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9. Juli 9. Juli11. Juli 11. Juli

10. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Die Nacht wird gegen Morgen etwas unruhig. Warum, weiß ich auch nicht, aber ich werde einige Male kurz wach, als noch Finsternis herrscht, und dann noch mal in der Morgendämmerung. Aber erstens ist es ziemlich kühl, und zweitens ist es wirklich nicht erforderlich, es mit dem täglichen Pensum zu übertreiben. Ich denke, es müsste wirklich etwas schiefgehen, wenn ich heute nicht Russland erreichte.

Vielleicht wäre es aber besser gewesen aufzustehen, bevor die Sonne jedes Detail beleuchtet, denn dies gilt, als es soweit ist, auch für das Dach über meinem Liegeplatz und für die Pfeiler, die es entgegen allem genaueren Anschein noch tragen: Löcher allerorten (ob mich diese Decke wirklich gegen Regen geschützt hätte, wenn es darauf angekommen wäre?), und die verrosteten Bewehrungsstahlbänder kann man hier und da mit der Hand umschließen, so sehr haben sie sich bereits vom bröckeligen Beton emanzipiert. Möglicherweise ist dies der Grund dafür, warum hier kein Gerät steht und mich niemand gestört hat. Ich studiere dennoch ausgiebig vom Schlafsack aus den großen Ziegelbau, dessen Silhouette mich gestern Abend vermuten ließ, dass das jetzt erkennbare botanische Chaos nebenan mal ein Hof gewesen sein könnte. Warum sollte das Dach über mir auch gerade jetzt einstürzen? Schließlich ist fast Windstille.

Das Dach des Hauses vis-à-vis ist mit Eternitplatten gedeckt. Eternitplatten sind ein Phänomen wie Tempotaschentücher – ein Markenname ist zum Gattungsnamen geworden. Und so werden ebenso, wie längst nicht mehr jedes Zellstofftaschentuch die Marke Tempo trägt, Faserzementplatten schon seit langer Zeit nicht mehr nur von den österreichischen Eternit-Werken hergestellt. Aber noch etwas ist bemerkenswert: Eigentlich ist der Name ja Programm, und er ist aus dem lateinischen Wort für Ewigkeit abgeleitet. Abgesehen davon jedoch, dass man bei der Montage sowohl der flachen als auch der gewellten Platten unheimlich aufpassen muss, dass keine Ecken abbrechen, sieht die Ewigkeit dieses Baustoffs so aus wie das ewige Leben derjenigen Amerikaner, die sich für viel Geld einfrieren lassen, weil sie meinen, eine künftige Welt harre ihrer geistigen Fähigkeiten mit Ungeduld und sei begierig darauf, diesen Untoten ihren medizinischen Fortschritt angedeihen zu lassen. Diese Dächer sind vom ersten Tag an untot, sehen also hässlich und alt aus. Und das bleiben sie dann ziemlich lange. Möglicherweise wird das Dach bis zum Schluss bestehen, wenn schon fast alles andere eingestürzt ist, beschleunigt durch üppigen Pflanzenwuchs aus allen Ritzen und Fugen, welcher wiederum nicht zuletzt dadurch befördert wird, dass zumindest der First Hochsitz zahlreicher Vögel ist, die ja hier und da mal was Düngendes fallen lassen.

So, nun bin ich so weit, trete aus dem Schatten meines suspekt gewordenen Unterstands heraus und studiere die Karte. Ich weiß so gut oder schlecht wie gestern Nacht, wo ich bin, denn der Atlas gibt nur preis, was mit 1:400.000 aufgelöst werden kann, und der Garmin… – nun ja, er zeigt alle vier, fünf Kilometer einen Ortsnamen, aber die hängen so frei in der Gegend herum, wegelos, um genau zu sein. Ich werde wohl außer dem Ariadnefaden des gestern Abend gefahrenen Streckenabschnitts (die Route der letzten ca. 400 km wird mir ja stets anzeigt) noch den gesunden Menschenverstand, die Sonne und ein bisschen Orientierungsvermögen hinzunehmen müssen. Und all diese Dinge sagen mir: Du musst zurück, ein kleines Stückchen jedenfalls.

Mir wird aber noch etwas gesagt, allerdings von ganz anderer Stelle. Und dieser Ruf lautet: Du klebst! Wasch dich mal wieder! – Im Grunde kommt solch ein Gefühl nicht erst nach drei Tagen auf. Es genügt, wenn der Schweiß eines intensiven Tages nicht flächendeckend mit Seife von der Haut und Waschmittel aus der Unterwäsche getilgt wird. Zwar habe ich bisher noch an jedem Abend den Waschlappen zur Hand genommen, auch Seife und meine Trinkflasche, aber letztere mag die größten Beschränkungen veranschaulichen, die diesem Akt der Körperhygiene auferlegt werden: Es soll ja Menschen geben, die unter der Dusche täglich in Summe eine Stunde lang entspannen, dabei viel warmes Wasser in die Kanalisation fließen lassen und nebenher vielleicht auch einigermaßen sauber werden. Meine Entspannung muss ich mir jedoch woanders her holen… – na ja, eigentlich habe ich hier doch keinen nennenswerten Stress; also lassen wir diesen Aspekt mal beiseite. Und für meine Sauberkeit müssen ein halber Liter Wasser und frische Unterwäsche reichen (von letzterer habe ich jedoch nur ein halbes Dutzend dabei, so dass das Wechselprinzip irgendwann in das Rotationsprinzip übergeht, und spätestens am Ende jeder Runde wäre so etwas wie ein Waschgang sehr sinnvoll). Ich möchte wetten, dass das sogar geht, aber die Gerätschaften, die da vor meinem geistigen Auge erscheinen, habe ich alle nicht dabei, noch nicht mal einen sauberen Lattenrost, geschweige denn einen Duschvorhang oder so was in der Art. Will ich das komplette Programm, so bewegt es sich im öffentlichen Raum fast zwangsläufig irgendwo zwischen Exhibitionismus und Nudismus. Da sind Kompromisse also unvermeidlich.

