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15. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen offenbart zweierlei: Erstens liegt Telšiai (Telschen) an einem mittelgroßen See, und ich kann ihn von meinem Schlafplatz aus, der vielleicht zehn Meter oberhalb des Wasserspiegels liegt, ungefähr so gut einsehen wie vom Fenster eines zweitklassigen Hotels. Und zweitens liege ich auf meiner Rampe gleichsam wie auf einer Bühne: Jeder, der hier vorbeikommt, kann mich sehen. Ach ja, und drittens: Als ich all das bemerke, ist es ganz klar zu früh für mich. Die gelegentlichen Passanten müssen mir also egal sein, und der See ist nachher bestimmt immer noch da.

Mastis-See in Telsiai

So gegen halb acht werde ich wieder wach. Eine Frau um die 50 ist die Treppe hochgekommen, und sie findet keinen Gefallen daran, dass ich dort liege. Sie schließt die Tür auf, die von der Rampe in das angrenzende Gebäude führt, also in den Elektrogerätehandel, und wie es aussieht, will sie die Rampe frei haben. Ich kann zwar keinen unmittelbaren Bedarf dafür erkennen, aber ich habe kein Recht, Begründungen einzufordern, wenn ich mich auf fremdem Boden niederlasse. Wahrscheinlich wäre mir das auch schwerer begreiflich zu machen, denn das ist ja nicht mehr zwangsläufig mit Gestik und Mimik zu vermitteln. Was ich allerdings noch verstehe, denn die Frau wechselt anscheinend zwischen Russisch und Litauisch, ist ein Verweis auf ein benachbartes Hotel. Tatsächlich ist es lediglich 50 Meter entfernt, die Hauptstraße nur ein kleines Stück weiter und näher am See. Ja, aber, gute Frau, ich bin hier gestern bei Dunkelheit angekommen. Da hätte mich höchstwahrscheinlich niemand mehr in dieses Hotel eingelassen, und jetzt nützt mir dieser heiße Tipp sowieso nichts mehr. Mir ist es auch ganz recht. So schlecht war die Stelle hier gar nicht.

Um ihren Wünschen jedoch gerecht zu werden, verzichte ich auf ordnungsgemäßes Einpacken, sondern räume Fahrrad und Übernachtungskram in drei Tranchen auf den angrenzenden Parkplatz. Da wird sicherlich nicht sofort eine Autowelle anrollen und mich erneut vertreiben. Und es geht ja auch nur ums Zusammenpacken. Sie scheint damit zufrieden und macht nicht den Eindruck, als wolle sie mir nun noch irgendwas nachtragen.

Während ich meine Sachen ordne, taucht ein junger Kerl auf, Anfang oder Mitte 20 vielleicht. Kurz nachdem er den Laden betreten hat, kommt er wieder heraus und auf mich zu. Er erweist sich als einer ihrer Mitarbeiter, und er spricht ganz passabel Englisch. Ich habe den Eindruck, er will oder soll sondieren, wo auf der Skala zwischen Penner und Reisender ich einzuordnen bin. Na gut, soll er mal machen. Lange dauert unser Gespräch jedenfalls fürs Erste nicht, denn allem Anschein nach brummt das Geschäft, will heißen, es taucht Kundschaft auf.

Was mich betrifft, so bin ich noch lange nicht aufbruchbereit. Gestern ist mir irgendwo unterwegs aufgefallen, dass sich eine Hosennaht auflöst, und zwar nicht irgendeine, sondern die im Schritt. Hätte das nicht die andere Hose, die mit dem aufgerissenen Knie, treffen können? Weiteren Ersatz habe ich nicht, und irgendwo in Polen ist mir meine einzige Nähnadel ins Gras gefallen. Jetzt muss ich mich auch noch um solche Dinge kümmern! Zunächst steht jedoch wieder einmal die Verpflegung im Vordergrund. Ich setze mich auf die hohe Bordsteinkante und beginne mit dem Frühstück.

Während ich da so sitze, taucht ein Lieferant auf, d.h., es fährt ein Transporter vor. Aha, deshalb wollte Madame mich nicht auf der Rampe haben. Dass sie aber auch gerade heute Ware bekommt… Von wegen! So lange, wie ich dort noch zubringe, laden mindestens drei Zulieferer alles vom mp3-Player bis zum Kühlschrank ab, und die Frau und ihr junger Helfer kommen kaum hinterher, das ganze Zeug ins Geschäft zu expedieren und gleichzeitig die Kunden auf der Vorderseite zu bedienen. Da ich mir allem Anschein nach das Vertrauen des Angestellten erworben habe, helfe ich ein bisschen mit beim Ausladen und Reinbringen. Ich muss mir ja nicht gleich die Waschmaschinen aufladen.

