, wenn ich eine ungeschickte Bewegung mache oder mich über Gebühr belaste. Dieser Dauerzustand verdrießt mich zusehends, zumal die Behandlungen bisher keinen Erfolg gebracht haben, aber an Dinge, die man nicht ändern kann, soll man sich ja gewöhnen bzw. sie gelassen hinnehmen. Also übe ich mich darin, provoziere keine neuerlichen Stiche und bin dankbar dafür, dass es hier Fahrstühle gibt. Warum nur? Ist oder war Genthin denn mal IC-Bahnhof?

Ich bin am Ziel dieser Terminsache, und der Zug rollt ein. Da hätte wirklich nichts schief gehen dürfen, sonst hätte sich die ganze Sache um eine Stunde verschoben oder sogar um zwei. Und ich will heute schließlich noch bis nach Poznań (Posen) kommen.

Die Zeit von 9:38 Uhr bis 12:00 Uhr will irgendwie verbracht werden. Routenplanung? Sie erfolgte zwar nicht straßengenau, schon gar nicht für die gesamte Strecke; wo entlang es jedoch nach Kaliningrad (Калининград, Königsberg) geht, weiß ich. Nebenstraßen sind auf dem Weg durch Polen nicht vorgesehen. Aber was heißt hier »schon gar nicht«? 1999 hatte ich genau das getan: eine detaillierte Streckenplanung ausarbeiten und mich zu ca. 98 Prozent dann auch daran halten. Jedenfalls gab es damals keine andere Möglichkeit zur Feststellung versehentlicher oder zweckmäßiger Abweichungen als den geschärften Blick auf die Michelin-Karte, über deren Steilheitsangaben – die berüchtigten ein, zwei oder drei scharfen Winkel – ich zwar in allen Tonlagen fluchte, und meine virtuellen Reklamationsgespräche mit dem Kartographenteam endeten bei solchen Gelegenheiten für dessen Mitglieder meist ziemlich tödlich, jedoch lasse ich in allen übrigen Belangen auf die Qualität dieser Atlanten bis heute nichts kommen.

Also keine Routenplanung. Lesen vielleicht? Tante Helga hat mir »Unkenrufe« von Günter Grass zum Geburtstag geschenkt. Das habe ich in dickes Zeitungspapier eingeschlagen, in der Lenkertasche, also vermeintlich leicht zugänglich, tief unter anderen Accessoires versenkt, und dort wartet es auf die erste Bushaltestelle, in der ich einen Starkregen aussitzen und sonst nichts zu tun haben werde. Aber im Augenblick habe ich irgendwie keine Lust, darin einen Anfang zu suchen. Stattdessen fixiere ich die junge Frau auf dem Klappsitz gegenüber. Sie ist das einzige in Frage kommende Opfer, denn um diese Zeit sind die Leute normalerweise bereits auf Arbeit – wenn sie denn welche haben. Mit anderen Worten: Der Zug ist praktisch leer. Ich trete ein Gespräch los und erfahre z.B., dass sie täglich mehrere Stunden unterwegs ist: Sie fährt nach Brandenburg, wird aber auf dem dortigen Bahnhof noch lange nicht am Ziel ihrer Fahrt sein. Sehr aufregend. Das wäre nichts für mich.

In Berlin kommt etwas Leben in die Szene. Unter anderen steigt eine Frau mit Rennrad ins Abteil. Ob sie wohl mitkommen würde? Ich erfahre, dass sie nur den Stadtverkehr bis Erkner überspringen will, um dort mit dem Fahrrad in Richtung Osten zu fahren. Aber sie will vor der Grenze wieder in die Bahn steigen, um zu ihrem Freund nach Berlin zurückzukehren. Meine Güte, das wird ja ein ambitioniertes Unterfangen! So viele Auskünfte auf einmal. Also keine Begleitung. Aber das war ja auch abzusehen.

In Frankfurt steige ich aus. Nun soll es also losgehen. Halt, da ist doch eine Drogerie im Bahnhofsgebäude. Dort könnte ich mal fragen, ob die einen brauchbaren Sonnenschutzlippenstift verkaufen. Was ich da im Gepäck habe, erzeugt einen derart dicken Aufstrich und zieht überhaupt nicht ein – da traut man sich gar nicht mehr, zwischendurch was zu essen, weil es jedes Mal so ein Geschmiere gibt. Ich habe Glück: Sie haben genau den richtigen.

Was noch? Eine Batterie für meinen zweiten Tacho wäre nicht schlecht. Ich habe das Teil montiert, weil die Funkverbindung des Sigma-Gerätes an manchen Orten gestört wird. Südlich von Polte zum Beispiel geht bis kurz vor Mahlwinkel gar nichts; »zu viele Sender« erzählt mir das Gerät dann nach einer Weile und verweigert dann bis auf Weiteres den Dienst. Wer weiß, wie viele Sender auf dieser Frequenz in Russland aktiv sind, abgesehen von Autoalarmanlagen und diversen anderen Störquellen – wahrscheinlich arbeitet der Tacho im ISM-Band, aber wenn schon in Deutschland große Störquellen existieren, muss ich ja in Russland erst recht mit so was rechnen. Nach einer solchen Batterie muss ich allerdings woanders fragen.

In einem Plus-Discounter versorge ich mich mit Nudelsuppen, Spaghetti, Soßen, Obstsaft und einer Flasche Cola und suche nun etwas energischer nach einem Schild, das mir verrät, wo es nach Polen geht. Das muss doch hier irgendwo sein!

Wenig später komme ich an einem Uhrengeschäft vorbei. Die Batterie! Hier werde ich zwar keinen Schnäppchenpreis bekommen – dafür sind die Auslagen zu luxuriös –, aber bevor ich jetzt lange herumsuche … Und in der Tat passt der Preis zum großzügig arrangierten Glitzerkram um mich herum. Dafür hätte ich dann allerdings auch mehr Kompetenz beim Personal erwartet, aber als ich der Verkäuferin den genauen Typ der Batterie nenne, kann sie damit zunächst gar nichts anfangen und muss sich erst mal kundig machen.

Ich verbuche den Einkauf unter Aufbau Ost und suche nun noch nach einem Papierwarenladen. Ein kleines Notizheft oder so was in der Art für meine Reiseaufzeichnungen wäre nicht schlecht – ich kann mir auf der vorgesehenen Strecke schließlich nicht alles merken. Es sind ja gerade die kleinen Dinge am Straßenrand, die den Etappen die Würze geben. Manchmal bieten Landschaft und Städtebau einfach nichts, und da muss man eben die Spitzmaus erwähnen, die bei einer Rast zwischen den Beinen keck nach Krümeln Ausschau hält.

Und tatsächlich finde ich einen Laden; der karierte Block, den ich schließlich verstaue, ist zwar nicht perfekt, aber das wird so schon gehen. Nun kann Polen kommen. Landkarten fürs Baltikum kann ich auf den restlichen 1000 Metern sowieso nicht mehr erwarten; dafür muss man schon in etwas größere Buchläden stiefeln.

Oder bei Frankfurt

Die Oder markiert die Grenze. Auf der Brücke mache ich das erste Foto, und irgendwie wird es charakteristisch für die weitere Fahrt: Die Sonne scheint zwar nicht, und die Oder ist so gewöhnlich, wie ein Fluss nur gewöhnlich sein kann, und die Brücke gibt nichts her, und Frankfurt von Polen aus gesehen reißt mich auch nicht vom Hocker, aber für die Dokumentation des Ganzen hat die Aufnahme Belang. Ich muss schließlich irgendwas in der Hand haben, um glaubhaft machen zu können, dass ich da war. Aber soll ich deswegen jetzt jedes Orteingangsschild größerer Städte ablichten? Wohl kaum.

In Słubice (Dammvorstadt oder Gartenstadt als ehemaliger Stadtteil Frankfurts) werde ich zunächst in Richtung Südosten gelotst. Das ist eigentlich total verquer. Ich muss doch nach Nordosten! Südlich des Ortes führt eine Brücke über die E30, die an der Grenze zu Deutschland in die A12 übergeht, und genau wie eine Autobahn sieht sie auch aus. Darf ich da überhaupt fahren? Die vielen Spuren und der lebhafte Verkehr schüchtern mich ein, und ich denke mir, dass es vielleicht Alternativen gibt. Also fahre ich weiter in Richtung Schwarzes Meer anstatt in Richtung Murmansk und hoffe auf einen Abzweig nach links. Der polnische Atlas verheißt einen solchen auch, aber erst später.

Waldstraße

Als ich ihn erreiche, lerne ich innerhalb sehr kurzer Zeit die fällige Lektion im Hinblick auf die Semantik als schmales weißes Band eingezeichneter Straßen: Dies mögen wohl Straßen sein, zumindest vor Jahrzehnten mal gewesen, aber ein zügiges Vorankommen ist darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Sie sind entweder gepflastert und waren das wohl auch schon, als diese Gegend hier noch deutsch war, oder sie sind unbefestigt – was nicht unbedingt ein langsameres Vorankommen als auf Kopfsteinpflaster bedeutet. Allerdings ist Mahlsand tückisch. Versinkt das Rad nur wenige Zentimeter darin, bleibt es unweigerlich stehen – was ziemlich gefährlich ist, wenn ich nicht damit rechne und deshalb mit den Füßen bzw. Schuhen nicht rechtzeitig aus den Klickpedalen herauskomme. Alternativ dazu zwingt es mich zu extremen Gegensteuermanövern, was letztlich auch zum Stillstand führt. Unter solchen Umständen ist eine Revision der Tagesziele natürlich unumgänglich. Poznań verschiebt sich auf meiner gedanklichen Zeitskala auf morgen.

An einem Grundstück mitten im Wald gabelt sich die Straße, und ich biege rechts ab. Die Pflasterstraße verläuft nun parallel zur E30, also wenigstens schon mal in die richtige Richtung. Ich stelle mir vor, dass 1945 vielleicht Flüchtlingstrecks auf dieser Straße unterwegs waren. Seither kann sich hier nicht viel Verkehr abgespielt haben, sonst wäre die Straße nicht so grün. Sie ist einsam, schön, aber einfach nicht mit einem akzeptablen Tempo befahrbar. Selbst mit Schwalbes neuem Ballonreifen Big Apple dürfte dies hier kein Vergnügen sein; dabei habe ich viel schmalere Kaliber aufgezogen. Nach einigen Kilometern halte ich an, um das Gepäck zu überprüfen und muss zu meinem Leidwesen feststellen, dass sich bereits ein Saftkarton verabschiedet hat. Das erinnert mich daran, dass ich schon auf früheren Fahrten großartige Ideen entwickelte, wie die allfälligen Getränke leicht zugänglich und dennoch sicher gegen Verlust am Fahrrad untergebracht werden könnten. Es sind nur dummerweise Ideen geblieben. Also werden sie – abgesehen von den beiden Trinkflaschen – nur mehr oder minder zuverlässig mit Hilfe eines Expanders oder auch mehrerer hinten auf den Gepäckträger geklemmt. Was den besagten Saftkarton angeht, so gilt im Rückblick offenbar: minder zuverlässig.

Nach langer Zeit, aber deutlich weniger als zehn Kilometern mündet das Geholpere in eine von rechts kommende Asphaltstraße ein. Nun geht es etwas flotter voran, und nach einigen Kurven und Wendungen erreiche ich bei Rzepin (Reppen) die E30. Ich fühle mich nun »reif« für die Autobahn; mir ist jetzt egal, wie viele Spuren diese Straße hat und wie dicht der Verkehr dort ist. Auf ihr geht es jedenfalls voran.

Und dabei ist der Verkehr gar nicht schlimm, obwohl die Europastraße hier inzwischen nur noch zweispurig ausgebaut ist. Wie sich Lastverkehr »anfühlt«, hängt für Radfahrer nicht nur von der Anzahl der Spuren ab, sondern vor allem von zwei Faktoren: 1. Nehmen die Kraftfahrer Rücksicht, d.h., lassen sie je nach Tempo wenigstens 50 bis 100 Zentimeter Platz beim Überholen? 2. Ist eine befahrbare »Spur« jenseits des durchgehenden weißen Randstreifens vorhanden? Beide Fragen entlasten einander sozusagen, sprich: Hast du einen eigenen Streifen, so ist die Rücksichtnahme der Trucker entbehrlich, und umfahren sie dich mit Anstand, dann ist es egal, ob dir 50 Zentimeter der Straße exklusiv gehören; du kommst dann sozusagen auch nackt unter Wölfen über die Runden.

Nach einer Weile endet der Wald, eine Straße biegt im spitzen Winkel rechts ab, weitet sich zu einem LKW-Parkplatz, gefolgt von einer Tankstelle; dahinter sind weitere Stellplätze, anscheinend auch überwiegend für den Schwerverkehr gedacht. Weil abseits der Zapfsäulen ein paar Tische und Stühle stehen, beschließe ich eine Pause, um meine verderblichen Vorräte zu reduzieren. An erster Stelle steht da zweifellos das Müsli, dessen hoher Obstanteil die Milch sicherlich nicht davor bewahren wird, in Kürze einen Stich zu bekommen. Also runter damit; außerdem sind Vitamine gesund.

See bei Swiebodzin

Nach dem Aufbruch geht es bald wieder flott voran. Ich habe Rückenwind; das sollte man ruhig mal erwähnen, wenn ständig behauptet wird, Radfahrer hätten den Wind immer nur von vorn. Die Landschaft ist nicht aufregend; also studiere ich die Oberleitungskonstruktion einer kreuzenden Eisenbahnlinie. Na ja, sie sieht anders aus als in Deutschland, aber ob sie besser oder weniger geeignet ist, ihre Aufgabe zu erfüllen, kann ich nicht beurteilen. So spannend geht das weiter bis Świebodzin (Schwiebus).

Das wäre dann mal wieder eine Stadt, eine kleine zumindest. Ein Lidl-Discounter verführt mich dazu, im Vertrauen auf ein bekanntes Preisgefüge meinen alten 50-Zloty-Schein in Umlauf zu bringen – abzüglich Wechselgeld, versteht sich. Wir teilen diese 16 Euro bis Kaliningrad schön ein. Das wäre doch gelacht! Soll ich mich etwa in jedem Transitland mit der jeweils lokalen Währung herumschlagen und im Laufe der Reise Kleingeldsammlungen anlegen? Der Supermarkt hat aber auch den Vorzug, dass man ohne jegliche Polnisch-Kenntnisse durchkommt. Das ist in jedem Thekenladen anders. Klar, man kann sich auch dort mit Gesten und einem Taschenrechner oder einem Kuli und Papier über die Waren und ihre Preise informieren bzw. einigen, aber die Defizite werden dabei offensichtlicher, und irgendwie ist mir das ein bisschen peinlich, noch nicht einmal »bitte« und »danke«, »Guten Tag!« und »Auf Wiedersehen!«, geschweige denn Zahlen auf polnisch parat zu haben. Gehört habe ich das alles schon mal, mehrfach sogar. Aber selten abgerufenes Wissen versandet eben. Diese Situation kommt denn auch bald: beim Bäcker. Er macht sich aber nichts draus; er hat das Geld und ich das Brot, und unsere Sorgen heben wir uns für wichtigere Dinge auf.

Für Świebodzin bzw. dessen Ortsausgang ist geplant, die E30 in Richtung Süden zu verlassen. Sie mag wohl die kürzeste und schnellste Verbindung nach Poznań sein, aber vielleicht erschließt sich mir Polen doch mit ein paar mehr Facetten, wenn ich mich nicht am breitesten Asphalt orientiere. Allerdings scheitert dieses Vorhaben; das merke ich bald: Die Stadt liegt definitiv hinter mir, die Himmelsrichtung hat sich noch kein bisschen verändert, und mein Garmin beharrt ebenfalls darauf, dass ich noch auf der E30 bin. Andere Straßen kennt der mit seiner mickrigen Standardkartenausstattung hier ohnehin nicht. Jetzt wendet sich die Straße sogar nach Nordosten; das geht zwar schön auf Kaliningrad zu, aber nicht in Richtung der Straße 303, entgegen der Kleinstadt mit dem klangvollen Namen Babimost (Bomst). Es gibt nun zwei Möglichkeiten: umkehren und die gewünschte Ausfahrt suchen oder weiter fahren und bei nächster Gelegenheit über die inzwischen einschätzbaren »weißen Bänder« nach Süden traversieren, wie die Schweizer so schön sagen würden, sprich: quer durch die Prärie pfadfinden – was geographisch kürzer werden könnte, aber das Zweifelhafte dieses Vorzugs hatten wir ja schon.

Ich entscheide mich für die Abenteuerversion. Marlboro Country! Regnet es dort hin und wieder? Die Jungs sehen immer so staubig aus. Hier regnet es jedenfalls. Wir finden jetzt Abschnitte, die definitiv unbefestigt sind. Andere sind wieder gepflastert, jedoch verschieden von denen heute Mittag. Sind Form, Größe, Behauung und das jeweilige Mineral der Pflastersteine mit der zugehörigen Kristallisation, unterschieden nach Wojewodschaft und weiteren geeigneten Kriterien, eigentlich schon mal in einer akademischen Arbeit angemessen gewürdigt worden? Nicht? Na, dann wird’s aber mal Zeit. Rechts und links wogen die Getreidefelder. Sie kommen mir seltsam fremd vor. Aber Roggen bleibt doch Roggen. Ich bin unsicher. Ist es die Weite der Landschaft, sind es die Hügelformationen, die mir Deutschland bereits hier so fern erscheinen lassen?

Der Regen überschreitet rasch seinen Höhepunkt. Im gleichen Maße verliert die Gegend ihre Trostlosigkeit. Die Wege werden mit einem Mal schlagartig besser, richtig gut asphaltiert, und zügig nähere ich mich der Straße 303. Der Abzweig zur Straße 302 bringt mich wieder der Bahnlinie näher, die ich vorhin schon einmal überquert habe. Ist das nicht die Strecke Berlin-Warschau? Da müsste doch ab und zu mal was Anständiges vorbei kommen… Aber die großen Reisen sind für heute wohl erledigt. Das sollte auch ich mir so langsam gesagt sein lassen. Poznań habe ich ja bereits auf morgen verschoben. Wo wird er denn nun sein, der erste Halt in der Ferne?

Holzkirche

In Chlastawa (Klastawe) stoppe ich noch einmal – für eine Holzkirche. Wenn man heute jemandem erzählt, man wolle ein Haus aus Holz bauen, auch noch mit einer hölzernen Fassade, dann muss man sich von seinen Mitmenschen etwas über die Brandgefahr erzählen lassen, die man damit heraufbeschwöre. Dabei beginnen die meisten Wohnungsbrände, die nicht vorsätzlich gelegt wurden, doch im Inneren des Hauses und am Mobiliar, und dafür spielt die Bausubstanz des Gebäudes gar keine Rolle. Wenn man sich jedoch klar macht, dass seit dem 17. Jahrhundert, das ein Schild vor dieser Kirche ausweist, eine ganze Serie von Kriegen über dieses Gebiet hinweggefegt ist und dass Brände im Krieg getrost unter Vorsatz verbucht werden können, dann ist es schon erstaunlich, dass dieser Sakralbau hier immer noch steht. – Ob er schön ist? Tja, darüber mag man streiten.

Korbkunst

Ich fasse Nowy Tomyśl (Neutomysl, Neutomischel) ins Auge. Dort soll es sein, das Ziel der heutigen Etappe. Die Dörfer hier bieten keinen Unterschlupf; in Städten sieht das schon anders aus. Ein letztes Mal bricht die tief stehende Sonne imposant durch die dunklen Wolken am Horizont, dann ist die solare Episode für heute vorbei. Es folgt eine kleine Rampe, ein paar Meter in den Wald hinauf, einige Kilometer durch die matter werdenden Grüntöne. Die Dämmerung ist bereits schwer hereingebrochen, da überquere ich die Umgehungsstraße; es dauert nicht lange, und ich bin mittendrin. Dies ist ja keine Großstadt. Auf einem zentral gelegenen Platz setze ich mich auf eine Bank und überlege kauend, was diese seltsame Konstruktion aus Holz wohl bedeuten mag, deren Details in der hereinbrechenden Dunkelheit immer weniger voneinander zu unterscheiden sind. Kunst? Landschaftsarchitektur? Wer weiß… Mental bereite ich mich auf die Suche nach einem Dach vor.

Wenn mal jemand in irgendeinem Kaff meint, da sei tote Hose, dann soll er mal versuchen, dort zu genau diesem Zeitpunkt einen ca. zwei Quadratmeter großen Platz zu finden, der wettergeschützt ist, dessen Besetzung nach Möglichkeit nicht als Hausfriedensbruch interpretiert werden kann und, wenn’s irgend geht, überhaupt von niemandem wahrgenommen wird, so dass er später – in meinem Falle morgen – dort wieder verschwinden kann, als sei er niemals da gewesen. Ich möchte wetten, so manches Dorf avanciert unter diesen Umständen für die meisten Aspiranten einer solchen Probe zur Stadt mit Nightlife. Das ist nämlich manchmal gar nicht so einfach. Man möchte nicht glauben, wo sich wochentags abends um zehn und später noch Spaziergänger, Kneipenheimkehrer, Berufspendler und sonstiges Volk herumtreiben. Gut, es sind wahrscheinlich Ferien. Das sind zusätzlich erschwerte Bedingungen. Selbst schuld, wer erst im Juli losfährt.

Die Anläufe sind nicht spektakulär. Kennzeichnend ist, dass viele »Gelegenheiten« eingezäunt sind. Trauen sich die Polen selber nicht? Baustellen, Sportplätze mit Tribünen – alles dicht. Schließlich glaube ich meinen Frieden in so etwas Ähnlichem wie einem Park gefunden zu haben. Da ist eine Baracke mit ausladendem Vordach. Darunter verläuft ein Plattenweg, der, soweit ich das erkennen kann, keinen Durchgang darstellt. Ich muss hier also keinen Transitverkehr befürchten, zumindest nicht von Fußgängern, die auf dem Weg bleiben – was angesichts der nun vollständigen Dunkelheit die Regel zu sein verspricht. Wer will sich hier schon die Knochen brechen?

Ich stelle das Fahrrad ab und breite Isomatten und Schlafsack aus. Gerade überlege ich, ob wohl das Moskitonetz angemessen wäre, da bricht der Kegel eines Autoscheinwerfers durch die Dunkelheit und taucht zielstrebig meine Aufbauten in grelles Licht. So ein Mist! Wer es auch sei – er wird wohl kaum gekommen sein, um mir eine gute Nacht zu wünschen. Diese Stellung ist vermutlich nicht zu halten. Dafür spielt es keine Rolle, ob mein Aufenthalt rechtlich anfechtbar ist, aber darauf zuvor geachtet zu haben, ist entscheidend für den Blutdruck bei solchen Begegnungen. Bei allem Verdruss bleibe ich daher ruhig.

Ein Mann steigt aus. Es stellt sich rasch heraus – mit Englisch ist in der Konversation leider nichts zu machen, aber er kann etwas Deutsch, und er versteht ein paar Worte Russisch, so dass wir uns ein wenig aufeinander zu bewegen können, wobei er da ganz klar mehr leistet als ich –, dass er keinen Tipp von aufmerksamen Nachbarn bekommen hat, die etwa sein Hab und Gut gefährdet gesehen hätten. Er ist Tauben- und Bienenzüchter, und das Gebäude, unter dessen Vordach ich Quartier suchte, ist so etwas wie die Vereinslaube der Taubenfans. Er wollte nur was holen. Und innerhalb kurzer Zeit gelangt er zur Ansicht, dass der von mir gewählte Übernachtungsplatz wohl nicht so das Richtige sei. Was ihn dabei motiviert, wird nicht restlos klar. Es erstaunt mich aber immer wieder, wie weit verbreitet die Einschätzung ist, dass quer durch Europa, ja eigentlich die ganze Welt, aber in zunehmendem Maße, je weiter man nach Osten geht, marodierende Banden nachts durch Parks ziehen und Straßengräben filzen, um dort möglichst wohlhabende Menschen aufzuspüren, auszurauben und womöglich abzumurksen. Es mag ja sein, dass ich mir die Gedankenwelt von Räubern zu rational vorstelle, wenn ich denke, dass man dort raubt, wo der Quotient aus zu erwartender Beute und mit dem Beutezug verbundenem Risiko maximal ist, dass man sich also zweckmäßigerweise an ohne Begleitschutz fahrende oder unbewacht parkende Oberklassewagen hält. Aber so denke ich nun mal, und das hat zumindest den Vorteil, dass ich normalerweise ohne Sorgen und daher gut einschlafe.

Pjotr, so erfahre ich, ist sein Name. Pjotr jedenfalls hält es für zweckmäßig, wenn ich nicht vor, sondern im Vereinsheim nächtige. Er will wissen, wann ich morgen aufzubrechen gedenke. Ambitioniert verkünde ich, dass das wohl so zwischen sechs und sieben Uhr sein werde. Das ist für ihn zu spät; da muss er wahrscheinlich bereits arbeiten. Also händigt er mir kurzerhand den Schlüssel aus und erklärt, wo ich ihn am nächsten Morgen nach meinem Aufbruch verstecken soll. Obwohl ich allerhand gewöhnt bin und obwohl in dieser Baracke sicherlich keine Schätze verborgen sind, sackt mein Unterkiefer doch ein paar Millimeter ab. Dann zaubert er irgendwoher noch einen 5-Liter-Kanister mit Wasser. Aber nicht zum Trinken! Zwischendurch reden wir, so gut es geht, über alles Mögliche. Ich erfahre, dass er mit seinen Tauben schon in ganz Europa war, natürlich auch in Deutschland. Ja, ich habe davon gehört. Kein Wunder, dass bei diesen Hochleistungsversuchen immer wieder Vögel unterwegs die Orientierung verlieren, nicht mehr heim finden und dann unsere Städte bevölkern. Aber das spreche ich jetzt lieber nicht an.

Nachdem er wieder gegangen ist, sortiere ich mich erst mal. So kann’s also gehen. Davon muss ich doch gleich mal berichten. Ich schalte das Handy ein, aber Medion findet hier kein passendes Netz. Na ja. Gleich 15 Stunden nach der Abreise Bericht zu erstatten wäre vielleicht auch übertrieben; das könnte die Erwartung wecken, dass dieser Turnus so ähnlich fortgeschrieben würde. Also breite ich meine Sachen und mich erneut aus, und nun kommt keine Überraschung mehr.

8. Juli

Wann muss man eigentlich aufstehen, wenn man zwischen sechs und sieben Uhr aufbrechen will? Ein Anfänger wird vielleicht antworten: Tja, also, du musst deinen Schlafsack einrollen, deine Isomatte und den ganzen Kram, und wenn es nicht wie eine Flucht aussehen soll, wäre wohl auch ein Frühstück angebracht, ein paar Happen mit Substanz und etwas Leichtes, das den Blutzuckerspiegel hebt und nicht sofort den Verdauungstrakt beleidigt. Das alles zusammen hört sich an wie eine ruhige halbe Stunde. Wenn du nicht wie ein Streber aussehen willst, steh kurz nach sechs auf, und kurz vor sieben sitzt du im Sattel. So einfach ist das.

Taubenzüchtervereinsbaracke

Aber so einfach ist das eben nicht. Und ich sollte es wissen, denn ein Anfänger bin ich nun wirklich nicht mehr. Das geht schon mal damit los, dass der gestrige Abend sehr spät endete und dass Wecken vor Ablauf von acht Stunden nicht so gut ankommt. Und so stehe ich letztlich auf, als ich schon eine Stunde unterwegs sein wollte. Oh je, wenn das Pjotr wüsste… Das ist aber noch längst nicht alles. Ich habe mal irgendwo gelesen oder gehört, dass die Jungs bei der Tour de France dreimal frühstücken: zuerst bürgerlich, dann pfundweise Spaghetti und ein ganzes Stück später spezielle Energieriegel, legales Doping, kurz vorm Etappenstart. Vom ersten Happen bis zum ersten Antritt vergehen Stunden. Die würden das so nicht machen, wenn es nicht optimal wäre, wenn es nicht der Natur der Fahrer entspräche. Und da soll ich mir was zwischen die Kiemen stopfen und dann über die Querstange krabbeln?

Kurz: Der Aufbruch findet erst gegen zehn Uhr statt. Aber was soll’s? Dann wird halt neu kalkuliert: 180 km durch zwölf Stunden macht 15 km/h. Das müsste doch… Noch so ein Anfängerfehler!

Es ist ein Erfahrungswert, dass die Mahlzeiten am Morgen dicht gedrängt sind. Es vergeht kaum eine halbe Stunde ohne irgendwas zwischen den Zähnen. Dabei entsteht natürlich Abfall. Die Fernstraßen regen dazu an, den einfachen Weg zu wählen, wenngleich ihre Böschungen nicht wie in Mittelitalien aussehen. Aber man will sich von solch schlechten Vorbildern natürlich nicht so schnell vom Pfad der Tugend abbringen lassen. Rechts tut sich mal wieder eine Parknische auf, und da stehen sogar Papierkörbe. Also biege ich ab, und es muss wohl so etwas wie eine Vorfreude auf das Wohlgefühl korrekten Handelns sein, das mich vergessen lässt, was beim Verlassen des Asphalts geboten ist: den Untergrund beachten. Ich tue es nicht, und die Strafe folgt unerbittlich auf dem Fuß. Innerhalb von zwei Sekunden steht das Fahrrad im weichen Sand, und da ich für solche Situationen noch immer keine Reflexe ausgebildet habe, passiert, was passieren muss: Ich komme nicht aus den Pedalen und kippe einfach um. Scheiße!!! So ein Mist!

Wer mal aus dem Stand nach vorne auf die Arme gefallen ist (bitte nur auf einer dicken Matte ausprobieren!), der weiß, dass das eine ziemlich ambitionierte Liegestütze wird. Natürlich gibt’s da Tricks: Man krümmt einfach den Rücken schon vorher durch; dann hat man beim Aufschlag, also nach der Berührung des Bodens mit den Händen, für den Rumpf einen größeren Federweg. Das ist alles sehr schön, wenn das so geplant abläuft. Wenn man aber nur eine Hand für so etwas zur Verfügung hat und wenn es nach der Seite geht, und wenn außerdem noch ein beladenes Fahrrad »mitkommt«, dann sind solche Tipps alle nichts wert. Dann ist das einfach nur Mist, und es gehört Glück dazu, wenn dabei nichts kaputt geht – am Gepäck und auf der »persönlichen« linken Seite.

Mein Gepäck hat Glück, meine Hose und mein Knie eher nicht. Die alte Mikrofaserhose, von Tagen und Wochen in greller Sonne ausgeblichen und spröde geworden, hat jetzt einen ansehnlichen Dreiangel, und das Knie ist aufgeschlagen; etwas Blut sickert heraus. Der Ärger ist größer als der Schmerz. Ich preise mich weise, eine zweite Hose eingepackt zu haben, obwohl die Mikrofaser doch nach einer Wäsche und nur 30 Minuten in der Sonne bereits wieder tragbar ist – wozu braucht man da eine Reserve? Dafür!

Aber wenn ich mir überlege, dass ich noch keine 24 Stunden so richtig auf der Straße bin… Und schon geht der Trödel los. Das sollte nicht der Beginn einer Serie sein. Weil der Sand ziemlich dunkel ist, sieht der Schaden zusätzlich hässlich aus. Einige Zeit später komme ich in eine Kleinstadt. Eine Seitenstraße führt an der örtlichen Kirche vorbei. Davor stehen einige Bankreihen. Sollte der Andrang hier regelmäßig so groß sein, dass das Gotteshaus nicht reicht? Was machen die eigentlich bei Regen? Ich beschließe, hier erst mal Station für Hege und Pflege zu machen. Also lasse ich mich nieder und opfere etwas Trinkwasser, um die Umgebung der Wunde notdürftig zu reinigen. Von Sauberkeit kann hinterher natürlich dennoch keine Rede sein, aber vielleicht denkt nun nur noch die Hälfte der mir entgegen kommenden Kraftfahrer, ich sei gerade unter die Räuber gefallen. (Mensch, gerade erst war die Rede davon, und jetzt diese unheimliche »Bestätigung«!) Wenn’s gut geht, blutet das jetzt ohnehin noch etwas, so dass die Wunde selbst für eine gewisse Hygiene sorgt und vielleicht sogar eine ordentliche Schorfschicht bildet. Den nächsten Müll schmeiße ich garantiert in den Wald!

Einen Vorteil hat das große Loch in der Hose immerhin: An die Verletzung kommt deutlich mehr frische Luft als sonst irgendwohin – außer natürlich an mein Gesicht –, denn lange Hosenbeine, Hemdsärmel und Handschuhe bedecken fast den gesamten Körper: Sonnenschutz, und wer das für übertrieben hält, der hänge mal eine beliebige Textilie fünf Wochen lang ununterbrochen in die Mai- oder Junisonne. Danach »engagiert« ankleiden. Wenn’s dabei nicht knackt oder reißt, waren es Lederklamotten oder irgendwas ziemlich Dickes. – Jedenfalls kühlt der Fahrtwind die Wunde auf diese Weise sehr angenehm.

See vor Posen

Zwei Kilometer hinter Buk (Buchenstadt) überquert die Straße etwas, das sehr nach einer Autobahn aussieht. Also, mein original polnischer Atlas zeigt da nur Gelände. Aber den besitze ich immerhin auch schon seit sechs Jahren. In einer solchen Zeitspanne passiert ja so allerhand. Wenig später umfahre ich einen See über seine nördliche Seite, und der Straßenverlauf sieht irgendwie so aus, als hätte es den See dort noch nicht immer gegeben, als habe man sich sozusagen irgendwann überlegt: Das Wasser ist jetzt eigentlich zu tief, um weiterhin einfach hindurch zu fahren. Wir sollten ab sofort einen Umweg nehmen. Zumindest auf der westlichen Seite erfolgt das »Ausweichmanöver« jedenfalls ziemlich unvermittelt.

Poznań (Posen) kündigt sich durch zunehmenden Verkehr an. Gegen 13 Uhr erreiche ich die Stadt. Wenn man bedenkt, dass ich heute erst gegen 10 Uhr losgefahren bin, bedeutet das eine Verzögerung von nur drei Stunden gegenüber meiner Planung. Hm. Ist das jetzt eine Beschönigung? Durch Poznań werde ich jedenfalls nicht einfach hindurchhetzen, um etwa eine Verspätung aufzuholen oder aus welchen Gründen auch immer. Allerdings habe ich nur einen festen Programmpunkt, nämlich den Friedhof im Osten der Stadt. Ansonsten muss ich mitnehmen, was sich mir auf dem Weg dorthin so bietet.

Vielleicht ist es ein Fehler, nicht sofort nach einer Nebenstraße zu suchen, die ebenfalls radial verläuft, und auf diese auszuweichen. So bleibe ich auf der Hauptstraße – mit dem dafür kennzeichnenden, verhältnismäßig dichten Verkehr, mit der Frage, was wohl aus den Anrainern würde, wenn es keine Autos gäbe, also aus der endlosen Folge von Werkstätten, Autohäusern, Läden für Ersatzteile, sonstigen Otto- und Diesel-bezogenen Gewerbeaktivitäten … – die wären dann ja alle brotlos. Es bleibt die Feststellung, dass es nicht solche Straßen sind, die Touristen in ferne Städte locken. Da muss man einfach nur durch. Ich als Radfahrer muss zusätzlich durch ein sehr zweifelhaftes »Angebot« an Radwegen – zweifelhaft wegen ihrer Qualität, wegen ihrer »Rampen« an kreuzenden Querstraßen, genauer gesagt: Schlauch- und Felgenkillern in Gestalt zu gering oder überhaupt nicht abgesenkter Bürgersteige.

Alte Brauerei in Posen Alte Brauerei in Posen

Aber so oder so erreicht man, wenn die Richtung klar und man in Bewegung bleibt, irgendwann die City. Das merkt man daran, dass architektonische Abweichungen von der Fünfstöckigkeit mit oder ohne Balkon beginnen, vorzugsweise in Gestalt gläserner Bankentürme, aber auch historische Substanz wird erkennbar. Was mir als erstes imponiert, ist ein respektabler Ziegelbau. Man kann über die Polen ja einiges sagen, aber sobald sie das Geld dafür haben, sind sie mit Liebe bei der Restauration. (Günter Grass weist in seinen »Unkenrufen« denn auch seiner polnischen Hauptfigur, der Witwe Alexandra, den Beruf der Vergolderin zu.) Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob hier restauriert wurde. Auf jeden Fall ist das Bauwerk – nein, man muss wohl zutreffender von einem Ensemble sprechen, denn es ist ein ganzer Gebäudekomplex – eine Synthese aus moderner Stahl- und Glas- sowie vielleicht hundert Jahre alter Industriebautenziegelarchitektur.

Alte Brauerei in Posen Ensemble Alte Brauerei in Posen

Ich habe gestaltetes Sichtmauerwerk besonders bei meinen Recherchen nach einem Besuch der Ruinen in Beelitz-Heilstätten schätzen gelernt. Da versinkt in Deutschland so einiges unter Moos und Birken, was keineswegs nur zweckmäßig gebaut wurde. Als ich damals allerdings so dachte: »Hm, könnte man das nicht für ein paar Mark fuffzig…«, kam mir bald darauf derselbe Gedanke, der auch jetzt eine Attacke gegen künstlerische Kreativität reitet: Wie hält man das im Winter warm? Oder ist das Mauerwerk nur Blendwerk, ist es nur eine dünne Fassade vor gedämmten Betonwänden? Wohl kaum. Aber gefallen tut mir diese Synthese aus alt und neu – egal, ob das nur auf alt gemacht ist (denn da ist kein einziges bröckelndes Eckchen zu sehen) oder authentisch.

Alte Brauerei in Posen

Der Bau dient unterschiedlichen Zwecken: Bürokomplex, Edel-Shops, Restaurants, Szene-Kneipen… Was es sonst noch ist, müsste ich höchstwahrscheinlich ohne Fahrrad erkunden, denn eine gläserne Tür trennt mich von einem Gang, der bis zum stählernen Dach reicht und ebenerdig in ein offenes Lokal mündet. Die Wände des Gangs sind mit allerlei Steigleitungen ausgestattet, vom Dach hängen Fragmente kupferner Kessel und historisch anmutende Lampen herab, vergittert, wie für einen anderen Zweck geschaffen. Ein Uniformierter, der wahrscheinlich zum Sicherheitsdienst gehört, macht ein paar Schritte auf mich zu und sagt irgendwas, wahrscheinlich, weil ich mein Fahrrad an die Wand gelehnt habe, um ein Foto zu machen. Na ja, wie veritable Kundschaft sehe ich mit meiner zerrissenen Hose natürlich nicht aus. Und die Aufnahme ist im Kasten. Für eine eingehende Besichtigung fehlt mir ohnehin die Zeit.

Auf dem Hof steht sogar ein Schornstein. Also, entweder waren sie da mit dem Sandstrahler besonders gründlich – normalerweise wird ja zumindest der obere Rand verrußt –, oder das Ganze ist eben doch Fake. Doch das tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Draußen, auf einer Brüstung oberhalb der Bankenavenue, steht eine Ansammlung riesiger tönerner Krüge. Was man anhand all dieser Details bereits ahnen konnte, wird angesichts einer Platte in der Fassade über einer Unterführung klar: Stary Browar – hier wurde offenbar mal Bier gebraut.

Alte Brauerei in PosenAlte Brauerei in Posen
Alte Brauerei in PosenAlte Brauerei in Posen

Also gut, weiter. Vielleicht geht’s noch ein bisschen historischer. Doch zuerst überquere ich einen Fluss. Aha, »Warta« steht da. Das ist wohl der Fluss, der dem früheren Wartegau seinen Namen gab. Er sieht ziemlich kanalisiert aus, durchgehend eingefasst in Betonplatten, und obwohl das Wasser doch lebenspendendes Nass ist, ziehen sich die Auen zwischen den Eindeichungen weitgehend braun bis zum Horizont. Aber wie Normalpegel sieht das hier auch nicht aus; es müsste mal wieder etwas länger regnen als nur die paar Minuten am Tag. Mir dagegen kommt das Wetter sehr entgegen: Nicht zu warm, windig aus Südwest bis Nordwest, zwei Drittel Wolken am Himmel, also für den Anfang nicht so das ungebremste Sonnenbad, und wenn’s doch mal regnet, dann nur ein paar Minuten – was will der Radfahrer mehr?

Warte Posen, Regattastrecke

Im Osten der Stadt fällt mir zuerst eine Regattastrecke auf. Das war’s doch nicht etwa schon? Ich meine, so was steht doch nicht mitten in der Stadt; Sportstätten liegen doch eher an der Peripherie. Bin ich elegant drumherum navigiert worden? Worum? Einen Stadtplan habe ich nicht. Auf dem Navi ist Poznań ein Punkt mit Straßen in alle Himmelrichtungen, und zwar unabhängig davon, ob ich mir die Stadt im Maßstab eins zu Zehnmillionen oder eins zu Zehntausend anzeigen lasse. Der hilft mir also nicht weiter. Aber halt! Vielleicht gibt es ja im Atlas Stadtpläne oder wenigstens Durchfahrtspläne. Und in der Tat, für Poznań findet sich ein Eintrag, ungefähr so groß wie eine Postkarte. Und er macht seiner Kategorie alle Ehre: Details beziehen sich auf Anschluss- und Tankstellen sowie Straßennamen, nicht auf historische Bauten oder z.B. Fahrradreparaturwerkstätten. Wenn ich mehr sehen will – so viel wird jedenfalls klar –, muss ich noch mal zurück, genauer: in Richtung Westen. Also!

Posen, Dom

Es dauert gar nicht lange, da rückt rechts eine größere Kirche ins Blickfeld. Ich muss ein paar Schleifen fahren, sogar mein Fahrrad eine Treppe hinaufschleppen – oh, wie ich das liebe, und mein Rücken ruft »Hallo!« –, aber dann steht er da vor mir, der älteste Dom Polens. Links davon, vielleicht 150 oder 200 Meter weiter vorn, erhebt sich ein Gebäude, das aussieht, als sei von einer Kirche die Hälfte einschließlich Turm abgeschnitten und eingeebnet worden – wie ein Torso. Aber rechts des Doms: Karol Józef Wojtyła persönlich, in Stein verewigt! Da ich den schon kenne, gehe ich geradeaus, um das Innere des Sakralbaus etwas näher in Augenschein zu nehmen. Gerade als ich den ersten Schritt durch das Portal tue, öffnet sich eine Seitentür, und eine schier unüberschaubare Menge von Pfadfindern oder jedenfalls farblich uniformierten Kindern strömt ins Mittelschiff. Dabei hatte ich das Objektiv doch gerade auf das Schnitzwerk des Gestühls gerichtet… Und es werden immer mehr! Weiß der Kuckuck, woher die alle kommen. Laufen die im Kreis? Das hat hier keinen Sinn zu warten, denn jetzt hebt auch noch »spontan« Gesang an. Dabei kommen immer noch mehr. Na gut, ich wollte sowieso nur ein Foto vom Gesamteindruck machen, denn mein Fahrrad ist nicht gesichert, und ich mag es so nicht unbeaufsichtigt lassen.

Jetzt also der Friedhof. Erstaunlicherweise macht der Durchfahrtsplan dazu eine Angabe, vielleicht, weil das Areal so groß ist. »Cmentarz« – das liegt im Osten der Stadt, es ist grün eingefärbt, und es klingt so ähnlich wie das englische Cementary. Das ist auf jeden Fall einen Versuch wert.

Es dauert gar nicht so lange, bis rechts ein Abzweig kommt, die direkt neben der Fernstraße 5 verlaufenden Gleise unterquert und quasi in den Wald führt. Er ist klar beschildert – hier bin ich richtig. Rechts ist ein Blumenladen. Dann allerdings kommt eine Schranke, keine, an der man nicht vorbeifahren könnte, jedoch dazu ein Wärter (der das jedenfalls bemerken würde), und dieser unterhält sich mit einer Frau, die ebenfalls wie festes Personal auf mich wirkt. Was nun? Der Friedhof erscheint mir so groß, dass das eine ewige Lauferei wird, wenn ich jetzt das Fahrrad abstelle. Allerdings fällt mir so spontan auch kein einziger Friedhof in Deutschland ein, auf dem das Fahrradfahren erlaubt wäre. Warum sollte das hier also anders sein? Soll ich fragen? Wer viel fragt, erhält viel Antwort, denke ich mir und studiere erst mal den Friedhofsplan. Aha, leicht verständliches Polnisch, alles klar. Das Einzige, was sich mir wirklich sofort erschließt, ist die Lage der Friedhofsverwaltung (vor der stehe ich nämlich, aber das hätte ich mir auch ohne Plan denken können). Wir haben dann allerdings noch »Grobownictowo wojenne« – das muss etwas mit dem Krieg zu tun haben, sicherlich dem letzten – und »Kwatery lotników i kombatantów« – irgendein Viertel mit Kämpfern. Ein weiteres Wort deute ich als Urnenfelder, und wo sich das Krematorium befindet, wird ebenfalls klar. Na ja, ist doch ein Anfang. Jetzt muss ich mir »nur noch« die Lage all jener Felder einprägen, die mutmaßlich als Kriegsgräber gekennzeichnet waren, und die Suche kann beginnen.

Und – ich muss einfach so dreist sein, das Fahrrad an der Schranke wenigstens vorbei zu schieben. Was ich dann hinter der nächsten Kurve tue, außerhalb des Blickfeldes des Personals, das entscheide ich hinter der nächsten Kurve – sofern mich der Mann nicht aufhält. Er tut es nicht.

Hm, ging es jetzt links herum oder noch eine weiteres Gräberfeld geradeaus? Wie kommt es eigentlich, dass ich, scheinbar im literarischen Schlepptau von Günter Grass, ebenso auf Friedhöfe ströme, kaum dass ich in Polen bin, wie seine Hauptfiguren? Ganz einfach: Ich schaue nach, ob mein Großvater hier liegt – der allerdings zwar am 1. September 1939 ums Leben kam, also am ersten Kriegstag, jedoch nicht als Soldat. Das macht die Sache so schwierig, denn damit liegt er höchstwahrscheinlich nicht auf den Kriegsgräberfeldern, sondern eben irgendwo. Seine sterblichen Überreste wurden, wie ich in Erinnerung habe, nach dem Krieg im Zuge von Zusammenlegungen zweimal umgebettet, und nun, nach dem zweiten Mal, ist nicht mehr klar, wo er zu finden sein könnte. Er hatte als Zivilist ja noch nicht einmal eine Erkennungsmarke, und zu wem welche Knochen gehören, das ist dann irgendwann dem Zufall überlassen. In Poznań soll es sein. Vielleicht finde ich ja trotz der geringen Chancen einen Hinweis.

Ich muss noch mal zurück und mache ein Foto vom Übersichtsplan. Beim Rundgang kann ich mich dann daran orientieren – ein klarer Vorteil der Digitalkamera.

Posen, Friedhof

Die Felder sehen recht verschieden aus. Darin manifestiert sich nicht nur unterschiedlicher Wohlstand der Hinterbliebenen. Es muss noch andere Merkmale geben, vielleicht verschiedene Religionen. Russisch-orthodoxe und jüdische Gräber scheiden dabei jedoch aus; denn die würde ich erkennen.

Dort, wo die Wege asphaltiert und leer sind und nicht gerade bergauf führen, rolle ich auch mal ein Stück. Auf sandigen Pfaden oder bei Fußgängerverkehr verkneife ich mir das. Meine Erscheinung dürfte sicherlich ohnehin zumindest als seltsam empfunden werden. Auch ein Wanderer mit Hochgebirgsausrüstung auf dem Rücken und am Gürtel würde hier Blicke auf sich ziehen.

Und so komme ich an den polnischen, sowjetischen und schließlich den deutschen Gräbern vorbei. Man sieht, dass die deutsche Kriegsgräberfürsorge Geld in die Anlage gesteckt hat. Die Namen der Soldaten sind in mehrere Steine eingehauen; jeder Stein trägt eine lange Liste von Namen. Sie sind jeweils alphabetisch sortiert. Wesentlich erleichtert wird die Suche jedoch durch ein Buch, das man mittels einer Klappe einem regenwassergeschützten Fach entnehmen kann und in dem sich ein Gesamtverzeichnis befindet. »E«, »Er«, … – kein »Ernstmeier«. Na ja, war ja zu erwarten. Hier ist im Grunde definitiv der falsche Ort für die Suche.

Ich komme noch an einem jüdischen Gräberfeld vorbei, wobei mir nicht klar wird, aus welcher Zeit es stammt. Es fehlen jegliche typischen Zeichen jüdischer Friedhöfe: die hebräischen Inschriften bzw., bei älteren Gräbern, die typischen Namen, die Grabsteine, die Steinhäufchen darauf… Es fehlt im Grunde alles. Man muss einfach wissen, dass dies ein jüdisches Gräberfeld ist, denn hier liegen nur in konzentrischen Halbkreisen ein paar Feldsteine. – Ich habe inzwischen den gesamten Friedhof durchquert und höre bereits den Lärm der E30 nach Warschau. Also trete ich den Rückweg an und suche noch ein entlegenes Feld, das ebenfalls als »wojenne« gekennzeichnet war. Aber dort, wo es sein müsste, findet sich nichts Auffälliges. Vielleicht wäre es gerade dieses, also kein ausgeprägtes Feld, keine langen Listen, keine Arrays von Steinen…

So kehre ich unverrichteterdinge wieder an den Eingang des Friedhofs zurück. Nun aber. Es ist kurz nach drei, und eigentlich geht die für heute vorgesehene Etappe erst jetzt so richtig los. Gerade erst hat es geregnet, und da die Straße im Sonnenlicht nass glänzt, ist – nomen est omen – sonnenklar, dass dies nicht der letzte Schauer des Tages bleiben wird. Aber immer mal eine Husche und zwischendurch Sonnenschein sind mir allemal lieber als den ganzen Tag lang trübe Tasse und Nieselregen, selbst wenn der bei diesen Temperaturen nicht bis auf die Haut durchdringen sollte. Das hat wohl etwas mit Psychologie zu tun.

Es ist nur eine Frage der Zeit, und zwei Stunden später ist der Himmel im Nordosten wieder schwarz. Links erhebt sich ein Hügel, dessen südliche Flanke ich passiere. Als ich über die Kuppe komme, sehe ich auf der linken Straßenseite drei Windmühlen. Zwar ist ihr unteres Drittel ebenso verkleidet wie das eigentliche Gehäuse, das Mühlenhaus – es sieht also so aus, als sei die Ausrichtung der Mühle dadurch fixiert –, aber der Auslegerbaum, der bei Bockwindmühlen zum Drehen der Mühle je nach Windrichtung verwendet wird, existiert auch hier. Vielleicht hat man irgendwann mal festgestellt, dass Wind, wenn er denn überhaupt weht, sowieso nur aus westlichen Richtungen kommt, und dann fand man es möglicherweise sinnvoll, den Raum um den Hausbaum herum zu nutzen und aus diesem Grund wetterfest zu machen.

Windmühlen Windmühlen

Die Stimmung ist gespannt. Das Unwetter kommt anscheinend aus östlicher Richtung. Gleichwohl weht der Wind schon den ganzen Tag von Westen her. Aber die dunkle Wand schiebt sich von Osten heran. Sie wirkt wirklich bedrohlich. Wenn sich dort jetzt ein Rüssel aus den Wolken herabsenken würde, wäre ich zwar wie vom Donner gerührt (weil es mein erstes Mal wäre), aber irgendwie würde ich nicht aus allen Wolken fallen (erst mal jedenfalls). Ich bin sicherlich kein Tornado-Experte, und ich weiß auch nicht, ob es schon jemals Windhosen in Polen gegeben hat, aber wenn ich dann doch irgendwann aus den Wolken fallen sollte, ließe sich zumindest diese Frage mit Sicherheit beantworten. Die Windmühlen sind jedenfalls jeweils mit einem Blitzableiter ausgerüstet. Ein richtiges Spektakel werde ich hier und jetzt höchstens in der Weise erleben, dass ich bis auf die Haut durchgeweicht werde. Ich suche das Weite, um dieses Szenario zu vermeiden. Später passiere ich Streckenabschnitte, auf denen kleine, schäumende Bäche entlang der Rinnen fließen, die der Schwerverkehr in den Asphalt gegraben hat. Hier muss es so richtig gekübelt haben. Dieser Schauer ging also an mir vorüber.

Gniezno, Kirche

In Gniezno (Gnesen) fällt mir eine Kirche auf, die – zumindest rein äußerlich – eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Posener Dom hat. Weil der Regen sich gerade mal wieder verzogen hat, entsteht die letzte Aufnahme des Tages. Anschließend werde ich über abenteuerliche Routen durch die Stadt navigiert. Mehrmals frage ich mich, ob das hier wirklich der richtige Weg ist, aber die Beschilderung ist zumindest eindeutig. In Strzelno (Strelno) geht schließlich die Sonne unter; es war absehbar, dass das mit Toruń (Thorn) heute nichts mehr werden würde, aber dass es nicht mal bis Inowrocław (Inowrazlaw, Jungbreslau, Hohensalza) reicht, verdrießt mich schon. Aber ich habe keine Lust, auf der verhältnismäßig engen Fernstraße im Dunkeln einen Streit mit schweren Fahrzeugen zu beginnen; diesbezüglich stehe ich noch am Anfang eines langen Reife- und Abhärtungsprozesses – schließlich ist dies erst der zweite Reisetag.

Hinter dem Ort, als links und rechts in den Kleingärten und sonstigen Grundstücken alle Optionen quasi »on the fly«, also während der Fahrt, taxiert sind, kommt erst mal nichts und dann rechts eine Tankstelle. Links gegenüber, ein Stück entfernt von der anderen Straßenseite, befindet sich eine Baustelle. Baustellen sind immer interessant. Diese hier ist es besonders, denn zwar ist das zugehörige Grundstück eingezäunt, aber zugewuchert, und lückenlos ist der Zaun auch nicht. Ich lasse das Fahrrad erst mal an der Straße stehen, um mir die Sache zu Fuß anzusehen, denn wenn der »Weg« zu diesem potenziellen Dach über dem Kopf gar zu verkrautet oder gar mit Gräben durchzogen wäre, käme ich da mit dem Fahrrad gar nicht durch, und dann schiede diese Möglichkeit aus. Es ist auch wirklich nicht so leicht, einen passablen Pfad durch die teilweise mannshohe Vegetation zu finden, zumal die Dämmerung nun kräftig voranschreitet, aber letztlich gelingt es. Warum solche Bauten häufig nach dem Abschluss des Rohbaus und lange vor der Vollendung, aber doch nach Beerdigung beträchtlicher Geldbeträge liegen bleiben, weiß der Geier. Fehlende Baugenehmigung, Streit mit irgendwelchen Behörden, Pleite… Mir ist alles recht, denn wenn es in dieser Nacht regnet, dann wird mich das kalt lassen. Ich lehne mein Fahrrad an einen Stapel Ziegel, breite mein Zeug aus und schmiede ehrgeizige Pläne für den nächsten Tag. Ach ja, und mir gelingt tatsächlich ein Anruf in Grieben. Hier habe ich ein Netz. Na, das ist doch mal was.

9. Juli

Start der Route / gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen ist grau. Ich krabbele aus dem Schlafsack und steige in die Hosen. Ratsch! Wenn der Dreiangel gestern noch nicht bedeutend gewesen sein sollte, dann ist er es spätestens jetzt. Hier ist ganz klarer Handlungsbedarf, wenn sich der Schaden bei den nächsten Ankleidevorgängen nicht bis zur Irreparabilität ausbreiten soll. Vorerst lege ich die Hose zur Seite und greife zur Reserve.

Gleich nachdem die Morgenzeremonie abgeschlossen ist, gehe ich in medias res, denn die Hauptstraße liegt sozusagen vor der »Haustür«. Sie ist hier über ca. 20 km eine Kombination aus den Fernstraßen 15 und 25; über Einsamkeit kann man sich folglich nicht beklagen. Die schweren Fahrzeuge beherrschen die Szene. Da ist angesichts der passgenau dimensionierten Spuren eine schlanke Figur von Vorteil. Dabei stehe ich doch noch ganz am Anfang der Tour, und in den ersten Tagen nehme ich in aller Regel eher etwas zu statt ab (geklärt ist das bislang freilich nicht, aber da dieses Phänomen zwei Tage nach der letzten Etappe verschwindet, ich dann also wieder abnehme, auch wenn ich mich normal ernähre und bewege, gehe ich davon aus, dass der Körper vorübergehend Wasser einlagert, vielleicht, um die gestressten Hautpartien vor allem am Hintern etwas zu polstern).

