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11. Juli 11. Juli13. Juli 13. Juli

12. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Natürlich werde ich auch in dieser Nacht hin und wieder mal kurz wach. Bei einer dieser Gelegenheiten bemerke ich beachtlichen Niederschlag. So ein Vordach ist doch eine feine Sache. Das Umdrehen unter diesen Umständen ist etwas anderes als zu Hause auf der Federkernmatratze mit 1,60 m Breite. Aber das sind nur Sekunden, und diese sind es nicht, die mich liegen bleiben lassen, als ich bei einer dieser Episoden das Morgengrauen registriere. Später werde ich erneut wach, und die Restmüdigkeit wirkt erträglich, so dass ich einen Blick auf die Uhr riskiere. Halb sieben, sagt das Zeiteisen; unten, an der Straße, gehen gelegentlich Fußgänger vorüber. Es ist Samstag, Leute! Ihr könnt ausschlafen. Ihr müsst mich doch nicht so früh am Tag schon in Zugzwang bringen. Zwar sieht das Gebäude auch bei Tageslicht nicht besonders vertrauenswürdig aus, bei näherer Inspektion des Betondaches über mir stelle ich zudem fest, dass es nicht über seine gesamte Fläche Schutz gegen den Regen geboten hätte. Dann fällt mir wieder ein, dass die Uhr hier eine Stunde gegenüber der Mitteleuropäischen Zeit vorgeht, natürlich auch während der Sommerzeit, und dass es folglich bereits halb acht ist. Na gut. Nachtruhe beenden!

Ich beschließe, mir ein russisches Müsli zuzubereiten. Gesagt, getan. Die Haferflocken in der Milch wirken wie kleine Holzspäne. Ob sie wohl auch so schmecken? Ich schneide noch einen oder zwei Äpfel hinein und probiere die Komposition danach. Äks, was für ein Zeug! Die Milch ist sauer, und die Feststoffe scheinen tatsächlich aus dem nächsten Sägewerk zu kommen. Wie kann man so was essen?!

Gänse mit Küken

Was mache ich nun damit? Tapfer sein? Nein, lieber nicht. Ich fische die Obststückchen wieder heraus, esse also Äpfel ohne Müsli, und kippe den Rest seitlich neben die Treppe. Es dauert gar nicht lange, da haben Hühner die Leckerbissen entdeckt und machen sich munter drüber her. Na, wenigstens kommt nichts um. Es ist schon erstaunlich, wie frei hier das Federvieh herumläuft. Weder gerät es unter die Räder noch in des bösen Nachbarn oder sonst eines Diebes Pfanne. Dafür weidet es im ganzen Dorf. Das nenne ich glückliche Hühner. Von Tschernjachowsk (Черняховск, Insterburg) her kommen drei Gänse angewatschelt. Sie haben unglaublich die Ruhe weg, sogar beim Sondieren der Umgebung. Als sie etwas näher heran sind, kann ich ein Küken erkennen, das unter der Obhut der mutmaßlichen Eltern und Tanten die Welt entdeckt. So für sich genommen, ohne die Beleuchtung künftiger »Karriereschritte«, gibt dies eine perfekte ländliche Idylle ab.

Was lerne ich aus dem missratenen Frühstück? Milch wird per Dekret ab sofort immer gleich nach dem Kauf komplett ausgetrunken. Das hat zwar in der Vergangenheit bei einem Liter fast immer einen schweren Bauch gegeben, aber entweder ich lasse die Milchkäufe, oder ich mache es so. Und die »Sägespäne« werden künftig am Abend vor dem Verzehr gewässert. Diesen Versuch sind die Restbestände allemal noch wert. So schwer ist das Quetschkorn ja nicht.

Jetzt wäre es nicht schlecht, Schalen und Schüsseln etwas auszuwaschen. Wo steckt doch gleich noch mal das Spülmittel? Ich durchforsche meine Lenkertasche. Schließlich gehört so was zum täglichen Bedarf. Stattdessen fördere ich den Brustgurt meines Pulsmessers zutage. Ach, das war doch wieder so eine Schnapsidee kurz vorm Aufbruch! Da lag mir das Teil im Wege, und so habe ich es kurzerhand eingepackt. Jetzt expediere ich es mit derselben Entschlossenheit in den Bodensatz der hinteren Packtaschen, dorthin also, wo ich wahrscheinlich nur wenige Male während der Fahrt etwas suchen oder hervorkramen werde. Dieser Entschluss hat zwei Gründe: Erstens versuche ich natürlich – bei aller Bodenständigkeit und »Naturnähe« meines Reisestils –, Unannehmlichkeiten zu vermeiden, und es gehört definitiv zu den weniger liebgewonnenen Erfahrungen, sich morgens ein kaltes Stück Plastik um den Brustkorb zu schnüren. Aber mit etwas Disziplin und dem Wissen, dass sich dieses Gefühl nach einer Minute gelegt hat, könnte man diesen Einwand noch zur Seite schieben. Zweitens jedoch misst das Teil den Puls, solange ich es trage und das Fahrrad bewege, egal, ob ich es gerade schiebe oder einen steilen Berg hinauf fahre. Und ich weiß z.B. nicht, ob es die Werte aus dem Stillstand in die Mittelwertbildung einfließen lässt oder nicht. Kurz: Ich kann mit den Messergebnissen nicht so richtig was anfangen. Und dass dann, wenn es mal für ein paar Minuten oder länger steil bergauf geht, der Puls die 150er Grenze überschreitet, weiß ich auch ohne diese Messung. Die Pulsmessung ist ganz klar aufs Training ausgerichtet, und während solcher Ertüchtigungen hält man nicht eben mal an, um sich eine Tafel Schokolade einzuverleiben, sondern fährt, bis das Training vorüber ist. Da kann es dann sinnvoll sein aufzupassen, dass der Herzschlag bestimmte Grenzen nicht über- bzw. unterschreitet, oder auf den Durchschnittswert zu achten. Hier nicht.

