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15. Juli 15. Juli17. Juli 17. Juli

16. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen beginnt spät. Der Tag ist schon Stunden über Stunden alt, als ich mich aus den Federn erhebe. Aber das ist erstens üblich, zweitens deshalb kein Wunder, weil ich erst nach Mitternacht schlafen gegangen bin, und drittens noch mal kein Wunder, weil die Nächte hier kürzer als sieben Stunden sind, und wenn ich unter solchen Umständen nach Sonnenuntergang ins Bett gehe, dann muss der Sonnenaufgang nach dem Ende eines einigermaßen ausreichenden Schlummers schon passé sein. Dieses »Problem« wird sich noch »verschärfen«, je weiter ich nach Osten und/oder Norden vordringe.

Rasch suche ich mir meine Siebensachen zusammen, die Wäsche vom Vorabend, die trockenen Sachen zum Anziehen, all die herumliegenden Dinge in die Packtaschen, den Tacho, den Navi, die Schlüssel und das Geld in die Hosentaschen, und dann kann es auch schon losgehen. Der Transport des Gepäcks runter zum Fahrrad wird wieder in mehreren Etappen bewerkstelligt; ich muss ja nicht gleich verschwitzt in den Tag starten; das kommt sicherlich noch früh genug. Bevor ich mit dem letzten Rest das Zimmer verlasse, streift mein Blick noch einmal über alle Einrichtungsgegenstände und die seltsame Tapete. Nein, anscheinend habe ich nichts vergessen. Zur Kontrolle greife ich noch mal in die Tasche und ziehe den Garmin heraus. Was ist denn das?! Die Sichtscheibe ist verschmiert, und ich reibe sie am Hemd trocken. Das sieht aus wie eine festgeklebte kleine Fliege. Mit etwas Spucke versuche ich es noch mal. Keine Änderung. Ich halte das Glas schräg gegen das Licht und muss feststellen: Da ist nichts, was weggewischt werden könnte. Da ist nur Trauer über eine zerkratzte Fläche angesagt. So ein Mist! Da habe ich das Ding gerade mal zwei Wochen, und schon ist die Sicht beeinträchtigt. Wie konnte denn das passieren? Ich greife erneut in die Tasche und fördere mein Portemonnaie zu Tage. Dieses elende Teil! Der Druckknopf, der das »Heft« der Brieftasche verschließt, ist aus Eisen und seit ewigen Tagen etwas angerostet. Und dieser Rostbelag war wohl scharfkantig und hart genug, um den Schaden anzurichten. Nun ist es zu spät.

Dabei habe ich diese Geldbörse nie haben wollen. Ich weiß noch ganz genau, wann, wo und unter welchen Umständen ich daran geraten bin. Es war 1991 in Tunis, als ich mit Carsten, einem damaligen Kollegen aus München, nach einer gut dreiwöchigen Reise durch Italien und einer Überfahrt mit der Fähre von Trapani nach Tunesien noch ein paar Tage in Afrika verbrachte. Es war das einzige Mal, dass ich in Afrika war, und ich habe seither keine Sehnsucht mehr nach diesem Kontinent verspürt. Man kann nicht sagen, dass in dieser kurzen Zeit damals alles schief gegangen wäre, aber es hat mir doch gereicht. Eine der unangenehmen Episoden war der Kauf dieses Portemonnaies. Es war nämlich so, dass wir natürlich ein paar Dinar in der Tasche hatten, und nun stand etwas an, dem ich heute etwas undifferenziert mit Verachtung gegenüber stehe: shoppen, also mit Geld in der Tasche, wahlweise auch diversen Plastikkärtchen oder in Begleitung eines solventen und spendablen Menschen losziehen und einkaufen, ohne zu wissen, was es sein soll, also ohne nach echtem Bedarf zu fragen. Erich Fromm würde sagen: dem Haben zu frönen anstatt zu sein.

Wir landeten nach einiger Zeit bei einem Händler, der mit Lederwaren verschiedenster Art eine Bude unter freiem Himmel aufgeschlagen hatte. Ich hatte zu dieser Zeit eine bereits ziemlich angegriffene Geldbörse und die Erfahrung, dass die vorige auch nicht sonderlich lange gehalten hatte. Da dachte ich mir: Globalisierte Welt, kauf billig ein. Das Teil, das meinen Wünschen am nächsten kam, sah zwar nicht sonderlich akkurat gefertigt aus, aber mir reichte die Vermutung, dass es eine Weile halten würde. Ich dachte nach, was es in Deutschland kosten würde und bot umgerechnet zwölf Mark. Das war der Fehler schlechthin. Der Händler, Araber, wie er war, fing natürlich an zu feilschen und verfügte flugs über ein paar Englischkenntnisse. Anschaulich schilderte er mir die Not und das Elend, in die dieser Preis ihn stürzen würde, und forderte mich ultimativ auf, einen höheren Preis zu nennen: »Tell me something more than …« Natürlich wurden die Verhandlungen in Dinar geführt und nicht in Deutschmark. Nach der dritten Welle dieses Lamentos hatte ich keine Lust mehr und wollte auf das Geschäft verzichten. Was sind denn das für Sitten, dass man nicht einfach sagt: So und so viel kostet der Kram. Zahl’s oder lass es! Aber nicht in Tunesien! Da wird der Verkauf zum Spektakel. So geistesgegenwärtig war ich immerhin, dass ich mich nicht von meiner abnehmenden Lust am Kauf durch sein Gejammere gewissermaßen »durchtunneln« ließ zu einem noch höheren Preis. Als er dann wohl doch die Gefahr zu real werden sah, dass er auf seinem Ziegenleder sitzen bleiben würde, reichte er es mir herüber mit einer beredten Anklage, dass ich der Schuldige am Niedergang seiner Familie sei und dass er gar nicht begreifen könne, wie ein reicher Deutscher so niederträchtig sein könne. Und so weiter. Wahrscheinlich hat er erst mal ein Fest gefeiert, nachdem ich um die nächste Ecke gebogen war. Diese blöden Touristen!

