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16. Juli 16. Juli nächster Tag

17. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Wie ich es vorausgesehen habe, bin ich um 5 Uhr nicht gerade munter, als meine Uhr piept. Allerdings bin ich doch wach genug, um mich an meine gestrigen Eingebungen zu erinnern, drehe mich also nicht wieder um. Und so bin ich gerade mal halbwegs wieder in meinen Klamotten, als tatsächlich der erste Mensch auftaucht. Eine halbe Stunde verstreicht, in der ich mein Frühstück mache, und erstens beginnt es ordentlich zu regnen (das Dach über dem Kopf ist also zumindest hin und wieder eine kluge Wahl), zweitens stehen und sitzen mindestens zwei Dutzend Leute herum, die auf einen Zug warten, drittens ist schon ein Zug in die andere Richtung unterwegs gewesen, und viertens hat der Fahrkartenschalter mittlerweile geöffnet. Was wohl gewesen wäre, wenn mein Bauch mir etwas von sechs Uhr »erzählt« hätte…

Ach so, ich sollte hinzufügen, dass ich 5 Uhr MESZ meinte; das bedeutet hier sechs Uhr. Also ist es jetzt halb sieben. Angesichts des Regens habe ich keine Eile und studiere die Leute. Die meisten sehen aus wie das Wetter: grau und griesgrämig. Was soll mir dieser Tag bringen? Aber es gibt eine Ausnahme: Ein Paar, vielleicht etwas jünger als ich, vielleicht auch in meinem Alter – das kann ich schlecht schätzen – mit einer Tochter, die noch bemerkenswerter ist als ihre Eltern. Offensichtlich handelt es sich bei den dreien um Russen (oder Weißrussen oder Ukrainer), jedenfalls ist das, was das Mädchen spricht, kein Lettisch. Es ist vielleicht zwölf Jahre alt; auch hier fällt mir die Schätzung schwer, denn ich bin noch keinem Mädchen begegnet, das sich in irgendeinem Alter zusammen mit seinen Eltern so benommen hat wie dieses. Dieser Teenager ist von einer auf seltsame Art provokanten Fröhlichkeit. Sie buhlt um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern, indem sie außerhalb des schützenden Daches, also im mittlerweile strömenden Regen in Pfützen herumplanscht und dabei ausgelassen lacht, wenn auch nicht auf eine Weise, die ich als unschuldige Heiterkeit bezeichnen würde. Die leichten Schuhe sind schon längst durchgeweicht, die unteren 20 Zentimeter der Trainingshose ebenfalls. Das Mädchen ist alles andere als elegant gekleidet; was es trägt, sieht aus wie vom Floh- oder vom Vietnamesenmarkt. Vom Äußeren her würde ich sagen: problematisches Milieu, Alkoholismus in der Familie nicht ausgeschlossen. Trotzdem sind die drei die Wachesten auf dem ganzen Bahnsteig. Die Eltern machen keinen so mürrischen Eindruck wie die anderen Wartenden, reagieren hin und wieder auf ihr Kind, und zwar nicht unfreundlich, eher nach der Art: »Mach du mal.« Ich kann mir nicht vorstellen, dass auch nur ein einziges Mal eine Ermahnung kommt: »Du wirst krank werden.« »Du wirst dir den Tod holen.« Oder so ähnlich.

Nach ein paar Minuten patscht das Mädchen auf seinen Vater zu und bettelt ihn an, wahrscheinlich um Süßigkeiten. Es greift dem Vater in die Jackentaschen, ohne seine Antwort abzuwarten. Etwas später kaut es auf Gummitieren oder etwas Ähnlichem herum. Dann kommt der Zug, ein Triebzug ohne Lokomotive mit schweren, einstöckigen Wagen, wahrscheinlich russischer Bauart. Der Bahnsteig leert sich und der Himmel ebenso. – Silvia müsste ich anrufen; sie hat heute Geburtstag, aber das wird mit dem Handy wohl nichts werden. – Langsam lässt der Regen nach. Gegen halb acht ist er so weit abgeklungen, dass ich mich auf die Piste wage.