Aber es ging eigentlich um das Spülmittel. Ich kann es nicht finden, nirgends. Ach, jetzt erinnere ich mich: Im letzten Telefonat mit Grieben, das ich in Polen führte, hieß es, ich hätte eine kleine Plastikflasche stehen gelassen. Hm, jetzt weiß ich zumindest, was das für eine war. Aber meine Haarwäsche habe ich auch nicht gefunden. Sollte die etwa auch…? Das ist ein ganz klarer Kandidat für die Einkaufsliste.

Eine Herde Schafe – diese immerhin in Begleitung – zieht durch »mein Wohnzimmer« und hinterlässt jede Menge Dreck. Inzwischen habe ich fast alles eingepackt und kaue irgendwelchen Ersatz für das entgangene Müsli. Da tritt ein Mann auf die Szene, macht erst Anstalten, zur östlichen Stirnseite des Gebäudes zu gehen, biegt dann jedoch, als er sie gesehen hat, ab und geht stracks auf mich zu. Er will wissen, wie spät es ist. Oh je, also, die vollen Stunden kriege ich ja noch hin, und eine Bahnhofsdurchsage à la »8 Uhr und 35 Minuten« geht auch noch, aber so ein lockeres »halb neun« – das wird nichts. Hinzu kommt die kleine Zeitkorrekturarithmetik. Die Erhöhung um eine Stunde überfordert mich glatt. Ich bringe etwas heraus, halte ihm meinen Arm hin, damit er die Uhr sieht, und stottere etwas von »Berliner Zeit«. Woher, bitte, soll ich denn wissen, was »Mitteleuropäische Sommerzeit« auf russisch heißt? Er ist jedoch nun anscheinend im Bilde über das, was er wissen wollte. Ich habe den Eindruck, es kam ihm nur auf die Minuten an, und der Eindruck verstärkt sich, als weitere Leute kommen und sich schließlich erweist, dass auf der Ostseite meiner Herberge ein Magasin residiert. Dorthin geht man nicht zur völlig falschen Zeit. Wenn man dahin geht, und der Laden ist geschlossen, dann will man nur wissen, ob sich das Warten lohnt, oder ob noch irgendwas anderes in der Zwischenzeit erledigt werden könnte.

Obwohl ich eine »Einkaufsliste« habe, kann ich mich nicht entschließen, diese gleich hier abzuarbeiten. Das liegt daran, dass dies kein Selbstbedienungsladen ist. Das Thema hatten wir gestern schon. Also schwinge ich mich in den Sattel und fahre los. Es geht zunächst in Richtung Nordwesten, und ein deutlicher Wind aus Richtung Westen lässt mich ahnen, was das nachher wird, wenn ich vorübergehend sozusagen wieder gen Heimat fahren werde. Die Strecke bis Salesje (Залесье, Mehlauken, Liebenfelde) gibt nicht viel her: kleine, unscheinbare Dörfer.

In Salesje gibt es einen Dorfladen nach meinem Geschmack. Obwohl ich erst gestern mit einer dicken Tüte aus einem Geschäft gekommen bin, mache ich auch hier voluminöse Einkäufe. Allerdings ist der mit Abstand schwerste Posten wieder einmal Wasser. Vorsichtig nähere ich mich jedoch auch der russischen Pralinerie. Zu testen sind die Qualität der Schokolade und das Preis-Leistungsverhältnis. In den Korb kommt z.B. ein Honigkuchen, nicht gerade ein klassischer Posten. Aber die Verpackung ist viel versprechend, und drum riskiere ich es.

Nicht nur im Laden, sondern auch davor findet Dorfgespräch statt. Irgendwo habe ich mal gelesen oder gehört, zwei Drittel der menschlichen Kommunikation seien völlig frei von Informationsaustausch. Man erzähle sich dabei Dinge, die schon allerseits bekannt seien – nicht, um sie wieder aufzufrischen, sondern weil das Reden an sich eine soziale Bedeutung habe. Natürlich kann ich das gerade hier nicht beurteilen, denn ich verstehe kaum ein Wort und erkenne keinerlei Zusammenhang. Aber warum sollten die Russen auf einer so grundlegenden Ebene anders ticken als andernorts?

Eine alte Frau, die kaum noch Zähne im Mund hat und in ein endlos anmutendes Übereinander von Schürzen und Röcken in blassen Farben und immer wieder ähnlichen Mustern gehüllt ist, ein Kopftuch dazu, hat eine Schnur um den Hals hängen, an deren Ende ein Handy baumelt: Nokia, auch in Russland auf dem Vormarsch. Was für ein Bild – die älteste Generation mit der jüngsten Computertechnologie! Sicher, sie wird mit dem Telefon keine Fotos machen, selbst wenn das Gerät es können sollte. Sie wird keinen Terminkalender pflegen und keine SMS verschicken, aber vermutlich werden ihre Enkel ihr einen aufdringlichen Klingelton installiert haben. Nur wird sie gerade nicht angerufen. Also kann ich das nicht mit Sicherheit sagen.

Dort wird’s dann allerdings ernst. Ich kann nicht sagen, dass es ein regelrechter Kampf gegen den Wind ist, aber es ist ein redliches Bemühen, und der Luftzug von vorn duldet keine Tagträume. Vom Tempo vergangener Tage bin ich weit entfernt. Bis wohin ich es unter solchen Umständen heute wohl noch schaffe? Die Strecke ist auch hier nicht atemberaubend. Man muss auf jede Kleinigkeit achten. Da ist das Werbeplaket irgendeines Telekommunikationsunternehmens, das Mobiltelefonieren für neun Kopeken die Minute anbietet. Warum machen die das eigentlich nicht gleich kostenlos? Neun Kopeken – das sind 0,25 Cent! Da ist ja der Strom fürs Ladegerät teurer. Und da ist kein Haken dabei? Wer weiß, im Vertrag gibt’s bestimmt Kleingedrucktes.

