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8. Juli 8. Juli10. Juli 10. Juli

9. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Der Morgen ist grau. Ich krabbele aus dem Schlafsack und steige in die Hosen. Ratsch! Wenn der Dreiangel gestern noch nicht bedeutend gewesen sein sollte, dann ist er es spätestens jetzt. Hier ist ganz klarer Handlungsbedarf, wenn sich der Schaden bei den nächsten Ankleidevorgängen nicht bis zur Irreparabilität ausbreiten soll. Vorerst lege ich die Hose zur Seite und greife zur Reserve.

Gleich nachdem die Morgenzeremonie abgeschlossen ist, gehe ich in medias res, denn die Hauptstraße liegt sozusagen vor der »Haustür«. Sie ist hier über ca. 20 km eine Kombination aus den Fernstraßen 15 und 25; über Einsamkeit kann man sich folglich nicht beklagen. Die schweren Fahrzeuge beherrschen die Szene. Da ist angesichts der passgenau dimensionierten Spuren eine schlanke Figur von Vorteil. Dabei stehe ich doch noch ganz am Anfang der Tour, und in den ersten Tagen nehme ich in aller Regel eher etwas zu statt ab (geklärt ist das bislang freilich nicht, aber da dieses Phänomen zwei Tage nach der letzten Etappe verschwindet, ich dann also wieder abnehme, auch wenn ich mich normal ernähre und bewege, gehe ich davon aus, dass der Körper vorübergehend Wasser einlagert, vielleicht, um die gestressten Hautpartien vor allem am Hintern etwas zu polstern).

Nach einiger Zeit sehe ich von vorn auf der gegenüberliegenden Straßenseite einen anderen Radfahrer kommen. Er ist gut beladen, und er sieht nicht aus, wie einer in der ersten Reisewoche aussieht. Seine Ausrüstung ist nicht neu, das Fahrrad auch nicht, jedenfalls ist erkennbar, dass er schon gut herumgekommen ist. Kurz entschlossen wechsle ich die Straßenseite und komme vor ihm zum Stehen. Wir sind so wenige; wir müssen den Kontakt halten, Erfahrungen austauschen und erforderlichenfalls helfen. Allerdings sieht der Mann nicht so aus, als benötige er akut Hilfe.

Ich erfahre, dass er aus Tschechien ist. Dorthin ist er jetzt unterwegs. Er war in Skandinavien, am Nordkap, ist folglich schon Tausende Kilometer herumgekommen. Wie es scheint, war er zu einer ähnlichen Zeit »ganz oben« wie ich 1996. (Allerdings fuhr ich damals von Helsinki mit der Fähre nach Travemünde, übersprang also Osteuropa.) Sein Gesicht ist wettergegerbt. Ich erkundige mich nach technischen Problemen, aber außergewöhnliche Schwierigkeiten hat er unterwegs anscheinend nicht gehabt. Tja, dann mal noch gute Reise! Die Begegnung ist nach nicht mal fünf Minuten schon wieder vorbei.

Toruń (Thorn) rückt allmählich näher. Knapp 20 Kilometer vor der Stadt beginnt ein ausgedehntes Waldgebiet. Nach sechs, sieben Kilometern gelange ich an eine Raststätte. Unmittelbar vor ihr zweigt eine Straße nach rechts ab. Sie sieht aus wie ein verlängerter Parkplatz, als fände dort kein Durchgangsverkehr mehr statt. Mein Atlas deklariert sie als einen Bypass, entlang dessen ich einen oder zwei Kilometer sparen könnte, weil die Hauptstraße »anbindungstechnische« Schlenker macht. Warum nicht? Hier ist es schön ruhig. Ich biege ab.

Dieses Asphaltband hat, wenn niemand etwas unternimmt, noch eine Restlebensdauer von vielleicht zehn Jahren vor sich. Danach wird es nur noch eine Narbe im Wald sein, bestanden mit jungem Mischwald. Jedenfalls sind die Rubinien beiderseits des Teers schon erkennbar auf dem Vormarsch. Zu Beginn muss ich einigen Scherbenfeldern ausweichen. Geht hier eine Flasche zu Bruch, fegt die Bruchstücke natürlich kein Fahrzeug zur Seite, zermahlen werden sie gleich überhaupt nicht.