Ich kam nach Hause, kaufte mir irgendwo ein anderes, etwas geräumigeres Portemonnaie, das besser war und nur wenig teurer, und seither lag die Erwerbung aus Afrika herum, mehr als anderthalb Jahrzehnte lang. Vor Beginn meiner diesjährigen Reise kam mir nun der Gedanke, diesen Schrott zu reaktivieren und zu einem Bestandteil der Klau-mich-ruhig-Ausstattung zu machen. Es kamen hinein: eine abgelaufene Kreditkarte, eine Krankenversicherungskarte von 2001 (zwischenzeitlich habe ich mehrfach die Kasse gewechselt), aller möglicher Kram und schließlich ein wenig echtes Geld. Es sollte ja benutzt werden, während meine bewährte Ausstattung mit den richtig fetten Kröten in den Tiefen der Lenkertasche versenkt wurde. Und das habe ich nun davon: ein zerkratztes Display, später Fluch eines unangenehmen Einkaufs.

Nachdem ich aufgezäumt und angespannt habe, kann’s losgehen. Wo entlang? Ich probiere einen anderen Weg zurück zu der Brücke, an der ich das erste Hotel betreten hatte. Aufsehen erregendes gibt es auf diesem Weg nicht zu sehen; der Navi punktet lediglich eine neue Route über bis dahin jungfräuliches Terrain. Kurz vor der Brücke mündet der neue Weg in den alten von gestern Abend. Dank der kleinen Stadtkarte, die ich von der Dame an der Hotelrezeption erhalten hatte, kann dabei ja nichts schief gehen.

Jetzt stehen zwei Aufgaben gehobener Wichtigkeit an: die Bunker füllen und die richtige Ausfahrt aus dieser Stadt finden. Die Standardroute führt in die Hauptstadt, nach Rīga (Riga). Dort will ich heute zwar durchaus noch hin, aber nicht auf dem direkten Weg. Weiter westlich soll da noch ein Nationalpark sein. Klar, es wird da keine Schluchten à la Gorge du Verdon geben, und ich rechne nicht mit aufregenden Vogelpopulationen wie in der Camargue, aber so ein kleiner Abstecher wird die Erreichung meiner Primärziele nicht nennenswert verzögern und schon gar nicht gefährden. Außerdem soll die Südküste des Rigaer Meerbusens, namentlich Jūrmala (Rigastrand), ganz sehenswert sein. Mal schauen, was es damit auf sich hat.

Die Hauptstraße, an deren weiterem Verlauf ich mir eine Kaufhalle erhoffe, ist die nach Riga. Ich fahre also erst mal in die verkehrte Richtung, hoffe aber auf einen »Schleichweg« oder anderen Formen von Traversen rüber zur Straße nach Jūrmala. Bereits 200 oder 300 Meter nach dem Abzweig erhebt sich linker Hand ein Bauwerk, das vielleicht noch nicht als Konsumtempel durchgeht, aber die Dimension gewöhnlicher Discounter-Märkte bereits hinter sich gelassen hat, so etwa nach Art der französischen Carrefour-Märkte. Dies dürfte die zentrale Einkaufsgelegenheit für ein Einzugsgebiet von schätzungsweise 30 oder 40 km Radius sein – außer vielleicht in Richtung Riga, denn dort gibt es sicherlich vergleichbare oder größere Einrichtungen.

Umständlich sichere ich mein Fahrzeug und trete ein. Ich habe mir einen Einkaufswagen genommen, obwohl es sonst bewährte Praxis ist, dies genau nicht zu tun, denn so ein Vehikel, das bereits das Fassungsvermögen diverser Kleinwagen sprengt, ist keine wirksame Begrenzung meiner Einkäufe auf die Mengen, die ich verstaut bekomme. Das, was ich da kunstvoll balanciert auf Armen und Händen verteilt bekomme, ist da schon weit realistischer. Aber es ist halt unbequem. Also der Wagen.

Was noch immer fehlt, ist eine adäquate Währung. Man wird hier wohl kein litauisches Geld mögen. Und in der Tat: Man mag nicht. Man mag nicht nur nicht – was ich lediglich vermute – an den Kassen des Supermarktes, sondern auch nicht – womit ich nicht gerechnet habe – in der unter einem gemeinsamen Dach ungebrachten Bank. Man mag meine Münzen nicht – was ich noch verschmerzen könnte –, aber auch nicht zwei lapprige Zehnerscheine. Das ist ein Geschenk von insgesamt ca. zehn Euro für die litauische Notenbank. Oder nicht? Wenn ich Bargeld vernichte, vergrabe oder anderweitig dauerhaft aus dem Verkehr ziehe – was passiert dann? Angenommen, die Nachfrage nach Bargeld sinkt nicht, dann müsste sich die Summe aller Geschäftsbanken bei der litauischen Notenbank zusätzlich 30 Litas leihen. Die Notenbank erhält dafür Zinsen, wie auch für jenes Geld, das sie früher ausgereicht hat und das – dank meiner Achtlosigkeit – womöglich gar nicht mehr existiert. Und das alles nur, weil diese blöde Bank hier mein Geld nicht annimmt. Ich frage mich, worin das Problem besteht; die baltischen Länder sind Mitglieder der EU, sie stehen also, auch wenn sie noch nicht den Euro als umlaufendes Bargeld eingeführt haben, geldpolitisch in engem Austausch. Da sollte es doch möglich sein, so ein paar alte Lappen bei der nächsten Fahrt ins Nachbarland mit abzugeben. Es wird hier doch auch die noch besser beschaffenen Scheine niemand haben wollen, oder warum sollte sich mitten in Lettland jemand litauische Litas kaufen? Also muss der Geldtransport nach Litauen ohnehin stattfinden. Na ja. Ist eben nicht zu ändern. Trotzdem bin ich sauer, weil ich gehofft hatte, keinen zusätzlichen Umtausch Euro nach Litas durchführen zu müssen. Also ziehe ich einen Blauen aus der Tasche. Ich erhalte 15 Latu in Scheinen und ein paar Münzen, die teilweise den Euro-und Cent-Münzen verblüffend ähnlich sind, nur dass sie teurer sind als diese.

