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14. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Wie sich das gehört, werde ich in der Nacht zwischendurch wach. Doch das ist diesmal etwas anderes. Eine frische Brise hat mich geweckt und: ein intensiver Regen. Es ist ein tolles Gefühl, im Warmen und Trocknen zu liegen, zu wissen, dass man da bis auf Weiteres auch erst mal liegen bleiben kann und dass es gut war, nach einem solchen Platz gesucht zu haben. Aufbrüche im Dunkeln mitten im aufkommenden Regen sind etwas sehr Unerfreuliches. Ich erinnere mich noch, dass ich 2001 am Fuße der Pyrenäen mal so ein Erlebnis hatte: Da hatte ich am Abend keinen echten Wetterschutz gefunden, und dann fing es mitten in der Nacht an zu trippeln. Gut, es war nur wenig, und es blieb wenig – aber weiß man das vorher? Ich rollte damals in Eile alles zusammen, hoffend, dass es bei den Tropfen bleiben würde, denn andernfalls hätte ich mich um sorgfältigere Verstauung kümmern müssen.

Diesmal ist das anders. Wohlig warm und zufrieden drehe ich mich um; da ruft mir auf einmal meine innere Stimme mahnend zu: Mein Lieber, deine Hygiene vor dem Schlafengehen, die ließ doch sehr zu wünschen übrig. Du hast hier eine einmalige Gelegenheit: Zimmer mit Ausblick und Dusche! Mein innerer Schweinehund entwickelt nicht hinreichend schnell glaubhafte Gegenargumente. Die innere Stimme legt nach: Komm! Rasch raus, schnell duschen – auch wenn ein stärkerer mitteleuropäischer Dauerregen nicht mit der Intensität eines mitteleuropäischen Brausekopfes mithalten kann. Wasser unlimited, und dann schnell zurück, bevor der Schlafsack ausgekühlt ist! Gedacht, getan. Es wird eine Open-Air-Veranstaltung, bei der überraschende Besucher mich wohl ein wenig in Verlegenheit bringen könnten. Ein verstohlener Blick in Richtung des abendlich erleuchteten Zeltabschnitts offenbart, dass der Barkeeper anscheinend bemerkt hat, dass er vor laufender Flimmerkiste eingepennt war. Dort herrschen jetzt Dunkelheit und Stille. Fröstelnd trockne ich mich ab, lege das Handtuch über die Querstange, ziehe mir wieder meinen Nachtpullover an und krieche in den tatsächlich noch recht warmen Schlafsack zurück. Jetzt ist es sogar doppelt so toll wie zuvor, rufe ich meinem Schweinehund zu, und er weiß nun erst recht keine Antwort, und deshalb schlafe ich bald wieder ein.

Als ich das nächste Mal wach werde, ist heller Tag. Noch immer ist der Himmel grau, und was an Wolkenstrukturen erahnbar ist, scheint zum Greifen nah – dies verheißt im Allgemeinen nichts Gutes. Zwar regnet es gerade nicht, aber keinen Cent würde ich auf die nächsten fünf Minuten Frieden verwetten. Wozu auch? Es ist noch früh am Morgen. Unverändert herrscht Stille. Gut, dass ich hier direkt hinter den Dünen liege und dass daher die Hauptstraße der Nehrung in einiger Entfernung verläuft. Ich genehmige mir eine weitere Schlummerrunde.

Strand an der Kurischen Nehrung bei Regen

Beim erneuten Aufwachen regnet es wieder – zwar nicht mehr so stark wie in der Nacht, jedoch erkennbar, und das reine Vergnügen wäre eine Weiterfahrt zum jetzigen Zeitpunkt eher nicht. Aber das steht momentan ohnehin nicht zur Debatte. Erst mal ist zumindest ein Frühstück dran. Aber wie wäre es…? Die Ostsee praktisch in Reichweite, kaum andere Badegäste (außer den ganz Harten) zu erwarten… Mein Schweinehund ist nicht gut in Form. Ich greife mir den Fotoapparat und ein paar Habseligkeiten, spurte die lange hölzerne Treppe bis zur Kuppe der Düne hinauf und erblicke ein Meer, das grau in grau mit dem Himmel verschmilzt. Wo, zum Teufel, ist der Horizont? Und wer will das wissen? Ich renne den hölzern beplankten Weg auf der anderen Seite hinunter, stürze durch den Sand, streife Pullover und Jogginghose ab und werfe mich in die Fluten. Nein, zum Schimmelreiter fehlt dieser Szene ganz klar an Dramatik. Wir haben keinen Sturm und keine Nacht und keine Gezeiten. Und das Wasser hat vielleicht 18 oder 20 Grad; darin zu baden taugt nicht für Initiationsriten. Das reicht gerade mal für unbehelligtes Geplansche. Aber mehr will ich ja auch nicht. Jetzt rasch zurück.

Oben an der Kuppe werfe ich den Blick zurück. Auf einmal ist der Horizont klar erkennbar. Wie schnell der Anblick sich doch wandelt, weil es im Augenblick nicht nieselt. Aber warten wir das Frühstück ab. Ich poltere die Treppe wieder hinunter, und spätestens das müsste das Wecksignal für den Zeltwirt sein. Aber er ist schon auf den Beinen. Mein Fahrrad und der »ungebügelte« Schlafsack in seinem »Gastraum« irritieren ihn nicht. Wenn überhaupt, bin ich die einzige Kundschaft. Da ich jedoch nur einige hundert Rubel in der Tasche habe und, ja, auch einige hundert Euro in verhältnismäßig großen Scheinen, wird das kein Geschäft. Das eine Geld wird er nicht mögen, und das andere überfordert möglicherweise seine Wechselkasse. Ich versuche es gar nicht erst, und vermutlich erwartet er das auch nicht. Wir müssen uns auch erst mal linguistisch »beschnuppern«. Wer kann was? Sein Englisch ist etwas besser als mein Russisch (was nicht viel heißt), sein Deutsch etwas besser als mein Litauisch (was erst recht nichts bedeutet), also praktisch nicht vorhanden. Er hat zwar eine Schwester in München, aber die ist aus nahe liegenden Gründen gerade nicht greifbar, um eine tief schürfende Konversation zu ermöglichen. So betreiben wir Verständigung auf einer eher sozialen Ebene, und er spendiert mir einen heißen Tee und ein Croissant.

Das Frühstück kommt aus meinen Vorräten. Zwar hätte ich nichts gegen einen der von der Theke lockenden Snickers einzuwenden – da weiß man schließlich, was man hat –, aber bei Lichte betrachtet komme ich kalorienmäßig sicherlich noch bis Lettland. Außerdem sind da ja noch die Keks- und Waffelvorräte aus Selenogradsk (Зеленоградск, Cranz). Ich habe die dunklen Waffeln gestern schon probiert, nicht allein aus Hunger, sondern auch, weil alle Schokoladenprodukte, die nicht sowieso kremig oder flüssig sind (wie z.B. Nougatcremes), bei 30 bis 35 Grad unkontrolliert in diesen Aggregatzustand übergehen. Wenn sie dann so verpackt sind, dass entweder der Fettanteil der Flüssigkeit von einer Pappschachtel aufgesogen wird oder sich die braune Soße gar mehr oder minder gleichmäßig im Gepäck verteilt – super z.B. bei Wäsche, die nicht noch einmal separat verpackt ist, aber auch Werkzeug in Schokolade sorgt immer wieder für Hochgefühle –, dann… Ja, eigentlich sprechen die Szenarien wohl bereits für sich.