Entlang der Straße fallen mir Angler auf. Es ist schwer zu sagen, ob sie Fische fangen oder Ruhe finden wollen, jedenfalls sitzen sie zum Teil an den kleinsten Pfützen. Ich kann mir kaum vorstellen, dass dort mehr als ein paar Kaulquappen zu fangen sind. Aber sie sitzen eben da und lassen den Samstag verstreichen. Ich habe den Verdacht, die sitzen am Montag genauso da. Wenn es allerdings so wäre, so ließe sich immer noch die Urlaubssaison geltend machen. Es gibt hier sicherlich kein mit deutschen Verhältnissen vergleichbares Arbeitslosengeld. Und diejenigen, die im eigenen Haus auf eigenem Hof einen auf Selbstversorger machen, die müssen sich eben selbst versorgen; und das funktioniert nicht, indem man abends lediglich ein paar Dutzend Elritzen mit nach Hause bringt. Außerdem kommt auch in Russland der Strom nicht aus der Wand, sondern muss mit Geld bezahlt werden… Also, irgendwoher muss jeder sich von Zeit zu Zeit ein paar Hundert, nein, eigentlich ein paar Tausend Rubel besorgen, damit das Leben weitergeht.

In Polessk (Полесск, Labiau) ist mal wieder Zeit für eine Verpflegungspause. Rechts der Straße beginnt so etwas wie ein kleiner Park, nicht sehr einladend wegen der total klobigen, aber garantiert vandalismussicheren Tische und Bänke aus massivem Beton – ja, gut, beschmutzt könnten sie noch werden, und genügend Kleinmüll liegt trotz der vorhandenen, jedoch mittlerweile übergequollenen Papierkörbe auch herum, aber man will ja nicht gleich die Rabauken rufen: »He, hier ist noch was brauchbar, das könnt ihr gleich mal kaputt machen!« Was hier unordentlich aussieht, macht eher den Eindruck der Gedankenlosigkeit als des Vorsatzes.

Ich breite meine verderblichsten Vorräte aus und beginne mit der Fütterung. Derweil studiere ich die Leute an anderen Tischen, die wegen des recht lichten Blätterdachs über uns leicht zu beobachten sind. Aber so viel passiert da nicht. So fällt mein Blick auf all die Hinterlassenschaften früherer Besucher zu meinen Füßen. Und dabei sticht mir ein Kronenverschluss ins Auge, ein kleines Blechstück, das sonst ja nichts Besonderes ist: ОСТМАРК steht da drauf. Ein Unbedarfter könnte dies wieder als lateinische Zeichen interpretieren und dann so etwas wie »Oktmapk« lesen – wobei die Buchstabenfolge »pk« im Deutschen wohl nur an den inneren Fügestellen von Komposita vorkommt. Ostmark – das kann man nun drehen und wenden, wie man will, jedenfalls ist das kein lupenreines Russisch. Dass die Aufschrift etwas mit der alten DDR-Währung zu tun hat, glaube ich dabei weniger. Aber wo war oder ist die Ostmark, der Grenzbereich im Osten? Hier im alten Ostpreußen? Ich schaue genauer hin: »Seit 1910« lese ich unterhalb der kyrillischen Buchstaben. Damals konnte sich Königsberg mit einem bisschen guten Willen noch als Grenzstadt begreifen, auch wenn es z.B. bis Tilsit/Memel oder zu jeglichem anderem Punkt im ostpreußischen Grenzverlauf doch immerhin mindestens knappe 100 km waren. – Einerlei, ich registriere das Kuriosum, dass praktisch unter den Augen der russischen Behörden sozusagen Restauration der verschärften Art betrieben wird, denn wenn diese Region hier überhaupt Grenzregion ist, dann doch wohl eher Westmark, jedenfalls aus russischer Sicht (auch wenn diese mit den Begrifflichkeiten Karls des Großen wahrscheinlich nicht so viel anfangen kann); die Ostsee heißt hier ja auch nicht Ostsee, sondern Baltisches Meer. Und dass die Russen Ostpreußen an die Deutschen zurückgeben wollten, davon habe ich nun wirklich noch nichts gehört.

russisch-orthodoxe Kirche bei Polessk/Labiau

Im nördlichen Teil von Gurjewsk (Гурьевск, Neuhausen) verlasse ich die Hauptstraße nach Norden, um nicht erneut durch Kaliningrad (Калининград, Königsberg) fahren zu müssen. Am Ortsrand biegt eine Straße in Richtung Westen ab. Diese soll es sein. Kompass und Navigationscomputer sind doch wunderbare Erfindungen, denke ich mir, jedenfalls sind sie bei bewölktem Himmel ungemein nützlich, wenn man plötzlich für Minuten weit und breit der einzige Mensch auf der Straße ist, ja, wenn man sich zuweilen nicht einmal so richtig sicher ist, dass dies eine Straße ist und nicht lediglich ein Weg ins Nirgendwo. Dummerweise verläuft die Straße eher im Zickzack als in »rein« westlicher Richtung. An jedem Abzweig kann bzw. muss ich mich entscheiden, was wohl richtig ist, denn im »langjährigen Mittel«, also bei genügend Abwechslung, passen beide Richtungen. Die Karte kann mir bei diesen Details nicht mehr assistieren, der Navi natürlich erst recht nicht.