Der Einkauf gerät erwartungsgemäß opulent. Ich verliere den Überblick über die zu erwartende Rechnung. Ich könnte behaupten, dass ich ihn nicht verloren, sondern lediglich vergessen hätte, dass ein Lats noch im Einkaufswagen steckt, wo er zum Begleichen der Summe natürlich nicht zur Verfügung steht. Jedenfalls muss zum Schluss ein Twix wieder zurück gehen, damit meine frisch erworbene Liquidität ausreicht. Blöd, wenn man sich für ein solches Missgeschick nicht in der Landessprache entschuldigen kann. Aber vielleicht erleben die das hier ja öfter, dass die Käufer ihre Mittel aus den Augen verlieren, wenn sie mit einem solchen Angebot konfrontiert werden. Allerdings könnten sie sich in den letzten Jahren mittlerweile daran gewöhnt haben.

Ja, und da stehe ich nun: Mehr »Gepäck« im Einkaufswagen als auf dem Fahrrad. Was soll das denn werden? Soll ich die Karre jetzt vielleicht hinter mir herziehen? Also verweile ich noch ein wenig an diesem lauschigen Ort und tue, was außerhalb meiner Reisen hart bestraft wird: Essen ohne Hunger, richtig viel essen ohne Hunger. So verschwinden ein paar gebratene Hähnchenkeulen, einige Süßigkeiten (die zu verstauen eigentlich unproblematisch wäre) und anderes. Den großen Rest bekomme ich schließlich tatsächlich irgendwie unter. Offensichtlich habe ich erhebliche Reserven in meinem Gepäck.

Mit meinem »Restreichtum« von einem Lats und einem erheblich schwereren Fahrrad mache ich mich auf die weitere Fahrt. Ich fahre nicht zurück zum Abzweig, weil ich die Hoffnung habe, an der nächsten Kreuzung links abbiegen und so auf die Straße nach Jūrmala gelangen zu können. Aber die nächste Kreuzung, von der nicht nur eine Werkszufahrt oder offenkundige Stichstraße abgeht, lässt noch einen vollen Kilometer auf sich warten. Dann jedoch ist es nur noch eine Frage weniger Minuten, bis ich wieder auf meiner geplanten Route bin.

Diese geplante Route verläuft allerdings erneut, wie gestern schon nach dem Überqueren der Staatsgrenze, auf schauderhaft geflicktem Asphalt, diesmal allerdings nicht so langweilig geradeaus; die Straße ändert hier immer mal ihre Richtung. Bei der Reiseplanung wurde für diese Strecke ein Nationalpark ausgewiesen, und zumindest ausgedehnte Waldgebiete beiderseits entlang der Straße ist schon mal Fakt. Zwar erwarte ich weder harte Anstiege noch atemberaubende Ausblicke, aber ein bisschen mehr als einfach nur Wald dürfte es schon sein. Als ich vor vier Jahren in Schweden von Stockholm bis Kiruna immer wieder durch ausgedehnte Waldgebiete fuhr, dachte ich schon mal darüber nach, wie sich wohl ein Grünkoller anfühlen würde. Aha! Die Fauna stellt sich vor; eine eilige Bachstelze trippelt über die Straße. Sensationell! Nationalparkwürdig! Oder doch nicht? Hm. Und während ich darüber nachdenke, warum die einen Vögel laufen, während die anderen hüpfen, zumal sie doch fliegenderweise allemal schneller und eleganter unterwegs wären, fällt mir ein Storch auf. Er ist nicht der erste. Schon in Polen habe ich viele Störche gesehen – große, unzerschnittene Flächen mit viel Gras- oder Brachland: viele Störche. Die Störche sind wie alle wilden Tiere, die mir auffallen, scheu. Allzu weit kann ich mich ihnen nicht nähern, Format füllend bekomme ich sie jedenfalls nicht vor die Linse. Das war schon auf der Schwedenfahrt so. Da dachte ich mir, ich könnte mal ein paar Rentiere fotografieren; die rennen ja hier überall herum. Aber das war es eben: Sie rannten. Die Autofahrer dagegen, eingehüllt in ein Vehikel, das bei den Tieren in kein Feindschema passt, konnten sie manchmal nicht einmal von der Straße verscheuchen, weil sie da so standen und offensichtlich dachten: Ich war zuerst hier.

Nicht so bei mir. Sobald sie meiner gewahr werden, nehmen die Störche Anlauf, und nach zwei, drei Schritten heben sie ab. Der Haken ist das Wörtchen »sobald«. Ein Storch nämlich ist offenbar so in die Futtersuche vertieft, dass er mich nicht bemerkt. Und so richtig viel Krach macht so ein Fahrrad ja nicht, wenn nicht irgendwas klappert. Da ich mir schon längst keine Illusionen mehr darüber mache, doch mal ein Portrait von so einem Vieh hinzukriegen, fahre ich ohne zu bremsen und denke mir: »Na, du wirst schon auch gleich die Kurve kriegen.« Allein, Adebar kriegt sie nicht. Er dreht sich erschrocken um, und wie er noch die Gefahr taxiert, stelzt er los, verheddert sich dabei aber in dem, wohin er nicht guckt, und stolpert oder stürzt höchst ungraziös. Selber schuld! Immer dieses Misstrauen in der Welt…

Nach knapp zwei Dritteln der Luftlinie zwischen Jelgava und der Küste trifft die Straße auf die A9. Die rudimentäre Karte auf meinem Navi sagt mir etwas anderes. Sie will mich mehr oder weniger durch die Sümpfe führen. So einen Fall von deutlicher Abweichung zwischen der Karte und der Realität hatte ich bisher noch nicht. Hat das Gerät etwa eine Drift, und alles liegt jetzt abseits meiner Fahrt? Oder haben am Ende die Amis wieder mal einen Krieg angefangen und führen den Rest der Welt mit unpräzisen GPS-Daten in die Irre? Ich verlasse die Straße jedenfalls nicht, und als die A9 dann tatsächlich kommt – wobei es sich übrigens nicht um eine Autobahn handelt, sondern um eine ähnliche Straße wie die, auf der ich Jelgava verlassen habe –, biege ich in Richtung Südwesten ab, was mich zugegebenermaßen ziemlich direkt von St. Petersburg entfernt, statt mich dorthin zu führen; aber das soll ja nur von kurzer Dauer sein.