So gewinnt man Herzen. Die Chefin wird erkennbar freundlicher. Als gerade mal weder vorne noch hinten Leute drängeln, lädt sie mich auf eine Tasse Kaffee ein. Das ist zwar nicht das Getränk meiner Wahl, aber ich will ja nicht unhöflich sein. Erst als sie den Kaffee mit Weinbrand veredeln will, signalisiere ich Zurückhaltung. Nein, das muss nicht sein; ich »muss« ja noch fahren – auch wenn die paar Tropfen bis zu meiner Abreise längst verschwitzt und verdunstet wären.

Aber wo sie sich so nett zeigt, könnte ich ihren Assistenten doch mal nach einer Nähnadel fragen. Dafür wäre doch kein allzu großes Vertrauen erforderlich. Gesagt, getan. Tatsächlich halte ich in den nächsten Minuten eine schwarze Nadel in der Hand und mache mich ans Werk. Aber ach! Meine Nähkunst stellt den Stahl anscheinend vor eine zu große Herausforderung, denn als ich den Faden mit der quer gehaltenen Nadel straff ziehe – damit sie mir beim Ziehen nicht aus den Fingern rutscht –, bricht sie an der Öse entzwei. Also, der Tag fängt ja gut an, und dabei ist er gar nicht mehr so jung. Es geht mittlerweile auf zehn!

Es ist mir nicht nur unangenehm, Leihgut zerstört zu haben, auch mein ursprüngliches Problem ist noch nicht zufrieden stellend gelöst. Ich konsultiere also wieder meinen jungen Helden, und der erklärt mir, wo ich wahrscheinlich Nadeln kaufen kann. Solch eine kleine Sache ist in einem Supermarkt mittlerer Dimension nicht so schnell gefunden, und so kommt es, dass ich über allerlei andere Dinge stolpere, vorzugsweise in der Lebensmittelabteilung, die mir ebenfalls einen Erwerb wert sind. Die Nadeln finde ich dann aber auch, klar – adatų rinkinys – das hätte doch jeder gewusst. Hergestellt übrigens in Stolberg, und die Ösen – es geht nicht unter 20 Stück in verschiedenen Größen – glänzen messingfarben, machen also einen gehärteten Eindruck. Wollen doch mal sehen, ob wenigstens eines dieser Teile made in Germany mein Verfahren überlebt und dann sozusagen praxisbewährt als Ersatz zurückgegeben werden kann. Für mein verletztes rechtes Auge liegt sogar noch eine Einfädelhilfe dabei. Da kann ja nichts mehr schief gehen.

Tatsächlich gelingt mir nach meiner Rückkehr der Abschluss meiner »Wartungsarbeiten«; was jedoch nicht klappt, ist die Tilgung meiner Schulden. Nicht mal eine einzige Nadel möchte die Frau zurück haben, und sie macht darum richtig Aufhebens. Ihr Dolmetscher stellt die Sache so dar, dass ich den Eindruck habe, Nadeln verschenken bringe in Litauen Unglück. Oh je. Aber das ist mir egal; ich werde denen nichts aufdrängeln, und dieses Detail macht mein Marschgepäck nun wirklich nicht beträchtlich schwerer; wer weiß, wofür 20 Nähnadeln auf einmal noch gut sein werden…

Die Sonne steht inzwischen hoch über dem Mastis-See. Es geht auf 11 Uhr. Schon wieder dockt ein Lieferant an. Jetzt habe ich, glaube ich, alles beisammen. Damit ich unterwegs keine Not leiden muss, schenkt mir die Geschäftsfrau zum Schluss sogar noch ein halbvolles Honigglas, und man kann das sehen, wie man will, aber ich habe definitiv schon weniger nützliche Geschenke bekommen.

Es ist bereits nach elf, als ich mich in Bewegung setze. Der richtige Aufbruch ist dies allerdings noch immer nicht; das wird mir klar, als ich den Ort verlassen und auf die Hauptstraße zurückkehren will. Aus der Straße wird eine Nebenstraße, aus dieser ein Weg, dieser überquert irgendwo wieder die Gleise, diesmal ohne Schranke, und dann verläuft er sich im Nirgendwo. Über dieses Nirgendwo spannt sich eine neue Brücke, und dort oben läuft Verkehr. Das ist zwar nicht »meine« Straße, aber hundertprozentig mündet sie in diese. Das Problem ist nur: Wie komme ich von unter der Brücke auf dieselbe? Wie sich das für moderne Straßen gehört, ist auch diese mit einer schier endlosen Leitplanke ausgestattet, und ich müsste schon Fahrrad und Gepäck in mehreren Anläufen da hoch schleppen und dann wieder zusammenpacken. Diese Variante erscheint mir wenig attraktiv. Lieber gestehe ich mir meinen Irrweg ein und kehre zurück. Der Garmin protokolliert penibel mein Hin und Zurück, und so stelle ich schließlich auch fest, dass ich wohl besser in die umgekehrte Richtung aufgebrochen wäre; jedenfalls führt der direkte Weg zur E272 kurz vor dem von mir besuchten Supermarkt in Richtung Norden. Diesmal überquert eine Brücke die Bahngleise, und kurz darauf kann es dann wirklich losgehen.