Nach einigen Minuten erreiche ich einen kleinen See. Ein kleiner Fluss ist hier aufgestaut, die Gurjewka. Am See angeln einige Leute, an einer anderen Stelle baden welche, und auf der anderen Seite, dort, wo unterhalb des Auslasses aus dem Stausee der Fluss als solcher erkennbar wird, sind wieder andere Grüppchen mit dem Unterhalt eines Grills beschäftigt oder begehen auf sonst irgendeine Weise den Samstagnachmittag. Ja, baden wäre jetzt vielleicht gar nicht das Verkehrteste, aber erstens will ich heute noch entschieden weiter vorankommen, zweitens ist meine Badehose irgendwo ganz tief unten im Gepäck, und drittens ist kein einziger Mensch nackt zu sehen. Ich wäre also heute der Erste, der hier FKK praktiziert. Ich weiß ja nicht, wie die Russen in dieser Region so drauf sind. Vielleicht sind sie liberal – aber dann würden sie das wohl selbst praktizieren –, vielleicht aber auch, zumindest in dieser Hinsicht, wahre Sittenwächter. Da riskiere ich lieber nichts.

Ich nähere mich einem Gelände, das so aussieht wie eine Zementfabrik. LKW fahren ein und aus, und die Staubfahnen ziehen weit übers Land. Freilich ist nicht auszumachen, ob der Staub von den Ladungen kommt oder vom unbefestigten Weg. Klar, der Bauboom in Kaliningrad muss von irgendwoher befeuert werden. Vielleicht von hier aus.

Ich umfahre ein kleines Waldstück und gelange auf eine Hauptstraße. Hier geht’s nur links oder rechts rum. Ich entscheide mich für links, kurbele eine leichte Anhöhe hinauf und finde mich nach knapp zwei Kilometern unversehens wieder auf dem Stadtring. Auf dem war ich gestern Vormittag schon, freilich an anderer Stelle. Ich folge ihm einige Kilometer, links die Stadtrandsiedlungen im Blick, von vorne und hinten lebhaften Verkehr, und als ich den Ring wieder verlasse, fällt mir das erste Mal auf, dass ich den Gegenwind eingetauscht habe gegen eine bemerkenswerte Blechkolonne. Das Samland muss ja spektakulär sein, wenn dahin so viele wollen. Zumindest die Landschaft, von der aus man die Küste bzw. die Ostsee noch nicht sehen kann, sieht genauso aus wie bei Tschernjachowsk; die allgegenwärtige Brache, die im Frühling bestimmt wunderbar blüht, kann es also nicht sein, die die Leute lockt.

Südlich von Pionerski (Пионерский, Neukuhren) zweigt die Straße, die mittlerweile wieder ziemlich genau in Richtung Westen verläuft, nach rechts ab. Hier kann man direkt zu den nördlichen Highlights der Halbinsel abbiegen. Und für den Fall, dass jemand einen Mangel an Kartoffeln oder Vitaminen verspürt, hat sich die versammelte Kleingärtnerei von Kaliningrad um diesen Abzweig versammelt und bietet feil, was Beet und Furche hergeben. Was man hier allerdings nicht erhoffen sollte, ist ein Schnäppchen. Wer tanken und fahren kann wie ein Passatfahrer, der soll auch Obst bezahlen wie ein Passatfahrer. Die Kirschen in Deutschland sind zuweilen billiger, stelle ich entsetzt fest, zumindest mein Ausflug nach Kalchreuth verlief Anfang Juli günstiger. Damals gab’s das Kilo Süßkirschen für drei Euro. Hier sollen es 120 Rubel sein (das sind 3,33 Euro). Bei den Schattenmorellen ist die Diskrepanz sogar noch deutlich größer. Die gab’s in Erlangen für das halbe Geld, und hier sind sie teurer als die Süßkirschen. Leute, ihr habt bestimmt genügend Kundschaft. Ich begnüge mich mit einer kleinen Tüte.

Tüte – das ist mein Stichwort. Die Tüte, namentlich die so genannte Plastiktüte, ist das Hauptverpackungsmittel der Russen. Vor einiger Zeit hat mir ein Kollege erzählt, täglich würden auf der Erde fünf Milliarden Plastiktüten hergestellt; das sei doch eine unglaubliche Verschwendung. Und das Schlimmste sei, dass die Chinesen pro Tag und Kopf im Durchschnitt fünf Tüten verbrauchten. »Mein lieber Kollege, lass dir gesagt sein, dass in diesem Fall allein die Chinesen über sechs Milliarden Tüten pro Tag verbrauchen würden. An deiner Rechnung kann etwas nicht stimmen.« – »Ja, mag ja sein, vielleicht sind es weltweit ja sogar zehn Milliarden.« – »Na, wir wollen doch nicht zu sehr spekulieren.« – »Aber findest du nicht auch, dass das unglaublich viel ist? Fünf Tüten am Tag! Ich meine, was da für Material verschwendet wird…« – »Lieber Kollege, wie viel Rohöl steckt in deinen fünf chinesischen Plastiktüten?« – »Keine Ahnung« – »Und wie viel Rohöl steckt in dem Benzin, das du täglich allein auf dem Weg zur Arbeit und zurück verbrennst?« – »…« – Und so weiter. Plastiktüte ist nicht gleich Plastiktüte. Ich weiß noch, dass ich 1991 Stammkunde beim Pennymarkt war, der in München zwei Stockwerke unter mir residierte. Das war ein echter Einkauf der kurzen Wege – zumindest, was mich als Kunde anging. Ich kann gar nicht mehr sagen, ob Penny damals seine Tüten schon verkaufte, oder ob’s die noch gratis gab. Jedenfalls hatte ich eine solche Tüte, und die benutzte ich immer wieder, und die hielt ungelogen ein volles Jahr durch. Dafür war sie auch aus sehr strapazierfähigem PE und für heutige Verhältnisse ziemlich dick. Solche Tüten bekommt man heute höchstens noch für Gefriergut, und die müssen dementsprechend bezahlt werden. Als ich 1992 nach Südengland zum Sprachkurs kam, stand irgendwann auch mal das Thema Umweltschutz auf der Tagesordnung. Wir redeten über unsere »kleinen persönlichen Beiträge«. Da ging es nicht darum, dass wir praktisch alle mit dem Flugzeug nach England gekommen waren, teilweise vom anderen Ende der Welt, und unter welchen Umständen sich das in Zukunft vermeiden ließe, sondern um Altglasflaschen und Plastiktüten. Die Zeiten ändern sich einfach nicht. Als ich dort meine Story von der Pennytüte zum Besten gab, sorgte das für minutenlange Heiterkeit. »Unvorstellbar! Du willst uns einen Bären aufbinden!« Kein Wunder, meine Kollegen aus dem gesamten Common Wealth und Japan – und woher sonst sie noch so kamen – hatten einen anderen Erfahrungshintergrund. Sie gingen praktisch schon damals mit »russischen« Plastiktüten einkaufen, und mit denen kann man froh sein, wenn man sie einmal einigermaßen heil bis nach Hause rettet. Das ist kein vernichtendes Urteil über mangelhafte russische Qualität, sondern der Hinweis darauf, dass die Russen – und ebenso wahrscheinlich auch die Chinesen – hundert Tüten aus der Materialmenge herstellen, die Penny damals für eine einzige in Anspruch nahm. Solche Tüten sollen nicht den Einkauf eines kompletten Tages nach Hause befördern – dafür hat man schließlich seinen Cayenne im Parkhaus –, sondern eine von ihnen ist für 200 Gramm Kekse, eine andere für 50 Gramm Pralinen, wieder eine andere für fünf Äpfel usw. Ist es da ein Wunder, wenn die Chinesen am Tag pro Kopf fünf Stück davon verbrauchen? Und ist das schlimmer, als würden die Kekse nach der deutschen Methode verpackt oder als wenn wir an der Kreuzung für eine halbe Minute den Motor nicht abschalten? Also, lieber Kollege, lass doch mal die Kirche im Dorf. Aber der Kollege hörte schon lange nicht mehr zu, denn er wollte aus Anlass irgendeiner Unpässlichkeit nicht die Wahrheit aufdecken, sondern bestätigt bekommen, dass die Chinesen schuld sind.