Der Vorteil, den ich aus dem zeitigen Aufstehen hätte ziehen können, ist wegen des langen Wartens natürlich dahin. Weil ich heute möglichst weit in Richtung Norden vordringen will, darf ich keine weitere Zeit verlieren. Die Europastraße 67, innerhalb von Lettland als A1 bezeichnet, wird bis Tallinn, also für über 200 km, meine Richtung bestimmen. Ich erwarte nicht, dass das sehr spannend wird. Eigentlich würde ich lieber in Richtung Nordosten fahren, mehr oder minder direkt in Richtung St. Petersburg. Möglicherweise wäre die Landschaft auf der Strecke nach Tartu sogar interessanter. Es soll ja noch weitere Nationalparks in Lettland geben. Aber ich habe mich für Tallinn entschieden, und wer weiß, ob mich meine aktuelle Stimmung nicht womöglich in ein »Mückenparadies« führen würde. Der Peipussee läge an meiner Route – aber wahrscheinlich wären kleinere Gewässer viel gefährlicher für eine erholsame Nachtruhe. Tagsüber, solange ich auf dem Fahrrad sitze und eine gewisse Geschwindigkeit einhalte, sind die Viecher ja nicht so ein Problem. Ich erinnere mich noch: Als ich 1996 vom Nordkap zurückkam (das ich am 16. Juni erreicht hatte, also noch knapp vor Mittsommer), fuhr ich durch Finnland nach Süden, anders als zuvor über Norwegen nach Norden. Finnland ist ja bekannt für seine vielen Seen, und welchem der skandinavischen Länder die zweifelhafte Ehre gebührt, die meisten Mücken je Quadratkilometer aufzubieten, weiß ich nicht, aber viele feuchte Flächen gibt es zumindest in Norwegen und auch in Finnland. Jedenfalls geriet ich von der Temperatur und auch von der Saison her mit jedem Tag tiefer in problematische Regionen. In Lappland hatte ich mich einfach noch unter den offenen Himmel ins weiche Moos gelegt, und gut war’s. Zwei »Nächte« später brauchte ich schon ein Moskitonetz, und danach wagte ich überhaupt keine Übernachtung mehr im Freien. – Hier habe ich jetzt zwar ein Moskitonetz anderer Dimension, aber es ist immer ein bisschen blöd zu benutzen: Eigentlich ist es als Schutz eines ganz normalen Doppelbettes konzipiert und sollte irgendwo an der Zimmerdecke aufgehängt werden. Dann bildet es eine Art durchsichtiges Zelt über dem Bett, und man kann sich umdrehen oder sonst was tun, ohne so schnell in Kontakt mit dem Netz zu kommen – wo die Parasiten schon warten. Ich habe unter freiem Himmel jedoch keine Zimmerdecke, und Bäume sind meist zu weit entfernt. Also hänge ich das Netz in vielen Fällen einfach über das Fahrrad und lege mich direkt daneben. Das ist jedoch gleich mit zwei Problemen verbunden. Erstens kann das Fahrrad auch mal umkippen, was nicht so angenehm ist, wenn man davon betroffen ist, und zweitens hat man eben doch meist Kontakt mit dem Netz, und wenn die Mücken auch nicht hindurchkriechen oder -krabbeln können – auch die kleinsten nicht –, so können sie doch hindurchstechen. Und das ist ziemlich genau ebenso unangenehm wie ohne Netz zerstochen zu werden. Also muss ich jedes Mal herumtricksen, um das Netz von mir fern zu halten. Aber, um noch einmal kurz auf Finnland zurückzukommen: Als ich schließlich auf der Höhe von Tampere war, ging es auch tagsüber nur mehr mit 20 km/h Mindestgeschwindigkeit. Die unumgänglich einzulegenden Zwischenstopps wurden jedes Mal mit einem hohen Blutzoll belegt. Unangenehme Sache, das! Also fahre ich an der Küste entlang. Mal sehen, was mir das bringt.