Die nächsten zwei Kilometer führen mir vor Augen, dass ich vom Wind begünstigt bin, jedenfalls dann, wenn ich mein eigentliches Ziel ansteuere. Sie sind etwas mühsam, und besser wird es erst wieder, als der Abzweig nach Norden kommt, der mich wieder in die Wälder führen soll. Wölfe soll es in Lettland geben und Biber, und die setzen beträchtliche Landstriche unter Wasser, heißt es. An diesen »natürlich-künstlichen« Wasserflächen, so berichten Fernsehsendungen, soll sich vielfältiges Leben einstellen. Ich werde den Verdacht nicht los, dass es dieses Leben ist, was der Landschaft hier den Adelstitel »Ķemeru nacionālais parks« verschaffte, und dass man schon absteigen, geduldig warten, stille sein und ganz genau hinschauen muss, wenn man es erleben will, und dass das dann immer noch keine Garantie für Grzimeks Tierleben live ist. Sonst ist das eben nur ein großer Wald mit vielen Störchen. Und mit Bachstelzen natürlich.

Kemeru-Nationalpark Jurmala

Zwei kleine Seen im Tann, ein bisschen südschwedisches Flair – damit ist für mich dieser Teil der Strecke abgefrühstückt. Es ist nicht so der Brüller; gut, dass ich keine hochgesteckten Erwartungen hatte. Zehn Kilometer später treffe ich auf die A10, und jetzt geht’s fast in umgekehrter Richtung weiter, nämlich direkt nach Osten; man könnte sagen: geradewegs auf Riga zu. Die A10 ist zugleich Europastraße und erschließt mindestens das halbe Territorium westlich meines Standorts in Lettland. So ist denn da auch gleich etwas mehr los. Das ist aber nicht der Grund, warum ich gleich wieder nach Nordosten abbiege, sondern Jūrmala. Diese Stadt, die über lange Strecken anmutet wie ein Dorf, weil viele Häuser mehr oder weniger im lichten Wald stehen, ist in Vaters Reiseführer als sehenswert angeführt, und deshalb führt meine Strecke hier lang. So richtig interessant wird die Siedlung aber erst in Strandnähe. Dort bekommt man die ganze Vielfalt der Architektur vorgeführt, und wer sich bis hierher gefragt haben sollte, ob es in Lettland wohl auch Leute gibt, die es zu was gebracht haben, der fragt nicht mehr weiter. Da sind die Häuschen, die gut und gerne schon in vorsowjetischer Zeit errichtet worden sein können und bei deren Anblick – genauer: dem ihrer Fenster – man sich fragt, wie die Leute hier wohl durch den Winter kommen mögen, und dann gibt es das, was man andernorts palazzo prozzo nennt. Über die Harmonie dessen, was da zuweilen in den Sand gesetzt worden ist, mit dem Wald und dem, was da sonst noch so steht, mag ich nicht urteilen. Aber ordentlich Geld gekostet hat es sicherlich. – Kürzlich habe ich mal eine Sendung gesehen; da wurde berichtet, dass deutsche Handwerker Reihenhäuser in Lettland bauen! Die fliegen da hin, arbeiten zehn Tage, fliegen wieder zurück, und wenn sie das eine Weile gemacht haben, stehen da Immobilien in Leichtbauweise, die sich verkaufen lassen. Für den Arbeitgeber in Deutschland rechnet sich das, für den Auftraggeber in Lettland ebenfalls, und wenn die Handwerker irgendwo was Lukrativeres fänden, würden sie diesen Reiseaufwand wahrscheinlich nicht treiben. Sachen gibt’s!

Jurmala Jurmala

Auch wenn es noch gute zehn Kilometer entfernt ist – Jūrmala ist Vorort (und Speckgürtel) von Riga. Im Weiteren sind daher breite Straßen, viel Verkehr und wenig Sehenswertes zu erwarten. Am Ortsausgang, direkt an der Lielupe, von der ich mich seit Jelgava kaum mehr als zwei, drei Kilometer entfernt habe, und nahe ihrer Mündung erhebt sich ein Aquapark, ein Riesenerlebniszentrum mit endlos langen Rutschen von ganz oben. Die Brücke selbst macht schon nichts mehr her, obwohl der Fluss, der über seine gesamte Länge ein Gefälle von gerade mal knapp elf Metern aufweist und daher eher wie ein stehendes Gewässer wirkt, hier dementsprechend breit ist und nicht »mal eben« mit einer Statik aus dem Taschenrechner überquert werden kann. Die Fahrt führt an Rigas Flughafen vorbei, verlässt irgendwann die Hauptstraße und durchquert das westliche Riga, also den der Altstadt auf dem anderen Ufer der Düna gegenüber liegenden Teil der Kapitale.