Das geht so ungefähr zwei Kilometer. Dann kommt die Bahnlinie, die der Atlas bereits ausgewiesen hat. Wie es aussieht, ist der Bahnübergang, von dem man auf der gegenüberliegenden Seite noch Reste erkennen kann, bereits »renaturiert« worden. Das bedeutet, dass ich absteigen und das Fahrrad über die Gleise hieven muss. Gut, es gibt bedeutendere Hindernisse als vier Schienen. Die Straße auf der anderen Seite ist logischerweise ähnlich belebt, allerdings ist hier eine kleine Siedlung, und ein paar alte Autos stehen herum. Wie ist das eigentlich – steigen die Immobilienpreise, wenn um eine Ortschaft herum eine Umgebungsstraße gebaut wird, weil es danach in der City so schön ruhig ist, oder sinken sie, weil danach gaststättengewerblich tote Hose ist, da die Kundschaft nur noch vorbei fährt? Hier sieht es nach Letzterem aus, aber das liegt wohl daran, dass nicht nur eine Umgebungsstraße gebaut wurde, sondern dass aus dem Ort eine Sackgasse wurde. Wollten die den Schrankenwärter einsparen, oder warum haben sie den Übergang demontiert?

Dass die Siedlung abgelegen ist, hat aber noch einen zweiten Grund. Als ich mich frohgemut der Stelle nähere, an der ich glaubte, mich elegant wieder in die Hauptstraße einfädeln zu können, sehe ich, dass diese eingezäunt ist und dass lediglich ein ätzend steiler Trampelpfad zum Highway hinauf (daher wohl der Name) führt. Aber was tut man nicht alles, um zwei Kilometer (also umgerechnet sechs, sieben Minuten) zu sparen… Dafür residiere ich jetzt auf einem Schwarz, dessen Viskosität und Oktanzahl sich auf drei Stellen nach dem Komma angeben lässt. Vierspurig, eigentlich muss man sagen: zweimal zweieinhalbspurig verläuft das Band in weiten Kurven durch die Landschaft, wie geschaffen für Überbreiten und für Tempoüberschreitungen. Allein, es hat sich wohl noch nicht so richtig herumgesprochen, wo die jüngsten Mittel aus dem europäischen Kohäsionsfonds beerdigt worden sind; jedenfalls ist hier wirklich nicht viel los. Garantiert kommen ein paar Euro fuffzig aus jenem Topf. Na ja, Infrastruktur ist ja wichtig für die Integration.

Eigentlich müsste nun bald mal eine Kreuzung oder so was kommen, der Abzweig nach Norden über die Weichsel nach Toruń. Eigentlich. Aber auf der linken Straßenseite erstreckt sich erst Ödland, dann ein mit Stacheldraht, schließlich mit doppeltem Stacheldraht und elektrisch gesichertes Gelände. Da muss ja ganz was Wichtiges und Geheimes sein. Derweil verrät mir der Garmin eine Drift weg vom Kurs nach Osten: Es geht mehr und mehr in Richtung Süden. Das gefällt mir nicht. Aber da die Straße neu ist, gelten die alten Pläne wohl nicht mehr. Es soll ja sogar vorkommen, dass neue Brücken gebaut werden. Vielleicht ist die neue Brücke (über die Weichsel) weiter östlich. Nur Geduld.

Allein, es ändert sich nichts, nur der Trend nach Süden wird immer stärker. In größeren Abständen überqueren Brücken die Straße, aber von einer Kreuzung ist weit und breit nichts zu sehen. Nach Warschau wollte ich eigentlich nicht, aber genau das wird passieren, wenn ich hier stoisch einfach immer weiter fahre. Also zurück! Oh Mann, diese zwei Kilometer, die ich da einsparen wollte, habe ich an der falschen Stelle gespart!

