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10. Juli 10. Juli12. Juli 12. Juli

11. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Auch in dieser Nacht werde ich einige Male wach. Diesmal sind die Umstände jedoch von anderer Art als vor 24 Stunden. Irgendwas stimmt nicht. Was ist das für ein Geräusch?

Es ist keineswegs so, dass ich abends ein festes Ritual durchlaufe, auch wenn das vielleicht besser für mich wäre, also, für meine Hygiene. Unumgänglich ist die dünne Isomatte, ein aluminiumbeschichtetes Nichts. Ich weiß noch genau, dass ich irgendwo auf meiner Reise durch Großbritannien und Irland im Jahre 1995 mal auf einem Schulgelände übernachtete… Wenn mir jetzt noch einfiele, wo das war… Ich habe mir immer was drauf eingebildet, noch nach Jahren zu wissen, wo und unter welchen Umständen ich wann übernachtet habe. Also, wenn auch das nicht mehr funktioniert… Jedenfalls hatte ich damals dieselbe Matte, zumindest eine derselben Art. Und ich breitete sie unter dem Dach eines Fahrradstellplatzes aus, und der Untergrund war sauber – und fest, nämlich aus Beton. Und mir kam damals der Gedanke »Ganz schön hart.« Das war in den Nächten zuvor nicht so gewesen, also fiel es mir auf.

Über diese Zeiten bin ich längst hinaus, arriviert gewissermaßen. Denn diese Matte hat nicht mehr die Aufgabe, mich gegen die Kühle und Härte des Untergrunds zu schützen; sie ist jetzt nur noch für meine Therm-a-Rest-Matte zuständig, denn die mag keine spitzen Steine, wie ich erfahren musste. Natürlich taugt das Teil wegen seiner vernachlässigbaren Dicke nur gegen kleine spitze Steine, aber immerhin. Es wiegt ja nichts. Also folgt als zweite Unumgänglichkeit eben jene Therm-a-Rest-Matte. Aufblasen ist eine sehr häufig gewählte Kür; glücklicherweise zieht das Teil ja auch von sich aus etwas Luft. Dritter Schritt ist der Schlafsack, und meistens krieche ich in den auch hinein.

Was außerdem stattfindet, ist mal so und mal anders. Wenn ich mich aus irgendeinem Grund (z.B. besondere Kälte oder Müdigkeit oder die Erwartung, am kommenden Morgen außergewöhnlich zügig aufbrechen zu müssen) so, wie ich bin, hinlege, muss ich zumindest meine Hosentaschen entleeren, damit mich kein Schlüsselbund drückt, kein Taschenmesser, kein Kugelschreiber oder Lippenstift. Diese Sachen landen dann entweder im Helm oder neben mir auf der Matte, sozusagen griffbereit – man weiß ja nie, was in der Nacht plötzlich so aufzuschreiben ist.

Wenn das Quartier so spät gefunden wurde wie in dieser Nacht, liegt auch meist meine Taschenlampe noch dabei. Ja, und nun ist da also dieses Geräusch, und es klingt verdächtig menschlich. Es klingt nach Schnarchen! Verdammt, wo bist du hier gelandet?! Ich taste die Matte neben mir ab. Aha, alles noch da. Sollen sie nur kommen, die Russen! Aber so richtig beruhigt mich das nicht. Dabei habe ich doch Erfahrungen mit unerwarteten Mitschläfern. 1993, an der US-Pazifikküste, wachte ich eines Morgens auf, und zehn Meter weiter lag noch einer (der am Abend noch nicht da gelegen hatte!); er war offenbar mit einer alten Klapperkiste von Auto gekommen. Und ich, im Schlummer der Gerechten, hatte davon so wenig mitbekommen wie er am Morgen von meiner Abreise. Was redet nur immer jeder von den Gefahren der Landstraße? Wir wollen doch alle bloß leben. Also wie nun? Ich drehe mich um. Törichte Sorgen! Ich brauche schließlich meinen Schlaf.

Da ich in der Nacht aber ohnehin noch mal kurz raus muss, nehme ich – mit der gebotenen Vorsicht – mein Quartierumfeld doch mal etwas genauer in Augenschein. Aha, da hängt eine Decke an der unverputzten Ziegelwand – gut möglich, dass diese eine Türöffnung verdeckt und dass es sich dahinter ein Landstreicher gemütlich gemacht hat. Ein Landstreicher? Führen die neuerdings Decken zum Sichtschutz mit sich? Das mache ja nicht mal ich. Für die Erörterung weiterer Möglichkeiten bin ich wohl zu verpennt.

Kurz vor sechs Uhr Ortszeit piept meine Armbanduhr. Vier Uhr und irgendwas zeigt mir das noch auf MESZ tickende Chronometer. Mann, bin ich hier im Urlaub oder an der Ostfront?! Gleichwohl ist bereits heller Tag. Ich erinnere mich an den LKW. Ja, da war doch was. Die Bauleute könnten jeden Moment kommen. Rasch klaube ich meine Sachen zusammen, und ich bin noch nicht ganz fertig, da höre ich plötzlich wieder einen Wecker piepen. Einen anderen! Hinter der Decke. Seit wann haben Landstreicher Termine? Was noch nicht eingepackt ist, werfe ich über den Gepäckträger und die Querstange und schiebe so erst mal alles etwas auf Abstand. In zehn oder fünfzehn Metern Entfernung vom Haus, jedenfalls nicht mehr auf demselben Grundstück, liegen Betonplatten unordentlich übereinander gestapelt, die anscheinend irgendwann mal irgendwo eine Etage nach oben hin abschließen sollten. Aber diese Pläne müssen schon vor längerer Zeit suspendiert worden sein, jedenfalls sind die Teile ziemlich überwuchert. Dort lehne ich mein Fahrrad an, krame mein Frühstück heraus, erklimme die oberste Platte, setze mich hin und beobachte kauend und gespannt aus der Distanz, was nun wohl kommt.

Nach einigen Minuten tritt tatsächlich ein Mensch in die Türöffnung, und ich preise mich weise ob meiner morgendlichen Entschlossenheit. Es ist ein Mann, vielleicht ein Kasache oder so da aus der Gegend, denn er hat eine dunkle Haut, dunkler jedenfalls, als sie einem Mitteleuropäer auf einem Baustellensommer gebrannt werden könnte, und schwarzes Haar. Sein Gesicht wirkt etwas breiter als die, die mir im Durchschnitt so begegnen, er hat braune Augen, soweit ich das von hier erkennen kann, aber sie sehen nicht aus, als käme er aus dem fernen Osten – wo ja immerhin auch große Teile Russlands liegen. Er blinzelt zunächst ein paar Sekunden in die Sonne und schaut dann zu mir herüber, geht danach aber wieder zurück ins Dunkel des »Korridors«. Kurz darauf treten zwei andere Gestalten ans Licht, die mehr vom mitteleuropäischen Typus sind. Oha! Eine ganze Gang von Landstreichern! Was ist denn hier los?

Auf dem Nachbargrundstück verlässt ein Mann seinen alten Wohnwagen. Er trägt eine Trainingshose, mag so Mitte 40 sein und setzt scheinbar zum morgendlichen Marathon an; ein Hund folgt ihm. Sportlich, die Russen, denke ich.