'deussisches' Werbeplakat

Aber die Russen mögen nicht nur den Passat und den Cayenne und die deutschen Autos mit dem Stern; offenbar kann man sie sogar mit der deutschen Sprache ködern. Wie anders soll ich es deuten, wenn ich schon wieder etwas unter die Augen bekomme, was nur auf den ersten Blick russisch aussieht: »Дас ист фантастиш!!!« ruft mir ein Plakat entgegen. Familie »Беккер« bittet zu Tisch. Wer zwar nicht der russischen Sprache, jedoch der kyrillischen Buchstaben mächtig ist, erfährt hier erstaunt: »Das ist fantastisch«, und niemand anders als Beckers hätten gerne uns als ihre Gäste. Dass sie in ihrem noch nicht so ganz urig geratenen Biergarten für Franziskaner Weissbier anstatt für Weißbier werben, muss man wohl eher den Bayern als den Russen anlasten, aber die lernen das auch noch. Sachen gibt’s.

Brache, Heidelandschaft Kirchenruine mit 'Storchenzucht' in Kumatschjowo/Kumehnen

Der nächste auffällige Ort ist Kumatschjowo (Кумачёво, Kumehnen) mit einer Kirche, die so kaputt ist wie in vielen anderen Ortschaften, die aber von einer sagenhaft zahlreichen Storchenschaft bevölkert wird. Liegt das nun an den Kirchen? Wohl weniger. Ich schiebe das eher auf die zahlreichen Brachen, die man im Hinblick auf ihre Ausdehnung und Verbreitung schon nicht mehr als Ökonischen bezeichnen sollte, sondern eher als Ökoareale. Wenn man sich klar macht, dass überall dort, wo der Mensch wirtschaftlich tätig ist, insbesondere landwirtschaftlich, anderes Leben außer dem gerade gewünschten eher als Konkurrent angesehen wird, dann müsste sich nach meiner Einschätzung in der Kaliningrad Oblast das blühende Leben entwickeln. Hinzu kommt, dass die Landschaft hier pro Quadratkilometer von weniger Straßen durchschnitten wird als etwa im dicht besiedelten Deutschland. Es wäre mal interessant, die Auswirkung auf die Tier- und Pflanzenwelt mit der in dichter besiedelten und intensiver genutzten Teilen Europas zu vergleichen, denn ich kann mir nicht vorstellen, dass die Russen auffällig große Beträge in den Arten- und Landschaftsschutz investieren.

Brache, Heidelandschaft

Am späten Nachmittag, als die Sonne schon dicht überm westlichen Horizont steht, kommt endlich der Abzweig nach rechts, nach Nordwesten in Richtung Jantarny (Янтарный, Palmnicken). Eine knappe halbe Stunde später halte ich Einzug in diesen berühmten Küstenort. Hierher haben die Beckers eingeladen. Von mir aus. Mir steht der Sinn nicht nach den abenteuerlichen kulinarischen Konstruktionen, die sie auf ihrem riesigen Werbeplakat abgebildet hatten. Ich wüsste auch gar nicht, wie ich die bestellen sollte – etwa auf deutsch? Vielleicht ginge das ja sogar. Wer schon so halbdeutsch plakatiert… Nein, ich will heute zumindest noch zur nordwestlichen Ecke der Samland-Halbinsel, nach Mys Taran (Мыс Таран, Brüsterort). Aber bereits hier wird ein Wendepunkt meiner Reise sein: Von verhältnismäßig kleinen Ausnahmen einmal abgesehen soll es ab hier immer weiter in Richtung Osten gehen. Moskau, so ist es geplant, wird der Wendepunkt. Dann soll Kiew angepeilt, der Kompass allmählich wieder auf Richtung Heimat orientiert werden. Aber bis dahin ist es ein weiter Weg, und täglich wird die Sonne früher aufgehen, zumindest bis St. Petersburg, denn danach geht es nicht nur weiter nach Osten, sondern auch wieder in Richtung Süden. Wir hatten das Thema schon.