Nach einiger Zeit sehe ich von vorn auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen anderen Radfahrer kommen. Er ist gut beladen, und er sieht nicht aus, wie einer in der ersten Reisewoche aussieht. Seine Ausrüstung ist nicht neu, das Fahrrad auch nicht, jedenfalls ist erkennbar, dass er schon gut herumgekommen ist. Kurz entschlossen wechsle ich die Straßenseite und komme vor ihm zum Stehen. Wir sind so wenige; wir müssen den Kontakt halten, Erfahrungen austauschen und erforderlichenfalls helfen. Allerdings sieht der Mann nicht so aus, als benötige er akut Hilfe.

Ich erfahre, dass er aus Tschechien ist. Dorthin ist er jetzt unterwegs. Er war in Skandinavien, am Nordkap, ist folglich schon Tausende Kilometer herumgekommen. Wie es scheint, war er zu einer ähnlichen Zeit »ganz oben« wie ich 1996. (Allerdings fuhr ich damals von Helsinki mit der Fähre nach Travemünde, übersprang also Osteuropa.) Sein Gesicht ist wettergegerbt. Ich erkundige mich nach technischen Problemen, aber außergewöhnliche Schwierigkeiten hat er unterwegs anscheinend nicht gehabt. Tja, dann mal noch gute Reise! Die Begegnung ist nach nicht mal fünf Minuten schon wieder vorbei.

Toruń (Thorn) rückt allmählich näher. Knapp 20 Kilometer vor der Stadt beginnt ein ausgedehntes Waldgebiet. Nach sechs, sieben Kilometern gelange ich an eine Raststätte. Unmittelbar vor ihr zweigt eine Straße nach rechts ab. Sie sieht aus wie ein verlängerter Parkplatz, als fände dort kein Durchgangsverkehr mehr statt. Mein Atlas deklariert sie als einen Bypass, entlang dessen ich einen oder zwei Kilometer sparen könnte, weil die Hauptstraße »anbindungstechnische« Schlenker macht. Warum nicht? Hier ist es schön ruhig. Ich biege ab.

Dieses Asphaltband hat, wenn niemand etwas unternimmt, noch eine Restlebensdauer von vielleicht zehn Jahren vor sich. Danach wird es nur noch eine Narbe im Wald sein, bestanden mit jungem Mischwald. Jedenfalls sind die Rubinien beiderseits des Teers schon erkennbar auf dem Vormarsch. Zu Beginn muss ich einigen Scherbenfeldern ausweichen. Geht hier eine Flasche zu Bruch, fegt die Bruchstücke natürlich kein Fahrzeug zur Seite, zermahlen werden sie gleich überhaupt nicht.

Das geht so ungefähr zwei Kilometer. Dann kommt die Bahnlinie, die der Atlas bereits ausgewiesen hat. Wie es aussieht, ist der Bahnübergang, von dem man auf der gegenüberliegenden Seite noch Reste erkennen kann, bereits »renaturiert« worden. Das bedeutet, dass ich absteigen und das Fahrrad über die Gleise hieven muss. Gut, es gibt bedeutendere Hindernisse als vier Schienen. Die Straße auf der anderen Seite ist logischerweise ähnlich belebt, allerdings ist hier eine kleine Siedlung, und ein paar alte Autos stehen herum. Wie ist das eigentlich – steigen die Immobilienpreise, wenn um eine Ortschaft herum eine Umgebungsstraße gebaut wird, weil es danach in der City so schön ruhig ist, oder sinken sie, weil danach gaststättengewerblich tote Hose ist, da die Kundschaft nur noch vorbei fährt? Hier sieht es nach Letzterem aus, aber das liegt wohl daran, dass nicht nur eine Umgebungsstraße gebaut wurde, sondern dass aus dem Ort eine Sackgasse wurde. Wollten die den Schrankenwärter einsparen, oder warum haben sie den Übergang demontiert?

Dass die Siedlung abgelegen ist, hat aber noch einen zweiten Grund. Als ich mich frohgemut der Stelle nähere, an der ich glaubte, mich elegant wieder in die Hauptstraße einfädeln zu können, sehe ich, dass diese eingezäunt ist und dass lediglich ein ätzend steiler Trampelpfad zum Highway hinauf (daher wohl der Name) führt. Aber was tut man nicht alles, um zwei Kilometer (also umgerechnet sechs, sieben Minuten) zu sparen… Dafür residiere ich jetzt auf einem Schwarz, dessen Viskosität und Oktanzahl sich auf drei Stellen nach dem Komma angeben lässt. Vierspurig, eigentlich muss man sagen: zweimal zweieinhalbspurig verläuft das Band in weiten Kurven durch die Landschaft, wie geschaffen für Überbreiten und für Tempoüberschreitungen. Allein, es hat sich wohl noch nicht so richtig herumgesprochen, wo die jüngsten Mittel aus dem europäischen Kohäsionsfonds beerdigt worden sind; jedenfalls ist hier wirklich nicht viel los. Garantiert kommen ein paar Euro fuffzig aus jenem Topf. Na ja, Infrastruktur ist ja wichtig für die Integration.

Eigentlich müsste nun bald mal eine Kreuzung oder so was kommen, der Abzweig nach Norden über die Weichsel nach Toruń. Eigentlich. Aber auf der linken Straßenseite erstreckt sich erst Ödland, dann ein mit Stacheldraht, schließlich mit doppeltem Stacheldraht und elektrisch gesichertes Gelände. Da muss ja ganz was Wichtiges und Geheimes sein. Derweil verrät mir der Garmin eine Drift weg vom Kurs nach Osten: Es geht mehr und mehr in Richtung Süden. Das gefällt mir nicht. Aber da die Straße neu ist, gelten die alten Pläne wohl nicht mehr. Es soll ja sogar vorkommen, dass neue Brücken gebaut werden. Vielleicht ist die neue Brücke (über die Weichsel) weiter östlich. Nur Geduld.

Allein, es ändert sich nichts, nur der Trend nach Süden wird immer stärker. In größeren Abständen überqueren Brücken die Straße, aber von einer Kreuzung ist weit und breit nichts zu sehen. Nach Warschau wollte ich eigentlich nicht, aber genau das wird passieren, wenn ich hier stoisch einfach immer weiter fahre. Also zurück! Oh Mann, diese zwei Kilometer, die ich da einsparen wollte, habe ich an der falschen Stelle gespart!

Nach der Umkehr heißt es, die rechte Böschung umso intensiver zu beobachten. Mein Ehrgeiz liegt schließlich nicht darin, die Magistrale nun auch noch in Richtung Westen komplett kennen zu lernen. Erst mal ist da nur Wald. Was als nächstes kommen wird, daran erinnere ich mich noch: dieses seltsame (und ziemlich langgestreckte) Hochsicherheitsobjekt. Also sind die Brücken (zu denen kein direkter Zugang von der Schnellstraße existiert) eine Inspektion wert. Da sie ebenso nagelneu sind wie die Straße selbst, sind sie mit einer Treppe ausgestattet. Oben wird mir klar, warum man sich eine Verbindung beider Verkehrswege gespart hat: Das hier ist tatsächlich nur ein Weg. Was ist da los? Wurden Brücken, die an sich niemand braucht, von der EU gefordert, weil sonst das Geld für die Straße nicht gekommen wäre? Oder handelt es sich bei dem Stacheldrahtverhau mit zweifellos militärischem Charakter um den Parkplatz einer Panzerdivision, und über diese Brücke rücken sie zum Kriegspielen aus? Für mich ist das jedenfalls nichts, denn ich müsste mein Fahrrad erst über die Leitplanke hieven, dann die Treppe hinauf, und wo dieser Weg endet, das wissen nur Einheimische und irgendwelche Uniformierten. Von beiden Gruppierungen ist jedoch niemand zu sehen, den man fragen könnte.

Ein paar Meter weiter stehen dicht hintereinander zwei Autos. Eines davon ist offenbar kaputt; die Motorhaube ist hochgeklappt, und die männlichen Insassen beider Fahrzeuge haben sich um die Frontpartie des Problemfalls versammelt und beratschlagen, wie nun zu verfahren sei. Willkommen in der Praxis osteuropäischer Pannenhilfe!

Irgendwann bin ich schließlich auch wieder an diesem Guantánamo-Gelände vorbei, und meine Bereitschaft wächst, nun quasi auch durchs Unterholz nach Norden vorzudringen, um wenigstens endlich mal die Weichsel zu sehen – dort besteht dann ja auch die berechtigte Hoffnung, irgendwo eine Brücke ausfindig zu machen. Nach einiger Zeit wird dieser Entschluss auf die Probe gestellt: Rechts ist eine Straßenbucht, die in etwas mündet, was man mit gutem Willen als ältere Betonstraße bezeichnen kann. Hier kann man getrost nächtliche Open-Air-Partys feiern. Weder Anwohner noch durchfahrende Kraftfahrzeuge dürften stören, höchstens – wieder einmal – Glasscherben. Ich lasse mich nicht irritieren, denn immerhin ist die Richtung goldrichtig: Es geht nach Nordosten.

Jedenfalls für einen kleinen Moment. Bald muss ich an einer T-Kreuzung rechts abbiegen, dann darauf wieder nach links und so weiter. Dank Navigator verliere ich nicht die Orientierung; der Atlas ist mir in diesem Niemandsland jedenfalls keine Hilfe. Was ist das hier!?

Dann aber: Da stehen richtige Häuser, und auch die Straßen sind wieder ordentlich befestigt. Von der Weichsel ist jedoch noch immer nichts zu sehen. Dabei kann ich sie förmlich riechen. Die muss hier gleich hinter den Büschen sein! Aber durch die Büsche führt kein Weg. Also fahre ich brav weiter, nun wieder in Richtung Warschau, jedoch erneut voller Zuversicht, nun aber wirklich bald… Der nächste Trend nach Norden ist tatsächlich breiter und lebhafter befahren. Ich muss mich jetzt allerdings erst mal mit der Schwärze über mir auseinander setzen. Haben wir eigentlich April oder Juli? Da fehlt jetzt ja wirklich nur noch der Schnee. Unter einer Eisenbahnbrücke suche ich Zuflucht. Zur Lektüre von Grass durchpflügen Busse die stehenden Gewässer zwei Meter von mir entfernt, die ihre Existenz wohl einer verstopften Kanalisation verdanken. Gerade habe ich die Stelle gefunden, an der ich zuletzt aufgehört hatte, da bricht sich bereits wieder der erste Sonnenstrahl in Tausenden aufstiebender Tropfen. Ja, was denn nun? So komme ich doch nie weiter! Mit dem Buch, meine ich…

Thorn an der Weichsel Weichsel bei Thorn

Und einen Kilometer später, nach zwei erneuten Richtungswechseln, ist er endlich da – der große Fluss Polens. Und nein, das ganze Hin und Her ist keineswegs einer neuen Brücke über die Weichsel geschuldet, die ich mir im Vorfeld als Entschuldigung für dieses Wirrwarr ausgemalt hatte – denn ab und zu gilt es ja, die bestehende Infrastruktur an sich verändernde Verkehrsströme anzupassen. Diese Querung hier ist vielleicht noch nicht historisch, aber durchaus schon betagt.

Brücke über die Weichsel nach Thorn

Glücklicherweise gibt es einen Fußweg abseits der zweispurigen Fahrbahn. So kann ich auch mal anhalten und ein paar Fotos machen. In beide Richtungen biegt der Fluss rechts ab: nach Osten in Richtung Südosten, also auf Warschau zu, und nach Westen in Richtung Nordwesten, auf Gdańsk (Danzig) zu. Folgt der Blick dagegen dem Verlauf der Brücke, so breitet sich Toruń aus, klar dominiert vom Dom mit seinem klobig wirkenden Turm, der mich ein wenig an die Gdańsker Marienkirche erinnert.

Wie sich das heutzutage gehört, kann man an der Stadt glatt vorbeifahren, also jedenfalls am historischen Kern, wenn man nicht hinein will. Ich will aber und biege daher hinter der Brücke rechts ab. Eine Einbahnstraße? Ach was, wer wird sich denn mit solchen Kleinigkeiten aufhalten. Über Toruń weiß ich nicht viel. Nikolaus Kopernikus soll hier geboren worden sein, und Leute, die sonst keine wichtigeren Probleme haben, streiten darüber, so habe ich gehört, ob Kopernikus ein Pole oder ein Deutscher sei. Meine Güte!

Die Polen ehren ihn jedenfalls mit einem Denkmal. Freilich hat man sich dafür einen Hintergrund ausgesucht (das Rathaus), der die Szene sehr dominiert. Irgendwo in der Mitte eines Platzes wäre die Standfigur vielleicht besser zur Geltung gekommen. Aber die werden sich schon etwas dabei gedacht haben.

neben der Marienkirche Rathaus mit Kopernikusdenkmal

Die Straße geht in eine Fußgängerzone über. Hier ist defensive Fortbewegung angesagt. Ich bleibe erst mal stehen. Ein Pärchen nähert sich mir. Sie sprechen gleich englisch und wollen wissen, woher ich komme. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass meine etwas quadratisch geratene deutsche Fahne auf der Vorderseite der Lenkertasche nicht jedem auffällt oder/und nicht jedem etwas sagt. Und so riesig ist sie ja auch nicht. Aber Hand aufs Herz: Wer kriegt die Nationalfahnen sämtlicher Anrainerstaaten Deutschlands zusammen? Wie wär’s mit Luxemburg? In welcher Reihenfolge stehen die Farben der französischen Trikolore? Okay, Polen ist verhältnismäßig leicht, aber ich muss offenbar Verständnis dafür entwickeln, dass Menschen mit Schwarz-rot-gold nichts anfangen können. Also beantworte ich die Frage, worauf sie wissen wollen, wohin die Reise geht, und erklären, sie planten ebenfalls eine Reise mit dem Fahrrad – freilich nicht ganz so weit, nur ein paar Tage, einen oder zwei davon vielleicht sogar durch Deutschland (wahrscheinlich wollen sie erst mal gucken, wie die da so drauf sind). Schön. Was soll man da anderes tun, als eine gute Reise zu wünschen? Wir gehen jeder unserer Wege.

Thorn, Dom

Mir wird die Straße zu sehr »zu Fuß«. Ich biege rechts ab, um die Viertel abseits des Geschäftstreibens zu erkunden. Dort findet sich z.B. die Kirche St. Johann (der Dom). Ein Aushang verkündet – auch auf deutsch – so allerlei Wissenswertes über das Bauwerk, u.a., dass die »Posaune Gottes«, mit fast acht Tonnen (okay, bei 7,2 ist das etwas großzügig gerundet) damals die schwerste Glocke von gewaltigen Ausmaßen, um 1500 eingebaut worden sei. So so. Ich habe mal eine Fernsehsendung gesehen, in der jemand behauptete, der Geometrie nach dürften Glocken eigentlich überhaupt nicht klingen. Was die Wissenschaft nicht alles herausfindet. Angeblich können Hummeln ja auch nicht fliegen.

Ein langsam fahrender Radler begegnet mir – ein Riese von einem Mann. Der arme Drahtesel. Während mir dieses eindrucksvolle Bild noch im Kopf herumgeistert, gelange ich auf einen großen Platz. Es wird Zeit, dass ich mir wieder ein schützendes Dach suche, denn die nächste Husche deutet sich oben an. Aber zunächst will ich Vitamine nachtanken und nähere mich einem der Stände, an dem Obst in allen Varianten angeboten wird; mich interessieren die Kirschen. Die Händlerin mag so Anfang 30 sein, und sie ist »gut beieinander«. Mir fehlen leider, wie erwähnt, die elementarsten Polnisch-Kenntnisse. Aber mit Leuten, die etwas Vorzeigbares verkaufen wollen, wird man sich auch gestenreich einig. Mir gelingt es sogar, etwas Wasser zum Abspülen der Kirschen zu bekommen. Das hätte ich mir aber sparen können, denn kaum habe ich den Mund zum ersten Mal voll, stürzt der Himmel ein. Da ich meine Dachrecherchen zugunsten des Kirschenkaufs verschoben hatte, flüchte ich mich nun unter das Zeltdach der Obstaufbauten. Es gießt derart, dass die Händlerin einige Male kommt, um die sich auf dem durchhängenden Dach bildenden Seen auszuschütten, damit ihre Camping-Konstruktion nicht zusammenbricht. Damit hätte ich die Kirschen eigentlich auch waschen können. Ich übernehme diese Aufgabe, da ich sowieso unter solch einem See stationiert bin. Ich kann mich ja nicht überall hinstellen, denn sie hat alles voller Kisten und Tische mit ihren Auslagen stehen.

Da der Guss im Gegensatz zu meinen Kirschen nicht aufhört, und weil im Moment weder die Kunden kommen noch ich weiterfahren will, also die Frau keine Umsätze macht und ich ebensowenig beschäftigt bin, denke ich mir, dass dies eigentlich ein guter Zeitpunkt wäre, sich sozusagen völkerverständlich entgegen zu kommen, genauer gesagt, elementarste Sprachkenntnisse zu erwerben. Also lerne ich bzw. frische auf: »proszę« für »bitte«, »dziękuję« für »danke«, »Dzień dobry« für »Guten Tag«. Nun muss ich das bloß noch bis morgen Abend behalten, am besten bis zur Rückreise, denn es ist ja geplant bzw. zumindest erwogen, von der Ukraine aus zunächst mal nach Polen zu fahren und dann allmählich durch die Slowakei und Tschechien nach Westen zu »driften«, um schließlich wieder Erlangen zu erreichen.

Storchennest

Irgendwann hört jedoch auch der längste Wolkenbruch auf, und dann zögere ich nicht lange, sondern mache mich auf den weiteren Weg. Es ist ein ziemliches Herumgezirkele, bis die Richtung ungefähr so ist, wie ich sie mir vorstelle. Aber die Extrarunde ist verhältnismäßig klein, so dass ich nicht allzu viel Zeit damit verliere. Bis sich die Weichsel im rechten Winkel fast nach Süden abwendet, verläuft die Fernstraße 15 am nördlichen Hochufer. Wenig später schwenkt die Chaussee nach Nordosten, und jetzt bin ich mir sicher, auf dem richtigen Weg zu sein.

Die Landschaft wird etwas hügeliger, was zumindest den Vorteil hat, dass ich gelegentlich etwas habe, das vage an eine Aussicht erinnert. Freilich ist es eine Aussicht auf »Gegend«, unspektakulär, unfotogen, der flüssigen Weiterfahrt förderlich. In Kowalewo Pomorskie (Schönsee) verlasse ich die Hauptstraße, weil ich mich nun in Richtung Elbląg (Elbing) durchschlagen will, westlich an Ostróda (Osterode) vorbei. Es wird ein wenig spannend, denn mein polnischer Atlas bedient sich der zweifelhaften weißen Streifen, um die Beschaffenheit des weiteren Weges zu charakterisieren.

Aber darauf ist – zum Glück – kein Verlass: Eine passable Asphaltdecke lässt mich gut voran kommen. Allerdings muss ich jetzt öfter die Karte konsultieren, um nicht die angestrebte Richtung zu verfehlen. Wer zwischen größeren Ortschaften oder gar Städten hindurch navigiert, gerät leicht in das von wohlmeinenden Wegweisern aufgespannte Gravitationsfeld dieser Verkehrsknotenpunkte. Da ich dort jedoch nicht hin will, muss ich solchen »Verlockungen« widerstehen.

In Wąbrzeźno (Briesen) stoppe ich mal wieder für einen Einkauf. Es ist wirklich bemerkenswert, wie schnell solche Erwerbungen – bei dem geringen Budget, das mir das Restgeld lässt – das Verstauen zum kreativen Akt werden lassen. Schließlich will ich unterwegs nichts verlieren. Als ich gerade halbwegs alles verpackt und jene Dinge ausgewählt habe, die ich jetzt mangels weiterer Kapazität einfach aufessen werde, nähert sich mir ein Mercedesfahrer, der mich offensichtlich für völlig orientierungslos hält. Jedenfalls hebt er in seiner Hilfswut zu einem ausgedehnten Referat an. Worüber, das bleibt mir allerdings ein Geheimnis; es soll aber allem Anschein nach richtungsweisend sein. Verständnisinnig nicke ich, wenn er Luft holt. Das genügt ihm, wie es aussieht. Irgendwann gibt er entweder auf oder ist zufrieden; so ganz sicher bin ich mir da nicht.

Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist nicht der rechte Ort für eine Mahlzeit. Also gehe ich ein paar Schritte über die Straße. Dort stehen ein paar Bäume, zwei, drei Bänke darunter, nebenan ein Gebäude, das wie ein früheres Kulturhaus aussieht. Vielleicht erfüllt es diese Funktion auf die eine oder andere Weise ja noch immer. Denn kaum habe ich mich niedergelassen und meine Siebensachen ausgebreitet, da biegt ein Autokorso von der Straße ab auf den Weg, der vor dem Portal des fraglichen Gebäudes vorbeiführt. Ein weiß lackierter und mit Blumen geschmückter Wagen lässt keinen Zweifel daran, was hier jetzt stattfinden wird: Eine Hochzeitsgesellschaft ergießt sich aus dem zahlreichen Blech und strömt zur Feier. Manche Paare machen ja aus dem Tag ihrer Eheschließung einen Akt, dass daran gemessen das weitere Leben gar nichts anderes als ein Abstieg werden kann. Aber das geht hier noch. Die haben keinen Rollce Royce geordert, auch keine Stretchlimousine, aber immerhin gehobene Mittelklasse.

Die Pause zieht sich hin. Zwei Mädchen, so um die 20 Jahre jung, gehen in drei, vier Metern Entfernung an mir vorüber und haben dabei offenkundig wichtige und zugleich lustige Dinge zu bereden. Mein Dinner registrieren sie gleichwohl, denn eine von beiden dreht sich um und winkt mir kokett zu. Ich winke zurück. Nun kichern sie noch viel mehr. Wieder eine vertane Chance!

Als sich für die Verschiebung des Aufbruchs dann überhaupt kein brauchbarer Grund mehr finden lässt, fahre ich weiter. Die Sonne steht schon unverkennbar schräg am Himmel, wenngleich es bis zu ihrem Untergang noch bestimmt reichliche zwei Stunden dauert. Ich bewege mich bezüglich des Sonnenstands in drei verschiedenen Dynamiken: Weil Mittsommer vorbei ist, beginnt der Tag tendenziell eher und endet früher, mit anderen Worten: Auf der Nordhalbkugel nehmen die Tage von Tag zu Tag ab, sobald man sich erst einmal auf einen bestimmten Punkt festgelegt hat (aber genau das tue ich ja nicht). Die zunehmenden Breitengrade aufgrund einer Fahrtrichtung mit nördlicher Komponente bewirken jedoch genau eine umgekehrte Tendenz; am Nordkap z.B. wird die Sonne erst in drei Wochen untergehen. Die Tatsache schließlich, dass ich momentan in erster Linie nach Osten fahre, führt zu zeitigeren Sonnenaufgängen und früheren Untergängen; es geht sozusagen in Richtung »Morgenland«. Welche Dynamik letztlich siegt – es gibt dabei ja zwangsläufig »Koalitionen« –, verrät mir das Navigationsgerät. Ich kann bei wolkenlosen Sonnenuntergängen aber natürlich auch auf die Uhr schauen. Und es ist ganz klar: Da Mittsommer erst zwei, drei Wochen her ist, geht die Sonne zwar morgens früher auf, behält jedoch abends ihre Frankfurter Termine (die Tage werden also entlang meiner Route etwas länger). So sicher ist das natürlich nach drei Tagen noch nicht zu beobachten, aber, wie gesagt, ich habe ja eine elektronische Hilfe, die es mir genau mitteilt.

Kurz vorm Ortsausgang verläuft ein Zebrastreifen über die Straße. Nun muss man wissen, dass solch eine Fahrbahnmarkierung (und die zugehörigen Schilder am Straßenrand) zwar eigentlich dazu gedacht sind, Fußgängern unbedingten Vorrang vor jeglichen Fahrzeugen auf der Straße zu geben, aber mit dieser Unbedingtheit ist das so eine Sache. Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr gilt, zumindest nach meinem Eindruck: Sei aufmerksam und rücksichtslos, und wer stärker ist (wir erinnern uns an den Physikunterricht: Impuls ist gleich Masse mal Geschwindigkeit), hat im Zweifel die höheren Prioritäten. Das wissen beide Parteien; zumindest die Fußgänger sollten es wissen, wenn sie einigermaßen bei Trost sind. Es gibt jedoch keine Formel, auf deren rechter Seite der Längengrad eingetragen wird und die mit etwas Kopfarithmetik eines der folgenden Ergebnisse liefert: »Riskier’s ruhig!« bzw. »Warte lieber!« – Jedenfalls steht da eine Frau neben dem blauen Schild.

Nun trage ich eine deutsche Fahne an der Lenkertasche; da will ich natürlich nicht, dass im Ausland irgendwann jemand meinetwegen meint: »Die Deutschen von heute benehmen sich bei uns im Straßenverkehr wie ihre Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg.« Der Vergleich wäre zwar nicht sachlich, aber wer neigt nicht zumindest ein wenig zur Übertreibung, wenn er seine legitimen Rechte verletzt sieht und das Erlebte plastisch aus dem unanfechtbaren täglichen Einerlei herausarbeitet, um Gehör für seine Klage zu finden? Also bremse ich, und da sie noch immer nicht los geht, halte ich an. Was ist los? Misstraut sie mir etwa? – Kommt doch da ein dicker Mercedes mit Hamburger Kennzeichen an mir vorbeigebrettert! Muss ich dem noch etwas hinzufügen?

Eine Weile später komme ich nach Radzyń Chełmiński (Rehden). An sich ist der Ort nicht weiter spektakulär, aber ich komme an einer ausgedehnten Ruine vorbei: dicke, hohe Mauern, alles aus gebrannten Ziegeln errichtet. War das mal eine Kirche? Jein. Was aussieht wie eine Kreuzung aus Kirche und Burg, war auch genau das: eine Burg des Deutschen Ordens. Ich fahre einmal um das Geviert herum, damit ich nicht am Ende an irgendeiner Besonderheit ganz dicht vorbeigefahren bin. Das wird mir auf dieser Reise – so unvorbereitet, wie ich bin – ohnehin noch oft genug passieren.

Burgruine Rehden Burgruine Rehden

Entlang der Straße 538 gelange ich nach Łasin (Lessen). So weit geht’s ja noch mit dem Fahrweg. Doch dann wird die Lage zusehends verworren. Zwar finde ich noch die korrekte Ausfahrt, aber es beginnen die berüchtigten »weißen Straßen«, bei denen man nie weiß, ob es wirklich befestigte Wege sind. Zunächst geht noch alles ganz gut. Aber so, wie in Deutschland auf dem »flachen Land« die Leute zur »Tagesschauzeit« größtenteils von den Straßen verschwinden, passiert es auch in Polen: tote Hose in zunehmendem Maße. In Szynwałd (Groß Schönwalde) ist alles zu spät. In die richtige Richtung, nach Norden, führt eine Pflasterstraße, deren Übergang in einen regennassen Fahrweg schon absehbar ist. Das Dorf hat nicht mal Schilder. Der Atlas sagt mir, wie es heißt, aber nicht, wo ich mich befinde. Beim Garmin ist es genau umgekehrt; der ignoriert noch deutlich größere Ortschaften als dieses gottverlassene Nest. Und so weiß ich wirklich nicht, wo ich bin.

zerfahrene Gleise

Was soll’s? Es ist ja nicht weit bis zum nächsten Dorf. Dafür ist die Dichte der Ortschaften hier trotz aller Abgeschiedenheit zu hoch. Nur die Sonne geht jetzt unter. Das Suchen darf also nicht ewig dauern, sonst muss ich auf nassen Feldern nächtigen. Keine schöne Vorstellung. Mutig fahre ich weiter. Die wenigen Gestalten, die sich noch in der Öffentlichkeit zeigen, wirken auch nicht gerade einladend. Und so geht es den Weg entlang, zu einer Kreuzung, an der ich aufs Geradewohl eine Fortsetzung wähle, vorbei an Seen, Waldstücken, Feldern, mal in der rechten Radfurche, mal in der linken, mal durch den Schlamm und mal über den Sand. Bitte, jetzt keine Panne. Das wäre extrem unpassend. Es gibt keine Panne. Gut so.

Schließlich greift der Gummi wieder auf Asphalt. Nur wo? Es ist kurz vor Czarne Dolne (Niederzehren), aber das weiß ich nicht; außerdem heißen hier so einige Örtlichkeiten Czarne. Zu sehen ist nur ein ausgedehntes Stallgelände, immerhin beleuchtet – da müssen also irgendwo Menschen sein. Ich fahre erst mal in die falsche Richtung, bemerke das jedoch bald. Zum Glück verrät mir der Garmin die Richtung; die Sonne tut es nämlich schon längst nicht mehr. Jetzt (eigentlich schon seit mindestens einer halben Stunde) wäre genau der richtige Zeitpunkt, sich nach einem Nachtlager umzuschauen.

Sonnenuntergang

Da soll irgendwo ein Campingplatz sein. Aber was soll ich mit einem Zeltplatz? Dort finde ich doch am allerwenigsten ein festes, genauer: ein wetterfestes Dach über dem Kopf – denn selbst habe ich ja kein Zelt dabei. Also weiter: einmal nach rechts, dann wieder nach links. Hier heißt jetzt auf einmal alles Rozajny (Rosainen) – wer soll sich da noch auskennen? Im letzten Dunkelgrau der Abenddämmerung erkenne ich rechts ein offenes Tor, das nicht so aussieht, als würde es gelegentlich noch jemand schließen, dahinter einen Hof, der nicht den Eindruck macht, als würde ihn noch jemand bewirtschaften, darauf einen Unterstand für landwirtschaftliche Maschinen, von dem aus den vorgenannten Gründen anzunehmen ist, dass heute Nacht dort niemand mehr etwas abstellt. Und rechts daneben ein Haus! Hoffentlich hat mich niemand gesehen. Ich schiebe das Fahrrad unter das Dach, hoffe darauf, dass sich kein zu heftiger Wind erhebt – denn hier ist alles offen –, breite mein Lager aus und beschließe den Tag.

10. Juli

Start der Route / gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Die Nacht wird gegen Morgen etwas unruhig. Warum, weiß ich auch nicht, aber ich werde einige Male kurz wach, als noch Finsternis herrscht, und dann noch mal in der Morgendämmerung. Aber erstens ist es ziemlich kühl, und zweitens ist es wirklich nicht erforderlich, es mit dem täglichen Pensum zu übertreiben. Ich denke, es müsste wirklich etwas schiefgehen, wenn ich heute nicht Russland erreichte.

Vielleicht wäre es aber besser gewesen aufzustehen, bevor die Sonne jedes Detail beleuchtet, denn dies gilt, als es soweit ist, auch für das Dach über meinem Liegeplatz und für die Pfeiler, die es entgegen allem genaueren Anschein noch tragen: Löcher allerorten (ob mich diese Decke wirklich gegen Regen geschützt hätte, wenn es darauf angekommen wäre?), und die verrosteten Bewehrungsstahlbänder kann man hier und da mit der Hand umschließen, so sehr haben sie sich bereits vom bröckeligen Beton emanzipiert. Möglicherweise ist dies der Grund dafür, warum hier kein Gerät steht und mich niemand gestört hat. Ich studiere dennoch ausgiebig vom Schlafsack aus den großen Ziegelbau, dessen Silhouette mich gestern Abend vermuten ließ, dass das jetzt erkennbare botanische Chaos nebenan mal ein Hof gewesen sein könnte. Warum sollte das Dach über mir auch gerade jetzt einstürzen? Schließlich ist fast Windstille.

Das Dach des Hauses vis-à-vis ist mit Eternitplatten gedeckt. Eternitplatten sind ein Phänomen wie Tempotaschentücher – ein Markenname ist zum Gattungsnamen geworden. Und so werden ebenso, wie längst nicht mehr jedes Zellstofftaschentuch die Marke Tempo trägt, Faserzementplatten schon seit langer Zeit nicht mehr nur von den österreichischen Eternit-Werken hergestellt. Aber noch etwas ist bemerkenswert: Eigentlich ist der Name ja Programm, und er ist aus dem lateinischen Wort für Ewigkeit abgeleitet. Abgesehen davon jedoch, dass man bei der Montage sowohl der flachen als auch der gewellten Platten unheimlich aufpassen muss, dass keine Ecken abbrechen, sieht die Ewigkeit dieses Baustoffs so aus wie das ewige Leben derjenigen Amerikaner, die sich für viel Geld einfrieren lassen, weil sie meinen, eine künftige Welt harre ihrer geistigen Fähigkeiten mit Ungeduld und sei begierig darauf, diesen Untoten ihren medizinischen Fortschritt angedeihen zu lassen. Diese Dächer sind vom ersten Tag an untot, sehen also hässlich und alt aus. Und das bleiben sie dann ziemlich lange. Möglicherweise wird das Dach bis zum Schluss bestehen, wenn schon fast alles andere eingestürzt ist, beschleunigt durch üppigen Pflanzenwuchs aus allen Ritzen und Fugen, welcher wiederum nicht zuletzt dadurch befördert wird, dass zumindest der First Hochsitz zahlreicher Vögel ist, die ja hier und da mal was Düngendes fallen lassen.

So, nun bin ich so weit, trete aus dem Schatten meines suspekt gewordenen Unterstands heraus und studiere die Karte. Ich weiß so gut oder schlecht wie gestern Nacht, wo ich bin, denn der Atlas gibt nur preis, was mit 1:400.000 aufgelöst werden kann, und der Garmin… – nun ja, er zeigt alle vier, fünf Kilometer einen Ortsnamen, aber die hängen so frei in der Gegend herum, wegelos, um genau zu sein. Ich werde wohl außer dem Ariadnefaden des gestern Abend gefahrenen Streckenabschnitts (die Route der letzten ca. 400 km wird mir ja stets anzeigt) noch den gesunden Menschenverstand, die Sonne und ein bisschen Orientierungsvermögen hinzunehmen müssen. Und all diese Dinge sagen mir: Du musst zurück, ein kleines Stückchen jedenfalls.

Mir wird aber noch etwas gesagt, allerdings von ganz anderer Stelle. Und dieser Ruf lautet: Du klebst! Wasch dich mal wieder! – Im Grunde kommt solch ein Gefühl nicht erst nach drei Tagen auf. Es genügt, wenn der Schweiß eines intensiven Tages nicht flächendeckend mit Seife von der Haut und Waschmittel aus der Unterwäsche getilgt wird. Zwar habe ich bisher noch an jedem Abend den Waschlappen zur Hand genommen, auch Seife und meine Trinkflasche, aber letztere mag die größten Beschränkungen veranschaulichen, die diesem Akt der Körperhygiene auferlegt werden: Es soll ja Menschen geben, die unter der Dusche täglich in Summe eine Stunde lang entspannen, dabei viel warmes Wasser in die Kanalisation fließen lassen und nebenher vielleicht auch einigermaßen sauber werden. Meine Entspannung muss ich mir jedoch woanders her holen… – na ja, eigentlich habe ich hier doch keinen nennenswerten Stress; also lassen wir diesen Aspekt mal beiseite. Und für meine Sauberkeit müssen ein halber Liter Wasser und frische Unterwäsche reichen (von letzterer habe ich jedoch nur ein halbes Dutzend dabei, so dass das Wechselprinzip irgendwann in das Rotationsprinzip übergeht, und spätestens am Ende jeder Runde wäre so etwas wie ein Waschgang sehr sinnvoll). Ich möchte wetten, dass das sogar geht, aber die Gerätschaften, die da vor meinem geistigen Auge erscheinen, habe ich alle nicht dabei, noch nicht mal einen sauberen Lattenrost, geschweige denn einen Duschvorhang oder so was in der Art. Will ich das komplette Programm, so bewegt es sich im öffentlichen Raum fast zwangsläufig irgendwo zwischen Exhibitionismus und Nudismus. Da sind Kompromisse also unvermeidlich.

Jezioro Kucki / Khuziger See Jezioro Kucki / Khuziger See

Nach ungefähr einem Kilometer endet der »Rückwärtsgang« bezüglich der gestrigen Route; ich biege nach links ab, in Richtung Osten. Ich bin relativ zuversichtlich, jetzt genau zu wissen, wo ich bin. Nach weiteren zwei Kilometern wird rechts ein See sichtbar. Auf der Karte hat der Jezioro Kucki (Khuziger See) die Form eines Bumerangs. Das wäre jetzt was! Dabei bin ich doch gerade erst losgefahren. Ein paar Kilometer später kommt das Gewässer wieder in den Blick, diesmal sogar mit einem kleinen Strand und einer Zufahrt über einen grasbewachsenen Hang. Daran führt nun wirklich kein Weg mehr vorbei. Ich biege ab und rolle hinunter. Es ist kein Mensch zu sehen. Lediglich auf der Straße, die sich wie eine Theatersitzreihe im Viertelrund um die Bucht krümmt, rollt alle paar Minuten ein Fahrzeug vorüber. Die sollen sich dann gefälligst nicht so haben. Ich greife mir die Seife und taste den Grund vorsichtig nach scharfen Muscheln, Röhrichtstümpfen und sonstigen Verletzungsquellen ab. Das Wasser ist wärmer als die Luft, also nicht lange gezögert!

An zwei Körperteilen wird mangelnde Hygiene am schnellsten unangenehm: am Hintern, weil der schließlich – je nach Rahmenform und Sattelstellung, Haltung und Engagement – ca. die Hälfte des Körpergewichts zu tragen hat (der Rest geht auf die Pedale und den Lenker), und auf der Kopfhaut, zumindest, wenn man, wie ich, einen Helm trägt. Ich hoffe, die beiden werden es mir danken. Aber auch sonst ist die morgendliche Waschung – wenn denn die abendliche (zu spartanisch) ausfiel oder/und die Nacht zu warm war – sinnvoll, weil der Körper, bildlich ausgedrückt, noch nicht so richtig Betriebstemperatur erreicht hat, was dazu führt, dass die Klamotten vorzugsweise an der Schulter und am Oberschenkel kleben. Das bessert sich erst, wenn der Schweißfluss wieder in Gang gekommen ist. Baden zu gehen hat nur dann Sinn, wenn es a) Spaß macht oder b) aus hygienischen Gründen unter keinen Umständen mehr verschoben werden kann. Einen tieferen Sinn bekommt die Spaßvariante, wenn die Fahrt entweder noch nicht (nennenswert) begonnen hat oder weitgehend abgeschlossen ist, denn steigt man bei großer Hitze der Abkühlung wegen ins kühle Nass, so ist der Effekt auf den Augenblick beschränkt und bereits fünf Minuten nach Wiederaufnahme der Fahrt dahin. Als ich aus den »Fluten« steige, stehe ich vor der Wahl, in den unzugänglichen Tiefen meiner Packtaschen nach einem Handtuch zu suchen oder den Waschlappen zu zweckentfremden. Ich entscheide mich für letzteres, und obwohl das etwas länger dauert und nicht so perfekt ist, klappt es doch so gut, dass ich beschließe, Handtücher künftig von der Standardliste meiner Reiseaccessoires zu streichen. Freilich sollte die Umgebungstemperatur bei solchen Trocknungsmethoden nicht unter zehn Grad liegen, aber wie warm es ist, merke ich ja jeweils bereits vor dem Waschen.

Mit neuem Elan geht es weiter. Schon nach wenigen Kilometern beschleicht mich das Gefühl, nicht in der richtigen Richtung unterwegs zu sein. Eigentlich müsste es nach Nordosten gehen, aber stattdessen bewege ich mich im rechten Winkel dazu, teils sogar nach Süden. Es sieht so aus, als hätte ich einen Abzweig nach links verpasst oder falsch interpretiert. Das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich: Die Gegend hier ist derart dünn besiedelt und macht zudem einen ziemlich undynamischen, um nicht zu sagen verschlafenen Eindruck – da kann ich eigentlich mit allem rechnen, nur nicht ausgerechnet mit einer exzellenten Infrastruktur, Beschilderung inbegriffen.

In der welligen Landschaft vor mir ist ein Windpark errichtet worden. Das Gute daran ist, dass die Räder sich alle rechts herum drehen. Das bedeutet nämlich Rückenwind für mich. Nicht gut ist, wenn die Masten nach links »wandern«, denn dann ist meine Richtung falsch. Ich muss vielmehr selbst links an ihnen vorbei. In meiner Orientierungsnot greife ich nach Strohhalmen: Da das gestern so gut geklappt hat mit dem Fahren auf Wegen, die in meinem Atlas nur unter »Gegend« geführt werden, also nicht eingezeichnet sind, wage ich mich nun auf die unterste Kategorie, die so genannten Fahrwege. Da gibt es einen, der mich weiter führen könnte. Das tut er zwar auch, aber er verlangt mir Beharrlichkeit ab: Es geht zwischen Ställen hindurch, an Silos vorbei – bin ich hier jetzt auf einem Bauernhof, der bloß nicht eingezäunt ist, oder ist das noch »öffentlicher Raum«? –, quer über eine wilde Mülldeponie, durch winzige Nester mit dem immer gleichen Ortsnamen »Wir wirtschaften hier ohne Geld«, und befestigt sind die Pfade ohnehin nicht, aber ich schaue jetzt mal nicht auf das Tagesziel, sondern allein nach den Windrädern (es soll ja Leute geben, die sich daran reiben, dass die so weit zu sehen sind) oder anderen Orientierungspunkten. Und tatsächlich gelange ich nach einigem Zickzack auf eine Straße, die laut Karte mit erfreulicher Geradlinigkeit in Richtung Susz (Rosenberg) verläuft.

Landstraße 515 Richtung Oberland- bzw. Elblagkanal

Dort erreiche ich die Straße 515, und außer der Tatsache, dass sie danach durch ein ausgedehntes Waldgebiet verläuft, ist daran weiter nichts erwähnenswert. In Stary Dzierzgoń zweigt die Straße 519 rechts ab, und ich folge ihr. Es geht leicht den Hügel hinauf, und in einiger Entfernung sehe ich einen Radfahrer vor mir. Er ist anscheinend etwas langsamer als ich, und so was spornt mich immer an. Allein auf mich gestellt fahre ich so meinen Trott, und wenn da nicht gerade ein Anstieg ist, der Kämpferqualitäten verlangt, damit das Fahrrad nicht ganz und gar stehen bleibt, pflege ich mein Engagement mit dem eines Brauereigauls zu vergleichen: kaum tot zu kriegen, aber für Rennen gänzlich ungeeignet. Mit dieser Einstellung bricht man natürlich keine Rekorde, und eigentlich wäre so etwas wie ein Rekord heute nicht schlecht, denn heute ist der erste Gültigkeitstag meines Visums für Russland, und das war zu teuer, um auch nur einen Tag davon zu verschenken. Der Radler da vorn gibt mir das gerade benötigte Allez!

Es ist allerdings kein Er, sondern eine Sie, und sie fährt auf einer unglaublichen Gurke. Die Kette hängt in einem Maße durch, das ich nicht für möglich halten würde, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe. Nach meiner bisherigen Erfahrung müsste man die Pedale eines solchen Gefährts sehr sanft berühren, damit die Kette nicht springt. Wie kann man mit einer solchen Mühle bloß fahren?! Das tut doch weh! Da muss man sich doch mal ein paar Minuten Zeit nehmen und was tun! Leider ist die Frau aufgrund der beschriebenen Umstände nicht nur etwas, sondern deutlich langsamer. Also überhole ich sie, und kaum bin ich den Hügel auf der anderen Seite wieder hinuntergerollt, verfalle ich in Ermangelung eines Schrittmachers in den alten Trott.

Oberland- bzw. Elblagkanal

Richtig interessant wird die Route erst wieder eine ganze Zeit später: am Kanał Elbląski (Oberländischer Kanal). Schon vor sechs Jahren, als ich von Ostroda (Osterode) kommend über Elbląg (Elbing) nach Gdańsk (Danzig) fuhr, wusste ich von diesem Kanal und dass dort Schiffe auf Schienen über Land gefahren wurden. Eigentlich hatte ich mir dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollen, aber da mich zum damaligen Zeitpunkt seit mindestens einer Woche eine Darminfektion plagte, war mein Unternehmungsgeist so ziemlich auf dem Nullpunkt angekommen. Ich wollte eigentlich nur noch nach Hause, und als ich feststellen musste, dass ich den Kanal irgendwo überquert hatte, ohne etwas davon bemerkt zu haben, war ich nicht bereit, noch einmal umzukehren oder mich auf der Suche danach sozusagen »in die Büsche zu schlagen«. Meine letzte Exkursion – im Sinne einer Abweichung von der direkten Route – war danach nur noch die Frische Nehrung, und von Gdańsk aus benutzte ich mit einer kurzen Unterbrechung vor Frankfurt nur noch die Eisenbahn.

Diesmal habe ich Micropur dabei, damit mir so ein Malheur nicht noch einmal passiert. Kurz hinter dem kleinen Dorf Jelonki überqueren gleich zwei Brücken ein unscheinbares Gewässer: den Kanał Elbląski. Die eine ist sehr schmal und war möglicherweise früher mal die Brücke über den Kanal, während sie jetzt nur noch Fußgängern und Radfahrern dient. Auf der anderen habe ich Halt gemacht, und hätte ich die Rampe mit den darauf verlegten Schienensträngen in der Ferne jetzt nicht freiwillig zur Kenntnis genommen, dann würde mich wohl spätestens ein unmittelbar hinter dem Brückenpaar parkender Reisebus stutzig machen.

Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal

Ja, nun, was soll man zu diesem Kanal sagen? Er ist absolut sehenswert. Mehrere Kanalabschnitte werden durch jeweils zwei Gleise mit beachtlicher Spurweite miteinander verbunden. Die Gleise reichen auf dem jeweils unteren wie auch auf dem oberen Kanalstück bis ins Wasser, weshalb es natürlich auch im oberen Abschnitt erst mal ein Stückchen aufwärts geht, wenn das Schiff das Wasser verlässt, weil sonst ja auch das Wasser ablaufen würde. Die Schiffe werden auf Wagen transportiert, die Eisenbahnwaggons nicht unähnlich sehen. Über den Achsen ist ein Trog montiert worden, in den ein Schiff hineinfahren und aus dem es wieder herausfahren kann, solange der Trog so tief im Wasser steht, dass dem Schiff fürs Manövrieren die redensartliche Handbreit Wasser unterm Kiel bleibt – wobei von Kiel da eigentlich kaum die Rede sein kann, denn die Schiffe haben wegen einer großflächigen Auflage auf den Trögen unten einen verhältnismäßig flachen Rumpf.

Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal

Gezogen werden die Wagen von einem Endlosstahlseil, das über große Umlenkrollen auf der unteren wie auf der oberen Seite angetrieben bzw. umgelenkt wird. Auf der oberen Seite verschwinden die beiden Seilstücke in einem Gehäuse, innerhalb dessen der eigentliche Antrieb sitzt. Da der Kanal in Wirklichkeit ein langsam in Richtung Frisches Haff fließendes Gewässer ist, vermute ich, dass der Abfluss jeder Kanalstufe für diesen Antrieb verwendet wird. Die Geschwindigkeit dieses eigentümlichen Transports über Land mag so zwischen zwei und drei Kilometern in der Stunde liegen. Man kann also gemütlich nebenher gehen, fahren natürlich erst recht.

Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal

Und das mache ich dann auch. Im Bewusstsein einer großzügig bemessenen Speicherkarte knipse ich, was das Zeug hält. Insgesamt verfolge ich zwei Schiffe – ein kleineres auf dem Weg nach oben, ein ziemlich großes nach unten, allerdings nicht gleichzeitig, obwohl auf jeder Rampe stets zwei Wagen unterwegs sind, aber dass ebenfalls gleichzeitig oben und unten jeweils ein Schiff ankommt, ist wohl nicht so häufig. Und das spielt auch überhaupt keine Rolle, denn wer hier Eile hat, ist fehl am Platze, hat irgendwas nicht richtig kapiert. Heute ist zudem noch wunderschönes Wetter, und im Grunde ist der Kanal auch ohne Rampen und Schiffe landschaftlich sehr schön gelegen und sehenswert – also, das ist schon ein Highlight der Tour und der Etappe sowieso.

Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal

Drei, vier Kilometer aufwärts der Stelle, an der ich auf den Kanal getroffen bin, verlasse ich ihn wieder. Insbesondere der Abschnitt zwei »Etagen« höher erinnert mich an einige Abschnitte des König-Ludwig-Kanal – nur dass der ganz »normale« Schleusen hat (die zudem nicht mehr in Gebrauch und teilweise auch bis auf ein Rohr zugeschüttet sind) anstelle von Schienen. Aber dafür liegt er praktisch vor der Haustür. Es geht jetzt in Richtung Pasłęk (Preußisch Holland). Dort kreuze ich meine Route von 2002. Mir wird wieder bewusst, was meine damalige Fahrt durch die Masuren außerdem getrübt hat: die Benutzung einer Europastraße. Das war damals schon nicht lustig, und auch jetzt mutet allein die Überquerung an wie … – na ja, eben viel lauter als die anderen Straßen, auf denen ich heute bisher unterwegs war. Ich werde noch mal eine Fahrt nur durch die Masuren machen müssen oder doch zumindest eine, die für diese Landschaft mehr als nur zwei, drei Tage vorsieht oder gar – wie dieses Mal – mehr oder weniger daran vorbeiführt.

Bei der Ausfahrt aus Pasłęk beschleicht mich ein leichtes Ende-der-Welt-Gefühl. Das ist eine nette Gegend hier, nicht dicht besiedelt, nicht durch Golfplätze zerstückelt (jedenfalls nicht für mich erkennbar); das könnte irgendwo sein. Aber es liegt keine 50 km von der russischen Grenze entfernt, und zwar nicht von irgendeiner Stelle des riesigen russischen Reiches, sondern von einem der bis in die 90er Jahre hinein abgeschottetsten Gebiete der Welt, von Nordkorea natürlich mal abgesehen. Hier standen sich zwar keine Menschen gegenüber, die Atomraketen aufeinander richteten, sondern zwei »Bruderländer«, aber erstens mochten sie einander nicht, und so ist das bis heute geblieben, und zweitens ist eine Mauer eine Mauer – oder, alternativ, ein Paar von Stacheldrahtzäunen, zwischen denen zusätzlich ein Elektrozaun verläuft, flankiert von riesigen Scheinwerfern. Aber das ist natürlich alles Psychologie. Ich bin sicher, es gibt in Mecklenburg Straßen mit ähnlichem Charakter, und da sind die Russen weit weg.

Ich benutze die Straße 505 bis Młynary (Mühlhausen). Sie biegt dort links ab; ich wage mich dagegen wieder einmal auf die »weißen Streifen«. Damit gibt es kein Problem. In Wielkie Wierzno überquere ich die Fernstraße 22, die frühere Reichsstraße 1 nach Königsberg. Eine Brücke führt über ein nagelneues Asphaltband. Man sollte meinen, dass hier richtig was abgeht, Transitverkehr und Blechgewühl… Nichts. Ein einziges einsames Auto kommt nach einer Minute vorbei. Sollte die Straße noch gesperrt sein, der Bauabschnitt noch nicht wieder freigegeben? Oder sind das die wahren Dimensionen?

Ein paar Kilometer weiter stoße ich wieder auf die 505. Noch ein paar Kilometer, und ich rolle hinunter nach Frombork (Frauenburg). Die Stadt bedeutet einen Umweg. Würde ich unbedingt so schnell wie möglich nach Kaliningrad (Калининград, Königsberg) oder zumindest nach Russland fahren wollen, dann hätte ich in Wielkie Wierzno irgendwie zusehen müssen, wie ich auf die Fernstraße 22 komme; zwei, drei Kilometer später hätte ich auf die 54 nach Braniewo (Braunsberg) abbiegen müssen, und wahrscheinlich wäre ich jetzt schon dort. Von da aus jedoch kann man Russland fast schon sehen. Ein bisschen länger wird sich das wegen dieser Eskapade nun noch hinziehen. Warum das also?

Das ist schwer zu sagen. Irgendwie hatte der Name Frombork etwas, das mich neugierig gemacht hat. Die Lage der Stadt am Frischen Haff ist auch ein verhältnismäßig irrationales Motiv, denn erstens habe ich dieses Haff vor sechs Jahren auch schon mal gesehen, zweitens ist es so breit, dass man von der dahinter liegenden Nehrung nicht viel sieht (und auch die kenne ich aus unmittelbarem Augenschein), und das Wasser wird ebenfalls unspektakulär: Die Ostsee verspricht ohnehin keinen aufregenden Wellengang und ein Haff gleich zweimal nicht. Vielleicht ist es die Vermutung gewesen, dass ich von der Kaliningrad Oblast aus nur noch schwerlich einen Blick auf das Haff würde werfen können. Aber nun bin ich einmal da.

Frombork

Frombork liegt am Hang. Weder kann man die Uferlinie flach nennen noch eine Steilküste. Dort, wo sich das Hinterland bis auf einen Meter über dem Meeresspiegel abgeschwungen hat, verläuft so etwas wie eine Hafenstraße. Hier und da kann man von dort aus sogar das Wasser sehen. An anderen Stellen reichen flache Landzungen oder Molen ins Haff hinaus. Rechts und links der Bürgersteige finden sich Geschäfte, Kneipen und Gaststätten, teils auch zurückgesetzt, wohl, um näher am Wasser zu sein. Über der Hafenstraße thront eine Kirche.

Ich fahre auf die Mole hinaus. Hier gibt es anscheinend einen geregelten Fährverkehr – entweder für Rundfahrten im Haff oder für Überquerungen, etwa nach Krynica Morska (Kahlberg) auf der Nehrung. Aber im Augenblick sind weder eine Fähre noch nennenswerte Zahlen wartender Passagiere zu sehen. Ich stelle mein Fahrrad ab – fahren soll man hier eigentlich sowieso nicht – und mache erst mal eine Verpflegungspause. Noch immer führe ich Vorräte aus Deutschland bei mir; man soll es mit der Vorratshaltung eigentlich nicht übertreiben.

Wie ich da so sitze, steuert ein älteres Paar auf mich zu. Die beiden Leute kommen aus Deutschland. Sie finden es bemerkenswert, dass ich aus Deutschland bis hierher mit dem Fahrrad gefahren bin. Mir fällt ein, wie ich 1991 mit einem damaligen Kollegen nach und durch Italien fuhr. Wir hatten kurz vor Venedig ein technisches Problem, und was mich heute völlig aus der Bahn werfen würde, ließ uns damals spontan in eine Werkstatt gehen. Zwar konnten wir kein Italienisch und der Mechaniker kein Deutsch oder Englisch, aber ich hatte mein Hinterrad damals bereits so weit zerlegt, dass wir das Problem – ein zerbröseltes Kugellager samt Konus – anschaulich machen konnten. Ich weiß noch, wie der Mann in eine Schachtel griff, einen gänzlich anderen Konus einbaute und sich nicht mal dadurch irritieren ließ, dass ich mir die Haare raufte, als auch die Kugeln nicht den passenden Radius hatten. (Seine improvisierte Lösung hat jedoch bravurös bis zum Ende der Tour durchgehalten.) Jedenfalls fragte er uns damals, wohin denn die Reise gehen solle – so viel konnten wir immerhin verstehen. Wir schauten uns an und einigten uns dann auf Rom. Neapel oder gar Messina schien uns als Ankündigung doch etwas hochgegriffen, obwohl wir diesbezüglich klare Ambitionen hatten. Aber der Mann brach auch so in ein warnendes Lamento aus: Alles Verbrecher da unten, Diebe und Mörder. Macht das bloß nicht, Jungs! So oder so ähnlich lautete damals seine Botschaft.

Soll ich den Herrschaften also verkünden, dass Polen eigentlich nur der Prolog gewesen ist und dass St. Petersburg (hier verwende ich ausnahmsweise für eine Nichthauptstadt den deutschen Namen anstelle des nationalen bzw. seiner Transkription Санкт-Петербург = Sankt-Peterburg) noch das Mindeste sei, was ich vor habe? Vielleicht erschiene ihnen Klaipėda (Memel) schon ambitioniert genug.

Die Zahl der Leute am Kai nimmt allmählich zu. Offenbar fährt heute doch noch mal eine Fähre. Mir fällt eine Frau auf, die so Mitte 30 sein mag und scheinbar ziellos umher schlendert. Sie geht zwar allein, ist aber anscheinend in Begleitung gekommen, jedenfalls erblicke ich unter den Menschen einen Mann, neben dem sie gelegentlich stehen bleibt. Aber wie es aussieht, haben sich die beiden nicht viel zu sagen. Unsere Blicke begegnen einander einige Male. Sie trägt ein langärmeliges Shirt, das ihre schlanke Figur betont […]. Als dann schließlich die Fähre kommt, geht sie mit ihrem Begleiter an Bord. Ein paar Minuten, nachdem das Schiff abgelegt und sein Wendemanöver abgeschlossen hat, bin auch ich wieder reisefertig. Und wie ich da so stehe und mich anschicke aufzusteigen, winkt sie auf einmal herüber. Ich winke zurück. Tja, unter einigen anderen Umständen… Da fährt sie hin.