Es dauert nicht lange, da hat sich die Zahl meiner nächtlichen »Mitbewohner« auf ein halbes Dutzend erhöht. Also, das sind definitiv keine Landstreicher. Die Bauherren vielleicht? Planen die hier eine Männer-WG? Quatsch! Das sind die Bauleute, die ich von auswärts erwartet hatte. Man schiebt hier anscheinend keinen 8-Stunden-Job, sondern arbeitet von morgens bis abends. Wenn die Leute nicht von hier sind, hat es ja auch Sinn, wenn sie sich ihr Geld in der kürzestmöglichen Zeit verdienen und dann wieder zur Familie zurückkehren – sofern sie denn eine haben. Und man hat sich offenbar den Wohncontainer gespart. Der Vorarbeiter – oder der mutigste und neugierigste aus der Gruppe – kommt auf mich zu und spricht mich an. Aha, meine erste ernste linguistische Bewährungsprobe. Für den Mann steht außer Frage, dass ich das Dach mit ihm geteilt habe. Er schaut nicht unfreundlich und möchte u.a. wissen, woher ich komme und wohin ich fahre. Von dem, was er sonst noch will, verstehe ich so gut wie nichts. Das Wort холодно schnappe ich auf. Vielleicht fragt er, wie ich mit der kalten Nacht zurechtgekommen bin. Kalt? Mir schien sie nicht auffällig. Wir haben doch Sommer. Ich beantworte ihm sein от куда und куда, ohne Erlangen oder Grieben näher zu erwähnen, und das genügt ihm anscheinend. Sachen gibt’s, sagt sein Gesichtsausdruck, und er kehrt wieder um. Natürlich kann ich das nicht beurteilen, aber ich nehme mal an, dass dieser merkwürdige Deutsche schon ein, zwei Minuten für Gesprächsstoff unter den Arbeitern sorgt. Vielleicht haben sie sich die Monteure von Audi, BMW und Mercedes anders vorgestellt. Selbstverständlich ließe sich das alles sehr viel schöner und völkerkundlich ausgedehnter veranstalten, aber dafür müsste ich deutlich mehr Vokabeln kennen. Mein Russisch ist jedoch miserabel. Es ist zwar um Größenordnungen besser als mein Polnisch, aber das will wahrhaftig nicht viel heißen, da ich ja nur drei polnische Wörter bzw. Wendungen kenne.

Kurze Zeit später kommt der »Marathonläufer« zurück. Na, das war wohl eher die sportive Version von Gassi gehen. Der Mann wirkt jedenfalls in keiner Weise erhitzt. Vielleicht ruft sein Tagewerk. Es geht auf sieben. Die Bauleute sind mittlerweile dort eingetroffen, wo mal das Obergeschoss entstehen soll, und weil ich fürs Erste gesättigt bin, denke ich ebenfalls an Aufbruch. Ich schiebe das Fahrrad noch ein paar Meter weiter und stelle fest, dass eine oder zwei Mauern des Erdgeschosses aus einem (einzigen) Betonfertigteil bestehen. So was kenne ich eigentlich nur von der mehrgeschossigen Plattenbauweise. Wo waren wohl diese Platten wieder »übrig«? Ich winke den Arbeitern ein letztes Mal zu und schwinge mich in den Sattel.

Plattenbau in Kaliningrad

Als ich wieder auf der Straße bin, sehe ich, dass ich quasi ante portas übernachtet habe. Kaliningrad (Калининград, Königsberg) liegt vor mir. Aber es war wohl besser, außerhalb der Stadt Quartier gesucht zu haben. Diese Einschätzung basiert nicht in erster Linie auf der fehlenden Attraktivität der Stadt – und schön ist wirklich nicht, was ich da sehe –, sondern vielmehr auf der Tatsache, dass die Stadt natürlich dichter bevölkert ist und man bei Städtern eher nicht weiß, wann ihr Abend zu Ende ist. Ich werde nun nicht bei jeder Gelegenheit auf dem Prinzip der Schiefwinkligkeit bei russischen Plattenbauten herumreiten, sondern erwähne hier nur, dass die Bauten von Mamonowo (Мамоново, Heiligenbeil) keine Unikate sind. Bemerkenswert sind die breiten Fugen zwischen den einzelnen Platten. Sie sehen aus, als hätte jemand mit einer riesigen Silikonpresse die Ungenauigkeiten der Plattenmontage ausgleichen wollen und dabei einen zu dunklen oder manchmal auch einen zu hellen Farbton erwischt. Dunkle Fugen erinnern mich hin und wieder an die Südfront meiner Wohnung: Dort stoßen ein Ost- und ein Südfenster direkt aneinander, und die Ecke ist eine irgendwie verfugte und leider schlecht zugängliche Kältelinie – jedenfalls im Winter. Da schlägt sich gerne Kondenswasser nieder, und wenn man nicht hinterher ist und das regelmäßig abwischt, bildet sich ein dunkler Belag, den ich als Zeichen für die biologische Vielfalt in meiner Behausung deute. Jedenfalls stehe ich dunkel kontrastierenden Fugen seither ablehnend gegenüber.

Auffällig ist außerdem die Individualität, mit der die Einwohner dieser Häuser ihrer Balkone gestalten. Viele haben ihren Außenbordwohnungsanteil nachträglich integriert, also verglast, womit ich angesichts der dominierenden Einfachverglasung nicht behaupten will, dass dieser zusätzlich gewonnene Wohnraum frostsicher wäre, aber auch in Kaliningrad sind die Winter nicht mehr das, was sie früher mal waren. Diese Verglasung oder auf sonstige Weise erfolgte Abtrennung gegenüber der Außenwelt hat aber natürlich jeder auf seine Weise bewerkstelligt. Damit meine ich verschieden breite, verschiedenartige und letztlich bis zu verschiedenen Graden inzwischen wieder verfallene Fenster, von der farblichen Vielfalt der Rahmen und sonstigen Verkleidungen, die ihren Schwerpunkt leider auf einer besonders großen Graustufenpalette hat, mal ganz abgesehen.

Kaliningrad hat eine Straßenbahn. Ich möchte wetten, die hat es bereits gegeben, als die Stadt noch Königsberg hieß. Außerdem würde ich wetten – allerdings mit etwas geringerem Einsatz –, dass seither nichts mehr an den Gleisen getan wurde. Und was die Straße angeht… – na ja. Dort, wo sie asphaltiert ist, wurde vermutlich mal was gemacht. Aber das Kopfsteinpflaster an vielen Stellen atmet geradezu Historie. Mich wundert das, ehrlich gesagt. Ich erinnere mich, wie Dirk, ein früherer Kommilitone, mal vom Studentensommer erzählte, den er damals in der Sowjetunion verbracht hatte. Der Trupp, zu dem er zählte, war wohl irgendwie zum Straßen- oder Fußwegebau abkommandiert worden. Damals wurde asphaltiert, und in der DDR galt Bitumen als ein rarer Baustoff. Deshalb gab es Gegenden wie den Saalkreis und die Magdeburger Börde, die berüchtigt für ihre Pflasterstraßen waren – praktisch flächendeckend und von »erhebender« Befahrbarkeit, wenn man mal von den Fernverkehrsstraßen absah. Wenn also irgendwo doch mal was geteert wurde, dann wurde eher gekleckert als geklotzt, was die Dicke der Asphaltschicht anging. Mit dieser »Straßenbausozialisation« war also Dirk zu »unseren Freunden« entsandt worden, und bei seiner Rückkehr wusste er zu berichten, dass die dort das Zeug mehr als einen halben Meter dick auftrugen. Das erschien uns allen glaubhaft, denn unser Brudervolk saß ja damals wie heute auf den Erdölquellen. Da kostete der Kram also nicht viel. Warum hat diese Fülle nun aber Kaliningrad nicht erreicht?

Normalerweise würde ich Straßen mit solcher Beschaffenheit mit großem Verdruss befahren. Aber erstens gibt’s ja zwischendurch eben doch ein paar glatte Abschnitte, und zweitens ist Stau, genauer gesagt: Stop and Go, zumindest stadteinwärts. Da geht also ohnehin nicht viel. Ich bin folglich kein Hindernis für die normalerweise ja deutlich schnelleren Kraftfahrzeuge, ja, ich bin praktisch der Einzige, der sich noch an allen übrigen Fahrzeugen vorbeimogeln kann, wenngleich ich natürlich wegen meiner »Schlafrolle« auf dem Gepäckträger acht geben muss, dass ich nirgends anecke. Nach einigem Zickzack hole ich sogar eine Straßenbahn ein, die wegen des zweifelhaften klassischen Konzepts dieses Verkehrsmittels eine ganze Reihe von Problemen des Individualverkehrs huckpack trägt, jedenfalls geht auch für sie kaum etwas voran. Die Straßenbahnfahrerin ficht das nicht an. Sie spielt mit ihrem Handy. Gut, solange die Kiste steht, ist das nicht so wild, weil sie dabei höchstens etwas zu spät mitbekommt, wenn sie mal wieder ein paar Meter weiter fahren kann, aber wenn ich mir überlege, dass ihr Spiel oder ihre SMS-Konversation auch während der Fahrt so fesselnd ist… Uiuiui.