Das ist dann allerdings wörtlich zu nehmen. Hier geht richtig die Post ab. Ein straffer Rückenwind lässt mich mit über 30 km/h in Richtung Osten segeln, und so geht das ungefähr über eine Strecke von 60 Kilometern. Viel zu sehen gibt es unterwegs nicht, und auch die Stadt Šiauliai (Schaulen) umfahre ich auf einer großzügig angelegten Umgehungsstraße, denn von nun an geht es überwiegend in Richtung Norden.

Die E77, auf der ich mich nun bewege, ist neu ausgebaut. Man hat sogar an Fahrradwege gedacht. Das begeistert mich normalerweise nicht so, weil Radwege häufig keine Straßenbauglücksgriffe sind – durch häufige Unterbrechungen, Seitenwechsel, Unterordnung unter kreuzende Nebenstraßen und nicht zuletzt ihre Qualität. Hier ist gegen all dies wenig zu sagen, und die Seitenwechsel sind selten genug, um nicht störend zu wirken. Was mir jedoch im Hinterkopf herumschwirrt, ist das openstreetmap-Projekt. Als ich mir den Garmin kaufte, dachte ich so, ich könnte ja vielleicht nachfolgenden Radfahrern einen Dienst erweisen, um ihnen kartografisch Strecken zu erschließen, für die sie bisher noch Karten kaufen müssen – und was ich bisher von den gängigen (nicht einheimischen) Kartenverlagen in die Finger bekommen habe, stimmt allenfalls auf Haupt- und anderen wichtigen Straßen. Je unbedeutender die Straßen oder gar Wege sind, desto phantasievoller werden die Maler in den Kartenstuben und desto historischer ist das, was von den Ergebnissen dieser Kunstmomente an die Käufer hinübergereicht wird. Ich weiß noch: Als ich 2002 durch Südostpolen fuhr, war da so eine Strecke. Ich hatte eine Landkarte von einem der gängigen Verlage – ich glaube, es war der RV-Verlag – und ein deutlich älteres Buch aus dem Kettler-Verlag: »Polen per Fahrrad. Band 2: Süden« von 1993. Das war also zu diesem Zeitpunkt bereits neun Jahre alt. Und die Missstände in der Landkarte waren noch immer dieselben, obwohl der Autor den Verlag angeschrieben hatte und die Karte seither neu aufgelegt worden war.

Da wäre es doch ein guter Dienst an den Reisenden der Neuzeit, dass sie, sobald sie diejenigen Pfade verlassen, die Google und den gängigen Navigationscomputern bekannt sind, immer noch möglichst viele Orientierungshilfen zur Verfügung haben. Diese Orientierung will das openstreetmap-Projekt geben. Das gelingt jedoch nur je nach Engagement derjenigen, die an der Erstellung der Karten mitwirken. Außerdem ist der Zugriff auf das bereits erstellte Material häufig beklagenswert zäh. – Jedenfalls habe ich mir so gedacht: Wenn ich meine GPS-Aufzeichnungen in das Projekt einfließen ließe, könnte ich hier und da sicherlich noch eine Lücke schließen. Das hat aber natürlich nur begrenzten Wert, wenn ich nicht auf der Straße fahre, deren Verlauf ich einzeichnen will, sondern zehn oder 15 Meter daneben auf einem Fahrradweg. Das mag jetzt für Leser gedruckter Karten irrelevant klingen, weil solche Abweichungen im Maßstab 1:100000 oder gröber gar nicht auffallen. Wer sich die Daten jedoch in seinen Navi lädt und dann im Maßstab 1:10000 benutzt, dem fallen solche Versatzstücke schon auf. Und nun überlege ich, wie ich diesen Seitenwechsel in der Aufzeichnung für die spätere Verarbeitung kenntlich machen kann, ohne mir Kilometerstände, Orte oder dergleichen notieren zu müssen. Ich fahre ein paar Schlängellinien, aber nach wenigen Sekunden wird mir klar, dass das keinen Sinn hat: An anderen Stellen werde ich die gleichen Figuren möglicherweise wegen Schlaglöchern machen, und hinterher sitze ich dann am Computer und grüble darüber, was zum Henker dort nun an den Daten zu korrigieren sein soll. Und generell dürfte bei der Aufzeichnungsdichte und der Ortsauflösung solch ein Zickzack gar nicht zu erkennen sein. Dessen »Amplitude« beträgt ja kaum einen Meter.