Riga, Gebäude der Hansabank Riga, Brücke über die Düna

Dort allerdings prunkt Weltstadt: ein imposantes Hochhaus diesseits des Flusses – die Hansabank – und eine große Schrägseilbrücke hinüber auf die andere Seite. Irgendwann habe ich mal gelesen, dass in Manhattan deshalb so extrem in die Höhe gebaut wurde, weil die Grundstückspreise sich so rasant (nach oben) entwickelten. Das mag so sein. Irgendwann später habe ich jedoch mal gelesen, dass es durchaus eine optimale Höhe für Gebäude gebe, also nicht so hoch, wie es gerade geht, wie der Stand der Technik es hergibt – unter Berücksichtigung desjenigen Anteils der Grundfläche, der für die der Bauhöhe angemessene Infrastruktur innerhalb eines Hochhauses draufgeht, also Treppenhäuser, normale, Service- und Expressfahrstühle, Frisch- und Abwasserleitungen, Feuerlöschanlagen, Schutz gegen Stürme und Erdbeben und dergleichen mehr –, sondern eben weniger, denn auf das 50. Stockwerk noch eines drauf zu setzen, macht natürlich 50 Stockwerke jeweils etwas teurer, und wenngleich dafür scheinbar kein Cent extra an Grundstück gekauft zu werden braucht, so geht doch die moderne Stadtplanung davon aus, dass diese zusätzliche Etage zu jeder Jahreszeit zusätzliche Flächen um das Gebäude herum verschattet und dass darum der Mindestabstand eines Gebäudes zu den Nachbargrundstücken mit seiner Höhe wächst, was letztlich doch wieder höhere Grundstückskosten nach sich zieht. Vielleicht ist das in Manhattan nicht so, vielleicht können die Banker auch in Frankfurt bauen, wie sie wollen, vielleicht macht man da einfach das Licht an, wenn von draußen schattiger Beton oder die Glasfassade des Nachbar-Towers »hereinscheint«, aber ein vernünftiger Grundsatz im Wohnungsbau ist das allemal. Dennoch bleibt auch in Gewerbegebieten wie in einem Bankenviertel die Frage, ob die Höhe eines Geldturms das ökonomische Optimum darstellt, ob sie es wenigstens unter Berücksichtigung des Eindrucks ist, den so ein Bauwerk auf Konkurrenten und vor allem Kunden macht (»Wer so kapitalstark ist, bei dem ist mein Geld bestimmt sicher.«), oder ob bzw. in welchem Maße Bankmanager ihr Ego durch ihr ganz persönliches Babylon aufbessern und diesem Vorgang einen Teil des eigentlich für die Anteilseigner gedachten Ertrags opfern – welche man deshalb nicht unbedingt bedauern muss, denn sie sollten ja wissen, wie das läuft, insbesondere in dieser Branche, und dass diese Form von Geldverschwendung wohl nicht die ruinöseste für eine Bank ist.

Riga, Düna Riga

Die Hansabank also. Sie wird nicht beschattet, und es ist genügend Platz um sie herum. Wohnungsbauverträglich, könnte man vermuten. Ich drehe eine kleine Schleife, um Riga mal so ein bisschen im Überblick vor die Linse zu bekommen, dann überquere ich die imposante Brücke. Hier residiert Altstadt, Hauptstadt; hier dominiert Altbau, und es gibt auch einige Gebäude mit sehr dicken Mauern. Ich habe so etwas schon öfter gesehen, in Berlin zum Beispiel, Unter den Linden. Die Gebäude sehen teilweise aus, als seien sie Bestandteil einer Stadtmauer und müssten einem feindlichen Ansturm standhalten oder als sollten noch 20 Stockwerke oben drauf. Oder war dies eine altertümliche Form der Wärmedämmung? Klar, zwei Meter Granit entsprechen zehn Zentimeter Styropor – das die damals noch nicht hatten –, aber sollte das der wichtigste Grund sein?

Ich muss jetzt erst mal runter von der Hauptstraße, etwas essen und mich orientieren. Von Riga habe ich einen Stadtplan, und ich habe sogar, auf elterliche Empfehlung hin, ein paar Punkte markiert, die ich vielleicht mal in Augenschein nehmen sollte. Dazu suche ich einen kleinen Park auf und mache eine Pause. Klar, der Dom sollte Bestandteil meiner Sightseeing-Tour sein, auch einige Straßen im Jugendstil sollen sehr schön sein. Ich halte außerdem Ausschau nach Parks, so etwas wie einer grünen Lunge der Stadt, und nach stimmungsvollen Gassen und Höfen. Okay, die findet man auf dem Stadtplan nicht, aber da muss ich dann halt die Augen offen halten. Zuerst jedoch auf zum Dom! Es ist nicht mehr ganz früh am Tag. Da muss ich zusehen, dass ich überhaupt noch hinein komme.

Riga, Dom

Auf nicht ganz direktem Weg erreiche ihn den Backsteinbau schließlich. Überwältigend ist die Außenansicht nicht, aber es geht mir ja nicht um Rekorde und vor allem auch um die inneren Werte. Beim Näherkommen höre ich Musik; die Orgel spielt. Na, sich die Kirche nicht nur anzusehen, sondern auch ihre Orgel zu hören – so werthaltig hatte ich doch gar nicht gebucht. Aber umso besser. Meine Euphorie wird jedoch gedämpft, als ich am Eingang ankomme: Es läuft gerade ein Orgelkonzert, und selbstverständlich ist währenddessen kein Einlass. Eine Frau bewacht die Tür. Keine Chance für mich. Auslass ist dagegen anscheinend andauernd. Natürlich kann man niemanden daran hindern, während eines Konzerts die Kirche zu verlassen, aber dass von dieser Möglichkeit so viele Besucher Gebrauch machen, wundert mich dann doch. So schlecht spielt der Meister doch gar nicht. Und was er alles bietet: Bach, Franck, Messiaen – eine Reise durch die Musikgeschichte. Ich fühle mich an meinem ersten Orgelkonzertbesuch im Leipziger Gewandhaus mit Susan Landale Anfang der 80er Jahre erinnert. Eine Stunde Meisterhaftes auf der Königin der Instrumente, ihr entlockt von einer kleinen Person mit nichts als einem Bleistift auf dem Notenpult, der, als sie ihn dort hinlegte, ganz deutlich im ganzen Saal zu vernehmen war. Wahnsinn … – Nur die Namen der Komponisten sehen ziemlich seltsam aus. Sie haben alle ein zusätzliches ›s‹ am Ende. Was soll denn das? Wo sonst in der Welt werden Namen auf ähnliche Weise verfälscht? Bei der Nennung eines Komponisten ist doch keine Deklination erforderlich, die eine solche Veränderung vielleicht rechtfertigen würde. Na ja, erkennen kann ich immerhin noch, um wen es geht.