Nach der Umkehr heißt es, die rechte Böschung umso intensiver zu beobachten. Mein Ehrgeiz liegt schließlich nicht darin, die Magistrale nun auch noch in Richtung Westen komplett kennen zu lernen. Erst mal ist da nur Wald. Was als nächstes kommen wird, daran erinnere ich mich noch: dieses seltsame (und ziemlich langgestreckte) Hochsicherheitsobjekt. Also sind die Brücken (zu denen kein direkter Zugang von der Schnellstraße existiert) eine Inspektion wert. Da sie ebenso nagelneu sind wie die Straße selbst, sind sie mit einer Treppe ausgestattet. Oben wird mir klar, warum man sich eine Verbindung beider Verkehrswege gespart hat: Das hier ist tatsächlich nur ein Weg. Was ist da los? Wurden Brücken, die an sich niemand braucht, von der EU gefordert, weil sonst das Geld für die Straße nicht gekommen wäre? Oder handelt es sich bei dem Stacheldrahtverhau mit zweifellos militärischem Charakter um den Parkplatz einer Panzerdivision, und über diese Brücke rücken sie zum Kriegspielen aus? Für mich ist das jedenfalls nichts, denn ich müsste mein Fahrrad erst über die Leitplanke hieven, dann die Treppe hinauf, und wo dieser Weg endet, das wissen nur Einheimische und irgendwelche Uniformierten. Von beiden Gruppierungen ist jedoch niemand zu sehen, den man fragen könnte.

Ein paar Meter weiter stehen dicht hintereinander zwei Autos. Eines davon ist offenbar kaputt; die Motorhaube ist hochgeklappt, und die männlichen Insassen beider Fahrzeuge haben sich um die Frontpartie des Problemfalls versammelt und beratschlagen, wie nun zu verfahren sei. Willkommen in der Praxis osteuropäischer Pannenhilfe!

Irgendwann bin ich schließlich auch wieder an diesem Guantánamo-Gelände vorbei, und meine Bereitschaft wächst, nun quasi auch durchs Unterholz nach Norden vorzudringen, um wenigstens endlich mal die Weichsel zu sehen – dort besteht dann ja auch die berechtigte Hoffnung, irgendwo eine Brücke ausfindig zu machen. Nach einiger Zeit wird dieser Entschluss auf die Probe gestellt: Rechts ist eine Straßenbucht, die in etwas mündet, was man mit gutem Willen als ältere Betonstraße bezeichnen kann. Hier kann man getrost nächtliche Open-Air-Partys feiern. Weder Anwohner noch durchfahrende Kraftfahrzeuge dürften stören, höchstens – wieder einmal – Glasscherben. Ich lasse mich nicht irritieren, denn immerhin ist die Richtung goldrichtig: Es geht nach Nordosten.

Jedenfalls für einen kleinen Moment. Bald muss ich an einer T-Kreuzung rechts abbiegen, dann darauf wieder nach links und so weiter. Dank Navigator verliere ich nicht die Orientierung; der Atlas ist mir in diesem Niemandsland jedenfalls keine Hilfe. Was ist das hier!?

Dann aber: Da stehen richtige Häuser, und auch die Straßen sind wieder ordentlich befestigt. Von der Weichsel ist jedoch noch immer nichts zu sehen. Dabei kann ich sie förmlich riechen. Die muss hier gleich hinter den Büschen sein! Aber durch die Büsche führt kein Weg. Also fahre ich brav weiter, nun wieder in Richtung Warschau, jedoch erneut voller Zuversicht, nun aber wirklich bald… Der nächste Trend nach Norden ist tatsächlich breiter und lebhafter befahren. Ich muss mich jetzt allerdings erst mal mit der Schwärze über mir auseinander setzen. Haben wir eigentlich April oder Juli? Da fehlt jetzt ja wirklich nur noch der Schnee. Unter einer Eisenbahnbrücke suche ich Zuflucht. Zur Lektüre von Grass durchpflügen Busse die stehenden Gewässer zwei Meter von mir entfernt, die ihre Existenz wohl einer verstopften Kanalisation verdanken. Gerade habe ich die Stelle gefunden, an der ich zuletzt aufgehört hatte, da bricht sich bereits wieder der erste Sonnenstrahl in Tausenden aufstiebender Tropfen. Ja, was denn nun? So komme ich doch nie weiter! Mit dem Buch, meine ich…