Berg der Kreuze Berg der Kreuze

Berg der Kreuze

Zwei, drei Kilometer später hat sich dieses Problem erst mal wieder erledigt. Ich biege rechts ab, weil mein Reiseführer hier den Kreuzberg ausweist, ein Muss für Touristen, wie es scheint. Na ja, wenn’s schon so nahe an meiner Strecke liegt… Dieser Kreuzberg ist fast eine Institution wie Lourdes oder Santiago de Compostella. Die Litauer haben das nur noch nicht so richtig marktwirtschaftlich erschlossen, und natürlich macht ein kleiner Hügel mit Abertausenden von Holzkreuzen auch nicht so viel her wie eine spanische Kathedrale oder eine Höhle in den Pyrenäen. Die langen Tischreihen mit allerlei Devotionalien und Memorabilien und natürlich mit noch einmal zahllosen Kreuzen in allen Größen und Materialien, nicht zu vergessen lauter Tinnef, der nicht einmal äußerlich mit dem Kreuzberg was zu tun hat, sind aber schon da und auch personell besetzt, denn gerade schwärmen die Insassen eines deutschen Reisebusses über dem Gelände aus. Wenngleich ich eine ganze Reihe von Fotos mache, so kann ich doch mit all dem hier wenig anfangen. Das erste Kreuz mag ja wirklich mal aus religiösen Motiven heraus errichtet worden sein. Aber den Tausenden nun noch mein persönliches hinzuzufügen – das überzeugt mich nicht. Das ist höchstens noch ein Geck wie Münzen in der Fontana di Trevi oder der Fontana della Barcaccia in Rom. Also setze ich mich bald wieder in Bewegung.

Berg der Kreuze Berg der Kreuze
Berg der Kreuze Berg der Kreuze
Devotionalienmarkt am Berg der Kreuze Devotionalien am Berg der Kreuze

Ich fahre nicht wieder zurück auf die Hauptstraße, sondern weiter entlang der Nebenstraße, die ich einmal eingeschlagen habe, um den Kreuzberg zu erreichen. Es zeigt sich, dass die Straße vorrangig dem touristischen Ziel dient, denn bald darauf wird der Belag schlechter, und es dauert nicht lange, da fahre ich nur noch auf einem halbwegs befestigten Weg. Das geht aber ganz passabel, und die E77 bleibt fast ständig in Sichtweite, also so ca. einen Kilometer entfernt. In Meškuičiai wende ich mich wieder der Hauptstraße zu, und wenig später geht es erneut zügig nach Norden.

Seerosen Seerosen

Nächstes Ziel ist Joniškis (Jonischken). Die Straße bis dorthin ist schnurgerade. Schon aus zehn Kilometern Entfernung sehe ich den Kirchturm, auf den die Straße direkt zu hält. Ich möchte die Entfernung bzw. ihre Verringerung im Laufe der Fahrt mal ohne Landkarte und Navi abschätzen und halte den Daumen quer, um damit den Kirchturm zu verdecken. Es würde wohl klappen, wenn ich anhielte, aber während der Fahrt kann ich den Arm nicht so ruhig halten. Und interessant wird die Größenänderung ohnehin erst, als ich schon in die Stadt hineingefahren bin und die Kirche immer wieder durch andere Dinge verdeckt wird.

Kirche in Joniskis/Jonischken Kirche in Joniskis/Jonischken

An genau dieser Kirche mache ich dann auch halt, um sie mir mal anzusehen. Das Einzige, was mir darin auffällt, ist die große litauische Fahne, die von der Wand herabhängt. Außerdem beginnen die Fenster erst ziemlich weit oben, was das Licht verhältnismäßig gedämpft erscheinen lässt. Sie ist aber gut in Schuss, was ja nicht selbstverständlich ist, wenn ich jetzt etwa an die Kaliningrad-Oblast zurückdenke.

Nach diesem Besuch geht es weiter in Richtung Landesgrenze. Ich bin vorgestern nach Litauen gekommen. Es sollten nicht mehr als zwei Tage in jedem der baltischen Länder verstreichen, wenn ich so halbwegs wie geplant nach Russland kommen will. Also auf!

Der Rest der Strecke ist langweilig. Die Grenzanlagen stehen noch vollständig, wie es aussieht. Ich nehme ja an, dass sie zu Zeiten der Sowjetunion nicht existierten, höchstens als so eine Art Milizposten – aber wer weiß, welche Kontrollen die Russen hier für sinnvoll hielten? Jetzt ist dieser Ort eine Grenze zwischen zwei benachbarten EU-Staaten; da hält sich dort keine Menschenseele mehr auf.

Lettland – hier war ich noch nicht. Litauen war immerhin schon 2002 für knapp zwei Tage und zwei Nächte Abschnitt meiner Reise; damals besuchte ich Vilnius. Aber in Lettland war ich noch nie – ein neues virtuelles Fähnchen auf meiner virtuellen Reiseweltkarte. Geplant ist, dass es nicht das letzte bleibt.

E77 südlich von Jelgava

Die Letten scheinen darüber anders zu denken, jedenfalls lassen sie mich nicht so schnell vorankommen wie die Litauer. Wenn man bedenkt, was für eine wichtige Straße das hier ist, fließt nur wenig Verkehr, und zumindest Radfahrern kann ich es nicht verdenken, wenn sie sie meiden: Der Asphalt ist lausig. Hier müsste man wirklich mal was tun. Aber selbst wenn sie tiptop in Ordnung wäre, zöge sich die Strecke nach Jelgava (Mitau) endlos lange hin; die Landschaft bietet keine Abwechslung, und Menschen bekomme ich auch kaum zu sehen, abgesehen jedenfalls von der überschaubaren Menge jener, die an irgendeinem Steuer sitzen.