Fähre im Frischen Haff Grüße von unbekannt

Der Weg nach Braniewo ist rasch zurückgelegt. So recht habe ich keinen Blick mehr für die Stadt. Ich versuche, Besonderheiten zu erkennen, die typisch für Orte »an der Wand« sind. Aber noch weiß ich ja gar nicht, wie diese »Wand« beschaffen ist. Immerhin gibt es nicht allzu viele Grenzübergänge von der Kaliningrad Oblast nach Polen bzw. Litauen. Natürlich sind das alles Kosten, schon klar, aber es sind auch Flaschenhälse, und da diese Region mit dem Mutterland keine direkte Verbindung hat – eigentlich noch nie hatte, aber bis zum Zerfall der Sowjetunion war Litauen ja sozusagen »eigenes« Territorium und höchstwahrscheinlich unkompliziert zu durchqueren, was sich spätestens mit dem EU-Beitritt der baltischen Republiken im Jahre 2004 geändert hat, von der NATO-Mitgliedschaft gar nicht zu reden –, schmort sie entweder im eigenen Saft vor sich hin, oder sie versucht, vom Austausch mit den unmittelbaren Nachbarn zu profitieren. Wenn es einen solchen Austausch in nennenswertem Umfang gibt, dann müsste man davon auf den Straßen etwas sehen. Nur – wie erkennt man den »gemeinen Russen«, wenn er nicht gerade in seinem Auto mit dem Nationalitätenkennzeichen RUS sitzt? Aber noch nicht mal davon sind hier besonders viele zu sehen. Es hat den Anschein, dass die »Wand« tatsächlich eine Wand ist.

Biergarten in Braniewo Braniewo, Kirche

Am Ortsausgang fällt mir eine Vielzahl von Gleisen auf. In Richtung Süden breitet sich ein umfangreicher Rangierbahnhof aus. Ist das hier bereits die russische Breitspur (denn es ist die Russland zugewandte Seite des Geländes)? Irgendwo muss die Umspurung ja stattfinden, und wozu sollte hier »in dieser Ecke« sonst so ein so großer Rangierbahnhof existieren? Allerdings ist er praktisch leer; die Zeiten, in denen er Bedeutung hatte, sind allem Anschein nach vorbei.

Polnisch-russische Grenze

Keine viertel Stunde später erreiche ich die Grenzanlagen. Auch hier scheint nichts los zu sein. Jedenfalls sehe ich auf der polnischen Seite kein Fahrzeug warten. Ein einziger Mann mit Tarnhose und T-Shirt geht mitten auf der Straße auf die Grenze zu. Er zieht einen Trolley hinter sich her – in Kombination mit dem militärischen Beinkleid wirkt das Bild schon etwas schräg. Ich passiere die ersten offenen Schranken, dann die polnische Passkontrolle. Man fragt mich, ob ich ein Visum für Russland hätte. Ja, habe ich, nur klebt das weiter hinten im Pass. Weiter geht’s. Es kommt das berüchtigte Niemandsland. Dort stehen Autos, jedoch auch nur in Richtung Polen, praktisch alle mit russischen Kennzeichen. Eine Bewegung ist nicht erkennbar. Was machen die da? Nehmen die Polen jedes russische Fahrzeug auseinander? 300 oder 400 Meter später kommt dann der russische Kontrollposten. Während man durch den polnischen längs hindurch sehen konnte, er also in der Flucht der Straße lag, haben oder hatten die Russen anscheinend Sorge vor Leuten mit schnell fahrenden, schweren Fahrzeugen, die die Grenze durchbrechen könnten. Darum haben sie die Straße in gerader Linie unpassierbar gemacht; wer über die Grenze will, muss um das Hindernis herum fahren und dafür zwangsläufig das Tempo drosseln. Jedenfalls deute ich die Anlage so.

Hier wird es nun etwas komplizierter. Das habe ich erwartet. Wenn ich daran denke, wie ich 2002 am polnisch-litauischen Grenzübergang anderthalb Stunden sinnlos herumgestanden habe, ohne dass sich irgendwo irgendetwas bewegt hätte, dann herrscht hier regelrecht Geschäftigkeit. Mir werden zwei Formulare gereicht. Beide sehen gleich aus. Ist das eine zum Üben? Zum Glück sind die Felder sowohl auf Russisch als auch auf Englisch beschriftet. Bei der Nummer des Visums greife ich allerdings erst mal daneben. Dort sind zwei Nummern aufgedruckt, und die, die ich nach reiflicher Überlegung wähle, ist die falsche. Das macht aber nichts. Die geht auch. Da der erste Wurf nicht ernstlich beanstandet wurde, frage ich den Grenzbeamten mit einem Verweis auf das zweite, noch leere Formular: Тоже (auch)? Er nickt. Diesmal geht das Ausfüllen schneller. Was für ein Durchbruch in der Völkerverständigung!

Eines der Formulare behalten die Grenzer, das andere wird in meinen Pass gelegt; wahrscheinlich erhält es bei der Ausreise wieder eine Bedeutung. Weiter wollen die Leute nichts. Überhaupt machen sie den Eindruck, als gehe sie das alles hier nicht so richtig was an. Was ist bloß aus dem grimmigen russischen Bären geworden? Alles Larifari? Großer Ausverkauf? War das echt schon alles? Nein, die Russen haben noch ein besonderes Ass im Ärmel. Es gilt noch ein ganz unerwartetes Hindernis zu überwinden. An der Stelle, an der die Straße wieder in den ursprünglichen Verlauf mündet, gibt es Schranke, und die ist sogar besetzt. Da steht ein liebreizendes Wesen, das den Eindruck macht, als hätte es sich nur meinetwegen da hingestellt, und es lächelt mir zu, dass ich denke, ich bin im falschen Film. Ob ich wohl weiter komme? Weil ich an jeder Schranke, insbesondere im grenznahen Bereich, erst mal deutlich das Tempo drossele – besonders schnell war ich sowieso noch nicht wieder, und es könnte ja sein, dass jemand etwas von mir will, und wenn ich das dann nur deshalb nicht verstehe, weil ich so hastig vorbeifahre, könnte das u.U. unangenehm werden –, balanciere ich das Fahrrad und mich dazu an dieser jungen Frau vorbei, die ihr blondes Haar in einem Zopf nach hinten geflochten hat und beim besten Willen nicht aussieht, wie man sich eine Zöllnerin vorstellt. Erst zehn Meter weiter habe ich meine Gedanken wieder so weit beieinander, dass ich überschlägig die Wahrscheinlichkeit dafür ermitteln kann, hier noch einmal vorbei zu kommen und dabei dieser Versuchung zu begegnen. Das Ergebnis dieser Abschätzung ist niederschmetternd.

Es ist kurz nach acht. Halt, nein, hier gilt ja die osteuropäische Zeit, also kurz nach neun. Gleichwohl werde ich meine Uhr nicht umstellen, auch nicht die im Garmin, im Fotoapparat und in den Tachos. Das wäre ja noch schöner! Diese kleine Addition werde ich wohl noch schaffen. Und wenn sie mir einmal nicht mehr gelingt, dann werde ich das als Wink interpretieren, unverzüglich die Heimreise anzutreten.

In Mamonowo (Мамоново, Heiligenbeil) darf ich zum ersten Mal die Ergebnisse russischer Plattenbautechnik bewundern. Sage mir keiner, dass man das auch in Halle-Neustadt könne! Erstens wird »die Platte« im Osten Deutschlands infolge »Rückbaus« zum Zwecke der »Bereinigung« des Immobilienmarktes so allmählich zur architektonischen Rarität, und zweitens hat der real existierende DDR-Sozialismus nicht annähernd so gewagte Infragestellungen tradierter Glaubenssätze der Statik zuwege gebracht wie die hiesigen Baumeister. Hier kann man Bewohner erleben, für die Mut keine leere Formel ist. Und weil Mut für den Sieg eine der grundlegenden Voraussetzungen ist, weiß ich jetzt auch endlich, warum es früher hieß: Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Druschba! Na sdarowje!

Aber damit nicht genug. In der letzten Kurve des Ortes erblicke ich rechts einen Heldengedenkstein, aber nicht etwa für die ruhmreichen Kämpfer der Roten Armee, sondern für diejenigen Helmträger deutscher Nation, die im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Vaterland ihr Leben ließen. Alle Wetter! Und das Ding steht immer noch da. Wussten die Russen all die Jahre nicht, was sie da stehen hatten? Oder hat den Stein nach 1991 irgendeiner in seinem Vorgarten ausgebuddelt und gemeint, der mache sich für die vorbeifahrenden deutschen Touristen doch ganz nett?

Zu klären ist das im Augenblick leider nicht. Also fahre ich weiter. Im nächsten Dorf kann ich dann die Dörflichkeit des russischen Ostpreußens studieren. Ich will da wirklich nicht oberflächlich sein. Denn wenn ich es wäre, dann würde ich schreiben, dass die Behausungen zum großen Teil ziemlich jämmerlich aussehen. Aber ich habe früher mal gehört, dass Russen auf ihre Wohnungen nicht viel Wert legten, in vielen Wohnblöcken stünden die Wohnungstüren auch ziemlich oft offen. Ich weiß nicht, was an solchen alten Geschichten dran ist, aber ich will sie mal so deuten, dass die Menschen hier glücklicher sind, als der Durchschnittsdeutsche angesichts des Dorfbildes zu glauben geneigt ist.

Auf der Landstraße erblicke ich eine erste Polizeikontrolle. Die Beamten wollen nichts von mir. Wie es aussieht, machen sie Geschwindigkeitskontrollen, jedenfalls hantieren sie mit einem Gerät, das wie eine Laser- oder Radarpistole aussieht. Sie scheinen damit sehr wirksam Geschwindigkeitsüberschreitungen einzudämmen, denn wenige Minuten später kommen zwei schwarze Touaregs mit mindestens 150 Sachen an mir vorbeigebrettert. Na, wenn da mal nicht jemand einen Du-kannst-hier-machen-was-du-willst-Schein hat.

In Laduschkin (Ладушкин, Ludwigsort) unternehme ich die erste Quartiersuche. Aber eine Laube am Waldrand, die mir zunächst recht attraktiv erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ohne befestigten Boden und ziemlich vermüllt. Nein, das wird hier nichts. Nach der Hälfte des Ortes beginnt rechts ein ausgedehnter Kasernenkomplex. Es sieht so aus, als habe auf dem eingezäunten Territorium nicht nur militärisches Leben stattgefunden, sondern auch familiäres. Aber vielleicht täusche ich mich, denn es dämmert deutlich, und möglicherweise erkenne ich nicht mehr alles so genau.

Frisches Haff bei Kaliningrad

Umso intensiver prüfe ich daher alle weiteren in Frage kommenden Areale. So wird ein Schrottplatz begutachtet, ein Wohngebiet und verschiedene andere. Es zeichnet sich jedoch ein wiederkehrendes Problem ab: Hunde. Solange sie auf Grundstücken irgendwo angeleint sind, machen sie nur Rabatz, wecken ihre Leute, und abgesehen davon, dass das für die Betroffenen schon an sich verdrießlich ist, kommt es vielleicht nicht so gut an, wenn sich in der Nachbarschaft dann auch noch eine dunkle Gestalt herumtreibt. Ich verziehe mich also in mehreren Fällen unverrichteter Dinge. Unangenehmer sind die Tölen jedoch dann, wenn sie frei herumlaufen. Einmal, als ich ganz unbescholten und unauffällig am rechten Fahrbahnrand so vor mich hin fahre, brechen schräg hinter mir auf der gegenüber liegenden Straßenseite zwei Köter los – Kaliber Schäferhund. Könnte jetzt vielleicht mal ein LKW von vorn zwecks Problemlösung kommen? Wenn man sie jedoch wirklich mal braucht, ist kein Verlass auf die Könige der Landstraße. Also schalte ich zwei Gänge höher und sehe zu, dass ich das Rennen für mich entscheide.

Auffällig sind die vielen Partys entlang der Straße. Heute ist nicht etwa Wochenende, sondern Donnerstag. Leute, morgen ist Arbeitstag, geht mal langsam ins Bett! Teilweise im Abstand von wenigen hundert Metern quillt ein Heidenlärm aus den Diskotheken, Gasthäusern oder welcher Natur auch immer diese Etablissements sein mögen. Schon allein aus diesem Grund wäre in der Nähe keine Übernachtung möglich.

Kurz vor Kaliningrad erblicke ich auf der linken Straßenseite im fahlen Restlicht der Dämmerung eine Baustelle – eine nicht eingezäunte Baustelle! So was ist immer eine Inspektion wert. Hier errichtet offenbar jemand in einer Umgebung, die eher an Datschen als an richtige Wohnhäuser erinnert, eine Immobilie mit Blick aufs Haff. Na ja, das mit dem Blick ziehe ich lieber zurück. Man wird ein paar Schritte gehen müssen und dann vielleicht die Mündung des Pregel sehen. Aber immerhin. Das Bauwerk ist inzwischen bis zur Decke des ersten Stockwerks gediehen. Zum Weg hin ist eine große Fläche in der Außenwand offen. Da könnte ein regelrechtes Tor Platz finden. Aber was die später dort einbauen werden, ist mir eigentlich ziemlich egal, solange ich hier nur zwei Quadratmeter finde, auf denen ich meine Isomatte und meinen Schlafsack ausbreiten kann. Ich inspiziere das Gelände im Schein meiner Taschenlampe und nehme noch ein Wasserfass zur Kenntnis – man könnte ja wenigstens noch einen symbolischen Kontakt zum Wasser aufnehmen – und einen mit Betonteilen beladenen LKW, der so aussieht, als sei er vor wenigen Stunden abgestellt worden. Dies ist mir ein Zeichen dafür, dass morgen hier Bautätigkeiten stattfinden werden, möglicherweise sogar schon ziemlich früh am Morgen. Mit Ausschlafen wird das also nichts; ich muss zeitig aufstehen. Aber das hat ja auch seine Vorteile.

11. Juli

Auch in dieser Nacht werde ich einige Male wach. Diesmal sind die Umstände jedoch von anderer Art als vor 24 Stunden. Irgendwas stimmt nicht. Was ist das für ein Geräusch?

Es ist keineswegs so, dass ich abends ein festes Ritual durchlaufe, auch wenn das vielleicht besser für mich wäre, also, für meine Hygiene. Unumgänglich ist die dünne Isomatte, ein aluminiumbeschichtetes Nichts. Ich weiß noch genau, dass ich irgendwo auf meiner Reise durch Großbritannien und Irland im Jahre 1995 mal auf einem Schulgelände übernachtete… Wenn mir jetzt noch einfiele, wo das war… Ich habe mir immer was drauf eingebildet, noch nach Jahren zu wissen, wo und unter welchen Umständen ich wann übernachtet habe. Also, wenn auch das nicht mehr funktioniert… Jedenfalls hatte ich damals dieselbe Matte, zumindest eine derselben Art. Und ich breitete sie unter dem Dach eines Fahrradstellplatzes aus, und der Untergrund war sauber – und fest, nämlich aus Beton. Und mir kam damals der Gedanke »Ganz schön hart.« Das war in den Nächten zuvor nicht so gewesen, also fiel es mir auf.

Über diese Zeiten bin ich längst hinaus, arriviert gewissermaßen. Denn diese Matte hat nicht mehr die Aufgabe, mich gegen die Kühle und Härte des Untergrunds zu schützen; sie ist jetzt nur noch für meine Therm-a-Rest-Matte zuständig, denn die mag keine spitzen Steine, wie ich erfahren musste. Natürlich taugt das Teil wegen seiner vernachlässigbaren Dicke nur gegen kleine spitze Steine, aber immerhin. Es wiegt ja nichts. Also folgt als zweite Unumgänglichkeit eben jene Therm-a-Rest-Matte. Aufblasen ist eine sehr häufig gewählte Kür; glücklicherweise zieht das Teil ja auch von sich aus etwas Luft. Dritter Schritt ist der Schlafsack, und meistens krieche ich in den auch hinein.

Was außerdem stattfindet, ist mal so und mal anders. Wenn ich mich aus irgendeinem Grund (z.B. besondere Kälte oder Müdigkeit oder die Erwartung, am kommenden Morgen außergewöhnlich zügig aufbrechen zu müssen) so, wie ich bin, hinlege, muss ich zumindest meine Hosentaschen entleeren, damit mich kein Schlüsselbund drückt, kein Taschenmesser, kein Kugelschreiber oder Lippenstift. Diese Sachen landen dann entweder im Helm oder neben mir auf der Matte, sozusagen griffbereit – man weiß ja nie, was in der Nacht plötzlich so aufzuschreiben ist.

Wenn das Quartier so spät gefunden wurde wie in dieser Nacht, liegt auch meist meine Taschenlampe noch dabei. Ja, und nun ist da also dieses Geräusch, und es klingt verdächtig menschlich. Es klingt nach Schnarchen! Verdammt, wo bist du hier gelandet?! Ich taste die Matte neben mir ab. Aha, alles noch da. Sollen sie nur kommen, die Russen! Aber so richtig beruhigt mich das nicht. Dabei habe ich doch Erfahrungen mit unerwarteten Mitschläfern. 1993, an der US-Pazifikküste, wachte ich eines Morgens auf, und zehn Meter weiter lag noch einer (der am Abend noch nicht da gelegen hatte!); er war offenbar mit einer alten Klapperkiste von Auto gekommen. Und ich, im Schlummer der Gerechten, hatte davon so wenig mitbekommen wie er am Morgen von meiner Abreise. Was redet nur immer jeder von den Gefahren der Landstraße? Wir wollen doch alle bloß leben. Also wie nun? Ich drehe mich um. Törichte Sorgen! Ich brauche schließlich meinen Schlaf.

Da ich in der Nacht aber ohnehin noch mal kurz raus muss, nehme ich – mit der gebotenen Vorsicht – mein Quartierumfeld doch mal etwas genauer in Augenschein. Aha, da hängt eine Decke an der unverputzten Ziegelwand – gut möglich, dass diese eine Türöffnung verdeckt und dass es sich dahinter ein Landstreicher gemütlich gemacht hat. Ein Landstreicher? Führen die neuerdings Decken zum Sichtschutz mit sich? Das mache ja nicht mal ich. Für die Erörterung weiterer Möglichkeiten bin ich wohl zu verpennt.

Kurz vor sechs Uhr Ortszeit piept meine Armbanduhr. Vier Uhr und irgendwas zeigt mir das noch auf MESZ tickende Chronometer. Mann, bin ich hier im Urlaub oder an der Ostfront?! Gleichwohl ist bereits heller Tag. Ich erinnere mich an den LKW. Ja, da war doch was. Die Bauleute könnten jeden Moment kommen. Rasch klaube ich meine Sachen zusammen, und ich bin noch nicht ganz fertig, da höre ich plötzlich wieder einen Wecker piepen. Einen anderen! Hinter der Decke. Seit wann haben Landstreicher Termine? Was noch nicht eingepackt ist, werfe ich über den Gepäckträger und die Querstange und schiebe so erst mal alles etwas auf Abstand. In zehn oder fünfzehn Metern Entfernung vom Haus, jedenfalls nicht mehr auf demselben Grundstück, liegen Betonplatten unordentlich übereinander gestapelt, die anscheinend irgendwann mal irgendwo eine Etage nach oben hin abschließen sollten. Aber diese Pläne müssen schon vor längerer Zeit suspendiert worden sein, jedenfalls sind die Teile ziemlich überwuchert. Dort lehne ich mein Fahrrad an, krame mein Frühstück heraus, erklimme die oberste Platte, setze mich hin und beobachte kauend und gespannt aus der Distanz, was nun wohl kommt.

Nach einigen Minuten tritt tatsächlich ein Mensch in die Türöffnung, und ich preise mich weise ob meiner morgendlichen Entschlossenheit. Es ist ein Mann, vielleicht ein Kasache oder so da aus der Gegend, denn er hat eine dunkle Haut, dunkler jedenfalls, als sie einem Mitteleuropäer auf einem Baustellensommer gebrannt werden könnte, und schwarzes Haar. Sein Gesicht wirkt etwas breiter als die, die mir im Durchschnitt so begegnen, er hat braune Augen, soweit ich das von hier erkennen kann, aber sie sehen nicht aus, als käme er aus dem fernen Osten – wo ja immerhin auch große Teile Russlands liegen. Er blinzelt zunächst ein paar Sekunden in die Sonne und schaut dann zu mir herüber, geht danach aber wieder zurück ins Dunkel des »Korridors«. Kurz darauf treten zwei andere Gestalten ans Licht, die mehr vom mitteleuropäischen Typus sind. Oha! Eine ganze Gang von Landstreichern! Was ist denn hier los?

Auf dem Nachbargrundstück verlässt ein Mann seinen alten Wohnwagen. Er trägt eine Trainingshose, mag so Mitte 40 sein und setzt scheinbar zum morgendlichen Marathon an; ein Hund folgt ihm. Sportlich, die Russen, denke ich.

Es dauert nicht lange, da hat sich die Zahl meiner nächtlichen »Mitbewohner« auf ein halbes Dutzend erhöht. Also, das sind definitiv keine Landstreicher. Die Bauherren vielleicht? Planen die hier eine Männer-WG? Quatsch! Das sind die Bauleute, die ich von auswärts erwartet hatte. Man schiebt hier anscheinend keinen 8-Stunden-Job, sondern arbeitet von morgens bis abends. Wenn die Leute nicht von hier sind, hat es ja auch Sinn, wenn sie sich ihr Geld in der kürzestmöglichen Zeit verdienen und dann wieder zur Familie zurückkehren – sofern sie denn eine haben. Und man hat sich offenbar den Wohncontainer gespart. Der Vorarbeiter – oder der mutigste und neugierigste aus der Gruppe – kommt auf mich zu und spricht mich an. Aha, meine erste ernste linguistische Bewährungsprobe. Für den Mann steht außer Frage, dass ich das Dach mit ihm geteilt habe. Er schaut nicht unfreundlich und möchte u.a. wissen, woher ich komme und wohin ich fahre. Von dem, was er sonst noch will, verstehe ich so gut wie nichts. Das Wort холодно schnappe ich auf. Vielleicht fragt er, wie ich mit der kalten Nacht zurechtgekommen bin. Kalt? Mir schien sie nicht auffällig. Wir haben doch Sommer. Ich beantworte ihm sein от куда und куда, ohne Erlangen oder Grieben näher zu erwähnen, und das genügt ihm anscheinend. Sachen gibt’s, sagt sein Gesichtsausdruck, und er kehrt wieder um. Natürlich kann ich das nicht beurteilen, aber ich nehme mal an, dass dieser merkwürdige Deutsche schon ein, zwei Minuten für Gesprächsstoff unter den Arbeitern sorgt. Vielleicht haben sie sich die Monteure von Audi, BMW und Mercedes anders vorgestellt. Selbstverständlich ließe sich das alles sehr viel schöner und völkerkundlich ausgedehnter veranstalten, aber dafür müsste ich deutlich mehr Vokabeln kennen. Mein Russisch ist jedoch miserabel. Es ist zwar um Größenordnungen besser als mein Polnisch, aber das will wahrhaftig nicht viel heißen, da ich ja nur drei polnische Wörter bzw. Wendungen kenne.

Kurze Zeit später kommt der »Marathonläufer« zurück. Na, das war wohl eher die sportive Version von Gassi gehen. Der Mann wirkt jedenfalls in keiner Weise erhitzt. Vielleicht ruft sein Tagewerk. Es geht auf sieben. Die Bauleute sind mittlerweile dort eingetroffen, wo mal das Obergeschoss entstehen soll, und weil ich fürs Erste gesättigt bin, denke ich ebenfalls an Aufbruch. Ich schiebe das Fahrrad noch ein paar Meter weiter und stelle fest, dass eine oder zwei Mauern des Erdgeschosses aus einem (einzigen) Betonfertigteil bestehen. So was kenne ich eigentlich nur von der mehrgeschossigen Plattenbauweise. Wo waren wohl diese Platten wieder »übrig«? Ich winke den Arbeitern ein letztes Mal zu und schwinge mich in den Sattel.

Plattenbau in Kaliningrad

Als ich wieder auf der Straße bin, sehe ich, dass ich quasi ante portas übernachtet habe. Kaliningrad (Калининград, Königsberg) liegt vor mir. Aber es war wohl besser, außerhalb der Stadt Quartier gesucht zu haben. Diese Einschätzung basiert nicht in erster Linie auf der fehlenden Attraktivität der Stadt – und schön ist wirklich nicht, was ich da sehe –, sondern vielmehr auf der Tatsache, dass die Stadt natürlich dichter bevölkert ist und man bei Städtern eher nicht weiß, wann ihr Abend zu Ende ist. Ich werde nun nicht bei jeder Gelegenheit auf dem Prinzip der Schiefwinkligkeit bei russischen Plattenbauten herumreiten, sondern erwähne hier nur, dass die Bauten von Mamonowo (Мамоново, Heiligenbeil) keine Unikate sind. Bemerkenswert sind die breiten Fugen zwischen den einzelnen Platten. Sie sehen aus, als hätte jemand mit einer riesigen Silikonpresse die Ungenauigkeiten der Plattenmontage ausgleichen wollen und dabei einen zu dunklen oder manchmal auch einen zu hellen Farbton erwischt. Dunkle Fugen erinnern mich hin und wieder an die Südfront meiner Wohnung: Dort stoßen ein Ost- und ein Südfenster direkt aneinander, und die Ecke ist eine irgendwie verfugte und leider schlecht zugängliche Kältelinie – jedenfalls im Winter. Da schlägt sich gerne Kondenswasser nieder, und wenn man nicht hinterher ist und das regelmäßig abwischt, bildet sich ein dunkler Belag, den ich als Zeichen für die biologische Vielfalt in meiner Behausung deute. Jedenfalls stehe ich dunkel kontrastierenden Fugen seither ablehnend gegenüber.

Auffällig ist außerdem die Individualität, mit der die Einwohner dieser Häuser ihrer Balkone gestalten. Viele haben ihren Außenbordwohnungsanteil nachträglich integriert, also verglast, womit ich angesichts der dominierenden Einfachverglasung nicht behaupten will, dass dieser zusätzlich gewonnene Wohnraum frostsicher wäre, aber auch in Kaliningrad sind die Winter nicht mehr das, was sie früher mal waren. Diese Verglasung oder auf sonstige Weise erfolgte Abtrennung gegenüber der Außenwelt hat aber natürlich jeder auf seine Weise bewerkstelligt. Damit meine ich verschieden breite, verschiedenartige und letztlich bis zu verschiedenen Graden inzwischen wieder verfallene Fenster, von der farblichen Vielfalt der Rahmen und sonstigen Verkleidungen, die ihren Schwerpunkt leider auf einer besonders großen Graustufenpalette hat, mal ganz abgesehen.

Kaliningrad hat eine Straßenbahn. Ich möchte wetten, die hat es bereits gegeben, als die Stadt noch Königsberg hieß. Außerdem würde ich wetten – allerdings mit etwas geringerem Einsatz –, dass seither nichts mehr an den Gleisen getan wurde. Und was die Straße angeht… – na ja. Dort, wo sie asphaltiert ist, wurde vermutlich mal was gemacht. Aber das Kopfsteinpflaster an vielen Stellen atmet geradezu Historie. Mich wundert das, ehrlich gesagt. Ich erinnere mich, wie Dirk, ein früherer Kommilitone, mal vom Studentensommer erzählte, den er damals in der Sowjetunion verbracht hatte. Der Trupp, zu dem er zählte, war wohl irgendwie zum Straßen- oder Fußwegebau abkommandiert worden. Damals wurde asphaltiert, und in der DDR galt Bitumen als ein rarer Baustoff. Deshalb gab es Gegenden wie den Saalkreis und die Magdeburger Börde, die berüchtigt für ihre Pflasterstraßen waren – praktisch flächendeckend und von »erhebender« Befahrbarkeit, wenn man mal von den Fernverkehrsstraßen absah. Wenn also irgendwo doch mal was geteert wurde, dann wurde eher gekleckert als geklotzt, was die Dicke der Asphaltschicht anging. Mit dieser »Straßenbausozialisation« war also Dirk zu »unseren Freunden« entsandt worden, und bei seiner Rückkehr wusste er zu berichten, dass die dort das Zeug mehr als einen halben Meter dick auftrugen. Das erschien uns allen glaubhaft, denn unser Brudervolk saß ja damals wie heute auf den Erdölquellen. Da kostete der Kram also nicht viel. Warum hat diese Fülle nun aber Kaliningrad nicht erreicht?

Normalerweise würde ich Straßen mit solcher Beschaffenheit mit großem Verdruss befahren. Aber erstens gibt’s ja zwischendurch eben doch ein paar glatte Abschnitte, und zweitens ist Stau, genauer gesagt: Stop and Go, zumindest stadteinwärts. Da geht also ohnehin nicht viel. Ich bin folglich kein Hindernis für die normalerweise ja deutlich schnelleren Kraftfahrzeuge, ja, ich bin praktisch der Einzige, der sich noch an allen übrigen Fahrzeugen vorbeimogeln kann, wenngleich ich natürlich wegen meiner »Schlafrolle« auf dem Gepäckträger acht geben muss, dass ich nirgends anecke. Nach einigem Zickzack hole ich sogar eine Straßenbahn ein, die wegen des zweifelhaften klassischen Konzepts dieses Verkehrsmittels eine ganze Reihe von Problemen des Individualverkehrs huckpack trägt, jedenfalls geht auch für sie kaum etwas voran. Die Straßenbahnfahrerin ficht das nicht an. Sie spielt mit ihrem Handy. Gut, solange die Kiste steht, ist das nicht so wild, weil sie dabei höchstens etwas zu spät mitbekommt, wenn sie mal wieder ein paar Meter weiter fahren kann, aber wenn ich mir überlege, dass ihr Spiel oder ihre SMS-Konversation auch während der Fahrt so fesselnd ist… Uiuiui.

Nun bin ich also mittendrin, mehr oder minder jedenfalls, und ich habe zwei Probleme: kein Geld in hier allgemein akzeptierter Währung und keine Ortskenntnis. Wo ist zum Beispiel der Dom? Oder irgendwas mit Kant, ein Denkmal zum Beispiel? Vielleicht gibt’s hier auch eine Uni. Zwar habe ich eine Karte im Maßstab 1:200.000 von der Kaliningrad Oblast, in der sogar die alten deutschen Orts- und Siedlungsnamen eingezeichnet sind – freilich ist dieses Meisterwerk der Kartographie, das sich doch sicherlich vornehmlich an Kundschaft wendet, die ihre Heimat oder die ihrer Eltern besuchen will und daher bereits zur Stammkundschaft von Optikern und anderen Lesebrillenverkäufern zählen dürfte, kaum ohne Lupe zu entziffern, aber wie es scheint, war die Karte ursprünglich tatsächlich zusammen mit einer Fresnelllinse verkauft worden –, aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich damit auch erfolgreich in einer Großstadt bewegen kann. Hätten die Herrschaften hier vielleicht mal so etwas wie eine Werbetafel, wo zur Abwechslung nicht für die Mercedes-S-Klasse geworben, sondern dem interessierten Touristen Hilfe und Orientierung zuteil wird? Von wegen! Ihr hättet ja nicht zu kommen brauchen.

Na schön. Ob ich den Dom nun finde oder nicht – jetzt brauche ich jedenfalls Geld. Ich habe an die 400 Euro Bargeld bei mir. Die sind in dieser Höhe eigentlich nicht als Notreserve gedacht, aber es soll ja vorkommen, dass man mit Plastikkarten ungeahnte Überraschungen erlebt, und dass ich mit der westeuropäischen Währung in Russland Schiffbruch erleiden könnte, das kann ich mir jedenfalls im Augenblick nicht vorstellen. Banken gibt es in Russland anscheinend in Hülle und Fülle. Das schließe ich daraus, dass es viele Hochhäuser gibt, deren »Stirnbandtexte« das Wort »Bank« enthalten. Ist doch schön, dass die Russen das Wort aus dem Westen übernommen haben und dafür nicht was Eigenes kreiert haben. Ich weiß noch, wie mir – auch während des Studiums – mal jemand erzählte, die russische Übersetzung für »Diodenstecker« (eine heute nicht mehr so gebräuchliche Steckverbindung aus der Rundfunktechnik, z.B. zum Anschluss von Plattenspielern oder Tonbandgeräten an das Radio und seinen Verstärker) laute, wörtlich zurück ins Deutsche übersetzt, »Nest von Steckverbindern«. Wie müsste man dann Bank hin- und wieder zurückübersetzen? Vielleicht »Nest von Zockern und Gangstern«? Aber das ist auch blöd – zumindest Gangster ist ja ein reinrassig englisches Wort. Aber vielleicht ist das der Grund, weshalb sie dachten, dann könnten sie auch gleich »Bank« nehmen.

Also, das ist ganz einfach: Man hält vor einer Bank, schließt sein Fahrzeug an, damit es nicht von Bankräubern als Fluchtfahrzeug benutzt wird, wedelt mit einem 50-Euro-Schein – so für den Anfang zum Probieren – und schaut dann einfach mal, was passiert. Gesagt, getan. Die Bank, vor der ich halte, wirkt nicht direkt präsentabel. Ihr Name klingt amerikanisch. Ein Portal hat sie schon mal nicht, und sie residiert auch nicht in einem Stahlbetonturm mit gläsernder Fassade. Na, das kommt vielleicht später. Von einer Klimaanlage tropft Kondenswasser auf meine Schlafrolle. Das muss sie vertragen. Was sollte sonst bei Regen werden?

Als ich die Stufen hinaufsteige, die ganz gut auch zu ein paar mitteleuropäischen Durchschnittswohnungen hinaufführen könnte, nimmt mich ein Mann in Augenschein, der so etwas wie eine Uniform trägt. Aha, safety first. Sehr löblich. Vielleicht ist es ratsam, Sonnenbrille und Helm abzunehmen. Sonst hat er keinen klaren Eindruck von mir. Ich habe ja nichts zu verbergen. Ich trete ein, und er kommt mit. Hm, so stürmischen Publikumsverkehr haben die hier wohl nicht, wenn jeder Kunde seinen persönlichen Wachmann bekommt. Mein »Bodyguard« bedeutet mir, dass ich mich ein wenig gedulden müsse. Aber klar doch. Geduld ist meine ganz spezielle Stärke, vor allem, wenn ich erkennen kann, dass es voran geht, wo man mich zu warten bittet, denn dann sehe ich, dass das Warten eine Perspektive hat. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gelernt, dass Kinder erst mit den Jahren ein Zeitgefühl herausbilden und dass dieser Reifeprozess mit dem Schulanfang noch längst nicht abgeschlossen ist. Dies erkläre, so las ich, warum Babys sich nicht gedulden könnten, sondern ziemlich bald in verzweifeltes Schreien ausbrächen, sobald kein Mensch in Sicht sei, denn sie könnten nicht auf Mamas Rückkehr hoffen, weil Hoffnung ja die Zuversicht ausdrücke, dass nach einer gewissen Zeit irgendetwas Erhofftes passiere, und das gehe ohne Zeitgefühl nun mal nicht. Ich musste mir das aus Büchern anlesen; Eltern, die ihre Jungschar schon mal mit dem Auto chauffierten, wissen das natürlich längst. Dabei kann ich selbst noch an Fahrten erinnern, in denen ich hinten auf dem Rücksitz saß und immer wieder fragte, wann wir denn endlich da seien. Das muss gewesen sein, bevor ich meine erste Armbanduhr hatte, denn mit Zahlen konnte ich ja relativ frühzeitig umgehen.

Diese und andere Erörterungen gehen mir durch den Kopf, aber da ist nichts, das mir Hoffnung stiften könnte. Und plötzlich tut sich doch etwas: Ja, hier entlang. Ich komme an einen Schalter, hinter dem sich eine Isolationszelle befindet. Meine Güte, da möchte ich ja nicht arbeiten. Eine Frau taucht auf, ich schiebe ihr meinen 50-Euro-Schein über den Tresen und mache ihr klar, worum es mir geht. Dafür muss sie erst mal ihren Computer anwerfen. Ein großes Formular wird ausgefüllt. Oh, für diesen ganzen Aufwand werden sie mir wohl ordentlich Gebühren abknöpfen. Bloß gut, dass ich erst mal mit einem Probierbetrag angetreten bin. Dann steht sie auf und geht zu einem kleinen Safe. Sie schließt ihn auf und entnimmt ihm doch wahrhaftig eine verschweißte Tüte mit Rubelbanknoten. Potzblitz! 50 Euro sind doch kein solcher Riesenbetrag. So viel Bargeld sollte doch wohl in der Kasse liegen dürfen. Aber das ist mir jetzt auch egal. Der Wechselkurs beträgt ungefähr 1:36. Ich bekomme also ca. 1800 Rubel. Sie zählt es mehrfach ab. Und es werden keine Gebühren fällig! Wie finanzieren die diesen irrsinnigen Aufwand?! Na gut, auch das soll letztlich nicht meine Sorge sein. Vielen Dank! До свидания! – obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich hier nicht noch mal vorbei komme.

Gleich darauf überquere ich den südlichen Pregelarm. Kaliningrad ist ja u.a. mit diesen Brücken berühmt geworden, weil sich Leonhard Euler mal mit der Frage befasst hat, ob es möglich sei, alle sieben (zu seiner Zeit existierenden) Brücken über den Fluss in einem Rundweg jeweils genau einmal zu überqueren. Im Grunde bin ich orientierungslos unterwegs. Woher soll ich wissen, wo hier was ist? Aber ich denke mir, dass mein Weg nicht völlig verkehrt sein wird, solange es rechts und links nach Innenstadt aussieht. Und so passiert es, dass ich am Dom vorbeifahre, ihn wohl sehe, aber nicht zur Kenntnis, geschweige denn näher in Augenschein nehme. Irgendwann geht’s nach Norden nicht mehr weiter. Ich muss mich für rechts oder links entscheiden. Ich wähle rechts. Aber schon nach gut 100 Metern gefällt mir das nicht mehr: Hier gehen die Wohnviertel los, denn rechts und links der Magistrale ragen Neubaublocks so an die zehn Stockwerke in die Höhe. Aber so richtig neu sind die nicht mehr, denn in Kaliningrad wird intensiv gebaut. Es gibt zahlreiche Baustellen, und an ihnen kann man studieren, in welchem Stil aktuell gebaut wird. Wo ich unterwegs bin, stehen eher die Errungenschaften des Sozialismus. Einige von ihnen stehen sogar komplett leer. Wenn sie schon bewohnt einen nicht besonders einladenden Eindruck machen, so steigert sich dieser bei den Leerständen zur Trostlosigkeit. Warum stehen die hier noch? Das müsste doch eine attraktive Lage sein: Sprengen, Schutt wegräumen und was Neues bauen. Aber wer weiß, welche Eigentumsverhältnisse, Spekulationen und bürokratischen Hemmnisse einem solchen oder alternativen Vorgehen im Wege stehen. Ich kehre jedenfalls erst mal um.

Jetzt geht es in Richtung Westen. Vielleicht finde ich hier irgendwo einen Campus. Dabei weiß ich doch nicht mal, ob es den überhaupt gibt. Wieder gelange ich in eine Region, die nicht mehr nach City aussieht. Die Straßen verlaufen hier durch so etwas wie einen Park. Erneut mache ich kehrt. Diesmal geht es in Richtung Süden. Kurz vor der Rückkehr an den Pregel, der hier nur von der Eisenbahn überquert wird, folgt der nächste Haken, nun wieder nach Osten. Es geht am Wasser entlang; dort liegen allerlei Schiffe vor Anker, die wohl schon lange nicht mehr auf See waren. Zwar würde ich sie vom ersten Augenschein her noch nicht direkt als Seelenverkäufer bezeichnen, aber in gewissem Sinne waren sie genau das von Anfang an, denn dies ist ein Marinemuseum, und wenn man vom denkbaren Abschreckungseffekt jeglicher Waffensysteme einmal absieht, tun sie bei Gebrauch eben das: Seelen verkaufen. Allerdings ist keine Bewaffnung erkennbar.

altes U-Boot im Marinemuseum Torpedos im Marinemuseum

Außer »normalen« Schiffen gibt es dort auch ein U-Boot. Ich kenne mich ja mit der Marinetechnik nicht so aus. Eine ganze Zeit lang waren Russen und Amerikaner damit beschäftigt, einander in der Größe der U-Boote zu übertreffen, und wahrscheinlich wurden bei den Amis auch die Flugzeugträger immer gigantischer. Die Verlautbarungen über die Anzahl und Gesamtsprengkraft der von einem einzigen solcher Eisensärge über die Welt verteilbaren Atomsprengköpfe mögen verdrängt haben, dass weiterhin auch kleinere Kaliber dieser Waffengattung existier(t)en. Dennoch glaube ich nicht, dass dieses Gerät hier weniger als 40 Jahre auf dem Buckel hat. Wenn man etwas Neueres sehen will, wird man wohl nach Murmansk fahren müssen. Aber dass die Häfen dort der Öffentlichkeit zugänglich sind, bezweifle ich eher.

Sogar Torpedos sind ausgestellt (und schön bunt angestrichen) und Bordkanonen. Ah, Technik, die begeistert. Dass es überhaupt Museen für Kriegstechnik gibt! Es ist doch nichts so uninteressant wie das Raketenleitsystem von gestern. Und das von heute ist top secret.

Königsberger Dom

Im nächsten Ansatz nähere ich mich dem Dom sozusagen von hinten. Nun will ich mir das Gebäude doch mal etwas genauer ansehen. Am Ende ist es das, wonach ich suche. Über eine Brücke erreiche ich das Bauwerk mit den beiden ungleichen Türmen. Diese Asymmetrie gab’s doch sicherlich noch nicht immer. Eine »Kriegsverwundung« vielleicht? Ich schließe das Fahrrad an und trete ein. Zu meiner Enttäuschung gibt es auf den ersten Blick nichts Interessantes zu sehen: keine Aussicht auf das Mittelschiff, kein Gewölbe – stattdessen eine Wand aus Holz und Glas, durch die man nichts erkennen kann. Zwar ist da eine Tür, doch die ist geschlossen. Und: eine Kasse. Der Spaß soll Geld kosten. Der Eintritt kostet 100 Rubel, die Fotoerlaubnis noch mal 35. Also, der Kölner Dom ist billiger, um das nur mal in Relation zu setzen. Na ja, wenn man aber bedenkt, dass hier womöglich nur eine kleine Domgemeinde existiert, dass also irgendein anderer Träger für Erhaltungsmaßnahmen aufkommen muss, dann geht das schon in Ordnung. Außerdem gibt es eine deutschsprachige Führung. Und die Frau, die das macht, spricht wirklich gut deutsch. (Das ist auch notwendig, weil praktisch alle Besucher aus Deutschland kommen. Wo sind die denn auf einmal alle her? Ich habe bislang kein einziges Auto mit deutschem Kennzeichen gesehen. Aber dann fällt mir ein, dass es ja auch Bus fahrende Reisegruppen geben soll.)

Königsberger Dom

Wir biegen gleich nach links ab. Die Führung beginnt offensichtlich in den Türmen. Als erste Überraschung erfahre ich, dass der Dom eigentlich gar kein Dom mehr ist, höchstens noch in seinem ursprünglichen Wortsinn, eben ein Haus. Jetzt ist das Gebäude ein Konzertsaal. Aha. Na ja, aber eine Orgel wird’s doch wohl noch geben. Sehen möchte ich die schon mal. Zunächst werden wir jedoch durch einige Räume geführt, in denen allerlei Büsten stehen: von Kant, von Kant und, ja, auch noch von ein paar anderen Leuten. Die große Wand nach Osten, wo sich das Kirchenschiff befindet, bleibt indes undurchdringlich. Da ist keine Tür, und wo an den äußersten Enden Fenster sind, geht der Blick am Dach des Konzertsaals vorbei. Hier soll mal eine Bibliothek gewesen sein, hören wir. Vereinzelt haben sich auch ein paar Bücher in die Regale verirrt. Das sieht nicht spektakulär aus, aber wenn man sich klar macht, wie das Gebäude 1945 nach dem Ende des Krieges ausgesehen hat, dann dürfte aus der Ruine kein einziges Buch geborgen worden sein. Woher die wohl sonst kommen? Irgendwann sind wir durch alle Räume gewandert und haben auch den letzten Kupferstich bewundert. Kommt jetzt nun die Konzerthalle? Nein, die sei nur während der Konzerte zugänglich, wird mir mitgeteilt; das nächste findet am Dienstag statt. Na wie? Soll ich hier jetzt vier Tage campieren und warten und dann noch mal Eintritt zahlen? Ich habe doch keine Domturmführung gebucht, sondern eine Domführung. Es sollte doch möglich sein, wenigstens mal einen Blick hinein zu werfen. Nein, der Dame ist das anscheinend doch etwas unangenehm – möglicherweise hat sie nicht mal einen Schlüssel für den Konzertsaal –, obgleich ich den Eindruck habe, dass ich der einzige Besucher bin, dem das etwas ausmacht. Wissen die anderen Touristen schon Bescheid? Das kommt davon, wenn man vorher keine Reiseführer studiert. Ich sage ihr jedenfalls, dass ich enttäuscht bin.

Königsberger Dom alte Bibliothek im Königsberger Dom

Aber das ist nun nicht zu ändern. Also drehe ich noch eine Runde um den »Dom« und verlasse dann seine Insel. Auf der Brücke über einen der Wasserarme bleibe ich noch mal stehen. Hunderte von Vorhängeschlössern sind am Geländer befestigt. Damit muss es doch eine besondere Bewandtnis haben. Ich schaue sie mir genauer an. Die Schlösser sind zum größten Teil beschriftet, teilweise sogar mit Gravuren versehen. Meist sind es Namen – eigentlich immer: Natalja und Alexej, Wasja und Petja (wer ist da jetzt Männlein und wer Weiblein?) und zahllose andere. Es sieht so aus, als sollten die Schlösser Glücksbringer sein, angebracht etwa anlässlich einer Eheschließung – da wird ja auch geschlossen. Wahrscheinlich liegen die Schlüssel im Wasser. Was weiß ich…

Glücksschlösser Glücksschloss

Ich kehre noch einmal zur erste Pregelüberquerung zurück. Kurz vorher biegt eine kleine Straße links ab. Es ist doch langweilig, immer nur auf den Hauptstraßen zu fahren. Mal sehen, was hier kommt. Kurz nach mir ist ein weiteres Fahrzeug abgebogen; es fährt jetzt hinter mir her und kann wegen der schmalen Straße und der Unübersichtlichkeit nicht überholen. Oder will es nicht? Sitzen da jetzt die Gangster drin, die mich in einer stillen und einsamen Ecke Kaliningrads ausrauben wollen? Also, es wäre schon schön, vertrauensbildend sozusagen, wenn das hier keine Sackgasse wäre. Nach einer Linkskurve wird mir klar: Wem das keine Sackgasse sein soll, der muss zumindest ein Tor öffnen. Ich mache Halt. Das Auto fährt vorbei und hält ein paar Meter weiter. Und es geschieht genau das: Das Tor wird geöffnet, und die Leute fahren hinein. Ich nicht. Das sieht nicht nach öffentlichem Gelände aus. So neugierig bin ich dann doch nicht. Also zurück.

Erneut geht es nach Norden; hier bin ich schon langgefahren. Ich nehme den nächsten Rechtsabzweig in ein Wohnviertel. Rechterhand steht ein Gebäude, das nach einem Supermarkt aussieht. Nein, hier will ich mein Gefährt nicht allein lassen, und wenn’s da noch so tolle Sonderangebote gibt. 200 Meter weiter komme ich an Marktständen vorbei, an denen von lauter Babuschkas (der korrekte Plural ist das natürlich nicht; бабушка heißt Großmutter und soll hier nur andeuten, dass die Damen allesamt nicht mehr ganz taufrisch sind) allerlei Vegetarisches verkauft wird: Pilze, Gemüse, Beeren und anderes Obst. Himbeeren fallen mir auf. Hm, das wäre jetzt schon mal was, aber wie soll ich das Obst waschen? Sinnvoll wär’s ja wohl. Beim Stichwort »waschen« fällt mir ein, dass ich vielleicht bei Gelegenheit meinen Wasservorrat aufstocken sollte. Auf mein Micropur möchte ich nur im Notfall zurückgreifen. Also fasse ich mir ein Herz, trete an einen der kleinen Kioske heran, die hinter den Marktfrauen, sozusagen in der zweiten Reihe, stehen, und suche mir unter allen Verkäuferinnen das verständnisvollste Gesicht heraus. Denn ich benötige Verständnis; es gilt, mein lückenhaftes Russisch zu verstehen, und wo die Lücken so breit geraten, dass es eher die Kenntnisse sind, die einsamen, steilen Zähnen gleich aus der Ebene der Unwissenheit aufragen, da benötige ich menschliches Verständnis.

Fünf Minuten später bin ich stolzer Besitzer eines Fünf-Liter-Kanisters mit hoffentlich einwandfreiem Wasser. Jedenfalls macht der Kanister nicht den Eindruck, als sei er zum zweiten Mal aufgefüllt worden, aus unsicherer Quelle womöglich. Von dem Augenblick an reise ich praktisch ununterbrochen mit einem Behälter mindestens dieser Größe auf dem Gepäckträger. Er muss sich den Platz mit der Schlafrolle teilen.

Da diese Einfahrt ins Wohngebiet anscheinend ebenso eine Sackgasse ist wie die obskure Straße vorhin, kehre ich um, bevor sich der Weg hinter irgendeiner Ecke erneut so zum finsteren Winkel verdunkelt, und erreiche wieder die Hauptstraße. Wie vor knapp zwei Stunden geht’s nach Norden, und wieder biege ich rechts ab, aber diesmal ist die Ausfahrt geplant, und so dringe ich zügig in Richtung Osten vor. Tatsächlich hätte mich diese Strecke zu keinerlei Sehenswürdigkeit mehr geführt. Rechts der Straße herrscht Geschäftigkeit: Hier wird auf einem breiten, unbefestigten Streifen, also unter freiem Himmel oder in der einen oder anderen Garageneinfahrt, repariert und gehandelt, was irgendwie mit PKW, LKW und Bautätigkeiten zu tun hat.

Irgendwo hier in der Nähe muss sich eine Sehenswürdigkeit befinden. Meine Eltern waren vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls hier – allerdings mit einem Mietwagen – und folgten dabei sozusagen den Kreuzen, die mein Vater zuvor in die Landkarte eingetragen hatte. Eines dieser Kreuze liegt ganz in der Nähe.

Stadtring um Kaliningrad im Osten

An der nächsten, großen Kreuzung biege ich rechts ab. Die Straße führt mich zu einer seltsamen Brücke. Das heißt, eigentlich ist die Brücke nicht so seltsam; sie steht nur lediglich zur Hälfte. Jedenfalls schließe ich das daraus, dass die Straße bis zur Brücke vierspurig verläuft und letztere nur zweispurig ist. Als ich bis zum Brückenkopf vorgedrungen bin, sehe ich, dass es mal eine zweite Brücke gab. Das heißt, eigentlich gibt es sie noch, aber sie ist eingestürzt. Zwischen dem Brückenkopf und dem ersten Pfeiler (der, wie es scheint, noch steht) ist die ehemalige Fahrbahn praktisch in der Mitte zerbrochen; die erste, fast völlig von Gras bedeckte Hälfte führt steil hinab, und die zweite noch steiler wieder nach oben. Auf dieser befinden sich zum Teil noch Asphaltreste, aber unter dem Einfluss der Schwerkraft haben sie sich aufgefaltet und zusammengeschoben. Mutige – oder leichtsinnige – Menschen haben diese gut sichtbare Fläche für Liebesbekenntnisse genutzt. Ich bin nicht mutig und habe auch nichts zu bekennen. Also klettere ich da nicht hoch. Ob die zerbrochene Fahrbahn mal den anderen beiden Spuren diente oder eine Vorgängerin des jetzigen Bauwerks ist, bleibt offen.

Stadtring um Kaliningrad im Osten

Ich kehre wieder um und biege erneut rechts ab, verfolge also die ursprüngliche Richtung nach Osten. Ein paar Kilometer weiter komme ich an einer Ortschaft vorbei; links zweigt eine Art Dorfstraße ab. Ich folge ihr, bis es praktisch nicht mehr weiter geht. Unterwegs waren links und rechts unspektakuläre Gebäude und Grundstücke zu sehen, nichts, was Touristen anlocken könnte. Hm. Sollte ich mich woanders befinden, als ich glaube? Die Siedlungen sind hier ja nicht gerade üppig mit Ortsschildern ausgestattet. Die würden durchaus helfen. Ich biege rechts ab, durchquere einen kleinen Wald, fahre etwas kreuz und quer, biege dann noch einmal ab, folge jetzt praktisch der Fernstraße wieder in Richtung Westen, aber was ich an Schildern sehe, kann ich nicht einordnen, und was ich an menschlichen Bauwerken sehe, kann mich auch nicht annähernd begeistern. Also, was soll’s… Weiter nach Osten! Ich drehe um.

An der belebten Europastraße ist nichts spektakulär. Ich muss sie allerdings südlich liegen lassen, denn für Radfahrer ist sie nicht zugelassen. Ich gondele derweil weitgehend parallel dazu über die Dörfer. So ist es eh interessanter. Es fährt sich gut, u.a., weil der Wind mal wieder von hinten kommt. Heute Abend, spätestens morgen muss ich in die entgegengesetzte Richtung, denn es geht hier erst mal nur nach Tschernjachowsk (Черняховск, Insterburg), um den Osten Ostpreußens mal gesehen zu haben und dort nach einem Kriegsgräberfriedhof zu suchen; diesmal dreht sich die Recherche um meinen Großvater väterlicherseits. Eigentlich ist das Ganze ja Unsinn, denn wenn er hier irgendwo auf einem der Grabfelder liegen würde, dann wäre sein Name sicherlich schon längst registriert. Aber er war eben 1945 irgendwann als vermisst gemeldet worden, und in all den Jahren, die seine Frau damals immer noch auf seine Rückkehr wartete, war niemals etwas Greifbares von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge oder anderen Behörden gekommen, und die waren doch zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg hinter jeder noch so kleinen Information her und hätten sie sicherlich informiert. Ganz sicher liegt auf den Feldern hier noch der eine oder andere unbekannte Soldat, und die meisten werden wohl auch irgendwo eine Erkennungsmarke tragen, aber erstens traben die Bauern auch in Russland nur noch ausnahmsweise hinterm Pflug her, sehen also nicht, wenn sie dadurch einen Knochen oder ein Stück Blech zutage fördern, und zweitens ist doch unsicher, ob sie sich mit einem solchen Fund ernsthaft abgeben würden. – Aber jetzt will ich da einmal hin; die Zeit dafür muss einfach sein.

Bald darauf mündet »meine« Nebenstraße wieder in die E77 zurück. An einem ehemaligen Gehöft fällt mir ein Plakat auf. Darauf ist ein Fuchs abgebildet, und daneben steht ein Text. Es ist nicht sehr viel, aber ich kann damit nichts anfangen. Mir fällt lediglich das Wort »Mycopy« auf, das separat steht. Mycopy… – hm, wie könnte die Botschaft lauten? Geht es vielleicht um Artenschutz? Lautet die Aussage möglicherweise, dass die Tiere uns allen gehören (und nicht irgendwelchen Pharmakonzernen, die am Ende deren Gene patentiert haben)? Schwierig. Und warum sind »my« und »copy« überhaupt zusammen geschrieben? Und wieso werben die mit einem englischen Schlagwort für eine so gar nicht selbstverständlich eingängige Sache? Fragen über Fragen. Mir kommt ein Verdacht. Weil ich sowieso mal anhalten muss, krame ich das Wörterbuch heraus und suche nach мусору – und siehe da: мусор heißt Müll. »Meine Kopie« ist einfach nur der Dativ eines Wortes, das ausschließlich aus Buchstaben besteht, die auch aus dem lateinischen Alphabet stammen könnten. Die Amis hätten wahrscheinlich geschrieben »Keep your country clean!« oder so ähnlich. Allerdings reicht der Forschergeist nicht so weit, jetzt jedes einzelne Wort des Plakats nachzuschlagen, um diese Vermutung zu erhärten. Aber was soll es sonst schon sein?

In Gwardeisk (Гвардейск, Tapiau) biege ich nach Süden ab. Ich muss mich ja nicht die ganze Zeit über auf der Fernstraße bewegen. Im Hinterland gibt es vielleicht mehr zu entdecken. Wichtigstes Motiv ist jedoch mein Wunsch, einkaufen zu gehen. Mitten in der Stadt entdecke ich in einer Nebenstraße einen Supermarkt. Er ist zwar nicht so richtig super-sized, aber super finde ich, dass er ein Selbstbedienungsladen ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Tante-Emma-Laden jeden Artikel benennen sollte, den ich haben will, dann breitet sich vor meinem geistigen Auge eine eintönige Speisekarte aus. Aber so – alles in den Korb und am Ausgang bezahlen – internationaler geht’s nicht. Hauptsache, die haben ihre Sachen ausgepreist.