Jezioro Kucki / Khuziger See Jezioro Kucki / Khuziger See

Nach ungefähr einem Kilometer endet der »Rückwärtsgang« bezüglich der gestrigen Route; ich biege nach links ab, in Richtung Osten. Ich bin relativ zuversichtlich, jetzt genau zu wissen, wo ich bin. Nach weiteren zwei Kilometern wird rechts ein See sichtbar. Auf der Karte hat der Jezioro Kucki (Khuziger See) die Form eines Bumerangs. Das wäre jetzt was! Dabei bin ich doch gerade erst losgefahren. Ein paar Kilometer später kommt das Gewässer wieder in den Blick, diesmal sogar mit einem kleinen Strand und einer Zufahrt über einen grasbewachsenen Hang. Daran führt nun wirklich kein Weg mehr vorbei. Ich biege ab und rolle hinunter. Es ist kein Mensch zu sehen. Lediglich auf der Straße, die sich wie eine Theatersitzreihe im Viertelrund um die Bucht krümmt, rollt alle paar Minuten ein Fahrzeug vorüber. Die sollen sich dann gefälligst nicht so haben. Ich greife mir die Seife und taste den Grund vorsichtig nach scharfen Muscheln, Röhrichtstümpfen und sonstigen Verletzungsquellen ab. Das Wasser ist wärmer als die Luft, also nicht lange gezögert!

An zwei Körperteilen wird mangelnde Hygiene am schnellsten unangenehm: am Hintern, weil der schließlich – je nach Rahmenform und Sattelstellung, Haltung und Engagement – ca. die Hälfte des Körpergewichts zu tragen hat (der Rest geht auf die Pedale und den Lenker), und auf der Kopfhaut, zumindest, wenn man, wie ich, einen Helm trägt. Ich hoffe, die beiden werden es mir danken. Aber auch sonst ist die morgendliche Waschung – wenn denn die abendliche (zu spartanisch) ausfiel oder/und die Nacht zu warm war – sinnvoll, weil der Körper, bildlich ausgedrückt, noch nicht so richtig Betriebstemperatur erreicht hat, was dazu führt, dass die Klamotten vorzugsweise an der Schulter und am Oberschenkel kleben. Das bessert sich erst, wenn der Schweißfluss wieder in Gang gekommen ist. Baden zu gehen hat nur dann Sinn, wenn es a) Spaß macht oder b) aus hygienischen Gründen unter keinen Umständen mehr verschoben werden kann. Einen tieferen Sinn bekommt die Spaßvariante, wenn die Fahrt entweder noch nicht (nennenswert) begonnen hat oder weitgehend abgeschlossen ist, denn steigt man bei großer Hitze der Abkühlung wegen ins kühle Nass, so ist der Effekt auf den Augenblick beschränkt und bereits fünf Minuten nach Wiederaufnahme der Fahrt dahin. Als ich aus den »Fluten« steige, stehe ich vor der Wahl, in den unzugänglichen Tiefen meiner Packtaschen nach einem Handtuch zu suchen oder den Waschlappen zu zweckentfremden. Ich entscheide mich für letzteres, und obwohl das etwas länger dauert und nicht so perfekt ist, klappt es doch so gut, dass ich beschließe, Handtücher künftig von der Standardliste meiner Reiseaccessoires zu streichen. Freilich sollte die Umgebungstemperatur bei solchen Trocknungsmethoden nicht unter zehn Grad liegen, aber wie warm es ist, merke ich ja jeweils bereits vor dem Waschen.

Mit neuem Elan geht es weiter. Schon nach wenigen Kilometern beschleicht mich das Gefühl, nicht in der richtigen Richtung unterwegs zu sein. Eigentlich müsste es nach Nordosten gehen, aber stattdessen bewege ich mich im rechten Winkel dazu, teils sogar nach Süden. Es sieht so aus, als hätte ich einen Abzweig nach links verpasst oder falsch interpretiert. Das ist allerdings auch nicht weiter verwunderlich: Die Gegend hier ist derart dünn besiedelt und macht zudem einen ziemlich undynamischen, um nicht zu sagen verschlafenen Eindruck – da kann ich eigentlich mit allem rechnen, nur nicht ausgerechnet mit einer exzellenten Infrastruktur, Beschilderung inbegriffen.