Die erste Aktion ist ein Schlenker fast wieder in Richtung Süden. Das hat man davon, wenn man Nebenstraßen benutzt. Für die Eisenbahn hat man zwar eine Brücke gebaut, aber als Straßenbenutzer muss man so weit in Richtung Osten bzw. Südosten flussaufwärts fahren, bis man auf die Europastraße trifft, und für die ist – wahrscheinlich wieder mal aus dem Europäischen Kohäsionsfonds – eine gepflegte Brücke errichtet worden, wie überhaupt so ziemlich alles entlang dieser wichtigen Nordsüdverbindung einen ziemlich neuen Eindruck macht.

Auf der Europastraße geht es gut voran, der Verkehr ist trotz der Bedeutung dieser Verkehrsader moderat, das Wetter bleibt instabil, d.h., hin und wieder nieselt es etwas, aber das ist mir, ehrlich gesagt, lieber, als wenn sofort nach dem morgendlichen Regen stechender Sonnenschein durchgebrochen wäre, denn das hätte nach aller Erfahrung ja nur bedeutet, dass es bald wieder regnet. Allerdings ist diese Route auch frei von jeglichem Spektakel. Das Waldgrün um mich herum beruhigt das Gemüt, jedenfalls täte es das wahrscheinlich, wenn ich unruhig wäre, und so bleibt es erst mal. Bei Saulkrasti (= Sonnenufer, Neubad) wird’s mir dann doch der phlegmatischen Gelassenheit zu viel, und ich verlasse die Hauptstraße, um in die Ortschaft zu wechseln, die näher der Küste liegt. Allerdings ist an dieser Kleinstadt vor allem bemerkenswert, dass dort keine Hauptstraße durch keinen Wald verläuft. Und – bei aller Sympathie für die Wahl des lettischen Ortsnamens – sonnig ist es auch hier nicht. Keine Aufregung also. Und so bleibt es auch erst mal auf dem Weg in Richtung Estland.

Rigaischer Meerbusen

Gegen Mittag, noch 20 oder 25 km von der Grenze entfernt, mache ich auf einem Parkplatz Halt, der direkt zum Strand führt; man kann von der Hauptstraße aus direkt das Meer sehen. Da steht außerdem ein litauischer Pkw. Ob ich wohl noch mal einen Anlauf unternehme, meine beiden Lappen loszuwerden? Nach reiflicher Einschätzung der Lage verwerfe ich diesen Gedanken; die tauschen kein Geld. Aber wo ich einmal hier bin, kann ich doch an der Reduzierung meiner Vorräte arbeiten. Also öffne ich die Taschen und lasse meine Appetitzentrale die Nahrungsmittel abtasten. Es ist nicht der rasende Hunger, der mich hier halten ließ; da darf ich dann wohl mal wählerisch sein. In erster Linie will ja doch nur mein Hintern mal wieder etwas anderes spüren als den Brooks-Sattel. Die Mahlzeiten sind stets nur ein Vorwand. Es wäre auch ungeschickt, auf den Hunger zu warten, denn wenn der einmal da ist, dann ist auch der Blutzuckerspiegel im Keller, und dann spielt die Musik andante und piano. Mit solchem Temperament macht man keine Weltreisen.

Rigaischer Meerbusen

Und wie ich da so sitze, biegt ein Reisebus auf den Parkplatz ab, Kennzeichen PL - US und irgendeine Zahl – was für ein Zufall angesichts der Tatsache, dass der Reiseunternehmer »Plus« heißt. Und jetzt das pralle Leben, Menschen in Massen! Oder doch nicht? Na ja, ein wenig phlegmatisch sind die Senioren schon, die sich aus Plauen und Umgebung hierher haben schaukeln lassen. Der Busfahrer ist jedenfalls mit Abstand der jüngste Fahrzeuginsasse. Doch so nach und nach kommen sie heraus; wahrscheinlich wissen sie, dass es eine Weile dauern wird bis zum nächsten Stopp. Und schließlich ist hier wirklich nichts los. Lediglich unter dem Gesichtspunkt der Ungestörtheit ist dieser Strand – zumindest bei diesem Wetter – ein echter Geheimtipp. Und dabei ist er wirklich sandig und sauber. Klar, der Sand ist nicht schneeweiß, und der Streifen ist auch nicht rekordverdächtig breit, aber solange man sich da ausbreiten und bei Bedarf auch eine kleine Strandburg bauen kann…