Also, diese Waffeln… Eigentlich schmecken sie nicht schlecht. Der Überzug ist sehr dunkel; man möchte an Zartbitterschokolade denken, und tatsächlich ist der Zuckeranteil wohl etwas geringer als bei Vollmilchschokolade. Aber der Geschmack erinnert mich irgendwie an eine Schlager Süßtafel oder so was in der Art. Aber was soll’s? Ob Erdbeeren durch Sägespäne substituiert werden oder Kakao durch wer weiß was – ich habe das hier nicht in der Hand, und solange der Motor läuft, soll es mir recht sein. Im Grunde muss ich über jeden Tag froh sein, den ich vorankomme: Der Darm könnte rebellieren, weil ihn über irgendeinen unbedachten Kanal doch ein paar Mikroben zu viel oder von der falschen Sorte erreichen – mit unangenehmen Erinnerungen denke ich an den Urlaub 2002 zurück. Ein Bild entsteht vor meinem geistigen Auge, als ich vom erfolglosen Versuch, bei Brest-Litowsk die Grenze nach Weißrussland zu überqueren (weil es dort für Radfahrer nicht ging, aber andernorts wäre es höchstwahrscheinlich auch am fehlenden Visum gescheitert; dafür standen dort lauter Autos mit ausnahmslos deutschen Überführungskennzeichen, und kein einziger Fahrzeuginsasse sprach auch nur ein einziges deutsches Wort), ins polnische Hinterland zurückkehrte und dort, mitten auf der Landstraße und umgeben nur von flachen Hügeln und Getreidefeldern, plötzlich Halt machen und mich in den Straßengraben legen musste, bis sich die Revolte in meinen Eingeweiden wieder legte. Und so ging das tagein, tagaus, und zwar drei- oder viermal am Tag. Wer ordentlich abnehmen und dabei dennoch so viel essen will, wie sein Appetit es verlangt, der muss es so machen.

Aber damit nicht genug: Mein Hintern könnte mir auch auf andere Weise zusetzen. 2005 war ich auf einer Tour der Härte unterwegs gewesen, mit der verglichen diese Reise bisher das reinste Sanatorium ist. Damals hatte ich die italienisch-französische Grenzregion erkunden wollen, und wer sich ein bisschen in Geographie auskennt, der weiß, dass es da recht bergig ist. Spontan sind mir jetzt ganze zwei Pässe unter 2000 Metern in Erinnerung, und so ging es andauernd ’rüber und ’nüber, meistens sogar mehrmals am Tag. Aber zunächst schien das lediglich eine Herausforderung an mein Herz-Kreislaufsystem zu sein. Man bringt das entweder, oder man bringt es nicht. Ich schätze, dass das bei guter Fitness ohne Gebrauch von Dopingmitteln verhältnismäßig unkritisch ist. Schlimmstenfalls kriegt man das Zittern und kann einfach nicht mehr. Was viel fataler war: Mein Sattel war der falsche, und seine Neigung war nach heutiger Einschätzung nicht optimal. Das führte mit der Zeit zu einer Reizung des Damms, wahrscheinlich von Nervenkanälen, die mich nach zwei Wochen immer häufiger nötigte, an den Auffahrten zwischendurch aufzustehen, was man im Zeitalter von 27-Gang-Schaltungen eigentlich nicht mehr müssen sollte. Bis mir klar wurde, dass es sich dabei um etwas handelte, das tunlichst nicht mit der Haltung »Indianer kennen keinen Schmerz« beiseite zu schieben war, hatte ich den Salat komplett angerichtet. In der Schweiz brach ich die Fahrt schließlich ab, auch wegen scheußlichen Wetters. Ja, und danach habe ich zwei oder drei Monate im Stehen gearbeitet. Das sollte mir auf keinen Fall noch einmal passieren, denn es gibt Dinge, die der Körper nicht verzeiht, Wunden, die auch mit aller Zeit nicht mehr heilen. Auf diesem Trip bin ich definitiv nicht! Und darum horche ich seither genauer in mich hinein. Und ich höre im Augenblick nichts, und wenn ich bedenke, dass ich 2006 eine Englandtour aus eben dieser Vorsicht heraus abbrach, 2007 gleich überhaupt nichts wagte, dann stehe ich kurz vor einem Begeisterungsausbruch. Noch nicht mal meine Finger, besonders die kleinen und Ringfinger, die in den letzten Jahren immer rascher »einschliefen«, zeigen bemerkenswerte Symptome. Was ist los? Waren all diese Ausfälle wirklich den Bergen zuzuschreiben, die ich hier nicht habe, oder erlebe ich gerade meinen zweiten Frühling? Aber der müsste sich doch noch irgendwie anders manifestieren nach allem, was ich bisher so gehört habe.

Inzwischen regnet es wieder, und ich beginne, mir Gedanken darüber zu machen, wann ich heute wohl aufbrechen kann. Natürlich habe ich Regenbekleidung dabei. Aber der Spruch, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Bekleidung, kann nicht von Radfahrern erfunden worden sein. All diese Membranwunder von Goretex und anderen Herstellern sind nach meiner Einschätzung und Erfahrung nicht asymmetrisch durchlässig, wie ihre Prozenten glauben machen wollen. Sie haben nur für die verschiedenen Aggregatzustände des Wassers eine unterschiedliche Durchlässigkeit, und zwar in beiden Richtungen. In der Regel kommt von außen das (kalte) Wasser und kann nicht rein. Gäbe es innen kaltes Wasser, etwa erkalteter Schweiß, so käme dieser ebenso wenig hinaus. Aber von innen kommt warme, feuchtigkeitsgesättigte Luft. Die kann hindurch, jedenfalls gibt es eine gewisse Transparenz. Und das Ganze klappt umso besser, je größer der Temperaturunterschied zwischen drinnen und draußen ist. Unterhalb von zehn Grad ist Goretex gut, bei Schneeregen geradezu phantastisch. Aber wir haben Sommer, oftmals liegen die Temperaturen sogar über 20 Grad. Also muss sich für eine nennenswerte Durchlässigkeit innen schon eine gehörige Wärme aufgestaut haben. Folglich habe ich in dieser Jahreszeit, etwas überspitzt ausgedrückt, nur die Wahl zwischen regennass von außen und schweißnass von innen. Ich bevorzuge wohltemperiert und trocken unter dem Zeltdach und fische wieder einmal Günter Grass aus der Lenkertasche. Wenigstens habe ich das Buch nicht umsonst mitgenommen.