Nun bin ich also mittendrin, mehr oder minder jedenfalls, und ich habe zwei Probleme: kein Geld in hier allgemein akzeptierter Währung und keine Ortskenntnis. Wo ist zum Beispiel der Dom? Oder irgendwas mit Kant, ein Denkmal zum Beispiel? Vielleicht gibt’s hier auch eine Uni. Zwar habe ich eine Karte im Maßstab 1:200.000 von der Kaliningrad Oblast, in der sogar die alten deutschen Orts- und Siedlungsnamen eingezeichnet sind – freilich ist dieses Meisterwerk der Kartographie, das sich doch sicherlich vornehmlich an Kundschaft wendet, die ihre Heimat oder die ihrer Eltern besuchen will und daher bereits zur Stammkundschaft von Optikern und anderen Lesebrillenverkäufern zählen dürfte, kaum ohne Lupe zu entziffern, aber wie es scheint, war die Karte ursprünglich tatsächlich zusammen mit einer Fresnelllinse verkauft worden –, aber das bedeutet natürlich nicht, dass ich mich damit auch erfolgreich in einer Großstadt bewegen kann. Hätten die Herrschaften hier vielleicht mal so etwas wie eine Werbetafel, wo zur Abwechslung nicht für die Mercedes-S-Klasse geworben, sondern dem interessierten Touristen Hilfe und Orientierung zuteil wird? Von wegen! Ihr hättet ja nicht zu kommen brauchen.

Na schön. Ob ich den Dom nun finde oder nicht – jetzt brauche ich jedenfalls Geld. Ich habe an die 400 Euro Bargeld bei mir. Die sind in dieser Höhe eigentlich nicht als Notreserve gedacht, aber es soll ja vorkommen, dass man mit Plastikkarten ungeahnte Überraschungen erlebt, und dass ich mit der westeuropäischen Währung in Russland Schiffbruch erleiden könnte, das kann ich mir jedenfalls im Augenblick nicht vorstellen. Banken gibt es in Russland anscheinend in Hülle und Fülle. Das schließe ich daraus, dass es viele Hochhäuser gibt, deren »Stirnbandtexte« das Wort »Bank« enthalten. Ist doch schön, dass die Russen das Wort aus dem Westen übernommen haben und dafür nicht was Eigenes kreiert haben. Ich weiß noch, wie mir – auch während des Studiums – mal jemand erzählte, die russische Übersetzung für »Diodenstecker« (eine heute nicht mehr so gebräuchliche Steckverbindung aus der Rundfunktechnik, z.B. zum Anschluss von Plattenspielern oder Tonbandgeräten an das Radio und seinen Verstärker) laute, wörtlich zurück ins Deutsche übersetzt, »Nest von Steckverbindern«. Wie müsste man dann Bank hin- und wieder zurückübersetzen? Vielleicht »Nest von Zockern und Gangstern«? Aber das ist auch blöd – zumindest Gangster ist ja ein reinrassig englisches Wort. Aber vielleicht ist das der Grund, weshalb sie dachten, dann könnten sie auch gleich »Bank« nehmen.

Also, das ist ganz einfach: Man hält vor einer Bank, schließt sein Fahrzeug an, damit es nicht von Bankräubern als Fluchtfahrzeug benutzt wird, wedelt mit einem 50-Euro-Schein – so für den Anfang zum Probieren – und schaut dann einfach mal, was passiert. Gesagt, getan. Die Bank, vor der ich halte, wirkt nicht direkt präsentabel. Ihr Name klingt amerikanisch. Ein Portal hat sie schon mal nicht, und sie residiert auch nicht in einem Stahlbetonturm mit gläsernder Fassade. Na, das kommt vielleicht später. Von einer Klimaanlage tropft Kondenswasser auf meine Schlafrolle. Das muss sie vertragen. Was sollte sonst bei Regen werden?

Als ich die Stufen hinaufsteige, die ganz gut auch zu ein paar mitteleuropäischen Durchschnittswohnungen hinaufführen könnte, nimmt mich ein Mann in Augenschein, der so etwas wie eine Uniform trägt. Aha, safety first. Sehr löblich. Vielleicht ist es ratsam, Sonnenbrille und Helm abzunehmen. Sonst hat er keinen klaren Eindruck von mir. Ich habe ja nichts zu verbergen. Ich trete ein, und er kommt mit. Hm, so stürmischen Publikumsverkehr haben die hier wohl nicht, wenn jeder Kunde seinen persönlichen Wachmann bekommt. Mein »Bodyguard« bedeutet mir, dass ich mich ein wenig gedulden müsse. Aber klar doch. Geduld ist meine ganz spezielle Stärke, vor allem, wenn ich erkennen kann, dass es voran geht, wo man mich zu warten bittet, denn dann sehe ich, dass das Warten eine Perspektive hat. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich gelernt, dass Kinder erst mit den Jahren ein Zeitgefühl herausbilden und dass dieser Reifeprozess mit dem Schulanfang noch längst nicht abgeschlossen ist. Dies erkläre, so las ich, warum Babys sich nicht gedulden könnten, sondern ziemlich bald in verzweifeltes Schreien ausbrächen, sobald kein Mensch in Sicht sei, denn sie könnten nicht auf Mamas Rückkehr hoffen, weil Hoffnung ja die Zuversicht ausdrücke, dass nach einer gewissen Zeit irgendetwas Erhofftes passiere, und das gehe ohne Zeitgefühl nun mal nicht. Ich musste mir das aus Büchern anlesen; Eltern, die ihre Jungschar schon mal mit dem Auto chauffierten, wissen das natürlich längst. Dabei kann ich selbst noch an Fahrten erinnern, in denen ich hinten auf dem Rücksitz saß und immer wieder fragte, wann wir denn endlich da seien. Das muss gewesen sein, bevor ich meine erste Armbanduhr hatte, denn mit Zahlen konnte ich ja relativ frühzeitig umgehen.

Diese und andere Erörterungen gehen mir durch den Kopf, aber da ist nichts, das mir Hoffnung stiften könnte. Und plötzlich tut sich doch etwas: Ja, hier entlang. Ich komme an einen Schalter, hinter dem sich eine Isolationszelle befindet. Meine Güte, da möchte ich ja nicht arbeiten. Eine Frau taucht auf, ich schiebe ihr meinen 50-Euro-Schein über den Tresen und mache ihr klar, worum es mir geht. Dafür muss sie erst mal ihren Computer anwerfen. Ein großes Formular wird ausgefüllt. Oh, für diesen ganzen Aufwand werden sie mir wohl ordentlich Gebühren abknöpfen. Bloß gut, dass ich erst mal mit einem Probierbetrag angetreten bin. Dann steht sie auf und geht zu einem kleinen Safe. Sie schließt ihn auf und entnimmt ihm doch wahrhaftig eine verschweißte Tüte mit Rubelbanknoten. Potzblitz! 50 Euro sind doch kein solcher Riesenbetrag. So viel Bargeld sollte doch wohl in der Kasse liegen dürfen. Aber das ist mir jetzt auch egal. Der Wechselkurs beträgt ungefähr 1:36. Ich bekomme also ca. 1800 Rubel. Sie zählt es mehrfach ab. Und es werden keine Gebühren fällig! Wie finanzieren die diesen irrsinnigen Aufwand?! Na gut, auch das soll letztlich nicht meine Sorge sein. Vielen Dank! До свидания! – obwohl ich ziemlich sicher bin, dass ich hier nicht noch mal vorbei komme.