Laut Reiseführer soll hier irgendwo östlich das Schloss Rundale (Rundāles pils) liegen, das »Versailles des Baltikums«, wie man hier und da liest. Aber es liegt ca. 15 km von meiner Route entfernt, und irgendwie habe ich jetzt überhaupt keinen Nerv für Schlösser, vor allem nicht für deren innere Pracht. Außerdem ist es um diese Zeit nicht geöffnet. Also, vielleicht ein anderes Mal.

Als ich schließlich in Jelgava ankomme, ist die Sonne inzwischen untergegangen. Die Straße nach Riga biegt bereits kurz nach dem Ortseingang rechts ab. Ich will heute aber nicht weiter. Ich suche einen Schlafplatz. Es darf in dieser Nacht sogar ein Hotel sein, wenn ich schon mal in einer größeren Stadt bin. (Es ist mir dabei gar nicht so sehr um ein weiches Bett zu tun oder um Schutz vor irgendwelchen tatsächlich gar nicht heraufziehenden Unwettern. Aber mein Vorrat an Radlerunterhosen ist praktisch erschöpft; ich muss also mal Wäsche waschen, und das geht an einem Waschbecken oder in einer Duschkabine entschieden besser als an jedem wilden Schlafplatz, der sich ja vorzugsweise nicht inmitten einer Wasserader befindet.) Aber erst mal muss ich eines finden. Es ist ja nicht selbstverständlich, dass hier schon jede Herberge als solche für Ausländer kenntlich gemacht ist.

Die Grenze zwischen der Vorstadt und den dichter besiedelten innerstädtischen Bezirken wird durch ein paar Eisenbahngleise markiert, die sich rechts für einen Rangierbahnhof in ein ganzes Büschel von Schienensträngen auffächern, von denen erneut viele, wie schon in Litauen, mit Kesselwagen belegt sind, Energie-»Träger« für eine ambitionierte Wirtschaft. Die Straße überquert dieses sich entfaltende Stahlgewirr mit einer Brücke.

Ich drehe eine »Ehrenrunde« auf dem anschließenden Kreisverkehr, weil ich mir nicht schlüssig bin, in welcher Richtung ich weiter fahren sollte. Schließlich entscheide ich mich für den Abzweig nach rechts, der bald darauf eine Linkskurve macht, sodass ich letztlich wieder in dieselbe Richtung fahre wie seit der Grenze. Nach einer Weile komme ich an einer recht eindrucksvollen orthodoxen Kirche vorbei. Orthodox? Ja, so sieht sie aus. Aber die Kreuze auf all ihren Kuppeln passen nicht dazu; es sind keine doppelt gekreuzten Kruzifixe. Na, wer weiß, was es damit auf sich hat…

Kirche in Jelgava/Mitau

Hinter der Kirche biege ich links ab. Dies hier ist vom Charakter her eine Durchfahrtsstraße. Da wird’s keine Hotels geben, denke ich mir. Nach der Kurve ändert sich das Bild tatsächlich, aber auch nicht so, wie ich mir das vorstelle: Dies ist eine Wohngegend. Weit und breit kein Schriftband, das auf eine Herberge hindeuten würde. Da rechts steht irgendwas mit »Gosti…«, jedoch in lateinischen Buchstaben, wie das im Baltikum eben üblich ist. Sollte sich das russische Gostiniza (Гостиница, Gaststätte, Hotel) wenigstens rudimentär in die neue Zeit herübergerettet haben? Eine Runde um den Block enttäuscht mich. Da ist nichts, was auch nur vage an einen Gaststättenbetrieb erinnerte. Also weiter.

Wenig später begegne ich einem jungen Paar. Die könnte ich doch mal ansprechen; vielleicht können sie ja englisch. Die Frau kann. Sie erklärt mir einen nicht so ganz simplen Weg, und möglicherweise verwendet sie Straßennamen – die ich natürlich nicht kenne – oder spricht irgendwas undeutlich aus, während ihr Begleiter schweigend neben ihr steht. Einen halben Augenblick lang überlege ich, ob er wohl einfach nur aus Zurückhaltung nichts sagt, oder ob er sich denkt: Hm, die kann mit den Touristen aus dem Westen. Aber viel Zeit bleibt mir für solcherlei Erwägungen wirklich nicht. Hauptsächlich habe ich nämlich das Onkel-Tom-Problem: Die ersten hundert oder zweihundert Meter werde ich wohl in der richtigen Richtung fahren, aber dann muss mich das Glück lenken oder eine erneute Frage.