Nach wenigen Sätzen höre ich ein Motorengeräusch, das erste heute. Ein kleiner LKW fährt vor, ein Lieferant. Er bringt Mineralwasser und noch ein paar Kleinigkeiten. Manchmal denke ich, wenn mir auf der Landstraße so ein Kutscher entgegen kommt, womöglich mit einem Beifahrer in Rimini-Lage: Nichts denken, nichts machen, immer schön warm und trocken. Dieses Vorurteil bröckelt bei Gelegenheiten wie dieser. Die Leute vom Bock müssen mit ran; ich will sie gar nicht gegen jene ausspielen, die den ganzen Tag bei jedem Wetter draußen unterwegs sind, Bauarbeiter vielleicht und Förster (auch da habe ich wahrscheinlich beschränkte Vorstellungen, denn die machen ja auch noch was anderes, als unentwegt durch den Tann zu stiefeln), aber die kurzzeitigen Klimawechsel von warm drinnen nach kalt und nass draußen oder, bei sommerlicher Hitze mit Klimaanlage im Cockpit, umgekehrt sind bestimmt nicht angenehm.

Als eine Weile später noch ein Lieferwagen vorfährt, kommt der Gastwirt auf mich zu, sagt etwas wie »Good luck!«, umarmt mich, steigt ein und lässt mich verdutzt stehen. Irgendein Cousin hält für ihn die Stellung, und da ich den nicht kenne und der Himmel gerade mal nicht weint, entschließe ich mich zum Aufbruch. Schließlich ist es schon kurz vor elf.

Klaipeda/Memel von der Kurischen Nehrung aus

Klaipėda (Memel) ist überraschend nahe. Ich muss gerade mal über den »Berg«, da liegt der Hafen schon vor mir. Im Norden, an der Ausfahrt zur Ostsee, erstreckt sich eine endlose Ansammlung von Verladekränen. Ich schicke mich also an, die Kurische Nehrung zu verlassen, ohne z.B. die Holzskulpturen gesehen zu haben (an denen bin ich gestern im Dunkeln vermutlich einfach vorbeigefahren), aber in diesem Moment ist mir das gar nicht bewusst. Von daher gibt es die Entscheidung, ob ich sofort oder später übersetzen sollte, gar nicht. Apropos Übersetzen – womit bezahle ich jetzt eigentlich die Fähre? Woher all die Autos kommen, die in dieselbe Richtung fahren wie ich, ist mir unklar, und was all jene hier wollen – bei diesem Wetter –, die in umgekehrter Richtung unterwegs sind, bleibt ebenso nebulös. Aber wahrscheinlich sind die »Neukuren« zu einem nicht unwesentlichen Teil in wirtschaftliche Kreisläufe eingebunden, die über die Nehrung hinausgehen. Und dann sind da ja noch die Touristen.

Hafen von Klaipeda/Memel Fähre von der Kurischer Nehrung nach Klaipeda/Memel

Die Überfahrt kostet nichts, jedenfalls nicht für mich. Mir soll es recht sein. Anscheinend hat man sich irgendwie darauf verständigt, dass das Abkassieren in einer Richtung reicht, weil der Umweg »hinten herum«, also durch ein jeweils anderes Land, zumal über eine Außengrenze der EU, keine lohnende Alternative ist. Folglich muss jeder, der zurückfährt, wohl auch irgendwann zuvor hingefahren sein. Selbst diejenigen, die tatsächlich über die Grenze fahren, haben zahlen müssen, nämlich auf der russischen Seite – jedenfalls hatte ich gestern diesen Eindruck, auch wenn ich selbst nicht davon betroffen war. Klar, wenn die Grenzgänger immer in derselben Richtung ums Haff fahren würden, hätte eines der beiden Länder das Nachsehen. Aber das ist wohl eine eher theoretische Betrachtung.

Igel Igel

Eine Autofahrerin nutzt die Pause auf der Fähre, um mit ihrem Igel zu spielen. Der Igel – als Haustier noch stark unterrepräsentiert und erst recht als Schmusekater weithin verkannt. Auf Ideen kommen die Leute…

Es liegt in der Natur der Sache, dass man mit einer Fähre in so etwas Ähnlichem wie einem Hafengebiet ankommt. Ob es ebenso unvermeidlich ist, dass diese Areale optisch eher unattraktiv sind, steht dahin. Dieselben Betrachtungen könnte man über Bahnhöfe anstellen, denn auch da gibt es so’ne und solche. Rasch fahre ich die Rampe hinauf, die riesigen Containerstapel hinter mir lassend. Taucht nun eine liebevoll restaurierte Altstadt vor mir auf, Stolz und Glanz Litauens? Mitnichten. Plattenbauten, Einkaufstempel, weitläufige Straßen, dass ein Jumbo darauf starten könnte, gäb’s Mittelstreifen und Laternen nicht. So stelle ich mir eine sowjetische Retortenstadt vor: Wir haben die Fläche, also warum sollten wir kleckern? Vielleicht wegen der kurzen Wege, vielleicht, weil man dann nicht für jeden Pups einen Bus abwarten müsste, vielleicht, weil die ganze Infrastruktur auch kostengünstiger gestaltet werden könnte (obwohl dies für die Lebensqualität natürlich ein nachrangiger Aspekt sein sollte), vielleicht, weil die bekannte Nachbarschaft dann nicht ausschließlich aus dem eigenen Wohnblock stammen müsste, vielleicht, weil Gebäude bei halber Höhe ohnehin näher zusammenrücken können… Wir haben in Erlangen ein paar Glanzpunkte städtischer Architektur aus den 70er Jahren: ziemlich hoch, aus viel Beton, sehr geschmackvoll, beim Energiepass vermutlich im roten Bereich… Matthias hat mal gesagt, da könne man auch in eine Garage ziehen. Gut, so hart würde ich es nicht formulieren.

Etwas orientierungslos folge ich der Straße nach Süden. Warum es dorthin geht, könnte ich auch nicht sagen. Jedenfalls ist es mit Sicherheit nicht meine weitere Reiserichtung. Aber ich brauche Geld, ein Internet-Café wäre auch mal nicht schlecht, und wenn ich meine Obstvorräte etwas aufstocken könnte, wäre die Sache fast perfekt. Ach ja, und mit Landkarten fürs Baltikum bin ich ebenfalls nicht gut bestückt. Damit habe ich schon fast ein richtiges Beschaffungsprogramm.

Nach ca. einem Kilometer biege ich rechts ab. Hier steht zwar kein Schild, das auf auch nur ein einziges meiner Ziele hindeutete, aber ich lasse mich vom Gefühl leiten. Geld bekommt man in der Bank, und hier ist eher geschlossene städtische Bebauung ohne Ehrgeiz nach oben – wo so viele Menschen wohnen, muss doch auch irgendwo eine Bank sein. Und tatsächlich entdecke ich bald darauf eine Wechselstube. Die Sache läuft routiniert ab, ein paar Geldscheine wechseln ihren Besitzer, und mit regional adäquater Liquidität verlasse ich die Örtlichkeit. Jetzt ein Internet-Café oder einen Buchladen – denn was die Lebensmittelgeschäfte angeht, bin ich sicher, dass ich gar nicht anders kann, als früher oder später darüber zu stolpern.