Eine junge Frau so um die 20 kommt des Wegs, und da ich nicht wie ein »normaler« Tourist aussehe, entspinnt sich ein Gespräch. Sie ist eine »Nanny«, wie sie sagt, ein Kindermädchen, und sie heißt Magdalena. Da sie auch selbst mit dem Fahrrad gekommen ist, spricht sie mich auf mein Fahrrad an und warnt mich vor Diebstählen; das sei hier ziemlich schlimm in Riga.

Magdalena spricht recht gut englisch, ist aber Russin und orthodox. Ob sie in Russland geboren wurde oder hier in Lettland, erfahre ich nicht, aber es ist wohl nicht so wahrscheinlich, dass Russen nach der Wende im Baltikum noch dorthin gezogen sind; richtig leicht haben es dort ja nicht einmal die eingesessenen Russen mit den nationalistischen Anfeindungen, Sprachwächtern, -prüfungen und sonstigen Blüten.

Riga, Dom

Da ich die Hoffnung noch nicht ganz aufgegeben habe, zum Ende des Konzerts doch mal in den Dom zu kommen, habe ich keine Eile. Im Gespräch kommt die Frage nach der Übernachtung auf. Magdalena erzählt mir, dass sie in einer WG mit einem weiteren Mädchen lebt. Hm, ein Dach über dem Kopf… Fragen will ich aber nicht, und von sich aus bietet sie mir auch kein Quartier an. Sie erwähnt einen Zeltplatz auf der anderen Seite des Flusses. Nein, zurück will ich nicht wieder, und ein Zeltplatz bietet mir kaum etwas, das ich nicht andernorts auch finden könnte. Ohne Zelt ist es auf einem Zeltplatz sogar ziemlich unprivat.

Riga, Domorgel

Das Konzert ist verklungen. Jetzt strömen die Menschen in hellen Scharen aus dem Dom. Wann, wenn nicht jetzt? Ich frage Magdalena, ob sie für ein paar Minuten auf mein Fahrrad aufpassen würde, und dann schiebe ich mich auf der der Torwächterin gegenüber liegenden Seite des Portals an den Massen vorbei in den Vorraum und rasch weiter ins Hauptschiff. Offenbar hat sie mich nicht bemerkt. Es geht doch nichts über eine dezente Kleidung. Also, zumindest die Farbe ist unauffällig. Ansonsten … Hm, lassen wir das mal offen.

Doch der Dom ist in einem wichtigen Punkt eine Enttäuschung und Überraschung zugleich: Die Orgel ist eingerüstet und leer geräumt, wie ich das zuletzt in Könnern mal gesehen habe, als Thilo dort jede einzelne Pfeife in Hylotox ertränkte. Worauf hat der Kerl eben gespielt??? Das kann doch nicht allein das Rückpositiv gewesen sein, das offensichtlich voll besetzt ist. Das Gerüst verhindert einen tieferen Einblick. Die Prospektpfeifen fehlen auf jeden Fall, und es mag sein, dass in der Tiefe des Gehäuses ein paar hölzerne Pfeifen nichts von dem ohnehin gedämpften Licht des Innenraumes reflektieren, also nicht erkennbar sind.

Riga, Kanzel im Dom

Ansonsten fällt mir eine Kanzel auf halber Länge des Hauptschiffes auf, die dort an einem der Pfeiler angebracht ist. Im Hintergrund ist zu lesen: »Ja, nach dem Gesetz und Zeugnis werden sie das nicht sagen. So werden sie die Morgenröte nicht haben, sondern werden im Land umher gehen…« So steht’s bei Jesaja und in einer lettischen Kirche, die sich über 50 Jahre lang auf dem Staatsgebiet des größten Landes befand, das von den Deutschen im 2. Weltkrieg angegriffen worden war. Allerhand!

Ich mache mich wieder hinaus, auch, weil ich Magdalena nicht so lange warten lassen will. Jetzt sollen noch die Jugendstilstraßen dran kommen. Was mich da wohl erwartet… Von der Nanny verabschiede ich mich. Wir tauschen noch Mailadressen aus, aber was soll sich da schon noch ergeben? Ich schwinge mich wieder auf mein Gefährt und fahre langsam und etwas unschlüssig durch die Straßen der Altstadt. Ich bin noch in Sichtweite des Doms, als ich schnelle Schritte hinter mir höre. Ich drehe mich um, und ein Mann kommt auf mich zu gelaufen, offensichtlich auch ein Tourist. Er kommt aus Kanada, erfahre ich. Ich verstehe nicht alles und bin mir nicht sicher, ob er aus Lettland stammt – oder zumindest seine Vorfahren – und hier »nur« mal seine Wurzeln oder seine Herkunft erspüren will, oder ob er sich eben einfach für den Osten interessiert. Hinter mir her war er wegen etwas ganz anderem: Er hat meine Gangschaltung erkannt. Aha, na ja, Rohloff fertigt ja inzwischen knapp im zehnten Jahr; da dürfte die Message so langsam auch über den Großen Teich geschwappt sein. Dann entdeckt er noch den SON (für Nicht-Insider: Schmidts Original Nabendynamo, meines Wissens der erste Anbieter von Nabendynamos in jüngerer Zeit und meiner Ansicht nach das Edelste am Markt), und nun muss er natürlich erst mal seine Emotionen und seine Expertise etwas rauslassen. Aber unser Gespräch berührt so nach und nach alle möglichen Themen, und irgendwann wird mir bewusst, dass ich so richtig viel von der Hauptstadt noch nicht gesehen habe, dass es jedoch immer später wird. Also verabschiede ich mich auch von ihm; er empfiehlt mir noch, unbedingt die Albertstraße aufzusuchen, und dann mache mich wieder auf den Weg.