Thorn an der Weichsel Weichsel bei Thorn

Und einen Kilometer später, nach zwei erneuten Richtungswechseln, ist er endlich da – der große Fluss Polens. Und nein, das ganze Hin und Her ist keineswegs einer neuen Brücke über die Weichsel geschuldet, die ich mir im Vorfeld als Entschuldigung für dieses Wirrwarr ausgemalt hatte – denn ab und zu gilt es ja, die bestehende Infrastruktur an sich verändernde Verkehrsströme anzupassen. Diese Querung hier ist vielleicht noch nicht historisch, aber durchaus schon betagt.

Brücke über die Weichsel nach Thorn

Glücklicherweise gibt es einen Fußweg abseits der zweispurigen Fahrbahn. So kann ich auch mal anhalten und ein paar Fotos machen. In beide Richtungen biegt der Fluss rechts ab: nach Osten in Richtung Südosten, also auf Warschau zu, und nach Westen in Richtung Nordwesten, auf Gdańsk (Danzig) zu. Folgt der Blick dagegen dem Verlauf der Brücke, so breitet sich Toruń aus, klar dominiert vom Dom mit seinem klobig wirkenden Turm, der mich ein wenig an die Gdańsker Marienkirche erinnert.

Wie sich das heutzutage gehört, kann man an der Stadt glatt vorbeifahren, also jedenfalls am historischen Kern, wenn man nicht hinein will. Ich will aber und biege daher hinter der Brücke rechts ab. Eine Einbahnstraße? Ach was, wer wird sich denn mit solchen Kleinigkeiten aufhalten. Über Toruń weiß ich nicht viel. Nikolaus Kopernikus soll hier geboren worden sein, und Leute, die sonst keine wichtigeren Probleme haben, streiten darüber, so habe ich gehört, ob Kopernikus ein Pole oder ein Deutscher sei. Meine Güte!

Die Polen ehren ihn jedenfalls mit einem Denkmal. Freilich hat man sich dafür einen Hintergrund ausgesucht (das Rathaus), der die Szene sehr dominiert. Irgendwo in der Mitte eines Platzes wäre die Standfigur vielleicht besser zur Geltung gekommen. Aber die werden sich schon etwas dabei gedacht haben.

neben der Marienkirche Rathaus mit Kopernikusdenkmal

Die Straße geht in eine Fußgängerzone über. Hier ist defensive Fortbewegung angesagt. Ich bleibe erst mal stehen. Ein Pärchen nähert sich mir. Sie sprechen gleich englisch und wollen wissen, woher ich komme. Ich muss zur Kenntnis nehmen, dass meine etwas quadratisch geratene deutsche Fahne auf der Vorderseite der Lenkertasche nicht jedem auffällt oder/und nicht jedem etwas sagt. Und so riesig ist sie ja auch nicht. Aber Hand aufs Herz: Wer kriegt die Nationalfahnen sämtlicher Anrainerstaaten Deutschlands zusammen? Wie wär’s mit Luxemburg? In welcher Reihenfolge stehen die Farben der französischen Trikolore? Okay, Polen ist verhältnismäßig leicht, aber ich muss offenbar Verständnis dafür entwickeln, dass Menschen mit Schwarz-rot-gold nichts anfangen können. Also beantworte ich die Frage, worauf sie wissen wollen, wohin die Reise geht, und erklären, sie planten ebenfalls eine Reise mit dem Fahrrad – freilich nicht ganz so weit, nur ein paar Tage, einen oder zwei davon vielleicht sogar durch Deutschland (wahrscheinlich wollen sie erst mal gucken, wie die da so drauf sind). Schön. Was soll man da anderes tun, als eine gute Reise zu wünschen? Wir gehen jeder unserer Wege.