Gleich darauf überquere ich den südlichen Pregelarm. Kaliningrad ist ja u.a. mit diesen Brücken berühmt geworden, weil sich Leonhard Euler mal mit der Frage befasst hat, ob es möglich sei, alle sieben (zu seiner Zeit existierenden) Brücken über den Fluss in einem Rundweg jeweils genau einmal zu überqueren. Im Grunde bin ich orientierungslos unterwegs. Woher soll ich wissen, wo hier was ist? Aber ich denke mir, dass mein Weg nicht völlig verkehrt sein wird, solange es rechts und links nach Innenstadt aussieht. Und so passiert es, dass ich am Dom vorbeifahre, ihn wohl sehe, aber nicht zur Kenntnis, geschweige denn näher in Augenschein nehme. Irgendwann geht’s nach Norden nicht mehr weiter. Ich muss mich für rechts oder links entscheiden. Ich wähle rechts. Aber schon nach gut 100 Metern gefällt mir das nicht mehr: Hier gehen die Wohnviertel los, denn rechts und links der Magistrale ragen Neubaublocks so an die zehn Stockwerke in die Höhe. Aber so richtig neu sind die nicht mehr, denn in Kaliningrad wird intensiv gebaut. Es gibt zahlreiche Baustellen, und an ihnen kann man studieren, in welchem Stil aktuell gebaut wird. Wo ich unterwegs bin, stehen eher die Errungenschaften des Sozialismus. Einige von ihnen stehen sogar komplett leer. Wenn sie schon bewohnt einen nicht besonders einladenden Eindruck machen, so steigert sich dieser bei den Leerständen zur Trostlosigkeit. Warum stehen die hier noch? Das müsste doch eine attraktive Lage sein: Sprengen, Schutt wegräumen und was Neues bauen. Aber wer weiß, welche Eigentumsverhältnisse, Spekulationen und bürokratischen Hemmnisse einem solchen oder alternativen Vorgehen im Wege stehen. Ich kehre jedenfalls erst mal um.

Jetzt geht es in Richtung Westen. Vielleicht finde ich hier irgendwo einen Campus. Dabei weiß ich doch nicht mal, ob es den überhaupt gibt. Wieder gelange ich in eine Region, die nicht mehr nach City aussieht. Die Straßen verlaufen hier durch so etwas wie einen Park. Erneut mache ich kehrt. Diesmal geht es in Richtung Süden. Kurz vor der Rückkehr an den Pregel, der hier nur von der Eisenbahn überquert wird, folgt der nächste Haken, nun wieder nach Osten. Es geht am Wasser entlang; dort liegen allerlei Schiffe vor Anker, die wohl schon lange nicht mehr auf See waren. Zwar würde ich sie vom ersten Augenschein her noch nicht direkt als Seelenverkäufer bezeichnen, aber in gewissem Sinne waren sie genau das von Anfang an, denn dies ist ein Marinemuseum, und wenn man vom denkbaren Abschreckungseffekt jeglicher Waffensysteme einmal absieht, tun sie bei Gebrauch eben das: Seelen verkaufen. Allerdings ist keine Bewaffnung erkennbar.

altes U-Boot im Marinemuseum Torpedos im Marinemuseum

Außer »normalen« Schiffen gibt es dort auch ein U-Boot. Ich kenne mich ja mit der Marinetechnik nicht so aus. Eine ganze Zeit lang waren Russen und Amerikaner damit beschäftigt, einander in der Größe der U-Boote zu übertreffen, und wahrscheinlich wurden bei den Amis auch die Flugzeugträger immer gigantischer. Die Verlautbarungen über die Anzahl und Gesamtsprengkraft der von einem einzigen solcher Eisensärge über die Welt verteilbaren Atomsprengköpfe mögen verdrängt haben, dass weiterhin auch kleinere Kaliber dieser Waffengattung existier(t)en. Dennoch glaube ich nicht, dass dieses Gerät hier weniger als 40 Jahre auf dem Buckel hat. Wenn man etwas Neueres sehen will, wird man wohl nach Murmansk fahren müssen. Aber dass die Häfen dort der Öffentlichkeit zugänglich sind, bezweifle ich eher.

Sogar Torpedos sind ausgestellt (und schön bunt angestrichen) und Bordkanonen. Ah, Technik, die begeistert. Dass es überhaupt Museen für Kriegstechnik gibt! Es ist doch nichts so uninteressant wie das Raketenleitsystem von gestern. Und das von heute ist top secret.

Königsberger Dom

Im nächsten Ansatz nähere ich mich dem Dom sozusagen von hinten. Nun will ich mir das Gebäude doch mal etwas genauer ansehen. Am Ende ist es das, wonach ich suche. Über eine Brücke erreiche ich das Bauwerk mit den beiden ungleichen Türmen. Diese Asymmetrie gab’s doch sicherlich noch nicht immer. Eine »Kriegsverwundung« vielleicht? Ich schließe das Fahrrad an und trete ein. Zu meiner Enttäuschung gibt es auf den ersten Blick nichts Interessantes zu sehen: keine Aussicht auf das Mittelschiff, kein Gewölbe – stattdessen eine Wand aus Holz und Glas, durch die man nichts erkennen kann. Zwar ist da eine Tür, doch die ist geschlossen. Und: eine Kasse. Der Spaß soll Geld kosten. Der Eintritt kostet 100 Rubel, die Fotoerlaubnis noch mal 35. Also, der Kölner Dom ist billiger, um das nur mal in Relation zu setzen. Na ja, wenn man aber bedenkt, dass hier womöglich nur eine kleine Domgemeinde existiert, dass also irgendein anderer Träger für Erhaltungsmaßnahmen aufkommen muss, dann geht das schon in Ordnung. Außerdem gibt es eine deutschsprachige Führung. Und die Frau, die das macht, spricht wirklich gut deutsch. (Das ist auch notwendig, weil praktisch alle Besucher aus Deutschland kommen. Wo sind die denn auf einmal alle her? Ich habe bislang kein einziges Auto mit deutschem Kennzeichen gesehen. Aber dann fällt mir ein, dass es ja auch Bus fahrende Reisegruppen geben soll.)

Königsberger Dom

Wir biegen gleich nach links ab. Die Führung beginnt offensichtlich in den Türmen. Als erste Überraschung erfahre ich, dass der Dom eigentlich gar kein Dom mehr ist, höchstens noch in seinem ursprünglichen Wortsinn, eben ein Haus. Jetzt ist das Gebäude ein Konzertsaal. Aha. Na ja, aber eine Orgel wird’s doch wohl noch geben. Sehen möchte ich die schon mal. Zunächst werden wir jedoch durch einige Räume geführt, in denen allerlei Büsten stehen: von Kant, von Kant und, ja, auch noch von ein paar anderen Leuten. Die große Wand nach Osten, wo sich das Kirchenschiff befindet, bleibt indes undurchdringlich. Da ist keine Tür, und wo an den äußersten Enden Fenster sind, geht der Blick am Dach des Konzertsaals vorbei. Hier soll mal eine Bibliothek gewesen sein, hören wir. Vereinzelt haben sich auch ein paar Bücher in die Regale verirrt. Das sieht nicht spektakulär aus, aber wenn man sich klar macht, wie das Gebäude 1945 nach dem Ende des Krieges ausgesehen hat, dann dürfte aus der Ruine kein einziges Buch geborgen worden sein. Woher die wohl sonst kommen? Irgendwann sind wir durch alle Räume gewandert und haben auch den letzten Kupferstich bewundert. Kommt jetzt nun die Konzerthalle? Nein, die sei nur während der Konzerte zugänglich, wird mir mitgeteilt; das nächste findet am Dienstag statt. Na wie? Soll ich hier jetzt vier Tage campieren und warten und dann noch mal Eintritt zahlen? Ich habe doch keine Domturmführung gebucht, sondern eine Domführung. Es sollte doch möglich sein, wenigstens mal einen Blick hinein zu werfen. Nein, der Dame ist das anscheinend doch etwas unangenehm – möglicherweise hat sie nicht mal einen Schlüssel für den Konzertsaal –, obgleich ich den Eindruck habe, dass ich der einzige Besucher bin, dem das etwas ausmacht. Wissen die anderen Touristen schon Bescheid? Das kommt davon, wenn man vorher keine Reiseführer studiert. Ich sage ihr jedenfalls, dass ich enttäuscht bin.