Sie haben. Aber dies hier ist nicht der Aldi. Nicht, dass alles so furchtbar teuer wäre, nein. Aber es ist alles so deutlich anders. Die Haferflocken zum Beispiel sind zwar gerade noch als solche zu erkennen, aber sie sehen sehr grob aus, auch verhältnismäßig dunkel – nicht gerade Köllnflocken. Ich denke mir: Wenn’s die anderen kaufen, werde ich es auch überleben, und lege zwei Packungen in den Korb. Milch gibt’s hier in den sympathischen Plastiktüten, die es in Deutschland auch mal bis Ende der 90er Jahre gab; seither habe ich sie bei den üblichen Discountern nicht mehr gesehen. Die Ökobilanz der Tüte ist vermutlich nicht zu toppen, aber die Schweinerei, die regelmäßig im Kühlregal herrschte, weil irgendeine Tüte undicht geworden oder ganz kaputt gegangen war, wahrscheinlich auch nicht. Ich nehme jedenfalls eine und packe weiter ein, bis der Korb voll ist. Großeinkauf!

Als ich wieder am Fahrrad stehe, fällt mir ein, warum ich in Deutschland beim Einkauf häufig sowohl auf den Einkaufswagen als auch auf einen irgendwo abgestaubten Karton verzichte: Diese Genügsamkeit zwingt mich, alle Einkäufe auf den Armen zu balancieren, und dies wiederum führt dazu, dass ich alles, was ich auf diese Weise in einem Rutsch bis zur Kasse gebracht habe, auch im Rucksack unterbringe. Hier habe ich mir den Luxus einer ansehnlichen Plastiktüte gegönnt, und folglich startet jetzt das Projekt »Verstauung«. Teil des Projekts wird es sein, eine Spur von Appetit im Keim zu ersticken und dafür zu sorgen, dass dieser Zustand für die nächsten zwei, drei Stunden auch erhalten bleibt. Also setze ich mich hin, stopfe alles Mögliche in mich hinein und beobachte die Passanten… – gut, ich geb’s zu, überwiegend die Passantinnen. Aus vermutlich längst vergangenen Zeiten – so genau kann ich das nicht mehr datieren – habe ich ein Bild von weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinausgehend grell geschminkten Frauen im Kopf, die Haare strohblond oder dunkelrot, der BMI jenseits des grünen Bereichs. Nicht, dass ich die russischen Frauen regelrecht dick in Erinnerung hätte, aber auch nicht schlank. Woher kommt nur diese Erinnerung? Ich war doch noch nie in Russland. Es muss wohl das Fernsehen gewesen sein. Was hier dagegen herumläuft oder ins Schwätzchen vertieft steht, hat mit diesem Klischee so gut wie nichts mehr zu tun. Die Frauen sind nicht gewichtiger als die in Deutschland, und sie tragen kein auffälligeres Makeup. Lediglich die Mütter mit oder ohne Kinderwagen sind jünger als die in Deutschland; es sieht so aus, als würden Familien hier in deutlich jüngeren Jahren gegründet als bei uns. Und einige dieser Mütter sehen wirklich verdammt gut aus. Mein lieber Schwan, angesichts dieser Kurven darf ich wohl mal tief Luft holen!

Irgendwann bin ich dann aber wirklich satt, und hier herumsitzen und gucken bringt mich auch nicht voran. Nachdem die letzte Büchse untergebracht ist, schwinge ich mich erneut in den Sattel und verfolge die Straße weiter in Richtung Süden. Weit und breit Landschaft, hin und wieder ein kleines Dorf und dann wieder Landschaft. Bemerkenswert ist, dass hier offenbar weite Flächen brach liegen. Wie ist das, Leute, lasst ihr euch aus dem Mutterland versorgen, oder seid ihr so wenige, dass es nicht notwendig ist, auch nur annähernd alle Flächen zu bebauen? In Russland erscheint mir das ja einigermaßen plausibel. Die Bevölkerungsdichte ist selbst unter Außerachtlassung der sibirischen Waldflächen und der polaren Permafrost- und sonstiger ertragsschwacher Regionen verhältnismäßig gering. Da wird es selbstverständlich unnötig sein, eine gnadenlos intensive Landwirtschaft zu betreiben, aber dies hier ist fast noch Mitteleuropa. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ostpreußen Flächen, die nicht ausgesprochen versumpft oder eben bewaldet waren, einfach liegen gelassen haben. Und was tun die Russen?

Altar einer Kirchenruine bei Snamensk/Wehlau

In Snamensk (Знаменск, Wehlau) fällt mir eine Kirchenruine auf, weil ich zunächst nicht an der richtigen Stelle abgebogen und am Abzweig vorbeigefahren bin. Überhaupt sieht man hier und da bröckelndes Ziegelwerk. Mir ist bisher nicht ein einziges auch nur einigermaßen intaktes Kirchengebäude unter die Augen gekommen, das nicht inzwischen reichlich profanen Zwecken dienen würde. Aber wie sollte das auch anders ein? Die Kaliningrad Oblast wurde nach dem Krieg komplett neu besiedelt; die Menschen kamen aus Russland und anderen Sowjetrepubliken. Wenn es dort überhaupt Kirchen gab, dann waren das orthodoxe. Wieso sollte hier also auch nur eine einzige Kirche noch stehen? Selbst für den schwer vorstellbaren Fall, dass das eine oder andere Gotteshaus den Krieg unbeschädigt überstanden haben sollte, ist doch nicht anzunehmen, dass die nachfolgenden 60 Jahre lediglich Moos auf den Dachziegeln hätten wachsen lassen.

Von dieser Kirche stehen nur noch die Grundmauern und ein Teil des Turms. Das Hauptportal ist nachträglich mit zwei schweren Torflügeln versehen worden, wahrscheinlich, damit niemand die Ruine betritt. Da die Flügel nicht genau passen – vielleicht ist das ja sogar Absicht –, kann ich durch einen schmalen Spalt ins Innere gucken. Das Grünzeug steht einen guten Meter hoch, aber am gegenüber liegenden Ende der Ruine ist ein improvisiertes Holzkreuz zu erkennen.

Altes Landhaus bei Perewalowo/Mulden

Weiter geht’s in Richtung Südsüdost. Eine gute Stunde später mache ich bei Perewalowo (Перевалово, Schwönau) eine Aufnahme von einem Haus, das vermutlich schon früher ganz allein auf weiter Flur stand, Heimstatt inmitten der bewirtschafteten Flächen. Ob das so toll war, ganz ohne Nachbarn? Und jetzt? Hier wird nichts angebaut. Aus der Ferne ist nicht erkennbar, ob irgendwo eine Kuh grast oder wenigstens eine Ziege oder ein paar Gänse. Es ist schon verständlich, wenn die Leute hier nichts hält und sie in die Stadt wollen. Ob sie dort allerdings finden, was sie hier vermissen…

Ein paar hundert Meter vor mir biegt jemand mit dem Fahrrad auf die Straße ab. Mir fällt das auf, weil hier sowieso nur sehr wenig Verkehr ist. Wenige Minuten später sehe ich, dass es ein Mädchen ist, vielleicht zwölf oder 13 Jahre alt. Es fährt in dieselbe Richtung wie ich, aber es sieht nicht so aus, als hätte es einen weiten Weg vor sich. Kurz bevor ich die jugendliche Radfahrerin erreiche, beginnt sie, zur Fahrbahnmitte zu driften, so, als wollte sie links abbiegen. Aber da ist nichts, wohin man abbiegen könnte. Ich lege die Hände an die Bremsen und fahre weiter. Gerade als der vorderste Punkt meines Vorderrads auf gleicher Höhe ist wie ihr imaginäres Rücklicht, fährt sie im großen Schwung nach rechts von der Straße. Ja, dorthin hätte ich ja auch mal gucken können. Die Betätigung der Bremsen ist trotzdem eher der Überraschung als einer objektiven Notwendigkeit geschuldet. Im letzten Moment muss sie mich dann aber wohl in ihr Blickfeld bekommen haben; jedenfalls dreht sie sich erschrocken um. Und dann ist die Szene auch schon vorbei. Ihr hat’s anscheinend die Sprache verschlagen, und mir fehlen die rechten Worte. Was heißt etwa »Immer schön rechts fahren« auf russisch? Und wenn sie etwas wie »Kannst ja auch mal klingeln« gesagt hätte, wäre mir der Sinn wahrscheinlich auch verschlossen geblieben.

Bei Frunsenskoje (Фрунзенское, Gut Bokellen) biegt die Straße nach Südosten ab. Tschernjachowsk liegt jedoch im Nordosten. Da meine Karte auch Wege verzeichnet, biege ich mutig ab, zumal die Piste, auf die ich mich hier einlasse, zwar unbefestigt aussieht, aber durchaus so, als fahre hier ab und zu mal jemand lang. Nach einem oder zwei Kilometern kommen mir erste Zweifel daran, dass dies wirklich der richtige Weg ist. Zwar geht es prinzipiell schon nach Osten, jedoch in einem solchen Zickzack… Davon abgesehen kostet mich das Manövrieren um all die Schlaglöcher Zeit. Noch ist die Sonne nicht untergegangen, aber die Schatten sind lang geworden. Es kann so lange nicht mehr dauern. Wie lange es allerdings noch dauert, bis ich die A197 erreicht habe, das kann ich bestenfalls grob abschätzen, weil mir die Karte sagt, wie lang die Luftlinie zwischen Frunsenskoje und dem Lot auf die A197 ist. Aber ein Lot wird üblicherweise mit einem Stück Blei gefällt; darum hängt die Schnur straff, und die »Schnur« auf der ich fahre, ist alles andere als »straff«. Jetzt eine Panne, das wär’s! Ob es hier wohl Mücken gibt?

Nach einer schier endlosen Zeit erreiche ich tatsächlich Wolodarowka (Володаровка, Jodlauken, Schwalbental). Vor einiger Zeit lief im Fernsehen eine Sendung über Ostpreußen in der Nazizeit. Dort lebten damals eine Menge Leute, die nicht primär deutsch sprachen, sondern polnisch oder masurisch. Und sie trugen zum Teil auch Namen, die nicht deutsch klangen. Aber es heißt, sie seien alle recht gut miteinander ausgekommen. Anfang der 30er Jahre, noch vor Hitlers Machtantritt, erreichte die braune Seuche auch Ostpreußen. Und dort muss es wohl ein paar ganz stramme Jünger gegeben haben. Jedenfalls hieß es in der Sendung, die Funktionäre hätten sich in ihrem Deutschdrang auf alles gestürzt, was ihnen irgendwie fremd erschien, zum Beispiel auf diese Leute. Da sie aber zum größten Teil deutsche Staatsbürger waren und wohl auch nur einige unter ihnen Juden, hatten die Nazis kaum eine Handhabe für Repressalien. Sie sollen aber Menschen mit slawisch klingenden Familiennamen gedrängt haben, sich umbenennen zu lassen. Und offenbar hat dieser Blödsinn auch vor Ortsnamen nicht Halt gemacht. Schwalbental – da denke ich an ein Tal im Erzgebirge oder Thüringer Wald, aber nicht an diese Ebene. Was für ein Schwachsinn! Leute, wenn euch mal wieder jemand sagt, dass der Klügere nachgeben müsse, dann bedenkt, dass nach dieser Parole die Welt von Dummen regiert wird. Jodlauken – ohne dass ich ein intimer Kenner Ostpreußens wäre, aber der Name klingt ostpreußisch. Ich würde ihn nie woanders suchen als hier.

Die Strecke nach Tschernjachowsk wird erst spektakulär, als ich mich der Stadt nähere. Es ist ein Spektakel im wahrsten Sinne. Südlich der Stadt liegt ein Militärflugplatz, um den die Straße seit seiner Errichtung einen weiten Bogen macht. Aller paar Minuten startet dort ein Kampfflugzeug, und es ist schier unglaublich, was für einen Lärm die machen. Das ist allerdings keine Besonderheit russischer Maschinen; als ich vor zwei Jahren von Aurich nach Wilhelmshaven fuhr, kam ich ebenfalls an einem Fliegerhorst vorbei, und der Pegel dort war kaum dezenter. Ganz in der Nähe liegt übrigens der staatlich anerkannte Erholungsort Wittmund. Klar, dass der Staat als Flugplatzbetreiber mit dieser Anerkennung keine Probleme hat. Wie das die Erholungssuchenden sehen, hängt vermutlich von den Flugplänen ab.

Gut, ich bin hier noch außerhalb der Ortschaft. Erfahrungsgemäß machen sich viele Tiere nichts Erkennbares aus dem Lärm; von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in freier Wildbahn habe ich jedenfalls noch nichts gehört. Außerdem entsprechen die Jets keinem programmierten Feindbild der Tiere. Am östlichen Ende der Piste verschwindet die Straße im Wald. Dennoch dringt der Donner der Nachbrenner durch.

Das ändert sich natürlich auch dann nicht, als der Wald zu Ende ist. Rechts beginnt der Soldatenfriedhof. Obwohl meine Eltern bereits hier waren, mache ich Halt. Wie in Polen gibt es auch hier keine einzelnen Grabsteine, sondern große Tafeln mit endlosen Listen von Namen, alphabetisch sortiert. Was haben die eigentlich gemacht, wenn sie zwischendurch einen neuen Namen gefunden haben, der nicht gerade mit Z begann? Jedenfalls findet sich hier kein Geue.

Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Jetzt beginnt die lange Dämmerung. Ob ich hier in der Stadt mal ein Hotel probiere? Ich müsste nur eines finden, das auf der einen Seite nicht zu protzig/teuer aussieht, auf der anderen Seite jedoch noch als Herberge erkennbar ist. Und außerdem wüsste ich gern, wenn auch vielleicht erst für morgen, wo ich aus der Stadt wieder herauskomme. Denn das ist für Ortsunkundige, die sich hierher ins Zentrum verirrt haben, gar nicht so einfach, weil die Beschilderung fehlt.

Nach ein paar Schlenkern und einigem Hin und Her, immer wieder vorbei an Lenin, der trotz des mittlerweile weit zurückliegenden Niedergangs der Sowjetunion unbeirrt eine Hand in Richtung Zukunft ausstreckt, mit offenem Mantel und im eleganten Dreiteiler, beschließe ich die Fortsetzung der Reise. Ob die Russen noch was auf Lenin geben, kann ich daraus freilich nicht ableiten. Man hat’s hier nicht so mit dem Abreißen und Aufräumen. Solange der Platz nicht für andere Dinge gebraucht wird – und Platz ist in Russland wahrhaftig genügend –, muss man sich doch mit so was keinen Stress machen. Sieht doch ganz friedlich aus, der Mann. Die Stalin-Denkmäler waren jedenfalls schneller wieder weg. Aber vielleicht geschah das ja damals auf Anweisung von oben. Von dort kommt jedoch schon lange nichts Ernstzunehmendes mehr, also kann Lenin weiter stehen bleiben.

Instrutsch/Inster bei Tschernjachowsk/Insterburg

Endlich finde ich die Ausfahrt. Es geht nach Norden, zunächst einmal über den Instrutsch (Инструч, Inster). Der Name des Flusses ist auffällig, eine Reminiszenz an den früheren Namen, auch der Stadt. Ist den Russen da nichts anderes eingefallen? Die haben doch sonst alles umgekrempelt. Einige sowjetisch vergebene Ortsnamen zeugen ohnehin von Einfallslosigkeit. »Hoch« und »Rot« heißen Dörfer. Wir haben in der Nachbarschaft von Erlangen einen Ort, der Herzobase heißt (weil dort, in der Nähe von Herzogenaurach, die Amis mal eine Kaserne hatten). Ich würde ja wegziehen! Wer weiß, zu welchen Geistesblitzen die Eltern solcher Namenskreationen noch imstande sind.

Hier, nördlich des Flusses, soll nun noch ein Soldatenfriedhof sein. Der genaue Maßstab meiner Karte lässt kaum Spielraum für Interpretationen. Es muss im Umkreis von einem Kilometer sein. Andernfalls stimmt der Eintrag auf der Karte nicht. Also fahre ich erst mal weiter nach Norden, den Berg hinauf. Rechts fällt mir ein Hotel »Georgenburg« auf, sogar in lateinischer Schrift, links ein Teich am Hang. Aber weit und breit kein Friedhof. Auch vom Ortsrand aus ist nichts zu erkennen. Also zurück! Links abbiegen! Erneut den Hang hinauf! Wieder nichts. Noch mal nach links! Wieder Ortsende. Hm. Im Osten und Norden ist alles abgegrast. Von Süden her komme ich, und wenn ich jetzt nach Westen fahre, werde ich nicht mehr zurückkehren, zum Einen, weil ich nicht wüsste, wo ich noch suchen sollte, zum Anderen, weil es dunkel wird und ich sowieso nichts mehr erkennen kann, und schließlich, weil ich sowieso in diese Richtung muss, wenn ich mir das Samland westlich und nordwestlich von Kaliningrad noch ansehen will.

Auch hier ist nichts zu finden. Das Projekt werde ich wohl abhaken müssen. Das einzige Projekt, das in der hereinbrechenden Nacht noch Bedeutung hat und stetig wichtiger wird, ist die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. In Dowatorowka (Доваторовка, Zwion) sehe ich rechts, ein Stück abseits der Straße, ein größeres Gebäude, das vom Typ her so eine Art Kulturhaus sein könnte. Der Eingang ist überdacht und unbeleuchtet. Herz, was willst du mehr? Wenn jetzt noch die Landjugend einen Bogen um mich machen würde… – Freitagabend, Ferien…, ich weiß schon, das ist viel verlangt. Aber wenn ich bedenke, dass es bald 24 Uhr Ortszeit ist, dann könnte doch…

In bewährter Manier richte ich mein Lager ein. In der Nähe des Flusses halte ich das Mückenschutzmittel für angebracht. Ich habe es mir extra kurz vor Antritt der Fahrt gekauft. Schwedisches Dschungelöl war dem Verkäufer im Abenteuerfachgeschäft ein Fremdwort. Eigentlich hätte ich da gleich wieder gehen sollen – wenn sich einer schon so wenig mit der Abwehr dieser Plagegeister auskennt. Wenn man schon nicht auf seinen Bauch hört. Nach zehn Minuten höre ich das erste hochfrequente Gelächter über meine matten hautfreundlichen Abwehrversuche. Verärgert krieche ich wieder aus dem Schlafsack, um das Moskitonetz auszubreiten. So, jetzt könnt ihr kommen!

12. Juli

Start der Route / gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Natürlich werde ich auch in dieser Nacht hin und wieder mal kurz wach. Bei einer dieser Gelegenheiten bemerke ich beachtlichen Niederschlag. So ein Vordach ist doch eine feine Sache. Das Umdrehen unter diesen Umständen ist etwas anderes als zu Hause auf der Federkernmatratze mit 1,60 m Breite. Aber das sind nur Sekunden, und diese sind es nicht, die mich liegen bleiben lassen, als ich bei einer dieser Episoden das Morgengrauen registriere. Später werde ich erneut wach, und die Restmüdigkeit wirkt erträglich, so dass ich einen Blick auf die Uhr riskiere. Halb sieben, sagt das Zeiteisen; unten, an der Straße, gehen gelegentlich Fußgänger vorüber. Es ist Samstag, Leute! Ihr könnt ausschlafen. Ihr müsst mich doch nicht so früh am Tag schon in Zugzwang bringen. Zwar sieht das Gebäude auch bei Tageslicht nicht besonders vertrauenswürdig aus, bei näherer Inspektion des Betondaches über mir stelle ich zudem fest, dass es nicht über seine gesamte Fläche Schutz gegen den Regen geboten hätte. Dann fällt mir wieder ein, dass die Uhr hier eine Stunde gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit vorgeht, natürlich auch während der Sommerzeit, und dass es folglich bereits halb acht ist. Na gut. Nachtruhe beenden!

Ich beschließe, mir ein russisches Müsli zuzubereiten. Gesagt, getan. Die Haferflocken in der Milch wirken wie kleine Holzspäne. Ob sie wohl auch so schmecken? Ich schneide noch einen oder zwei Äpfel hinein und probiere die Komposition danach. Äks, was für ein Zeug! Die Milch ist sauer, und die Feststoffe scheinen tatsächlich aus dem nächsten Sägewerk zu kommen. Wie kann man so was essen?!

Gänse mit Küken

Was mache ich nun damit? Tapfer sein? Nein, lieber nicht. Ich fische die Obststückchen wieder heraus, esse also Äpfel ohne Müsli, und kippe den Rest seitlich neben die Treppe. Es dauert gar nicht lange, da haben Hühner die Leckerbissen entdeckt und machen sich munter drüber her. Na, wenigstens kommt nichts um. Es ist schon erstaunlich, wie frei hier das Federvieh herumläuft. Weder gerät es unter die Räder noch in des bösen Nachbarn oder sonst eines Diebes Pfanne. Dafür weidet es im ganzen Dorf. Das nenne ich glückliche Hühner. Von Tschernjachowsk (Черняховск, Insterburg) her kommen drei Gänse angewatschelt. Sie haben unglaublich die Ruhe weg, sogar beim Sondieren der Umgebung. Als sie etwas näher heran sind, kann ich ein Küken erkennen, das unter der Obhut der mutmaßlichen Eltern und Tanten die Welt entdeckt. So für sich genommen, ohne die Beleuchtung künftiger »Karriereschritte«, gibt dies eine perfekte ländliche Idylle ab.

Was lerne ich aus dem missratenen Frühstück? Milch wird per Dekret ab sofort immer gleich nach dem Kauf komplett ausgetrunken. Das hat zwar in der Vergangenheit bei einem Liter fast immer einen schweren Bauch gegeben, aber entweder ich lasse die Milchkäufe, oder ich mache es so. Und die »Sägespäne« werden künftig am Abend vor dem Verzehr gewässert. Diesen Versuch sind die Restbestände allemal noch wert. So schwer ist das Quetschkorn ja nicht.

Jetzt wäre es nicht schlecht, Schalen und Schüsseln etwas auszuwaschen. Wo steckt doch gleich noch mal das Spülmittel? Ich durchforsche meine Lenkertasche. Schließlich gehört so was zum täglichen Bedarf. Stattdessen fördere ich den Brustgurt meines Pulsmessers zutage. Ach, das war doch wieder so eine Schnapsidee kurz vorm Aufbruch! Da lag mir das Teil im Wege, und so habe ich es kurzerhand eingepackt. Jetzt expediere ich es mit derselben Entschlossenheit in den Bodensatz der hinteren Packtaschen, dorthin also, wo ich wahrscheinlich nur wenige Male während der Fahrt etwas suchen oder hervorkramen werde. Dieser Entschluss hat zwei Gründe: Erstens versuche ich natürlich – bei aller Bodenständigkeit und »Naturnähe« meines Reisestils –, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, und es gehört definitiv zu den weniger liebgewonnenen Erfahrungen, sich morgens ein kaltes Stück Plastik um den Brustkorb zu schnüren. Aber mit etwas Disziplin und dem Wissen, dass sich dieses Gefühl nach einer Minute gelegt hat, könnte man diesen Einwand noch zur Seite schieben. Zweitens jedoch misst das Teil den Puls, solange ich es trage und das Fahrrad bewege, egal, ob ich es gerade schiebe oder einen steilen Berg hinauf fahre. Und ich weiß z.B. nicht, ob es die Werte aus dem Stillstand in die Mittelwertbildung einfließen lässt oder nicht. Kurz: Ich kann mit den Messergebnissen nicht so richtig was anfangen. Und dass dann, wenn es mal für ein paar Minuten oder länger steil bergauf geht, der Puls die 150er Grenze überschreitet, weiß ich auch ohne diese Messung. Die Pulsmessung ist ganz klar aufs Training ausgerichtet, und während solcher Ertüchtigungen hält man nicht eben mal an, um sich eine Tafel Schokolade einzuverleiben, sondern fährt, bis das Training vorüber ist. Da kann es dann sinnvoll sein aufzupassen, dass der Herzschlag bestimmte Grenzen nicht über- bzw. unterschreitet, oder auf den Durchschnittswert zu achten. Hier nicht.

Aber es ging eigentlich um das Spülmittel. Ich kann es nicht finden, nirgends. Ach, jetzt erinnere ich mich: Im letzten Telefonat mit Grieben, das ich in Polen führte, hieß es, ich hätte eine kleine Plastikflasche stehen gelassen. Hm, jetzt weiß ich zumindest, was das für eine war. Aber meine Haarwäsche habe ich auch nicht gefunden. Sollte die etwa auch…? Das ist ein ganz klarer Kandidat für die Einkaufsliste.

Eine Herde Schafe – diese immerhin in Begleitung – zieht durch »mein Wohnzimmer« und hinterlässt jede Menge Dreck. Inzwischen habe ich fast alles eingepackt und kaue irgendwelchen Ersatz für das entgangene Müsli. Da tritt ein Mann auf die Szene, macht erst Anstalten, zur östlichen Stirnseite des Gebäudes zu gehen, biegt dann jedoch, als er sie gesehen hat, ab und geht stracks auf mich zu. Er will wissen, wie spät es ist. Oh je, also, die vollen Stunden kriege ich ja noch hin, und eine Bahnhofsdurchsage à la »8 Uhr und 35 Minuten« geht auch noch, aber so ein lockeres »halb neun« – das wird nichts. Hinzu kommt die kleine Zeitkorrekturarithmetik. Die Erhöhung um eine Stunde überfordert mich glatt. Ich bringe etwas heraus, halte ihm meinen Arm hin, damit er die Uhr sieht, und stottere etwas von »Berliner Zeit«. Woher, bitte, soll ich denn wissen, was »Mitteleuropäische Sommerzeit« auf russisch heißt? Er ist jedoch nun anscheinend im Bilde über das, was er wissen wollte. Ich habe den Eindruck, es kam ihm nur auf die Minuten an, und der Eindruck verstärkt sich, als weitere Leute kommen und sich schließlich erweist, dass auf der Ostseite meiner Herberge ein Magasin residiert. Dorthin geht man nicht zur völlig falschen Zeit. Wenn man dahin geht, und der Laden ist geschlossen, dann will man nur wissen, ob sich das Warten lohnt, oder ob noch irgendwas anderes in der Zwischenzeit erledigt werden könnte.

Obwohl ich eine »Einkaufsliste« habe, kann ich mich nicht entschließen, diese gleich hier abzuarbeiten. Das liegt daran, dass dies kein Selbstbedienungsladen ist. Das Thema hatten wir gestern schon. Also schwinge ich mich in den Sattel und fahre los. Es geht zunächst in Richtung Nordwesten, und ein deutlicher Wind aus Richtung Westen lässt mich ahnen, was das nachher wird, wenn ich vorübergehend sozusagen wieder gen Heimat fahren werde. Die Strecke bis Salesje (Залесье, Mehlauken, Liebenfelde) gibt nicht viel her: kleine, unscheinbare Dörfer.

In Salesje gibt es einen Dorfladen nach meinem Geschmack. Obwohl ich erst gestern mit einer dicken Tüte aus einem Geschäft gekommen bin, mache ich auch hier voluminöse Einkäufe. Allerdings ist der mit Abstand schwerste Posten wieder einmal Wasser. Vorsichtig nähere ich mich jedoch auch der russischen Pralinerie. Zu testen sind die Qualität der Schokolade und das Preis-Leistungsverhältnis. In den Korb kommt z.B. ein Honigkuchen, nicht gerade ein klassischer Posten. Aber die Verpackung ist viel versprechend, und drum riskiere ich es.

Nicht nur im Laden, sondern auch davor findet Dorfgespräch statt. Irgendwo habe ich mal gelesen oder gehört, zwei Drittel der menschlichen Kommunikation seien völlig frei von Informationsaustausch. Man erzähle sich dabei Dinge, die schon allerseits bekannt seien – nicht, um sie wieder aufzufrischen, sondern weil das Reden an sich eine soziale Bedeutung habe. Natürlich kann ich das gerade hier nicht beurteilen, denn ich verstehe kaum ein Wort und erkenne keinerlei Zusammenhang. Aber warum sollten die Russen auf einer so grundlegenden Ebene anders ticken als andernorts?

Eine alte Frau, die kaum noch Zähne im Mund hat und in ein endlos anmutendes Übereinander von Schürzen und Röcken in blassen Farben und immer wieder ähnlichen Mustern gehüllt ist, ein Kopftuch dazu, hat eine Schnur um den Hals hängen, an deren Ende ein Handy baumelt: Nokia, auch in Russland auf dem Vormarsch. Was für ein Bild – die älteste Generation mit der jüngsten Computertechnologie! Sicher, sie wird mit dem Telefon keine Fotos machen, selbst wenn das Gerät es können sollte. Sie wird keinen Terminkalender pflegen und keine SMS verschicken, aber vermutlich werden ihre Enkel ihr einen aufdringlichen Klingelton installiert haben. Nur wird sie gerade nicht angerufen. Also kann ich das nicht mit Sicherheit sagen.

Dort wird’s dann allerdings ernst. Ich kann nicht sagen, dass es ein regelrechter Kampf gegen den Wind ist, aber es ist ein redliches Bemühen, und der Luftzug von vorn duldet keine Tagträume. Vom Tempo vergangener Tage bin ich weit entfernt. Bis wohin ich es unter solchen Umständen heute wohl noch schaffe? Die Strecke ist auch hier nicht atemberaubend. Man muss auf jede Kleinigkeit achten. Da ist das Werbeplaket irgendeines Telekommunikationsunternehmens, das Mobiltelefonieren für neun Kopeken die Minute anbietet. Warum machen die das eigentlich nicht gleich kostenlos? Neun Kopeken – das sind 0,25 Cent! Da ist ja der Strom fürs Ladegerät teurer. Und da ist kein Haken dabei? Wer weiß, im Vertrag gibt’s bestimmt Kleingedrucktes.

Entlang der Straße fallen mir Angler auf. Es ist schwer zu sagen, ob sie Fische fangen oder Ruhe finden wollen, jedenfalls sitzen sie zum Teil an den kleinsten Pfützen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dort mehr als ein paar Kaulquappen zu fangen sind. Aber sie sitzen eben da und lassen den Samstag verstreichen. Ich habe den Verdacht, die sitzen am Montag genauso da. Wenn es allerdings so wäre, so ließe sich immer noch die Urlaubssaison geltend machen. Es gibt hier sicherlich kein mit deutschen Verhältnissen vergleichbares Arbeitslosengeld. Und diejenigen, die im eigenen Haus auf eigenem Hof einen auf Selbstversorger machen, die müssen sich eben selbst versorgen; und das funktioniert nicht, indem man abends lediglich ein paar Dutzend Elritzen mit nach Hause bringt. Außerdem kommt auch in Russland der Strom nicht aus der Wand, sondern muss mit Geld bezahlt werden… Also, irgendwoher muss jeder sich von Zeit zu Zeit ein paar Hundert, nein, eigentlich ein paar Tausend Rubel besorgen, damit das Leben weitergeht.

In Polessk (Полесск, Labiau) ist mal wieder Zeit für eine Verpflegungspause. Rechts der Straße beginnt so etwas wie ein kleiner Park, nicht sehr einladend wegen der total klobigen, aber garantiert vandalismussicheren Tische und Bänke aus massivem Beton – ja, gut, beschmutzt könnten sie noch werden, und genügend Kleinmüll liegt trotz der vorhandenen, jedoch mittlerweile übergequollenen Papierkörbe auch herum, aber man will ja nicht gleich die Rabauken rufen: »He, hier ist noch was brauchbar, das könnt ihr gleich mal kaputt machen!« Was hier unordentlich aussieht, macht eher den Eindruck der Gedankenlosigkeit als des Vorsatzes.

Ich breite meine verderblichsten Vorräte aus und beginne mit der Fütterung. Derweil studiere ich die Leute an anderen Tischen, die wegen des recht lichten Blätterdachs über uns leicht zu beobachten sind. Aber so viel passiert da nicht. So fällt mein Blick auf all die Hinterlassenschaften früherer Besucher zu meinen Füßen. Und dabei sticht mir ein Kronenverschluss ins Auge, ein kleines Blechstück, das sonst ja nichts Besonderes ist: ОСТМАРК steht da drauf. Ein Unbedarfter könnte dies wieder als lateinische Zeichen interpretieren und dann so etwas wie »Oktmapk« lesen – wobei die Buchstabenfolge »pk« im Deutschen wohl nur an den inneren Fügestellen von Komposita vorkommt. Ostmark – das kann man nun drehen und wenden, wie man will, jedenfalls ist das kein lupenreines Russisch. Dass die Aufschrift etwas mit der alten DDR-Währung zu tun hat, glaube ich dabei weniger. Aber wo war oder ist die Ostmark, der Grenzbereich im Osten? Hier im alten Ostpreußen? Ich schaue genauer hin: »Seit 1910« lese ich unterhalb der kyrillischen Buchstaben. Damals konnte sich Königsberg mit einem bisschen guten Willen noch als Grenzstadt begreifen, auch wenn es z.B. bis Tilsit/Memel oder zu jeglichem anderem Punkt im ostpreußischen Grenzverlauf doch immerhin mindestens knappe 100 km waren. – Einerlei, ich registriere das Kuriosum, dass praktisch unter den Augen der russischen Behörden sozusagen Restauration der verschärften Art betrieben wird, denn wenn diese Region hier überhaupt Grenzregion ist, dann doch wohl eher Westmark, jedenfalls aus russischer Sicht (auch wenn diese mit den Begrifflichkeiten Karls des Großen wahrscheinlich nicht so viel anfangen kann); die Ostsee heißt hier ja auch nicht Ostsee, sondern Baltisches Meer. Und dass die Russen Ostpreußen an die Deutschen zurückgeben wollten, davon habe ich nun wirklich noch nichts gehört.

russisch-orthodoxe Kirche bei Polessk/Labiau

Im nördlichen Teil von Gurjewsk (Гурьевск, Neuhausen) verlasse ich die Hauptstraße nach Norden, um nicht erneut durch Kaliningrad (Калининград, Königsberg) fahren zu müssen. Am Ortsrand biegt eine Straße in Richtung Westen ab. Diese soll es sein. Kompass und Navigationscomputer sind doch wunderbare Erfindungen, denke ich mir, jedenfalls sind sie bei bewölktem Himmel ungemein nützlich, wenn man plötzlich für Minuten weit und breit der einzige Mensch auf der Straße ist, ja, wenn man sich zuweilen nicht einmal so richtig sicher ist, dass dies eine Straße ist und nicht lediglich ein Weg ins Nirgendwo. Dummerweise verläuft die Straße eher im Zickzack als in »rein« westlicher Richtung. An jedem Abzweig kann bzw. muss ich mich entscheiden, was wohl richtig ist, denn im »langjährigen Mittel«, also bei genügend Abwechslung, passen beide Richtungen. Die Karte kann mir bei diesen Details nicht mehr assistieren, der Navi natürlich erst recht nicht.

Nach einigen Minuten erreiche ich einen kleinen See. Ein kleiner Fluss ist hier aufgestaut, die Gurjewka. Am See angeln einige Leute, an einer anderen Stelle baden welche, und auf der anderen Seite, dort, wo unterhalb des Auslasses aus dem Stausee der Fluss als solcher erkennbar wird, sind wieder andere Grüppchen mit dem Unterhalt eines Grills beschäftigt oder begehen auf sonst irgendeine Weise den Samstagnachmittag. Ja, baden wäre jetzt vielleicht gar nicht das Verkehrteste, aber erstens will ich heute noch entschieden weiter vorankommen, zweitens ist meine Badehose irgendwo ganz tief unten im Gepäck, und drittens ist kein einziger Mensch nackt zu sehen. Ich wäre also heute der Erste, der hier FKK praktiziert. Ich weiß ja nicht, wie die Russen in dieser Region so drauf sind. Vielleicht sind sie liberal – aber dann würden sie das wohl selbst praktizieren –, vielleicht aber auch, zumindest in dieser Hinsicht, wahre Sittenwächter. Da riskiere ich lieber nichts.

Ich nähere mich einem Gelände, das so aussieht wie eine Zementfabrik. LKW fahren ein und aus, und die Staubfahnen ziehen weit übers Land. Freilich ist nicht auszumachen, ob der Staub von den Ladungen kommt oder vom unbefestigten Weg. Klar, der Bauboom in Kaliningrad muss von irgendwoher befeuert werden. Vielleicht von hier aus.

Ich umfahre ein kleines Waldstück und gelange auf eine Hauptstraße. Hier geht’s nur links oder rechts rum. Ich entscheide mich für links, kurbele eine leichte Anhöhe hinauf und finde mich nach knapp zwei Kilometern unversehens wieder auf dem Stadtring. Auf dem war ich gestern Vormittag schon, freilich an anderer Stelle. Ich folge ihm einige Kilometer, links die Stadtrandsiedlungen im Blick, von vorne und hinten lebhaften Verkehr, und als ich den Ring wieder verlasse, fällt mir das erste Mal auf, dass ich den Gegenwind eingetauscht habe gegen eine bemerkenswerte Blechkolonne. Das Samland muss ja spektakulär sein, wenn dahin so viele wollen. Zumindest die Landschaft, von der aus man die Küste bzw. die Ostsee noch nicht sehen kann, sieht genauso aus wie bei Tschernjachowsk; die allgegenwärtige Brache, die im Frühling bestimmt wunderbar blüht, kann es also nicht sein, die die Leute lockt.

Südlich von Pionerski (Пионерский, Neukuhren) zweigt die Straße, die mittlerweile wieder ziemlich genau in Richtung Westen verläuft, nach rechts ab. Hier kann man direkt zu den nördlichen Highlights der Halbinsel abbiegen. Und für den Fall, dass jemand einen Mangel an Kartoffeln oder Vitaminen verspürt, hat sich die versammelte Kleingärtnerei von Kaliningrad um diesen Abzweig versammelt und bietet feil, was Beet und Furche hergeben. Was man hier allerdings nicht erhoffen sollte, ist ein Schnäppchen. Wer tanken und fahren kann wie ein Passatfahrer, der soll auch Obst bezahlen wie ein Passatfahrer. Die Kirschen in Deutschland sind zuweilen billiger, stelle ich entsetzt fest, zumindest mein Ausflug nach Kalchreuth verlief Anfang Juli günstiger. Damals gab’s das Kilo Süßkirschen für drei Euro. Hier sollen es 120 Rubel sein (das sind 3,33 Euro). Bei den Schattenmorellen ist die Diskrepanz sogar noch deutlich größer. Die gab’s in Erlangen für das halbe Geld, und hier sind sie teurer als die Süßkirschen. Leute, ihr habt bestimmt genügend Kundschaft. Ich begnüge mich mit einer kleinen Tüte.

Tüte – das ist mein Stichwort. Die Tüte, namentlich die so genannte Plastiktüte, ist das Hauptverpackungsmittel der Russen. Vor einiger Zeit hat mir ein Kollege erzählt, täglich würden auf der Erde fünf Milliarden Plastiktüten hergestellt; das sei doch eine unglaubliche Verschwendung. Und das Schlimmste sei, dass die Chinesen pro Tag und Kopf im Durchschnitt fünf Tüten verbrauchten. »Mein lieber Kollege, lass dir gesagt sein, dass in diesem Fall allein die Chinesen über sechs Milliarden Tüten pro Tag verbrauchen würden. An deiner Rechnung kann etwas nicht stimmen.« – »Ja, mag ja sein, vielleicht sind es weltweit ja sogar zehn Milliarden.« – »Na, wir wollen doch nicht zu sehr spekulieren.« – »Aber findest du nicht auch, dass das unglaublich viel ist? Fünf Tüten am Tag! Ich meine, was da für Material verschwendet wird…« – »Lieber Kollege, wie viel Rohöl steckt in deinen fünf chinesischen Plastiktüten?« – »Keine Ahnung« – »Und wie viel Rohöl steckt in dem Benzin, das du täglich allein auf dem Weg zur Arbeit und zurück verbrennst?« – »…« – Und so weiter. Plastiktüte ist nicht gleich Plastiktüte. Ich weiß noch, dass ich 1991 Stammkunde beim Pennymarkt war, der in München zwei Stockwerke unter mir residierte. Das war ein echter Einkauf der kurzen Wege – zumindest, was mich als Kunde anging. Ich kann gar nicht mehr sagen, ob Penny damals seine Tüten schon verkaufte, oder ob’s die noch gratis gab. Jedenfalls hatte ich eine solche Tüte, und die benutzte ich immer wieder, und die hielt ungelogen ein volles Jahr durch. Dafür war sie auch aus sehr strapazierfähigem PE und für heutige Verhältnisse ziemlich dick. Solche Tüten bekommt man heute höchstens noch für Gefriergut, und die müssen dementsprechend bezahlt werden. Als ich 1992 nach Südengland zum Sprachkurs kam, stand irgendwann auch mal das Thema Umweltschutz auf der Tagesordnung. Wir redeten über unsere »kleinen persönlichen Beiträge«. Da ging es nicht darum, dass wir praktisch alle mit dem Flugzeug nach England gekommen waren, teilweise vom anderen Ende der Welt, und unter welchen Umständen sich das in Zukunft vermeiden ließe, sondern um Altglasflaschen und Plastiktüten. Die Zeiten ändern sich einfach nicht. Als ich dort meine Story von der Pennytüte zum Besten gab, sorgte das für minutenlange Heiterkeit. »Unvorstellbar! Du willst uns einen Bären aufbinden!« Kein Wunder, meine Kollegen aus dem gesamten Common Wealth und Japan – und woher sonst sie noch so kamen – hatten einen anderen Erfahrungshintergrund. Sie gingen praktisch schon damals mit »russischen« Plastiktüten einkaufen, und mit denen kann man froh sein, wenn man sie einmal einigermaßen heil bis nach Hause rettet. Das ist kein vernichtendes Urteil über mangelhafte russische Qualität, sondern der Hinweis darauf, dass die Russen – und ebenso wahrscheinlich auch die Chinesen – hundert Tüten aus der Materialmenge herstellen, die Penny damals für eine einzige in Anspruch nahm. Solche Tüten sollen nicht den Einkauf eines kompletten Tages nach Hause befördern – dafür hat man schließlich seinen Cayenne im Parkhaus –, sondern eine von ihnen ist für 200 Gramm Kekse, eine andere für 50 Gramm Pralinen, wieder eine andere für fünf Äpfel usw. Ist es da ein Wunder, wenn die Chinesen am Tag pro Kopf fünf Stück davon verbrauchen? Und ist das schlimmer, als würden die Kekse nach der deutschen Methode verpackt oder als wenn wir an der Kreuzung für eine halbe Minute den Motor nicht abschalten? Also, lieber Kollege, lass doch mal die Kirche im Dorf. Aber der Kollege hörte schon lange nicht mehr zu, denn er wollte aus Anlass irgendeiner Unpässlichkeit nicht die Wahrheit aufdecken, sondern bestätigt bekommen, dass die Chinesen schuld sind.

'deussisches' Werbeplakat

Aber die Russen mögen nicht nur den Passat und den Cayenne und die deutschen Autos mit dem Stern; offenbar kann man sie sogar mit der deutschen Sprache ködern. Wie anders soll ich es deuten, wenn ich schon wieder etwas unter die Augen bekomme, was nur auf den ersten Blick russisch aussieht: »Дас ист фантастиш!!!« ruft mir ein Plakat entgegen. Familie »Беккер« bittet zu Tisch. Wer zwar nicht der russischen Sprache, jedoch der kyrillischen Buchstaben mächtig ist, erfährt hier erstaunt: »Das ist fantastisch«, und niemand anders als Beckers hätten gerne uns als ihre Gäste. Dass sie in ihrem noch nicht so ganz urig geratenen Biergarten für Franziskaner Weissbier anstatt für Weißbier werben, muss man wohl eher den Bayern als den Russen anlasten, aber die lernen das auch noch. Sachen gibt’s.

Brache, Heidelandschaft Kirchenruine mit 'Storchenzucht' in Kumatschjowo/Kumehnen

Der nächste auffällige Ort ist Kumatschjowo (Кумачёво, Kumehnen) mit einer Kirche, die so kaputt ist wie in vielen anderen Ortschaften, die aber von einer sagenhaft zahlreichen Storchenschaft bevölkert wird. Liegt das nun an den Kirchen? Wohl weniger. Ich schiebe das eher auf die zahlreichen Brachen, die man im Hinblick auf ihre Ausdehnung und Verbreitung schon nicht mehr als Ökonischen bezeichnen sollte, sondern eher als Ökoareale. Wenn man sich klar macht, dass überall dort, wo der Mensch wirtschaftlich tätig ist, insbesondere landwirtschaftlich, anderes Leben außer dem gerade gewünschten eher als Konkurrent angesehen wird, dann müsste sich nach meiner Einschätzung in der Kaliningrad Oblast das blühende Leben entwickeln. Hinzu kommt, dass die Landschaft hier pro Quadratkilometer von weniger Straßen durchschnitten wird als etwa im dicht besiedelten Deutschland. Es wäre mal interessant, die Auswirkung auf die Tier- und Pflanzenwelt mit der in dichter besiedelten und intensiver genutzten Teilen Europas zu vergleichen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Russen auffällig große Beträge in den Arten- und Landschaftsschutz investieren.

Brache, Heidelandschaft

Am späten Nachmittag, als die Sonne schon dicht überm westlichen Horizont steht, kommt endlich der Abzweig nach rechts, nach Nordwesten in Richtung Jantarny (Янтарный, Palmnicken). Eine knappe halbe Stunde später halte ich Einzug in diesen berühmten Küstenort. Hierher haben die Beckers eingeladen. Von mir aus. Mir steht der Sinn nicht nach den abenteuerlichen kulinarischen Konstruktionen, die sie auf ihrem riesigen Werbeplakat abgebildet hatten. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich die bestellen sollte – etwa auf deutsch? Vielleicht ginge das ja sogar. Wer schon so halbdeutsch plakatiert… Nein, ich will heute zumindest noch zur nordwestlichen Ecke der Samland-Halbinsel, nach Mys Taran (Мыс Таран, Brüsterort). Aber bereits hier wird ein Wendepunkt meiner Reise sein: Von verhältnismäßig kleinen Ausnahmen einmal abgesehen soll es ab hier immer weiter in Richtung Osten gehen. Moskau, so ist es geplant, wird der Wendepunkt. Dann soll Kiew angepeilt, der Kompass allmählich wieder auf Richtung Heimat orientiert werden. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, und täglich wird die Sonne früher aufgehen, zumindest bis St. Petersburg, denn danach geht es nicht nur weiter nach Osten, sondern auch wieder in Richtung Süden. Wir hatten das Thema schon.

Strand in Jantarny/Palmnicken

Ein Plakat wirbt für eine Volleyball-Weltmeisterschaft in Jantarny, Beach-Volleyball offenbar. Weltmeisterschaft – das ist ja nicht gerade nur eine kleine Lokalrunde, auch wenn die wenigsten Russen in der Nähe eines Strandes leben, also ihre Teilnehmerzahl begrenzt sein dürfte. Ob ich davon wohl irgendwo irgendwas sehe, eine wogende abendliche Strandparty etwa? Im Ortskern ignoriere ich Straßensperrungen und gerate in annähernd so etwas wie Gewühl. Hier ist tatsächlich etwas los. Rechts steppt der russische Bär: Auf einer überdachten Bühne geben sich Folkloregruppen die Klinke bzw. das Mikrofon in die Hand. So richtig ist kein einheitlicher Stil erkennbar, und es geht auch eher brav zu; vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Besucher zwar zahlreich sind und auch klatschen, aber nicht gerade rasende Begeisterung herrscht.

Strand in Jantarny/Palmnicken

Ich mache einen kurzen Abstecher zum Strand. Am Ende kriege ich den sonst nie zu sehen, weil die Straße sich womöglich ständig im Hinterland bewegt. Wie ich – inzwischen wieder zurück auf der Straße – die Szene gerade verlasse, überholt mich ein Radfahrer und spricht mich auf englisch an. Anscheinend kommt er von hier. Er erzählt mir, dass er seine abendliche Trainingstour macht. Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, Orientierung auf dem Weg zum Brüsterort zu benötigen, aber er will mir den Weg weisen. Das führt dazu, dass ich gerade mal an einer einzigen weiteren Stelle (außer vorhin, als ich noch allein war), an der mir von der Steilküste ein Blick hinunter zum Strand möglich ist, ein Foto machen kann. Aber was soll’s? Schließlich ist die Sonne bereits hinter Wolken verschwunden; Traumfotos macht man unter diesen Umständen natürlich nicht mehr. Den Rest der Eindrücke muss ich mir eben »bio« speichern.

Wir sind einige Kilometer gemeinsam unterwegs, und dann gibt er mir noch Tipps, wie ich weiter komme, in Richtung Pionerski. Ich verzichte darauf, ihm von meinen Abstecherplänen zu erzählen, weil ich trotz aller Lust an der Völkerverständigung fürchte, seine Routenbeschreibung könnte mich mit ihrer Ausführlichkeit in die finstere Nacht führen. Ich bedanke mich für seine freundliche Begleitung und steche wieder eigenmächtig in Land. An einem Abzweig widersetze ich mich daher seinem Rat und biege links ab. Sonst komme ich garantiert nicht an die »Ecke«. Die Straße dorthin ist nicht gerade ein Gewinn: Kleinpflaster. Aber ich hatte in meinem Leben schon Schlimmeres. Und so holpere ich ins nächste Dorf. Hier wird’s jetzt spannend. Der Navigator sagt mir: Weiter geradeaus! Leicht gesagt. Die Dorfstraße wird zur Siedlungsstraße, die Siedlungsstraße zum Zubringer, der Zubringer endet am Maschendrahtzaun. Ein großes, anscheinend massiv genutztes Loch in diesem Zaun führt in ein parkähnliches Areal. Mutig dringe ich vor. Hm. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, mich in einer Kaserne zu bewegen, zumindest in einer ehemaligen. Vielleicht kommt mir das Gelände nur deshalb so »parkig« vor, weil die Bäume fast das gesamte Restlicht der Dämmerung absorbieren und daher die Häuser nur insoweit erkennbar werden lassen, als in dem einen oder anderen Fenster Licht ist. Ich hatte ja schon vorgestern Abend den Eindruck, als seien Kasernen in vielen Fällen, vielleicht auch nur für Offiziere, Wohn- und Stationierungsort zugleich, also auch für die zugehörigen Familien. Das könnte erklären, warum es hier verhältnismäßig zivil aussieht. Es kann aber natürlich auch sein, dass die Russen den größten Teil ihres bedrohlichen Materials entweder verschrottet oder ins »Hinterland« verlagert haben und dass von einer flächendeckenden Militarisierung der Kaliningrad Oblast keine Rede mehr sein kann, dass also hier wohl noch dieselben Leute wie früher leben, dass sie sich jetzt jedoch auf eine andere Weise durchs Leben schlagen müssen als mit der Eingabe von Zielkoordinaten für ballistische Interkontinentalraketen oder dem Putzen von Kalaschnikows.

Leuchtturm Mys Tatan/Brüsterort

Über ein offenes Tor verlasse ich das dunkle Gelände. Ein Plattenweg führt mich wieder ins Weite. Hier ist wirklich die Welt zu Ende, denke ich und frage mich angesichts der fortschreitenden Dämmerung interessiert bis leicht besorgt nach den Modalitäten der kommenden Übernachtung. Jetzt nur nicht zaudern! Brüsterort kann wirklich nicht mehr weit weg sein. Und tatsächlich, knappe zwei Kilometer nach Beginn des Ortes erblicke ich den Leuchtturm, der ja nun wirklich nahe der Küste stehen sollte. Rasch komme ich näher, bis ich gewahr werde, dass der Leuchtturm nicht frei in der Landschaft herumsteht, sondern sich auf einem anderen, ebenfalls eingezäunten Gelände befindet. Auch hier steht ein Tor sperrangelweit offen, aber rechts davon befindet sich eine kleine Baracke. Wir hätten früher an den Kasernen KDL (Kontrolldurchlass) dazu gesagt, aber dieses Gemäuer ist leer. Es ist jedoch auf eine Weise leer, die mich misstrauisch macht. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht einfach mir nichts, dir nichts durch dieses Tor fahren und im Falle eines Falles so tun sollte, als wäre ich an einem Tempo-50-Schild vorbeigefahren. Schließlich ist auch bei Privatgrundstücken eine offen stehende Zufahrt nicht immer mit einer Einladung gleichzusetzen. Militärs mögen nachlässig sein, aber sie sind nicht immer die freundlichsten Gastgeber, wenn jemand ungebeten kommt. Ich stelle mein Fahrrad ab und mache ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Tor. Und als hätte ich einen Stolperdraht gerissen, tritt in 50 Metern Entfernung plötzlich eine Gestalt aus dem Dunkeln – nicht auf eine Weise, als hätte sie mich schon die ganze Zeit beobachtet, sondern mehr so wie auf dem Rückweg von der Toilette. Bloß gut, dass ich wenigstens das Foto schon im Kasten und die Kamera wieder in der Tasche habe, denke ich. So was sehen sie ja in aller Regel gar nicht gern. Ich denke an meine Erfahrungen in Piräus und Istanbul zurück. Ein ausgedehntes Verhör – das wär’s jetzt noch!

Die Gestalt erweist sich als ein junger Mann so um die 20, vielleicht sogar noch jünger. Meinen ersten Fluchtreflex habe ich glücklicherweise sofort unterdrückt, weil ich mir denke, dass es dazu ohnehin zu spät wäre, wenn er bewaffnet sein sollte und das verhindern wollte. Außerdem macht eine Rückwärtsbewegung erst recht misstrauisch, weil sie auf ein schlechtes Gewissen hindeutet. Also lasse ich ihn herankommen und wünsche einen guten Abend. Er macht keinen unfreundlichen oder verärgerten Eindruck. Zwar trägt er eine Felduniform, aber keine Waffe – ein junger Kerl, dem man Heldenhafteres wünscht, als seine Jugend mit irgendwelchen militärischen Spielereien oder gar Kampfeinsätzen zu verplempern. Wenn ich daran denke, was mir meine 18 Monate Militärdienst alles kaputtgemacht haben… Und die Russen mussten zumindest früher für volle drei Jahre ran. Wie das heute ist, weiß ich nicht.

Er ist natürlich neugierig und stellt Fragen. Ich würde sie gerne beantworten, wenn ich nur wüsste, was er will. So bringe ich das, was immer wieder als Erklärung herhalten muss: Ich sage, dass ich nur wenige Worte Russisch kann und dass ich aus Deutschland komme. Na, so was! Ob sich hierher wohl schon irgendein Tourist verlaufen hat? Bestimmt, denn die Heimatforscher haben ja noch viel stärkere Motive, in die entlegensten Flecken vorzudringen, als das Abhaken von Grenzpunkten einer Region. Und vielleicht sieht die ganze Sache bei Tageslicht ja nicht halb so abenteuerlich aus wie jetzt.

Ich suche nun nach dem Rückweg. Da sich mein Tagesziel östlich von mir befindet, liegt es nahe, eine Fortsetzung in Richtung Osten zu suchen, anstatt über den Plattenweg, später durch die Vielleicht-Kaserne und dann noch über das dörfliche Kleinpflaster erst mal wieder eine viertel Stunde nach Süden zu fahren und danach durch die Dunkelheit zu ertasten, wie es von dort aus weiter gehen könnte. Gedacht, getan. Nach kaum 100 Metern ist ein Abzweig nach links – kein Highway, sondern auch nur ein Weg, aber was soll ich machen? Nach kaum zwei Minuten gabelt sich der Weg erneut. Ich biege nach links ab, und stehe kurz darauf vor einem Zaun. Also zurück! Der Test der anderen Variante entwickelt sich ähnlich, zudem schlagen Hunde ganz in der Nähe an. Also wieder zum Plattenweg! Nach einem knappen Kilometer habe ich erneut die Wahl. Konsequent teste ich jede Variante. Diesmal lande ich vor dem (offenen) Tor von etwas, das mich entfernt an ein Munitionsdepot erinnert. Im Halbdunkel bewegen sich Schatten. Meine Güte! Erneut drehe ich um. Was das wohl für einen Eindruck macht, wenn hier einer mit so etwas wie einem »lautlosen Moped« aufkreuzt – lautlos, weil mein Fahrzeug keinen Motor hat, und Moped, weil es eine Silhouette aufweist, die dank all der Packtaschen ähnlich geschlossen wirkt wie die eines Mopeds, nur höher vielleicht, und weil es einen Frontscheinwerfer hat, der es hinsichtlich seiner Helligkeit wahrscheinlich mit alten Mopeds aufnehmen kann.

Weitere »Ausweichmöglichkeiten« existieren nicht mehr. Ich durchquere also ein zweites Mal den Park, der so aussieht wie eine Kaserne, lasse erneut das große Loch im Zaun hinter mir, passiere ein paar Gestalten, die vor einem Plattenbau beratschlagen, welcher deutsche Radfahrer als nächstes ausgeraubt werden könnte, und gelange wieder auf der Dorfstraße. Erst dort bietet sich noch einmal eine Möglichkeit zum Abzweig. Kompromisslos probiere ich auch sie aus. Und diesmal sieht es so aus, als sei mein Bemühen von Erfolg gekrönt. Die Straße verlässt den Ort, und gelegentlich überholt mich oder begegnet mir ein Auto.