Thorn, Dom

Mir wird die Straße zu sehr »zu Fuß«. Ich biege rechts ab, um die Viertel abseits des Geschäftstreibens zu erkunden. Dort findet sich z.B. die Kirche St. Johann (der Dom). Ein Aushang verkündet – auch auf deutsch – so allerlei Wissenswertes über das Bauwerk, u.a., dass die »Posaune Gottes«, mit fast acht Tonnen (okay, bei 7,2 ist das etwas großzügig gerundet) damals die schwerste Glocke von gewaltigen Ausmaßen, um 1500 eingebaut worden sei. So so. Ich habe mal eine Fernsehsendung gesehen, in der jemand behauptete, der Geometrie nach dürften Glocken eigentlich überhaupt nicht klingen. Was die Wissenschaft nicht alles herausfindet. Angeblich können Hummeln ja auch nicht fliegen.

Ein langsam fahrender Radler begegnet mir – ein Riese von einem Mann. Der arme Drahtesel. Während mir dieses eindrucksvolle Bild noch im Kopf herumgeistert, gelange ich auf einen großen Platz. Es wird Zeit, dass ich mir wieder ein schützendes Dach suche, denn die nächste Husche deutet sich oben an. Aber zunächst will ich Vitamine nachtanken und nähere mich einem der Stände, an dem Obst in allen Varianten angeboten wird; mich interessieren die Kirschen. Die Händlerin mag so Anfang 30 sein, und sie ist »gut beieinander«. Mir fehlen leider, wie erwähnt, die elementarsten Polnisch-Kenntnisse. Aber mit Leuten, die etwas Vorzeigbares verkaufen wollen, wird man sich auch gestenreich einig. Mir gelingt es sogar, etwas Wasser zum Abspülen der Kirschen zu bekommen. Das hätte ich mir aber sparen können, denn kaum habe ich den Mund zum ersten Mal voll, stürzt der Himmel ein. Da ich meine Dachrecherchen zugunsten des Kirschenkaufs verschoben hatte, flüchte ich mich nun unter das Zeltdach der Obstaufbauten. Es gießt derart, dass die Händlerin einige Male kommt, um die sich auf dem durchhängenden Dach bildenden Seen auszuschütten, damit ihre Camping-Konstruktion nicht zusammenbricht. Damit hätte ich die Kirschen eigentlich auch waschen können. Ich übernehme diese Aufgabe, da ich sowieso unter solch einem See stationiert bin. Ich kann mich ja nicht überall hinstellen, denn sie hat alles voller Kisten und Tische mit ihren Auslagen stehen.

Da der Guss im Gegensatz zu meinen Kirschen nicht aufhört, und weil im Moment weder die Kunden kommen noch ich weiterfahren will, also die Frau keine Umsätze macht und ich ebensowenig beschäftigt bin, denke ich mir, dass dies eigentlich ein guter Zeitpunkt wäre, sich sozusagen völkerverständlich entgegen zu kommen, genauer gesagt, elementarste Sprachkenntnisse zu erwerben. Also lerne ich bzw. frische auf: »proszę« für »bitte«, »dziękuję« für »danke«, »Dzień dobry« für »Guten Tag«. Nun muss ich das bloß noch bis morgen Abend behalten, am besten bis zur Rückreise, denn es ist ja geplant bzw. zumindest erwogen, von der Ukraine aus zunächst mal nach Polen zu fahren und dann allmählich durch die Slowakei und Tschechien nach Westen zu »driften«, um schließlich wieder Erlangen zu erreichen.

Storchennest

Irgendwann hört jedoch auch der längste Wolkenbruch auf, und dann zögere ich nicht lange, sondern mache mich auf den weiteren Weg. Es ist ein ziemliches Herumgezirkele, bis die Richtung ungefähr so ist, wie ich sie mir vorstelle. Aber die Extrarunde ist verhältnismäßig klein, so dass ich nicht allzu viel Zeit damit verliere. Bis sich die Weichsel im rechten Winkel fast nach Süden abwendet, verläuft die Fernstraße 15 am nördlichen Hochufer. Wenig später schwenkt die Chaussee nach Nordosten, und jetzt bin ich mir sicher, auf dem richtigen Weg zu sein.