Strand in Jantarny/Palmnicken

Ein Plakat wirbt für eine Volleyball-Weltmeisterschaft in Jantarny, Beach-Volleyball offenbar. Weltmeisterschaft – das ist ja nicht gerade nur eine kleine Lokalrunde, auch wenn die wenigsten Russen in der Nähe eines Strandes leben, also ihre Teilnehmerzahl begrenzt sein dürfte. Ob ich davon wohl irgendwo irgendwas sehe, eine wogende abendliche Strandparty etwa? Im Ortskern ignoriere ich Straßensperrungen und gerate in annähernd so etwas wie Gewühl. Hier ist tatsächlich etwas los. Rechts steppt der russische Bär: Auf einer überdachten Bühne geben sich Folkloregruppen die Klinke bzw. das Mikrofon in die Hand. So richtig ist kein einheitlicher Stil erkennbar, und es geht auch eher brav zu; vielleicht ist das der Grund dafür, dass die Besucher zwar zahlreich sind und auch klatschen, aber nicht gerade rasende Begeisterung herrscht.

Strand in Jantarny/Palmnicken

Ich mache einen kurzen Abstecher zum Strand. Am Ende kriege ich den sonst nie zu sehen, weil die Straße sich womöglich ständig im Hinterland bewegt. Wie ich – inzwischen wieder zurück auf der Straße – die Szene gerade verlasse, überholt mich ein Radfahrer und spricht mich auf englisch an. Anscheinend kommt er von hier. Er erzählt mir, dass er seine abendliche Trainingstour macht. Eigentlich habe ich nicht das Gefühl, Orientierung auf dem Weg zum Brüsterort zu benötigen, aber er will mir den Weg weisen. Das führt dazu, dass ich gerade mal an einer einzigen weiteren Stelle (außer vorhin, als ich noch allein war), an der mir von der Steilküste ein Blick hinunter zum Strand möglich ist, ein Foto machen kann. Aber was soll’s? Schließlich ist die Sonne bereits hinter Wolken verschwunden; Traumfotos macht man unter diesen Umständen natürlich nicht mehr. Den Rest der Eindrücke muss ich mir eben »bio« speichern.

Wir sind einige Kilometer gemeinsam unterwegs, und dann gibt er mir noch Tipps, wie ich weiter komme, in Richtung Pionerski. Ich verzichte darauf, ihm von meinen Abstecherplänen zu erzählen, weil ich trotz aller Lust an der Völkerverständigung fürchte, seine Routenbeschreibung könnte mich mit ihrer Ausführlichkeit in die finstere Nacht führen. Ich bedanke mich für seine freundliche Begleitung und steche wieder eigenmächtig in Land. An einem Abzweig widersetze ich mich daher seinem Rat und biege links ab. Sonst komme ich garantiert nicht an die »Ecke«. Die Straße dorthin ist nicht gerade ein Gewinn: Kleinpflaster. Aber ich hatte in meinem Leben schon Schlimmeres. Und so holpere ich ins nächste Dorf. Hier wird’s jetzt spannend. Der Navigator sagt mir: Weiter geradeaus! Leicht gesagt. Die Dorfstraße wird zur Siedlungsstraße, die Siedlungsstraße zum Zubringer, der Zubringer endet am Maschendrahtzaun. Ein großes, anscheinend massiv genutztes Loch in diesem Zaun führt in ein parkähnliches Areal. Mutig dringe ich vor. Hm. Irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, mich in einer Kaserne zu bewegen, zumindest in einer ehemaligen. Vielleicht kommt mir das Gelände nur deshalb so »parkig« vor, weil die Bäume fast das gesamte Restlicht der Dämmerung absorbieren und daher die Häuser nur insoweit erkennbar werden lassen, als in dem einen oder anderen Fenster Licht ist. Ich hatte ja schon vorgestern Abend den Eindruck, als seien Kasernen in vielen Fällen, vielleicht auch nur für Offiziere, Wohn- und Stationierungsort zugleich, also auch für die zugehörigen Familien. Das könnte erklären, warum es hier verhältnismäßig zivil aussieht. Es kann aber natürlich auch sein, dass die Russen den größten Teil ihres bedrohlichen Materials entweder verschrottet oder ins »Hinterland« verlagert haben und dass von einer flächendeckenden Militarisierung der Kaliningrad Oblast keine Rede mehr sein kann, dass also hier wohl noch dieselben Leute wie früher leben, dass sie sich jetzt jedoch auf eine andere Weise durchs Leben schlagen müssen als mit der Eingabe von Zielkoordinaten für ballistische Interkontinentalraketen oder dem Putzen von Kalaschnikows.

