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8. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Wann muss man eigentlich aufstehen, wenn man zwischen sechs und sieben Uhr aufbrechen will? Ein Anfänger wird vielleicht antworten: Tja, also, du musst deinen Schlafsack einrollen, deine Isomatte und den ganzen Kram, und wenn es nicht wie eine Flucht aussehen soll, wäre wohl auch ein Frühstück angebracht, ein paar Happen mit Substanz und etwas Leichtes, das den Blutzuckerspiegel hebt und nicht sofort den Verdauungstrakt beleidigt. Das alles zusammen hört sich an wie eine ruhige halbe Stunde. Wenn du nicht wie ein Streber aussehen willst, steh kurz nach sechs auf, und kurz vor sieben sitzt du im Sattel. So einfach ist das.

Taubenzüchtervereinsbaracke

Aber so einfach ist das eben nicht. Und ich sollte es wissen, denn ein Anfänger bin ich nun wirklich nicht mehr. Das geht schon mal damit los, dass der gestrige Abend sehr spät endete und dass Wecken vor Ablauf von acht Stunden nicht so gut ankommt. Und so stehe ich letztlich auf, als ich schon eine Stunde unterwegs sein wollte. Oh je, wenn das Pjotr wüsste… Das ist aber noch längst nicht alles. Ich habe mal irgendwo gelesen oder gehört, dass die Jungs bei der Tour de France dreimal frühstücken: zuerst bürgerlich, dann pfundweise Spaghetti und ein ganzes Stück später spezielle Energieriegel, legales Doping, kurz vorm Etappenstart. Vom ersten Happen bis zum ersten Antritt vergehen Stunden. Die würden das so nicht machen, wenn es nicht optimal wäre, wenn es nicht der Natur der Fahrer entspräche. Und da soll ich mir was zwischen die Kiemen stopfen und dann über die Querstange krabbeln?

Kurz: Der Aufbruch findet erst gegen zehn Uhr statt. Aber was soll’s? Dann wird halt neu kalkuliert: 180 km durch zwölf Stunden macht 15 km/h. Das müsste doch… Noch so ein Anfängerfehler!

Es ist ein Erfahrungswert, dass die Mahlzeiten am Morgen dicht gedrängt sind. Es vergeht kaum eine halbe Stunde ohne irgendwas zwischen den Zähnen. Dabei entsteht natürlich Abfall. Die Fernstraßen regen dazu an, den einfachen Weg zu wählen, wenngleich ihre Böschungen nicht wie in Mittelitalien aussehen. Aber man will sich von solch schlechten Vorbildern natürlich nicht so schnell vom Pfad der Tugend abbringen lassen. Rechts tut sich mal wieder eine Parknische auf, und da stehen sogar Papierkörbe. Also biege ich ab, und es muss wohl so etwas wie eine Vorfreude auf das Wohlgefühl korrekten Handelns sein, das mich vergessen lässt, was beim Verlassen des Asphalts geboten ist: den Untergrund beachten. Ich tue es nicht, und die Strafe folgt unerbittlich auf dem Fuß. Innerhalb von zwei Sekunden steht das Fahrrad im weichen Sand, und da ich für solche Situationen noch immer keine Reflexe ausgebildet habe, passiert, was passieren muss: Ich komme nicht aus den Pedalen und kippe einfach um. Scheiße!!! So ein Mist!

Wer mal aus dem Stand nach vorne auf die Arme gefallen ist (bitte nur auf einer dicken Matte ausprobieren!), der weiß, dass das eine ziemlich ambitionierte Liegestütze wird. Natürlich gibt’s da Tricks: Man krümmt einfach den Rücken schon vorher durch; dann hat man beim Aufschlag, also nach der Berührung des Bodens mit den Händen, für den Rumpf einen größeren Federweg. Das ist alles sehr schön, wenn das so geplant abläuft. Wenn man aber nur eine Hand für so etwas zur Verfügung hat und wenn es nach der Seite geht, und wenn außerdem noch ein beladenes Fahrrad »mitkommt«, dann sind solche Tipps alle nichts wert. Dann ist das einfach nur Mist, und es gehört Glück dazu, wenn dabei nichts kaputt geht – am Gepäck und auf der »persönlichen« linken Seite.