Die Landschaft wird etwas hügeliger, was zumindest den Vorteil hat, dass ich gelegentlich etwas habe, das vage an eine Aussicht erinnert. Freilich ist es eine Aussicht auf »Gegend«, unspektakulär, unfotogen, der flüssigen Weiterfahrt förderlich. In Kowalewo Pomorskie (Schönsee) verlasse ich die Hauptstraße, weil ich mich nun in Richtung Elbląg (Elbing) durchschlagen will, westlich an Ostróda (Osterode) vorbei. Es wird ein wenig spannend, denn mein polnischer Atlas bedient sich der zweifelhaften weißen Streifen, um die Beschaffenheit des weiteren Weges zu charakterisieren.

Aber darauf ist – zum Glück – kein Verlass: Eine passable Asphaltdecke lässt mich gut voran kommen. Allerdings muss ich jetzt öfter die Karte konsultieren, um nicht die angestrebte Richtung zu verfehlen. Wer zwischen größeren Ortschaften oder gar Städten hindurch navigiert, gerät leicht in das von wohlmeinenden Wegweisern aufgespannte Gravitationsfeld dieser Verkehrsknotenpunkte. Da ich dort jedoch nicht hin will, muss ich solchen »Verlockungen« widerstehen.

In Wąbrzeźno (Briesen) stoppe ich mal wieder für einen Einkauf. Es ist wirklich bemerkenswert, wie schnell solche Erwerbungen – bei dem geringen Budget, das mir das Restgeld lässt – das Verstauen zum kreativen Akt werden lassen. Schließlich will ich unterwegs nichts verlieren. Als ich gerade halbwegs alles verpackt und jene Dinge ausgewählt habe, die ich jetzt mangels weiterer Kapazität einfach aufessen werde, nähert sich mir ein Mercedesfahrer, der mich offensichtlich für völlig orientierungslos hält. Jedenfalls hebt er in seiner Hilfswut zu einem ausgedehnten Referat an. Worüber, das bleibt mir allerdings ein Geheimnis; es soll aber allem Anschein nach richtungsweisend sein. Verständnisinnig nicke ich, wenn er Luft holt. Das genügt ihm, wie es aussieht. Irgendwann gibt er entweder auf oder ist zufrieden; so ganz sicher bin ich mir da nicht.

Der Parkplatz vor dem Supermarkt ist nicht der rechte Ort für eine Mahlzeit. Also gehe ich ein paar Schritte über die Straße. Dort stehen ein paar Bäume, zwei, drei Bänke darunter, nebenan ein Gebäude, das wie ein früheres Kulturhaus aussieht. Vielleicht erfüllt es diese Funktion auf die eine oder andere Weise ja noch immer. Denn kaum habe ich mich niedergelassen und meine Siebensachen ausgebreitet, da biegt ein Autokorso von der Straße ab auf den Weg, der vor dem Portal des fraglichen Gebäudes vorbeiführt. Ein weiß lackierter und mit Blumen geschmückter Wagen lässt keinen Zweifel daran, was hier jetzt stattfinden wird: Eine Hochzeitsgesellschaft ergießt sich aus dem zahlreichen Blech und strömt zur Feier. Manche Paare machen ja aus dem Tag ihrer Eheschließung einen Akt, dass daran gemessen das weitere Leben gar nichts anderes als ein Abstieg werden kann. Aber das geht hier noch. Die haben keinen Rollce Royce geordert, auch keine Stretchlimousine, aber immerhin gehobene Mittelklasse.

Die Pause zieht sich hin. Zwei Mädchen, so um die 20 Jahre jung, gehen in drei, vier Metern Entfernung an mir vorüber und haben dabei offenkundig wichtige und zugleich lustige Dinge zu bereden. Mein Dinner registrieren sie gleichwohl, denn eine von beiden dreht sich um und winkt mir kokett zu. Ich winke zurück. Nun kichern sie noch viel mehr. Wieder eine vertane Chance!