In der welligen Landschaft vor mir ist ein Windpark errichtet worden. Das Gute daran ist, dass die Räder sich alle rechts herum drehen. Das bedeutet nämlich Rückenwind für mich. Nicht gut ist, wenn die Masten nach links »wandern«, denn dann ist meine Richtung falsch. Ich muss vielmehr selbst links an ihnen vorbei. In meiner Orientierungsnot greife ich nach Strohhalmen: Da das gestern so gut geklappt hat mit dem Fahren auf Wegen, die in meinem Atlas nur unter »Gegend« geführt werden, also nicht eingezeichnet sind, wage ich mich nun auf die unterste Kategorie, die so genannten Fahrwege. Da gibt es einen, der mich weiter führen könnte. Das tut er zwar auch, aber er verlangt mir Beharrlichkeit ab: Es geht zwischen Ställen hindurch, an Silos vorbei – bin ich hier jetzt auf einem Bauernhof, der bloß nicht eingezäunt ist, oder ist das noch »öffentlicher Raum«? –, quer über eine wilde Mülldeponie, durch winzige Nester mit dem immer gleichen Ortsnamen »Wir wirtschaften hier ohne Geld«, und befestigt sind die Pfade ohnehin nicht, aber ich schaue jetzt mal nicht auf das Tagesziel, sondern allein nach den Windrädern (es soll ja Leute geben, die sich daran reiben, dass die so weit zu sehen sind) oder anderen Orientierungspunkten. Und tatsächlich gelange ich nach einigem Zickzack auf eine Straße, die laut Karte mit erfreulicher Geradlinigkeit in Richtung Susz (Rosenberg) verläuft.

Landstraße 515 Richtung Oberland- bzw. Elblagkanal

Dort erreiche ich die Straße 515, und außer der Tatsache, dass sie danach durch ein ausgedehntes Waldgebiet verläuft, ist daran weiter nichts erwähnenswert. In Stary Dzierzgoń zweigt die Straße 519 rechts ab, und ich folge ihr. Es geht leicht den Hügel hinauf, und in einiger Entfernung sehe ich einen Radfahrer vor mir. Er ist anscheinend etwas langsamer als ich, und so was spornt mich immer an. Allein auf mich gestellt fahre ich so meinen Trott, und wenn da nicht gerade ein Anstieg ist, der Kämpferqualitäten verlangt, damit das Fahrrad nicht ganz und gar stehen bleibt, pflege ich mein Engagement mit dem eines Brauereigauls zu vergleichen: kaum tot zu kriegen, aber für Rennen gänzlich ungeeignet. Mit dieser Einstellung bricht man natürlich keine Rekorde, und eigentlich wäre so etwas wie ein Rekord heute nicht schlecht, denn heute ist der erste Gültigkeitstag meines Visums für Russland, und das war zu teuer, um auch nur einen Tag davon zu verschenken. Der Radler da vorn gibt mir das gerade benötigte Allez!

Es ist allerdings kein Er, sondern eine Sie, und sie fährt auf einer unglaublichen Gurke. Die Kette hängt in einem Maße durch, das ich nicht für möglich halten würde, wenn ich es nicht mit eigenen Augen sähe. Nach meiner bisherigen Erfahrung müsste man die Pedale eines solchen Gefährts sehr sanft berühren, damit die Kette nicht springt. Wie kann man mit einer solchen Mühle bloß fahren?! Das tut doch weh! Da muss man sich doch mal ein paar Minuten Zeit nehmen und was tun! Leider ist die Frau aufgrund der beschriebenen Umstände nicht nur etwas, sondern deutlich langsamer. Also überhole ich sie, und kaum bin ich den Hügel auf der anderen Seite wieder hinuntergerollt, verfalle ich in Ermangelung eines Schrittmachers in den alten Trott.

Oberland- bzw. Elblagkanal

Richtig interessant wird die Route erst wieder eine ganze Zeit später: am Kanał Elbląski (Oberländischer Kanal). Schon vor sechs Jahren, als ich von Ostroda (Osterode) kommend über Elbląg (Elbing) nach Gdańsk (Danzig) fuhr, wusste ich von diesem Kanal und dass dort Schiffe auf Schienen über Land gefahren wurden. Eigentlich hatte ich mir dieses Schauspiel nicht entgehen lassen wollen, aber da mich zum damaligen Zeitpunkt seit mindestens einer Woche eine Darminfektion plagte, war mein Unternehmungsgeist so ziemlich auf dem Nullpunkt angekommen. Ich wollte eigentlich nur noch nach Hause, und als ich feststellen musste, dass ich den Kanal irgendwo überquert hatte, ohne etwas davon bemerkt zu haben, war ich nicht bereit, noch einmal umzukehren oder mich auf der Suche danach sozusagen »in die Büsche zu schlagen«. Meine letzte Exkursion – im Sinne einer Abweichung von der direkten Route – war danach nur noch die Frische Nehrung, und von Gdańsk aus benutzte ich mit einer kurzen Unterbrechung vor Frankfurt nur noch die Eisenbahn.

Diesmal habe ich Micropur dabei, damit mir so ein Malheur nicht noch einmal passiert. Kurz hinter dem kleinen Dorf Jelonki überqueren gleich zwei Brücken ein unscheinbares Gewässer: den Kanał Elbląski. Die eine ist sehr schmal und war möglicherweise früher mal die Brücke über den Kanal, während sie jetzt nur noch Fußgängern und Radfahrern dient. Auf der anderen habe ich Halt gemacht, und hätte ich die Rampe mit den darauf verlegten Schienensträngen in der Ferne jetzt nicht freiwillig zur Kenntnis genommen, dann würde mich wohl spätestens ein unmittelbar hinter dem Brückenpaar parkender Reisebus stutzig machen.

Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal

Ja, nun, was soll man zu diesem Kanal sagen? Er ist absolut sehenswert. Mehrere Kanalabschnitte werden durch jeweils zwei Gleise mit beachtlicher Spurweite miteinander verbunden. Die Gleise reichen auf dem jeweils unteren wie auch auf dem oberen Kanalstück bis ins Wasser, weshalb es natürlich auch im oberen Abschnitt erst mal ein Stückchen aufwärts geht, wenn das Schiff das Wasser verlässt, weil sonst ja auch das Wasser ablaufen würde. Die Schiffe werden auf Wagen transportiert, die Eisenbahnwaggons nicht unähnlich sehen. Über den Achsen ist ein Trog montiert worden, in den ein Schiff hineinfahren und aus dem es wieder herausfahren kann, solange der Trog so tief im Wasser steht, dass dem Schiff fürs Manövrieren die redensartliche Handbreit Wasser unterm Kiel bleibt – wobei von Kiel da eigentlich kaum die Rede sein kann, denn die Schiffe haben wegen einer großflächigen Auflage auf den Trögen unten einen verhältnismäßig flachen Rumpf.

Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal

Gezogen werden die Wagen von einem Endlosstahlseil, das über große Umlenkrollen auf der unteren wie auf der oberen Seite angetrieben bzw. umgelenkt wird. Auf der oberen Seite verschwinden die beiden Seilstücke in einem Gehäuse, innerhalb dessen der eigentliche Antrieb sitzt. Da der Kanal in Wirklichkeit ein langsam in Richtung Frisches Haff fließendes Gewässer ist, vermute ich, dass der Abfluss jeder Kanalstufe für diesen Antrieb verwendet wird. Die Geschwindigkeit dieses eigentümlichen Transports über Land mag so zwischen zwei und drei Kilometern in der Stunde liegen. Man kann also gemütlich nebenher gehen, fahren natürlich erst recht.

Oberland- bzw. ElblagkanalOberland- bzw. Elblagkanal

Und das mache ich dann auch. Im Bewusstsein einer großzügig bemessenen Speicherkarte knipse ich, was das Zeug hält. Insgesamt verfolge ich zwei Schiffe – ein kleineres auf dem Weg nach oben, ein ziemlich großes nach unten, allerdings nicht gleichzeitig, obwohl auf jeder Rampe stets zwei Wagen unterwegs sind, aber dass ebenfalls gleichzeitig oben und unten jeweils ein Schiff ankommt, ist wohl nicht so häufig. Und das spielt auch überhaupt keine Rolle, denn wer hier Eile hat, ist fehl am Platze, hat irgendwas nicht richtig kapiert. Heute ist zudem noch wunderschönes Wetter, und im Grunde ist der Kanal auch ohne Rampen und Schiffe landschaftlich sehr schön gelegen und sehenswert – also, das ist schon ein Highlight der Tour und der Etappe sowieso.

Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal
Oberland- bzw. Elblagkanal Oberland- bzw. Elblagkanal

Drei, vier Kilometer aufwärts der Stelle, an der ich auf den Kanal getroffen bin, verlasse ich ihn wieder. Insbesondere der Abschnitt zwei »Etagen« höher erinnert mich an einige Abschnitte des König-Ludwig-Kanal – nur dass der ganz »normale« Schleusen hat (die zudem nicht mehr in Gebrauch und teilweise auch bis auf ein Rohr zugeschüttet sind) anstelle von Schienen. Aber dafür liegt er praktisch vor der Haustür. Es geht jetzt in Richtung Pasłęk (Preußisch Holland). Dort kreuze ich meine Route von 2002. Mir wird wieder bewusst, was meine damalige Fahrt durch die Masuren außerdem getrübt hat: die Benutzung einer Europastraße. Das war damals schon nicht lustig, und auch jetzt mutet allein die Überquerung an wie … – na ja, eben viel lauter als die anderen Straßen, auf denen ich heute bisher unterwegs war. Ich werde noch mal eine Fahrt nur durch die Masuren machen müssen oder doch zumindest eine, die für diese Landschaft mehr als nur zwei, drei Tage vorsieht oder gar – wie dieses Mal – mehr oder weniger daran vorbeiführt.

Bei der Ausfahrt aus Pasłęk beschleicht mich ein leichtes Ende-der-Welt-Gefühl. Das ist eine nette Gegend hier, nicht dicht besiedelt, nicht durch Golfplätze zerstückelt (jedenfalls nicht für mich erkennbar); das könnte irgendwo sein. Aber es liegt keine 50 km von der russischen Grenze entfernt, und zwar nicht von irgendeiner Stelle des riesigen russischen Reiches, sondern von einem der bis in die 90er Jahre hinein abgeschottetsten Gebiete der Welt, von Nordkorea natürlich mal abgesehen. Hier standen sich zwar keine Menschen gegenüber, die Atomraketen aufeinander richteten, sondern zwei »Bruderländer«, aber erstens mochten sie einander nicht, und so ist das bis heute geblieben, und zweitens ist eine Mauer eine Mauer – oder, alternativ, ein Paar von Stacheldrahtzäunen, zwischen denen zusätzlich ein Elektrozaun verläuft, flankiert von riesigen Scheinwerfern. Aber das ist natürlich alles Psychologie. Ich bin sicher, es gibt in Mecklenburg Straßen mit ähnlichem Charakter, und da sind die Russen weit weg.