Nach zwei Kilometern erblicke ich links auf einer Wiese ein paar Häuser im Rohbau. Das Restlicht lässt erkennen, dass dem Bauherrn nach Vollendung des Rohbaus das Geld ausgegangen sein muss oder der Glaube an die nachträgliche Erteilung einer Baugenehmigung oder dass ihm sonst irgendein Ärgernis begegnet sein muss – jedenfalls ist die Gras- und Krautnarbe schon wieder bis ans Mauerwerk vorgedrungen, und so etwas gibt es nicht auf realen Baustellen, auf denen wenigstens alle paar Tage etwas passiert. Solche Quartiere sind ganz nach meinem Geschmack, denn sie bieten reichlich Dachfläche, und die Zahl der zusätzlichen Gäste ist in aller Regel sehr gering. Auch wird man nicht in aller Frühe vom Personal belästigt. Wohlan, lasst uns die Herberge prüfen.

Aber die Sache gestaltet sich schwieriger, als ich mir das gedacht habe. Dem einen Haus fehlt der Zugang. Da war das Geld schon vor der Errichtung der Treppe zum Hochparterre alle. Bei dem zweiten existiert diese Treppe zwar, aber sie hält nicht das, was das Schlagwort Beton verspricht: eine ziemlich kippelige Konstruktion. Wie kann man nur eine Betontreppe vermurksen?!? Zudem erkenne ich dank Vitamin A und der letzten drei Lichtquanten des Tages, dass sich einen Meter hinter dem Hauseingang so etwas wie ein Schacht vor mir auftut – Tiefe nicht abschätzbar. Herrje, wenn ich hier irgendwo abstürze, werde ich erst von Archäologen der nächsten Menschengattung wieder gefunden. Rückzug!

Beim dritten Haus schlägt der Hund des Nachbargebäudes an. Sagt mal, Leute, so ein Köter kostet doch Geld. Liebt ihr Tiere, oder rechnet ihr mit Einbrechern und Dieben, die sich von solchem Gekläff abhalten lassen? Da ich zwar mit ehrbarsten Absichten hier bin, das aber nicht erklären, geschweige denn beweisen kann, trete ich erneut den Weg zur Straße an. Das war also nichts. Und jetzt herrscht definitiv Nacht. Jetzt ist also schon alles egal.

Im nächsten Ort steht wieder so eine Investruine. Diesmal sind die Fensteröffnungen mit Brettern vernagelt, und der Hauseingang ist einer hell beleuchteten Kreuzung zugewandt. An dieser Kreuzung stehen Leute und unterhalten sich, als sei es vier Uhr am Nachmittag. Auch wenn ich kein schlechtes Gewissen dabei habe, mag ich doch keine Zeugen bei solchen Inspektionen. Nach einer Weile und einigen Hin und Her setze ich den Weg also unverrichteter Dinge fort. Irgendwann sehe ich rechts noch mal eine Baustelle. Aber auch wenn morgen Sonntag ist, muss ich wohl damit rechnen, dass hier sehr zeitig das Proletariat aufkreuzt. Außerdem, und das ist schwererwiegend, gibt es noch keinen Estrich im Erdgeschoss, nicht mal einen Beton- oder Bretterboden. Da könnte ich mich genauso gut auf den Acker oder in den Wald legen. Später komme ich an so etwas wie einem Hotel vorbei. Sollte ich hier einen Versuch machen? Aber sowohl in der Gaststätte im Parterre als auch vor dem Haus ist ordentlich was los. Da würde ich mein Fahrrad nur ungern stehen lassen, und der Gedanke, dass ich es bis ins x-te Stockwerk hochtragen muss, bereitet mir Unbehagen.

In einer Rechtskurve erblicke ich links ein größeres Wartehäuschen. Es ist gerade von ein paar Leuten verlassen worden. Weil ich inzwischen weiß, dass in Russland die Busse auch noch zu Zeiten fahren, in denen sich in Deutschland sogar die meisten Lokführer schon auf den nahen Feierabend freuen, bin ich skeptisch. Hinzu kommt, dass Wartehäuschen in aller Regel die Holzklasse sind: unterste Kategorie. Nein, dafür bin ich nicht müde genug. Ich würde diesem Zustand nur eben ganz gerne vorbeugen. Der nächste Ort ist Swetlogorsk (Светлогорск, Rauschen). Obwohl es schon nach elf ist, sehe ich an jeder Ecke Menschen. Vor Jahrzehnten habe ich mal gehört, die Russen seien nicht solche Wohnungsmenschen, so nach dem Motto »my home is my castle«. Man könne es in Wohnblocks erleben, dass die Wohnungstüren offen stünden und sich die Hälfte des Familienlebens auf der Treppe abspiele. Und die Wohnungen seien auch nicht sonderlich einladend. Ich kann diese alte Einschätzung weder bestätigen noch dementieren, aber sie passt zu dem vielen Volk, das nach meiner Einschätzung durch die Bank nicht nach Party- oder Disco-Besuchern aussieht.

Die Ortschaft ist ziemlich ausgedeht. Als ich mich schon mehr oder minder damit abgefunden habe, dass es hier wieder nichts wird, sehe ich links ein Gelände, das nach einer Mischung von Krankenhaus und Hotel aussieht, davor ein Park. Mir fällt eine offene Pforte auf, und durch diese falle ich ein, um auch diese Chance zumindest in Betracht gezogen zu haben. Das wird hier wohl so etwas wie eine Kurklinik sein. Im Park stehen zwei kleine Pavillons. Deren äußere Ränder sind mit einer Sichtbarriere von etwa einem Meter Höhe versehen, an der entlang Sitzbänke verlaufen. Im Innern stehen zwei Tische. Dazwischen stelle ich mein Fahrrad auf. Daneben kommen meine Matten, und nach einer Karrenzzeit von zehn Minuten, innerhalb derer diejenigen, die mein Kommen bemerkt haben und daran Anstoß nehmen sollten, Gelegenheit gehabt hätten, Kritik und Alternativvorschläge anzubringen, und die ich für die persönliche Hygiene nutze, lege ich mich hin und beschließe den Tag. Lang genug war er ja.

13. Juli

Start der Route / gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Auch in dieser Nacht werde ich einige Male wach, denn das Nachtleben der Stadt hat mit meiner Ankunft noch längst kein Ende gefunden. Da der Park, wie ich erst im Nachhinein so langsam erkenne, in einem spitzen Winkel zweier einander schneidender Straßen liegt und »mein« Pavillon in Sicht- und Hörweite beider Straßen, sehe ich laufend Leute ziemlich nahe an meinem Versteck vorbei laufen, wenn ich mich aufrichte. Und das tue ich, wenn ich wach werde und den akustischen Eindruck habe, dass mir jeden Moment jemand in die »gute Stube« spaziert kommen könnte. (Ich kann in der Dunkelheit tatsächlich nicht entscheiden, ob die Leute da vor dem Gitterzaun entlang schlendern oder dahinter, auf dem Bürgersteig.) In dieser Hinsicht ist meine Gastfreundschaft nämlich eingeschränkt. Mir wäre es lieber, diese Typen ließen mich schlafen – in der Nähe wie aus der Ferne.

Bei einem dieser unruhigen Momente bemerke ich, wie zur Abwechslung mal innerhalb des eingezäunten Geländes jemand herumspaziert. Der Mann ist in einen Bademantel gekleidet, und es sieht aus, als treibe ihn die Schlaflosigkeit ins Freie. Mann, wärst du so freundlich, deine Probleme nicht auf mich zu übertragen?! Halte Abstand, schau nicht herüber, erweck am besten ganz allgemein nicht den Eindruck, als hättest du hier irgendetwas entdeckt, das deinen Entdeckergeist anstacheln könnte! Ja, eine Wendung um 120 Grad ist genau richtig. Weiter so! Du findest bestimmt bald wieder und ganz ohne jede fremde Hilfe die Tür zu deinem Schlafzimmer, und dann ist das Problem nur noch halb so groß, weil zumindest ich dann weiter schlafen kann. Mir ist es einfach nicht so lieb, mitten in der Nacht neugierige Fragen gestellt zu bekommen, die ich ohnehin nicht verstehe oder die letztlich auf die Erwartung hinauslaufen, dass ich meinen Schlafplatz wechsle.

Als ich schließlich aufwache, ist heller Tag. Hätte ich bei vergleichbar hohem Nachmittagssonnenstand den vergangenen Tag beenden wollen, wäre ich bestimmt nicht mal bis Jantarny (Янтарный, Palmnicken) gekommen. Ich ziehe mich erst mal wieder an, was angesichts der erschreckenden Einsehbarkeit all dessen, was über die Sichtbarriere hinausragt, gar nicht so einfach ist. Auch bei Tageslicht ist es mir lieber, abfahrbereit zu sein für den Fall, dass jemand Anstoß an meiner Anwesenheit nehmen sollte. Von dieser Situation trennen mich das verpackte »Bettzeug« und ein solides Frühstück. Erst mal räume ich den Schlafsack und die Matten weg. Danach kann ich die »Fresstaschen« immer noch aufmachen. Gestern Abend hatte ich die unangenehmen kulinarischen Erfahrungen des vergangenen Morgens noch verarbeitet und einen Teil der »Sägespäne« mit einem halben Liter Wasser aus einer der Trinkflaschen angesetzt. Die Plastikschüssel, in der ich das Experiment luftverschlossen angerührt hatte, steht ohnehin schon griffbereit, denn Behälter, für die auch nur eine vage Chance einer Undichtigkeit besteht – sei es von sich aus oder infolge der Erschütterungen und Drücke während der Fahrt –, kommen mir seit 1999 nur noch ausnahmsweise in diese Taschen. Damals fuhr ich durch Frankreich, und ich hatte diverse Puddings schätzen gelernt, wie sie in allen Konsistenzen, Geschmacksrichtungen und Flüssigkeitsgraden von Carrefour, Les Mousquetaires und anderen großen Ketten angeboten wurden. Die wurden meist im Vierer-, Sechser- oder Achterpack angeboten – lauter kleine Becher à 100…150 Gramm –, und irgendwie mussten sie ja mit dem Fahrrad verbunden werden, wenn ich sie nicht auf einmal essen wollte. Nach alter Väter Sitte kamen sie zunächst in die Taschen, aber nachdem mir zum zweiten Mal gleich mehrere Behälter kaputtgegangen und das Werkzeug sowie die übrigen Lebensmittel in einer unbeschreiblichen Weise schokoamalgamiert hatten, reifte sehr schnell der Entschluss, dass es auch anders gehen müsse. Fortan wurden die »Sixpacks« außen an die Taschen bandagiert, wo sie nur durch die Stege zwischen den einzelnen Bechern gehalten wurden. Die Verluste waren nach dieser Umstellung verblüffend gering, und ich hatte in der Folge auch keine Schwierigkeiten mehr damit, Maulschlüssel und Bananen optisch voneinander zu unterscheiden. Angenehmer Nebeneffekt war, dass die Transportkapazität deutlich zunahm, denn ich konnte theoretisch 4x8 dieser Becher mitnehmen, und da kommen dann schon ein paar Kilo zusammen.

Die Flocken schmecken diesmal ganz und gar nicht mehr hölzern, sondern überraschend zart. Lediglich der Nachgeschmack ist etwas herber, um nicht zu sagen: leicht bitter, aber dafür sind sie bestimmt umso gesünder (weil reine Rohkost), und mit Bananen und Äpfeln angereichert lässt sich dieser optisch unverändert wenig attraktive Brei vielleicht geschmacklich in die gewünschte Richtung trimmen. Hm …, na ja, es geht so.

Während ich so versuche mir einzureden, dass ich gerade einen Leckerbissen der ganz besonderen Art kaue und dass es schlechter Stil sei, auf Kekse auszuweichen, die zwar eine sichere Bank wären, aber ein rotes Tuch für jeden Zahnarzt (oder die Leimrute – ja nachdem, ob er an den beschwerdefreien Biss seiner Nichtpatienten oder an seine Einkünfte denkt), bemerke ich eine schwarze Maus, die in den Pavillon gehuscht ist und hier entweder traditionell mit Krümeln versorgt wird oder etwas viel Versprechendes gerochen hat oder einfach nur zufällig vorbeigekommen ist. Tja, Mausi, bei Keksen wärst du mit von der Partie, denke ich mir. Aber was willst du mit Haferschleim? Solch wässrige Kost kann doch nicht dein Fall sein, oder leidest du unter Geschmacksverirrung? Vielleicht haben wir beide ja dasselbe Problem. Ich will aber nicht schuld sein, wenn du Magenbeschwerden bekommst, auch wenn du dich mit Sicherheit viel leichter tust, einer möglicherweise beschleunigten Darmtätigkeit freien Lauf zu lassen. Meine Verdauung funktioniert unterwegs zwar nicht unbedingt in jedem Abschnitt schneller, aber wenn ich ein Bedürfnis habe, kann ich es nicht annähernd so gelassen vertagen wie im normalen Büroalltag. Eine solche Reise, kombiniert mit dieser Ernährung, macht mir unerfreulich häufig bewusst, woher der Begriff Notdurft kommt. (Und Not macht erfinderisch!) Derweil lässt mich die kleine Schwarze zurück, um sich ergiebigeren Jagdgründen zuzuwenden.

Bahnhof Swetlogorsk/Rauschen

Swetlogorsk (Светлогорск, Rauschen) ist noch weit ausgedehnter, als es mir in der Nacht schien. Jedenfalls habe ich nicht kurz vorm Ortsausgang genächtigt. Am nächsten Abzweig biege ich in Richtung Norden ab; vielleicht gelingt mir ein Blick aufs Meer bzw. auf die Steilküste oder irgendetwas, das mir einleuchtend erscheinen lässt, warum hierher so viele Menschen fahren, und sei es nur übers Wochenende. Vorerst mündet die Straße jedoch in eine andere, die so wie die an der Kurklinik vorbeiführende Magistrale ebenfalls ziemlich parallel zum Strand verläuft. Hier ist nur wenig Verkehr, dafür mehr Handel. Heute ist Sonntag, aber das schert hier kaum einen Händler, am wenigsten diejenigen, die versuchen, Touristensouvenirs an den Mann zu bringen. Die meisten der Bernsteinderivate sehen sehr schön aus, und wahrscheinlich wurde auch ziemlich viel Arbeit investiert – obwohl mich hier und da der Preis vermuten lässt, dass das entweder nicht immer stimmt oder dass einzelne Produkte quersubventioniert werden (was ich persönlich für ausgeschlossen halte). Aber dann denke ich mir: Selbst wenn sie dir das jetzt nach Deutschland expedierten, womöglich noch im Preis inbegriffen – was würdest du letztlich damit machen, außer einmal im Monat zu versuchen, ohne fortschreitende Zerstörung den Staub von dem Zeug zu wedeln oder zu pusten? Es gibt natürlich auch Halsketten und Armreifen, bei denen sich dieses Problem nicht stellt, aber Bernstein ist in meinen Augen ein ganz spezielles Schmuckmaterial: Es wirkt rasch wie ein Klunker, auch wenn es natürlich nicht so protzig daher kommt, als wären die wachteleigroßen Elemente stattdessen aus Gold. Ich erwerbe lieber ein paar Bananen; die muss ich wenigstens nicht noch bis nach Moskau und wieder zurück schleppen. Ohnehin wirkt das Beförderungsmittel Fahrrad auf eine »natürliche« Weise souvenirbegrenzend. In jede kleine Murmel müsste ich Energie investieren (und dafür Platz schaffen).

Die Kirschen haben übrigens auch hier saftige Preise. Die waren gestern also kein singuläres Ereignis. Bestenfalls handelt es sich dabei um ein Kartell. Ich muss also bluten oder auf andere Früchte ausweichen, und das tue ich dann auch: Bananen sind ja sowieso billig, aber in Russland sind sie noch mal deutlich günstiger. Kann das allein an der Mehrwertsteuer in Deutschland liegen? Umgerechnet 70 Cent für das Kilo lassen das unwahrscheinlich erscheinen. Gibt es »Sondergeschäfte« mit »Bananenrepubliken«?

Hochufer Swetlogorsk/Rauschen

Der nächste Abzweig nach Norden verschafft mir tatsächlich einen Blick hinunter aufs Meer. Es ist wirklich so: Dies ist keine flache Küste. Wer hier vom Strand wieder herauf kommt, benötigt zumindest ein bisschen Puste. Das sind schon ein paar Treppen. Später werde ich erfahren, dass es sogar eine Seilbahn gibt und dass diese keine Innovation der Russen ist. Arme Touristen! Wer sich bei diesen, durchaus moderaten Temperaturen, mit 30 oder 40 Höhenmetern überfordert fühlt, der sollte vielleicht vorerst etwas anderes ins Auge fassen als das, was in Rimini der Teutonengrill genannt wird. (Ich würde dort sowieso Krankenkassenvertreter hinschicken und je nach solar vermitteltem Hautlederungsexzess Risikoaufschläge verordnen. Aber dann würden die am Ende auch mir auflauern und behaupten, dass Radfahren in Russland nicht von der Grundsicherung abgedeckt sei.) In Jantarny haben sie zum Beispiel Beach-Volleyball gespielt – nur mal so als kleine Anregung für die Ertüchtigung zum Treppensteigen.

Villenviertel in Swetlogorsk/Rauschen

Nach diesem Blick auf die nordöstliche Ostsee verfolge ich weiter die gestern Abend eingeschlagene Richtung. Rechts und links der Straße liegen Grundstücke, die vielleicht nicht unbedingt mit denen in Grünwald konkurrieren können, jedenfalls nicht im Durchschnitt, aber das liegt erstens daran, dass hier nicht alles so verrammelt ist wie in Grünwald – wer es in Russland zu was gebracht hat, der hat weniger Scheu, das zu zeigen –, zweitens kann zumindest ich mich an kein Gebäude in Grünwald erinnern, von dem ich gesagt hätte: Genau so eines möchte ich auch! (Gut, die Anwesen waren zumindest vor zwölf Jahren schon manchmal recht schnuckelig, soweit man das von der Straße aus überhaupt sehen konnte, aber der Auslauf ist ja nicht alles, zumal der privat eingezäunte ohnehin nicht mit dem öffentlich zugänglichen im Grünwalder Forst konkurrieren kann.) Und drittens sind die Verhältnisse ohnehin nicht gleichzusetzen. Die mäßige Nähe der Alpen und der einen kurzen Fußweg entfernte und für russische Verhältnisse spektakuläre Strand – das sind verschiedene Welten.

Obgleich sowohl Swetlogorsk als auch Pionerski (Пионерский, Neukuhren) Küstenorte sind, verbindet sie entlang der Küste keine Straße. Die Eisenbahn kommt dem Wasser noch am nächsten. Aber wer sich von Umleitungsschildern nicht irre machen lässt und sich nicht zu schade ist, das Fahrrad auch mal über irgendwelche Gräben und andere Hindernisse zu hieven, die infolge baulicher (genau genommen eigentlich bis zu diesem Zeitpunkt eher destruktiver) Tätigkeit temporär unpassierbar erscheinen und dies für gewöhnliche Kraftfahrzeuge ja auch tatsächlich sind… – wer also so veranlagt ist, der glaubt nicht, dass noch kein Fußgänger und Wanderer zwischen den Strandwelten auf den Gedanken verfallen wäre, den direkten Weg zu suchen. Freilich, es gibt ihn, es muss ihn geben: am Strand entlang. Das jedoch will ich weder meinem Fahrrad noch mir antun, denn Sand und Salzwasser sind Feinde aller Kugellager, und ein Fortkommen ist am Wasser fahrenderweise auch eher unwahrscheinlich. Aber so in 100 Metern Entfernung vom Wasser… – da müsste doch was zu machen sein. Und so folge ich jedem Weg und jeder unscheinbaren Straße, die mich auf andere Pfade führt als auf die dreimal so lange Straße nach Pionerski.

Allein – die Suche ist von allen möglichen Erkenntnissen gekrönt, nur nicht von der Ankunft in Pionerski. Wer weiß, vielleicht sind sich die Orte nicht grün, vielleicht konkurrieren sie ja um Kundschaft und wollen nicht, dass der interessierte Urlauber vergleichenderweise mal »um die Ecke« schaut. Dabei ist das im Auto ein Kinderspiel, und das macht meine Suche letztlich auch albern. Der aufwändig erscheinende Umweg ist keine fünf Kilometer lang. Dies rechtfertigt keine Suche, eher schon das prinzipielle Aufbegehren dagegen, immer nur der Route der Motorisierten folgen zu müssen, wenn ich von A nach B bzw. von S nach P will.

Mühlteich in Swetlogorsk/Rauschen

Zum Abschluss meines Herumstöberns lande ich wieder auf der Hauptstraße. Diese gewinnt durch ihre Lage am Mühlenteich. Ich weiß nicht, wie der heute heißt, aber sein Abfluss soll mal Mühlen angetrieben haben, und so, umgeben von gut situierten Grundstücken am dem Meer abgewandten Hang und von Wald, macht er was her, und wem der Trubel oder die Sonne am Strand zu intensiv wird, der verkriecht sich vielleicht im Mischwald; reizvoll sieht das jedenfalls aus.

Strand bei Pionerski/Neukuhren

In Pionerski angekommen will ich ebenfalls mal an den Strand. Sie wollen alle dahin, sie nehmen Staus und Gewühl und – wer weiß? – vielleicht sogar gebührenpflichtige Parkplätze auf sich; er muss einfach was haben, was nicht alltäglich ist. Aber meine Ankunft am Sand ist diesbezüglich nicht gerade euphorisierend. Der ist weder ein Geheimtipp (obwohl man nicht ernstlich behaupten könnte, dass die Wasserkante überlaufen sei) noch schneeweiß (allerdings habe ich noch nirgends wirklich schneeweißen Sand gesehen) noch fein wie Mehl noch besonders sauber. Vielleicht ist der Betrieb der Feriensaison geschuldet oder der Tatsache, dass heute Sonntag ist. Aber hier will ich einfach nur weiter; ein Strandmensch bin ich ohnehin nicht. Also kurbele ich mich den Hang wieder hinauf, denn auch Pionerski liegt mehrheitlich oberhalb des Hochufers.

Die Weiterfahrt nach Selenogradsk (Зеленоградск, Cranz) verzögert sich unerwartet, abgesehen davon, dass die Piste auch diesmal wieder wie eine Girlande ins Binnenland »durchhängt«: Am Ausgang der Ortschaft wechselt der Straßenbelag, genauer: Er endet. Weiter geht es auf einer Melange aus Schotter und lehmigem Sand. Es ist nicht so, als führe man auf einem Eisenbahndamm, auf dem gerade die Gleise und Schwellen entfernt worden wären, aber der Widerstand ist doch deutlich größer, und der Luftdruck auf den Reifen ist hier noch einen Tick wichtiger, weil man sonst riskiert, sich an einer überdurchschnittlich weit aufragenden Granitspitze einen »Felgenkneifer« zu holen, und der klingt nicht nur blöd und verzögert die Weiterfahrt, sondern der kostet meist auch gleich zwei Flicken aus einem endlichen Vorrat. Wenn mir ein Auto entgegen kommt, das fährt, als sei der Eigentümer gegen Unterbodenschäden versichert, kommt für Sekunden Sahara-Feeling auf: Staub wirbelt hoch und verhindert für Sekunden die Sicht. Minuten dauert es, bis er sich gänzlich gelegt hat – oder der nächste Ungeduldige heranbrettert.

Kurz nachdem das losgegangen ist, muss ich mal »wohin« – keine »große Sache«, aber auch für »Geständnisse« suche ich nicht gerade Publizität. Praktisch schon außerhalb der Stadt liegt rechts ein Gebäude, das ganz offensichtlich verfällt und nicht mehr benutzt wird. Es gibt eine Durchfahrt in den Innenhof; dieser scheint mir genügend diskret. Das haben vor mir wohl schon andere so gesehen, allerdings für andere Zwecke, jedenfalls sind ihre Hinterlassenschaften dauerhafter: Müll türmt sich auf, Haushaltsmüll und Bauschutt, nicht in einem einzelnen kriminellen Akt hierher »entsorgt«, sondern Häufchen für Häufchen aus zahlreichen Kleintransporten platziert. Mein Ordnungssinn regt sich. Große Schweinerei! Könnte man hier nicht mal aufräumen? Also, ich würd’s ja tun, aber das nähme kein Ende – hier nicht und über alle wilden Müllkippen und verwahrlosten Grundstücke betrachtet erst recht nicht. Warum gibt’s so was immer wieder? Ich kenne ja solche Schandflecken auch aus Deutschland, und wenn’s kein Müll im Wald ist, dann sind es verfallende Häuser, unbewohnt, aber von ihren geklärten oder ungeklärten Eigentümern sich selbst überlassen. Gibt es gegen solche Wunden im landschaftlichen oder städtischen Erscheinungsgebiet kein Mittel? Während ich über den Schotter stuckele, denke ich darüber nach: Die wilden Müllkippen entstünden vermutlich nicht, wenn Entsorgung generell kostenlos wäre, was natürlich nur dann ginge, wenn die tatsächlich dennoch entstehenden Kosten zuvor auf die Verkaufspreise aufgeschlagen worden wären. Wahrscheinlich ist das einfacher gesagt als getan, denn wer berechnet all diese Kosten? Und wer organisiert die Umverteilung von der Erhebung im Einzelhandel hin zu den Entsorgern an mitunter ganz anderen Orten? Vermutlich müsste man … Ach was, Details – wie soll ich das denn hier vom Sattel aus klären? Und was wäre mit den Ruinen? Ich denke, dass man einen nutzungsabhängigen Aufschlag auf die Grundsteuer für deren Abriss vorhalten sollte. So was wird mit der Zeit immer wahrscheinlicher und immer teurer, und darum wäre eine dauerhafte Abgabe passend. Wenn der Eigentümer irgendwann selbst »aufräumen« sollte, müsste die Kommune ihm natürlich die Rücklage auszahlen. Und wenn er nicht zu identifizieren sein sollte oder nicht zahlt, wird der Grundstückswert abzüglich Abrisskosten geschätzt, und sobald die Rückstände größer als diese Differenz werden, fällt das Grundstück an die Kommune, die den Abriss dann selbst macht, und sie müsste dazu auch verpflichtet werden, sonst käme mancher Stadtrat womöglich auf die Idee, das Geld für etwas anderes zu verwenden und die eine oder andere Ruine im Ortsbild dafür noch eine Weile zu tolerieren. Aber genug der Träumereien – mich fragt danach ja ohnehin niemand.

In Selenogradsk suche ich einen Markt auf. Vor mir liegt die Kurische Nehrung, und wie es dort um die Versorgungslage bestellt ist, will ich möglichst nicht erst vor Ort feststellen. Es könnte sein, dass die Verhältnisse schwierig sind – immerhin ist Sonntag –, und das wäre auf einer 100 Kilometer langen Sandbank nicht so schön. Hinzu kommt, dass die russisch-litauische Grenze ungefähr in der Mitte der Nehrung liegt. Wenn in Litauen nichts geht, kann ich nicht mehr zurück, denn mein Visum sieht nur zwei Einfahrten nach Russland vor, und die zweite ist eigentlich für St. Petersburg und alles, was danach kommt, gedacht.

Nach einem Abzweig offenbart sich buntes Treiben. Da sind Stände für alles Mögliche, auf Touristen zugeschnitten und für den örtlichen Bedarf. Der Sonntag ist, wie gesagt, im Einzelhandel ein Tag wie jeder andere auch. Die Buden ziehen mich jedoch nicht so an. Am Eingang eines Flachbaus gibt es ein reges Kommen und Gehen; dort will ich mal mein Glück versuchen. Im Inneren erweist sich das Gebäude jedoch nicht als Selbstbedienungsladen, sondern als eine Ansammlung der verschiedensten Thekenläden. Hier ist also Verständigung angesagt, wenn ich was will. Mir ist es vor allem um meine bordeigene Süßwarenabteilung zu tun. Kekse, Kuchen, Schokolade, Waffeln und alles in dieser Richtung – es ist immer so schrecklich schnell weg. Dabei bin ich noch auf Diät, will sagen: Noch versuche ich den Blutzuckerspiegel dadurch zu stabilisieren, dass ich mit Haferflocken und anderen »Darreichungsformen« komplexerer Kohlenhydrate der Bauchspeicheldrüse etwas für die kommenden Stunden anstatt für die nächsten 30 Minuten zu tun gebe. Wenn das klappen würde, wäre das ja auch nicht schlecht: Man würde sich in größeren Abständen den Bauch so richtig voll hauen und danach für 50 Kilometer oder so im Frieden mit der Speisekammer leben; außerdem wäre die Insulinproduktion nicht solchen Berg- und Talzyklen ausgesetzt. Nicht zuletzt würde eine solche Vorgehensweise auch der Zahnpflege ein wenig von ihrer Absurdität nehmen, denn normalerweise putzt man sich die Zähne ja nach dem Essen, aber nach dem Essen ist hier vor dem Essen, also wie soll das gehen? Doch ich weiß nicht, ob diese Strategie auf Dauer funktioniert. 1999 habe ich in Frankreich mal im letzten Drittel der Reise aufgepasst, was ich so verdrücke. Damals standen Obst, Baguettes und Nougatcreme ganz oben auf dem Speiseplan, und wer das bis hierher noch normal findet, der nehme zur Kenntnis, dass der dritte Posten täglich (!) mit ca. einem halben Kilo zu Buche schlug. Das sind 250 Gramm raffinierter Zucker allein auf diesem Wege, nicht gerechnet all die Puddings und anderen Süßigkeiten. Und natürlich sind Nutella & Co. auch reich an pflanzlichen Fetten. Dass ich auf der damaligen Tour dennoch fünf Kilogramm Gewicht verlor, war den fast täglichen Kletterpartien geschuldet, und als ich die erwähnte Bilanz aufstellte, war ich in den Seealpen; da geht es schon ganz ordentlich zur Sache.

Also Waffeln; es geht hier um Versorgung, nicht um Askese. Das Angebot ist vielfältig, aber nur wenige Dinge werden nach dem Motto »Das Auge isst mit« ausgelegt. Kartons und die erwähnten Plastiktüten dominieren. Ich lasse mir zwei Arten von Waffeln abfüllen – ja, es darf ein bisschen mehr sein – und versenke sie nach dem Weg ins Freie in meinen Packtaschen am Lowrider. Aber zu einem regelrechten Vorrat hat dieser Einkauf jetzt noch nicht geführt.

Der Navigator, den ich wieder am Lenker befestige, signalisiert mir schwache Batterien, und damit mir kein Meter des Weges unprotokolliert bleibt, fördere ich zwei AA-Batterien aus dem Fundus ans Tageslicht. Ich habe den Garmin erst kurz vor Antritt der Reise gekauft, hin- und hergerissen von der Tatsache, dass ich mit meinem Superstick, der zudem noch eine Erwerbung dieses Jahres ist, eigentlich bereits ein erprobtes Gerät zur Verfügung habe, mit dem ich Routen aufzeichnen kann. Das Problem ist nur: Nach vier Tagen ist sein Speicher voll. Die Hersteller hatten offensichtlich Kunden im Blick, die täglich oder zumindest spätestens nach dem Wochenendausflug Zugang zu einem PC haben. Dort kann man die Daten auslesen, den Speicher löschen, und dann kann’s wieder in den Busch, auf die Piste oder wohin auch immer gehen. Die Batterien halten dafür eine ganze Woche lang, also eigentlich eine sparsame Sache. Das Problem ist nur: Ich habe keinen PC dabei, und im Internet-Café ist die Software nicht verfügbar, die zum Download der Daten benötigt wird (und natürlich kann ich an solchen Orten nichts installieren). Ich musste mich also zwischen einem Notebook und einem anderen Navigationscomputer (mit deutlich größerem Speicher) entscheiden. Nahe liegend war das Notebook; ich dachte mir so in meiner Naivität – denn eigentlich hätte ich es aus den Erfahrungen, genauer: aus der Erinnerung an meine Befindlichkeit während der vergangenen Touren besser wissen müssen –, dass es keines zweiten Navis bedürfe (auch wenn der Trackstick kein Navigationsgerät im eigentlichen Sinne ist, da er ja über keine Anzeige verfügt), und auf einem Notebook könnte ich unterwegs Logbuch führen. Dann wäre der Reisebericht sozusagen mit dem Ende der Reise fertig. Klasse Idee! Glücklicherweise suchte ich für den Erwerb einen Fachhändler auf, und das einzige Gerät, das von seiner Größe her für mich in Frage kam, war der EEE-PC von Asus. Ich wurde an die Chefin verwiesen, als ich wissen wollte, wie schnell das 901er Modell verfügbar gemacht werden könne. Tja, und diese Dame verriss den Service von Asus (nicht das Gerät selbst) derart engagiert, gründlich und auch recht glaubhaft (ich könne aber zum Mediamarkt gehen – die würden mir so ein Ding bestimmt verkaufen), dass ich vom Kauf Abstand nahm, mich für die Beratung bedankte und gleich nach Heroldsberg weiterfuhr, wo ein Garmin-Händler residierte. Internet-Geschäfte waren mir in der Kürze der Zeit, wenige Tage vor der Abreise, zu riskant. Der Händler versicherte mir, dass ein normaler Batteriesatz einen kompletten Tag lang reichen würde. Ich hatte verlässlich wissen wollen, mit welchen Vorräten ich aufbrechen musste, denn Batterien sind manchmal so eine Sache: Preise und Qualität schwanken mitunter extrem, nicht zu reden von der Verfügbarkeit. Wer weiß, wo die Russen fertigen lassen bzw. woher sie importieren. Also versenkte ich ein ansehnliches Paket Elektrizität in einer meiner Packtaschen und vertraute darauf, dass das schon reichen werde. Vorerst reicht es noch.

Ich verlasse den Markt und folge wieder der Hauptstraße. Rechts und links wird heftig gebaut. Es ist beeindruckend. Ist hier plötzlich der Wohlstand ausgebrochen, dass so viele Menschen ihr bisheriges Heim aufgeben (denn man kann nicht gerade behaupten, dass die russische Bevölkerung wächst)? Man zeigt Mut zur Aussicht, sprich: zur Höhe. Hoffentlich kommen die in zehn Jahren nicht auf die Idee, dass Hochhäuser in einem Ostseebadeort nicht so prickelnd sind. Aber das müssen sie schließlich selber wissen.

Zugang zum Kurischen Haff bei Selenogradsk/Cranz

Der Navigator zeigt mir Richtung Südost an. Das muss sich aber bald ändern, wenn diese Straße zur Nehrung führen soll, denke ich mir. Es ändert sich nicht. Zwischendurch überquere ich einen Kanal, und schilfiges Gelände nach beiden Seiten lässt Raum für Spekulationen, ob das Haff links oder rechts ist. Links sollte es nicht sein. Ist es aber doch, wie ich wenig später anhand von Wegweisern nach Kaliningrad (Калининград, Königsberg) erkenne. Dies war die falsche Route, also zurück!

Anderthalb Kilometer später sehe ich, wo ich hätte abbiegen müssen. War das nicht klar erkennbar? Wo hatte ich meine Augen? Ich folge der Straße in Richtung Nordosten, und diesmal bin ich mir sicher, auf dem richtigen Weg zu sein. Wäre hier vielleicht noch so etwas wie ein Supermarkt? Ein entfesselter Aufbruch sieht anders aus.

Kurz vor dem Ortsausgang erblicke ich nach einem erfolglosen Versuch zur Linken rechts einen Hinweis auf einen Супермаркт. Tja, früher hieß das noch Магазин (Magasin) und manchmal auch einfach nur Продукты (Produkte), aber der Begriff Supermarkt hat insofern seine Berechtigung, als er tatsächlich eine Zeitenwende darstellt: Größere Vielfalt, Selbstbedienung, schnellere Abfertigung und nicht zuletzt, wenn man auf günstige Angebote achtet, günstigere Preise. All das ist allerdings der gewachsenen Mobilität geschuldet; wenn die Kunden zu den Waren kommen anstatt umgekehrt, lässt sich eben vieles bündeln, und dann sinken auch die Preise. Der Nebeneffekt ist jedoch, dass die teilweise geradezu mikroskopischen Geschäfte auf dem Dorf es schwer haben; ein zeitgemäßes Auskommen ist damit kaum noch zu erzielen, besonders, wenn innerhalb eines 300-Seelen-Nestes gleich drei solche Lädchen nebeneinander existieren wollen. Noch gibt es sie, aber wie lange werden sie sich halten?

Der Supermarkt also – er soll mir alles geben, was noch fehlt. Erneut schließe ich mein Fahrrad an, demontiere Navi, Tacho und Lenkertasche und strebe ins klimatisierte Innere. Voll beladen trete ich wieder ins Freie. Eine Premiere ist die Unterbringung all der Sachen inzwischen nicht mehr. Spannend bleibt das Stück dennoch. Während ich da so werkele und nebenher den luxuriösen und gekühlten Fruchtjoghurt eines deutschen Herstellers schlürfe, spricht mich jemand an. Ich richte mich auf. Deutsch? Ein leichter Akzent ist zu bemerken; das ist wahrscheinlich kein Deutscher. Der Mann ist nicht allein; eine junge Frau und zwei halbwüchsige Jungs stehen direkt hinter ihm. Er muss die Fahne auf meiner Lenkertasche gesehen oder sich gedacht haben: Wer soll hier schon sonst mit dem Fahrrad unterwegs sein? Er erzählt mir, dass sie aus Deutschland kommen; er arbeite dort schon seit einigen Jahren. Seine Frau ist Deutsche, und die Kinder sind zweisprachig aufgewachsen. Das werden sie gut gebrauchen können, denke ich mir. Sie wollen wissen, was ich vor habe. Na ja, heute will ich erst mal sehen, wie weit ich auf der Nehrung komme. Nach meinen Plänen wollte ich ja eigentlich schon gestern aus Russland wieder heraus sein; mal sehen, was sie an der Grenze zu der eintägigen Verspätung sagen. Dann soll das Baltikum kommen, und St. Petersburg wage ich anzudeuten. Ja, dann mal gute Reise! Danke, Ihnen noch eine schöne Zeit hier. Die Welt ist doch ein Dorf.

Zufahrt zur Kurischen Nehrung bei Selenogradsk/Cranz

Nach einer langgezogenen S-Kurve ist sie da: die Kurische Nehrung. Rechts Wald, links Wald, in der Mitte die Straße, und nichts deutet darauf hin, dass dies lediglich ein wenige hundert Meter breiter Sandstreifen ist, aufgetragen vom Wind von der einen Seite und den Flusssedimenten von der anderen. So unspektakulär kann eine meeresnahe Gegend sein. Einen Kilometer später geht die Nehrung administrativ los. Ich hatte doch in meiner Naivität tatsächlich geglaubt, dass allein aufgrund der Tatsache, dass die Nehrung für die Russen mehr oder weniger eine Sackgasse ist, seit die Baltischen Staaten nicht mehr mit ihnen zur Sowjetunion gehören und ihnen seither den Grenzübertritt erschweren, sich kaum jemand dorthin begeben würde. Warum soll man da hin, wenn es doch nicht weiter geht? Stattdessen staut sich der Verkehr, und für Kraftfahrer wird so etwas wie ein Eintritt fällig. Während ich mich zwischen den mehrspurig Wartenden hindurch fädele, kommen wichtige Autofahrer: viele PS, dunkler Lack, hohe Bodenfreiheit, mit einem Wort: SUV. Sie haben anscheinend höhere Rechte, müssen nicht anstehen, können auch den Gegenverkehr ignorieren. Der Gegenverkehr sieht das anders. Alles steht. Nach einigen Bedenksekunden beginnt das Rangieren. Niemand hupt, und die VIPs passieren bald darauf die Schranke. Man kennt das offensichtlich. Warum sich über das Unvermeidliche aufregen?

Strand an der Kurischen Nehrung

Damit dieser Weg nun aber nicht »Waldmeer, Sandmeer, nichts mehr« bleibt, biege ich bei passender Gelegenheit mal nach links (also nach Norden) ab, um den Strand zu inspizieren. Der kurze Weg durch den Tann ist vergleichsweise einfach, aber kaum gerate ich in die Dünen, wird selbst das Schieben anstrengend. Der Sand bremst gnadenlos. Ich lasse mein Gefährt auf Sichtweite stehen und stapfe zur Kuppe. Ah, das Meer. Und ein paar Leute. Man ist hier zwar nicht regelrecht einsam, aber es gibt viel Auslauf und dabei nur eine geringe Kollisionswahrscheinlichkeit. Jetzt hier noch einen kleinen, gepflegten Strandladen, weil an der frischen Luft und nach gelegentlichen Ausflügen ins Wasser der Appetit unweigerlich und mit Macht kommt – und die Sache wäre perfekt. Kommt schon noch, Leute, verlasst euch drauf. Nur vielleicht nicht gerade im Kilometertakt – schließlich muss genügend Kundschaft da sein.

Kurische Nehrung, Weg zum Strand

Also wieder zurück und weiter entlang dem Rückgrat der Halbinsel! Ich habe mir diese Straße wie etwas schnurgerade Endloses vorgestellt. Natürlich weiß ich, dass die Nehrung keine Gerade ist, eher so eine Banane, wenn auch weniger gekrümmt und viel schlanker. Aber wenn sie durch einen Ellipsenbogen angenähert würde, der sich keine Schlenker leistet und nur um einen seiner Brennpunkte verläuft, dann wäre die R515 über viele Kilometer einsehbar. Sie ist es jedoch nicht. Sie hat kleine Wellen, möglicherweise Setzungen, und sie stöbert gewissermaßen durch die Gegend, mal hier schnuppernd und mal dort eine Markierung hinterlassend. Warum das so ist, weiß ich nicht, aber es ist wohl besser so, denn Kraftfahrer brauchen Abwechslung, sonst nicken sie schneller ein.

Lesnoje/Sarkau am Kurischen Haff

Der erste Ort auf der Kurischen Nehrung ist Lesnoje (Лесное = Walddorf, Sarkau). Viel macht er nicht her. Ich fahre auch nicht durch jede Straße. Welche Zukunft diese Dörfer hier haben, hängt ganz wesentlich vom Tourismus ab und davon, ob es hier Hotels gibt bzw. geben wird. Dies mag Einschränkungen unterliegen, denn die Nehrung gehört zum Weltkulturerbe. Ich frage mich, ob man sich da mit der Liste vertan hat. Müsste es nicht vielmehr das Weltnaturerbe sein? Gut, Herr Epha hat im 19. Jahrhundert dafür gesorgt, dass die Dünen wieder bepflanzt wurden. Auf diese Weise hat er den ewig umgestaltenden Kräften des Windes deutlich Einhalt geboten, aber dass die Nehrung jetzt überwiegend von Wald bedeckt ist, stellt keine kulturelle Leistung des Menschen dar. Das war lediglich eine restaurative Besinnung, und zwar aus der Not heraus, auf das, was vor seinem zerstörerischen Eingriff lange Zeit vorher schon mal existierte. Oder meinten die Mitglieder des World Heritage Committee die menschlichen Ansiedlungen? Vielleicht das Thomas-Mann-Haus? Na ja. Also, noch habe ich es ja nicht gesehen.

Weiter geht’s. Der Straßenverkehr ist auszuhalten, aber er nimmt kaum ab, was er eigentlich tun müsste, denn warum sollten die Leute alle bis zur litauischen Grenze fahren? Etwa nach der Logik: Jetzt haben wir bezahlt, jetzt wollen wir es auch auskosten!? Ob da wohl noch irgendwo eine Tankstelle kommt? Blöd, wenn einem hier der Sprit ausgeht. Für diejenigen, die sich kein Auto leisten können oder es nicht für den Ausflug zum Strand nehmen wollen, gibt es Busverbindungen, ganz regulär, wie fast überall im Land. Das ist zwar kein Luxus, aber ein ums andere Mal erscheint es mir mehr, als in Deutschland außerhalb der Städte geboten wird.

in den Dünen der Kurischen Nehrung in den Dünen der Kurischen Nehrung
in den Dünen der Kurischen Nehrung Ostseestrand der Kurischen Nehrung

Bei einem Abstecher zum Haff finde ich natürlich weniger Treiben. Der Strand kann nicht mit dem auf der Ostseeseite mithalten, und Wellengang ist auch keiner. Dafür prügelt ein Scooter übers Wasser. Mir fällt Robert Gernhardts »Elftes Gebot: Du sollst nicht lärmen!« ein. Leute wie diese wollte er glatt von dieser Erde tilgen. Im Moment kommt mir das Ding nicht so laut vor, aber grundsätzlich ist auch mir Rücksichtnahme ein hohes Gut.

Kurisches Haff Kurisches Haff

Kurz vor Rybatschi (Рыбачий, Rossitten) erhebt sich links Müllers Höhe, der höchste Punkt der Dünen auf russischer Seite mit 43 Metern über dem Meeresspiegel. Es gibt einen kleinen Parkplatz gleich neben der Straße, aber ich parke lieber nicht. Ich ziehe es vor, meinen fahrbaren Untersatz die Düne hinaufzuschieben. Ja, schieben, denn mit Fahren ist hier bald nichts mehr zu wollen. Erst steigt der Weg an, dann löst er sich auf, und ob ich vor dem Scheitern wegen der Klickpedale noch einmal umkippe oder nicht – im losen Sand ist ohnehin nichts mehr zu wollen. Aber 43 Meter sind eine endliche Höhe; da hatte ich schon härtere Hindernisse. Der Ausblick oben ist allerdings erst mal nicht so spektakulär, wie ich das erwartet hatte, denn erstens ist auch Müller Höhe bewaldet – und die Bäume sind natürlich höher als ich –, und zweitens erhebt sich die sandige »Brandung« nach einem Abschwung in Richtung Ostsee noch einmal, wenngleich nicht ganz so hoch wie hier. Der Strand entzieht sich so jedoch meinen Blicken. Lediglich eine Plattform weit draußen ist zu erkennen. Wer weiß, vielleicht bastelt Gerhard Schröder dort gerade an seiner Ostseegasleitung.

Kurischen Nehrung, Blick zur Ostsee Kurischen Nehrung, Blick zur Ostsee
in den Dünen der Kurischen Nehrung in den Dünen der Kurischen Nehrung

Fahrrad auf Müllers Höhe

Aber es gibt ein paar hundert Meter weiter südlich zwei Aussichtsplattformen. Die eine, niedrigere aus Holz ist für die Treppensteiger. Ich besuche sie zuerst, denn auf der anderen Plattform turnen gerade ein paar junge Leute herum. Sie ist höher, und natürlich will ich auch dort noch hinauf, aber besteht aus einer Stahlrohrkonstruktion, und die eiserne Leiter nach oben ist etwas für die Mutigeren, und wer diesen Weg trotz Gegenverkehr antritt, muss schon ein wenig artistisch veranlagt sein, denn das verlangt den Unterwegsseitenwechsel auf der Leiter – nichts für jedermann. Ich muss, als der Weg endlich frei ist, gut aufpassen, denn der Stahlzinken, mit dem ich mich üblicherweise in die Pedale einklinke, verschafft mir auf den Stufen keinen besonderen Halt. Winkle ich die Füße an, mag es gehen, aber wenn ich das mal vergesse, könnte mich die geringe Haftung übel überraschen. Also halte ich mich gleich von vornherein vor allem mit den Händen fest.

Von hier oben kann man Rybatschi gut sehen, außerdem eine große kahle Fläche im Norden auf der Haffseite, und wenn man den Ausblick nach Norden mit dem nach Süden vergleicht, kann man auch schön die Krümmung der Nehrung erkennen.

Rybatschi/Rossitten Kurische Nehrung, Blick nach Südwesten
Kurische Nehrung, Blick nach Nordosten Kurische Nehrung, Blick nach Nordosten

Also gut, jetzt noch das Dorf, und dann ab zur Grenze! Ich steige wieder hinab und stapfe dann mit dem Fahrrad hinunter zur Straße. Kurze Zeit, nachdem ich die Hauptstraße wieder erreicht habe, führt rechts ein Abzweig durch Rybatschi zum Haff. Und wie ich so entlang einer der Straßen fahre, höre ich aus einem Haus von links Gesang. Es ist typischer russischer Gesang: Zwei Frauenstimmen, vermutlich nicht mehr ganz jung, folgen den mal weit auseinander, mal eng beieinander liegenden Linien von Melodie und Unterstimme. Die Stimmen sind vielleicht nicht mehr ganz klar, aber absolut akkurat. Da ist kein Zittern, und da ist keine Drift. Wow, das müsste man mal aufnehmen, trotz aller dörflichen Hintergrundgeräusche. Wenn ich zurückkomme, werde ich einen Versuch unternehmen. Als ich dann jedoch wenige Minuten später technisch vorbereitet erneut dort aufkreuze, höre ich nur noch eine Wummertröte. Ein klarer Fall für Herrn Gernhardt. Allerdings: Wer weiß, wie lange die Damen ihren Nachbarn oder das Alphamännchen der eigenen Familie schon besungen hatten. Vielleicht waren sie bereits bei Strophe 38 gewesen, und der Ghettoblaster war reine Notwehr. Trotzdem, mir tut es Leid, diese Klänge nicht aufgenommen zu haben.

Nach einiger Zeit kommt die Grenze. Sie ist sogar schon relativ lange vorher zu sehen, weil die Straße hier mal gerade verläuft. Die Ausreise ist denkbar unspektakulär. Die Grenzbeamten nehmen den seltsamen weißen Zettel wieder an sich, den ich bei der Einreise ausfüllen musste, und das war’s. Ich verliere dann auch keine Zeit und fahre sofort weiter. Der eigentliche Grenzverlauf ist mit einem gigantischen Scheinwerfer ausgestattet. Wenn die den einschalten, fällt wahrscheinlich in allen russischen Dörfern der Nehrung der Strom aus. Vielleicht machen sie das aber nur, wenn sie glauben, jemanden direkt auf dem beidseitig eingezäunten Grenzstreifen gesehen zu haben. Wer weiß.

Was nun allerdings kommt, schmeckt mir nur eingeschränkt: ein Fahrradweg. Die Benutzung der gähnend leeren Straße ist für Fahrräder verboten. Ich meine, es kann ja sein, dass hier von Zeit zu Zeit der Teufel los ist – aber wann sollte das eigentlich sein? – und dass Radfahrer, insbesondere solche, die sich außerhalb des Urlaubs eher vierrädrig fortbewegen und daher vielleicht nicht so routiniert mit der Rolle des Schwächeren umgehen können, es dann begrüßen, eine Ausweichoption zu haben. Aber dass sie diese zwingend ziehen müssen… Das ist aber nicht so schlimm, denn ich biege nach kurzer Fahrt rechts ab nach Nida (Nidden). Hier soll irgendwo das Thomas-Mann-Haus sein, und wenn ich mir auch nicht vorstellen kann, bei seinem Anblick einen Ehrfurchtsanfall zu bekommen – dafür muss man wohl mehr von Thomas Mann gelesen haben als die Buddenbrooks –, so will ich doch nicht an allem vorbeifahren, was die Kurische Nehrung auf litauischer Seite zu bieten hat. Es ist ja ohnehin die Frage, wie viel ich davon noch aufnehmen kann, denn der Tag geht allmählich zur Neige, und der zeitweilig komplett bedeckte Himmel dämpft das Tageslicht zusätzlich.

Kurisches Haff bei Nida/Nidden

Erst mal fahre ich in die falsche Richtung. Aber das Dorf ist auch dort ganz nett. Es hat einen ganz anderen Charakter als die Dörfer auf russischer Seite. Die Häuser sehen anders aus; sind die vor 1945 gebaut worden oder nach 1992? Oder hat man immer seinen eigenen Stil gepflegt? Die Russen sind hier als Besatzer empfunden worden, aber was haben sie hier gemacht, d.h., in welcher Weise haben sie die Abläufe geprägt – abgesehen von der nicht ganz unwichtigen Tatsache, dass Russisch und Litauisch zwei völlig verschiedene Sprachen sind und dass natürlich Russisch die Amtssprache war? Klar, es wird vermutlich viel Militär hier gewesen sein – so nahe am Westen. Und ich gehe auch davon aus, dass der ganze ideologische Apparat zelebriert wurde. Aber kulturell und was etwa unternehmerische Freiheiten anging – das müsste man sich mal von jemandem erzählen lassen, der einigermaßen unparteiisch in der Sache ist.

Auch nach dem Richtungswechsel und einer mündlichen Auskunft von einem deutschen Paar – es sieht so aus, als seien hier mehr Deutsche unterwegs als in der Kaliningrad Oblast – finde ich das gesuchte Haus nicht auf Anhieb. Blaue Fensterläden soll es haben und ein bisschen höher am Hang stehen. Na ja, also mit blauen Fensterläden kann ich hier öfter dienen, und das Dorf liegt am Hang; da gibt es zwangsläufig einige Häuser »ein bisschen höher«. Und so steuere ich dann auch erst mal das falsche Haus an. Das ist nämlich bewohnt, und dieser Umstand scheint mir eine klare Kontraindikation zu sein. Also wieder zurück! Wenig später habe ich dann allerdings Glück. Über eine lange, um einige Ecken geführte Holztreppe eile ich nach oben. Auch Digitalkameras benötigen ein paar Lichtquanten für die Herstellung eines Fotos, also nicht herumgetrödelt!

Thomas-Mann-Haus in Nida/Nidden Thomas-Mann-Haus in Nida/Nidden

Dieses Haus gehört zu jenen Dingen, die bei Sonnenschein vermutlich besser wegkommen. Aber ich kann mir das jetzt nicht aussuchen. Nach der Aufnahme poltere ich die Holztreppe wieder nach unten. Hier soll noch irgendwo die höchste Erhebung der Nehrung sein, der Wetzekrug mit 67 Metern. Höher sind nur noch die französischen Atlantikdünen (also, selbstverständlich nur, wenn man ausschließlich die Dünen Europas betrachtet), auf die ich mich im Jahr 2000, fußlahm seit der Bretagne, hinaufschleppte; das war meine erste Reise mit diesem Fahrrad. Aber da war heller Tag, und hier wird’s stattdessen immer schummriger. Also los, Urlaub kommt später!

Wetzekrug (67 m ü. NN auf dem litauischen Teil der Kurischen Nehrung)

Der Radweg führt noch einige Kilometer auf der Haffseite entlang. Ich durchquere die Dörfer Preila (Preil) und Pervalka (Perwalk), leider ohne bleibende Eindrücke. Bestimmt gäbe es das eine oder andere zu sehen, sogar noch bei dieser Beleuchtung, aber ich möchte dem ursprünglichen Ziel, heute noch das Ende der Nehrung zu erreichen, möglichst nahe kommen. Dies ist keine Baltikumreise, sondern eine durch das Baltikum nach Russland. Wie das dort mit der Muße aussieht, werde ich sehen, sobald ich angekommen bin.

Ab Pervalka übernimmt wieder die Führung des Radweges Regie. Der könnte vormittags so schön sein. Es geht im Zickzack durch den Wald. Man könnte meinen, die Bauleute hätten alle 20 Meter gewürfelt, in welche Richtung sie weiter machen. Das ist kein Streckenverlauf, um einfach durchzuzischen. Aber erschiene mir das inakzeptabel, dann hätte ich in einem der letzten Dörfer Station machen müssen – ja, und natürlich hoffen, dass morgen schönes Wetter wird. Angesichts des bedeckten Himmels würde ich dafür keine Garantien abgeben. Also fahre ich weiter, die Hügel hinauf und wieder hinunter und quer durch den gesamten Kompass. Dies ist definitiv nicht der kürzeste Weg nach Klaipėda (Memel)!

Jetzt führt der Radweg wieder an der Hauptstraße entlang. Der Garmin verrät mir, dass die Dämmerung nur noch Minuten entfernt ist. Nach Ortszeit ist es 22 Uhr. Länger muss ein Tag nicht dauern, aber da die Wolkendecke etwas aufreißt, hoffe ich, den Sonnenuntergang wieder live zu erleben. Links biegt ein Weg nach Westen ab, zum Strand. Er ist mit einem Schild bewehrt: »strictly forbidden area«! Irgendwas mit geschützten Tieren oder Pflanzen. Ach, Leute! Ich tue doch niemandem etwas, und wenn ich hier lang fahre, dann nur in der Kraftfahrzeugspur der Naturschützer, auf der auch Regenwürmer selbst dann gefährlich leben, wenn da nur ein Kind barfuß entlang geht. Ich ignoriere das Schild und dringe zur Düne vor. Der Himmel ist glutrot, und der Wald hinter mir steht im Licht der untergehenden Sonne gleichsam in Flammen. Ja, so ungefähr habe ich mir das vorgestellt. Was ist dagegen schon ein Thomas-Mann-Haus? Wo sind eigentlich die flüchtenden bedrohten Arten?

Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung
Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung
Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung Sonnenuntergang auf der Kurischen Nehrung

Als der Feuerball im Meer versunken ist, erkenne ich am Himmel einen schwachen Regenbogen. Allerhand! Ohne Regen und ohne Sonne! Was es nicht alles gibt! Nun, da der Tag definitiv zu Ende ist, gilt es ausschließlich, ein Quartier zu finden, irgendwas mit Dach. Ich kehre zur Straße zurück und beschleunige in Richtung Norden. Es geht gute drei Kilometer geradeaus, dann in Richtung Küste. Ich denke, hier ist Schutzgebiet! Na, hier wohl nicht mehr. Kurz bevor es nass wird, kommt wieder der Knick nach Norden. Nach knapp zehn Kilometern knickt’s erneut nach rechts, diesmal Richtung Westen. Inzwischen ist es dunkel, finstere Nacht. Ich bin heilfroh über meinen starken Scheinwerfer. Bei diesem Hin und Her muss man die Kurven rechtzeitig sehen, sonst endet die Fahrt leicht im Unterholz. Wie wär’s jetzt mit einer Panne? Oder ein spontaner Regen? Ach, muss im Augenblick gerade nicht sein, nein, vielleicht später.

Auch hier wieder mischt sich das Kreuz und Quer des Weges kreativ mit einem Auf und Ab. Der Radweg ist bestimmt ein Highlight, tagsüber jedenfalls. Und eines kommt mir immerhin auch jetzt zugute: Er ist von tadelloser Qualität. Da ist nichts zusammengefegt worden, da knallt man nicht über Oberflächenwurzeln, nein, da ist eine einwandfreie Asphaltdecke, hier und da verschüttet unter Nadeln, aber dass hier ein Räumkommando regelmäßig die Wege fegt, erwartet hoffentlich niemand ernsthaft. Der einzige, der hier fegt, bin ich. Hoffentlich gibt’s keinen unbeleuchteten Gegenverkehr.

Als ich erneut zur Küste geschickt werde, erblicke ich in der anschließenden Kurve nach Norden links einen Maschendrahtzaun und dahinter eine Horde Wildschweine, junge Tiere, fast Frischlinge noch, im wilden Galopp. Dass es ziemlich junge Tiere sind, beunruhigt mich ähnlich wie die Tatsache, dass die Braunkittel in dieselbe Richtung unterwegs sind wie ich. Und sie sind etwa gleich schnell! Aber Gott sei Dank ist da ja der Maschendrahtzaun. Sekunden später unterqueren sie ihn jedoch, als sei er gar nicht vorhanden, und preschen vor mir nach rechts über den Radweg. Bremsen ist nicht nötig, obwohl mich die Wendung überrascht. Aber was tue ich, wenn jetzt die Bache kommt und ihre Nachkommenschaft durch mich gefährdet sieht? Ich lege noch einen Zahn zu und sehe, dass ich Land gewinne. Auf eine solche Begegnung bin ich wirklich nicht scharf.

An einer Stelle steht rechts ein unbeleuchtetes Gebäude. Eine Option? Mit der Taschenlampe wage ich mich aufs Gelände. Nein, das ist entweder ungeschützt gegen das Wetter oder instabil. Dass hier mal jemand eingekehrt ist, muss schon eine Weile zurückliegen. Oder es war nie der Fall – denn das sieht eher nach einer verlassenen Baustelle als nach einer Ruine aus. Weiter! Nach zwei, drei Kilometern sehe ich links ein Zelt. Es ist so ein stationär errichtetes Bewirtungszelt. Das Phantastische daran ist, dass auch für die Gäste ein überdachter Bereich vorgesehen ist. Ein fester Untergrund, ein sicheres Dach darüber – Herz, was willst du mehr? Ich schiebe mein Fahrrad auf den Podest, auf dem das Ganze errichtet ist, und sondiere das Gelände, denn da ist irgendwo ein Licht, und jetzt höre ich sogar Geräusche. Hm, sollte das doch nicht für eine 1,0 taugen? Vorsichtig gehe ich auf das Fenster zu, durch das das Licht dringt. Die audiovisuellen Eindrücke rühren von einem Fernseher her. Sollte das Personal der »Gaststätte« hier etwa übernachten? Oh je. Die haben mich doch bestimmt schon gehört. Aber wer sind die? Ich sehe niemanden. Warum dann jedoch das laufende Gerät? Das nächste Fenster ist verschlossen. Durch einen Schlitz kann ich jemanden erkennen, der vor dem Fernseher wie in einem Sessel liegt. Ein Schnarcher. Ein Schläfer! Von mir aus soll der sich die ganze Nacht bedudeln lassen, solange er nur schläft. Laut ist es ja nicht. Ich für meinen Teil werde die Weckzeit so einstellen, dass nach meiner Einschätzung noch nicht mal der Samowar angeheizt zu werden braucht, geschweige denn die ersten Gäste auftauchen. Und im Übrigen schlage ich mein Quartier da auf, wo es mir bereits auf den ersten Blick sinnvoll erschien. Gute Nacht!

14. Juli

Start der Route / gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Wie sich das gehört, werde ich in der Nacht zwischendurch wach. Doch das ist diesmal etwas anderes. Eine frische Brise hat mich geweckt und: ein intensiver Regen. Es ist ein tolles Gefühl, im Warmen und Trocknen zu liegen, zu wissen, dass man da bis auf Weiteres auch erst mal liegen bleiben kann und dass es gut war, nach einem solchen Platz gesucht zu haben. Aufbrüche im Dunkeln mitten im aufkommenden Regen sind etwas sehr Unerfreuliches. Ich erinnere mich noch, dass ich 2001 am Fuße der Pyrenäen mal so ein Erlebnis hatte: Da hatte ich am Abend keinen echten Wetterschutz gefunden, und dann fing es mitten in der Nacht an zu trippeln. Gut, es war nur wenig, und es blieb wenig – aber weiß man das vorher? Ich rollte damals in Eile alles zusammen, hoffend, dass es bei den Tropfen bleiben würde, denn andernfalls hätte ich mich um sorgfältigere Verstauung kümmern müssen.

Diesmal ist das anders. Wohlig warm und zufrieden drehe ich mich um; da ruft mir auf einmal meine innere Stimme mahnend zu: Mein Lieber, deine Hygiene vor dem Schlafengehen, die ließ doch sehr zu wünschen übrig. Du hast hier eine einmalige Gelegenheit: Zimmer mit Ausblick und Dusche! Mein innerer Schweinehund entwickelt nicht hinreichend schnell glaubhafte Gegenargumente. Die innere Stimme legt nach: Komm! Rasch raus, schnell duschen – auch wenn ein stärkerer mitteleuropäischer Dauerregen nicht mit der Intensität eines mitteleuropäischen Brausekopfes mithalten kann. Wasser unlimited, und dann schnell zurück, bevor der Schlafsack ausgekühlt ist! Gedacht, getan. Es wird eine Open-Air-Veranstaltung, bei der überraschende Besucher mich wohl ein wenig in Verlegenheit bringen könnten. Ein verstohlener Blick in Richtung des abendlich erleuchteten Zeltabschnitts offenbart, dass der Barkeeper anscheinend bemerkt hat, dass er vor laufender Flimmerkiste eingepennt war. Dort herrschen jetzt Dunkelheit und Stille. Fröstelnd trockne ich mich ab, lege das Handtuch über die Querstange, ziehe mir wieder meinen Nachtpullover an und krieche in den tatsächlich noch recht warmen Schlafsack zurück. Jetzt ist es sogar doppelt so toll wie zuvor, rufe ich meinem Schweinehund zu, und er weiß nun erst recht keine Antwort, und deshalb schlafe ich bald wieder ein.

Als ich das nächste Mal wach werde, ist heller Tag. Noch immer ist der Himmel grau, und was an Wolkenstrukturen erahnbar ist, scheint zum Greifen nah – dies verheißt im Allgemeinen nichts Gutes. Zwar regnet es gerade nicht, aber keinen Cent würde ich auf die nächsten fünf Minuten Frieden verwetten. Wozu auch? Es ist noch früh am Morgen. Unverändert herrscht Stille. Gut, dass ich hier direkt hinter den Dünen liege und dass daher die Hauptstraße der Nehrung in einiger Entfernung verläuft. Ich genehmige mir eine weitere Schlummerrunde.

Strand an der Kurischen Nehrung bei Regen

Beim erneuten Aufwachen regnet es wieder – zwar nicht mehr so stark wie in der Nacht, jedoch erkennbar, und das reine Vergnügen wäre eine Weiterfahrt zum jetzigen Zeitpunkt eher nicht. Aber das steht momentan ohnehin nicht zur Debatte. Erst mal ist zumindest ein Frühstück dran. Aber wie wäre es…? Die Ostsee praktisch in Reichweite, kaum andere Badegäste (außer den ganz Harten) zu erwarten… Mein Schweinehund ist nicht gut in Form. Ich greife mir den Fotoapparat und ein paar Habseligkeiten, spurte die lange hölzerne Treppe bis zur Kuppe der Düne hinauf und erblicke ein Meer, das grau in grau mit dem Himmel verschmilzt. Wo, zum Teufel, ist der Horizont? Und wer will das wissen? Ich renne den hölzern beplankten Weg auf der anderen Seite hinunter, stürze durch den Sand, streife Pullover und Jogginghose ab und werfe mich in die Fluten. Nein, zum Schimmelreiter fehlt dieser Szene ganz klar an Dramatik. Wir haben keinen Sturm und keine Nacht und keine Gezeiten. Und das Wasser hat vielleicht 18 oder 20 Grad; darin zu baden taugt nicht für Initiationsriten. Das reicht gerade mal für unbehelligtes Geplansche. Aber mehr will ich ja auch nicht. Jetzt rasch zurück.

Oben an der Kuppe werfe ich den Blick zurück. Auf einmal ist der Horizont klar erkennbar. Wie schnell der Anblick sich doch wandelt, weil es im Augenblick nicht nieselt. Aber warten wir das Frühstück ab. Ich poltere die Treppe wieder hinunter, und spätestens das müsste das Wecksignal für den Zeltwirt sein. Aber er ist schon auf den Beinen. Mein Fahrrad und der »ungebügelte« Schlafsack in seinem »Gastraum« irritieren ihn nicht. Wenn überhaupt, bin ich die einzige Kundschaft. Da ich jedoch nur einige hundert Rubel in der Tasche habe und, ja, auch einige hundert Euro in verhältnismäßig großen Scheinen, wird das kein Geschäft. Das eine Geld wird er nicht mögen, und das andere überfordert möglicherweise seine Wechselkasse. Ich versuche es gar nicht erst, und vermutlich erwartet er das auch nicht. Wir müssen uns auch erst mal linguistisch »beschnuppern«. Wer kann was? Sein Englisch ist etwas besser als mein Russisch (was nicht viel heißt), sein Deutsch etwas besser als mein Litauisch (was erst recht nichts bedeutet), also praktisch nicht vorhanden. Er hat zwar eine Schwester in München, aber die ist aus nahe liegenden Gründen gerade nicht greifbar, um eine tief schürfende Konversation zu ermöglichen. So betreiben wir Verständigung auf einer eher sozialen Ebene, und er spendiert mir einen heißen Tee und ein Croissant.

Das Frühstück kommt aus meinen Vorräten. Zwar hätte ich nichts gegen einen der von der Theke lockenden Snickers einzuwenden – da weiß man schließlich, was man hat –, aber bei Lichte betrachtet komme ich kalorienmäßig sicherlich noch bis Lettland. Außerdem sind da ja noch die Keks- und Waffelvorräte aus Selenogradsk (Зеленоградск, Cranz). Ich habe die dunklen Waffeln gestern schon probiert, nicht allein aus Hunger, sondern auch, weil alle Schokoladenprodukte, die nicht sowieso kremig oder flüssig sind (wie z.B. Nougatcremes), bei 30 bis 35 Grad unkontrolliert in diesen Aggregatzustand übergehen. Wenn sie dann so verpackt sind, dass entweder der Fettanteil der Flüssigkeit von einer Pappschachtel aufgesogen wird oder sich die braune Soße gar mehr oder minder gleichmäßig im Gepäck verteilt – super z.B. bei Wäsche, die nicht noch einmal separat verpackt ist, aber auch Werkzeug in Schokolade sorgt immer wieder für Hochgefühle –, dann… Ja, eigentlich sprechen die Szenarien wohl bereits für sich.

Also, diese Waffeln… Eigentlich schmecken sie nicht schlecht. Der Überzug ist sehr dunkel; man möchte an Zartbitterschokolade denken, und tatsächlich ist der Zuckeranteil wohl etwas geringer als bei Vollmilchschokolade. Aber der Geschmack erinnert mich irgendwie an eine Schlager Süßtafel oder so was in der Art. Aber was soll’s? Ob Erdbeeren durch Sägespäne substituiert werden oder Kakao durch wer weiß was – ich habe das hier nicht in der Hand, und solange der Motor läuft, soll es mir recht sein. Im Grunde muss ich über jeden Tag froh sein, den ich vorankomme: Der Darm könnte rebellieren, weil ihn über irgendeinen unbedachten Kanal doch ein paar Mikroben zu viel oder von der falschen Sorte erreichen – mit unangenehmen Erinnerungen denke ich an den Urlaub 2002 zurück. Ein Bild entsteht vor meinem geistigen Auge, als ich vom erfolglosen Versuch, bei Brest-Litowsk die Grenze nach Weißrussland zu überqueren (weil es dort für Radfahrer nicht ging, aber andernorts wäre es höchstwahrscheinlich auch am fehlenden Visum gescheitert; dafür standen dort lauter Autos mit ausnahmslos deutschen Überführungskennzeichen, und kein einziger Fahrzeuginsasse sprach auch nur ein einziges deutsches Wort), ins polnische Hinterland zurückkehrte und dort, mitten auf der Landstraße und umgeben nur von flachen Hügeln und Getreidefeldern, plötzlich Halt machen und mich in den Straßengraben legen musste, bis sich die Revolte in meinen Eingeweiden wieder legte. Und so ging das tagein, tagaus, und zwar drei- oder viermal am Tag. Wer ordentlich abnehmen und dabei dennoch so viel essen will, wie sein Appetit es verlangt, der muss es so machen.

Aber damit nicht genug: Mein Hintern könnte mir auch auf andere Weise zusetzen. 2005 war ich auf einer Tour der Härte unterwegs gewesen, mit der verglichen diese Reise bisher das reinste Sanatorium ist. Damals hatte ich die italienisch-französische Grenzregion erkunden wollen, und wer sich ein bisschen in Geographie auskennt, der weiß, dass es da recht bergig ist. Spontan sind mir jetzt ganze zwei Pässe unter 2000 Metern in Erinnerung, und so ging es andauernd ’rüber und ’nüber, meistens sogar mehrmals am Tag. Aber zunächst schien das lediglich eine Herausforderung an mein Herz-Kreislaufsystem zu sein. Man bringt das entweder, oder man bringt es nicht. Ich schätze, dass das bei guter Fitness ohne Gebrauch von Dopingmitteln verhältnismäßig unkritisch ist. Schlimmstenfalls kriegt man das Zittern und kann einfach nicht mehr. Was viel fataler war: Mein Sattel war der falsche, und seine Neigung war nach heutiger Einschätzung nicht optimal. Das führte mit der Zeit zu einer Reizung des Damms, wahrscheinlich von Nervenkanälen, die mich nach zwei Wochen immer häufiger nötigte, an den Auffahrten zwischendurch aufzustehen, was man im Zeitalter von 27-Gang-Schaltungen eigentlich nicht mehr müssen sollte. Bis mir klar wurde, dass es sich dabei um etwas handelte, das tunlichst nicht mit der Haltung »Indianer kennen keinen Schmerz« beiseite zu schieben war, hatte ich den Salat komplett angerichtet. In der Schweiz brach ich die Fahrt schließlich ab, auch wegen scheußlichen Wetters. Ja, und danach habe ich zwei oder drei Monate im Stehen gearbeitet. Das sollte mir auf keinen Fall noch einmal passieren, denn es gibt Dinge, die der Körper nicht verzeiht, Wunden, die auch mit aller Zeit nicht mehr heilen. Auf diesem Trip bin ich definitiv nicht! Und darum horche ich seither genauer in mich hinein. Und ich höre im Augenblick nichts, und wenn ich bedenke, dass ich 2006 eine Englandtour aus eben dieser Vorsicht heraus abbrach, 2007 gleich überhaupt nichts wagte, dann stehe ich kurz vor einem Begeisterungsausbruch. Noch nicht mal meine Finger, besonders die kleinen und Ringfinger, die in den letzten Jahren immer rascher »einschliefen«, zeigen bemerkenswerte Symptome. Was ist los? Waren all diese Ausfälle wirklich den Bergen zuzuschreiben, die ich hier nicht habe, oder erlebe ich gerade meinen zweiten Frühling? Aber der müsste sich doch noch irgendwie anders manifestieren nach allem, was ich bisher so gehört habe.

Inzwischen regnet es wieder, und ich beginne, mir Gedanken darüber zu machen, wann ich heute wohl aufbrechen kann. Natürlich habe ich Regenbekleidung dabei. Aber der Spruch, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Bekleidung, kann nicht von Radfahrern erfunden worden sein. All diese Membranwunder von Goretex und anderen Herstellern sind nach meiner Einschätzung und Erfahrung nicht asymmetrisch durchlässig, wie ihre Prozenten glauben machen wollen. Sie haben nur für die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers eine unterschiedliche Durchlässigkeit, und zwar in beiden Richtungen. In der Regel kommt von außen das (kalte) Wasser und kann nicht rein. Gäbe es innen kaltes Wasser, etwa erkalteter Schweiß, so käme dieser ebenso wenig hinaus. Aber von innen kommt warme, feuchtigkeitsgesättigte Luft. Die kann hindurch, jedenfalls gibt es eine gewisse Transparenz. Und das Ganze klappt umso besser, je größer der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen ist. Unterhalb von zehn Grad ist Goretex gut, bei Schneeregen geradezu phantastisch. Aber wir haben Sommer, oftmals liegen die Temperaturen sogar über 20 Grad. Also muss sich für eine nennenswerte Durchlässigkeit innen schon eine gehörige Wärme aufgestaut haben. Folglich habe ich in dieser Jahreszeit, etwas überspitzt ausgedrückt, nur die Wahl zwischen regennass von außen und schweißnass von innen. Ich bevorzuge wohltemperiert und trocken unter dem Zeltdach und fische wieder einmal Günter Grass aus der Lenkertasche. Wenigstens habe ich das Buch nicht umsonst mitgenommen.

Nach wenigen Sätzen höre ich ein Motorengeräusch, das erste heute. Ein kleiner LKW fährt vor, ein Lieferant. Er bringt Mineralwasser und noch ein paar Kleinigkeiten. Manchmal denke ich, wenn mir auf der Landstraße so ein Kutscher entgegen kommt, womöglich mit einem Beifahrer in Rimini-Lage: Nichts denken, nichts machen, immer schön warm und trocken. Dieses Vorurteil bröckelt bei Gelegenheiten wie dieser. Die Leute vom Bock müssen mit ran; ich will sie gar nicht gegen jene ausspielen, die den ganzen Tag bei jedem Wetter draußen unterwegs sind, Bauarbeiter vielleicht und Förster (auch da habe ich wahrscheinlich beschränkte Vorstellungen, denn die machen ja auch noch was anderes, als unentwegt durch den Tann zu stiefeln), aber die kurzzeitigen Klimawechsel von warm drinnen nach kalt und nass draußen oder, bei sommerlicher Hitze mit Klimaanlage im Cockpit, umgekehrt sind bestimmt nicht angenehm.

Als eine Weile später noch ein Lieferwagen vorfährt, kommt der Gastwirt auf mich zu, sagt etwas wie »Good luck!«, umarmt mich, steigt ein und lässt mich verdutzt stehen. Irgendein Cousin hält für ihn die Stellung, und da ich den nicht kenne und der Himmel gerade mal nicht weint, entschließe ich mich zum Aufbruch. Schließlich ist es schon kurz vor elf.

Klaipeda/Memel von der Kurischen Nehrung aus

Klaipėda (Memel) ist überraschend nahe. Ich muss gerade mal über den »Berg«, da liegt der Hafen schon vor mir. Im Norden, an der Ausfahrt zur Ostsee, erstreckt sich eine endlose Ansammlung von Verladekränen. Ich schicke mich also an, die Kurische Nehrung zu verlassen, ohne z.B. die Holzskulpturen gesehen zu haben (an denen bin ich gestern im Dunkeln vermutlich einfach vorbeigefahren), aber in diesem Moment ist mir das gar nicht bewusst. Von daher gibt es die Entscheidung, ob ich sofort oder später übersetzen sollte, gar nicht. Apropos Übersetzen – womit bezahle ich jetzt eigentlich die Fähre? Woher all die Autos kommen, die in dieselbe Richtung fahren wie ich, ist mir unklar, und was all jene hier wollen – bei diesem Wetter –, die in umgekehrter Richtung unterwegs sind, bleibt ebenso nebulös. Aber wahrscheinlich sind die »Neukuren« zu einem nicht unwesentlichen Teil in wirtschaftliche Kreisläufe eingebunden, die über die Nehrung hinausgehen. Und dann sind da ja noch die Touristen.

Hafen von Klaipeda/Memel Fähre von der Kurischer Nehrung nach Klaipeda/Memel

Die Überfahrt kostet nichts, jedenfalls nicht für mich. Mir soll es recht sein. Anscheinend hat man sich irgendwie darauf verständigt, dass das Abkassieren in einer Richtung reicht, weil der Umweg »hinten herum«, also durch ein jeweils anderes Land, zumal über eine Außengrenze der EU, keine lohnende Alternative ist. Folglich muss jeder, der zurückfährt, wohl auch irgendwann zuvor hingefahren sein. Selbst diejenigen, die tatsächlich über die Grenze fahren, haben zahlen müssen, nämlich auf der russischen Seite – jedenfalls hatte ich gestern diesen Eindruck, auch wenn ich selbst nicht davon betroffen war. Klar, wenn die Grenzgänger immer in derselben Richtung ums Haff fahren würden, hätte eines der beiden Länder das Nachsehen. Aber das ist wohl eine eher theoretische Betrachtung.

Igel Igel

Eine Autofahrerin nutzt die Pause auf der Fähre, um mit ihrem Igel zu spielen. Der Igel – als Haustier noch stark unterrepräsentiert und erst recht als Schmusekater weithin verkannt. Auf Ideen kommen die Leute…

Es liegt in der Natur der Sache, dass man mit einer Fähre in so etwas Ähnlichem wie einem Hafengebiet ankommt. Ob es ebenso unvermeidlich ist, dass diese Areale optisch eher unattraktiv sind, steht dahin. Dieselben Betrachtungen könnte man über Bahnhöfe anstellen, denn auch da gibt es so’ne und solche. Rasch fahre ich die Rampe hinauf, die riesigen Containerstapel hinter mir lassend. Taucht nun eine liebevoll restaurierte Altstadt vor mir auf, Stolz und Glanz Litauens? Mitnichten. Plattenbauten, Einkaufstempel, weitläufige Straßen, dass ein Jumbo darauf starten könnte, gäb’s Mittelstreifen und Laternen nicht. So stelle ich mir eine sowjetische Retortenstadt vor: Wir haben die Fläche, also warum sollten wir kleckern? Vielleicht wegen der kurzen Wege, vielleicht, weil man dann nicht für jeden Pups einen Bus abwarten müsste, vielleicht, weil die ganze Infrastruktur auch kostengünstiger gestaltet werden könnte (obwohl dies für die Lebensqualität natürlich ein nachrangiger Aspekt sein sollte), vielleicht, weil die bekannte Nachbarschaft dann nicht ausschließlich aus dem eigenen Wohnblock stammen müsste, vielleicht, weil Gebäude bei halber Höhe ohnehin näher zusammenrücken können… Wir haben in Erlangen ein paar Glanzpunkte städtischer Architektur aus den 70er Jahren: ziemlich hoch, aus viel Beton, sehr geschmackvoll, beim Energiepass vermutlich im roten Bereich… Matthias hat mal gesagt, da könne man auch in eine Garage ziehen. Gut, so hart würde ich es nicht formulieren.

Etwas orientierungslos folge ich der Straße nach Süden. Warum es dorthin geht, könnte ich auch nicht sagen. Jedenfalls ist es mit Sicherheit nicht meine weitere Reiserichtung. Aber ich brauche Geld, ein Internet-Café wäre auch mal nicht schlecht, und wenn ich meine Obstvorräte etwas aufstocken könnte, wäre die Sache fast perfekt. Ach ja, und mit Landkarten fürs Baltikum bin ich ebenfalls nicht gut bestückt. Damit habe ich schon fast ein richtiges Beschaffungsprogramm.

Nach ca. einem Kilometer biege ich rechts ab. Hier steht zwar kein Schild, das auf auch nur ein einziges meiner Ziele hindeutete, aber ich lasse mich vom Gefühl leiten. Geld bekommt man in der Bank, und hier ist eher geschlossene städtische Bebauung ohne Ehrgeiz nach oben – wo so viele Menschen wohnen, muss doch auch irgendwo eine Bank sein. Und tatsächlich entdecke ich bald darauf eine Wechselstube. Die Sache läuft routiniert ab, ein paar Geldscheine wechseln ihren Besitzer, und mit regional adäquater Liquidität verlasse ich die Örtlichkeit. Jetzt ein Internet-Café oder einen Buchladen – denn was die Lebensmittelgeschäfte angeht, bin ich sicher, dass ich gar nicht anders kann, als früher oder später darüber zu stolpern.

Aber obgleich ich kreuz und quer unterwegs bin, findet sich nichts. So kehre ich unverrichteter Dinge wieder zur Magistrale zurück, um kurz darauf rechterhand einen größeren Platz mit ein paar Buden zu entdecken, in denen Obst verkauft wird. So, wie war der Wechselkurs noch mal? Aha, die Pfirsiche sind Luxus, die Äpfel gehen, und ein paar Kirschen sind auch drin. Und Bananen natürlich. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste hier mit Kauri-Muscheln oder so was bezahlen… Es ist doch gut, dass bei allen sprachlichen Differenzen wenigstens die Geldscheine und Münzen so beschaffen sind, dass man ihnen zumindest ihren relativen Wert untereinander ansehen kann. Dies, zusammen mit dem Tauschverhältnis zum Euro und der Möglichkeit, auf die Waren mit dem Finger zu zeigen und ihren Preis entweder aufschreiben zu lassen oder von irgendwelchen Schildern abzulesen, macht den Vorgang einigermaßen beherrschbar. Wie das wohl in Patagonien oder im Hochland von Tibet wäre…

Ich habe Glück: Nach getanem Einkauf erblicke ich sogar an einem der Hochhäuser ein großes @. Wie mache ich das jetzt mit dem Fahrrad und dem Gepäck? Schließlich dauert so eine Sitzung doch einige Zeit. Eigentlich mag ich mein Gefährt nicht so lange aus den Augen lassen. Also gehe ich erst mal rein und kläre im Hochparterre die Modalitäten. Zum Glück können die meisten Betreiber von Internet-Cafés ganz gut Englisch. Der Preis überzeugt mich, und der Mann kommt sehr schnell auf den Gedanken, dass es mich entspannt, wenn meine Güter sozusagen in Reichweite sind. Ich erhalte die Erlaubnis, das Fahrrad auf den Gang zu stellen, und das ist für mich okay.

Der erste Schritt ist immer der schwerste. Es ist nämlich so: Ich habe mehrere Mail-Adressen, u.a. eine bei gmx und eine bei web.de. Bei web.de wurde es mir mit den 12 MBytes Postfachgröße immer häufiger zu eng, und nun, da ich nicht täglich den Spam herausfiltern kann, würde der Posteingang nach wenigen Tagen dicht machen. Also habe ich mir eine Umleitung nach gmx eingerichtet. Von dort sende ich eigentlich nur sehr selten Mails, vor allem, weil ich möchte, dass mein Bekanntenkreis weiterhin nur mit einer Adresse zu tun hat, nämlich der von web.de. Also muss ich dort senden und bei gmx den Eingang prüfen. Wenn das so einfach wäre! Mein Passwort bei gmx ist nämlich so geheim, dass ich es nicht einmal selbst kenne. Ich tippe einfach auf der Tastatur mehrere Sequenzen von Tasten mit allem, was zu einem starken Passwort gehört (Umlaute, Sonderzeichen, Groß- und Kleinbuchstaben), ohne hinzuschauen ein. Das ist so lange kein Problem, wie ich vor einer deutschen Tastatur sitze. Genau die habe ich hier aber nicht. Die Tastaturen sind irgendwie und können auf englisches Layout umgestellt werden. Wenn ich jetzt noch sicher wüsste, was auf der deutschen Tastatur wo ist. Die Umlaute kriege ich ja noch hin, aber wie gebe ich die auf einem englischen Keyboard ein? Probleme über Probleme – und die Zeit läuft. Es ist nicht so sehr das Problem, dass der Tarif für solche Lösungsfindungen zu teuer ist – mir läuft einfach die Reisezeit weg. Ich wollte schon längst weiter sein und sitze hier am frühen Nachmittag quasi noch in Sichtweite meines letzten Nachtlagers!

Also lese ich jetzt eben erst mal keine Post, sondern beschränke mich auf das Schreiben. Das Passwort bei web.de ist zwar auch stark, auf der englischen Tastatur jedoch kein Problem. Damit ich künftig meine jüngere Post auch lesen kann, instruiere ich meinen Empfängerkreis, alle weiteren Mails mit cc an meine Arcor-Adresse zu schicken. Gut, wenn man bei den Adressen ein bisschen Auswahl hat. So gehen also zwei, drei Mails in die Welt. Die eine oder andere Sache möchte ich etwas persönlicher formulieren, aber der Verteilerkreis ist ansehnlich. Da sind Leute dabei, die sich vielleicht »wundern«, was ich so anstelle und was mir unterwegs alles widerfährt, die mich möglicherweise etwas anders kennen, zivilisierter. Ich will nicht, dass jemand pikiert ist, also muss ich ein bisschen aufpassen, was ich so schreibe. Hier ist das anders; hier adressiere ich niemanden. Wer sich auf diesen Seiten peinlich berührt fühlt, wird mit Sicherheit im Internet andere Seiten finden, die ihn noch viel mehr in Verlegenheit bringen. Trotzdem habe ich die Schere im Kopf; das will ich gar nicht bestreiten.

So, jetzt noch Landkarten und vielleicht auch was Herzhaftes, denn eine rein obstbasierte Ernährung so fast ohne Proteine – das wird auf die Dauer unangenehm. Ich bin nun wieder auf dem Weg nach Norden, und an einem riesigen Kreisverkehr nahe der Stelle, an der ich vom Hafen gekommen war, erblicke ich links etwas, das ein Einkaufstempel sein könnte. Das ist nicht einfach ein Supermarkt oder gar nur ein mir unbekannter Discounter, nein, das sieht so aus, als würde man dort den Anspruch haben, alles zu verkaufen, was sich mit einem größeren PKW wegfahren lässt. Sogar die Fußgängerzone hat man unter dem Dach des großen Ganzen untergebracht, so dass Spaziergänger, die sich nur mal ein paar Auslagen und Schaufensterdekorationen ansehen möchten, schon halb im Laden sind, unabhängig vom Wetter zudem. Aber absteigen ist vielleicht doch besser. Also schiebe ich das Fahrrad von Süd nach Nord durch die gläsernen Katakomben und gelange so zum Nordausgang, ohne das gefunden zu haben, was ich suche. Aber dort! Hier ist es, so eine Art Tesco-Verschnitt. Was ich jetzt nicht finde, werde ich vorerst nicht weiter suchen. Was mache ich so lange mit dem Fahrrad? Vorsichtig schiebe ich es durch die Tür. Rechts steht ein Mann von der Security. In Posen hätte der mich wahrscheinlich schon wieder hinauskomplimentiert; da war ich ja schon unter freiem Himmel deplatziert. Hier gehe ich besser gleich in die Offensive und spreche den Uniformierten an. Ob ich wohl mein Fahrrad unter seinen wachsamen Augen abstellen dürfe, will ich wissen. Ob er meine Worte versteht, weiß ich nicht, aber da ich diese gestenreich illustriert habe, ist er sofort im Bilde. Da ist ein kleines Karree, in dem Putzgeräte und -ausrüstung abgestellt sind, und der Mann weist eine der Reinigungskräfte an, da etwas Platz zu schaffen. Mir ist das schon fast peinlich. Er muss es ja nicht gleich übertreiben. Aber so kann ich mich wohl beruhigt in den Konsum stürzen.

Eine junge Angestellte frage ich nach Landkarten. Tatsächlich soll es hier welche geben; sie weist mir die Richtung. Und wirklich finde ich dort eine Karte vom gesamten Baltikum, 1:700.000 zwar nur, aber für den Transit wird es bestimmt reichen. Außerdem packe ich noch eine von Lettland im Maßstab 1:500.000 ein. Wie ich kurze Zeit später allerdings feststellen muss, ist diese Karte lediglich eine geringfügige Vergrößerung eines Ausschnitts der anderen, bietet also keinerlei zusätzliche Informationen. Braucht vielleicht jemand eine Lettlandkarte?

Zwar bin ich außerdem auf der Suche nach allen möglichen Lebensmitteln, aber da der Weg zur Karten- und Bücherabteilung weit war und sowohl hin- als auch zurückgegangen werden will, führt er an vielen Angeboten vorbei, und es kommt, wie es kommen muss: Mit vollen Armen trete ich an die Kasse, und ein nicht geringer Teil meiner Beute wurde zwischenzeitlich mit meinen geistigen Aufkleber »das gönne ich mir jetzt gleich mal« versehen. Schwer beladen kehre ich zu meinem Fahrrad zurück, das noch immer bewacht wird. Das ist mir ja richtig peinlich. Ob der Mann wohl von mir ein Trinkgeld erwartet? Ich probiere es stattdessen mit einem Dank, einer Grußgeste und einem Lächeln, und diese Währungen werden anscheinend nicht abgewiesen.

Nachdem ich einen Teil meiner geistigen Aufkleber »eingelöst« habe, setze ich die Fahrt in Richtung Nordnordwest fort. Dass ich dabei in Richtung der historischen Altstadt fahre, ist mir nicht bewusst. Ich weiß nur, dass dies nicht die richtige Richtung ist; ich muss eigentlich im rechten Winkel nach rechts abbiegen. St. Petersburg liegt nordöstlich von Klaipėda, und mit Riga, meinem nächsten Ziel (natürlich nicht für heute) verhält sich das ganz genauso. Also suche ich die »Drift« nach rechts. Nach anderthalb Kilometern gelingt sie mir auch, wobei sie radikaler ausfällt, als der Verlauf der Ausfallstraße auf der neu erworbenen Karte das erwarten lässt. Deshalb biege ich nach einem weiteren Kilometer erneut ab, diesmal wieder nach links, und jetzt geht es sogar nach Nordwest. Der nächste Knick nach rechts wird also ähnlich radikal verlaufen müssen wie vorhin. Ich fahre über eine verhältnismäßig hohe Brücke, die einen Fluss überquert, kurz darauf ein Gleis. Von hier oben kann ich sehen, dass sich linkerhand die Stadt noch weit ausdehnt. Auf die Idee, dass sich in diesem Durcheinander der eigentlich sehenswerte Teil der Stadt verbirgt, komme ich nicht. Dabei habe ich auf diese Reise sogar einen Stadtplan von Klaipėda mitgenommen; schließlich waren meine Eltern vor zwei Jahren im Baltikum und haben danach natürlich nicht alles Material weggeworfen. Aber dieser Stadtplan erhält einen Luxustransport, der eine weite Reise macht, aber nicht ein einziges Mal aufgeschlagen wird. Tja, wenn man schon keine Inventarliste macht… Aber selbst wenn – jedes einzelne Kartenwerk hätte ich sicherlich nicht notiert.

Und so entgeht mir auch das Denkmal für Ännchen von Tharau. Nicht, dass ich ein so ausgeprägtes Faible für Mädchenstatuen hätte, aber ohne über Jahrzehnte auch nur eine Ahnung davon gehabt zu haben, wo Tharau liegt und aus welcher Ecke wohl jenes Ännchen stammt, lernte ich doch bereits in meiner Schulzeit aus einem dicken Volksliederbuch das nach jener jungen Frau benannte Lied mit seiner wunderbaren Melodie und seinem anrührenden Text kennen. Hier nun hätte das Wissen von damals um etwas mehr Anschauung ergänzt werden können; es hat jedoch nicht sollen sein. Aber das berührt mich in diesem Moment nicht, denn wenn es das täte, könnte ich ja noch ohne viel Aufwand meine Route ändern. Vielleicht komme ich ja irgendwann später noch mal hier her.

Der scharfe Abzweig nach rechts entfällt diesmal. Er erfolgt eher so peu à peu. Schmerzlich vermisse ich im Moment nur Wegweiser. Stattdessen überquere ich die E272 – die lässt sich immerhin noch einordnen –, bewege ich mich über nagelneue Straßen, sogar mit Fahrradweg, und in den Vororten der Stadt gibt es viele gerade im Entstehen begriffene »Vorvororte«. Klaipėdas Wirtschaft wächst anscheinend. Schön für die Leute. Ansonsten kann ich hier nicht vieles entdecken, was die Gegend attraktiv erscheinen ließe, aber was könnte bei ausreichender materieller Versorgung schon heimatliche Verwurzelung ersetzen? So durch spektakuläre Naturerlebnisse der Vergangenheit geprägt sind ja nur Touristen wie ich, die ausziehen, um noch größere Spektakel zu entdecken. Das muss zwangsläufig von Jahr zu Jahr schwieriger werden. Da bleibt nicht viel anderes übrig, als den Sinnesrausch um eine Rückfallebene zu ergänzen, Wissenszuwachs etwa, völkerkundlichen zum Beispiel. Mal sehen, ob wenigstens das klappt.

Nach der Unterquerung einer Brücke biegt der Radweg rechts ab. Ich hege eine tiefe Abneigung gegen Extratouren für Radfahrer. Meine Aversionen gegen Radwege liegen nicht in den Radwegen selbst begründet, sondern in ihrer Qualität, Prioriät und Streckenführung – wobei gegen die Qualität hier zunächst mal nichts einzuwenden ist. Vor Jahren hatte ich mal so ein Erlebnis, das immer wieder als abschreckendes Beispiel taugt: Da wollte ich von Regenburg nach Deggendorf oder so. Das sind laut Google gut 76 km, wenn man die Autobahn nicht verwenden will. Für Autos! Für Radfahrer ist auch die B8 nicht nur über weite Strecken gesperrt – jedenfalls war das vor gut zehn Jahren noch so –, es gibt sogar Ersatz! Der heiße Tipp für alle, denen ohne Wenn und Aber der Weg das Ziel ist: der Donauradweg. Malerisch windet und knickt er sich durch Felder und um Grundstücke und lädt zur Entdeckung der Langsamkeit ein, zumindest in den Kurven. Auf jeden Fall verlängert er den Trip beträchtlich, und das mag wohl den meisten Benutzern willkommen oder zumindest egal sein, aber wer einfach nur von A nach B will, der gerät mit der Zeit in Rage, wenn er nicht schon vorher gewusst hat, dass alle Sekundärwege nach Rom länger sind als der direkte Pfad. Man geht eben einfach davon aus – die Radwegeplaner tun dies jedenfalls sehr verbreitet –, dass diejenigen, die nicht beliebig viel Zeit haben, natürlich kein Fahrrad nehmen, sondern Auto oder Bahn.

Zu den unsympathischen Erscheinungsformen, wie sie mir immer wieder begegnen, zählen Radwege auf nur einer Seite von Ortsdurchfahrten (vorzugsweise natürlich auf der anderen Seite, denn auf diese Weise ergeben sich gleich zwei Möglichkeiten für Rettungsdienste, Aufträge zu akquirieren) und Außenschlenker an Querstraßen, die nicht nur einen Umweg darstellen, sondern die neben der Hauptstraße verlaufenden Radwege zur Nebenstraße jeder Nebenstraße machen. Aber das ist alles nichts gegen den Vogel, den die Litauer hier abgeschossen haben: Dieser Radweg endet an einer Treppe! Herr, lass Hirn wachsen! Leute, ihr könnt mich mal, schickt meinetwegen eure Fußgänger hier entlang. Ich jedenfalls benutze jetzt wieder die Straße.

Für diese Frechheit werde ich kurz darauf gleich doppelt bestraft. Zuerst endet der moderne Asphalt. Er wird abgelöst durch eine Art Schotterpiste, wobei der Schotter nicht dominiert, sondern den sandig-lehmigen Untergrund nur am Wegrutschen hindert. Man kann darauf zwar fahren, aber die Rollreibung ist schon signifikant höher. Außerdem sind diesem Untergrund Rillen eingeprägt, als würden hier überwiegend Kettenfahrzeuge fahren. Aber Planierraupen und Panzer würden ein anderes, feineres Profil hinterlassen. Dies hier sind kleine Wellen mit einer Frequenz von vielleicht zehn pro Meter, ein, zwei Zentimeter tief. Wer nicht außerhalb dieses Auf und Ab fährt, empfindet ein wirklich lästiges Geruckel. Ich frage mich, wie das entstanden ist. Ich erinnere mich an einen Beinahe-Unfall bei meiner Fahrt durch das Schweizer Jura im Jahre 1999, als ich aus Frankreich zurückkam. Da gab’s eine Abfahrt, die recht flott war, und hinter einer Kurve fing unvermittelt ziemlich dicker Splitt an. Ich konnte gerade noch von 40 auf 30 abbremsen, da rauschte ich in den Kies. War es schon schwierig, sich auf dieser Unterlage überhaupt zu halten, so stand gleich noch eine Kurve an. Ich gab mir damals keine Chance, ohne Sturz zum Stehen zu kommen, hatte aber dennoch Glück. Der ganze Stress, der ja nur wenige Sekunden lang dauerte, aber dafür um so intensiver war, hatte mich nicht daran gehindert, ähnliche Wellen im Splitt zu erkennen. Ich schrieb dies damals der automatischen Bremssteuerung (ABS) einiger Fahrzeuge zu, die ständig zwischen Rollen und Bremsen umschalten, weil bei jedem Bremsvorgang das Rad auf Splitt sofort blockiert und ihn somit aufstaut. – Aber dieses Modell taugt hier nicht für eine Erklärung, da die Spuren kein Ende nehmen und die Straße kein Gefälle hat.

Das ist das Eine, und das Andere ist mein rechtes Auge, das mir plötzlich bei jedem Lidschlag weh tut. Ich probiere es zunächst damit, das Auge für eine Weile geschlossen zu halten. Aber das ist gar nicht so einfach; ich kann nicht den Kopf gerade halten, geradeaus schauen und eines der Augen entspannt geschlossen halten. Denn wenn ich es zukneife, bewegt sich das Lid doch über der Hornhaut des Auges, und das tut fast genauso weh, als würde ich zwinkern. Mir kommt die ganze Sache irgendwie bekannt vor. Die besagte Strecke von Regensburg nach Deggendorf war nämlich die Nachmittagsetappe einer Tour, die in Erlangen ihren Anfang genommen hatte. Kurz vor Regensburg muss mir damals auch was ins Auge geflogen sein, und da die Sache sich nicht beruhigte und verhältnismäßig schmerzhaft war, machte ich kurzerhand in der Augenklinik Station – jedenfalls habe ich das so in Erinnerung. Als ich dran kam, schaute sich der Arzt die Sache an und meinte: Ja, da steckt ein Insektenflügel im Auge. Lecker! Aber die Sache nahm von da an einen harmlosen Verlauf. Er sprühte mir ein Betäubungsmittel aufs Auge, und wenig später entfernte er den Fremdkörper mit der Pinzette. Nach vielleicht einer halben Stunde konnte ich die Fahrt fortsetzen, und auch als das seltsame Gefühl im Auge (die Betäubung) wieder nachließ, hatte ich keine Schmerzen mehr.

So könnte ich das jetzt auch gebrauchen – vorausgesetzt, es ist der gleiche Befund, und ich finde einen Augenarzt mit vergleichbarer Qualifikation und Ausrüstung. Was die erste Bedingung angeht, so bin ich mir verhältnismäßig sicher. Was das Finden eines Augenarztes angeht, mache ich mir dagegen keine Illusionen. Erstens müsste ich entweder nach Klaipėda zurück oder in eine andere größere Stadt (und davon wimmelt es in Litauen nicht gerade), und zweitens müsste ich wissen, was Augenarzt auf litauisch heißt. Ich kann ja kein Wort litauisch, und bisher habe ich noch bei keinem gelesenen Wort eine Analogie zu romanischen oder angelsächsischen Sprachen entdecken können. Und die Augenärzte nageln ja nicht, wie sich mancher Handwerker die Abbildung eines typischen Werkzeugs oder Produkts über die Ladentür hängt, die Abbildung eines Auges an ihre Pforte. Es bestätigt sich die alte Weisheit: Wer lesen kann (und versteht, was er liest), ist klar im Vorteil. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Problem irgendwie von alleine löst. Aber wenn ich bedenke, dass Insektenflügel aus Chitin bestehen, dann steht mir eine »zähe Verdauung« bevor. Angeblich sollen Säugetiere Chitinasen, also Chitin abbauende Enzyme, synthetisieren, weil die gegen den Befall mit pathogenen Pilzen helfen, da diese wiederum in ihren Zellwänden Chitin verbauen. Na, da kann ich ja nur hoffen, dass mein Immunsystem auf diesen Trichter kommt und Pilzbefall am Auge diagnostiziert. So, wie’s jetzt ist, sollte es jedenfalls nicht lange bleiben.

Blauer Wachtelweizen

Der weitere Weg über die Dörfer ist unspektakulär. Einzig erwähnenswert ist, dass er keineswegs geradlinig verläuft, sondern in teilweise extremen Zickzacklinien. Wenn ich von vornherein die Hauptstraße über Kretinga (Krottingen) genommen hätte, wäre ich wahrscheinlich trotz eines möglichen (!) Umwegs viel schneller voran gekommen. Jedenfalls verleiht mir das Erreichen der E272 bei Kartena einen Schub, auch wenn nicht die gesamte Strecke bis dorthin unbefestigt gewesen ist. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Das flotte Fahren hat nach zehn Kilometern schon wieder ein Ende. Erst macht die Straße einen Schlenker (dem ich folge), dann ich (dem die Straße nicht folgt) – indem ich nach Norden abbiege. Ein paar Kilometer entfernt soll es hier einen Nationalpark oder so etwas Ähnliches geben, und wenn die hier schon so dünn gesät sind, und wenn ich schon einfach so stracks durchs Baltikum eile, dann will ich mir davon wenigstens einen Eindruck verschaffen. Also verlasse ich die Hauptstraße, überquere eine Eisenbahnlinie und komme dann nach Šateikiai. Das Dorf beginnt zunächst recht unauffällig. Aber dann kommt die Sonne durch, die sich den ganzen Tag über ziemlich rar gemacht hat – dafür war der ausgiebige morgendliche Regen allerdings auch der letzte, und für solch günstige Umstände nehme ich bedeckten Himmel noch ganz gern in Kauf –, und macht das Unscheinbare bemerkenswert. In Norwegen ist mir 1996 zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, was eine tief stehende Sonne bewirkt, wenn einzelne ihrer Strahlen den Weg unter eine nahezu geschlossene und daher abdunkelnde Wolkendecke finden. Es waren wirklich banale Dinge – eine kleine Wiese, ein unbewohntes Häuschen, vielleicht sogar nur ein Stall mit rostrotem Dach –, die mir im grauen Einerlei niemals aufgefallen wären. Aber ein einzelner Sonnenstrahl erzeugte gewissermaßen einen Spot, und dieser leuchtete dann gleichsam, gewiss nicht heller als an irgendeinem klaren Tag, aber es war kein klarer Tag, sondern eine kurze Pause zwischen zwei in ihrer Häufigkeit zermürbenden Schauern, und längst nicht jede »Wiederaufladephase« der Wolken reichte der Sonne zum Bodenkontakt. Die Lichtintensität betrug also, wie das unter bedecktem Himmel zu sein pflegt, höchstens ein Zehntel derjenigen bei Sonnenschein, vielleicht, da bei sehr spitzem Winkel zwischen Strahl und oberer Wolkenfläche die Reflexion noch viel wirksamer ist, gar nur ein Hundertstel. Das Auge gewöhnt sich an diese Dämmerung (ein Fotoapparat natürlich nicht), aber die Konstraste schwinden, und was einem Menschen an visuellen Eindrücken entgeht, das merkt er erst so richtig, wenn sich die Sonne auf die beschriebene spektakuläre Weise in Erinnerung ruft.

bei Sateikiai

Hier freilich steht die Sonne noch nicht so niedrig, und die Wolkendecke wird gleich an mehreren Stellen löchrig. Das macht aber nichts; ich genieße die Landschaftsbilder dennoch.

In der Dorfmitte macht die Straße einen Knick nach links. Rechterhand wird ein Dorfteich sichtbar, ein richtiger kleiner See sogar, vielleicht 200 Meter lang. Über eine Schleuse fließt unter der Straße hindurch Wasser ab. Am Ende des Sees biegt die Straße erneut links ab. Auf der linken Seite taucht eine Kirche auf, die mir für die Verhältnisse dieses Dorfes einigermaßen imposant erscheint. In einer Stadt würde sie nicht weiter auffallen, aber wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in ihrem Einzugsgebiet wohl leben mögen, dann dürfte das eine teure Immobilie gewesen sein. Rechts endet der Ort in einem Waldstück, links setzt sich die Besiedlung hinter der Kirche noch ein paar Hundert Meter fort, bis eine Landstraße erreicht ist. Ich biege scharf rechts ab, einen halben Kilometer später scharf nach links, diesmal wieder auf einen unbefestigten Weg, und dann geht’s erst mal geradeaus. Die Landschaft ist interessant: Die Äcker sind mit lauter kleinen Wildinseln besetzt, kleinen Niederungen, wie sich erweist. Die Oberfläche macht den Eindruck, als sei über eine unebene Fläche ein großer Hobel gefahren, und dort, wo er Material abgetragen, also eine Ebene hinterlassen hat, wird jetzt der Boden bestellt, und weil der Hobel kein weiteres Mal kam, um die Ebene bis zu den niedrigsten Punkten der Senken abzutragen, sind sie bestehen geblieben.

Plateliai-See im Zemaitija-Nationalpark

Nach gut 20 Minuten kommt ein erneuter Knick in Richtung Osten, und nach noch mal derselben Zeit bin ich in Plateliai, einem etwas größeren Dorf an der Grenze des gleichnamigen Sees innerhalb des Žemaitija-Nationalparks. Hier nun also gilt es mit wachen Sinnen aufzusaugen, was die Gegend mit so illustren Adressen wie dem Grand Canyon, dem Yellowstone, den Redwoods oder dem Yosemite vergleichbar macht. Aber mit diesem Anspruch sollte ich wohl nicht als Tourist kommen, als jemand, der die visuellen Reize sucht. Dafür wäre es sicherlich besser herauszuarbeiten, was diese Landschaft innerhalb Litauens einzigartig macht, wie viele Pflanzen- und Tierarten hier leben, oder sonstige unscheinbare Kriterien zu ergründen. Das wäre überhaupt mal eine interessante Überlegung: ob Nationalparks in erster Linie für die Touristen oder den Tourismus oder für die davon eingegrenzte Natur geschaffen werden. Vielleicht lautet die Antwort auch gar nicht überall gleich. Sicher ist, dass es Schutzgebiete gibt, in die Besucher kaum oder überhaupt nicht hinein dürfen. Ebenso sicher ist aber auch, dass es Landschaften gibt, die zwar atemberaubend schön sind, in denen aber kaum etwas durch Fußgänger nennenswert beschädigt werden kann, wo also die Interessen der Besucher anscheinend Vorrang haben.

Plateliai-See im Zemaitija-Nationalpark

Im Dorf geht es geradewegs auf den Plateliai-See zu. Ungefähr einen Kilometer vorher muss man sich an einer Kreuzung entscheiden, ob es links herum oder am südlichen Ufer vorbei sein soll. Ich will am Nordufer entlang fahren, denn ich will den See auch wirklich sehen – was mir auf der südlichen Route nicht ganz so gewiss erscheint. Da das Dorf etwas oberhalb des Sees liegt, fällt die Straße geringfügig ab. Ich mache mir für ein paar Sekunden erste Gedanken darüber, wo ich wohl heute die Nacht zubringen werde.

Nach dem erneuten Schwenk nach rechts, d.h. Richtung Osten, wird tatsächlich der Plateliai-See sichtbar. Nicht schlecht, sehr ruhig gelegen, mit ein paar kleinen Inseln, vor längerer Zeit glazial geglättet, kein starker Verkehr rundherum und keine Motorboote im Wasser, nur zwei Jungs, die in einem Schlauchboot sitzen und angeln und wahrscheinlich nicht wissen, was sie daran haben, dass das Ufer (noch?) nicht von Wochenend- oder Bootshäuschen jener Menschen besetzt ist, die anderswo leben und ihr Geld verdienen und dann und wann hier Sauberkeit und Ruhe suchen – und auf dem Weg hin und zurück nebenher Schmutz und Lärm verbreiten. Das ist eine durchaus schützenswerte Gegend. Wie lange wird das wohl noch so sein?

Abenddämmerung bei Alsedziai/Aledschen

Der Nationalpark ist für die Ansässigen kein Heiligtum. Es gibt auch hier Landwirtschaft und vereinzelte Häuser, aber das alles macht nicht den Eindruck, als setze es der Natur über Gebühr zu. Andererseits besteht der Park praktisch nur aus dem See und dem im Osten an ihn angrenzenden Wald, d.h., ich fahre über mehrere Kilometer durch den Wald, hin und wieder mal an einem kleinen Feld entlang, über leichte Hügel in sanften Kurven – bis es sich landschaftlich wieder aufhellt, also die Landwirtschaft die Oberhand über die Forstwirtschaft gewinnt, und Alsėdžiai (Aledschen) näher kommt. Die Sonne ist gerade untergegangen, und deshalb schaue ich mir das 1000-Seelen-Dorf etwas genauer an im Hinblick auf mögliche Übernachtungsplätze. Aber viel ist da nicht. Und das, was es gibt, ist entweder 3. Klasse – die kommt für mich um diese Uhrzeit jedoch noch nicht in Betracht –, oder ich entdecke es nicht. Auch scheint der Sonnenuntergang das allgemeine Signal zum Aufbruch nach Hause gewesen zu sein, mit anderen Worten: Auf der Straße ist fast nichts los; ich sehe kaum einen Menschen. Vielleicht hat ja das Abendfernsehprogramm bereits begonnen; so funktioniert das jedenfalls in vielen Dörfern Deutschlands, nicht nur in der dunklen Jahreszeit.

Also fahre ich weiter und halte direkt auf Telšiai (Telschen) zu. Im Grunde war dies ja auch mein Ziel, aber für ein gutes Quartier hätte ich es fallen gelassen. Da ich den direkten Weg wähle, muss ich wieder mit einem Fahrweg mit dem bereits beschriebenen, eingebauten Rütteltest vorlieb nehmen. Ich hoffe mal, dass sich so schnell keine Schrauben lösen.

Nach einiger Zeit kommt die Überquerung der E272, und von da an ist die Straße wieder asphaltiert; immerhin ist dies eine der drei maßgeblichen Anbindungen der Stadt an den Fernverkehr. Kurz darauf fahre ich auf einen Bahnübergang zu. Die Signallichtanlage verrät mir einen nahenden Zug, der Himmel die nahende Dunkelheit. Es wird wohl wieder so ein Diesel- oder Ölzug sein; die Litauer müssen den größten Teil ihrer Energie importieren, und offensichtlich haben sie keine Pipeline ausreichender Kapazität – was ja auch kein Wunder ist, denn schließlich ist es ein Land im Aufbruch, und da steigt normalerweise der Energiehunger. Der wird sich noch zusätzlich vergrößern, sobald Litauen sein Versprechen einlöst, das abzugeben Voraussetzung für den Beitritt zur EU war, nämlich die Stilllegung ihres einzigen Nuklearreaktors, der zwar den größten Anteil an der Stromproduktion ausmacht, aber so ähnlich wie der Unglücksreaktor in Tschernobyl konstruiert ist.

Das Gleis ist in Richtung Osten über einen Kilometer weit einsehbar. In der Ferne werden die Lichter des Güterzugs sichtbar. Wisst ihr, Leute … – nach einem kurzen Rundumblick fahre ich entschlossen weiter. Die Straße hat hier einen separaten Fahrradweg, sozusagen bereits im Dunstkreis der Stadt. Als ich mich 500 Meter später noch mal umdrehe, ist der Zug noch immer nicht am Bahnübergang angekommen.