Königsberger Dom alte Bibliothek im Königsberger Dom

Aber das ist nun nicht zu ändern. Also drehe ich noch eine Runde um den »Dom« und verlasse dann seine Insel. Auf der Brücke über einen der Wasserarme bleibe ich noch mal stehen. Hunderte von Vorhängeschlössern sind am Geländer befestigt. Damit muss es doch eine besondere Bewandtnis haben. Ich schaue sie mir genauer an. Die Schlösser sind zum größten Teil beschriftet, teilweise sogar mit Gravuren versehen. Meist sind es Namen – eigentlich immer: Natalja und Alexej, Wasja und Petja (wer ist da jetzt Männlein und wer Weiblein?) und zahllose andere. Es sieht so aus, als sollten die Schlösser Glücksbringer sein, angebracht etwa anlässlich einer Eheschließung – da wird ja auch geschlossen. Wahrscheinlich liegen die Schlüssel im Wasser. Was weiß ich…

Glücksschlösser Glücksschloss

Ich kehre noch einmal zur erste Pregelüberquerung zurück. Kurz vorher biegt eine kleine Straße links ab. Es ist doch langweilig, immer nur auf den Hauptstraßen zu fahren. Mal sehen, was hier kommt. Kurz nach mir ist ein weiteres Fahrzeug abgebogen; es fährt jetzt hinter mir her und kann wegen der schmalen Straße und der Unübersichtlichkeit nicht überholen. Oder will es nicht? Sitzen da jetzt die Gangster drin, die mich in einer stillen und einsamen Ecke Kaliningrads ausrauben wollen? Also, es wäre schon schön, vertrauensbildend sozusagen, wenn das hier keine Sackgasse wäre. Nach einer Linkskurve wird mir klar: Wem das keine Sackgasse sein soll, der muss zumindest ein Tor öffnen. Ich mache Halt. Das Auto fährt vorbei und hält ein paar Meter weiter. Und es geschieht genau das: Das Tor wird geöffnet, und die Leute fahren hinein. Ich nicht. Das sieht nicht nach öffentlichem Gelände aus. So neugierig bin ich dann doch nicht. Also zurück.

Erneut geht es nach Norden; hier bin ich schon langgefahren. Ich nehme den nächsten Rechtsabzweig in ein Wohnviertel. Rechterhand steht ein Gebäude, das nach einem Supermarkt aussieht. Nein, hier will ich mein Gefährt nicht allein lassen, und wenn’s da noch so tolle Sonderangebote gibt. 200 Meter weiter komme ich an Marktständen vorbei, an denen von lauter Babuschkas (der korrekte Plural ist das natürlich nicht; бабушка heißt Großmutter und soll hier nur andeuten, dass die Damen allesamt nicht mehr ganz taufrisch sind) allerlei Vegetarisches verkauft wird: Pilze, Gemüse, Beeren und anderes Obst. Himbeeren fallen mir auf. Hm, das wäre jetzt schon mal was, aber wie soll ich das Obst waschen? Sinnvoll wär’s ja wohl. Beim Stichwort »waschen« fällt mir ein, dass ich vielleicht bei Gelegenheit meinen Wasservorrat aufstocken sollte. Auf mein Micropur möchte ich nur im Notfall zurückgreifen. Also fasse ich mir ein Herz, trete an einen der kleinen Kioske heran, die hinter den Marktfrauen, sozusagen in der zweiten Reihe, stehen, und suche mir unter allen Verkäuferinnen das verständnisvollste Gesicht heraus. Denn ich benötige Verständnis; es gilt, mein lückenhaftes Russisch zu verstehen, und wo die Lücken so breit geraten, dass es eher die Kenntnisse sind, die einsamen, steilen Zähnen gleich aus der Ebene der Unwissenheit aufragen, da benötige ich menschliches Verständnis.

Fünf Minuten später bin ich stolzer Besitzer eines Fünf-Liter-Kanisters mit hoffentlich einwandfreiem Wasser. Jedenfalls macht der Kanister nicht den Eindruck, als sei er zum zweiten Mal aufgefüllt worden, aus unsicherer Quelle womöglich. Von dem Augenblick an reise ich praktisch ununterbrochen mit einem Behälter mindestens dieser Größe auf dem Gepäckträger. Er muss sich den Platz mit der Schlafrolle teilen.

Da diese Einfahrt ins Wohngebiet anscheinend ebenso eine Sackgasse ist wie die obskure Straße vorhin, kehre ich um, bevor sich der Weg hinter irgendeiner Ecke erneut so zum finsteren Winkel verdunkelt, und erreiche wieder die Hauptstraße. Wie vor knapp zwei Stunden geht’s nach Norden, und wieder biege ich rechts ab, aber diesmal ist die Ausfahrt geplant, und so dringe ich zügig in Richtung Osten vor. Tatsächlich hätte mich diese Strecke zu keinerlei Sehenswürdigkeit mehr geführt. Rechts der Straße herrscht Geschäftigkeit: Hier wird auf einem breiten, unbefestigten Streifen, also unter freiem Himmel oder in der einen oder anderen Garageneinfahrt, repariert und gehandelt, was irgendwie mit PKW, LKW und Bautätigkeiten zu tun hat.

Irgendwo hier in der Nähe muss sich eine Sehenswürdigkeit befinden. Meine Eltern waren vor nicht allzu langer Zeit ebenfalls hier – allerdings mit einem Mietwagen – und folgten dabei sozusagen den Kreuzen, die mein Vater zuvor in die Landkarte eingetragen hatte. Eines dieser Kreuze liegt ganz in der Nähe.

Stadtring um Kaliningrad im Osten

An der nächsten, großen Kreuzung biege ich rechts ab. Die Straße führt mich zu einer seltsamen Brücke. Das heißt, eigentlich ist die Brücke nicht so seltsam; sie steht nur lediglich zur Hälfte. Jedenfalls schließe ich das daraus, dass die Straße bis zur Brücke vierspurig verläuft und letztere nur zweispurig ist. Als ich bis zum Brückenkopf vorgedrungen bin, sehe ich, dass es mal eine zweite Brücke gab. Das heißt, eigentlich gibt es sie noch, aber sie ist eingestürzt. Zwischen dem Brückenkopf und dem ersten Pfeiler (der, wie es scheint, noch steht) ist die ehemalige Fahrbahn praktisch in der Mitte zerbrochen; die erste, fast völlig von Gras bedeckte Hälfte führt steil hinab, und die zweite noch steiler wieder nach oben. Auf dieser befinden sich zum Teil noch Asphaltreste, aber unter dem Einfluss der Schwerkraft haben sie sich aufgefaltet und zusammengeschoben. Mutige – oder leichtsinnige – Menschen haben diese gut sichtbare Fläche für Liebesbekenntnisse genutzt. Ich bin nicht mutig und habe auch nichts zu bekennen. Also klettere ich da nicht hoch. Ob die zerbrochene Fahrbahn mal den anderen beiden Spuren diente oder eine Vorgängerin des jetzigen Bauwerks ist, bleibt offen.