Aber obgleich ich kreuz und quer unterwegs bin, findet sich nichts. So kehre ich unverrichteter Dinge wieder zur Magistrale zurück, um kurz darauf rechterhand einen größeren Platz mit ein paar Buden zu entdecken, in denen Obst verkauft wird. So, wie war der Wechselkurs noch mal? Aha, die Pfirsiche sind Luxus, die Äpfel gehen, und ein paar Kirschen sind auch drin. Und Bananen natürlich. Wenn ich mir vorstelle, ich müsste hier mit Kauri-Muscheln oder so was bezahlen… Es ist doch gut, dass bei allen sprachlichen Differenzen wenigstens die Geldscheine und Münzen so beschaffen sind, dass man ihnen zumindest ihren relativen Wert untereinander ansehen kann. Dies, zusammen mit dem Tauschverhältnis zum Euro und der Möglichkeit, auf die Waren mit dem Finger zu zeigen und ihren Preis entweder aufschreiben zu lassen oder von irgendwelchen Schildern abzulesen, macht den Vorgang einigermaßen beherrschbar. Wie das wohl in Patagonien oder im Hochland von Tibet wäre…

Ich habe Glück: Nach getanem Einkauf erblicke ich sogar an einem der Hochhäuser ein großes @. Wie mache ich das jetzt mit dem Fahrrad und dem Gepäck? Schließlich dauert so eine Sitzung doch einige Zeit. Eigentlich mag ich mein Gefährt nicht so lange aus den Augen lassen. Also gehe ich erst mal rein und kläre im Hochparterre die Modalitäten. Zum Glück können die meisten Betreiber von Internet-Cafés ganz gut Englisch. Der Preis überzeugt mich, und der Mann kommt sehr schnell auf den Gedanken, dass es mich entspannt, wenn meine Güter sozusagen in Reichweite sind. Ich erhalte die Erlaubnis, das Fahrrad auf den Gang zu stellen, und das ist für mich okay.

Der erste Schritt ist immer der schwerste. Es ist nämlich so: Ich habe mehrere Mail-Adressen, u.a. eine bei gmx und eine bei web.de. Bei web.de wurde es mir mit den 12 MBytes Postfachgröße immer häufiger zu eng, und nun, da ich nicht täglich den Spam herausfiltern kann, würde der Posteingang nach wenigen Tagen dicht machen. Also habe ich mir eine Umleitung nach gmx eingerichtet. Von dort sende ich eigentlich nur sehr selten Mails, vor allem, weil ich möchte, dass mein Bekanntenkreis weiterhin nur mit einer Adresse zu tun hat, nämlich der von web.de. Also muss ich dort senden und bei gmx den Eingang prüfen. Wenn das so einfach wäre! Mein Passwort bei gmx ist nämlich so geheim, dass ich es nicht einmal selbst kenne. Ich tippe einfach auf der Tastatur mehrere Sequenzen von Tasten mit allem, was zu einem starken Passwort gehört (Umlaute, Sonderzeichen, Groß- und Kleinbuchstaben), ohne hinzuschauen ein. Das ist so lange kein Problem, wie ich vor einer deutschen Tastatur sitze. Genau die habe ich hier aber nicht. Die Tastaturen sind irgendwie und können auf englisches Layout umgestellt werden. Wenn ich jetzt noch sicher wüsste, was auf der deutschen Tastatur wo ist. Die Umlaute kriege ich ja noch hin, aber wie gebe ich die auf einem englischen Keyboard ein? Probleme über Probleme – und die Zeit läuft. Es ist nicht so sehr das Problem, dass der Tarif für solche Lösungsfindungen zu teuer ist – mir läuft einfach die Reisezeit weg. Ich wollte schon längst weiter sein und sitze hier am frühen Nachmittag quasi noch in Sichtweite meines letzten Nachtlagers!

Also lese ich jetzt eben erst mal keine Post, sondern beschränke mich auf das Schreiben. Das Passwort bei web.de ist zwar auch stark, auf der englischen Tastatur jedoch kein Problem. Damit ich künftig meine jüngere Post auch lesen kann, instruiere ich meinen Empfängerkreis, alle weiteren Mails mit cc an meine Arcor-Adresse zu schicken. Gut, wenn man bei den Adressen ein bisschen Auswahl hat. So gehen also zwei, drei Mails in die Welt. Die eine oder andere Sache möchte ich etwas persönlicher formulieren, aber der Verteilerkreis ist ansehnlich. Da sind Leute dabei, die sich vielleicht »wundern«, was ich so anstelle und was mir unterwegs alles widerfährt, die mich möglicherweise etwas anders kennen, zivilisierter. Ich will nicht, dass jemand pikiert ist, also muss ich ein bisschen aufpassen, was ich so schreibe. Hier ist das anders; hier adressiere ich niemanden. Wer sich auf diesen Seiten peinlich berührt fühlt, wird mit Sicherheit im Internet andere Seiten finden, die ihn noch viel mehr in Verlegenheit bringen. Trotzdem habe ich die Schere im Kopf; das will ich gar nicht bestreiten.

So, jetzt noch Landkarten und vielleicht auch was Herzhaftes, denn eine rein obstbasierte Ernährung so fast ohne Proteine – das wird auf die Dauer unangenehm. Ich bin nun wieder auf dem Weg nach Norden, und an einem riesigen Kreisverkehr nahe der Stelle, an der ich vom Hafen gekommen war, erblicke ich links etwas, das ein Einkaufstempel sein könnte. Das ist nicht einfach ein Supermarkt oder gar nur ein mir unbekannter Discounter, nein, das sieht so aus, als würde man dort den Anspruch haben, alles zu verkaufen, was sich mit einem größeren PKW wegfahren lässt. Sogar die Fußgängerzone hat man unter dem Dach des großen Ganzen untergebracht, so dass Spaziergänger, die sich nur mal ein paar Auslagen und Schaufensterdekorationen ansehen möchten, schon halb im Laden sind, unabhängig vom Wetter zudem. Aber absteigen ist vielleicht doch besser. Also schiebe ich das Fahrrad von Süd nach Nord durch die gläsernen Katakomben und gelange so zum Nordausgang, ohne das gefunden zu haben, was ich suche. Aber dort! Hier ist es, so eine Art Tesco-Verschnitt. Was ich jetzt nicht finde, werde ich vorerst nicht weiter suchen. Was mache ich so lange mit dem Fahrrad? Vorsichtig schiebe ich es durch die Tür. Rechts steht ein Mann von der Security. In Posen hätte der mich wahrscheinlich schon wieder hinauskomplimentiert; da war ich ja schon unter freiem Himmel deplatziert. Hier gehe ich besser gleich in die Offensive und spreche den Uniformierten an. Ob ich wohl mein Fahrrad unter seinen wachsamen Augen abstellen dürfe, will ich wissen. Ob er meine Worte versteht, weiß ich nicht, aber da ich diese gestenreich illustriert habe, ist er sofort im Bilde. Da ist ein kleines Karree, in dem Putzgeräte und -ausrüstung abgestellt sind, und der Mann weist eine der Reinigungskräfte an, da etwas Platz zu schaffen. Mir ist das schon fast peinlich. Er muss es ja nicht gleich übertreiben. Aber so kann ich mich wohl beruhigt in den Konsum stürzen.