Mein Gepäck hat Glück, meine Hose und mein Knie eher nicht. Die alte Mikrofaserhose, von Tagen und Wochen in greller Sonne ausgeblichen und spröde geworden, hat jetzt einen ansehnlichen Dreiangel, und das Knie ist aufgeschlagen; etwas Blut sickert heraus. Der Ärger ist größer als der Schmerz. Ich preise mich weise, eine zweite Hose eingepackt zu haben, obwohl die Mikrofaser doch nach einer Wäsche und nur 30 Minuten in der Sonne bereits wieder tragbar ist – wozu braucht man da eine Reserve? Dafür!

Aber wenn ich mir überlege, dass ich noch keine 24 Stunden so richtig auf der Straße bin… Und schon geht der Trödel los. Das sollte nicht der Beginn einer Serie sein. Weil der Sand ziemlich dunkel ist, sieht der Schaden zusätzlich hässlich aus. Einige Zeit später komme ich in eine Kleinstadt. Eine Seitenstraße führt an der örtlichen Kirche vorbei. Davor stehen einige Bankreihen. Sollte der Andrang hier regelmäßig so groß sein, dass das Gotteshaus nicht reicht? Was machen die eigentlich bei Regen? Ich beschließe, hier erst mal Station für Hege und Pflege zu machen. Also lasse ich mich nieder und opfere etwas Trinkwasser, um die Umgebung der Wunde notdürftig zu reinigen. Von Sauberkeit kann hinterher natürlich dennoch keine Rede sein, aber vielleicht denkt nun nur noch die Hälfte der mir entgegen kommenden Kraftfahrer, ich sei gerade unter die Räuber gefallen. (Mensch, gerade erst war die Rede davon, und jetzt diese unheimliche »Bestätigung«!) Wenn’s gut geht, blutet das jetzt ohnehin noch etwas, so dass die Wunde selbst für eine gewisse Hygiene sorgt und vielleicht sogar eine ordentliche Schorfschicht bildet. Den nächsten Müll schmeiße ich garantiert in den Wald!

Einen Vorteil hat das große Loch in der Hose immerhin: An die Verletzung kommt deutlich mehr frische Luft als sonst irgendwohin – außer natürlich an mein Gesicht –, denn lange Hosenbeine, Hemdsärmel und Handschuhe bedecken fast den gesamten Körper: Sonnenschutz, und wer das für übertrieben hält, der hänge mal eine beliebige Textilie fünf Wochen lang ununterbrochen in die Mai- oder Junisonne. Danach »engagiert« ankleiden. Wenn’s dabei nicht knackt oder reißt, waren es Lederklamotten oder irgendwas ziemlich Dickes. – Jedenfalls kühlt der Fahrtwind die Wunde auf diese Weise sehr angenehm.

See vor Posen

Zwei Kilometer hinter Buk (Buchenstadt) überquert die Straße etwas, das sehr nach einer Autobahn aussieht. Also, mein original polnischer Atlas zeigt da nur Gelände. Aber den besitze ich immerhin auch schon seit sechs Jahren. In einer solchen Zeitspanne passiert ja so allerhand. Wenig später umfahre ich einen See über seine nördliche Seite, und der Straßenverlauf sieht irgendwie so aus, als hätte es den See dort noch nicht immer gegeben, als habe man sich sozusagen irgendwann überlegt: Das Wasser ist jetzt eigentlich zu tief, um weiterhin einfach hindurch zu fahren. Wir sollten ab sofort einen Umweg nehmen. Zumindest auf der westlichen Seite erfolgt das »Ausweichmanöver« jedenfalls ziemlich unvermittelt.