Stadtring um Kaliningrad im Osten

Ich kehre wieder um und biege erneut rechts ab, verfolge also die ursprüngliche Richtung nach Osten. Ein paar Kilometer weiter komme ich an einer Ortschaft vorbei; links zweigt eine Art Dorfstraße ab. Ich folge ihr, bis es praktisch nicht mehr weiter geht. Unterwegs waren links und rechts unspektakuläre Gebäude und Grundstücke zu sehen, nichts, was Touristen anlocken könnte. Hm. Sollte ich mich woanders befinden, als ich glaube? Die Siedlungen sind hier ja nicht gerade üppig mit Ortsschildern ausgestattet. Die würden durchaus helfen. Ich biege rechts ab, durchquere einen kleinen Wald, fahre etwas kreuz und quer, biege dann noch einmal ab, folge jetzt praktisch der Fernstraße wieder in Richtung Westen, aber was ich an Schildern sehe, kann ich nicht einordnen, und was ich an menschlichen Bauwerken sehe, kann mich auch nicht annähernd begeistern. Also, was soll’s… Weiter nach Osten! Ich drehe um.

An der belebten Europastraße ist nichts spektakulär. Ich muss sie allerdings südlich liegen lassen, denn für Radfahrer ist sie nicht zugelassen. Ich gondele derweil weitgehend parallel dazu über die Dörfer. So ist es eh interessanter. Es fährt sich gut, u.a., weil der Wind mal wieder von hinten kommt. Heute Abend, spätestens morgen muss ich in die entgegengesetzte Richtung, denn es geht hier erst mal nur nach Tschernjachowsk (Черняховск, Insterburg), um den Osten Ostpreußens mal gesehen zu haben und dort nach einem Kriegsgräberfriedhof zu suchen; diesmal dreht sich die Recherche um meinen Großvater väterlicherseits. Eigentlich ist das Ganze ja Unsinn, denn wenn er hier irgendwo auf einem der Grabfelder liegen würde, dann wäre sein Name sicherlich schon längst registriert. Aber er war eben 1945 irgendwann als vermisst gemeldet worden, und in all den Jahren, die seine Frau damals immer noch auf seine Rückkehr wartete, war niemals etwas Greifbares von der Deutschen Kriegsgräberfürsorge oder anderen Behörden gekommen, und die waren doch zumindest in den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg hinter jeder noch so kleinen Information her und hätten sie sicherlich informiert. Ganz sicher liegt auf den Feldern hier noch der eine oder andere unbekannte Soldat, und die meisten werden wohl auch irgendwo eine Erkennungsmarke tragen, aber erstens traben die Bauern auch in Russland nur noch ausnahmsweise hinterm Pflug her, sehen also nicht, wenn sie dadurch einen Knochen oder ein Stück Blech zutage fördern, und zweitens ist doch unsicher, ob sie sich mit einem solchen Fund ernsthaft abgeben würden. – Aber jetzt will ich da einmal hin; die Zeit dafür muss einfach sein.

Bald darauf mündet »meine« Nebenstraße wieder in die E77 zurück. An einem ehemaligen Gehöft fällt mir ein Plakat auf. Darauf ist ein Fuchs abgebildet, und daneben steht ein Text. Es ist nicht sehr viel, aber ich kann damit nichts anfangen. Mir fällt lediglich das Wort »Mycopy« auf, das separat steht. Mycopy… – hm, wie könnte die Botschaft lauten? Geht es vielleicht um Artenschutz? Lautet die Aussage möglicherweise, dass die Tiere uns allen gehören (und nicht irgendwelchen Pharmakonzernen, die am Ende deren Gene patentiert haben)? Schwierig. Und warum sind »my« und »copy« überhaupt zusammen geschrieben? Und wieso werben die mit einem englischen Schlagwort für eine so gar nicht selbstverständlich eingängige Sache? Fragen über Fragen. Mir kommt ein Verdacht. Weil ich sowieso mal anhalten muss, krame ich das Wörterbuch heraus und suche nach мусору – und siehe da: мусор heißt Müll. »Meine Kopie« ist einfach nur der Dativ eines Wortes, das ausschließlich aus Buchstaben besteht, die auch aus dem lateinischen Alphabet stammen könnten. Die Amis hätten wahrscheinlich geschrieben »Keep your country clean!« oder so ähnlich. Allerdings reicht der Forschergeist nicht so weit, jetzt jedes einzelne Wort des Plakats nachzuschlagen, um diese Vermutung zu erhärten. Aber was soll es sonst schon sein?

In Gwardeisk (Гвардейск, Tapiau) biege ich nach Süden ab. Ich muss mich ja nicht die ganze Zeit über auf der Fernstraße bewegen. Im Hinterland gibt es vielleicht mehr zu entdecken. Wichtigstes Motiv ist jedoch mein Wunsch, einkaufen zu gehen. Mitten in der Stadt entdecke ich in einer Nebenstraße einen Supermarkt. Er ist zwar nicht so richtig super-sized, aber super finde ich, dass er ein Selbstbedienungsladen ist. Wenn ich mir vorstelle, dass ich in einem Tante-Emma-Laden jeden Artikel benennen sollte, den ich haben will, dann breitet sich vor meinem geistigen Auge eine eintönige Speisekarte aus. Aber so – alles in den Korb und am Ausgang bezahlen – internationaler geht’s nicht. Hauptsache, die haben ihre Sachen ausgepreist.

Sie haben. Aber dies hier ist nicht der Aldi. Nicht, dass alles so furchtbar teuer wäre, nein. Aber es ist alles so deutlich anders. Die Haferflocken zum Beispiel sind zwar gerade noch als solche zu erkennen, aber sie sehen sehr grob aus, auch verhältnismäßig dunkel – nicht gerade Köllnflocken. Ich denke mir: Wenn’s die anderen kaufen, werde ich es auch überleben, und lege zwei Packungen in den Korb. Milch gibt’s hier in den sympathischen Plastiktüten, die es in Deutschland auch mal bis Ende der 90er Jahre gab; seither habe ich sie bei den üblichen Discountern nicht mehr gesehen. Die Ökobilanz der Tüte ist vermutlich nicht zu toppen, aber die Schweinerei, die regelmäßig im Kühlregal herrschte, weil irgendeine Tüte undicht geworden oder ganz kaputt gegangen war, wahrscheinlich auch nicht. Ich nehme jedenfalls eine und packe weiter ein, bis der Korb voll ist. Großeinkauf!

Als ich wieder am Fahrrad stehe, fällt mir ein, warum ich in Deutschland beim Einkauf häufig sowohl auf den Einkaufswagen als auch auf einen irgendwo abgestaubten Karton verzichte: Diese Genügsamkeit zwingt mich, alle Einkäufe auf den Armen zu balancieren, und dies wiederum führt dazu, dass ich alles, was ich auf diese Weise in einem Rutsch bis zur Kasse gebracht habe, auch im Rucksack unterbringe. Hier habe ich mir den Luxus einer ansehnlichen Plastiktüte gegönnt, und folglich startet jetzt das Projekt »Verstauung«. Teil des Projekts wird es sein, eine Spur von Appetit im Keim zu ersticken und dafür zu sorgen, dass dieser Zustand für die nächsten zwei, drei Stunden auch erhalten bleibt. Also setze ich mich hin, stopfe alles Mögliche in mich hinein und beobachte die Passanten… – gut, ich geb’s zu, überwiegend die Passantinnen. Aus vermutlich längst vergangenen Zeiten – so genau kann ich das nicht mehr datieren – habe ich ein Bild von weit über die Grenzen des guten Geschmacks hinausgehend grell geschminkten Frauen im Kopf, die Haare strohblond oder dunkelrot, der BMI jenseits des grünen Bereichs. Nicht, dass ich die russischen Frauen regelrecht dick in Erinnerung hätte, aber auch nicht schlank. Woher kommt nur diese Erinnerung? Ich war doch noch nie in Russland. Es muss wohl das Fernsehen gewesen sein. Was hier dagegen herumläuft oder ins Schwätzchen vertieft steht, hat mit diesem Klischee so gut wie nichts mehr zu tun. Die Frauen sind nicht gewichtiger als die in Deutschland, und sie tragen kein auffälligeres Makeup. Lediglich die Mütter mit oder ohne Kinderwagen sind jünger als die in Deutschland; es sieht so aus, als würden Familien hier in deutlich jüngeren Jahren gegründet als bei uns. Und einige dieser Mütter sehen wirklich verdammt gut aus. Mein lieber Schwan, angesichts dieser Kurven darf ich wohl mal tief Luft holen!