Telšiai dehnt sich über einige Quadratkilometer aus und ist durchaus städtisch dicht besiedelt. Hier nun muss es auf jeden Fall sein. Viel Resthelligkeit ist nicht mehr auszumachen. Natürlich hat das auch Vorteile, weil nicht mehr so viele Menschen auf der Straße sind wie vielleicht noch vor zwei Stunden, aber Stadt bleibt Stadt – da ist bis spät in die Nacht noch was los. Außerdem kann dort, wo jetzt bereits Ruhe eingekehrt ist, im Gegenzug morgen früh bereits vor Tau und Tag das rege Leben herrschen. Ich muss in Osteuropa einen gegenüber Mitteleuropa vorgezogenen Tagesrhythmus unterstellen – schließlich wird es hier auch zeitiger hell.

Ich bewege mich entlang der Hauptstraße. An einer Ampelkreuzung erscheint mir der Weg nach Süden einen Versuch wert. Aber das Gebäude, das mein Interesse geweckt hat, erweist sich dann doch als zu öffentlich einsehbar; da ist nichts zu machen. Ich kehre wieder auf die Hauptstraße zurück. Es geht einen Hügel hinauf. Auf der Kuppe ist der gesamte Straßenverlauf in beiden Richtungen gut einsehbar. Die folgenden Gebäude auf der rechten Seite stehen nicht mehr geschlossen, und die Strecken dazwischen sind nicht mit Zäunen oder Mauern versperrt, also kann ich mir die rückwärtigen Seiten ansehen. Gleich beim ersten Haus, das aussieht wie ein Elektrogerätehandel, habe ich Glück: Auf der Rückseite finde ich eine völlig vom Straßenverkehr abgeschirmte Bucht, die begrenzt wird von einem Haus, das aussieht, als werde es nicht mehr genutzt, jedenfalls ist es kein Wohnhaus, und die Fenster sind entweder vernagelt oder von innen verhängt, und eben von diesem Geschäft bzw. von dessen Lieferantenzugang. Dort finde ich sogar eine ca. anderthalb Meter hohe, überdachte Rampe, habe also den gewünschten Wetterschutz, wuchte mein Fahrrad hinauf und breite mich zur Nacht aus. Wenn die Leute in dem einzeln gegenüber stehenden Wohnhaus, das ungefähr 50 Meter entfernt ist, mich sehen sollten, dann müssen sie das mit sich ausmachen; das ist mir um diese Uhrzeit auch egal.

15. Juli

Der Morgen offenbart zweierlei: Erstens liegt Telšiai (Telschen) an einem mittelgroßen See, und ich kann ihn von meinem Schlafplatz aus, der vielleicht zehn Meter oberhalb des Wasserspiegels liegt, ungefähr so gut einsehen wie vom Fenster eines zweitklassigen Hotels. Und zweitens liege ich auf meiner Rampe gleichsam wie auf einer Bühne: Jeder, der hier vorbeikommt, kann mich sehen. Ach ja, und drittens: Als ich all das bemerke, ist es ganz klar zu früh für mich. Die gelegentlichen Passanten müssen mir also egal sein, und der See ist nachher bestimmt immer noch da.

Mastis-See in Telsiai

So gegen halb acht werde ich wieder wach. Eine Frau um die 50 ist die Treppe hochgekommen, und sie findet keinen Gefallen daran, dass ich dort liege. Sie schließt die Tür auf, die von der Rampe in das angrenzende Gebäude führt, also in den Elektrogerätehandel, und wie es aussieht, will sie die Rampe frei haben. Ich kann zwar keinen unmittelbaren Bedarf dafür erkennen, aber ich habe kein Recht, Begründungen einzufordern, wenn ich mich auf fremdem Boden niederlasse. Wahrscheinlich wäre mir das auch schwerer begreiflich zu machen, denn das ist ja nicht mehr zwangsläufig mit Gestik und Mimik zu vermitteln. Was ich allerdings noch verstehe, denn die Frau wechselt anscheinend zwischen Russisch und Litauisch, ist ein Verweis auf ein benachbartes Hotel. Tatsächlich ist es lediglich 50 Meter entfernt, die Hauptstraße nur ein kleines Stück weiter und näher am See. Ja, aber, gute Frau, ich bin hier gestern bei Dunkelheit angekommen. Da hätte mich höchstwahrscheinlich niemand mehr in dieses Hotel eingelassen, und jetzt nützt mir dieser heiße Tipp sowieso nichts mehr. Mir ist es auch ganz recht. So schlecht war die Stelle hier gar nicht.

Um ihren Wünschen jedoch gerecht zu werden, verzichte ich auf ordnungsgemäßes Einpacken, sondern räume Fahrrad und Übernachtungskram in drei Tranchen auf den angrenzenden Parkplatz. Da wird sicherlich nicht sofort eine Autowelle anrollen und mich erneut vertreiben. Und es geht ja auch nur ums Zusammenpacken. Sie scheint damit zufrieden und macht nicht den Eindruck, als wolle sie mir nun noch irgendwas nachtragen.

Während ich meine Sachen ordne, taucht ein junger Kerl auf, Anfang oder Mitte 20 vielleicht. Kurz nachdem er den Laden betreten hat, kommt er wieder heraus und auf mich zu. Er erweist sich als einer ihrer Mitarbeiter, und er spricht ganz passabel Englisch. Ich habe den Eindruck, er will oder soll sondieren, wo auf der Skala zwischen Penner und Reisender ich einzuordnen bin. Na gut, soll er mal machen. Lange dauert unser Gespräch jedenfalls fürs Erste nicht, denn allem Anschein nach brummt das Geschäft, will heißen, es taucht Kundschaft auf.

Was mich betrifft, so bin ich noch lange nicht aufbruchbereit. Gestern ist mir irgendwo unterwegs aufgefallen, dass sich eine Hosennaht auflöst, und zwar nicht irgendeine, sondern die im Schritt. Hätte das nicht die andere Hose, die mit dem aufgerissenen Knie, treffen können? Weiteren Ersatz habe ich nicht, und irgendwo in Polen ist mir meine einzige Nähnadel ins Gras gefallen. Jetzt muss ich mich auch noch um solche Dinge kümmern! Zunächst steht jedoch wieder einmal die Verpflegung im Vordergrund. Ich setze mich auf die hohe Bordsteinkante und beginne mit dem Frühstück.

Während ich da so sitze, taucht ein Lieferant auf, d.h., es fährt ein Transporter vor. Aha, deshalb wollte Madame mich nicht auf der Rampe haben. Dass sie aber auch gerade heute Ware bekommt… Von wegen! So lange, wie ich dort noch zubringe, laden mindestens drei Zulieferer alles vom mp3-Player bis zum Kühlschrank ab, und die Frau und ihr junger Helfer kommen kaum hinterher, das ganze Zeug ins Geschäft zu expedieren und gleichzeitig die Kunden auf der Vorderseite zu bedienen. Da ich mir allem Anschein nach das Vertrauen des Angestellten erworben habe, helfe ich ein bisschen mit beim Ausladen und Reinbringen. Ich muss mir ja nicht gleich die Waschmaschinen aufladen.

So gewinnt man Herzen. Die Chefin wird erkennbar freundlicher. Als gerade mal weder vorne noch hinten Leute drängeln, lädt sie mich auf eine Tasse Kaffee ein. Das ist zwar nicht das Getränk meiner Wahl, aber ich will ja nicht unhöflich sein. Erst als sie den Kaffee mit Weinbrand veredeln will, signalisiere ich Zurückhaltung. Nein, das muss nicht sein; ich »muss« ja noch fahren – auch wenn die paar Tropfen bis zu meiner Abreise längst verschwitzt und verdunstet wären.

Aber wo sie sich so nett zeigt, könnte ich ihren Assistenten doch mal nach einer Nähnadel fragen. Dafür wäre doch kein allzu großes Vertrauen erforderlich. Gesagt, getan. Tatsächlich halte ich in den nächsten Minuten eine schwarze Nadel in der Hand und mache mich ans Werk. Aber ach! Meine Nähkunst stellt den Stahl anscheinend vor eine zu große Herausforderung, denn als ich den Faden mit der quer gehaltenen Nadel straff ziehe – damit sie mir beim Ziehen nicht aus den Fingern rutscht –, bricht sie an der Öse entzwei. Also, der Tag fängt ja gut an, und dabei ist er gar nicht mehr so jung. Es geht mittlerweile auf zehn!

Es ist mir nicht nur unangenehm, Leihgut zerstört zu haben, auch mein ursprüngliches Problem ist noch nicht zufrieden stellend gelöst. Ich konsultiere also wieder meinen jungen Helden, und der erklärt mir, wo ich wahrscheinlich Nadeln kaufen kann. Solch eine kleine Sache ist in einem Supermarkt mittlerer Dimension nicht so schnell gefunden, und so kommt es, dass ich über allerlei andere Dinge stolpere, vorzugsweise in der Lebensmittelabteilung, die mir ebenfalls einen Erwerb wert sind. Die Nadeln finde ich dann aber auch, klar – adatų rinkinys – das hätte doch jeder gewusst. Hergestellt übrigens in Stolberg, und die Ösen – es geht nicht unter 20 Stück in verschiedenen Größen – glänzen messingfarben, machen also einen gehärteten Eindruck. Wollen doch mal sehen, ob wenigstens eines dieser Teile made in Germany mein Verfahren überlebt und dann sozusagen praxisbewährt als Ersatz zurückgegeben werden kann. Für mein verletztes rechtes Auge liegt sogar noch eine Einfädelhilfe dabei. Da kann ja nichts mehr schief gehen.

Tatsächlich gelingt mir nach meiner Rückkehr der Abschluss meiner »Wartungsarbeiten«; was jedoch nicht klappt, ist die Tilgung meiner Schulden. Nicht mal eine einzige Nadel möchte die Frau zurück haben, und sie macht darum richtig Aufhebens. Ihr Dolmetscher stellt die Sache so dar, dass ich den Eindruck habe, Nadeln verschenken bringe in Litauen Unglück. Oh je. Aber das ist mir egal; ich werde denen nichts aufdrängeln, und dieses Detail macht mein Marschgepäck nun wirklich nicht beträchtlich schwerer; wer weiß, wofür 20 Nähnadeln auf einmal noch gut sein werden…

Die Sonne steht inzwischen hoch über dem Mastis-See. Es geht auf 11 Uhr. Schon wieder dockt ein Lieferant an. Jetzt habe ich, glaube ich, alles beisammen. Damit ich unterwegs keine Not leiden muss, schenkt mir die Geschäftsfrau zum Schluss sogar noch ein halbvolles Honigglas, und man kann das sehen, wie man will, aber ich habe definitiv schon weniger nützliche Geschenke bekommen.

Es ist bereits nach elf, als ich mich in Bewegung setze. Der richtige Aufbruch ist dies allerdings noch immer nicht; das wird mir klar, als ich den Ort verlassen und auf die Hauptstraße zurückkehren will. Aus der Straße wird eine Nebenstraße, aus dieser ein Weg, dieser überquert irgendwo wieder die Gleise, diesmal ohne Schranke, und dann verläuft er sich im Nirgendwo. Über dieses Nirgendwo spannt sich eine neue Brücke, und dort oben läuft Verkehr. Das ist zwar nicht »meine« Straße, aber hundertprozentig mündet sie in diese. Das Problem ist nur: Wie komme ich von unter der Brücke auf dieselbe? Wie sich das für moderne Straßen gehört, ist auch diese mit einer schier endlosen Leitplanke ausgestattet, und ich müsste schon Fahrrad und Gepäck in mehreren Anläufen da hoch schleppen und dann wieder zusammenpacken. Diese Variante erscheint mir wenig attraktiv. Lieber gestehe ich mir meinen Irrweg ein und kehre zurück. Der Garmin protokolliert penibel mein Hin und Zurück, und so stelle ich schließlich auch fest, dass ich wohl besser in die umgekehrte Richtung aufgebrochen wäre; jedenfalls führt der direkte Weg zur E272 kurz vor dem von mir besuchten Supermarkt in Richtung Norden. Diesmal überquert eine Brücke die Bahngleise, und kurz darauf kann es dann wirklich losgehen.

Das ist dann allerdings wörtlich zu nehmen. Hier geht richtig die Post ab. Ein straffer Rückenwind lässt mich mit über 30 km/h in Richtung Osten segeln, und so geht das ungefähr über eine Strecke von 60 Kilometern. Viel zu sehen gibt es unterwegs nicht, und auch die Stadt Šiauliai (Schaulen) umfahre ich auf einer großzügig angelegten Umgehungsstraße, denn von nun an geht es überwiegend in Richtung Norden.

Die E77, auf der ich mich nun bewege, ist neu ausgebaut. Man hat sogar an Fahrradwege gedacht. Das begeistert mich normalerweise nicht so, weil Radwege häufig keine Straßenbauglücksgriffe sind – durch häufige Unterbrechungen, Seitenwechsel, Unterordnung unter kreuzende Nebenstraßen und nicht zuletzt ihre Qualität. Hier ist gegen all dies wenig zu sagen, und die Seitenwechsel sind selten genug, um nicht störend zu wirken. Was mir jedoch im Hinterkopf herumschwirrt, ist das openstreetmap-Projekt. Als ich mir den Garmin kaufte, dachte ich so, ich könnte ja vielleicht nachfolgenden Radfahrern einen Dienst erweisen, um ihnen kartografisch Strecken zu erschließen, für die sie bisher noch Karten kaufen müssen – und was ich bisher von den gängigen (nicht einheimischen) Kartenverlagen in die Finger bekommen habe, stimmt allenfalls auf Haupt- und anderen wichtigen Straßen. Je unbedeutender die Straßen oder gar Wege sind, desto phantasievoller werden die Maler in den Kartenstuben und desto historischer ist das, was von den Ergebnissen dieser Kunstmomente an die Käufer hinübergereicht wird. Ich weiß noch: Als ich 2002 durch Südostpolen fuhr, war da so eine Strecke. Ich hatte eine Landkarte von einem der gängigen Verlage – ich glaube, es war der RV-Verlag – und ein deutlich älteres Buch aus dem Kettler-Verlag: »Polen per Fahrrad. Band 2: Süden« von 1993. Das war also zu diesem Zeitpunkt bereits neun Jahre alt. Und die Missstände in der Landkarte waren noch immer dieselben, obwohl der Autor den Verlag angeschrieben hatte und die Karte seither neu aufgelegt worden war.

Da wäre es doch ein guter Dienst an den Reisenden der Neuzeit, dass sie, sobald sie diejenigen Pfade verlassen, die Google und den gängigen Navigationscomputern bekannt sind, immer noch möglichst viele Orientierungshilfen zur Verfügung haben. Diese Orientierung will das openstreetmap-Projekt geben. Das gelingt jedoch nur je nach Engagement derjenigen, die an der Erstellung der Karten mitwirken. Außerdem ist der Zugriff auf das bereits erstellte Material häufig beklagenswert zäh. – Jedenfalls habe ich mir so gedacht: Wenn ich meine GPS-Aufzeichnungen in das Projekt einfließen ließe, könnte ich hier und da sicherlich noch eine Lücke schließen. Das hat aber natürlich nur begrenzten Wert, wenn ich nicht auf der Straße fahre, deren Verlauf ich einzeichnen will, sondern zehn oder 15 Meter daneben auf einem Fahrradweg. Das mag jetzt für Leser gedruckter Karten irrelevant klingen, weil solche Abweichungen im Maßstab 1:100000 oder gröber gar nicht auffallen. Wer sich die Daten jedoch in seinen Navi lädt und dann im Maßstab 1:10000 benutzt, dem fallen solche Versatzstücke schon auf. Und nun überlege ich, wie ich diesen Seitenwechsel in der Aufzeichnung für die spätere Verarbeitung kenntlich machen kann, ohne mir Kilometerstände, Orte oder dergleichen notieren zu müssen. Ich fahre ein paar Schlängellinien, aber nach wenigen Sekunden wird mir klar, dass das keinen Sinn hat: An anderen Stellen werde ich die gleichen Figuren möglicherweise wegen Schlaglöchern machen, und hinterher sitze ich dann am Computer und grüble darüber, was zum Henker dort nun an den Daten zu korrigieren sein soll. Und generell dürfte bei der Aufzeichnungsdichte und der Ortsauflösung solch ein Zickzack gar nicht zu erkennen sein. Dessen »Amplitude« beträgt ja kaum einen Meter.

Berg der Kreuze Berg der Kreuze

Berg der Kreuze

Zwei, drei Kilometer später hat sich dieses Problem erst mal wieder erledigt. Ich biege rechts ab, weil mein Reiseführer hier den Kreuzberg ausweist, ein Muss für Touristen, wie es scheint. Na ja, wenn’s schon so nahe an meiner Strecke liegt… Dieser Kreuzberg ist fast eine Institution wie Lourdes oder Santiago de Compostella. Die Litauer haben das nur noch nicht so richtig marktwirtschaftlich erschlossen, und natürlich macht ein kleiner Hügel mit Abertausenden von Holzkreuzen auch nicht so viel her wie eine spanische Kathedrale oder eine Höhle in den Pyrenäen. Die langen Tischreihen mit allerlei Devotionalien und Memorabilien und natürlich mit noch einmal zahllosen Kreuzen in allen Größen und Materialien, nicht zu vergessen lauter Tinnef, der nicht einmal äußerlich mit dem Kreuzberg was zu tun hat, sind aber schon da und auch personell besetzt, denn gerade schwärmen die Insassen eines deutschen Reisebusses über dem Gelände aus. Wenngleich ich eine ganze Reihe von Fotos mache, so kann ich doch mit all dem hier wenig anfangen. Das erste Kreuz mag ja wirklich mal aus religiösen Motiven heraus errichtet worden sein. Aber den Tausenden nun noch mein persönliches hinzuzufügen – das überzeugt mich nicht. Das ist höchstens noch ein Geck wie Münzen in der Fontana di Trevi oder der Fontana della Barcaccia in Rom. Also setze ich mich bald wieder in Bewegung.

Berg der Kreuze Berg der Kreuze
Berg der Kreuze Berg der Kreuze
Devotionalienmarkt am Berg der Kreuze Devotionalien am Berg der Kreuze

Ich fahre nicht wieder zurück auf die Hauptstraße, sondern weiter entlang der Nebenstraße, die ich einmal eingeschlagen habe, um den Kreuzberg zu erreichen. Es zeigt sich, dass die Straße vorrangig dem touristischen Ziel dient, denn bald darauf wird der Belag schlechter, und es dauert nicht lange, da fahre ich nur noch auf einem halbwegs befestigten Weg. Das geht aber ganz passabel, und die E77 bleibt fast ständig in Sichtweite, also so ca. einen Kilometer entfernt. In Meškuičiai wende ich mich wieder der Hauptstraße zu, und wenig später geht es erneut zügig nach Norden.

Seerosen Seerosen

Nächstes Ziel ist Joniškis (Jonischken). Die Straße bis dorthin ist schnurgerade. Schon aus zehn Kilometern Entfernung sehe ich den Kirchturm, auf den die Straße direkt zu hält. Ich möchte die Entfernung bzw. ihre Verringerung im Laufe der Fahrt mal ohne Landkarte und Navi abschätzen und halte den Daumen quer, um damit den Kirchturm zu verdecken. Es würde wohl klappen, wenn ich anhielte, aber während der Fahrt kann ich den Arm nicht so ruhig halten. Und interessant wird die Größenänderung ohnehin erst, als ich schon in die Stadt hineingefahren bin und die Kirche immer wieder durch andere Dinge verdeckt wird.

Kirche in Joniskis/Jonischken Kirche in Joniskis/Jonischken

An genau dieser Kirche mache ich dann auch halt, um sie mir mal anzusehen. Das Einzige, was mir darin auffällt, ist die große litauische Fahne, die von der Wand herabhängt. Außerdem beginnen die Fenster erst ziemlich weit oben, was das Licht verhältnismäßig gedämpft erscheinen lässt. Sie ist aber gut in Schuss, was ja nicht selbstverständlich ist, wenn ich jetzt etwa an die Kaliningrad-Oblast zurückdenke.

Nach diesem Besuch geht es weiter in Richtung Landesgrenze. Ich bin vorgestern nach Litauen gekommen. Es sollten nicht mehr als zwei Tage in jedem der baltischen Länder verstreichen, wenn ich so halbwegs wie geplant nach Russland kommen will. Also auf!

Der Rest der Strecke ist langweilig. Die Grenzanlagen stehen noch vollständig, wie es aussieht. Ich nehme ja an, dass sie zu Zeiten der Sowjetunion nicht existierten, höchstens als so eine Art Milizposten – aber wer weiß, welche Kontrollen die Russen hier für sinnvoll hielten? Jetzt ist dieser Ort eine Grenze zwischen zwei benachbarten EU-Staaten; da hält sich dort keine Menschenseele mehr auf.

Lettland – hier war ich noch nicht. Litauen war immerhin schon 2002 für knapp zwei Tage und zwei Nächte Abschnitt meiner Reise; damals besuchte ich Vilnius. Aber in Lettland war ich noch nie – ein neues virtuelles Fähnchen auf meiner virtuellen Reiseweltkarte. Geplant ist, dass es nicht das letzte bleibt.

E77 südlich von Jelgava

Die Letten scheinen darüber anders zu denken, jedenfalls lassen sie mich nicht so schnell vorankommen wie die Litauer. Wenn man bedenkt, was für eine wichtige Straße das hier ist, fließt nur wenig Verkehr, und zumindest Radfahrern kann ich es nicht verdenken, wenn sie sie meiden: Der Asphalt ist lausig. Hier müsste man wirklich mal was tun. Aber selbst wenn sie tiptop in Ordnung wäre, zöge sich die Strecke nach Jelgava (Mitau) endlos lange hin; die Landschaft bietet keine Abwechslung, und Menschen bekomme ich auch kaum zu sehen, abgesehen jedenfalls von der überschaubaren Menge jener, die an irgendeinem Steuer sitzen.

Laut Reiseführer soll hier irgendwo östlich das Schloss Rundale (Rundāles pils) liegen, das »Versailles des Baltikums«, wie man hier und da liest. Aber es liegt ca. 15 km von meiner Route entfernt, und irgendwie habe ich jetzt überhaupt keinen Nerv für Schlösser, vor allem nicht für deren innere Pracht. Außerdem ist es um diese Zeit nicht geöffnet. Also, vielleicht ein anderes Mal.

Als ich schließlich in Jelgava ankomme, ist die Sonne inzwischen untergegangen. Die Straße nach Riga biegt bereits kurz nach dem Ortseingang rechts ab. Ich will heute aber nicht weiter. Ich suche einen Schlafplatz. Es darf in dieser Nacht sogar ein Hotel sein, wenn ich schon mal in einer größeren Stadt bin. (Es ist mir dabei gar nicht so sehr um ein weiches Bett zu tun oder um Schutz vor irgendwelchen tatsächlich gar nicht heraufziehenden Unwettern. Aber mein Vorrat an Radlerunterhosen ist praktisch erschöpft; ich muss also mal Wäsche waschen, und das geht an einem Waschbecken oder in einer Duschkabine entschieden besser als an jedem wilden Schlafplatz, der sich ja vorzugsweise nicht inmitten einer Wasserader befindet.) Aber erst mal muss ich eines finden. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass hier schon jede Herberge als solche für Ausländer kenntlich gemacht ist.

Die Grenze zwischen der Vorstadt und den dichter besiedelten innerstädtischen Bezirken wird durch ein paar Eisenbahngleise markiert, die sich rechts für einen Rangierbahnhof in ein ganzes Büschel von Schienensträngen auffächern, von denen erneut viele, wie schon in Litauen, mit Kesselwagen belegt sind, Energie-»Träger« für eine ambitionierte Wirtschaft. Die Straße überquert dieses sich entfaltende Stahlgewirr mit einer Brücke.

Ich drehe eine »Ehrenrunde« auf dem anschließenden Kreisverkehr, weil ich mir nicht schlüssig bin, in welcher Richtung ich weiter fahren sollte. Schließlich entscheide ich mich für den Abzweig nach rechts, der bald darauf eine Linkskurve macht, sodass ich letztlich wieder in dieselbe Richtung fahre wie seit der Grenze. Nach einer Weile komme ich an einer recht eindrucksvollen orthodoxen Kirche vorbei. Orthodox? Ja, so sieht sie aus. Aber die Kreuze auf all ihren Kuppeln passen nicht dazu; es sind keine doppelt gekreuzten Kruzifixe. Na, wer weiß, was es damit auf sich hat…

Kirche in Jelgava/Mitau

Hinter der Kirche biege ich links ab. Dies hier ist vom Charakter her eine Durchfahrtsstraße. Da wird’s keine Hotels geben, denke ich mir. Nach der Kurve ändert sich das Bild tatsächlich, aber auch nicht so, wie ich mir das vorstelle: Dies ist eine Wohngegend. Weit und breit kein Schriftband, das auf eine Herberge hindeuten würde. Da rechts steht irgendwas mit »Gosti…«, jedoch in lateinischen Buchstaben, wie das im Baltikum eben üblich ist. Sollte sich das russische Gostiniza (Гостиница, Gaststätte, Hotel) wenigstens rudimentär in die neue Zeit herübergerettet haben? Eine Runde um den Block enttäuscht mich. Da ist nichts, was auch nur vage an einen Gaststättenbetrieb erinnerte. Also weiter.

Wenig später begegne ich einem jungen Paar. Die könnte ich doch mal ansprechen; vielleicht können sie ja englisch. Die Frau kann. Sie erklärt mir einen nicht so ganz simplen Weg, und möglicherweise verwendet sie Straßennamen – die ich natürlich nicht kenne – oder spricht irgendwas undeutlich aus, während ihr Begleiter schweigend neben ihr steht. Einen halben Augenblick lang überlege ich, ob er wohl einfach nur aus Zurückhaltung nichts sagt, oder ob er sich denkt: Hm, die kann mit den Touristen aus dem Westen. Aber viel Zeit bleibt mir für solcherlei Erwägungen wirklich nicht. Hauptsächlich habe ich nämlich das Onkel-Tom-Problem: Die ersten hundert oder zweihundert Meter werde ich wohl in der richtigen Richtung fahren, aber dann muss mich das Glück lenken oder eine erneute Frage.

Was ein Onkel-Tom-Problem ist? Jaaa, das ist eine ganz bestimmte Geschichte. Sie datiert aus dem Jahre 1993, in dem ich noch glaubte, jeder Westdeutsche sei schon mindestens einmal in den USA gewesen, und deshalb müsse ich da nun auch unbedingt hin. Mit dem Fahrrad natürlich. Also, natürlich nicht hin mit dem Fahrrad, aber dort »so herum«. Das war das letzte Jahr, in dem ich mich gegenüber Kollegen mit einem ökologisch korrekten Urlaub brüstete und dabei unbeeindruckt blieb von den 12000 Flugmeilen (22000 Kilometern), die damit verbunden waren – vielleicht noch ein wenig mehr, weil es kein Direktflug war. Jedenfalls kam ich damals am Himmelfahrtsdonnerstag in Los Angeles an, und zwecks Erwerbs günstiger Straßenkarten hielt ich Greenhorn es für eine gute Idee, bei der AAA vorzusprechen, dem US-amerikanischen Automobilclub. Der hatte aber entweder keine Büros am Flughafen, oder ich hatte sie schlichtweg übersehen. Also kurvte ich eine Weile ziemlich unkoordiniert durch die unendlichen Weiten von L.A., bis ich an einer Tankstelle landete. Und dort begegnete ich Onkel Tom.

Onkel Tom war Tankwart oder so was in der Art. Die literarische Figur von Harriet Beecher-Stowes Roman »Onkel Toms Hütte« war ein alter schwarzer Sklave, eine Seele von Mensch, und genauso, wie dieser Tankwart aussah und auf mich wirkte, stellte ich ihn mir in meiner Kindheit vor, als ich das Buch las. Und den fragte ich nun nach dem Weg zu einem Büro der AAA. Der Mann nickte und hob an, mir eine Wegbeschreibung zu einem Ort zu geben, der für mich nicht zweifelsfrei von dieser Welt war. So gut er auch zu verstehen war, so wenig war mein Kurzzeitgedächtnis in der Lage, all seine Angaben zu erfassen, und schon bald ging ich dazu über, verständig zu nicken, ohne gedanklich auch nur einen Pflasterstein weiter voranzukommen.

Da könnte man nun sagen: Schön, dann darfste halt nicht so höflich sein. Oder was auch immer. Ich war’s jedenfalls und bedankte mich schön und wollte gerade noch ein »Good bye!« anfügen, als mich Onkel Tom freundlich, aber bestimmt ansah und meinte: »So, und nun wiederhol noch mal meine Beschreibung, damit ich sehe, ob du sie auch richtig verstanden hast!« Ich hätte im Boden versinken mögen! Und tatsächlich ist er mit mir den Weg danach noch mal Schritt für Schritt durchgegangen, bis ich ihn selbstständig reproduzieren konnte. – Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr, ob ich jemals in jenem AAA-Büro ankam, ich glaube aber, schon, denn auf irgendeinem Wege muss ich ja zu der Einschätzung gelangt sein, dass die Preise und Konditionen dort nicht annähernd so attraktiv waren, wie sie mir mein Kollege Bernd in München damals vor meinem Reiseantritt geschildert hatte. So verzichtete ich dann vorerst auf das komplette Kartenwerk der Vereinigten Staaten – und dabei hätte ich es für wirklich wenig Geld beim Tesco-Superstore bekommen können, wie ich dann allerdings erst an meinem vorletzten Reisetag erfuhr, an dem ich wieder in Los Angeles ankam.

So viel zum Erfragen komplexer Routen. Das lettische Pärchen fragt zum Glück nicht nach. Oder zu meinem Pech. Jedenfalls finde ich dieses blöde Hotel nicht. Na, dann vielleicht ein anderes. Ich schlage wieder den Weg in Richtung Norden sein und gelange auf eine breite Straße – die Russen würden wohl Prospekt dazu sagen – in Richtung Riga. Na schön, vielleicht hier. Und tatsächlich: Als die Magistrale sich zur Brücke über das Flüsschen Lielupe erhebt, erblicke ich linkerhand ein größeres Gebäude, dessen Portal der Brücke zugewandt ist: ein Hotel.

So rein fassadenmäßig sieht die Hütte ziemlich feudal aus. Das ist wohl nicht gerade ein Etablissement, das auf Leute mit Fahrrädern im Handgepäck wartet. Aber ich kann ja trotzdem mal ein paar Schritte hinein wagen und die Relationen erkunden. Mein »Handgepäck« lasse ich erst mal draußen. Direkt gegenüber dem Eingang befindet sich der Empfang, an dem eine blonde junge Frau mir entgegenschaut. Aha, Personal, das nur dafür beschäftigt wird, dass es auf mich wartet… – durch mein Rechenzentrum flattern ein paar Ziffern und ertönt das Geräusch einer gedrückten Plustaste. Ich frage sie zögernd, ob sie englisch spricht. »Yes, of course.« erhalte ich zur Antwort. Ja, und was würde wohl eine Nacht in diesem feinen Haus in einem der preislich günstigeren Räume kosten? »31 Latu« erhalte ich zur Auskunft. Natürlich habe ich mich vor Reiseantritt mit den Wechselkursen vertraut gemacht, damit ich hier nicht noch dämliche Fragen stellen muss, und daher weiß ich, dass Lettland die teuerste nominale Währung Europas oder gar der ganzen Welt hat, teurer sogar als das britische Pfund. Durch 0,7 muss man die Zahlen hier dividieren, wenn man Euro-Beträge herausbekommen will, und das Haus hier mag wohl jeden einzelnen Cent wert sein, aber für einen Waschsalon – und das ist eigentlich das, was ich jetzt wirklich brauche – ist der Preis gesalzen. Diese Intention kann die Dame am Empfang jedoch nicht kennen, und so will ich sie damit auch nicht betrüben. Also frage ich sie höflich, ob es in der Stadt wohl noch etwas günstigere Hotels gibt. Mein Outfit macht die Frage glaubhaft, aber angesichts der Uhrzeit (es ist bereits 22 Uhr durch) ist sie dennoch etwas dreist. Trotzdem hat das Fräulein eine Idee, führt ein Telefongespräch, zieht einen kleinen Stadtplan hervor, markiert darauf einen Punkt und nennt die Zahl 26. Okay, die Differenz ist mir noch einen kleinen abendlichen Ausflug wert. Was ich hier außer der baltischen Schönheit verpasse, werde ich so natürlich nie erfahren.

Der Ausflug erstreckt sich über knappe drei Kilometer in die entgegengesetzte Richtung, also hauptsächlich nach Westen. Mit einem solchen Plan findet man sich hier ganz gut zurecht, da sowohl er als auch die realen Straßen beschriftet sind, und es ist gerade noch hell genug, um beides miteinander abzugleichen. Aber einschließlich aller Ampeln dauert es dann doch noch eine viertel Stunde, bis ich da bin.

Ich eile die Treppe zum Eingang hinauf, und der erste Grund für die Preisdifferenz wird schnell klar: Mit Englischkenntnissen sind hier nur ganz kleine Blumentöpfe zu gewinnen, Sämlinge gewissermaßen. Die Frau am Empfang hätte es deutlich lieber auf russisch. Aber eine Bestätigung der Preisauskunft kriegen wir auch so noch hin. Dann fällt mir ein, dass ich überhaupt kein lettisches Geld habe. Natürlich, die Welt spricht Visa, aber gehört Jelgava auch zu dieser Welt? Ich halte erst meine EC-, dann meine Visa-Karte hoch, und bei der zweiten greift sie zu. Mit dem ersten Versuch scheitert sie jedoch und will mir die Karte schulterzuckend zurückgeben. Moment mal, diese Masche kenne ich doch. Nein, nein, versuchen Sie es noch mal, signalisiert meine Gestik. Sie probiert erneut mein Glück, und diesmal klappt es. Na also, diese Hürde wäre genommen. Jetzt muss ich noch mein Zeug reinbringen. »Das Fahrrad geht wohl nicht …?« erkundige ich mich wenig hoffnungsvoll. Na ja, wer schon mit dieser Erwartung an die Auskunft herangeht, braucht sich über abschlägigen Bescheid nicht zu wundern. Nein, das bleibt draußen, aber der Concierge wird mich in die Örtlichkeiten einweisen; sie verweist auf einen stämmigen Mann mit dem Aussehen und Habitus eines Heizers oder bestenfalls Hausmeisters. Nichts gegen diese ehrenwerten Berufe, aber der devote Charme eines 5-Sterne-Rezeptionisten ist doch etwas anderes.

Dieser Mann der Tat begleitet mich und mein Schlachtross zu einem Schiebetor, das den Hinterhof des Hotels abgrenzt. Das Hotel selbst ist ein vier- oder fünfstöckiges Gebäude, das vielleicht vor zehn oder 20 Jahren errichtet worden ist. Nach allen Seiten ist viel Ausblick auf verhältnismäßig viel Grün, und der Hinterhof ist gegenüber so etwas wie einem Park mit einem Maschendrahtzaun abgegrenzt. An einer Stahlverankerung schließe ich das Fahrrad fest und nehme das Gepäck ab. Verdammt, ich weiß doch, warum ich das nicht tue, wenn ich in einen Zug ein- oder aussteige! Das geht nicht in einem Ritt. Mein Begleiter langt schließlich nach zwei kleineren Taschen, und wir machen uns, während dieses kurzen Aufenthalts im Freien schon anständig von Mücken attackiert, wieder auf den Weg nach drinnen. Ich erfahre so Schritt für Schritt, wer er ist. Viktor heißt er und ist Russe. Viktor ist wohl so Ende 50 oder Anfang 60. Das kann man aber nie so genau sagen, weil der Wodka bei dem einen oder anderen Mann seinen Tribut fordert. Im Voyer lasse ich erst mal alles fallen und schöpfe Luft. Den Krempel werde ich in mehreren Etappen nach oben bringen. Das alles auf einmal ist nichts für einen alten Mann.

Viktor klärt mich derweil auf, dass er Colonel war (Oberst) bei der »Luftwaffe«. Wenn er das alles auf russisch erklären würde, verstünde ich sowieso nichts, aber er kann ein paar entscheidende Brocken Englisch und eben »Luftwaffe«. Na ja, die Russen haben ja nun auch nicht jeden Blödel an ihre Militärjets gelassen. Also, was macht dieser Kerl hier und jetzt? Er müsste doch gleich doppelt in Rente sein – vom Alter her und weil die Russen hier nichts mehr zu melden haben und anderswo wahrscheinlich nur noch reduzierten Bedarf an Piloten haben. Ja, das ist schon richtig, aber eine doppelte Rente bekommt er deswegen noch lange nicht. Und so jammert er mir vor, dass er gerade mal 200 Latu im Monat bekäme, also ca. 300 Euro, wahrhaftig nicht üppig, und wie die Lebenshaltungskosten hier für ihn sind, kann ich nicht beurteilen. Eine Ungerechtigkeit sei das, schimpft er, und mit großem Theater erklärt er, dass er deshalb noch arbeiten müsse, hier im Hotel. Na ja.

Die drei Wege, die ich mir hinauf in meine kleine Stube leiste, illustriert er mit Details seines Jammertals. Viktor, denke ich mir, erstens weiß ich nicht, ob Trinkgelder hier üblich sind, zweitens hast du dir wirklich nicht gerade ein Bein ausgerissen dabei, dir eins zu verdienen, und drittens, und das ist entscheidend: Ich habe keinen einzigen Lats in der Tasche, nur ein paar Hundert Rubel und große Euro-Scheine…, ach ja, und natürlich noch ein paar Euro in litauischer Währung. Aber darum geht’s ihm anscheinend gar nicht. Als ich die letzten Taschen durch die Tür trage, tönt seine Stimme vom Treppenhaus: »Stephan, Schnaps!« Oh Gott, jetzt nicht noch das! Hast du eine Ahnung, was ich jetzt noch für ein Nachtprogramm habe? Ich drehe mich um, grüße ihn freundlich zur Nacht und bedanke mich für die Offerte.

Tja, und was macht man nun in einem Hotelzimmer, was man sonst nicht so machen kann? Erst mal verriegelt man die Tür, damit es keinen überraschenden Besuch gibt – letztes Jahr im Hotel auf dem Grimselpass verirrte sich doch eine junge Österreicherin in mein Zimmer, als ich dort gerade inmitten meines Gepäcks splitterfasernackt darüber nachdachte, was jetzt wohl die nächsten Schritte zur Vorbereitung der Nachtruhe sein könnten. Ihr fehlten die Worte, und sie hatte sie auch bis zum nächsten Morgen nicht wiedergefunden, als sie in den Gasträumen in Begleitung zum Frühstück erschien – also, jedenfalls ergriff sie nicht mir gegenüber das Wort.

Um ehrlich zu sein, ist es nicht in erster Linie diese mögliche Peinlichkeit, die ich mir ersparen will, sondern unangenehme Fragen im Hinblick auf den Brandschutz, weil ich gerade meinen Campingkocher angeworfen habe. Eine Jugendherbergsküche gibt’s hier ja nicht, aber Carboloading muss schon sein. Also behalte ich meinen Gasbrenner scharf im Auge und bereite Wäsche und Dusche vor. Das mit der Dusche geht klar; einmal wieder richtig warm und gründlich »durchgespült« zu werden tut schon gut. Die Wäsche bereitet mir mehr Kopfzerbrechen. Es gibt nur ein mikroskopisches Waschbecken und natürlich keine Schüssel und keinen wasserundurchlässigen Papierkorb! Wie soll ich da meine Klamotten sauber kriegen? Schließlich fällt mir der kleine Klappeimer für Hygieneabfälle auf, der natürlich leer und mit einer dünnen Plastiktüte ausgekleidet ist. Der muss jetzt leider vorübergehend anderen Zwecken dienen. Ich fülle ihn mit warmem Wasser, stopfe meine klebrigen Sachen dazu und die Hotelseife, und nun wollen wir mal sehen, was die Zeit daraus macht.

Derweil entsteht meine Suppe, die Fensterscheiben beschlagen (aber wegen der Mücken mache ich das Fenster lieber nicht auf), und während ich so nach und nach die Nudeln löffle, bekommt auch das Handy mal wieder etwas Ladung. Hauptsache, irgendwas ist morgen zum Anziehen wieder hinreichend trocken, und ich lasse nichts liegen. Der Haufen sieht wieder einmal abenteuerlich aus. Morgen? Ach, was sag ich? Heute! Wie die Zeit vergeht. Aber irgendwann sind mir die Restungewissheiten dann auch egal; es wird sich schon was finden, womit ich mich auf die Piste zur nächsten Etappe wagen kann.

16. Juli

Der Morgen beginnt spät. Der Tag ist schon Stunden über Stunden alt, als ich mich aus den Federn erhebe. Aber das ist erstens üblich, zweitens deshalb kein Wunder, weil ich erst nach Mitternacht schlafen gegangen bin, und drittens noch mal kein Wunder, weil die Nächte hier kürzer als sieben Stunden sind, und wenn ich unter solchen Umständen nach Sonnenuntergang ins Bett gehe, dann muss der Sonnenaufgang nach dem Ende eines einigermaßen ausreichenden Schlummers schon passé sein. Dieses »Problem« wird sich noch »verschärfen«, je weiter ich nach Osten und/oder Norden vordringe.

Rasch suche ich mir meine Siebensachen zusammen, die Wäsche vom Vorabend, die trockenen Sachen zum Anziehen, all die herumliegenden Dinge in die Packtaschen, den Tacho, den Navi, die Schlüssel und das Geld in die Hosentaschen, und dann kann es auch schon losgehen. Der Transport des Gepäcks runter zum Fahrrad wird wieder in mehreren Etappen bewerkstelligt; ich muss ja nicht gleich verschwitzt in den Tag starten; das kommt sicherlich noch früh genug. Bevor ich mit dem letzten Rest das Zimmer verlasse, streift mein Blick noch einmal über alle Einrichtungsgegenstände und die seltsame Tapete. Nein, anscheinend habe ich nichts vergessen. Zur Kontrolle greife ich noch mal in die Tasche und ziehe den Garmin heraus. Was ist denn das?! Die Sichtscheibe ist verschmiert, und ich reibe sie am Hemd trocken. Das sieht aus wie eine festgeklebte kleine Fliege. Mit etwas Spucke versuche ich es noch mal. Keine Änderung. Ich halte das Glas schräg gegen das Licht und muss feststellen: Da ist nichts, was weggewischt werden könnte. Da ist nur Trauer über eine zerkratzte Fläche angesagt. So ein Mist! Da habe ich das Ding gerade mal zwei Wochen, und schon ist die Sicht beeinträchtigt. Wie konnte denn das passieren? Ich greife erneut in die Tasche und fördere mein Portemonnaie zu Tage. Dieses elende Teil! Der Druckknopf, der das »Heft« der Brieftasche verschließt, ist aus Eisen und seit ewigen Tagen etwas angerostet. Und dieser Rostbelag war wohl scharfkantig und hart genug, um den Schaden anzurichten. Nun ist es zu spät.

Dabei habe ich diese Geldbörse nie haben wollen. Ich weiß noch ganz genau, wann, wo und unter welchen Umständen ich daran geraten bin. Es war 1991 in Tunis, als ich mit Carsten, einem damaligen Kollegen aus München, nach einer gut dreiwöchigen Reise durch Italien und einer Überfahrt mit der Fähre von Trapani nach Tunesien noch ein paar Tage in Afrika verbrachte. Es war das einzige Mal, dass ich in Afrika war, und ich habe seither keine Sehnsucht mehr nach diesem Kontinent verspürt. Man kann nicht sagen, dass in dieser kurzen Zeit damals alles schief gegangen wäre, aber es hat mir doch gereicht. Eine der unangenehmen Episoden war der Kauf dieses Portemonnaies. Es war nämlich so, dass wir natürlich ein paar Dinar in der Tasche hatten, und nun stand etwas an, dem ich heute etwas undifferenziert mit Verachtung gegenüber stehe: shoppen, also mit Geld in der Tasche, wahlweise auch diversen Plastikkärtchen oder in Begleitung eines solventen und spendablen Menschen losziehen und einkaufen, ohne zu wissen, was es sein soll, also ohne nach echtem Bedarf zu fragen. Erich Fromm würde sagen: dem Haben zu frönen anstatt zu sein.

Wir landeten nach einiger Zeit bei einem Händler, der mit Lederwaren verschiedenster Art eine Bude unter freiem Himmel aufgeschlagen hatte. Ich hatte zu dieser Zeit eine bereits ziemlich angegriffene Geldbörse und die Erfahrung, dass die vorige auch nicht sonderlich lange gehalten hatte. Da dachte ich mir: Globalisierte Welt, kauf billig ein. Das Teil, das meinen Wünschen am nächsten kam, sah zwar nicht sonderlich akkurat gefertigt aus, aber mir reichte die Vermutung, dass es eine Weile halten würde. Ich dachte nach, was es in Deutschland kosten würde und bot umgerechnet zwölf Mark. Das war der Fehler schlechthin. Der Händler, Araber, wie er war, fing natürlich an zu feilschen und verfügte flugs über ein paar Englischkenntnisse. Anschaulich schilderte er mir die Not und das Elend, in die dieser Preis ihn stürzen würde, und forderte mich ultimativ auf, einen höheren Preis zu nennen: »Tell me something more than …« Natürlich wurden die Verhandlungen in Dinar geführt und nicht in Deutschmark. Nach der dritten Welle dieses Lamentos hatte ich keine Lust mehr und wollte auf das Geschäft verzichten. Was sind denn das für Sitten, dass man nicht einfach sagt: So und so viel kostet der Kram. Zahl’s oder lass es! Aber nicht in Tunesien! Da wird der Verkauf zum Spektakel. So geistesgegenwärtig war ich immerhin, dass ich mich nicht von meiner abnehmenden Lust am Kauf durch sein Gejammere gewissermaßen »durchtunneln« ließ zu einem noch höheren Preis. Als er dann wohl doch die Gefahr zu real werden sah, dass er auf seinem Ziegenleder sitzen bleiben würde, reichte er es mir herüber mit einer beredten Anklage, dass ich der Schuldige am Niedergang seiner Familie sei und dass er gar nicht begreifen könne, wie ein reicher Deutscher so niederträchtig sein könne. Und so weiter. Wahrscheinlich hat er erst mal ein Fest gefeiert, nachdem ich um die nächste Ecke gebogen war. Diese blöden Touristen!

Ich kam nach Hause, kaufte mir irgendwo ein anderes, etwas geräumigeres Portemonnaie, das besser war und nur wenig teurer, und seither lag die Erwerbung aus Afrika herum, mehr als anderthalb Jahrzehnte lang. Vor Beginn meiner diesjährigen Reise kam mir nun der Gedanke, diesen Schrott zu reaktivieren und zu einem Bestandteil der Klau-mich-ruhig-Ausstattung zu machen. Es kamen hinein: eine abgelaufene Kreditkarte, eine Krankenversicherungskarte von 2001 (zwischenzeitlich habe ich mehrfach die Kasse gewechselt), aller möglicher Kram und schließlich ein wenig echtes Geld. Es sollte ja benutzt werden, während meine bewährte Ausstattung mit den richtig fetten Kröten in den Tiefen der Lenkertasche versenkt wurde. Und das habe ich nun davon: ein zerkratztes Display, später Fluch eines unangenehmen Einkaufs.

Nachdem ich aufgezäumt und angespannt habe, kann’s losgehen. Wo entlang? Ich probiere einen anderen Weg zurück zu der Brücke, an der ich das erste Hotel betreten hatte. Aufsehen erregendes gibt es auf diesem Weg nicht zu sehen; der Navi punktet lediglich eine neue Route über bis dahin jungfräuliches Terrain. Kurz vor der Brücke mündet der neue Weg in den alten von gestern Abend. Dank der kleinen Stadtkarte, die ich von der Dame an der Hotelrezeption erhalten hatte, kann dabei ja nichts schief gehen.

Jetzt stehen zwei Aufgaben gehobener Wichtigkeit an: die Bunker füllen und die richtige Ausfahrt aus dieser Stadt finden. Die Standardroute führt in die Hauptstadt, nach Rīga (Riga). Dort will ich heute zwar durchaus noch hin, aber nicht auf dem direkten Weg. Weiter westlich soll da noch ein Nationalpark sein. Klar, es wird da keine Schluchten à la Gorge du Verdon geben, und ich rechne nicht mit aufregenden Vogelpopulationen wie in der Camargue, aber so ein kleiner Abstecher wird die Erreichung meiner Primärziele nicht nennenswert verzögern und schon gar nicht gefährden. Außerdem soll die Südküste des Rigaer Meerbusens, namentlich Jūrmala (Rigastrand), ganz sehenswert sein. Mal schauen, was es damit auf sich hat.

Die Hauptstraße, an deren weiterem Verlauf ich mir eine Kaufhalle erhoffe, ist die nach Riga. Ich fahre also erst mal in die verkehrte Richtung, hoffe aber auf einen »Schleichweg« oder anderen Formen von Traversen rüber zur Straße nach Jūrmala. Bereits 200 oder 300 Meter nach dem Abzweig erhebt sich linker Hand ein Bauwerk, das vielleicht noch nicht als Konsumtempel durchgeht, aber die Dimension gewöhnlicher Discounter-Märkte bereits hinter sich gelassen hat, so etwa nach Art der französischen Carrefour-Märkte. Dies dürfte die zentrale Einkaufsgelegenheit für ein Einzugsgebiet von schätzungsweise 30 oder 40 km Radius sein – außer vielleicht in Richtung Riga, denn dort gibt es sicherlich vergleichbare oder größere Einrichtungen.

Umständlich sichere ich mein Fahrzeug und trete ein. Ich habe mir einen Einkaufswagen genommen, obwohl es sonst bewährte Praxis ist, dies genau nicht zu tun, denn so ein Vehikel, das bereits das Fassungsvermögen diverser Kleinwagen sprengt, ist keine wirksame Begrenzung meiner Einkäufe auf die Mengen, die ich verstaut bekomme. Das, was ich da kunstvoll balanciert auf Armen und Händen verteilt bekomme, ist da schon weit realistischer. Aber es ist halt unbequem. Also der Wagen.

Was noch immer fehlt, ist eine adäquate Währung. Man wird hier wohl kein litauisches Geld mögen. Und in der Tat: Man mag nicht. Man mag nicht nur nicht – was ich lediglich vermute – an den Kassen des Supermarktes, sondern auch nicht – womit ich nicht gerechnet habe – in der unter einem gemeinsamen Dach ungebrachten Bank. Man mag meine Münzen nicht – was ich noch verschmerzen könnte –, aber auch nicht zwei lapprige Zehnerscheine. Das ist ein Geschenk von insgesamt ca. zehn Euro für die litauische Notenbank. Oder nicht? Wenn ich Bargeld vernichte, vergrabe oder anderweitig dauerhaft aus dem Verkehr ziehe – was passiert dann? Angenommen, die Nachfrage nach Bargeld sinkt nicht, dann müsste sich die Summe aller Geschäftsbanken bei der litauischen Notenbank zusätzlich 30 Litas leihen. Die Notenbank erhält dafür Zinsen, wie auch für jenes Geld, das sie früher ausgereicht hat und das – dank meiner Achtlosigkeit – womöglich gar nicht mehr existiert. Und das alles nur, weil diese blöde Bank hier mein Geld nicht annimmt. Ich frage mich, worin das Problem besteht; die baltischen Länder sind Mitglieder der EU, sie stehen also, auch wenn sie noch nicht den Euro als umlaufendes Bargeld eingeführt haben, geldpolitisch in engem Austausch. Da sollte es doch möglich sein, so ein paar alte Lappen bei der nächsten Fahrt ins Nachbarland mit abzugeben. Es wird hier doch auch die noch besser beschaffenen Scheine niemand haben wollen, oder warum sollte sich mitten in Lettland jemand litauische Litas kaufen? Also muss der Geldtransport nach Litauen ohnehin stattfinden. Na ja. Ist eben nicht zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, weil ich gehofft hatte, keinen zusätzlichen Umtausch Euro nach Litas durchführen zu müssen. Also ziehe ich einen Blauen aus der Tasche. Ich erhalte 15 Latu in Scheinen und ein paar Münzen, die teilweise den Euro-und Cent-Münzen verblüffend ähnlich sind, nur dass sie teurer sind als diese.

Der Einkauf gerät erwartungsgemäß opulent. Ich verliere den Überblick über die zu erwartende Rechnung. Ich könnte behaupten, dass ich ihn nicht verloren, sondern lediglich vergessen hätte, dass ein Lats noch im Einkaufswagen steckt, wo er zum Begleichen der Summe natürlich nicht zur Verfügung steht. Jedenfalls muss zum Schluss ein Twix wieder zurück gehen, damit meine frisch erworbene Liquidität ausreicht. Blöd, wenn man sich für ein solches Missgeschick nicht in der Landessprache entschuldigen kann. Aber vielleicht erleben die das hier ja öfter, dass die Käufer ihre Mittel aus den Augen verlieren, wenn sie mit einem solchen Angebot konfrontiert werden. Allerdings könnten sie sich in den letzten Jahren mittlerweile daran gewöhnt haben.

Ja, und da stehe ich nun: Mehr »Gepäck« im Einkaufswagen als auf dem Fahrrad. Was soll das denn werden? Soll ich die Karre jetzt vielleicht hinter mir herziehen? Also verweile ich noch ein wenig an diesem lauschigen Ort und tue, was außerhalb meiner Reisen hart bestraft wird: Essen ohne Hunger, richtig viel essen ohne Hunger. So verschwinden ein paar gebratene Hähnchenkeulen, einige Süßigkeiten (die zu verstauen eigentlich unproblematisch wäre) und anderes. Den großen Rest bekomme ich schließlich tatsächlich irgendwie unter. Offensichtlich habe ich erhebliche Reserven in meinem Gepäck.

Mit meinem »Restreichtum« von einem Lats und einem erheblich schwereren Fahrrad mache ich mich auf die weitere Fahrt. Ich fahre nicht zurück zum Abzweig, weil ich die Hoffnung habe, an der nächsten Kreuzung links abbiegen und so auf die Straße nach Jūrmala gelangen zu können. Aber die nächste Kreuzung, von der nicht nur eine Werkszufahrt oder offenkundige Stichstraße abgeht, lässt noch einen vollen Kilometer auf sich warten. Dann jedoch ist es nur noch eine Frage weniger Minuten, bis ich wieder auf meiner geplanten Route bin.

Diese geplante Route verläuft allerdings erneut, wie gestern schon nach dem Überqueren der Staatsgrenze, auf schauderhaft geflicktem Asphalt, diesmal allerdings nicht so langweilig geradeaus; die Straße ändert hier immer mal ihre Richtung. Bei der Reiseplanung wurde für diese Strecke ein Nationalpark ausgewiesen, und zumindest ausgedehnte Waldgebiete beiderseits entlang der Straße ist schon mal Fakt. Zwar erwarte ich weder harte Anstiege noch atemberaubende Ausblicke, aber ein bisschen mehr als einfach nur Wald dürfte es schon sein. Als ich vor vier Jahren in Schweden von Stockholm bis Kiruna immer wieder durch ausgedehnte Waldgebiete fuhr, dachte ich schon mal darüber nach, wie sich wohl ein Grünkoller anfühlen würde. Aha! Die Fauna stellt sich vor; eine eilige Bachstelze trippelt über die Straße. Sensationell! Nationalparkwürdig! Oder doch nicht? Hm. Und während ich darüber nachdenke, warum die einen Vögel laufen, während die anderen hüpfen, zumal sie doch fliegenderweise allemal schneller und eleganter unterwegs wären, fällt mir ein Storch auf. Er ist nicht der erste. Schon in Polen habe ich viele Störche gesehen – große, unzerschnittene Flächen mit viel Gras- oder Brachland: viele Störche. Die Störche sind wie alle wilden Tiere, die mir auffallen, scheu. Allzu weit kann ich mich ihnen nicht nähern, Format füllend bekomme ich sie jedenfalls nicht vor die Linse. Das war schon auf der Schwedenfahrt so. Da dachte ich mir, ich könnte mal ein paar Rentiere fotografieren; die rennen ja hier überall herum. Aber das war es eben: Sie rannten. Die Autofahrer dagegen, eingehüllt in ein Vehikel, das bei den Tieren in kein Feindschema passt, konnten sie manchmal nicht einmal von der Straße verscheuchen, weil sie da so standen und offensichtlich dachten: Ich war zuerst hier.