Rigaischer Meerbusen, Brandung

Ich spreche den Fahrer an, der sich ebenfalls ein wenig die Füße vertritt. Na ja, wir fahren hier die Leute nach St. Petersburg. Er zählt die Standardstationen in Polen, Litauen, Lettland und Estland auf und wirkt ein wenig gelangweilt, um nicht zu sagen genervt von seinem Job. Also, wenn ich Mitreisender wäre, würde ich den Duktus, in dem er sich über seine Fahrgäste äußert, nicht so lupenrein nett finden. Aber ich bin ja Individualreisender, und Busfahren – das mache ich wahrscheinlich erst, wenn sonst gar nichts mehr geht.

Mit der Weiterfahrt wird allmählich das Wetter besser; es klart auf, und gelegentlich kommt sogar mal die Sonne durch. Liegt es allein daran, dass die Landschaften und Dörfer entlang des Wegs interessanter werden? Mir fällt ein Baustil auf, eine Kombination aus Feldsteinen – vermutlich Basalt und Granit – und roten Ziegeln, die nach dicken Wänden und langer Haltbarkeit aussehen. Erst fahre ich an einem Gehöft vorbei, das vermutlich noch aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt. Nur noch ein Gebäude ist stehen geblieben und die Mauer, die das Geviert umspannte. Wahrscheinlich war auch das Wohngebäude zwischenzeitlich nicht bewohnbar, denn das Ethernitdach stammt ganz sicher aus einer anderen Zeit. Ich muss wieder an Asbest denken.

ehemaliger Gutshof bei Salacgriva Kirche in Ainazi/Hainasch

Eine Zeit später komme ich an einer Kirche vorbei, die in ähnlichem Stil errichtet wurde, aber natürlich nicht mit einem Asbestdach. Die haben hier zumindest keine Probleme mit dem Putz.

Kurz vor der Grenze verlasse ich die Hauptstraße und biege auf eine küstennähere Landstraße ab. Die Grenze selbst ist unspektakulär wie zwei Tage zuvor: unbesetzt, gerade mal noch erkennbar. Schön eigentlich. Das einzige Manko daran ist, dass mein Pass keinen Nachweis des Besuchs dieser Länder enthalten wird, aber wenn das ein ernstes Problem wäre, sollte ich mir wohl mal ein paar Fragen zum Sinn meiner Reisen stellen. (Ich will dabei aber nicht leugnen, dass ich für den erstmaligen Besuch eines Staates durchaus einen ansehnlichen Schlenker in eine geplante Route einbauen würde, sofern dadurch nicht der Besuch wichtiger anderer Ziele in Gefahr geriete.) Kurz zuvor gebe ich mein letztes lettisches Geld aus. Mir soll damit nicht wieder dasselbe passieren wie mit dem litauischen Bargeld. Erst mal sorgt jetzt ein 5-Liter-Wasserkanister dafür, dass das Hinterrad nicht so leicht abhebt. Wer weiß, vielleicht komme ich ja an einer Schwerkraftanomalie vorbei… Und Schokolade soll den nötigen Treibstoff bis zur russischen Grenze liefern. Mit dem Telefonieren ist es nun in Lettland mangels öffentlicher Telefone auf Bargeldbasis nichts geworden, und solange ich mir kein estnisches Bares beschaffe, wird es dort natürlich auch wieder nichts werden. Aber darüber zerbreche ich mir jetzt nicht lange den Kopf. Ich werde bei Gelegenheit eine E-Mail schreiben.

Holzhaus in Ainazi/Hainasch Holzhaus in Ainazi/Hainasch

Die Nebenstraßen, auf denen ich mich – mittlerweile im Sonnenschein – bewege, sind wesentlich ruhiger als die A1. Hier sind hin und wieder auch Radfahrer zu sehen, sogar größere Gruppen. Die Straße verläuft häufig in Sichtweite der Küste, die allerdings vielfach verschilft ist. Auch dort, wo so etwas wie ein Strand den Blick aufs Wasser freigibt, sehe ich keine Badenden. Eigentlich ist das Wetter im Augenblick nicht zu schlecht zum Schwimmen, aber das muss ja jeder für sich entscheiden. Gelegentlich sieht es so aus, als reichten die Gartengrundstücke, an deren vorderer Begrenzung ich vorbeifahre, direkt bis ans Wasser. Schon seltsam – von der deutschen Ostseeküste kann ich mir so etwas gar nicht vorstellen. (»Du, Mutti, heute hat die Brandung bis zu den Möhrenbeeten gereicht, ich glaube, die Erbsen dahinter können wir vergessen.«)