Poznań (Posen) kündigt sich durch zunehmenden Verkehr an. Gegen 13 Uhr erreiche ich die Stadt. Wenn man bedenkt, dass ich heute erst gegen 10 Uhr losgefahren bin, bedeutet das eine Verzögerung von nur drei Stunden gegenüber meiner Planung. Hm. Ist das jetzt eine Beschönigung? Durch Poznań werde ich jedenfalls nicht einfach hindurchhetzen, um etwa eine Verspätung aufzuholen oder aus welchen Gründen auch immer. Allerdings habe ich nur einen festen Programmpunkt, nämlich den Friedhof im Osten der Stadt. Ansonsten muss ich mitnehmen, was sich mir auf dem Weg dorthin so bietet.

Vielleicht ist es ein Fehler, nicht sofort nach einer Nebenstraße zu suchen, die ebenfalls radial verläuft, und auf diese auszuweichen. So bleibe ich auf der Hauptstraße – mit dem dafür kennzeichnenden, verhältnismäßig dichten Verkehr, mit der Frage, was wohl aus den Anrainern würde, wenn es keine Autos gäbe, also aus der endlosen Folge von Werkstätten, Autohäusern, Läden für Ersatzteile, sonstigen Otto- und Diesel-bezogenen Gewerbeaktivitäten … – die wären dann ja alle brotlos. Es bleibt die Feststellung, dass es nicht solche Straßen sind, die Touristen in ferne Städte locken. Da muss man einfach nur durch. Ich als Radfahrer muss zusätzlich durch ein sehr zweifelhaftes »Angebot« an Radwegen – zweifelhaft wegen ihrer Qualität, wegen ihrer »Rampen« an kreuzenden Querstraßen, genauer gesagt: Schlauch- und Felgenkillern in Gestalt zu gering oder überhaupt nicht abgesenkter Bürgersteige.

Alte Brauerei in Posen Alte Brauerei in Posen

Aber so oder so erreicht man, wenn die Richtung klar und man in Bewegung bleibt, irgendwann die City. Das merkt man daran, dass architektonische Abweichungen von der Fünfstöckigkeit mit oder ohne Balkon beginnen, vorzugsweise in Gestalt gläserner Bankentürme, aber auch historische Substanz wird erkennbar. Was mir als erstes imponiert, ist ein respektabler Ziegelbau. Man kann über die Polen ja einiges sagen, aber sobald sie das Geld dafür haben, sind sie mit Liebe bei der Restauration. (Günter Grass weist in seinen »Unkenrufen« denn auch seiner polnischen Hauptfigur, der Witwe Alexandra, den Beruf der Vergolderin zu.) Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob hier restauriert wurde. Auf jeden Fall ist das Bauwerk – nein, man muss wohl zutreffender von einem Ensemble sprechen, denn es ist ein ganzer Gebäudekomplex – eine Synthese aus moderner Stahl- und Glas- sowie vielleicht hundert Jahre alter Industriebautenziegelarchitektur.

Alte Brauerei in Posen Ensemble Alte Brauerei in Posen

Ich habe gestaltetes Sichtmauerwerk besonders bei meinen Recherchen nach einem Besuch der Ruinen in Beelitz-Heilstätten schätzen gelernt. Da versinkt in Deutschland so einiges unter Moos und Birken, was keineswegs nur zweckmäßig gebaut wurde. Als ich damals allerdings so dachte: »Hm, könnte man das nicht für ein paar Mark fuffzig…«, kam mir bald darauf derselbe Gedanke, der auch jetzt eine Attacke gegen künstlerische Kreativität reitet: Wie hält man das im Winter warm? Oder ist das Mauerwerk nur Blendwerk, ist es nur eine dünne Fassade vor gedämmten Betonwänden? Wohl kaum. Aber gefallen tut mir diese Synthese aus alt und neu – egal, ob das nur auf alt gemacht ist (denn da ist kein einziges bröckelndes Eckchen zu sehen) oder authentisch.