Irgendwann bin ich dann aber wirklich satt, und hier herumsitzen und gucken bringt mich auch nicht voran. Nachdem die letzte Büchse untergebracht ist, schwinge ich mich erneut in den Sattel und verfolge die Straße weiter in Richtung Süden. Weit und breit Landschaft, hin und wieder ein kleines Dorf und dann wieder Landschaft. Bemerkenswert ist, dass hier offenbar weite Flächen brach liegen. Wie ist das, Leute, lasst ihr euch aus dem Mutterland versorgen, oder seid ihr so wenige, dass es nicht notwendig ist, auch nur annähernd alle Flächen zu bebauen? In Russland erscheint mir das ja einigermaßen plausibel. Die Bevölkerungsdichte ist selbst unter Außerachtlassung der sibirischen Waldflächen und der polaren Permafrost- und sonstiger ertragsschwacher Regionen verhältnismäßig gering. Da wird es selbstverständlich unnötig sein, eine gnadenlos intensive Landwirtschaft zu betreiben, aber dies hier ist fast noch Mitteleuropa. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Ostpreußen Flächen, die nicht ausgesprochen versumpft oder eben bewaldet waren, einfach liegen gelassen haben. Und was tun die Russen?

Altar einer Kirchenruine bei Snamensk/Wehlau

In Snamensk (Знаменск, Wehlau) fällt mir eine Kirchenruine auf, weil ich zunächst nicht an der richtigen Stelle abgebogen und am Abzweig vorbeigefahren bin. Überhaupt sieht man hier und da bröckelndes Ziegelwerk. Mir ist bisher nicht ein einziges auch nur einigermaßen intaktes Kirchengebäude unter die Augen gekommen, das nicht inzwischen reichlich profanen Zwecken dienen würde. Aber wie sollte das auch anders ein? Die Kaliningrad Oblast wurde nach dem Krieg komplett neu besiedelt; die Menschen kamen aus Russland und anderen Sowjetrepubliken. Wenn es dort überhaupt Kirchen gab, dann waren das orthodoxe. Wieso sollte hier also auch nur eine einzige Kirche noch stehen? Selbst für den schwer vorstellbaren Fall, dass das eine oder andere Gotteshaus den Krieg unbeschädigt überstanden haben sollte, ist doch nicht anzunehmen, dass die nachfolgenden 60 Jahre lediglich Moos auf den Dachziegeln hätten wachsen lassen.

Von dieser Kirche stehen nur noch die Grundmauern und ein Teil des Turms. Das Hauptportal ist nachträglich mit zwei schweren Torflügeln versehen worden, wahrscheinlich, damit niemand die Ruine betritt. Da die Flügel nicht genau passen – vielleicht ist das ja sogar Absicht –, kann ich durch einen schmalen Spalt ins Innere gucken. Das Grünzeug steht einen guten Meter hoch, aber am gegenüber liegenden Ende der Ruine ist ein improvisiertes Holzkreuz zu erkennen.

Altes Landhaus bei Perewalowo/Mulden

Weiter geht’s in Richtung Südsüdost. Eine gute Stunde später mache ich bei Perewalowo (Перевалово, Schwönau) eine Aufnahme von einem Haus, das vermutlich schon früher ganz allein auf weiter Flur stand, Heimstatt inmitten der bewirtschafteten Flächen. Ob das so toll war, ganz ohne Nachbarn? Und jetzt? Hier wird nichts angebaut. Aus der Ferne ist nicht erkennbar, ob irgendwo eine Kuh grast oder wenigstens eine Ziege oder ein paar Gänse. Es ist schon verständlich, wenn die Leute hier nichts hält und sie in die Stadt wollen. Ob sie dort allerdings finden, was sie hier vermissen…

Ein paar hundert Meter vor mir biegt jemand mit dem Fahrrad auf die Straße ab. Mir fällt das auf, weil hier sowieso nur sehr wenig Verkehr ist. Wenige Minuten später sehe ich, dass es ein Mädchen ist, vielleicht zwölf oder 13 Jahre alt. Es fährt in dieselbe Richtung wie ich, aber es sieht nicht so aus, als hätte es einen weiten Weg vor sich. Kurz bevor ich die jugendliche Radfahrerin erreiche, beginnt sie, zur Fahrbahnmitte zu driften, so, als wollte sie links abbiegen. Aber da ist nichts, wohin man abbiegen könnte. Ich lege die Hände an die Bremsen und fahre weiter. Gerade als der vorderste Punkt meines Vorderrads auf gleicher Höhe ist wie ihr imaginäres Rücklicht, fährt sie im großen Schwung nach rechts von der Straße. Ja, dorthin hätte ich ja auch mal gucken können. Die Betätigung der Bremsen ist trotzdem eher der Überraschung als einer objektiven Notwendigkeit geschuldet. Im letzten Moment muss sie mich dann aber wohl in ihr Blickfeld bekommen haben; jedenfalls dreht sie sich erschrocken um. Und dann ist die Szene auch schon vorbei. Ihr hat’s anscheinend die Sprache verschlagen, und mir fehlen die rechten Worte. Was heißt etwa »Immer schön rechts fahren« auf russisch? Und wenn sie etwas wie »Kannst ja auch mal klingeln« gesagt hätte, wäre mir der Sinn wahrscheinlich auch verschlossen geblieben.

Bei Frunsenskoje (Фрунзенское, Gut Bokellen) biegt die Straße nach Südosten ab. Tschernjachowsk liegt jedoch im Nordosten. Da meine Karte auch Wege verzeichnet, biege ich mutig ab, zumal die Piste, auf die ich mich hier einlasse, zwar unbefestigt aussieht, aber durchaus so, als fahre hier ab und zu mal jemand lang. Nach einem oder zwei Kilometern kommen mir erste Zweifel daran, dass dies wirklich der richtige Weg ist. Zwar geht es prinzipiell schon nach Osten, jedoch in einem solchen Zickzack… Davon abgesehen kostet mich das Manövrieren um all die Schlaglöcher Zeit. Noch ist die Sonne nicht untergegangen, aber die Schatten sind lang geworden. Es kann so lange nicht mehr dauern. Wie lange es allerdings noch dauert, bis ich die A197 erreicht habe, das kann ich bestenfalls grob abschätzen, weil mir die Karte sagt, wie lang die Luftlinie zwischen Frunsenskoje und dem Lot auf die A197 ist. Aber ein Lot wird üblicherweise mit einem Stück Blei gefällt; darum hängt die Schnur straff, und die »Schnur« auf der ich fahre, ist alles andere als »straff«. Jetzt eine Panne, das wär’s! Ob es hier wohl Mücken gibt?

Nach einer schier endlosen Zeit erreiche ich tatsächlich Wolodarowka (Володаровка, Jodlauken, Schwalbental). Vor einiger Zeit lief im Fernsehen eine Sendung über Ostpreußen in der Nazizeit. Dort lebten damals eine Menge Leute, die nicht primär deutsch sprachen, sondern polnisch oder masurisch. Und sie trugen zum Teil auch Namen, die nicht deutsch klangen. Aber es heißt, sie seien alle recht gut miteinander ausgekommen. Anfang der 30er Jahre, noch vor Hitlers Machtantritt, erreichte die braune Seuche auch Ostpreußen. Und dort muss es wohl ein paar ganz stramme Jünger gegeben haben. Jedenfalls hieß es in der Sendung, die Funktionäre hätten sich in ihrem Deutschdrang auf alles gestürzt, was ihnen irgendwie fremd erschien, zum Beispiel auf diese Leute. Da sie aber zum größten Teil deutsche Staatsbürger waren und wohl auch nur einige unter ihnen Juden, hatten die Nazis kaum eine Handhabe für Repressalien. Sie sollen aber Menschen mit slawisch klingenden Familiennamen gedrängt haben, sich umbenennen zu lassen. Und offenbar hat dieser Blödsinn auch vor Ortsnamen nicht Halt gemacht. Schwalbental – da denke ich an ein Tal im Erzgebirge oder Thüringer Wald, aber nicht an diese Ebene. Was für ein Schwachsinn! Leute, wenn euch mal wieder jemand sagt, dass der Klügere nachgeben müsse, dann bedenkt, dass nach dieser Parole die Welt von Dummen regiert wird. Jodlauken – ohne dass ich ein intimer Kenner Ostpreußens wäre, aber der Name klingt ostpreußisch. Ich würde ihn nie woanders suchen als hier.