Fahrradreisende Rigaischer Meerbusen

In Treimani, einem Ortsteil von Häädemeeste (Gudmannsbach), fällt mir erneut eine Kirche auf. Gerade tritt jemand vor die Tür; da denke ich, ich könnte vielleicht versuchen, mir auch einmal das Innere anzusehen. Die Frau, die herausgekommen ist, ermuntert mich, näher zu treten. Der Innenraum der Kirche hat etwas Anheimelndes, könnte fast ein bisschen wie eine gute Stube wirken, wenn sie voll besetzt ist. Wie kalt es hier wohl im Winter wird, frage ich mich. Jetzt ist das natürlich kein Problem. Die Tage dauern ewig lange, und der Sommer ist warm. Lange halte ich mich nicht auf. Ich will noch einiges schaffen.

Kirche in Häädemeeste/Gudmannsbach

Estland erinnert mich an Finnland. Die Häuser sehen hier den finnischen ähnlicher als den lettischen, mit der Sprache ist es nach meinem Eindruck ebenso, und landschaftlich? Ich glaube, da sind die Unterschiede auch nicht so gravierend. Ich kreiere die Bezeichnung »Little Finnland«, denn natürlich ist Estland viel kleiner als sein nordischer Nachbar. Außerdem haben sie kein Nokia. Aber vielleicht gibt’s hier dafür auch nicht so viele Alkoholiker. Der Norden ist ja im Sommer ganz nett, wenn man mal von den Insekten absieht, aber der Winter… Ich bin wirklich nicht so wetter- und jahreszeitenfühlig, aber wenn’s immer nur dunkel ist… Und man kann ja zu Mittsommer gar nicht so lange aufbleiben, wie das Sonnenlicht währt. Ich erinnere mich, dass ich in München mal während eines Sommers versucht habe, täglich mit der Sonne aufzustehen und unterzugehen …, also, ins Bett zu gehen, und wenigstens unter diesem Blickwinkel war München perfekt: Das ging dort gut; Grieben wäre im Sommer schon mit ein paar Schlafdefiziten verbunden, und von Helsinki wollen wir gar nicht erst reden. Letztens habe ich gelesen, es sei gar nicht so gesund, tagsüber so viel zu schlafen. Aber was wird nicht alles gedruckt und im Internet geschrieben…

20 oder 25 Kilometer nördlich der Grenze ist Schluss mit lustig: Die küstennahe Nebenstraße endet, d.h., sie mündet in die E67. Aber in Estland ist der Straßenverkehr auf dieser Straße ungefähr der gleiche wie in Lettland. So gesehen beginnt also kein Horrortrip für mich. Oder… – na ja, wie man’s nimmt. Kurz vor der Einmündung der Straße Nr. 6 von Südosten überholt mich ein dänischer Sattelschlepper mit großem Gepolter. Es ist ein periodisches Gepolter, und keineswegs sind Unebenheiten in der Straße die Ursache für diesen Lärm. Es ist vielmehr eine Art stillschweigendes Gelübde dieses Fahrers – und ganz sicher vieler seiner Kollegen –, die Ökobilanz seiner Fuhren unter Einsatz der vorhandenen Mittel nahe ans Optimum heranzuführen. Das funktioniert z.B. so, dass Verschleißteile nach ihrem Austausch geringe Entsorgungsaufwände verursachen, und das tun sie dann, wenn sie möglichst kaum mehr vorhanden sind. Wenn es um die Praxis dieses Prinzips geht, werden Reifen immer wieder gerne genommen. Im konservativen Europa mit rigiden Restalkoholgrenzwerten und penetranten Profilkontrollen ist ein Reifen zum Austausch fällig, wenn er als solcher und darin eingeprägte Profilrillen noch ganz klar als Vertiefungen erkennbar sind. Im östlichen Osteuropa denkt man da praktischer. Man unterscheidet dort zwischen demontablen und demontierfähigen Reifen. Seit Bastian Sick weiß ich, dass ich keinen leichtfertigen Gebrauch der Nachsilbe »bar« machen soll; also nenne ich Reifen, die ein technisch dazu ausgebildeter Mensch von der Felge demontieren kann, nicht »demontierbar«, sondern demontabel – auch wenn dieses Wort noch nicht Eingang in den Duden gefunden hat. Und weil Sick bei Wortgruppen wie »verstellfähigen Regalen« erst so richtig in Rage kommt, da er – zu Recht – einwendet, ein Regal sei eigentlich zu gar nichts fähig, außer vielleicht, das zu tragen, was man in seine Fächer stellt, vergebe ich das Attribut demontierfähig auch nur an solche Reifen, die sich selbst demontieren (können). Und den Übergang von demontabel zu demontierfähig hat mindestens ein Pneu dieses Dänen fast geschafft. Ein paar Kilometer später steht die Karre am Straßenrand, und der Fahrer sondiert die Lage.