Was ein Onkel-Tom-Problem ist? Jaaa, das ist eine ganz bestimmte Geschichte. Sie datiert aus dem Jahre 1993, in dem ich noch glaubte, jeder Westdeutsche sei schon mindestens einmal in den USA gewesen, und deshalb müsse ich da nun auch unbedingt hin. Mit dem Fahrrad natürlich. Also, natürlich nicht hin mit dem Fahrrad, aber dort »so herum«. Das war das letzte Jahr, in dem ich mich gegenüber Kollegen mit einem ökologisch korrekten Urlaub brüstete und dabei unbeeindruckt blieb von den 12000 Flugmeilen (22000 Kilometern), die damit verbunden waren – vielleicht noch ein wenig mehr, weil es kein Direktflug war. Jedenfalls kam ich damals am Himmelfahrtsdonnerstag in Los Angeles an, und zwecks Erwerbs günstiger Straßenkarten hielt ich Greenhorn es für eine gute Idee, bei der AAA vorzusprechen, dem US-amerikanischen Automobilclub. Der hatte aber entweder keine Büros am Flughafen, oder ich hatte sie schlichtweg übersehen. Also kurvte ich eine Weile ziemlich unkoordiniert durch die unendlichen Weiten von L.A., bis ich an einer Tankstelle landete. Und dort begegnete ich Onkel Tom.

Onkel Tom war Tankwart oder so was in der Art. Die literarische Figur von Harriet Beecher-Stowes Roman »Onkel Toms Hütte« war ein alter schwarzer Sklave, eine Seele von Mensch, und genauso, wie dieser Tankwart aussah und auf mich wirkte, stellte ich ihn mir in meiner Kindheit vor, als ich das Buch las. Und den fragte ich nun nach dem Weg zu einem Büro der AAA. Der Mann nickte und hob an, mir eine Wegbeschreibung zu einem Ort zu geben, der für mich nicht zweifelsfrei von dieser Welt war. So gut er auch zu verstehen war, so wenig war mein Kurzzeitgedächtnis in der Lage, all seine Angaben zu erfassen, und schon bald ging ich dazu über, verständig zu nicken, ohne gedanklich auch nur einen Pflasterstein weiter voranzukommen.

Da könnte man nun sagen: Schön, dann darfste halt nicht so höflich sein. Oder was auch immer. Ich war’s jedenfalls und bedankte mich schön und wollte gerade noch ein »Good bye!« anfügen, als mich Onkel Tom freundlich, aber bestimmt ansah und meinte: »So, und nun wiederhol noch mal meine Beschreibung, damit ich sehe, ob du sie auch richtig verstanden hast!« Ich hätte im Boden versinken mögen! Und tatsächlich ist er mit mir den Weg danach noch mal Schritt für Schritt durchgegangen, bis ich ihn selbstständig reproduzieren konnte. – Ich weiß, ehrlich gesagt, nicht mehr, ob ich jemals in jenem AAA-Büro ankam, ich glaube aber, schon, denn auf irgendeinem Wege muss ich ja zu der Einschätzung gelangt sein, dass die Preise und Konditionen dort nicht annähernd so attraktiv waren, wie sie mir mein Kollege Bernd in München damals vor meinem Reiseantritt geschildert hatte. So verzichtete ich dann vorerst auf das komplette Kartenwerk der Vereinigten Staaten – und dabei hätte ich es für wirklich wenig Geld beim Tesco-Superstore bekommen können, wie ich dann allerdings erst an meinem vorletzten Reisetag erfuhr, an dem ich wieder in Los Angeles ankam.

So viel zum Erfragen komplexer Routen. Das lettische Pärchen fragt zum Glück nicht nach. Oder zu meinem Pech. Jedenfalls finde ich dieses blöde Hotel nicht. Na, dann vielleicht ein anderes. Ich schlage wieder den Weg in Richtung Norden sein und gelange auf eine breite Straße – die Russen würden wohl Prospekt dazu sagen – in Richtung Riga. Na schön, vielleicht hier. Und tatsächlich: Als die Magistrale sich zur Brücke über das Flüsschen Lielupe erhebt, erblicke ich linkerhand ein größeres Gebäude, dessen Portal der Brücke zugewandt ist: ein Hotel.