Als sich für die Verschiebung des Aufbruchs dann überhaupt kein brauchbarer Grund mehr finden lässt, fahre ich weiter. Die Sonne steht schon unverkennbar schräg am Himmel, wenngleich es bis zu ihrem Untergang noch bestimmt reichliche zwei Stunden dauert. Ich bewege mich bezüglich des Sonnenstands in drei verschiedenen Dynamiken: Weil Mittsommer vorbei ist, beginnt der Tag tendenziell eher und endet früher, mit anderen Worten: Auf der Nordhalbkugel nehmen die Tage von Tag zu Tag ab, sobald man sich erst einmal auf einen bestimmten Punkt festgelegt hat (aber genau das tue ich ja nicht). Die zunehmenden Breitengrade aufgrund einer Fahrtrichtung mit nördlicher Komponente bewirken jedoch genau eine umgekehrte Tendenz; am Nordkap z.B. wird die Sonne erst in drei Wochen untergehen. Die Tatsache schließlich, dass ich momentan in erster Linie nach Osten fahre, führt zu zeitigeren Sonnenaufgängen und früheren Untergängen; es geht sozusagen in Richtung »Morgenland«. Welche Dynamik letztlich siegt – es gibt dabei ja zwangsläufig »Koalitionen« –, verrät mir das Navigationsgerät. Ich kann bei wolkenlosen Sonnenuntergängen aber natürlich auch auf die Uhr schauen. Und es ist ganz klar: Da Mittsommer erst zwei, drei Wochen her ist, geht die Sonne zwar morgens früher auf, behält jedoch abends ihre Frankfurter Termine (die Tage werden also entlang meiner Route etwas länger). So sicher ist das natürlich nach drei Tagen noch nicht zu beobachten, aber, wie gesagt, ich habe ja eine elektronische Hilfe, die es mir genau mitteilt.

Kurz vorm Ortsausgang verläuft ein Zebrastreifen über die Straße. Nun muss man wissen, dass solch eine Fahrbahnmarkierung (und die zugehörigen Schilder am Straßenrand) zwar eigentlich dazu gedacht sind, Fußgängern unbedingten Vorrang vor jeglichen Fahrzeugen auf der Straße zu geben, aber mit dieser Unbedingtheit ist das so eine Sache. Je weiter man nach Osten kommt, desto mehr gilt, zumindest nach meinem Eindruck: Sei aufmerksam und rücksichtslos, und wer stärker ist (wir erinnern uns an den Physikunterricht: Impuls ist gleich Masse mal Geschwindigkeit), hat im Zweifel die höheren Prioritäten. Das wissen beide Parteien; zumindest die Fußgänger sollten es wissen, wenn sie einigermaßen bei Trost sind. Es gibt jedoch keine Formel, auf deren rechter Seite der Längengrad eingetragen wird und die mit etwas Kopfarithmetik eines der folgenden Ergebnisse liefert: »Riskier’s ruhig!« bzw. »Warte lieber!« – Jedenfalls steht da eine Frau neben dem blauen Schild.

Nun trage ich eine deutsche Fahne an der Lenkertasche; da will ich natürlich nicht, dass im Ausland irgendwann jemand meinetwegen meint: »Die Deutschen von heute benehmen sich bei uns im Straßenverkehr wie ihre Panzerfahrer im Zweiten Weltkrieg.« Der Vergleich wäre zwar nicht sachlich, aber wer neigt nicht zumindest ein wenig zur Übertreibung, wenn er seine legitimen Rechte verletzt sieht und das Erlebte plastisch aus dem unanfechtbaren täglichen Einerlei herausarbeitet, um Gehör für seine Klage zu finden? Also bremse ich, und da sie noch immer nicht los geht, halte ich an. Was ist los? Misstraut sie mir etwa? – Kommt doch da ein dicker Mercedes mit Hamburger Kennzeichen an mir vorbeigebrettert! Muss ich dem noch etwas hinzufügen?

Eine Weile später komme ich nach Radzyń Chełmiński (Rehden). An sich ist der Ort nicht weiter spektakulär, aber ich komme an einer ausgedehnten Ruine vorbei: dicke, hohe Mauern, alles aus gebrannten Ziegeln errichtet. War das mal eine Kirche? Jein. Was aussieht wie eine Kreuzung aus Kirche und Burg, war auch genau das: eine Burg des Deutschen Ordens. Ich fahre einmal um das Geviert herum, damit ich nicht am Ende an irgendeiner Besonderheit ganz dicht vorbeigefahren bin. Das wird mir auf dieser Reise – so unvorbereitet, wie ich bin – ohnehin noch oft genug passieren.