Ich benutze die Straße 505 bis Młynary (Mühlhausen). Sie biegt dort links ab; ich wage mich dagegen wieder einmal auf die »weißen Streifen«. Damit gibt es kein Problem. In Wielkie Wierzno überquere ich die Fernstraße 22, die frühere Reichsstraße 1 nach Königsberg. Eine Brücke führt über ein nagelneues Asphaltband. Man sollte meinen, dass hier richtig was abgeht, Transitverkehr und Blechgewühl… Nichts. Ein einziges einsames Auto kommt nach einer Minute vorbei. Sollte die Straße noch gesperrt sein, der Bauabschnitt noch nicht wieder freigegeben? Oder sind das die wahren Dimensionen?

Ein paar Kilometer weiter stoße ich wieder auf die 505. Noch ein paar Kilometer, und ich rolle hinunter nach Frombork (Frauenburg). Die Stadt bedeutet einen Umweg. Würde ich unbedingt so schnell wie möglich nach Kaliningrad (Калининград, Königsberg) oder zumindest nach Russland fahren wollen, dann hätte ich in Wielkie Wierzno irgendwie zusehen müssen, wie ich auf die Fernstraße 22 komme; zwei, drei Kilometer später hätte ich auf die 54 nach Braniewo (Braunsberg) abbiegen müssen, und wahrscheinlich wäre ich jetzt schon dort. Von da aus jedoch kann man Russland fast schon sehen. Ein bisschen länger wird sich das wegen dieser Eskapade nun noch hinziehen. Warum das also?

Das ist schwer zu sagen. Irgendwie hatte der Name Frombork etwas, das mich neugierig gemacht hat. Die Lage der Stadt am Frischen Haff ist auch ein verhältnismäßig irrationales Motiv, denn erstens habe ich dieses Haff vor sechs Jahren auch schon mal gesehen, zweitens ist es so breit, dass man von der dahinter liegenden Nehrung nicht viel sieht (und auch die kenne ich aus unmittelbarem Augenschein), und das Wasser wird ebenfalls unspektakulär: Die Ostsee verspricht ohnehin keinen aufregenden Wellengang und ein Haff gleich zweimal nicht. Vielleicht ist es die Vermutung gewesen, dass ich von der Kaliningrad Oblast aus nur noch schwerlich einen Blick auf das Haff würde werfen können. Aber nun bin ich einmal da.

Frombork

Frombork liegt am Hang. Weder kann man die Uferlinie flach nennen noch eine Steilküste. Dort, wo sich das Hinterland bis auf einen Meter über dem Meeresspiegel abgeschwungen hat, verläuft so etwas wie eine Hafenstraße. Hier und da kann man von dort aus sogar das Wasser sehen. An anderen Stellen reichen flache Landzungen oder Molen ins Haff hinaus. Rechts und links der Bürgersteige finden sich Geschäfte, Kneipen und Gaststätten, teils auch zurückgesetzt, wohl, um näher am Wasser zu sein. Über der Hafenstraße thront eine Kirche.

Ich fahre auf die Mole hinaus. Hier gibt es anscheinend einen geregelten Fährverkehr – entweder für Rundfahrten im Haff oder für Überquerungen, etwa nach Krynica Morska (Kahlberg) auf der Nehrung. Aber im Augenblick sind weder eine Fähre noch nennenswerte Zahlen wartender Passagiere zu sehen. Ich stelle mein Fahrrad ab – fahren soll man hier eigentlich sowieso nicht – und mache erst mal eine Verpflegungspause. Noch immer führe ich Vorräte aus Deutschland bei mir; man soll es mit der Vorratshaltung eigentlich nicht übertreiben.

Wie ich da so sitze, steuert ein älteres Paar auf mich zu. Die beiden Leute kommen aus Deutschland. Sie finden es bemerkenswert, dass ich aus Deutschland bis hierher mit dem Fahrrad gefahren bin. Mir fällt ein, wie ich 1991 mit einem damaligen Kollegen nach und durch Italien fuhr. Wir hatten kurz vor Venedig ein technisches Problem, und was mich heute völlig aus der Bahn werfen würde, ließ uns damals spontan in eine Werkstatt gehen. Zwar konnten wir kein Italienisch und der Mechaniker kein Deutsch oder Englisch, aber ich hatte mein Hinterrad damals bereits so weit zerlegt, dass wir das Problem – ein zerbröseltes Kugellager samt Konus – anschaulich machen konnten. Ich weiß noch, wie der Mann in eine Schachtel griff, einen gänzlich anderen Konus einbaute und sich nicht mal dadurch irritieren ließ, dass ich mir die Haare raufte, als auch die Kugeln nicht den passenden Radius hatten. (Seine improvisierte Lösung hat jedoch bravurös bis zum Ende der Tour durchgehalten.) Jedenfalls fragte er uns damals, wohin denn die Reise gehen solle – so viel konnten wir immerhin verstehen. Wir schauten uns an und einigten uns dann auf Rom. Neapel oder gar Messina schien uns als Ankündigung doch etwas hochgegriffen, obwohl wir diesbezüglich klare Ambitionen hatten. Aber der Mann brach auch so in ein warnendes Lamento aus: Alles Verbrecher da unten, Diebe und Mörder. Macht das bloß nicht, Jungs! So oder so ähnlich lautete damals seine Botschaft.