Riga, Freiheitsdenkmal Riga, Detail des Freiheitsdenkmals

Dank Stadtplan finde ich mich ganz gut zurecht, verlasse den Altstadtkern, passiere dabei die Freiheitsstatue, ein nicht unbedingt besonders schönes Denkmal – aber es soll von großer nationaler Bedeutung sein –, und eine orthodoxe Kirche, und dann bin ich in der Kalpaka bulvāris. Wenn man sich etwas Mühe gibt, erkennt man den Boulevard in diesem Straßennamen, und das ist sie dann wohl oder zumindest eine davon: die Straße der Jugendstilhäuser. Ganz ehrlich: Hätte mich niemand darauf hingewiesen, dann fände ich wohl nichts daran. Hinzu kommt: Wenn ich jetzt wirklich mal ein Foto von einem dieser Häuser machen will, ist mir mindestens eine der Oberleitungen im Wege, die hier die O-Busse versorgen. Man kann ihnen nicht entrinnen!

Riga, Petrikirchturm Riga, orthodoxe Kirche

Ich denke mir: Such dir mal lieber die Alberta iela (Albertstraße), und sei nicht enttäuscht, wenn du auch dort etwas erblickst, was wohl einen Amerikaner in Ekstase zu versetzen vermag, der solche Anhäufungen alter Gebäude nicht kennt, dir aber keinen historischen Schauer über den Rücken jagt. Dort angekommen konstatiere ich: Die Leute, die das hier gebaut haben, lebten nicht auf kleinem Fuß, so viel ist mal klar. Jugendstil hat nicht einfach nur Dächer über dem Kopf und Fenster zum Rausgucken gebaut. Jugendstil investierte enormen Fleiß in die Gestaltung der Fassaden, die außer der Botschaft »Schaut her, wir können uns das leisten!« keine Funktion gehabt haben dürften. Natürlich ist das auch ein ästhetisches Erlebnis, aber man kann so eine Häuserfront auch leicht mal überladen, zumal: Wenn es jeder so macht, funktioniert die individuelle Hervorhebung nicht mehr so richtig. Und wie das bei einer Immobilie so zu sein pflegt: Ihr Preis mag wohl steigen, aber ihr Gebrauchswert nicht. Zudem will sie gepflegt und nach Jahrzehnten auch mal so richtig restauriert bzw. saniert werden. Heutzutage reden wir da über live cycle costs und meinen: Die Instandsetzung eines Hauses darf nicht so viel kosten wie ein neues. Aber solche Kategorien sind natürlich in einer Jugendstilstraße nicht anwendbar, also wirklich!

Riga, Alberta iela/Albertstraße Riga, Alberta iela/Albertstraße

Von all den Frauen und Männern, die meist nur mit einem Lendenschurz bekleidet sind und dabei mal den Bug eines Schiffes zieren, mal nur einen Kranz, dann wieder eine Brüstung tragen und im Gegensatz zu ihren Eigentümern lediglich in schwefelsäurehaltigem Regen altern, verabschiede ich mich wieder, fahre noch ein paar Hundert Meter die Kalpaka bulvāris entlang und kehre dann zurück in das Viertel um den Dom. Noch einmal suche ich eine Wechselstube auf in der Hoffnung, mein restliches litauisches Geld loszuwerden, aber beim Geld hört die gute Nachbarschaft anscheinend konsequent auf; auch hier weist man mir freundlich, jedoch bestimmt die Tür.

Riga, Strelnieku iela/GewehrschützenstraßeRiga, Strelnieku iela/Gewehrschützenstraße
Riga, Pilsetas-KanalRiga, Strelnieku iela/Gewehrschützenstraße, Fassadendetail

Nun denn, das soll mir ein Aufbruchsignal sein; zwar fahre ich zunächst weiter in Richtung Südosten, also fast in die entgegengesetzte Richtung, in die ich eigentlich will, aber ich möchte noch eine kleine Runde drehen, bevor ich der Stadt den Rücken zukehre. Ich komme am Bahnhof vorbei, an einem Gebäude im Zuckerbäckerstil, das mich sehr an die Moskauer Lomonossow-Universität erinnert – allerdings ist dies eine weniger hohe Version mit deutlich schmaleren Seitenflügeln, aber mit hoher Wahrscheinlichkeit ist dieser Kultur- und Wissenschaftspalast zu Sowjetzeiten errichtet worden –, und gelange schließlich wieder an die Düna, dort, wo die Eisenbahn sie überquert.