Burgruine Rehden Burgruine Rehden

Entlang der Straße 538 gelange ich nach Łasin (Lessen). So weit geht’s ja noch mit dem Fahrweg. Doch dann wird die Lage zusehends verworren. Zwar finde ich noch die korrekte Ausfahrt, aber es beginnen die berüchtigten »weißen Straßen«, bei denen man nie weiß, ob es wirklich befestigte Wege sind. Zunächst geht noch alles ganz gut. Aber so, wie in Deutschland auf dem »flachen Land« die Leute zur »Tagesschauzeit« größtenteils von den Straßen verschwinden, passiert es auch in Polen: tote Hose in zunehmendem Maße. In Szynwałd (Groß Schönwalde) ist alles zu spät. In die richtige Richtung, nach Norden, führt eine Pflasterstraße, deren Übergang in einen regennassen Fahrweg schon absehbar ist. Das Dorf hat nicht mal Schilder. Der Atlas sagt mir, wie es heißt, aber nicht, wo ich mich befinde. Beim Garmin ist es genau umgekehrt; der ignoriert noch deutlich größere Ortschaften als dieses gottverlassene Nest. Und so weiß ich wirklich nicht, wo ich bin.

zerfahrene Gleise

Was soll’s? Es ist ja nicht weit bis zum nächsten Dorf. Dafür ist die Dichte der Ortschaften hier trotz aller Abgeschiedenheit zu hoch. Nur die Sonne geht jetzt unter. Das Suchen darf also nicht ewig dauern, sonst muss ich auf nassen Feldern nächtigen. Keine schöne Vorstellung. Mutig fahre ich weiter. Die wenigen Gestalten, die sich noch in der Öffentlichkeit zeigen, wirken auch nicht gerade einladend. Und so geht es den Weg entlang, zu einer Kreuzung, an der ich aufs Geradewohl eine Fortsetzung wähle, vorbei an Seen, Waldstücken, Feldern, mal in der rechten Radfurche, mal in der linken, mal durch den Schlamm und mal über den Sand. Bitte, jetzt keine Panne. Das wäre extrem unpassend. Es gibt keine Panne. Gut so.

Schließlich greift der Gummi wieder auf Asphalt. Nur wo? Es ist kurz vor Czarne Dolne (Niederzehren), aber das weiß ich nicht; außerdem heißen hier so einige Örtlichkeiten Czarne. Zu sehen ist nur ein ausgedehntes Stallgelände, immerhin beleuchtet – da müssen also irgendwo Menschen sein. Ich fahre erst mal in die falsche Richtung, bemerke das jedoch bald. Zum Glück verrät mir der Garmin die Richtung; die Sonne tut es nämlich schon längst nicht mehr. Jetzt (eigentlich schon seit mindestens einer halben Stunde) wäre genau der richtige Zeitpunkt, sich nach einem Nachtlager umzuschauen.

Sonnenuntergang

Da soll irgendwo ein Campingplatz sein. Aber was soll ich mit einem Zeltplatz? Dort finde ich doch am allerwenigsten ein festes, genauer: ein wetterfestes Dach über dem Kopf – denn selbst habe ich ja kein Zelt dabei. Also weiter: einmal nach rechts, dann wieder nach links. Hier heißt jetzt auf einmal alles Rozajny (Rosainen) – wer soll sich da noch auskennen? Im letzten Dunkelgrau der Abenddämmerung erkenne ich rechts ein offenes Tor, das nicht so aussieht, als würde es gelegentlich noch jemand schließen, dahinter einen Hof, der nicht den Eindruck macht, als würde ihn noch jemand bewirtschaften, darauf einen Unterstand für landwirtschaftliche Maschinen, von dem aus den vorgenannten Gründen anzunehmen ist, dass heute Nacht dort niemand mehr etwas abstellt. Und rechts daneben ein Haus! Hoffentlich hat mich niemand gesehen. Ich schiebe das Fahrrad unter das Dach, hoffe darauf, dass sich kein zu heftiger Wind erhebt – denn hier ist alles offen –, breite mein Lager aus und beschließe den Tag.

8. Juli 8. Juli10. Juli 10. Juli