So rein fassadenmäßig sieht die Hütte ziemlich feudal aus. Das ist wohl nicht gerade ein Etablissement, das auf Leute mit Fahrrädern im Handgepäck wartet. Aber ich kann ja trotzdem mal ein paar Schritte hinein wagen und die Relationen erkunden. Mein »Handgepäck« lasse ich erst mal draußen. Direkt gegenüber dem Eingang befindet sich der Empfang, an dem eine blonde junge Frau mir entgegenschaut. Aha, Personal, das nur dafür beschäftigt wird, dass es auf mich wartet… – durch mein Rechenzentrum flattern ein paar Ziffern und ertönt das Geräusch einer gedrückten Plustaste. Ich frage sie zögernd, ob sie englisch spricht. »Yes, of course.« erhalte ich zur Antwort. Ja, und was würde wohl eine Nacht in diesem feinen Haus in einem der preislich günstigeren Räume kosten? »31 Latu« erhalte ich zur Auskunft. Natürlich habe ich mich vor Reiseantritt mit den Wechselkursen vertraut gemacht, damit ich hier nicht noch dämliche Fragen stellen muss, und daher weiß ich, dass Lettland die teuerste nominale Währung Europas oder gar der ganzen Welt hat, teurer sogar als das britische Pfund. Durch 0,7 muss man die Zahlen hier dividieren, wenn man Euro-Beträge herausbekommen will, und das Haus hier mag wohl jeden einzelnen Cent wert sein, aber für einen Waschsalon – und das ist eigentlich das, was ich jetzt wirklich brauche – ist der Preis gesalzen. Diese Intention kann die Dame am Empfang jedoch nicht kennen, und so will ich sie damit auch nicht betrüben. Also frage ich sie höflich, ob es in der Stadt wohl noch etwas günstigere Hotels gibt. Mein Outfit macht die Frage glaubhaft, aber angesichts der Uhrzeit (es ist bereits 22 Uhr durch) ist sie dennoch etwas dreist. Trotzdem hat das Fräulein eine Idee, führt ein Telefongespräch, zieht einen kleinen Stadtplan hervor, markiert darauf einen Punkt und nennt die Zahl 26. Okay, die Differenz ist mir noch einen kleinen abendlichen Ausflug wert. Was ich hier außer der baltischen Schönheit verpasse, werde ich so natürlich nie erfahren.

Der Ausflug erstreckt sich über knappe drei Kilometer in die entgegengesetzte Richtung, also hauptsächlich nach Westen. Mit einem solchen Plan findet man sich hier ganz gut zurecht, da sowohl er als auch die realen Straßen beschriftet sind, und es ist gerade noch hell genug, um beides miteinander abzugleichen. Aber einschließlich aller Ampeln dauert es dann doch noch eine viertel Stunde, bis ich da bin.

Ich eile die Treppe zum Eingang hinauf, und der erste Grund für die Preisdifferenz wird schnell klar: Mit Englischkenntnissen sind hier nur ganz kleine Blumentöpfe zu gewinnen, Sämlinge gewissermaßen. Die Frau am Empfang hätte es deutlich lieber auf russisch. Aber eine Bestätigung der Preisauskunft kriegen wir auch so noch hin. Dann fällt mir ein, dass ich überhaupt kein lettisches Geld habe. Natürlich, die Welt spricht Visa, aber gehört Jelgava auch zu dieser Welt? Ich halte erst meine EC-, dann meine Visa-Karte hoch, und bei der zweiten greift sie zu. Mit dem ersten Versuch scheitert sie jedoch und will mir die Karte schulterzuckend zurückgeben. Moment mal, diese Masche kenne ich doch. Nein, nein, versuchen Sie es noch mal, signalisiert meine Gestik. Sie probiert erneut mein Glück, und diesmal klappt es. Na also, diese Hürde wäre genommen. Jetzt muss ich noch mein Zeug reinbringen. »Das Fahrrad geht wohl nicht …?« erkundige ich mich wenig hoffnungsvoll. Na ja, wer schon mit dieser Erwartung an die Auskunft herangeht, braucht sich über abschlägigen Bescheid nicht zu wundern. Nein, das bleibt draußen, aber der Concierge wird mich in die Örtlichkeiten einweisen; sie verweist auf einen stämmigen Mann mit dem Aussehen und Habitus eines Heizers oder bestenfalls Hausmeisters. Nichts gegen diese ehrenwerten Berufe, aber der devote Charme eines 5-Sterne-Rezeptionisten ist doch etwas anderes.

Dieser Mann der Tat begleitet mich und mein Schlachtross zu einem Schiebetor, das den Hinterhof des Hotels abgrenzt. Das Hotel selbst ist ein vier- oder fünfstöckiges Gebäude, das vielleicht vor zehn oder 20 Jahren errichtet worden ist. Nach allen Seiten ist viel Ausblick auf verhältnismäßig viel Grün, und der Hinterhof ist gegenüber so etwas wie einem Park mit einem Maschendrahtzaun abgegrenzt. An einer Stahlverankerung schließe ich das Fahrrad fest und nehme das Gepäck ab. Verdammt, ich weiß doch, warum ich das nicht tue, wenn ich in einen Zug ein- oder aussteige! Das geht nicht in einem Ritt. Mein Begleiter langt schließlich nach zwei kleineren Taschen, und wir machen uns, während dieses kurzen Aufenthalts im Freien schon anständig von Mücken attackiert, wieder auf den Weg nach drinnen. Ich erfahre so Schritt für Schritt, wer er ist. Viktor heißt er und ist Russe. Viktor ist wohl so Ende 50 oder Anfang 60. Das kann man aber nie so genau sagen, weil der Wodka bei dem einen oder anderen Mann seinen Tribut fordert. Im Voyer lasse ich erst mal alles fallen und schöpfe Luft. Den Krempel werde ich in mehreren Etappen nach oben bringen. Das alles auf einmal ist nichts für einen alten Mann.