Eine junge Angestellte frage ich nach Landkarten. Tatsächlich soll es hier welche geben; sie weist mir die Richtung. Und wirklich finde ich dort eine Karte vom gesamten Baltikum, 1:700.000 zwar nur, aber für den Transit wird es bestimmt reichen. Außerdem packe ich noch eine von Lettland im Maßstab 1:500.000 ein. Wie ich kurze Zeit später allerdings feststellen muss, ist diese Karte lediglich eine geringfügige Vergrößerung eines Ausschnitts der anderen, bietet also keinerlei zusätzliche Informationen. Braucht vielleicht jemand eine Lettlandkarte?

Zwar bin ich außerdem auf der Suche nach allen möglichen Lebensmitteln, aber da der Weg zur Karten- und Bücherabteilung weit war und sowohl hin- als auch zurückgegangen werden will, führt er an vielen Angeboten vorbei, und es kommt, wie es kommen muss: Mit vollen Armen trete ich an die Kasse, und ein nicht geringer Teil meiner Beute wurde zwischenzeitlich mit meinen geistigen Aufkleber »das gönne ich mir jetzt gleich mal« versehen. Schwer beladen kehre ich zu meinem Fahrrad zurück, das noch immer bewacht wird. Das ist mir ja richtig peinlich. Ob der Mann wohl von mir ein Trinkgeld erwartet? Ich probiere es stattdessen mit einem Dank, einer Grußgeste und einem Lächeln, und diese Währungen werden anscheinend nicht abgewiesen.

Nachdem ich einen Teil meiner geistigen Aufkleber »eingelöst« habe, setze ich die Fahrt in Richtung Nordnordwest fort. Dass ich dabei in Richtung der historischen Altstadt fahre, ist mir nicht bewusst. Ich weiß nur, dass dies nicht die richtige Richtung ist; ich muss eigentlich im rechten Winkel nach rechts abbiegen. St. Petersburg liegt nordöstlich von Klaipėda, und mit Riga, meinem nächsten Ziel (natürlich nicht für heute) verhält sich das ganz genauso. Also suche ich die »Drift« nach rechts. Nach anderthalb Kilometern gelingt sie mir auch, wobei sie radikaler ausfällt, als der Verlauf der Ausfallstraße auf der neu erworbenen Karte das erwarten lässt. Deshalb biege ich nach einem weiteren Kilometer erneut ab, diesmal wieder nach links, und jetzt geht es sogar nach Nordwest. Der nächste Knick nach rechts wird also ähnlich radikal verlaufen müssen wie vorhin. Ich fahre über eine verhältnismäßig hohe Brücke, die einen Fluss überquert, kurz darauf ein Gleis. Von hier oben kann ich sehen, dass sich linkerhand die Stadt noch weit ausdehnt. Auf die Idee, dass sich in diesem Durcheinander der eigentlich sehenswerte Teil der Stadt verbirgt, komme ich nicht. Dabei habe ich auf diese Reise sogar einen Stadtplan von Klaipėda mitgenommen; schließlich waren meine Eltern vor zwei Jahren im Baltikum und haben danach natürlich nicht alles Material weggeworfen. Aber dieser Stadtplan erhält einen Luxustransport, der eine weite Reise macht, aber nicht ein einziges Mal aufgeschlagen wird. Tja, wenn man schon keine Inventarliste macht… Aber selbst wenn – jedes einzelne Kartenwerk hätte ich sicherlich nicht notiert.

Und so entgeht mir auch das Denkmal für Ännchen von Tharau. Nicht, dass ich ein so ausgeprägtes Faible für Mädchenstatuen hätte, aber ohne über Jahrzehnte auch nur eine Ahnung davon gehabt zu haben, wo Tharau liegt und aus welcher Ecke wohl jenes Ännchen stammt, lernte ich doch bereits in meiner Schulzeit aus einem dicken Volksliederbuch das nach jener jungen Frau benannte Lied mit seiner wunderbaren Melodie und seinem anrührenden Text kennen. Hier nun hätte das Wissen von damals um etwas mehr Anschauung ergänzt werden können; es hat jedoch nicht sollen sein. Aber das berührt mich in diesem Moment nicht, denn wenn es das täte, könnte ich ja noch ohne viel Aufwand meine Route ändern. Vielleicht komme ich ja irgendwann später noch mal hier her.

Der scharfe Abzweig nach rechts entfällt diesmal. Er erfolgt eher so peu à peu. Schmerzlich vermisse ich im Moment nur Wegweiser. Stattdessen überquere ich die E272 – die lässt sich immerhin noch einordnen –, bewege ich mich über nagelneue Straßen, sogar mit Fahrradweg, und in den Vororten der Stadt gibt es viele gerade im Entstehen begriffene »Vorvororte«. Klaipėdas Wirtschaft wächst anscheinend. Schön für die Leute. Ansonsten kann ich hier nicht vieles entdecken, was die Gegend attraktiv erscheinen ließe, aber was könnte bei ausreichender materieller Versorgung schon heimatliche Verwurzelung ersetzen? So durch spektakuläre Naturerlebnisse der Vergangenheit geprägt sind ja nur Touristen wie ich, die ausziehen, um noch größere Spektakel zu entdecken. Das muss zwangsläufig von Jahr zu Jahr schwieriger werden. Da bleibt nicht viel anderes übrig, als den Sinnesrausch um eine Rückfallebene zu ergänzen, Wissenszuwachs etwa, völkerkundlichen zum Beispiel. Mal sehen, ob wenigstens das klappt.

Nach der Unterquerung einer Brücke biegt der Radweg rechts ab. Ich hege eine tiefe Abneigung gegen Extratouren für Radfahrer. Meine Aversionen gegen Radwege liegen nicht in den Radwegen selbst begründet, sondern in ihrer Qualität, Prioriät und Streckenführung – wobei gegen die Qualität hier zunächst mal nichts einzuwenden ist. Vor Jahren hatte ich mal so ein Erlebnis, das immer wieder als abschreckendes Beispiel taugt: Da wollte ich von Regenburg nach Deggendorf oder so. Das sind laut Google gut 76 km, wenn man die Autobahn nicht verwenden will. Für Autos! Für Radfahrer ist auch die B8 nicht nur über weite Strecken gesperrt – jedenfalls war das vor gut zehn Jahren noch so –, es gibt sogar Ersatz! Der heiße Tipp für alle, denen ohne Wenn und Aber der Weg das Ziel ist: der Donauradweg. Malerisch windet und knickt er sich durch Felder und um Grundstücke und lädt zur Entdeckung der Langsamkeit ein, zumindest in den Kurven. Auf jeden Fall verlängert er den Trip beträchtlich, und das mag wohl den meisten Benutzern willkommen oder zumindest egal sein, aber wer einfach nur von A nach B will, der gerät mit der Zeit in Rage, wenn er nicht schon vorher gewusst hat, dass alle Sekundärwege nach Rom länger sind als der direkte Pfad. Man geht eben einfach davon aus – die Radwegeplaner tun dies jedenfalls sehr verbreitet –, dass diejenigen, die nicht beliebig viel Zeit haben, natürlich kein Fahrrad nehmen, sondern Auto oder Bahn.