Soll ich den Herrschaften also verkünden, dass Polen eigentlich nur der Prolog gewesen ist und dass St. Petersburg (hier verwende ich ausnahmsweise für eine Nichthauptstadt den deutschen Namen anstelle des nationalen bzw. seiner Transkription Санкт-Петербург = Sankt-Peterburg) noch das Mindeste sei, was ich vor habe? Vielleicht erschiene ihnen Klaipėda (Memel) schon ambitioniert genug.

Die Zahl der Leute am Kai nimmt allmählich zu. Offenbar fährt heute doch noch mal eine Fähre. Mir fällt eine Frau auf, die so Mitte 30 sein mag und scheinbar ziellos umher schlendert. Sie geht zwar allein, ist aber anscheinend in Begleitung gekommen, jedenfalls erblicke ich unter den Menschen einen Mann, neben dem sie gelegentlich stehen bleibt. Aber wie es aussieht, haben sich die beiden nicht viel zu sagen. Unsere Blicke begegnen einander einige Male. Sie trägt ein langärmeliges Shirt, das ihre schlanke Figur betont […]. Als dann schließlich die Fähre kommt, geht sie mit ihrem Begleiter an Bord. Ein paar Minuten, nachdem das Schiff abgelegt und sein Wendemanöver abgeschlossen hat, bin auch ich wieder reisefertig. Und wie ich da so stehe und mich anschicke aufzusteigen, winkt sie auf einmal herüber. Ich winke zurück. Tja, unter einigen anderen Umständen… Da fährt sie hin.

Fähre im Frischen Haff Grüße von unbekannt

Der Weg nach Braniewo ist rasch zurückgelegt. So recht habe ich keinen Blick mehr für die Stadt. Ich versuche, Besonderheiten zu erkennen, die typisch für Orte »an der Wand« sind. Aber noch weiß ich ja gar nicht, wie diese »Wand« beschaffen ist. Immerhin gibt es nicht allzu viele Grenzübergänge von der Kaliningrad Oblast nach Polen bzw. Litauen. Natürlich sind das alles Kosten, schon klar, aber es sind auch Flaschenhälse, und da diese Region mit dem Mutterland keine direkte Verbindung hat – eigentlich noch nie hatte, aber bis zum Zerfall der Sowjetunion war Litauen ja sozusagen »eigenes« Territorium und höchstwahrscheinlich unkompliziert zu durchqueren, was sich spätestens mit dem EU-Beitritt der baltischen Republiken im Jahre 2004 geändert hat, von der NATO-Mitgliedschaft gar nicht zu reden –, schmort sie entweder im eigenen Saft vor sich hin, oder sie versucht, vom Austausch mit den unmittelbaren Nachbarn zu profitieren. Wenn es einen solchen Austausch in nennenswertem Umfang gibt, dann müsste man davon auf den Straßen etwas sehen. Nur – wie erkennt man den »gemeinen Russen«, wenn er nicht gerade in seinem Auto mit dem Nationalitätenkennzeichen RUS sitzt? Aber noch nicht mal davon sind hier besonders viele zu sehen. Es hat den Anschein, dass die »Wand« tatsächlich eine Wand ist.

Biergarten in Braniewo Braniewo, Kirche

Am Ortsausgang fällt mir eine Vielzahl von Gleisen auf. In Richtung Süden breitet sich ein umfangreicher Rangierbahnhof aus. Ist das hier bereits die russische Breitspur (denn es ist die Russland zugewandte Seite des Geländes)? Irgendwo muss die Umspurung ja stattfinden, und wozu sollte hier »in dieser Ecke« sonst so ein so großer Rangierbahnhof existieren? Allerdings ist er praktisch leer; die Zeiten, in denen er Bedeutung hatte, sind allem Anschein nach vorbei.

Polnisch-russische Grenze

Keine viertel Stunde später erreiche ich die Grenzanlagen. Auch hier scheint nichts los zu sein. Jedenfalls sehe ich auf der polnischen Seite kein Fahrzeug warten. Ein einziger Mann mit Tarnhose und T-Shirt geht mitten auf der Straße auf die Grenze zu. Er zieht einen Trolley hinter sich her – in Kombination mit dem militärischen Beinkleid wirkt das Bild schon etwas schräg. Ich passiere die ersten offenen Schranken, dann die polnische Passkontrolle. Man fragt mich, ob ich ein Visum für Russland hätte. Ja, habe ich, nur klebt das weiter hinten im Pass. Weiter geht’s. Es kommt das berüchtigte Niemandsland. Dort stehen Autos, jedoch auch nur in Richtung Polen, praktisch alle mit russischen Kennzeichen. Eine Bewegung ist nicht erkennbar. Was machen die da? Nehmen die Polen jedes russische Fahrzeug auseinander? 300 oder 400 Meter später kommt dann der russische Kontrollposten. Während man durch den polnischen längs hindurch sehen konnte, er also in der Flucht der Straße lag, haben oder hatten die Russen anscheinend Sorge vor Leuten mit schnell fahrenden, schweren Fahrzeugen, die die Grenze durchbrechen könnten. Darum haben sie die Straße in gerader Linie unpassierbar gemacht; wer über die Grenze will, muss um das Hindernis herum fahren und dafür zwangsläufig das Tempo drosseln. Jedenfalls deute ich die Anlage so.