Nicht so bei mir. Sobald sie meiner gewahr werden, nehmen die Störche Anlauf, und nach zwei, drei Schritten heben sie ab. Der Haken ist das Wörtchen »sobald«. Ein Storch nämlich ist offenbar so in die Futtersuche vertieft, dass er mich nicht bemerkt. Und so richtig viel Krach macht so ein Fahrrad ja nicht, wenn nicht irgendwas klappert. Da ich mir schon längst keine Illusionen mehr darüber mache, doch mal ein Portrait von so einem Vieh hinzukriegen, fahre ich ohne zu bremsen und denke mir: »Na, du wirst schon auch gleich die Kurve kriegen.« Allein, Adebar kriegt sie nicht. Er dreht sich erschrocken um, und wie er noch die Gefahr taxiert, stelzt er los, verheddert sich dabei aber in dem, wohin er nicht guckt, und stolpert oder stürzt höchst ungraziös. Selber schuld! Immer dieses Misstrauen in der Welt…

Nach knapp zwei Dritteln der Luftlinie zwischen Jelgava und der Küste trifft die Straße auf die A9. Die rudimentäre Karte auf meinem Navi sagt mir etwas anderes. Sie will mich mehr oder weniger durch die Sümpfe führen. So einen Fall von deutlicher Abweichung zwischen der Karte und der Realität hatte ich bisher noch nicht. Hat das Gerät etwa eine Drift, und alles liegt jetzt abseits meiner Fahrt? Oder haben am Ende die Amis wieder mal einen Krieg angefangen und führen den Rest der Welt mit unpräzisen GPS-Daten in die Irre? Ich verlasse die Straße jedenfalls nicht, und als die A9 dann tatsächlich kommt – wobei es sich übrigens nicht um eine Autobahn handelt, sondern um eine ähnliche Straße wie die, auf der ich Jelgava verlassen habe –, biege ich in Richtung Südwesten ab, was mich zugegebenermaßen ziemlich direkt von St. Petersburg entfernt, statt mich dorthin zu führen; aber das soll ja nur von kurzer Dauer sein.

Die nächsten zwei Kilometer führen mir vor Augen, dass ich vom Wind begünstigt bin, jedenfalls dann, wenn ich mein eigentliches Ziel ansteuere. Sie sind etwas mühsam, und besser wird es erst wieder, als der Abzweig nach Norden kommt, der mich wieder in die Wälder führen soll. Wölfe soll es in Lettland geben und Biber, und die setzen beträchtliche Landstriche unter Wasser, heißt es. An diesen »natürlich-künstlichen« Wasserflächen, so berichten Fernsehsendungen, soll sich vielfältiges Leben einstellen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es dieses Leben ist, was der Landschaft hier den Adelstitel »Ķemeru nacionālais parks« verschaffte, und dass man schon absteigen, geduldig warten, stille sein und ganz genau hinschauen muss, wenn man es erleben will, und dass das dann immer noch keine Garantie für Grzimeks Tierleben live ist. Sonst ist das eben nur ein großer Wald mit vielen Störchen. Und mit Bachstelzen natürlich.

Kemeru-Nationalpark Jurmala

Zwei kleine Seen im Tann, ein bisschen südschwedisches Flair – damit ist für mich dieser Teil der Strecke abgefrühstückt. Es ist nicht so der Brüller; gut, dass ich keine hochgesteckten Erwartungen hatte. Zehn Kilometer später treffe ich auf die A10, und jetzt geht’s fast in umgekehrter Richtung weiter, nämlich direkt nach Osten; man könnte sagen: geradewegs auf Riga zu. Die A10 ist zugleich Europastraße und erschließt mindestens das halbe Territorium westlich meines Standorts in Lettland. So ist denn da auch gleich etwas mehr los. Das ist aber nicht der Grund, warum ich gleich wieder nach Nordosten abbiege, sondern Jūrmala. Diese Stadt, die über lange Strecken anmutet wie ein Dorf, weil viele Häuser mehr oder weniger im lichten Wald stehen, ist in Vaters Reiseführer als sehenswert angeführt, und deshalb führt meine Strecke hier lang. So richtig interessant wird die Siedlung aber erst in Strandnähe. Dort bekommt man die ganze Vielfalt der Architektur vorgeführt, und wer sich bis hierher gefragt haben sollte, ob es in Lettland wohl auch Leute gibt, die es zu was gebracht haben, der fragt nicht mehr weiter. Da sind die Häuschen, die gut und gerne schon in vorsowjetischer Zeit errichtet worden sein können und bei deren Anblick – genauer: dem ihrer Fenster – man sich fragt, wie die Leute hier wohl durch den Winter kommen mögen, und dann gibt es das, was man andernorts palazzo prozzo nennt. Über die Harmonie dessen, was da zuweilen in den Sand gesetzt worden ist, mit dem Wald und dem, was da sonst noch so steht, mag ich nicht urteilen. Aber ordentlich Geld gekostet hat es sicherlich. – Kürzlich habe ich mal eine Sendung gesehen; da wurde berichtet, dass deutsche Handwerker Reihenhäuser in Lettland bauen! Die fliegen da hin, arbeiten zehn Tage, fliegen wieder zurück, und wenn sie das eine Weile gemacht haben, stehen da Immobilien in Leichtbauweise, die sich verkaufen lassen. Für den Arbeitgeber in Deutschland rechnet sich das, für den Auftraggeber in Lettland ebenfalls, und wenn die Handwerker irgendwo was Lukrativeres fänden, würden sie diesen Reiseaufwand wahrscheinlich nicht treiben. Sachen gibt’s!

Jurmala Jurmala

Auch wenn es noch gute zehn Kilometer entfernt ist – Jūrmala ist Vorort (und Speckgürtel) von Riga. Im Weiteren sind daher breite Straßen, viel Verkehr und wenig Sehenswertes zu erwarten. Am Ortsausgang, direkt an der Lielupe, von der ich mich seit Jelgava kaum mehr als zwei, drei Kilometer entfernt habe, und nahe ihrer Mündung erhebt sich ein Aquapark, ein Riesenerlebniszentrum mit endlos langen Rutschen von ganz oben. Die Brücke selbst macht schon nichts mehr her, obwohl der Fluss, der über seine gesamte Länge ein Gefälle von gerade mal knapp elf Metern aufweist und daher eher wie ein stehendes Gewässer wirkt, hier dementsprechend breit ist und nicht »mal eben« mit einer Statik aus dem Taschenrechner überquert werden kann. Die Fahrt führt an Rigas Flughafen vorbei, verlässt irgendwann die Hauptstraße und durchquert das westliche Riga, also den der Altstadt auf dem anderen Ufer der Düna gegenüber liegenden Teil der Kapitale.

Riga, Gebäude der Hansabank Riga, Brücke über die Düna

Dort allerdings prunkt Weltstadt: ein imposantes Hochhaus diesseits des Flusses – die Hansabank – und eine große Schrägseilbrücke hinüber auf die andere Seite. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass in Manhattan deshalb so extrem in die Höhe gebaut wurde, weil die Grundstückspreise sich so rasant (nach oben) entwickelten. Das mag so sein. Irgendwann später habe ich jedoch mal gelesen, dass es durchaus eine optimale Höhe für Gebäude gebe, also nicht so hoch, wie es gerade geht, wie der Stand der Technik es hergibt – unter Berücksichtigung desjenigen Anteils der Grundfläche, der für die der Bauhöhe angemessene Infrastruktur innerhalb eines Hochhauses draufgeht, also Treppenhäuser, normale, Service- und Expressfahrstühle, Frisch- und Abwasserleitungen, Feuerlöschanlagen, Schutz gegen Stürme und Erdbeben und dergleichen mehr –, sondern eben weniger, denn auf das 50. Stockwerk noch eines drauf zu setzen, macht natürlich 50 Stockwerke jeweils etwas teurer, und wenngleich dafür scheinbar kein Cent extra an Grundstück gekauft zu werden braucht, so geht doch die moderne Stadtplanung davon aus, dass diese zusätzliche Etage zu jeder Jahreszeit zusätzliche Flächen um das Gebäude herum verschattet und dass darum der Mindestabstand eines Gebäudes zu den Nachbargrundstücken mit seiner Höhe wächst, was letztlich doch wieder höhere Grundstückskosten nach sich zieht. Vielleicht ist das in Manhattan nicht so, vielleicht können die Banker auch in Frankfurt bauen, wie sie wollen, vielleicht macht man da einfach das Licht an, wenn von draußen schattiger Beton oder die Glasfassade des Nachbar-Towers »hereinscheint«, aber ein vernünftiger Grundsatz im Wohnungsbau ist das allemal. Dennoch bleibt auch in Gewerbegebieten wie in einem Bankenviertel die Frage, ob die Höhe eines Geldturms das ökonomische Optimum darstellt, ob sie es wenigstens unter Berücksichtigung des Eindrucks ist, den so ein Bauwerk auf Konkurrenten und vor allem Kunden macht (»Wer so kapitalstark ist, bei dem ist mein Geld bestimmt sicher.«), oder ob bzw. in welchem Maße Bankmanager ihr Ego durch ihr ganz persönliches Babylon aufbessern und diesem Vorgang einen Teil des eigentlich für die Anteilseigner gedachten Ertrags opfern – welche man deshalb nicht unbedingt bedauern muss, denn sie sollten ja wissen, wie das läuft, insbesondere in dieser Branche, und dass diese Form von Geldverschwendung wohl nicht die ruinöseste für eine Bank ist.

Riga, Düna Riga

Die Hansabank also. Sie wird nicht beschattet, und es ist genügend Platz um sie herum. Wohnungsbauverträglich, könnte man vermuten. Ich drehe eine kleine Schleife, um Riga mal so ein bisschen im Überblick vor die Linse zu bekommen, dann überquere ich die imposante Brücke. Hier residiert Altstadt, Hauptstadt; hier dominiert Altbau, und es gibt auch einige Gebäude mit sehr dicken Mauern. Ich habe so etwas schon öfter gesehen, in Berlin zum Beispiel, Unter den Linden. Die Gebäude sehen teilweise aus, als seien sie Bestandteil einer Stadtmauer und müssten einem feindlichen Ansturm standhalten oder als sollten noch 20 Stockwerke oben drauf. Oder war dies eine altertümliche Form der Wärmedämmung? Klar, zwei Meter Granit entsprechen zehn Zentimeter Styropor – das die damals noch nicht hatten –, aber sollte das der wichtigste Grund sein?

Ich muss jetzt erst mal runter von der Hauptstraße, etwas essen und mich orientieren. Von Riga habe ich einen Stadtplan, und ich habe sogar, auf elterliche Empfehlung hin, ein paar Punkte markiert, die ich vielleicht mal in Augenschein nehmen sollte. Dazu suche ich einen kleinen Park auf und mache eine Pause. Klar, der Dom sollte Bestandteil meiner Sightseeing-Tour sein, auch einige Straßen im Jugendstil sollen sehr schön sein. Ich halte außerdem Ausschau nach Parks, so etwas wie einer grünen Lunge der Stadt, und nach stimmungsvollen Gassen und Höfen. Okay, die findet man auf dem Stadtplan nicht, aber da muss ich dann halt die Augen offen halten. Zuerst jedoch auf zum Dom! Es ist nicht mehr ganz früh am Tag. Da muss ich zusehen, dass ich überhaupt noch hinein komme.

Riga, Dom

Auf nicht ganz direktem Weg erreiche ihn den Backsteinbau schließlich. Überwältigend ist die Außenansicht nicht, aber es geht mir ja nicht um Rekorde und vor allem auch um die inneren Werte. Beim Näherkommen höre ich Musik; die Orgel spielt. Na, sich die Kirche nicht nur anzusehen, sondern auch ihre Orgel zu hören – so werthaltig hatte ich doch gar nicht gebucht. Aber umso besser. Meine Euphorie wird jedoch gedämpft, als ich am Eingang ankomme: Es läuft gerade ein Orgelkonzert, und selbstverständlich ist währenddessen kein Einlass. Eine Frau bewacht die Tür. Keine Chance für mich. Auslass ist dagegen anscheinend andauernd. Natürlich kann man niemanden daran hindern, während eines Konzerts die Kirche zu verlassen, aber dass von dieser Möglichkeit so viele Besucher Gebrauch machen, wundert mich dann doch. So schlecht spielt der Meister doch gar nicht. Und was er alles bietet: Bach, Franck, Messiaen – eine Reise durch die Musikgeschichte. Ich fühle mich an meinem ersten Orgelkonzertbesuch im Leipziger Gewandhaus mit Susan Landale Anfang der 80er Jahre erinnert. Eine Stunde Meisterhaftes auf der Königin der Instrumente, ihr entlockt von einer kleinen Person mit nichts als einem Bleistift auf dem Notenpult, der, als sie ihn dort hinlegte, ganz deutlich im ganzen Saal zu vernehmen war. Wahnsinn … – Nur die Namen der Komponisten sehen ziemlich seltsam aus. Sie haben alle ein zusätzliches ›s‹ am Ende. Was soll denn das? Wo sonst in der Welt werden Namen auf ähnliche Weise verfälscht? Bei der Nennung eines Komponisten ist doch keine Deklination erforderlich, die eine solche Veränderung vielleicht rechtfertigen würde. Na ja, erkennen kann ich immerhin noch, um wen es geht.

Eine junge Frau so um die 20 kommt des Wegs, und da ich nicht wie ein »normaler« Tourist aussehe, entspinnt sich ein Gespräch. Sie ist eine »Nanny«, wie sie sagt, ein Kindermädchen, und sie heißt Magdalena. Da sie auch selbst mit dem Fahrrad gekommen ist, spricht sie mich auf mein Fahrrad an und warnt mich vor Diebstählen; das sei hier ziemlich schlimm in Riga.

Magdalena spricht recht gut englisch, ist aber Russin und orthodox. Ob sie in Russland geboren wurde oder hier in Lettland, erfahre ich nicht, aber es ist wohl nicht so wahrscheinlich, dass Russen nach der Wende im Baltikum noch dorthin gezogen sind; richtig leicht haben es dort ja nicht einmal die eingesessenen Russen mit den nationalistischen Anfeindungen, Sprachwächtern, -prüfungen und sonstigen Blüten.

Riga, Dom

Da ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, zum Ende des Konzerts doch mal in den Dom zu kommen, habe ich keine Eile. Im Gespräch kommt die Frage nach der Übernachtung auf. Magdalena erzählt mir, dass sie in einer WG mit einem weiteren Mädchen lebt. Hm, ein Dach über dem Kopf… Fragen will ich aber nicht, und von sich aus bietet sie mir auch kein Quartier an. Sie erwähnt einen Zeltplatz auf der anderen Seite des Flusses. Nein, zurück will ich nicht wieder, und ein Zeltplatz bietet mir kaum etwas, das ich nicht andernorts auch finden könnte. Ohne Zelt ist es auf einem Zeltplatz sogar ziemlich unprivat.

Riga, Domorgel

Das Konzert ist verklungen. Jetzt strömen die Menschen in hellen Scharen aus dem Dom. Wann, wenn nicht jetzt? Ich frage Magdalena, ob sie für ein paar Minuten auf mein Fahrrad aufpassen würde, und dann schiebe ich mich auf der der Torwächterin gegenüber liegenden Seite des Portals an den Massen vorbei in den Vorraum und rasch weiter ins Hauptschiff. Offenbar hat sie mich nicht bemerkt. Es geht doch nichts über eine dezente Kleidung. Also, zumindest die Farbe ist unauffällig. Ansonsten … Hm, lassen wir das mal offen.

Doch der Dom ist in einem wichtigen Punkt eine Enttäuschung und Überraschung zugleich: Die Orgel ist eingerüstet und leer geräumt, wie ich das zuletzt in Könnern mal gesehen habe, als Thilo dort jede einzelne Pfeife in Hylotox ertränkte. Worauf hat der Kerl eben gespielt??? Das kann doch nicht allein das Rückpositiv gewesen sein, das offensichtlich voll besetzt ist. Das Gerüst verhindert einen tieferen Einblick. Die Prospektpfeifen fehlen auf jeden Fall, und es mag sein, dass in der Tiefe des Gehäuses ein paar hölzerne Pfeifen nichts von dem ohnehin gedämpften Licht des Innenraumes reflektieren, also nicht erkennbar sind.

Riga, Kanzel im Dom

Ansonsten fällt mir eine Kanzel auf halber Länge des Hauptschiffes auf, die dort an einem der Pfeiler angebracht ist. Im Hintergrund ist zu lesen: »Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis werden sie das nicht sagen. So werden sie die Morgenröte nicht haben, sondern werden im Land umher gehen…« So steht’s bei Jesaja und in einer lettischen Kirche, die sich über 50 Jahre lang auf dem Staatsgebiet des größten Landes befand, das von den Deutschen im 2. Weltkrieg angegriffen worden war. Allerhand!

Ich mache mich wieder hinaus, auch, weil ich Magdalena nicht so lange warten lassen will. Jetzt sollen noch die Jugendstilstraßen dran kommen. Was mich da wohl erwartet… Von der Nanny verabschiede ich mich. Wir tauschen noch Mailadressen aus, aber was soll sich da schon noch ergeben? Ich schwinge mich wieder auf mein Gefährt und fahre langsam und etwas unschlüssig durch die Straßen der Altstadt. Ich bin noch in Sichtweite des Doms, als ich schnelle Schritte hinter mir höre. Ich drehe mich um, und ein Mann kommt auf mich zu gelaufen, offensichtlich auch ein Tourist. Er kommt aus Kanada, erfahre ich. Ich verstehe nicht alles und bin mir nicht sicher, ob er aus Lettland stammt – oder zumindest seine Vorfahren – und hier »nur« mal seine Wurzeln oder seine Herkunft erspüren will, oder ob er sich eben einfach für den Osten interessiert. Hinter mir her war er wegen etwas ganz anderem: Er hat meine Gangschaltung erkannt. Aha, na ja, Rohloff fertigt ja inzwischen knapp im zehnten Jahr; da dürfte die Message so langsam auch über den Großen Teich geschwappt sein. Dann entdeckt er noch den SON (für Nicht-Insider: Schmidts Original Nabendynamo, meines Wissens der erste Anbieter von Nabendynamos in jüngerer Zeit und meiner Ansicht nach das Edelste am Markt), und nun muss er natürlich erst mal seine Emotionen und seine Expertise etwas rauslassen. Aber unser Gespräch berührt so nach und nach alle möglichen Themen, und irgendwann wird mir bewusst, dass ich so richtig viel von der Hauptstadt noch nicht gesehen habe, dass es jedoch immer später wird. Also verabschiede ich mich auch von ihm; er empfiehlt mir noch, unbedingt die Albertstraße aufzusuchen, und dann mache mich wieder auf den Weg.

Riga, Freiheitsdenkmal Riga, Detail des Freiheitsdenkmals

Dank Stadtplan finde ich mich ganz gut zurecht, verlasse den Altstadtkern, passiere dabei die Freiheitsstatue, ein nicht unbedingt besonders schönes Denkmal – aber es soll von großer nationaler Bedeutung sein –, und eine orthodoxe Kirche, und dann bin ich in der Kalpaka bulvāris. Wenn man sich etwas Mühe gibt, erkennt man den Boulevard in diesem Straßennamen, und das ist sie dann wohl oder zumindest eine davon: die Straße der Jugendstilhäuser. Ganz ehrlich: Hätte mich niemand darauf hingewiesen, dann fände ich wohl nichts daran. Hinzu kommt: Wenn ich jetzt wirklich mal ein Foto von einem dieser Häuser machen will, ist mir mindestens eine der Oberleitungen im Wege, die hier die O-Busse versorgen. Man kann ihnen nicht entrinnen!

Riga, Petrikirchturm Riga, orthodoxe Kirche

Ich denke mir: Such dir mal lieber die Alberta iela (Albertstraße), und sei nicht enttäuscht, wenn du auch dort etwas erblickst, was wohl einen Amerikaner in Ekstase zu versetzen vermag, der solche Anhäufungen alter Gebäude nicht kennt, dir aber keinen historischen Schauer über den Rücken jagt. Dort angekommen konstatiere ich: Die Leute, die das hier gebaut haben, lebten nicht auf kleinem Fuß, so viel ist mal klar. Jugendstil hat nicht einfach nur Dächer über dem Kopf und Fenster zum Rausgucken gebaut. Jugendstil investierte enormen Fleiß in die Gestaltung der Fassaden, die außer der Botschaft »Schaut her, wir können uns das leisten!« keine Funktion gehabt haben dürften. Natürlich ist das auch ein ästhetisches Erlebnis, aber man kann so eine Häuserfront auch leicht mal überladen, zumal: Wenn es jeder so macht, funktioniert die individuelle Hervorhebung nicht mehr so richtig. Und wie das bei einer Immobilie so zu sein pflegt: Ihr Preis mag wohl steigen, aber ihr Gebrauchswert nicht. Zudem will sie gepflegt und nach Jahrzehnten auch mal so richtig restauriert bzw. saniert werden. Heutzutage reden wir da über live cycle costs und meinen: Die Instandsetzung eines Hauses darf nicht so viel kosten wie ein neues. Aber solche Kategorien sind natürlich in einer Jugendstilstraße nicht anwendbar, also wirklich!

Riga, Alberta iela/Albertstraße Riga, Alberta iela/Albertstraße

Von all den Frauen und Männern, die meist nur mit einem Lendenschurz bekleidet sind und dabei mal den Bug eines Schiffes zieren, mal nur einen Kranz, dann wieder eine Brüstung tragen und im Gegensatz zu ihren Eigentümern lediglich in schwefelsäurehaltigem Regen altern, verabschiede ich mich wieder, fahre noch ein paar Hundert Meter die Kalpaka bulvāris entlang und kehre dann zurück in das Viertel um den Dom. Noch einmal suche ich eine Wechselstube auf in der Hoffnung, mein restliches litauisches Geld loszuwerden, aber beim Geld hört die gute Nachbarschaft anscheinend konsequent auf; auch hier weist man mir freundlich, jedoch bestimmt die Tür.

Riga, Strelnieku iela/GewehrschützenstraßeRiga, Strelnieku iela/Gewehrschützenstraße
Riga, Pilsetas-KanalRiga, Strelnieku iela/Gewehrschützenstraße, Fassadendetail

Nun denn, das soll mir ein Aufbruchsignal sein; zwar fahre ich zunächst weiter in Richtung Südosten, also fast in die entgegengesetzte Richtung, in die ich eigentlich will, aber ich möchte noch eine kleine Runde drehen, bevor ich der Stadt den Rücken zukehre. Ich komme am Bahnhof vorbei, an einem Gebäude im Zuckerbäckerstil, das mich sehr an die Moskauer Lomonossow-Universität erinnert – allerdings ist dies eine weniger hohe Version mit deutlich schmaleren Seitenflügeln, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dieser Kultur- und Wissenschaftspalast zu Sowjetzeiten errichtet worden –, und gelange schließlich wieder an die Düna, dort, wo die Eisenbahn sie überquert.

Riga, Kultur- und WissenschaftspalastRiga, Eisenbahnbrücke über die Düna

Von hier aus wäre es nun ein Leichtes, die Stadt in Richtung Tallinn zu verlassen: Ich würde einfach in Richtung Nordosten fahren, bis ich aus der Stadt heraus wäre, und Seen und Eisenbahnlinien würden die Strecke flankieren; da wäre wohl nicht so viel falsch zu machen. Allerdings möchte ich stattdessen über Nebenstraßen in Richtung Norden fahren; davon erhoffe ich mir mehr Einblicke in den Hinterhof Rigas. Und die kommen hier auch bald: Ob diese Gebäude hier und jene Seelenverkäufer dort der Hafen von Riga sind oder nur ein alter Teil davon, kann ich aus meiner Perspektive nicht beantworten, aber ganz sicher ist dies keine boomende Branche in einem prosperierenden Stadtteil. Zunächst bin ich mir gar nicht sicher, ob ich in die richtige Richtung unterwegs bin, aber nach einigem Hin und Her fahre ich weiter nach Osten, und bald kommt dann auch eine Einmündung in eine nach Norden verlaufende Straße, die mich von meinen Zweifeln erlöst. Dies ist keine Piste, auf die man Touristen führt. Hier wird von montags bis freitags gearbeitet, vielleicht auch am Samstag, und mir scheint, als verdiente man in dieser Gegend nicht deutlich besser als zu Sowjetzeiten – was möglicherweise unangenehmer ist, als es zunächst klingt, denn dort, wo das Leben nach den neuen Takten pulsiert, da kostet es wesentlich mehr als zu alten Zeiten. Ich kann mir aber auch ansehen, wo das neuzeitliche Proletariat lebt: Nach einigen Kilometern und wieder mal einer Überquerung mehrerer Gleise wird die Straße auf beiden Seiten von zwei-, dreistöckigen Häusern gesäumt, alten Holzhäusern, die ohne Lücke stehen. Man könnte meinen, es seien Reihenhäuser, aber das klänge in meinen Ohren zu modern für das, was ich hier sehe. Die Dämmerung ist mittlerweile weit fortgeschritten und die Beleuchtung zu schwach, um davon noch ein Foto zu machen, und außerdem möchte ich aus der Stadt herausgekommen sein und ein Quartier gefunden haben, bevor es vollkommen finster ist. So wird meine Schilderung wohl nicht den Eindruck wiedergeben können, den ich auf diesem Abschnitt meines Weges habe. Jedenfalls habe ich solch eine Siedlung noch nie gesehen.

Nachdem ich eine Brücke überquert habe, liegt die Stadt mit den letzten Ausläufern ihres Hafens nun wohl endgültig hinter mir. Was jetzt noch siedelt, baut Datschen oder etabliert das Suburbane, den Speckgürtel, wenn man so will. Nicht, dass hier überall der Reichtum aus jeder Ritze käme, aber Lärm, Industrie und Stadtatmosphäre sind woanders; hier residieren im Hof die Hühner oder im Garten der Pool – je nach den finanziellen Gegebenheiten. Da sind dann auch mal wieder Wälder und ein paar Wiesen. Aber die Zeit für seelische Entspannung ist jetzt (noch) nicht. Im Moment suche ich einen Platz zum Schlafen. An einer T-Kreuzung geht es links nach Norden, genau in meine Richtung, aber diese Straße führt durch den Wald, und da ist nichts zu erblicken, was mich meinem jetzigen Ziel näher bringen würde. Nach gut zwei Kilometern lichten sich die Bäume, so weit das überhaupt noch geht, und eine lockere Siedlung wird sichtbar. Hier unternehme ich mehrere Versuche, biege von der Hauptstraße ab, aber einmal lande ich an einem Gleis mit vielen parkenden Autos, Zelten im Wald und vielen Fußgängern – um sich hier einfach hinzulegen, ist also einfach zu viel los –, beim anderen Mal schlagen auf jedem Grundstück die Hunde an. Ich frage mich, warum die Leute sich hier Hunde halten, ob das wirklich deshalb geschieht, um Räuber und Einbrecher fern zu halten, oder aus lauter Tierliebe. So ein Tier kostet ja auch Geld; nicht, dass es immer Chappi sein müsste, aber mit normalen Essensresten wird man den normalerweise nichtvegetarischen Vierbeiner wohl kaum abspeisen können. Aber gut, wer nicht reich ist, muss ja auch nicht gleich arm sein. Diese Leute hier halten sich jedenfalls Hunde, und wenn diese hinter den Zäunen mich auch nicht weiter ängstigen, so habe ich doch die Sorge, sie könnten ihre Chefs irgendwann so nerven, dass sie nach draußen kommen, um nachzusehen, warum ihre Köter solchen Lärm machen, und um diese Uhrzeit möchte ich mir einfach keine Fragen anhören, schon gar keine unfreundlichen in einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstehe. Also trolle ich mich.

Das geht zweimal so, und dann ist dieses Dorf erst mal wieder zu Ende. Also weiter! Nun ist schon alles egal. Nach weiteren zwei Kilometern erstreckt sich links ein weiteres Dorf. Dieses ist mehr in rechteckigen Parzellen organisiert, offensichtlich jüngeren Datums, denn u.a. wurde ein Wall zwischen der Straße und den angrenzenden Häusern aufgeschüttet, sicherlich aus Lärmschutzgründen. Ich biege von der Hauptstraße ab und drehe eine durchaus repräsentative Runde durch die Gevierte. Interessant sind eigentlich nur Baustellen, weil die Grundstücke bis an die ohnehin nur schmale Zubringerstraße heran reichen, aber auch die Baustellen sind sorgfältig eingezäunt und abgesperrt; die werden schon wissen, warum.

Resigniert verlasse ich den Ort wieder und bin nun ein bisschen ratlos. Auf der gegenüber liegenden Seite der Hauptstraße stehen ein paar Bäume und Gebüsch, und dahinter ist wohl ein Bahnhof. Wenn sich denn gar nichts anderes findet, will ich da ruhig auch mal hinsehen. Immerhin, hier ist ein überdachtes und nach drei Seiten mit festen Wänden abgegrenztes Wartehäuschen. Es gibt auch einen Fahrkartenschalter, der jetzt natürlich geschlossen ist. Was es dagegen nicht gibt, ist ein Fahrplan. Ich wüsste ja doch gern, wann morgen hier mit dem ersten Zubringer zu rechnen ist. Das muss ich nun also an meine Intuition weiter delegieren, und die entscheidet, dass fünf Uhr Ortszeit zwar kein Ausschlafen garantiert, aber doch mal eine passable Hypothese darstellt. Ich lehne das Fahrrad an die dem Gleis gegenüber liegende Bank an, hole sicherheitshalber auch das Moskitonetz heraus – ein Mangel an Gewässern gibt’s hier ja nicht –, und dann geschieht nichts mehr, worüber noch ein Wort verloren werden müsste.

17. Juli

Wie ich es vorausgesehen habe, bin ich um 5 Uhr nicht gerade munter, als meine Uhr piept. Allerdings bin ich doch wach genug, um mich an meine gestrigen Eingebungen zu erinnern, drehe mich also nicht wieder um. Und so bin ich gerade mal halbwegs wieder in meinen Klamotten, als tatsächlich der erste Mensch auftaucht. Eine halbe Stunde verstreicht, in der ich mein Frühstück mache, und erstens beginnt es ordentlich zu regnen (das Dach über dem Kopf ist also zumindest hin und wieder eine kluge Wahl), zweitens stehen und sitzen mindestens zwei Dutzend Leute herum, die auf einen Zug warten, drittens ist schon ein Zug in die andere Richtung unterwegs gewesen, und viertens hat der Fahrkartenschalter mittlerweile geöffnet. Was wohl gewesen wäre, wenn mein Bauch mir etwas von sechs Uhr »erzählt« hätte…

Ach so, ich sollte hinzufügen, dass ich 5 Uhr MESZ meinte; das bedeutet hier sechs Uhr. Also ist es jetzt halb sieben. Angesichts des Regens habe ich keine Eile und studiere die Leute. Die meisten sehen aus wie das Wetter: grau und griesgrämig. Was soll mir dieser Tag bringen? Aber es gibt eine Ausnahme: Ein Paar, vielleicht etwas jünger als ich, vielleicht auch in meinem Alter – das kann ich schlecht schätzen – mit einer Tochter, die noch bemerkenswerter ist als ihre Eltern. Offensichtlich handelt es sich bei den dreien um Russen (oder Weißrussen oder Ukrainer), jedenfalls ist das, was das Mädchen spricht, kein Lettisch. Es ist vielleicht zwölf Jahre alt; auch hier fällt mir die Schätzung schwer, denn ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das sich in irgendeinem Alter zusammen mit seinen Eltern so benommen hat wie dieses. Dieser Teenager ist von einer auf seltsame Art provokanten Fröhlichkeit. Sie buhlt um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, indem sie außerhalb des schützenden Daches, also im mittlerweile strömenden Regen in Pfützen herumplanscht und dabei ausgelassen lacht, wenn auch nicht auf eine Weise, die ich als unschuldige Heiterkeit bezeichnen würde. Die leichten Schuhe sind schon längst durchgeweicht, die unteren 20 Zentimeter der Trainingshose ebenfalls. Das Mädchen ist alles andere als elegant gekleidet; was es trägt, sieht aus wie vom Floh- oder vom Vietnamesenmarkt. Vom Äußeren her würde ich sagen: problematisches Milieu, Alkoholismus in der Familie nicht ausgeschlossen. Trotzdem sind die drei die Wachesten auf dem ganzen Bahnsteig. Die Eltern machen keinen so mürrischen Eindruck wie die anderen Wartenden, reagieren hin und wieder auf ihr Kind, und zwar nicht unfreundlich, eher nach der Art: »Mach du mal.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziges Mal eine Ermahnung kommt: »Du wirst krank werden.« »Du wirst dir den Tod holen.« Oder so ähnlich.

Nach ein paar Minuten patscht das Mädchen auf seinen Vater zu und bettelt ihn an, wahrscheinlich um Süßigkeiten. Es greift dem Vater in die Jackentaschen, ohne seine Antwort abzuwarten. Etwas später kaut es auf Gummitieren oder etwas Ähnlichem herum. Dann kommt der Zug, ein Triebzug ohne Lokomotive mit schweren, einstöckigen Wagen, wahrscheinlich russischer Bauart. Der Bahnsteig leert sich und der Himmel ebenso. – Silvia müsste ich anrufen; sie hat heute Geburtstag, aber das wird mit dem Handy wohl nichts werden. – Langsam lässt der Regen nach. Gegen halb acht ist er so weit abgeklungen, dass ich mich auf die Piste wage.

Der Vorteil, den ich aus dem zeitigen Aufstehen hätte ziehen können, ist wegen des langen Wartens natürlich dahin. Weil ich heute möglichst weit in Richtung Norden vordringen will, darf ich keine weitere Zeit verlieren. Die Europastraße 67, innerhalb von Lettland als A1 bezeichnet, wird bis Tallinn, also für über 200 km, meine Richtung bestimmen. Ich erwarte nicht, dass das sehr spannend wird. Eigentlich würde ich lieber in Richtung Nordosten fahren, mehr oder minder direkt in Richtung St. Petersburg. Möglicherweise wäre die Landschaft auf der Strecke nach Tartu sogar interessanter. Es soll ja noch weitere Nationalparks in Lettland geben. Aber ich habe mich für Tallinn entschieden, und wer weiß, ob mich meine aktuelle Stimmung nicht womöglich in ein »Mückenparadies« führen würde. Der Peipussee läge an meiner Route – aber wahrscheinlich wären kleinere Gewässer viel gefährlicher für eine erholsame Nachtruhe. Tagsüber, solange ich auf dem Fahrrad sitze und eine gewisse Geschwindigkeit einhalte, sind die Viecher ja nicht so ein Problem. Ich erinnere mich noch: Als ich 1996 vom Nordkap zurückkam (das ich am 16. Juni erreicht hatte, also noch knapp vor Mittsommer), fuhr ich durch Finnland nach Süden, anders als zuvor über Norwegen nach Norden. Finnland ist ja bekannt für seine vielen Seen, und welchem der skandinavischen Länder die zweifelhafte Ehre gebührt, die meisten Mücken je Quadratkilometer aufzubieten, weiß ich nicht, aber viele feuchte Flächen gibt es zumindest in Norwegen und auch in Finnland. Jedenfalls geriet ich von der Temperatur und auch von der Saison her mit jedem Tag tiefer in problematische Regionen. In Lappland hatte ich mich einfach noch unter den offenen Himmel ins weiche Moos gelegt, und gut war’s. Zwei »Nächte« später brauchte ich schon ein Moskitonetz, und danach wagte ich überhaupt keine Übernachtung mehr im Freien. – Hier habe ich jetzt zwar ein Moskitonetz anderer Dimension, aber es ist immer ein bisschen blöd zu benutzen: Eigentlich ist es als Schutz eines ganz normalen Doppelbettes konzipiert und sollte irgendwo an der Zimmerdecke aufgehängt werden. Dann bildet es eine Art durchsichtiges Zelt über dem Bett, und man kann sich umdrehen oder sonst was tun, ohne so schnell in Kontakt mit dem Netz zu kommen – wo die Parasiten schon warten. Ich habe unter freiem Himmel jedoch keine Zimmerdecke, und Bäume sind meist zu weit entfernt. Also hänge ich das Netz in vielen Fällen einfach über das Fahrrad und lege mich direkt daneben. Das ist jedoch gleich mit zwei Problemen verbunden. Erstens kann das Fahrrad auch mal umkippen, was nicht so angenehm ist, wenn man davon betroffen ist, und zweitens hat man eben doch meist Kontakt mit dem Netz, und wenn die Mücken auch nicht hindurchkriechen oder -krabbeln können – auch die kleinsten nicht –, so können sie doch hindurchstechen. Und das ist ziemlich genau ebenso unangenehm wie ohne Netz zerstochen zu werden. Also muss ich jedes Mal herumtricksen, um das Netz von mir fern zu halten. Aber, um noch einmal kurz auf Finnland zurückzukommen: Als ich schließlich auf der Höhe von Tampere war, ging es auch tagsüber nur mehr mit 20 km/h Mindestgeschwindigkeit. Die unumgänglich einzulegenden Zwischenstopps wurden jedes Mal mit einem hohen Blutzoll belegt. Unangenehme Sache, das! Also fahre ich an der Küste entlang. Mal sehen, was mir das bringt.

Die erste Aktion ist ein Schlenker fast wieder in Richtung Süden. Das hat man davon, wenn man Nebenstraßen benutzt. Für die Eisenbahn hat man zwar eine Brücke gebaut, aber als Straßenbenutzer muss man so weit in Richtung Osten bzw. Südosten flussaufwärts fahren, bis man auf die Europastraße trifft, und für die ist – wahrscheinlich wieder mal aus dem Europäischen Kohäsionsfonds – eine gepflegte Brücke errichtet worden, wie überhaupt so ziemlich alles entlang dieser wichtigen Nordsüdverbindung einen ziemlich neuen Eindruck macht.

Auf der Europastraße geht es gut voran, der Verkehr ist trotz der Bedeutung dieser Verkehrsader moderat, das Wetter bleibt instabil, d.h., hin und wieder nieselt es etwas, aber das ist mir, ehrlich gesagt, lieber, als wenn sofort nach dem morgendlichen Regen stechender Sonnenschein durchgebrochen wäre, denn das hätte nach aller Erfahrung ja nur bedeutet, dass es bald wieder regnet. Allerdings ist diese Route auch frei von jeglichem Spektakel. Das Waldgrün um mich herum beruhigt das Gemüt, jedenfalls täte es das wahrscheinlich, wenn ich unruhig wäre, und so bleibt es erst mal. Bei Saulkrasti (= Sonnenufer, Neubad) wird’s mir dann doch der phlegmatischen Gelassenheit zu viel, und ich verlasse die Hauptstraße, um in die Ortschaft zu wechseln, die näher der Küste liegt. Allerdings ist an dieser Kleinstadt vor allem bemerkenswert, dass dort keine Hauptstraße durch keinen Wald verläuft. Und – bei aller Sympathie für die Wahl des lettischen Ortsnamens – sonnig ist es auch hier nicht. Keine Aufregung also. Und so bleibt es auch erst mal auf dem Weg in Richtung Estland.

Rigaischer Meerbusen

Gegen Mittag, noch 20 oder 25 km von der Grenze entfernt, mache ich auf einem Parkplatz Halt, der direkt zum Strand führt; man kann von der Hauptstraße aus direkt das Meer sehen. Da steht außerdem ein litauischer Pkw. Ob ich wohl noch mal einen Anlauf unternehme, meine beiden Lappen loszuwerden? Nach reiflicher Einschätzung der Lage verwerfe ich diesen Gedanken; die tauschen kein Geld. Aber wo ich einmal hier bin, kann ich doch an der Reduzierung meiner Vorräte arbeiten. Also öffne ich die Taschen und lasse meine Appetitzentrale die Nahrungsmittel abtasten. Es ist nicht der rasende Hunger, der mich hier halten ließ; da darf ich dann wohl mal wählerisch sein. In erster Linie will ja doch nur mein Hintern mal wieder etwas anderes spüren als den Brooks-Sattel. Die Mahlzeiten sind stets nur ein Vorwand. Es wäre auch ungeschickt, auf den Hunger zu warten, denn wenn der einmal da ist, dann ist auch der Blutzuckerspiegel im Keller, und dann spielt die Musik andante und piano. Mit solchem Temperament macht man keine Weltreisen.

Rigaischer Meerbusen

Und wie ich da so sitze, biegt ein Reisebus auf den Parkplatz ab, Kennzeichen PL - US und irgendeine Zahl – was für ein Zufall angesichts der Tatsache, dass der Reiseunternehmer »Plus« heißt. Und jetzt das pralle Leben, Menschen in Massen! Oder doch nicht? Na ja, ein wenig phlegmatisch sind die Senioren schon, die sich aus Plauen und Umgebung hierher haben schaukeln lassen. Der Busfahrer ist jedenfalls mit Abstand der jüngste Fahrzeuginsasse. Doch so nach und nach kommen sie heraus; wahrscheinlich wissen sie, dass es eine Weile dauern wird bis zum nächsten Stopp. Und schließlich ist hier wirklich nichts los. Lediglich unter dem Gesichtspunkt der Ungestörtheit ist dieser Strand – zumindest bei diesem Wetter – ein echter Geheimtipp. Und dabei ist er wirklich sandig und sauber. Klar, der Sand ist nicht schneeweiß, und der Streifen ist auch nicht rekordverdächtig breit, aber solange man sich da ausbreiten und bei Bedarf auch eine kleine Strandburg bauen kann…

Rigaischer Meerbusen, Brandung

Ich spreche den Fahrer an, der sich ebenfalls ein wenig die Füße vertritt. Na ja, wir fahren hier die Leute nach St. Petersburg. Er zählt die Standardstationen in Polen, Litauen, Lettland und Estland auf und wirkt ein wenig gelangweilt, um nicht zu sagen genervt von seinem Job. Also, wenn ich Mitreisender wäre, würde ich den Duktus, in dem er sich über seine Fahrgäste äußert, nicht so lupenrein nett finden. Aber ich bin ja Individualreisender, und Busfahren – das mache ich wahrscheinlich erst, wenn sonst gar nichts mehr geht.

Mit der Weiterfahrt wird allmählich das Wetter besser; es klart auf, und gelegentlich kommt sogar mal die Sonne durch. Liegt es allein daran, dass die Landschaften und Dörfer entlang des Wegs interessanter werden? Mir fällt ein Baustil auf, eine Kombination aus Feldsteinen – vermutlich Basalt und Granit – und roten Ziegeln, die nach dicken Wänden und langer Haltbarkeit aussehen. Erst fahre ich an einem Gehöft vorbei, das vermutlich noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt. Nur noch ein Gebäude ist stehen geblieben und die Mauer, die das Geviert umspannte. Wahrscheinlich war auch das Wohngebäude zwischenzeitlich nicht bewohnbar, denn das Ethernitdach stammt ganz sicher aus einer anderen Zeit. Ich muss wieder an Asbest denken.

ehemaliger Gutshof bei Salacgriva Kirche in Ainazi/Hainasch

Eine Zeit später komme ich an einer Kirche vorbei, die in ähnlichem Stil errichtet wurde, aber natürlich nicht mit einem Asbestdach. Die haben hier zumindest keine Probleme mit dem Putz.

Kurz vor der Grenze verlasse ich die Hauptstraße und biege auf eine küstennähere Landstraße ab. Die Grenze selbst ist unspektakulär wie zwei Tage zuvor: unbesetzt, gerade mal noch erkennbar. Schön eigentlich. Das einzige Manko daran ist, dass mein Pass keinen Nachweis des Besuchs dieser Länder enthalten wird, aber wenn das ein ernstes Problem wäre, sollte ich mir wohl mal ein paar Fragen zum Sinn meiner Reisen stellen. (Ich will dabei aber nicht leugnen, dass ich für den erstmaligen Besuch eines Staates durchaus einen ansehnlichen Schlenker in eine geplante Route einbauen würde, sofern dadurch nicht der Besuch wichtiger anderer Ziele in Gefahr geriete.) Kurz zuvor gebe ich mein letztes lettisches Geld aus. Mir soll damit nicht wieder dasselbe passieren wie mit dem litauischen Bargeld. Erst mal sorgt jetzt ein 5-Liter-Wasserkanister dafür, dass das Hinterrad nicht so leicht abhebt. Wer weiß, vielleicht komme ich ja an einer Schwerkraftanomalie vorbei… Und Schokolade soll den nötigen Treibstoff bis zur russischen Grenze liefern. Mit dem Telefonieren ist es nun in Lettland mangels öffentlicher Telefone auf Bargeldbasis nichts geworden, und solange ich mir kein estnisches Bares beschaffe, wird es dort natürlich auch wieder nichts werden. Aber darüber zerbreche ich mir jetzt nicht lange den Kopf. Ich werde bei Gelegenheit eine E-Mail schreiben.

Holzhaus in Ainazi/Hainasch Holzhaus in Ainazi/Hainasch

Die Nebenstraßen, auf denen ich mich – mittlerweile im Sonnenschein – bewege, sind wesentlich ruhiger als die A1. Hier sind hin und wieder auch Radfahrer zu sehen, sogar größere Gruppen. Die Straße verläuft häufig in Sichtweite der Küste, die allerdings vielfach verschilft ist. Auch dort, wo so etwas wie ein Strand den Blick aufs Wasser freigibt, sehe ich keine Badenden. Eigentlich ist das Wetter im Augenblick nicht zu schlecht zum Schwimmen, aber das muss ja jeder für sich entscheiden. Gelegentlich sieht es so aus, als reichten die Gartengrundstücke, an deren vorderer Begrenzung ich vorbeifahre, direkt bis ans Wasser. Schon seltsam – von der deutschen Ostseeküste kann ich mir so etwas gar nicht vorstellen. (»Du, Mutti, heute hat die Brandung bis zu den Möhrenbeeten gereicht, ich glaube, die Erbsen dahinter können wir vergessen.«)

Fahrradreisende Rigaischer Meerbusen

In Treimani, einem Ortsteil von Häädemeeste (Gudmannsbach), fällt mir erneut eine Kirche auf. Gerade tritt jemand vor die Tür; da denke ich, ich könnte vielleicht versuchen, mir auch einmal das Innere anzusehen. Die Frau, die herausgekommen ist, ermuntert mich, näher zu treten. Der Innenraum der Kirche hat etwas Anheimelndes, könnte fast ein bisschen wie eine gute Stube wirken, wenn sie voll besetzt ist. Wie kalt es hier wohl im Winter wird, frage ich mich. Jetzt ist das natürlich kein Problem. Die Tage dauern ewig lange, und der Sommer ist warm. Lange halte ich mich nicht auf. Ich will noch einiges schaffen.

Kirche in Häädemeeste/Gudmannsbach

Estland erinnert mich an Finnland. Die Häuser sehen hier den finnischen ähnlicher als den lettischen, mit der Sprache ist es nach meinem Eindruck ebenso, und landschaftlich? Ich glaube, da sind die Unterschiede auch nicht so gravierend. Ich kreiere die Bezeichnung »Little Finnland«, denn natürlich ist Estland viel kleiner als sein nordischer Nachbar. Außerdem haben sie kein Nokia. Aber vielleicht gibt’s hier dafür auch nicht so viele Alkoholiker. Der Norden ist ja im Sommer ganz nett, wenn man mal von den Insekten absieht, aber der Winter… Ich bin wirklich nicht so wetter- und jahreszeitenfühlig, aber wenn’s immer nur dunkel ist… Und man kann ja zu Mittsommer gar nicht so lange aufbleiben, wie das Sonnenlicht währt. Ich erinnere mich, dass ich in München mal während eines Sommers versucht habe, täglich mit der Sonne aufzustehen und unterzugehen …, also, ins Bett zu gehen, und wenigstens unter diesem Blickwinkel war München perfekt: Das ging dort gut; Grieben wäre im Sommer schon mit ein paar Schlafdefiziten verbunden, und von Helsinki wollen wir gar nicht erst reden. Letztens habe ich gelesen, es sei gar nicht so gesund, tagsüber so viel zu schlafen. Aber was wird nicht alles gedruckt und im Internet geschrieben…

20 oder 25 Kilometer nördlich der Grenze ist Schluss mit lustig: Die küstennahe Nebenstraße endet, d.h., sie mündet in die E67. Aber in Estland ist der Straßenverkehr auf dieser Straße ungefähr der gleiche wie in Lettland. So gesehen beginnt also kein Horrortrip für mich. Oder… – na ja, wie man’s nimmt. Kurz vor der Einmündung der Straße Nr. 6 von Südosten überholt mich ein dänischer Sattelschlepper mit großem Gepolter. Es ist ein periodisches Gepolter, und keineswegs sind Unebenheiten in der Straße die Ursache für diesen Lärm. Es ist vielmehr eine Art stillschweigendes Gelübde dieses Fahrers – und ganz sicher vieler seiner Kollegen –, die Ökobilanz seiner Fuhren unter Einsatz der vorhandenen Mittel nahe ans Optimum heranzuführen. Das funktioniert z.B. so, dass Verschleißteile nach ihrem Austausch geringe Entsorgungsaufwände verursachen, und das tun sie dann, wenn sie möglichst kaum mehr vorhanden sind. Wenn es um die Praxis dieses Prinzips geht, werden Reifen immer wieder gerne genommen. Im konservativen Europa mit rigiden Restalkoholgrenzwerten und penetranten Profilkontrollen ist ein Reifen zum Austausch fällig, wenn er als solcher und darin eingeprägte Profilrillen noch ganz klar als Vertiefungen erkennbar sind. Im östlichen Osteuropa denkt man da praktischer. Man unterscheidet dort zwischen demontablen und demontierfähigen Reifen. Seit Bastian Sick weiß ich, dass ich keinen leichtfertigen Gebrauch der Nachsilbe »bar« machen soll; also nenne ich Reifen, die ein technisch dazu ausgebildeter Mensch von der Felge demontieren kann, nicht »demontierbar«, sondern demontabel – auch wenn dieses Wort noch nicht Eingang in den Duden gefunden hat. Und weil Sick bei Wortgruppen wie »verstellfähigen Regalen« erst so richtig in Rage kommt, da er – zu Recht – einwendet, ein Regal sei eigentlich zu gar nichts fähig, außer vielleicht, das zu tragen, was man in seine Fächer stellt, vergebe ich das Attribut demontierfähig auch nur an solche Reifen, die sich selbst demontieren (können). Und den Übergang von demontabel zu demontierfähig hat mindestens ein Pneu dieses Dänen fast geschafft. Ein paar Kilometer später steht die Karre am Straßenrand, und der Fahrer sondiert die Lage.

Nun könnte man sagen: Glück gehabt, dieser Gummi konnte gerade noch davon abgehalten werden, dir um die Ohren zu fliegen, da zuckelt er wieder an mir vorbei – mit demselben Gepolter wie vorher. Konnte er nicht oder wollte er nicht? Wir werden es wohl nie erfahren. Wenig später liegen 20 bis 50 Zentimeter lange Reifenfetzen auf der Straße – der war also zuletzt demontierfähig – und Stahlcordfetzen der Karkasse ragen angriffslustig daraus hervor. In den USA haben mir solche Hinterlassenschaften auf dem Freeway mindestens eine Reifenpanne eingetragen. Und wieder etwas später steht ein estnischer LKW mitten auf der Straße, und der Fahrer montiert an den Rädern herum. Da war wohl etwas abhanden gekommen… Aber das geht ja noch. Als ich 1993 nach dem Verlassen des Yellowstone Nationalparks in Richtung Butte/Montana unterwegs war, kam mir mal ein Sattelschlepper entgegen, dessen an sich intakte Räder sich komplett vom Fahrzeug verabschiedeten, und zwar gleich in Serie. Wenn solche Zwillingsreifen mit 60 Sachen und im Rudel auf dich zugerollt kommen, dann wird dir ganz anders, kann ich dir versichern. Dagegen ist das hier ja eher harmlos. Ich erfinde den Begriff »russischer Reifenwechsel«, auch wenn ich den Russen damit vielleicht Unrecht tue, denn das hier sind ja keine Russen. Aber wer weiß, was ich in Mütterchen Russland noch so erleben werde…

Stretch Limousine

Vielleicht haben all die Fahrer auf Pärnu gehofft, den sicheren Hafen, um eine Werkstatt oder einen Autohof zu erreichen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist Pärnu (Pernau) mal kein Dorf auf meiner Route, es beschert mir einen Richtungswechsel wieder in Richtung Norden, und es ist mein letzter Kontakt mit der Rigaer Bucht. Jetzt geht es bis Tallinn erst mal wieder »über Land«. Pärnu macht den Eindruck, in den Jahren nach dem Krieg und vor allem nach der Wende rasant gewachsen zu sein. Kommt man in das historische Zentrum, wirkt es in seiner alten Kleinteiligkeit gleichsam überrascht und überrumpelt vom großzügigen Stil, in dem die Außenbezirke urbanisiert worden sind. Na ja, damals wurden die Wege ja auch langsamer zurückgelegt als heute. Und weniger luxuriös – heute dagegen lädt ein Stretchlimo mit besonderer Länge zu kurzzeitigem amerikanischem Luxusgefühl ein. Anscheinend braucht hier der eine oder andere das dann und wann.

Sonnenuntergang bei Pallika Sonnenuntergang bei Pallika

»Über Land« heißt hier nicht nur abseits des Meeres, sondern auch abseits größerer Siedlungen. Estlands Bevölkerungsdichte liegt ungefähr bei einem Achtel der von Deutschland; sogar Mecklenburg-Vorpommern ist noch mehr als doppelt so dicht besiedelt. Angesichts dessen und der flachen Strecke sind das Bedingungen zum »Kilometerfressen«. Als später die Dämmerung hereinbricht, mache ich mich in traditioneller Manier auf die Quartiersuche. Den ersten Versuch mache ich in der Nähe von Konuvere (Konofer). Da steht mitten in der Landschaft eine steinerne Brücke, die bereits von Scheinwerfern angestrahlt wird. Sie steht unter Denkmalschutz, und eine Bedeutung als Infrastruktur hat sie kaum mehr. Die Europastraße verläuft parallel zu ihr. Und zwischen beiden, genauer: am gemeinsamen der jeweils beiden Enden, da befindet sich ein Haus mit teils vernagelten Fenstern. Es ist gar nicht so einfach, dort hinein zu kommen, aber schließlich gelingt es mir, und es bietet sich mir das immer gleiche (gedehnt auszusprechen!) Bild: jede Menge Schutt und Scherben auf den Dielen. Wie geht das nur zu? Die Leute, die hier zuletzt gewohnt haben, die haben doch bestimmt nicht zum Auszug eine Fete veranstaltet und als einen der Gags Scheibenschmeißen oder »heute mal randalieren« angeboten. Das waren doch irgendwelche After-lifecycle-Gäste. Und wie es aussieht, fällt denen regelmäßig nichts anderes ein als genau diese beiden Disziplinen. Und unsereiner muss dann jedes Mal feststellen: wieder keine Jugendherberge!

Brücke bei Konuvere/Konofer Abendnebel bei Konuvere/Konofer

Weil mir dieses Etablissement, gemessen am noch verfügbaren Restlicht, doch zu grenzwertig erscheint, schwinge ich mich erneut in den Sattel und fahre weiter. Die Karte verrät mir allerdings: In Märjamaa (Merjama) muss es dann sein, denn danach kommt lange erst mal nichts mehr, genauer: eigentlich kommt bis Tallinn nichts mehr. Also biege ich mitten im Wald beim ersten Schild ab und gelange nach einem Kilometer in ein größeres Dorf. Ich fahre gerade durch, denn rechts und links reihen sich überschaubare und wohl abgegrenzte Grundstücke aneinander; da ist kein Unterkommen. Als ich an einer größeren Kreuzung ankomme, biege ich erneut nach links ab. Gleich fällt mir rechter Hand eine Art Bühne auf: ein leicht erhöhtes, hölzernes Podest, vielleicht 300 qm groß, überdacht und mit Stühlen und Tischen bestückt – so eine Art Biergarten, auch bei Regen geöffnet. Perfekt, könnte man denken, aber dort sind bereits Gäste: Ein paar Jugendliche lassen den Tag ausklingen. Der Schankschluss liegt schon länger als nur ein paar Minuten zurück; wenn die versorgt sind, dann haben sie sich selbst darum gekümmert. Die Runde sieht aus der Distanz harmlos aus. Das Einzige, was an ihr unangenehm ist, ist für mich ihr Aufenthaltsort. Allerdings können sie das nicht wissen, und wenn sie es wüssten, wäre es ihnen wahrscheinlich auch egal. Ich kann mich da jedenfalls nicht einfach hinpflanzen und sozusagen »für jeden einen Platz!« einfordern, und sei es nur in der Form, mich nicht um sie zu kümmern. Diesen Fehler habe ich vor zwei Jahren mal östlich von London gemacht; das wurde eine sehr unerfreuliche und unruhige Nacht. Also verschwende ich an diesen 1A-Platz weiter keinen Augenblick.

Allerdings bietet die Querstraße nichts, was eine auch nur annähernd annehmbare Alternative wäre, und so kehre ich nach einigen Minuten wieder zurück. Und tatsächlich: Die Halbstarken sind im Aufbruch; ich brauche mich nur ein wenig im Hintergrund zu halten und noch ein paar Minuten zu warten, und schon habe ich einen Lagerplatz, dem an der Perfektion nur das fehlt, was eigentlich immer fehlt: eine Dusche.