Zu den unsympathischen Erscheinungsformen, wie sie mir immer wieder begegnen, zählen Radwege auf nur einer Seite von Ortsdurchfahrten (vorzugsweise natürlich auf der anderen Seite, denn auf diese Weise ergeben sich gleich zwei Möglichkeiten für Rettungsdienste, Aufträge zu akquirieren) und Außenschlenker an Querstraßen, die nicht nur einen Umweg darstellen, sondern die neben der Hauptstraße verlaufenden Radwege zur Nebenstraße jeder Nebenstraße machen. Aber das ist alles nichts gegen den Vogel, den die Litauer hier abgeschossen haben: Dieser Radweg endet an einer Treppe! Herr, lass Hirn wachsen! Leute, ihr könnt mich mal, schickt meinetwegen eure Fußgänger hier entlang. Ich jedenfalls benutze jetzt wieder die Straße.

Für diese Frechheit werde ich kurz darauf gleich doppelt bestraft. Zuerst endet der moderne Asphalt. Er wird abgelöst durch eine Art Schotterpiste, wobei der Schotter nicht dominiert, sondern den sandig-lehmigen Untergrund nur am Wegrutschen hindert. Man kann darauf zwar fahren, aber die Rollreibung ist schon signifikant höher. Außerdem sind diesem Untergrund Rillen eingeprägt, als würden hier überwiegend Kettenfahrzeuge fahren. Aber Planierraupen und Panzer würden ein anderes, feineres Profil hinterlassen. Dies hier sind kleine Wellen mit einer Frequenz von vielleicht zehn pro Meter, ein, zwei Zentimeter tief. Wer nicht außerhalb dieses Auf und Ab fährt, empfindet ein wirklich lästiges Geruckel. Ich frage mich, wie das entstanden ist. Ich erinnere mich an einen Beinahe-Unfall bei meiner Fahrt durch das Schweizer Jura im Jahre 1999, als ich aus Frankreich zurückkam. Da gab’s eine Abfahrt, die recht flott war, und hinter einer Kurve fing unvermittelt ziemlich dicker Splitt an. Ich konnte gerade noch von 40 auf 30 abbremsen, da rauschte ich in den Kies. War es schon schwierig, sich auf dieser Unterlage überhaupt zu halten, so stand gleich noch eine Kurve an. Ich gab mir damals keine Chance, ohne Sturz zum Stehen zu kommen, hatte aber dennoch Glück. Der ganze Stress, der ja nur wenige Sekunden lang dauerte, aber dafür um so intensiver war, hatte mich nicht daran gehindert, ähnliche Wellen im Splitt zu erkennen. Ich schrieb dies damals der automatischen Bremssteuerung (ABS) einiger Fahrzeuge zu, die ständig zwischen Rollen und Bremsen umschalten, weil bei jedem Bremsvorgang das Rad auf Splitt sofort blockiert und ihn somit aufstaut. – Aber dieses Modell taugt hier nicht für eine Erklärung, da die Spuren kein Ende nehmen und die Straße kein Gefälle hat.

Das ist das Eine, und das Andere ist mein rechtes Auge, das mir plötzlich bei jedem Lidschlag weh tut. Ich probiere es zunächst damit, das Auge für eine Weile geschlossen zu halten. Aber das ist gar nicht so einfach; ich kann nicht den Kopf gerade halten, geradeaus schauen und eines der Augen entspannt geschlossen halten. Denn wenn ich es zukneife, bewegt sich das Lid doch über der Hornhaut des Auges, und das tut fast genauso weh, als würde ich zwinkern. Mir kommt die ganze Sache irgendwie bekannt vor. Die besagte Strecke von Regensburg nach Deggendorf war nämlich die Nachmittagsetappe einer Tour, die in Erlangen ihren Anfang genommen hatte. Kurz vor Regensburg muss mir damals auch was ins Auge geflogen sein, und da die Sache sich nicht beruhigte und verhältnismäßig schmerzhaft war, machte ich kurzerhand in der Augenklinik Station – jedenfalls habe ich das so in Erinnerung. Als ich dran kam, schaute sich der Arzt die Sache an und meinte: Ja, da steckt ein Insektenflügel im Auge. Lecker! Aber die Sache nahm von da an einen harmlosen Verlauf. Er sprühte mir ein Betäubungsmittel aufs Auge, und wenig später entfernte er den Fremdkörper mit der Pinzette. Nach vielleicht einer halben Stunde konnte ich die Fahrt fortsetzen, und auch als das seltsame Gefühl im Auge (die Betäubung) wieder nachließ, hatte ich keine Schmerzen mehr.

So könnte ich das jetzt auch gebrauchen – vorausgesetzt, es ist der gleiche Befund, und ich finde einen Augenarzt mit vergleichbarer Qualifikation und Ausrüstung. Was die erste Bedingung angeht, so bin ich mir verhältnismäßig sicher. Was das Finden eines Augenarztes angeht, mache ich mir dagegen keine Illusionen. Erstens müsste ich entweder nach Klaipėda zurück oder in eine andere größere Stadt (und davon wimmelt es in Litauen nicht gerade), und zweitens müsste ich wissen, was Augenarzt auf litauisch heißt. Ich kann ja kein Wort litauisch, und bisher habe ich noch bei keinem gelesenen Wort eine Analogie zu romanischen oder angelsächsischen Sprachen entdecken können. Und die Augenärzte nageln ja nicht, wie sich mancher Handwerker die Abbildung eines typischen Werkzeugs oder Produkts über die Ladentür hängt, die Abbildung eines Auges an ihre Pforte. Es bestätigt sich die alte Weisheit: Wer lesen kann (und versteht, was er liest), ist klar im Vorteil. Mir bleibt nur die Hoffnung, dass sich das Problem irgendwie von alleine löst. Aber wenn ich bedenke, dass Insektenflügel aus Chitin bestehen, dann steht mir eine »zähe Verdauung« bevor. Angeblich sollen Säugetiere Chitinasen, also Chitin abbauende Enzyme, synthetisieren, weil die gegen den Befall mit pathogenen Pilzen helfen, da diese wiederum in ihren Zellwänden Chitin verbauen. Na, da kann ich ja nur hoffen, dass mein Immunsystem auf diesen Trichter kommt und Pilzbefall am Auge diagnostiziert. So, wie’s jetzt ist, sollte es jedenfalls nicht lange bleiben.