Hier wird es nun etwas komplizierter. Das habe ich erwartet. Wenn ich daran denke, wie ich 2002 am polnisch-litauischen Grenzübergang anderthalb Stunden sinnlos herumgestanden habe, ohne dass sich irgendwo irgendetwas bewegt hätte, dann herrscht hier regelrecht Geschäftigkeit. Mir werden zwei Formulare gereicht. Beide sehen gleich aus. Ist das eine zum Üben? Zum Glück sind die Felder sowohl auf Russisch als auch auf Englisch beschriftet. Bei der Nummer des Visums greife ich allerdings erst mal daneben. Dort sind zwei Nummern aufgedruckt, und die, die ich nach reiflicher Überlegung wähle, ist die falsche. Das macht aber nichts. Die geht auch. Da der erste Wurf nicht ernstlich beanstandet wurde, frage ich den Grenzbeamten mit einem Verweis auf das zweite, noch leere Formular: Тоже (auch)? Er nickt. Diesmal geht das Ausfüllen schneller. Was für ein Durchbruch in der Völkerverständigung!

Eines der Formulare behalten die Grenzer, das andere wird in meinen Pass gelegt; wahrscheinlich erhält es bei der Ausreise wieder eine Bedeutung. Weiter wollen die Leute nichts. Überhaupt machen sie den Eindruck, als gehe sie das alles hier nicht so richtig was an. Was ist bloß aus dem grimmigen russischen Bären geworden? Alles Larifari? Großer Ausverkauf? War das echt schon alles? Nein, die Russen haben noch ein besonderes Ass im Ärmel. Es gilt noch ein ganz unerwartetes Hindernis zu überwinden. An der Stelle, an der die Straße wieder in den ursprünglichen Verlauf mündet, gibt es Schranke, und die ist sogar besetzt. Da steht ein liebreizendes Wesen, das den Eindruck macht, als hätte es sich nur meinetwegen da hingestellt, und es lächelt mir zu, dass ich denke, ich bin im falschen Film. Ob ich wohl weiter komme? Weil ich an jeder Schranke, insbesondere im grenznahen Bereich, erst mal deutlich das Tempo drossele – besonders schnell war ich sowieso noch nicht wieder, und es könnte ja sein, dass jemand etwas von mir will, und wenn ich das dann nur deshalb nicht verstehe, weil ich so hastig vorbeifahre, könnte das u.U. unangenehm werden –, balanciere ich das Fahrrad und mich dazu an dieser jungen Frau vorbei, die ihr blondes Haar in einem Zopf nach hinten geflochten hat und beim besten Willen nicht aussieht, wie man sich eine Zöllnerin vorstellt. Erst zehn Meter weiter habe ich meine Gedanken wieder so weit beieinander, dass ich überschlägig die Wahrscheinlichkeit dafür ermitteln kann, hier noch einmal vorbei zu kommen und dabei dieser Versuchung zu begegnen. Das Ergebnis dieser Abschätzung ist niederschmetternd.

Es ist kurz nach acht. Halt, nein, hier gilt ja die osteuropäische Zeit, also kurz nach neun. Gleichwohl werde ich meine Uhr nicht umstellen, auch nicht die im Garmin, im Fotoapparat und in den Tachos. Das wäre ja noch schöner! Diese kleine Addition werde ich wohl noch schaffen. Und wenn sie mir einmal nicht mehr gelingt, dann werde ich das als Wink interpretieren, unverzüglich die Heimreise anzutreten.

In Mamonowo (Мамоново, Heiligenbeil) darf ich zum ersten Mal die Ergebnisse russischer Plattenbautechnik bewundern. Sage mir keiner, dass man das auch in Halle-Neustadt könne! Erstens wird »die Platte« im Osten Deutschlands infolge »Rückbaus« zum Zwecke der »Bereinigung« des Immobilienmarktes so allmählich zur architektonischen Rarität, und zweitens hat der real existierende DDR-Sozialismus nicht annähernd so gewagte Infragestellungen tradierter Glaubenssätze der Statik zuwege gebracht wie die hiesigen Baumeister. Hier kann man Bewohner erleben, für die Mut keine leere Formel ist. Und weil Mut für den Sieg eine der grundlegenden Voraussetzungen ist, weiß ich jetzt auch endlich, warum es früher hieß: Von der Sowjetunion lernen heißt siegen lernen. Druschba! Na sdarowje!

Aber damit nicht genug. In der letzten Kurve des Ortes erblicke ich rechts einen Heldengedenkstein, aber nicht etwa für die ruhmreichen Kämpfer der Roten Armee, sondern für diejenigen Helmträger deutscher Nation, die im Ersten Weltkrieg für Kaiser und Vaterland ihr Leben ließen. Alle Wetter! Und das Ding steht immer noch da. Wussten die Russen all die Jahre nicht, was sie da stehen hatten? Oder hat den Stein nach 1991 irgendeiner in seinem Vorgarten ausgebuddelt und gemeint, der mache sich für die vorbeifahrenden deutschen Touristen doch ganz nett?