Riga, Kultur- und WissenschaftspalastRiga, Eisenbahnbrücke über die Düna

Von hier aus wäre es nun ein Leichtes, die Stadt in Richtung Tallinn zu verlassen: Ich würde einfach in Richtung Nordosten fahren, bis ich aus der Stadt heraus wäre, und Seen und Eisenbahnlinien würden die Strecke flankieren; da wäre wohl nicht so viel falsch zu machen. Allerdings möchte ich stattdessen über Nebenstraßen in Richtung Norden fahren; davon erhoffe ich mir mehr Einblicke in den Hinterhof Rigas. Und die kommen hier auch bald: Ob diese Gebäude hier und jene Seelenverkäufer dort der Hafen von Riga sind oder nur ein alter Teil davon, kann ich aus meiner Perspektive nicht beantworten, aber ganz sicher ist dies keine boomende Branche in einem prosperierenden Stadtteil. Zunächst bin ich mir gar nicht sicher, ob ich in die richtige Richtung unterwegs bin, aber nach einigem Hin und Her fahre ich weiter nach Osten, und bald kommt dann auch eine Einmündung in eine nach Norden verlaufende Straße, die mich von meinen Zweifeln erlöst. Dies ist keine Piste, auf die man Touristen führt. Hier wird von montags bis freitags gearbeitet, vielleicht auch am Samstag, und mir scheint, als verdiente man in dieser Gegend nicht deutlich besser als zu Sowjetzeiten – was möglicherweise unangenehmer ist, als es zunächst klingt, denn dort, wo das Leben nach den neuen Takten pulsiert, da kostet es wesentlich mehr als zu alten Zeiten. Ich kann mir aber auch ansehen, wo das neuzeitliche Proletariat lebt: Nach einigen Kilometern und wieder mal einer Überquerung mehrerer Gleise wird die Straße auf beiden Seiten von zwei-, dreistöckigen Häusern gesäumt, alten Holzhäusern, die ohne Lücke stehen. Man könnte meinen, es seien Reihenhäuser, aber das klänge in meinen Ohren zu modern für das, was ich hier sehe. Die Dämmerung ist mittlerweile weit fortgeschritten und die Beleuchtung zu schwach, um davon noch ein Foto zu machen, und außerdem möchte ich aus der Stadt herausgekommen sein und ein Quartier gefunden haben, bevor es vollkommen finster ist. So wird meine Schilderung wohl nicht den Eindruck wiedergeben können, den ich auf diesem Abschnitt meines Weges habe. Jedenfalls habe ich solch eine Siedlung noch nie gesehen.

Nachdem ich eine Brücke überquert habe, liegt die Stadt mit den letzten Ausläufern ihres Hafens nun wohl endgültig hinter mir. Was jetzt noch siedelt, baut Datschen oder etabliert das Suburbane, den Speckgürtel, wenn man so will. Nicht, dass hier überall der Reichtum aus jeder Ritze käme, aber Lärm, Industrie und Stadtatmosphäre sind woanders; hier residieren im Hof die Hühner oder im Garten der Pool – je nach den finanziellen Gegebenheiten. Da sind dann auch mal wieder Wälder und ein paar Wiesen. Aber die Zeit für seelische Entspannung ist jetzt (noch) nicht. Im Moment suche ich einen Platz zum Schlafen. An einer T-Kreuzung geht es links nach Norden, genau in meine Richtung, aber diese Straße führt durch den Wald, und da ist nichts zu erblicken, was mich meinem jetzigen Ziel näher bringen würde. Nach gut zwei Kilometern lichten sich die Bäume, so weit das überhaupt noch geht, und eine lockere Siedlung wird sichtbar. Hier unternehme ich mehrere Versuche, biege von der Hauptstraße ab, aber einmal lande ich an einem Gleis mit vielen parkenden Autos, Zelten im Wald und vielen Fußgängern – um sich hier einfach hinzulegen, ist also einfach zu viel los –, beim anderen Mal schlagen auf jedem Grundstück die Hunde an. Ich frage mich, warum die Leute sich hier Hunde halten, ob das wirklich deshalb geschieht, um Räuber und Einbrecher fern zu halten, oder aus lauter Tierliebe. So ein Tier kostet ja auch Geld; nicht, dass es immer Chappi sein müsste, aber mit normalen Essensresten wird man den normalerweise nichtvegetarischen Vierbeiner wohl kaum abspeisen können. Aber gut, wer nicht reich ist, muss ja auch nicht gleich arm sein. Diese Leute hier halten sich jedenfalls Hunde, und wenn diese hinter den Zäunen mich auch nicht weiter ängstigen, so habe ich doch die Sorge, sie könnten ihre Chefs irgendwann so nerven, dass sie nach draußen kommen, um nachzusehen, warum ihre Köter solchen Lärm machen, und um diese Uhrzeit möchte ich mir einfach keine Fragen anhören, schon gar keine unfreundlichen in einer Sprache, von der ich kein einziges Wort verstehe. Also trolle ich mich.

Das geht zweimal so, und dann ist dieses Dorf erst mal wieder zu Ende. Also weiter! Nun ist schon alles egal. Nach weiteren zwei Kilometern erstreckt sich links ein weiteres Dorf. Dieses ist mehr in rechteckigen Parzellen organisiert, offensichtlich jüngeren Datums, denn u.a. wurde ein Wall zwischen der Straße und den angrenzenden Häusern aufgeschüttet, sicherlich aus Lärmschutzgründen. Ich biege von der Hauptstraße ab und drehe eine durchaus repräsentative Runde durch die Gevierte. Interessant sind eigentlich nur Baustellen, weil die Grundstücke bis an die ohnehin nur schmale Zubringerstraße heran reichen, aber auch die Baustellen sind sorgfältig eingezäunt und abgesperrt; die werden schon wissen, warum.

Resigniert verlasse ich den Ort wieder und bin nun ein bisschen ratlos. Auf der gegenüber liegenden Seite der Hauptstraße stehen ein paar Bäume und Gebüsch, und dahinter ist wohl ein Bahnhof. Wenn sich denn gar nichts anderes findet, will ich da ruhig auch mal hinsehen. Immerhin, hier ist ein überdachtes und nach drei Seiten mit festen Wänden abgegrenztes Wartehäuschen. Es gibt auch einen Fahrkartenschalter, der jetzt natürlich geschlossen ist. Was es dagegen nicht gibt, ist ein Fahrplan. Ich wüsste ja doch gern, wann morgen hier mit dem ersten Zubringer zu rechnen ist. Das muss ich nun also an meine Intuition weiter delegieren, und die entscheidet, dass fünf Uhr Ortszeit zwar kein Ausschlafen garantiert, aber doch mal eine passable Hypothese darstellt. Ich lehne das Fahrrad an die dem Gleis gegenüber liegende Bank an, hole sicherheitshalber auch das Moskitonetz heraus – ein Mangel an Gewässern gibt’s hier ja nicht –, und dann geschieht nichts mehr, worüber noch ein Wort verloren werden müsste.

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