Blauer Wachtelweizen

Der weitere Weg über die Dörfer ist unspektakulär. Einzig erwähnenswert ist, dass er keineswegs geradlinig verläuft, sondern in teilweise extremen Zickzacklinien. Wenn ich von vornherein die Hauptstraße über Kretinga (Krottingen) genommen hätte, wäre ich wahrscheinlich trotz eines möglichen (!) Umwegs viel schneller voran gekommen. Jedenfalls verleiht mir das Erreichen der E272 bei Kartena einen Schub, auch wenn nicht die gesamte Strecke bis dorthin unbefestigt gewesen ist. Aber hinterher ist man immer schlauer.

Das flotte Fahren hat nach zehn Kilometern schon wieder ein Ende. Erst macht die Straße einen Schlenker (dem ich folge), dann ich (dem die Straße nicht folgt) – indem ich nach Norden abbiege. Ein paar Kilometer entfernt soll es hier einen Nationalpark oder so etwas Ähnliches geben, und wenn die hier schon so dünn gesät sind, und wenn ich schon einfach so stracks durchs Baltikum eile, dann will ich mir davon wenigstens einen Eindruck verschaffen. Also verlasse ich die Hauptstraße, überquere eine Eisenbahnlinie und komme dann nach Šateikiai. Das Dorf beginnt zunächst recht unauffällig. Aber dann kommt die Sonne durch, die sich den ganzen Tag über ziemlich rar gemacht hat – dafür war der ausgiebige morgendliche Regen allerdings auch der letzte, und für solch günstige Umstände nehme ich bedeckten Himmel noch ganz gern in Kauf –, und macht das Unscheinbare bemerkenswert. In Norwegen ist mir 1996 zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, was eine tief stehende Sonne bewirkt, wenn einzelne ihrer Strahlen den Weg unter eine nahezu geschlossene und daher abdunkelnde Wolkendecke finden. Es waren wirklich banale Dinge – eine kleine Wiese, ein unbewohntes Häuschen, vielleicht sogar nur ein Stall mit rostrotem Dach –, die mir im grauen Einerlei niemals aufgefallen wären. Aber ein einzelner Sonnenstrahl erzeugte gewissermaßen einen Spot, und dieser leuchtete dann gleichsam, gewiss nicht heller als an irgendeinem klaren Tag, aber es war kein klarer Tag, sondern eine kurze Pause zwischen zwei in ihrer Häufigkeit zermürbenden Schauern, und längst nicht jede »Wiederaufladephase« der Wolken reichte der Sonne zum Bodenkontakt. Die Lichtintensität betrug also, wie das unter bedecktem Himmel zu sein pflegt, höchstens ein Zehntel derjenigen bei Sonnenschein, vielleicht, da bei sehr spitzem Winkel zwischen Strahl und oberer Wolkenfläche die Reflexion noch viel wirksamer ist, gar nur ein Hundertstel. Das Auge gewöhnt sich an diese Dämmerung (ein Fotoapparat natürlich nicht), aber die Konstraste schwinden, und was einem Menschen an visuellen Eindrücken entgeht, das merkt er erst so richtig, wenn sich die Sonne auf die beschriebene spektakuläre Weise in Erinnerung ruft.

bei Sateikiai

Hier freilich steht die Sonne noch nicht so niedrig, und die Wolkendecke wird gleich an mehreren Stellen löchrig. Das macht aber nichts; ich genieße die Landschaftsbilder dennoch.

In der Dorfmitte macht die Straße einen Knick nach links. Rechterhand wird ein Dorfteich sichtbar, ein richtiger kleiner See sogar, vielleicht 200 Meter lang. Über eine Schleuse fließt unter der Straße hindurch Wasser ab. Am Ende des Sees biegt die Straße erneut links ab. Auf der linken Seite taucht eine Kirche auf, die mir für die Verhältnisse dieses Dorfes einigermaßen imposant erscheint. In einer Stadt würde sie nicht weiter auffallen, aber wenn man sich überlegt, wie viele Menschen in ihrem Einzugsgebiet wohl leben mögen, dann dürfte das eine teure Immobilie gewesen sein. Rechts endet der Ort in einem Waldstück, links setzt sich die Besiedlung hinter der Kirche noch ein paar Hundert Meter fort, bis eine Landstraße erreicht ist. Ich biege scharf rechts ab, einen halben Kilometer später scharf nach links, diesmal wieder auf einen unbefestigten Weg, und dann geht’s erst mal geradeaus. Die Landschaft ist interessant: Die Äcker sind mit lauter kleinen Wildinseln besetzt, kleinen Niederungen, wie sich erweist. Die Oberfläche macht den Eindruck, als sei über eine unebene Fläche ein großer Hobel gefahren, und dort, wo er Material abgetragen, also eine Ebene hinterlassen hat, wird jetzt der Boden bestellt, und weil der Hobel kein weiteres Mal kam, um die Ebene bis zu den niedrigsten Punkten der Senken abzutragen, sind sie bestehen geblieben.

Plateliai-See im Zemaitija-Nationalpark

Nach gut 20 Minuten kommt ein erneuter Knick in Richtung Osten, und nach noch mal derselben Zeit bin ich in Plateliai, einem etwas größeren Dorf an der Grenze des gleichnamigen Sees innerhalb des Žemaitija-Nationalparks. Hier nun also gilt es mit wachen Sinnen aufzusaugen, was die Gegend mit so illustren Adressen wie dem Grand Canyon, dem Yellowstone, den Redwoods oder dem Yosemite vergleichbar macht. Aber mit diesem Anspruch sollte ich wohl nicht als Tourist kommen, als jemand, der die visuellen Reize sucht. Dafür wäre es sicherlich besser herauszuarbeiten, was diese Landschaft innerhalb Litauens einzigartig macht, wie viele Pflanzen- und Tierarten hier leben, oder sonstige unscheinbare Kriterien zu ergründen. Das wäre überhaupt mal eine interessante Überlegung: ob Nationalparks in erster Linie für die Touristen oder den Tourismus oder für die davon eingegrenzte Natur geschaffen werden. Vielleicht lautet die Antwort auch gar nicht überall gleich. Sicher ist, dass es Schutzgebiete gibt, in die Besucher kaum oder überhaupt nicht hinein dürfen. Ebenso sicher ist aber auch, dass es Landschaften gibt, die zwar atemberaubend schön sind, in denen aber kaum etwas durch Fußgänger nennenswert beschädigt werden kann, wo also die Interessen der Besucher anscheinend Vorrang haben.

Plateliai-See im Zemaitija-Nationalpark

Im Dorf geht es geradewegs auf den Plateliai-See zu. Ungefähr einen Kilometer vorher muss man sich an einer Kreuzung entscheiden, ob es links herum oder am südlichen Ufer vorbei sein soll. Ich will am Nordufer entlang fahren, denn ich will den See auch wirklich sehen – was mir auf der südlichen Route nicht ganz so gewiss erscheint. Da das Dorf etwas oberhalb des Sees liegt, fällt die Straße geringfügig ab. Ich mache mir für ein paar Sekunden erste Gedanken darüber, wo ich wohl heute die Nacht zubringen werde.