Zu klären ist das im Augenblick leider nicht. Also fahre ich weiter. Im nächsten Dorf kann ich dann die Dörflichkeit des russischen Ostpreußens studieren. Ich will da wirklich nicht oberflächlich sein. Denn wenn ich es wäre, dann würde ich schreiben, dass die Behausungen zum großen Teil ziemlich jämmerlich aussehen. Aber ich habe früher mal gehört, dass Russen auf ihre Wohnungen nicht viel Wert legten, in vielen Wohnblöcken stünden die Wohnungstüren auch ziemlich oft offen. Ich weiß nicht, was an solchen alten Geschichten dran ist, aber ich will sie mal so deuten, dass die Menschen hier glücklicher sind, als der Durchschnittsdeutsche angesichts des Dorfbildes zu glauben geneigt ist.

Auf der Landstraße erblicke ich eine erste Polizeikontrolle. Die Beamten wollen nichts von mir. Wie es aussieht, machen sie Geschwindigkeitskontrollen, jedenfalls hantieren sie mit einem Gerät, das wie eine Laser- oder Radarpistole aussieht. Sie scheinen damit sehr wirksam Geschwindigkeitsüberschreitungen einzudämmen, denn wenige Minuten später kommen zwei schwarze Touaregs mit mindestens 150 Sachen an mir vorbeigebrettert. Na, wenn da mal nicht jemand einen Du-kannst-hier-machen-was-du-willst-Schein hat.

In Laduschkin (Ладушкин, Ludwigsort) unternehme ich die erste Quartiersuche. Aber eine Laube am Waldrand, die mir zunächst recht attraktiv erscheint, erweist sich bei genauerem Hinsehen als ohne befestigten Boden und ziemlich vermüllt. Nein, das wird hier nichts. Nach der Hälfte des Ortes beginnt rechts ein ausgedehnter Kasernenkomplex. Es sieht so aus, als habe auf dem eingezäunten Territorium nicht nur militärisches Leben stattgefunden, sondern auch familiäres. Aber vielleicht täusche ich mich, denn es dämmert deutlich, und möglicherweise erkenne ich nicht mehr alles so genau.

Frisches Haff bei Kaliningrad

Umso intensiver prüfe ich daher alle weiteren in Frage kommenden Areale. So wird ein Schrottplatz begutachtet, ein Wohngebiet und verschiedene andere. Es zeichnet sich jedoch ein wiederkehrendes Problem ab: Hunde. Solange sie auf Grundstücken irgendwo angeleint sind, machen sie nur Rabatz, wecken ihre Leute, und abgesehen davon, dass das für die Betroffenen schon an sich verdrießlich ist, kommt es vielleicht nicht so gut an, wenn sich in der Nachbarschaft dann auch noch eine dunkle Gestalt herumtreibt. Ich verziehe mich also in mehreren Fällen unverrichteter Dinge. Unangenehmer sind die Tölen jedoch dann, wenn sie frei herumlaufen. Einmal, als ich ganz unbescholten und unauffällig am rechten Fahrbahnrand so vor mich hin fahre, brechen schräg hinter mir auf der gegenüber liegenden Straßenseite zwei Köter los – Kaliber Schäferhund. Könnte jetzt vielleicht mal ein LKW von vorn zwecks Problemlösung kommen? Wenn man sie jedoch wirklich mal braucht, ist kein Verlass auf die Könige der Landstraße. Also schalte ich zwei Gänge höher und sehe zu, dass ich das Rennen für mich entscheide.

Auffällig sind die vielen Partys entlang der Straße. Heute ist nicht etwa Wochenende, sondern Donnerstag. Leute, morgen ist Arbeitstag, geht mal langsam ins Bett! Teilweise im Abstand von wenigen hundert Metern quillt ein Heidenlärm aus den Diskotheken, Gasthäusern oder welcher Natur auch immer diese Etablissements sein mögen. Schon allein aus diesem Grund wäre in der Nähe keine Übernachtung möglich.

Kurz vor Kaliningrad erblicke ich auf der linken Straßenseite im fahlen Restlicht der Dämmerung eine Baustelle – eine nicht eingezäunte Baustelle! So was ist immer eine Inspektion wert. Hier errichtet offenbar jemand in einer Umgebung, die eher an Datschen als an richtige Wohnhäuser erinnert, eine Immobilie mit Blick aufs Haff. Na ja, das mit dem Blick ziehe ich lieber zurück. Man wird ein paar Schritte gehen müssen und dann vielleicht die Mündung des Pregel sehen. Aber immerhin. Das Bauwerk ist inzwischen bis zur Decke des ersten Stockwerks gediehen. Zum Weg hin ist eine große Fläche in der Außenwand offen. Da könnte ein regelrechtes Tor Platz finden. Aber was die später dort einbauen werden, ist mir eigentlich ziemlich egal, solange ich hier nur zwei Quadratmeter finde, auf denen ich meine Isomatte und meinen Schlafsack ausbreiten kann. Ich inspiziere das Gelände im Schein meiner Taschenlampe und nehme noch ein Wasserfass zur Kenntnis – man könnte ja wenigstens noch einen symbolischen Kontakt zum Wasser aufnehmen – und einen mit Betonteilen beladenen LKW, der so aussieht, als sei er vor wenigen Stunden abgestellt worden. Dies ist mir ein Zeichen dafür, dass morgen hier Bautätigkeiten stattfinden werden, möglicherweise sogar schon ziemlich früh am Morgen. Mit Ausschlafen wird das also nichts; ich muss zeitig aufstehen. Aber das hat ja auch seine Vorteile.

9. Juli 9. Juli11. Juli 11. Juli