Leuchtturm Mys Tatan/Brüsterort

Über ein offenes Tor verlasse ich das dunkle Gelände. Ein Plattenweg führt mich wieder ins Weite. Hier ist wirklich die Welt zu Ende, denke ich und frage mich angesichts der fortschreitenden Dämmerung interessiert bis leicht besorgt nach den Modalitäten der kommenden Übernachtung. Jetzt nur nicht zaudern! Brüsterort kann wirklich nicht mehr weit weg sein. Und tatsächlich, knappe zwei Kilometer nach Beginn des Ortes erblicke ich den Leuchtturm, der ja nun wirklich nahe der Küste stehen sollte. Rasch komme ich näher, bis ich gewahr werde, dass der Leuchtturm nicht frei in der Landschaft herumsteht, sondern sich auf einem anderen, ebenfalls eingezäunten Gelände befindet. Auch hier steht ein Tor sperrangelweit offen, aber rechts davon befindet sich eine kleine Baracke. Wir hätten früher an den Kasernen KDL (Kontrolldurchlass) dazu gesagt, aber dieses Gemäuer ist leer. Es ist jedoch auf eine Weise leer, die mich misstrauisch macht. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht einfach mir nichts, dir nichts durch dieses Tor fahren und im Falle eines Falles so tun sollte, als wäre ich an einem Tempo-50-Schild vorbeigefahren. Schließlich ist auch bei Privatgrundstücken eine offen stehende Zufahrt nicht immer mit einer Einladung gleichzusetzen. Militärs mögen nachlässig sein, aber sie sind nicht immer die freundlichsten Gastgeber, wenn jemand ungebeten kommt. Ich stelle mein Fahrrad ab und mache ein paar vorsichtige Schritte in Richtung Tor. Und als hätte ich einen Stolperdraht gerissen, tritt in 50 Metern Entfernung plötzlich eine Gestalt aus dem Dunkeln – nicht auf eine Weise, als hätte sie mich schon die ganze Zeit beobachtet, sondern mehr so wie auf dem Rückweg von der Toilette. Bloß gut, dass ich wenigstens das Foto schon im Kasten und die Kamera wieder in der Tasche habe, denke ich. So was sehen sie ja in aller Regel gar nicht gern. Ich denke an meine Erfahrungen in Piräus und Istanbul zurück. Ein ausgedehntes Verhör – das wär’s jetzt noch!

Die Gestalt erweist sich als ein junger Mann so um die 20, vielleicht sogar noch jünger. Meinen ersten Fluchtreflex habe ich glücklicherweise sofort unterdrückt, weil ich mir denke, dass es dazu ohnehin zu spät wäre, wenn er bewaffnet sein sollte und das verhindern wollte. Außerdem macht eine Rückwärtsbewegung erst recht misstrauisch, weil sie auf ein schlechtes Gewissen hindeutet. Also lasse ich ihn herankommen und wünsche einen guten Abend. Er macht keinen unfreundlichen oder verärgerten Eindruck. Zwar trägt er eine Felduniform, aber keine Waffe – ein junger Kerl, dem man Heldenhafteres wünscht, als seine Jugend mit irgendwelchen militärischen Spielereien oder gar Kampfeinsätzen zu verplempern. Wenn ich daran denke, was mir meine 18 Monate Militärdienst alles kaputtgemacht haben… Und die Russen mussten zumindest früher für volle drei Jahre ran. Wie das heute ist, weiß ich nicht.

Er ist natürlich neugierig und stellt Fragen. Ich würde sie gerne beantworten, wenn ich nur wüsste, was er will. So bringe ich das, was immer wieder als Erklärung herhalten muss: Ich sage, dass ich nur wenige Worte Russisch kann und dass ich aus Deutschland komme. Na, so was! Ob sich hierher wohl schon irgendein Tourist verlaufen hat? Bestimmt, denn die Heimatforscher haben ja noch viel stärkere Motive, in die entlegensten Flecken vorzudringen, als das Abhaken von Grenzpunkten einer Region. Und vielleicht sieht die ganze Sache bei Tageslicht ja nicht halb so abenteuerlich aus wie jetzt.

Ich suche nun nach dem Rückweg. Da sich mein Tagesziel östlich von mir befindet, liegt es nahe, eine Fortsetzung in Richtung Osten zu suchen, anstatt über den Plattenweg, später durch die Vielleicht-Kaserne und dann noch über das dörfliche Kleinpflaster erst mal wieder eine viertel Stunde nach Süden zu fahren und danach durch die Dunkelheit zu ertasten, wie es von dort aus weiter gehen könnte. Gedacht, getan. Nach kaum 100 Metern ist ein Abzweig nach links – kein Highway, sondern auch nur ein Weg, aber was soll ich machen? Nach kaum zwei Minuten gabelt sich der Weg erneut. Ich biege nach links ab, und stehe kurz darauf vor einem Zaun. Also zurück! Der Test der anderen Variante entwickelt sich ähnlich, zudem schlagen Hunde ganz in der Nähe an. Also wieder zum Plattenweg! Nach einem knappen Kilometer habe ich erneut die Wahl. Konsequent teste ich jede Variante. Diesmal lande ich vor dem (offenen) Tor von etwas, das mich entfernt an ein Munitionsdepot erinnert. Im Halbdunkel bewegen sich Schatten. Meine Güte! Erneut drehe ich um. Was das wohl für einen Eindruck macht, wenn hier einer mit so etwas wie einem »lautlosen Moped« aufkreuzt – lautlos, weil mein Fahrzeug keinen Motor hat, und Moped, weil es eine Silhouette aufweist, die dank all der Packtaschen ähnlich geschlossen wirkt wie die eines Mopeds, nur höher vielleicht, und weil es einen Frontscheinwerfer hat, der es hinsichtlich seiner Helligkeit wahrscheinlich mit alten Mopeds aufnehmen kann.

Weitere »Ausweichmöglichkeiten« existieren nicht mehr. Ich durchquere also ein zweites Mal den Park, der so aussieht wie eine Kaserne, lasse erneut das große Loch im Zaun hinter mir, passiere ein paar Gestalten, die vor einem Plattenbau beratschlagen, welcher deutsche Radfahrer als nächstes ausgeraubt werden könnte, und gelange wieder auf der Dorfstraße. Erst dort bietet sich noch einmal eine Möglichkeit zum Abzweig. Kompromisslos probiere ich auch sie aus. Und diesmal sieht es so aus, als sei mein Bemühen von Erfolg gekrönt. Die Straße verlässt den Ort, und gelegentlich überholt mich oder begegnet mir ein Auto.