Nach dem erneuten Schwenk nach rechts, d.h. Richtung Osten, wird tatsächlich der Plateliai-See sichtbar. Nicht schlecht, sehr ruhig gelegen, mit ein paar kleinen Inseln, vor längerer Zeit glazial geglättet, kein starker Verkehr rundherum und keine Motorboote im Wasser, nur zwei Jungs, die in einem Schlauchboot sitzen und angeln und wahrscheinlich nicht wissen, was sie daran haben, dass das Ufer (noch?) nicht von Wochenend- oder Bootshäuschen jener Menschen besetzt ist, die anderswo leben und ihr Geld verdienen und dann und wann hier Sauberkeit und Ruhe suchen – und auf dem Weg hin und zurück nebenher Schmutz und Lärm verbreiten. Das ist eine durchaus schützenswerte Gegend. Wie lange wird das wohl noch so sein?

Abenddämmerung bei Alsedziai/Aledschen

Der Nationalpark ist für die Ansässigen kein Heiligtum. Es gibt auch hier Landwirtschaft und vereinzelte Häuser, aber das alles macht nicht den Eindruck, als setze es der Natur über Gebühr zu. Andererseits besteht der Park praktisch nur aus dem See und dem im Osten an ihn angrenzenden Wald, d.h., ich fahre über mehrere Kilometer durch den Wald, hin und wieder mal an einem kleinen Feld entlang, über leichte Hügel in sanften Kurven – bis es sich landschaftlich wieder aufhellt, also die Landwirtschaft die Oberhand über die Forstwirtschaft gewinnt, und Alsėdžiai (Aledschen) näher kommt. Die Sonne ist gerade untergegangen, und deshalb schaue ich mir das 1000-Seelen-Dorf etwas genauer an im Hinblick auf mögliche Übernachtungsplätze. Aber viel ist da nicht. Und das, was es gibt, ist entweder 3. Klasse – die kommt für mich um diese Uhrzeit jedoch noch nicht in Betracht –, oder ich entdecke es nicht. Auch scheint der Sonnenuntergang das allgemeine Signal zum Aufbruch nach Hause gewesen zu sein, mit anderen Worten: Auf der Straße ist fast nichts los; ich sehe kaum einen Menschen. Vielleicht hat ja das Abendfernsehprogramm bereits begonnen; so funktioniert das jedenfalls in vielen Dörfern Deutschlands, nicht nur in der dunklen Jahreszeit.

Also fahre ich weiter und halte direkt auf Telšiai (Telschen) zu. Im Grunde war dies ja auch mein Ziel, aber für ein gutes Quartier hätte ich es fallen gelassen. Da ich den direkten Weg wähle, muss ich wieder mit einem Fahrweg mit dem bereits beschriebenen, eingebauten Rütteltest vorlieb nehmen. Ich hoffe mal, dass sich so schnell keine Schrauben lösen.

Nach einiger Zeit kommt die Überquerung der E272, und von da an ist die Straße wieder asphaltiert; immerhin ist dies eine der drei maßgeblichen Anbindungen der Stadt an den Fernverkehr. Kurz darauf fahre ich auf einen Bahnübergang zu. Die Signallichtanlage verrät mir einen nahenden Zug, der Himmel die nahende Dunkelheit. Es wird wohl wieder so ein Diesel- oder Ölzug sein; die Litauer müssen den größten Teil ihrer Energie importieren, und offensichtlich haben sie keine Pipeline ausreichender Kapazität – was ja auch kein Wunder ist, denn schließlich ist es ein Land im Aufbruch, und da steigt normalerweise der Energiehunger. Der wird sich noch zusätzlich vergrößern, sobald Litauen sein Versprechen einlöst, das abzugeben Voraussetzung für den Beitritt zur EU war, nämlich die Stilllegung ihres einzigen Nuklearreaktors, der zwar den größten Anteil an der Stromproduktion ausmacht, aber so ähnlich wie der Unglücksreaktor in Tschernobyl konstruiert ist.

Das Gleis ist in Richtung Osten über einen Kilometer weit einsehbar. In der Ferne werden die Lichter des Güterzugs sichtbar. Wisst ihr, Leute … – nach einem kurzen Rundumblick fahre ich entschlossen weiter. Die Straße hat hier einen separaten Fahrradweg, sozusagen bereits im Dunstkreis der Stadt. Als ich mich 500 Meter später noch mal umdrehe, ist der Zug noch immer nicht am Bahnübergang angekommen.

Telšiai dehnt sich über einige Quadratkilometer aus und ist durchaus städtisch dicht besiedelt. Hier nun muss es auf jeden Fall sein. Viel Resthelligkeit ist nicht mehr auszumachen. Natürlich hat das auch Vorteile, weil nicht mehr so viele Menschen auf der Straße sind wie vielleicht noch vor zwei Stunden, aber Stadt bleibt Stadt – da ist bis spät in die Nacht noch was los. Außerdem kann dort, wo jetzt bereits Ruhe eingekehrt ist, im Gegenzug morgen früh bereits vor Tau und Tag das rege Leben herrschen. Ich muss in Osteuropa einen gegenüber Mitteleuropa vorgezogenen Tagesrhythmus unterstellen – schließlich wird es hier auch zeitiger hell.

Ich bewege mich entlang der Hauptstraße. An einer Ampelkreuzung erscheint mir der Weg nach Süden einen Versuch wert. Aber das Gebäude, das mein Interesse geweckt hat, erweist sich dann doch als zu öffentlich einsehbar; da ist nichts zu machen. Ich kehre wieder auf die Hauptstraße zurück. Es geht einen Hügel hinauf. Auf der Kuppe ist der gesamte Straßenverlauf in beiden Richtungen gut einsehbar. Die folgenden Gebäude auf der rechten Seite stehen nicht mehr geschlossen, und die Strecken dazwischen sind nicht mit Zäunen oder Mauern versperrt, also kann ich mir die rückwärtigen Seiten ansehen. Gleich beim ersten Haus, das aussieht wie ein Elektrogerätehandel, habe ich Glück: Auf der Rückseite finde ich eine völlig vom Straßenverkehr abgeschirmte Bucht, die begrenzt wird von einem Haus, das aussieht, als werde es nicht mehr genutzt, jedenfalls ist es kein Wohnhaus, und die Fenster sind entweder vernagelt oder von innen verhängt, und eben von diesem Geschäft bzw. von dessen Lieferantenzugang. Dort finde ich sogar eine ca. anderthalb Meter hohe, überdachte Rampe, habe also den gewünschten Wetterschutz, wuchte mein Fahrrad hinauf und breite mich zur Nacht aus. Wenn die Leute in dem einzeln gegenüber stehenden Wohnhaus, das ungefähr 50 Meter entfernt ist, mich sehen sollten, dann müssen sie das mit sich ausmachen; das ist mir um diese Uhrzeit auch egal.

13. Juli 13. Juli15. Juli 15. Juli