Viktor klärt mich derweil auf, dass er Colonel war (Oberst) bei der »Luftwaffe«. Wenn er das alles auf russisch erklären würde, verstünde ich sowieso nichts, aber er kann ein paar entscheidende Brocken Englisch und eben »Luftwaffe«. Na ja, die Russen haben ja nun auch nicht jeden Blödel an ihre Militärjets gelassen. Also, was macht dieser Kerl hier und jetzt? Er müsste doch gleich doppelt in Rente sein – vom Alter her und weil die Russen hier nichts mehr zu melden haben und anderswo wahrscheinlich nur noch reduzierten Bedarf an Piloten haben. Ja, das ist schon richtig, aber eine doppelte Rente bekommt er deswegen noch lange nicht. Und so jammert er mir vor, dass er gerade mal 200 Latu im Monat bekäme, also ca. 300 Euro, wahrhaftig nicht üppig, und wie die Lebenshaltungskosten hier für ihn sind, kann ich nicht beurteilen. Eine Ungerechtigkeit sei das, schimpft er, und mit großem Theater erklärt er, dass er deshalb noch arbeiten müsse, hier im Hotel. Na ja.

Die drei Wege, die ich mir hinauf in meine kleine Stube leiste, illustriert er mit Details seines Jammertals. Viktor, denke ich mir, erstens weiß ich nicht, ob Trinkgelder hier üblich sind, zweitens hast du dir wirklich nicht gerade ein Bein ausgerissen dabei, dir eins zu verdienen, und drittens, und das ist entscheidend: Ich habe keinen einzigen Lats in der Tasche, nur ein paar Hundert Rubel und große Euro-Scheine…, ach ja, und natürlich noch ein paar Euro in litauischer Währung. Aber darum geht’s ihm anscheinend gar nicht. Als ich die letzten Taschen durch die Tür trage, tönt seine Stimme vom Treppenhaus: »Stephan, Schnaps!« Oh Gott, jetzt nicht noch das! Hast du eine Ahnung, was ich jetzt noch für ein Nachtprogramm habe? Ich drehe mich um, grüße ihn freundlich zur Nacht und bedanke mich für die Offerte.

Tja, und was macht man nun in einem Hotelzimmer, was man sonst nicht so machen kann? Erst mal verriegelt man die Tür, damit es keinen überraschenden Besuch gibt – letztes Jahr im Hotel auf dem Grimselpass verirrte sich doch eine junge Österreicherin in mein Zimmer, als ich dort gerade inmitten meines Gepäcks splitterfasernackt darüber nachdachte, was jetzt wohl die nächsten Schritte zur Vorbereitung der Nachtruhe sein könnten. Ihr fehlten die Worte, und sie hatte sie auch bis zum nächsten Morgen nicht wiedergefunden, als sie in den Gasträumen in Begleitung zum Frühstück erschien – also, jedenfalls ergriff sie nicht mir gegenüber das Wort.

Um ehrlich zu sein, ist es nicht in erster Linie diese mögliche Peinlichkeit, die ich mir ersparen will, sondern unangenehme Fragen im Hinblick auf den Brandschutz, weil ich gerade meinen Campingkocher angeworfen habe. Eine Jugendherbergsküche gibt’s hier ja nicht, aber Carboloading muss schon sein. Also behalte ich meinen Gasbrenner scharf im Auge und bereite Wäsche und Dusche vor. Das mit der Dusche geht klar; einmal wieder richtig warm und gründlich »durchgespült« zu werden tut schon gut. Die Wäsche bereitet mir mehr Kopfzerbrechen. Es gibt nur ein mikroskopisches Waschbecken und natürlich keine Schüssel und keinen wasserundurchlässigen Papierkorb! Wie soll ich da meine Klamotten sauber kriegen? Schließlich fällt mir der kleine Klappeimer für Hygieneabfälle auf, der natürlich leer und mit einer dünnen Plastiktüte ausgekleidet ist. Der muss jetzt leider vorübergehend anderen Zwecken dienen. Ich fülle ihn mit warmem Wasser, stopfe meine klebrigen Sachen dazu und die Hotelseife, und nun wollen wir mal sehen, was die Zeit daraus macht.

Derweil entsteht meine Suppe, die Fensterscheiben beschlagen (aber wegen der Mücken mache ich das Fenster lieber nicht auf), und während ich so nach und nach die Nudeln löffle, bekommt auch das Handy mal wieder etwas Ladung. Hauptsache, irgendwas ist morgen zum Anziehen wieder hinreichend trocken, und ich lasse nichts liegen. Der Haufen sieht wieder einmal abenteuerlich aus. Morgen? Ach, was sag ich? Heute! Wie die Zeit vergeht. Aber irgendwann sind mir die Restungewissheiten dann auch egal; es wird sich schon was finden, womit ich mich auf die Piste zur nächsten Etappe wagen kann.

14. Juli 14. Juli16. Juli 16. Juli