Nach zwei Kilometern erblicke ich links auf einer Wiese ein paar Häuser im Rohbau. Das Restlicht lässt erkennen, dass dem Bauherrn nach Vollendung des Rohbaus das Geld ausgegangen sein muss oder der Glaube an die nachträgliche Erteilung einer Baugenehmigung oder dass ihm sonst irgendein Ärgernis begegnet sein muss – jedenfalls ist die Gras- und Krautnarbe schon wieder bis ans Mauerwerk vorgedrungen, und so etwas gibt es nicht auf realen Baustellen, auf denen wenigstens alle paar Tage etwas passiert. Solche Quartiere sind ganz nach meinem Geschmack, denn sie bieten reichlich Dachfläche, und die Zahl der zusätzlichen Gäste ist in aller Regel sehr gering. Auch wird man nicht in aller Frühe vom Personal belästigt. Wohlan, lasst uns die Herberge prüfen.

Aber die Sache gestaltet sich schwieriger, als ich mir das gedacht habe. Dem einen Haus fehlt der Zugang. Da war das Geld schon vor der Errichtung der Treppe zum Hochparterre alle. Bei dem zweiten existiert diese Treppe zwar, aber sie hält nicht das, was das Schlagwort Beton verspricht: eine ziemlich kippelige Konstruktion. Wie kann man nur eine Betontreppe vermurksen?!? Zudem erkenne ich dank Vitamin A und der letzten drei Lichtquanten des Tages, dass sich einen Meter hinter dem Hauseingang so etwas wie ein Schacht vor mir auftut – Tiefe nicht abschätzbar. Herrje, wenn ich hier irgendwo abstürze, werde ich erst von Archäologen der nächsten Menschengattung wieder gefunden. Rückzug!

Beim dritten Haus schlägt der Hund des Nachbargebäudes an. Sagt mal, Leute, so ein Köter kostet doch Geld. Liebt ihr Tiere, oder rechnet ihr mit Einbrechern und Dieben, die sich von solchem Gekläff abhalten lassen? Da ich zwar mit ehrbarsten Absichten hier bin, das aber nicht erklären, geschweige denn beweisen kann, trete ich erneut den Weg zur Straße an. Das war also nichts. Und jetzt herrscht definitiv Nacht. Jetzt ist also schon alles egal.

Im nächsten Ort steht wieder so eine Investruine. Diesmal sind die Fensteröffnungen mit Brettern vernagelt, und der Hauseingang ist einer hell beleuchteten Kreuzung zugewandt. An dieser Kreuzung stehen Leute und unterhalten sich, als sei es vier Uhr am Nachmittag. Auch wenn ich kein schlechtes Gewissen dabei habe, mag ich doch keine Zeugen bei solchen Inspektionen. Nach einer Weile und einigen Hin und Her setze ich den Weg also unverrichteter Dinge fort. Irgendwann sehe ich rechts noch mal eine Baustelle. Aber auch wenn morgen Sonntag ist, muss ich wohl damit rechnen, dass hier sehr zeitig das Proletariat aufkreuzt. Außerdem, und das ist schwererwiegend, gibt es noch keinen Estrich im Erdgeschoss, nicht mal einen Beton- oder Bretterboden. Da könnte ich mich genauso gut auf den Acker oder in den Wald legen. Später komme ich an so etwas wie einem Hotel vorbei. Sollte ich hier einen Versuch machen? Aber sowohl in der Gaststätte im Parterre als auch vor dem Haus ist ordentlich was los. Da würde ich mein Fahrrad nur ungern stehen lassen, und der Gedanke, dass ich es bis ins x-te Stockwerk hochtragen muss, bereitet mir Unbehagen.

In einer Rechtskurve erblicke ich links ein größeres Wartehäuschen. Es ist gerade von ein paar Leuten verlassen worden. Weil ich inzwischen weiß, dass in Russland die Busse auch noch zu Zeiten fahren, in denen sich in Deutschland sogar die meisten Lokführer schon auf den nahen Feierabend freuen, bin ich skeptisch. Hinzu kommt, dass Wartehäuschen in aller Regel die Holzklasse sind: unterste Kategorie. Nein, dafür bin ich nicht müde genug. Ich würde diesem Zustand nur eben ganz gerne vorbeugen. Der nächste Ort ist Swetlogorsk (Светлогорск, Rauschen). Obwohl es schon nach elf ist, sehe ich an jeder Ecke Menschen. Vor Jahrzehnten habe ich mal gehört, die Russen seien nicht solche Wohnungsmenschen, so nach dem Motto »my home is my castle«. Man könne es in Wohnblocks erleben, dass die Wohnungstüren offen stünden und sich die Hälfte des Familienlebens auf der Treppe abspiele. Und die Wohnungen seien auch nicht sonderlich einladend. Ich kann diese alte Einschätzung weder bestätigen noch dementieren, aber sie passt zu dem vielen Volk, das nach meiner Einschätzung durch die Bank nicht nach Party- oder Disco-Besuchern aussieht.

Die Ortschaft ist ziemlich ausgedeht. Als ich mich schon mehr oder minder damit abgefunden habe, dass es hier wieder nichts wird, sehe ich links ein Gelände, das nach einer Mischung von Krankenhaus und Hotel aussieht, davor ein Park. Mir fällt eine offene Pforte auf, und durch diese falle ich ein, um auch diese Chance zumindest in Betracht gezogen zu haben. Das wird hier wohl so etwas wie eine Kurklinik sein. Im Park stehen zwei kleine Pavillons. Deren äußere Ränder sind mit einer Sichtbarriere von etwa einem Meter Höhe versehen, an der entlang Sitzbänke verlaufen. Im Innern stehen zwei Tische. Dazwischen stelle ich mein Fahrrad auf. Daneben kommen meine Matten, und nach einer Karrenzzeit von zehn Minuten, innerhalb derer diejenigen, die mein Kommen bemerkt haben und daran Anstoß nehmen sollten, Gelegenheit gehabt hätten, Kritik und Alternativvorschläge anzubringen, und die ich für die persönliche Hygiene nutze, lege ich mich hin und beschließe den Tag. Lang genug war er ja.


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