Die Strecke nach Tschernjachowsk wird erst spektakulär, als ich mich der Stadt nähere. Es ist ein Spektakel im wahrsten Sinne. Südlich der Stadt liegt ein Militärflugplatz, um den die Straße seit seiner Errichtung einen weiten Bogen macht. Aller paar Minuten startet dort ein Kampfflugzeug, und es ist schier unglaublich, was für einen Lärm die machen. Das ist allerdings keine Besonderheit russischer Maschinen; als ich vor zwei Jahren von Aurich nach Wilhelmshaven fuhr, kam ich ebenfalls an einem Fliegerhorst vorbei, und der Pegel dort war kaum dezenter. Ganz in der Nähe liegt übrigens der staatlich anerkannte Erholungsort Wittmund. Klar, dass der Staat als Flugplatzbetreiber mit dieser Anerkennung keine Probleme hat. Wie das die Erholungssuchenden sehen, hängt vermutlich von den Flugplänen ab.

Gut, ich bin hier noch außerhalb der Ortschaft. Erfahrungsgemäß machen sich viele Tiere nichts Erkennbares aus dem Lärm; von Herz-Kreislauf-Erkrankungen in freier Wildbahn habe ich jedenfalls noch nichts gehört. Außerdem entsprechen die Jets keinem programmierten Feindbild der Tiere. Am östlichen Ende der Piste verschwindet die Straße im Wald. Dennoch dringt der Donner der Nachbrenner durch.

Das ändert sich natürlich auch dann nicht, als der Wald zu Ende ist. Rechts beginnt der Soldatenfriedhof. Obwohl meine Eltern bereits hier waren, mache ich Halt. Wie in Polen gibt es auch hier keine einzelnen Grabsteine, sondern große Tafeln mit endlosen Listen von Namen, alphabetisch sortiert. Was haben die eigentlich gemacht, wenn sie zwischendurch einen neuen Namen gefunden haben, der nicht gerade mit Z begann? Jedenfalls findet sich hier kein Geue.

Die Sonne ist inzwischen untergegangen. Jetzt beginnt die lange Dämmerung. Ob ich hier in der Stadt mal ein Hotel probiere? Ich müsste nur eines finden, das auf der einen Seite nicht zu protzig/teuer aussieht, auf der anderen Seite jedoch noch als Herberge erkennbar ist. Und außerdem wüsste ich gern, wenn auch vielleicht erst für morgen, wo ich aus der Stadt wieder herauskomme. Denn das ist für Ortsunkundige, die sich hierher ins Zentrum verirrt haben, gar nicht so einfach, weil die Beschilderung fehlt.

Nach ein paar Schlenkern und einigem Hin und Her, immer wieder vorbei an Lenin, der trotz des mittlerweile weit zurückliegenden Niedergangs der Sowjetunion unbeirrt eine Hand in Richtung Zukunft ausstreckt, mit offenem Mantel und im eleganten Dreiteiler, beschließe ich die Fortsetzung der Reise. Ob die Russen noch was auf Lenin geben, kann ich daraus freilich nicht ableiten. Man hat’s hier nicht so mit dem Abreißen und Aufräumen. Solange der Platz nicht für andere Dinge gebraucht wird – und Platz ist in Russland wahrhaftig genügend –, muss man sich doch mit so was keinen Stress machen. Sieht doch ganz friedlich aus, der Mann. Die Stalin-Denkmäler waren jedenfalls schneller wieder weg. Aber vielleicht geschah das ja damals auf Anweisung von oben. Von dort kommt jedoch schon lange nichts Ernstzunehmendes mehr, also kann Lenin weiter stehen bleiben.

Instrutsch/Inster bei Tschernjachowsk/Insterburg

Endlich finde ich die Ausfahrt. Es geht nach Norden, zunächst einmal über den Instrutsch (Инструч, Inster). Der Name des Flusses ist auffällig, eine Reminiszenz an den früheren Namen, auch der Stadt. Ist den Russen da nichts anderes eingefallen? Die haben doch sonst alles umgekrempelt. Einige sowjetisch vergebene Ortsnamen zeugen ohnehin von Einfallslosigkeit. »Hoch« und »Rot« heißen Dörfer. Wir haben in der Nachbarschaft von Erlangen einen Ort, der Herzobase heißt (weil dort, in der Nähe von Herzogenaurach, die Amis mal eine Kaserne hatten). Ich würde ja wegziehen! Wer weiß, zu welchen Geistesblitzen die Eltern solcher Namenskreationen noch imstande sind.

Hier, nördlich des Flusses, soll nun noch ein Soldatenfriedhof sein. Der genaue Maßstab meiner Karte lässt kaum Spielraum für Interpretationen. Es muss im Umkreis von einem Kilometer sein. Andernfalls stimmt der Eintrag auf der Karte nicht. Also fahre ich erst mal weiter nach Norden, den Berg hinauf. Rechts fällt mir ein Hotel »Georgenburg« auf, sogar in lateinischer Schrift, links ein Teich am Hang. Aber weit und breit kein Friedhof. Auch vom Ortsrand aus ist nichts zu erkennen. Also zurück! Links abbiegen! Erneut den Hang hinauf! Wieder nichts. Noch mal nach links! Wieder Ortsende. Hm. Im Osten und Norden ist alles abgegrast. Von Süden her komme ich, und wenn ich jetzt nach Westen fahre, werde ich nicht mehr zurückkehren, zum Einen, weil ich nicht wüsste, wo ich noch suchen sollte, zum Anderen, weil es dunkel wird und ich sowieso nichts mehr erkennen kann, und schließlich, weil ich sowieso in diese Richtung muss, wenn ich mir das Samland westlich und nordwestlich von Kaliningrad noch ansehen will.

Auch hier ist nichts zu finden. Das Projekt werde ich wohl abhaken müssen. Das einzige Projekt, das in der hereinbrechenden Nacht noch Bedeutung hat und stetig wichtiger wird, ist die Suche nach einem geeigneten Übernachtungsplatz. In Dowatorowka (Доваторовка, Zwion) sehe ich rechts, ein Stück abseits der Straße, ein größeres Gebäude, das vom Typ her so eine Art Kulturhaus sein könnte. Der Eingang ist überdacht und unbeleuchtet. Herz, was willst du mehr? Wenn jetzt noch die Landjugend einen Bogen um mich machen würde… – Freitagabend, Ferien…, ich weiß schon, das ist viel verlangt. Aber wenn ich bedenke, dass es bald 24 Uhr Ortszeit ist, dann könnte doch…

In bewährter Manier richte ich mein Lager ein. In der Nähe des Flusses halte ich das Mückenschutzmittel für angebracht. Ich habe es mir extra kurz vor Antritt der Fahrt gekauft. Schwedisches Dschungelöl war dem Verkäufer im Abenteuerfachgeschäft ein Fremdwort. Eigentlich hätte ich da gleich wieder gehen sollen – wenn sich einer schon so wenig mit der Abwehr dieser Plagegeister auskennt. Wenn man schon nicht auf seinen Bauch hört. Nach zehn Minuten höre ich das erste hochfrequente Gelächter über meine matten hautfreundlichen Abwehrversuche. Verärgert krieche ich wieder aus dem Schlafsack, um das Moskitonetz auszubreiten. So, jetzt könnt ihr kommen!

10. Juli 10. Juli12. Juli 12. Juli