Nun könnte man sagen: Glück gehabt, dieser Gummi konnte gerade noch davon abgehalten werden, dir um die Ohren zu fliegen, da zuckelt er wieder an mir vorbei – mit demselben Gepolter wie vorher. Konnte er nicht oder wollte er nicht? Wir werden es wohl nie erfahren. Wenig später liegen 20 bis 50 Zentimeter lange Reifenfetzen auf der Straße – der war also zuletzt demontierfähig – und Stahlcordfetzen der Karkasse ragen angriffslustig daraus hervor. In den USA haben mir solche Hinterlassenschaften auf dem Freeway mindestens eine Reifenpanne eingetragen. Und wieder etwas später steht ein estnischer LKW mitten auf der Straße, und der Fahrer montiert an den Rädern herum. Da war wohl etwas abhanden gekommen… Aber das geht ja noch. Als ich 1993 nach dem Verlassen des Yellowstone Nationalparks in Richtung Butte/Montana unterwegs war, kam mir mal ein Sattelschlepper entgegen, dessen an sich intakte Räder sich komplett vom Fahrzeug verabschiedeten, und zwar gleich in Serie. Wenn solche Zwillingsreifen mit 60 Sachen und im Rudel auf dich zugerollt kommen, dann wird dir ganz anders, kann ich dir versichern. Dagegen ist das hier ja eher harmlos. Ich erfinde den Begriff »russischer Reifenwechsel«, auch wenn ich den Russen damit vielleicht Unrecht tue, denn das hier sind ja keine Russen. Aber wer weiß, was ich in Mütterchen Russland noch so erleben werde…

Stretch Limousine

Vielleicht haben all die Fahrer auf Pärnu gehofft, den sicheren Hafen, um eine Werkstatt oder einen Autohof zu erreichen. Vielleicht auch nicht. Jedenfalls ist Pärnu (Pernau) mal kein Dorf auf meiner Route, es beschert mir einen Richtungswechsel wieder in Richtung Norden, und es ist mein letzter Kontakt mit der Rigaer Bucht. Jetzt geht es bis Tallinn erst mal wieder »über Land«. Pärnu macht den Eindruck, in den Jahren nach dem Krieg und vor allem nach der Wende rasant gewachsen zu sein. Kommt man in das historische Zentrum, wirkt es in seiner alten Kleinteiligkeit gleichsam überrascht und überrumpelt vom großzügigen Stil, in dem die Außenbezirke urbanisiert worden sind. Na ja, damals wurden die Wege ja auch langsamer zurückgelegt als heute. Und weniger luxuriös – heute dagegen lädt ein Stretchlimo mit besonderer Länge zu kurzzeitigem amerikanischem Luxusgefühl ein. Anscheinend braucht hier der eine oder andere das dann und wann.

Sonnenuntergang bei Pallika Sonnenuntergang bei Pallika

»Über Land« heißt hier nicht nur abseits des Meeres, sondern auch abseits größerer Siedlungen. Estlands Bevölkerungsdichte liegt ungefähr bei einem Achtel der von Deutschland; sogar Mecklenburg-Vorpommern ist noch mehr als doppelt so dicht besiedelt. Angesichts dessen und der flachen Strecke sind das Bedingungen zum »Kilometerfressen«. Als später die Dämmerung hereinbricht, mache ich mich in traditioneller Manier auf die Quartiersuche. Den ersten Versuch mache ich in der Nähe von Konuvere (Konofer). Da steht mitten in der Landschaft eine steinerne Brücke, die bereits von Scheinwerfern angestrahlt wird. Sie steht unter Denkmalschutz, und eine Bedeutung als Infrastruktur hat sie kaum mehr. Die Europastraße verläuft parallel zu ihr. Und zwischen beiden, genauer: am gemeinsamen der jeweils beiden Enden, da befindet sich ein Haus mit teils vernagelten Fenstern. Es ist gar nicht so einfach, dort hinein zu kommen, aber schließlich gelingt es mir, und es bietet sich mir das immer gleiche (gedehnt auszusprechen!) Bild: jede Menge Schutt und Scherben auf den Dielen. Wie geht das nur zu? Die Leute, die hier zuletzt gewohnt haben, die haben doch bestimmt nicht zum Auszug eine Fete veranstaltet und als einen der Gags Scheibenschmeißen oder »heute mal randalieren« angeboten. Das waren doch irgendwelche After-lifecycle-Gäste. Und wie es aussieht, fällt denen regelmäßig nichts anderes ein als genau diese beiden Disziplinen. Und unsereiner muss dann jedes Mal feststellen: wieder keine Jugendherberge!

Brücke bei Konuvere/Konofer Abendnebel bei Konuvere/Konofer

Weil mir dieses Etablissement, gemessen am noch verfügbaren Restlicht, doch zu grenzwertig erscheint, schwinge ich mich erneut in den Sattel und fahre weiter. Die Karte verrät mir allerdings: In Märjamaa (Merjama) muss es dann sein, denn danach kommt lange erst mal nichts mehr, genauer: eigentlich kommt bis Tallinn nichts mehr. Also biege ich mitten im Wald beim ersten Schild ab und gelange nach einem Kilometer in ein größeres Dorf. Ich fahre gerade durch, denn rechts und links reihen sich überschaubare und wohl abgegrenzte Grundstücke aneinander; da ist kein Unterkommen. Als ich an einer größeren Kreuzung ankomme, biege ich erneut nach links ab. Gleich fällt mir rechter Hand eine Art Bühne auf: ein leicht erhöhtes, hölzernes Podest, vielleicht 300 qm groß, überdacht und mit Stühlen und Tischen bestückt – so eine Art Biergarten, auch bei Regen geöffnet. Perfekt, könnte man denken, aber dort sind bereits Gäste: Ein paar Jugendliche lassen den Tag ausklingen. Der Schankschluss liegt schon länger als nur ein paar Minuten zurück; wenn die versorgt sind, dann haben sie sich selbst darum gekümmert. Die Runde sieht aus der Distanz harmlos aus. Das Einzige, was an ihr unangenehm ist, ist für mich ihr Aufenthaltsort. Allerdings können sie das nicht wissen, und wenn sie es wüssten, wäre es ihnen wahrscheinlich auch egal. Ich kann mich da jedenfalls nicht einfach hinpflanzen und sozusagen »für jeden einen Platz!« einfordern, und sei es nur in der Form, mich nicht um sie zu kümmern. Diesen Fehler habe ich vor zwei Jahren mal östlich von London gemacht; das wurde eine sehr unerfreuliche und unruhige Nacht. Also verschwende ich an diesen 1A-Platz weiter keinen Augenblick.

Allerdings bietet die Querstraße nichts, was eine auch nur annähernd annehmbare Alternative wäre, und so kehre ich nach einigen Minuten wieder zurück. Und tatsächlich: Die Halbstarken sind im Aufbruch; ich brauche mich nur ein wenig im Hintergrund zu halten und noch ein paar Minuten zu warten, und schon habe ich einen Lagerplatz, dem an der Perfektion nur das fehlt, was eigentlich immer fehlt: eine Dusche.

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