Alte Brauerei in Posen

Der Bau dient unterschiedlichen Zwecken: Bürokomplex, Edel-Shops, Restaurants, Szene-Kneipen… Was es sonst noch ist, müsste ich höchstwahrscheinlich ohne Fahrrad erkunden, denn eine gläserne Tür trennt mich von einem Gang, der bis zum stählernen Dach reicht und ebenerdig in ein offenes Lokal mündet. Die Wände des Gangs sind mit allerlei Steigleitungen ausgestattet, vom Dach hängen Fragmente kupferner Kessel und historisch anmutende Lampen herab, vergittert, wie für einen anderen Zweck geschaffen. Ein Uniformierter, der wahrscheinlich zum Sicherheitsdienst gehört, macht ein paar Schritte auf mich zu und sagt irgendwas, wahrscheinlich, weil ich mein Fahrrad an die Wand gelehnt habe, um ein Foto zu machen. Na ja, wie veritable Kundschaft sehe ich mit meiner zerrissenen Hose natürlich nicht aus. Und die Aufnahme ist im Kasten. Für eine eingehende Besichtigung fehlt mir ohnehin die Zeit.

Auf dem Hof steht sogar ein Schornstein. Also, entweder waren sie da mit dem Sandstrahler besonders gründlich – normalerweise wird ja zumindest der obere Rand verrußt –, oder das Ganze ist eben doch Fake. Doch das tut dem Gesamteindruck keinen Abbruch. Draußen, auf einer Brüstung oberhalb der Bankenavenue, steht eine Ansammlung riesiger tönerner Krüge. Was man anhand all dieser Details bereits ahnen konnte, wird angesichts einer Platte in der Fassade über einer Unterführung klar: Stary Browar – hier wurde offenbar mal Bier gebraut.

Alte Brauerei in PosenAlte Brauerei in Posen
Alte Brauerei in PosenAlte Brauerei in Posen

Also gut, weiter. Vielleicht geht’s noch ein bisschen historischer. Doch zuerst überquere ich einen Fluss. Aha, »Warta« steht da. Das ist wohl der Fluss, der dem früheren Wartegau seinen Namen gab. Er sieht ziemlich kanalisiert aus, durchgehend eingefasst in Betonplatten, und obwohl das Wasser doch lebenspendendes Nass ist, ziehen sich die Auen zwischen den Eindeichungen weitgehend braun bis zum Horizont. Aber wie Normalpegel sieht das hier auch nicht aus; es müsste mal wieder etwas länger regnen als nur die paar Minuten am Tag. Mir dagegen kommt das Wetter sehr entgegen: Nicht zu warm, windig aus Südwest bis Nordwest, zwei Drittel Wolken am Himmel, also für den Anfang nicht so das ungebremste Sonnenbad, und wenn’s doch mal regnet, dann nur ein paar Minuten – was will der Radfahrer mehr?

Warte Posen, Regattastrecke

Im Osten der Stadt fällt mir zuerst eine Regattastrecke auf. Das war’s doch nicht etwa schon? Ich meine, so was steht doch nicht mitten in der Stadt; Sportstätten liegen doch eher an der Peripherie. Bin ich elegant drumherum navigiert worden? Worum? Einen Stadtplan habe ich nicht. Auf dem Navi ist Poznań ein Punkt mit Straßen in alle Himmelrichtungen, und zwar unabhängig davon, ob ich mir die Stadt im Maßstab eins zu Zehnmillionen oder eins zu Zehntausend anzeigen lasse. Der hilft mir also nicht weiter. Aber halt! Vielleicht gibt es ja im Atlas Stadtpläne oder wenigstens Durchfahrtspläne. Und in der Tat, für Poznań findet sich ein Eintrag, ungefähr so groß wie eine Postkarte. Und er macht seiner Kategorie alle Ehre: Details beziehen sich auf Anschluss- und Tankstellen sowie Straßennamen, nicht auf historische Bauten oder z.B. Fahrradreparaturwerkstätten. Wenn ich mehr sehen will – so viel wird jedenfalls klar –, muss ich noch mal zurück, genauer: in Richtung Westen. Also!

Posen, Dom

Es dauert gar nicht lange, da rückt rechts eine größere Kirche ins Blickfeld. Ich muss ein paar Schleifen fahren, sogar mein Fahrrad eine Treppe hinaufschleppen – oh, wie ich das liebe, und mein Rücken ruft »Hallo!« –, aber dann steht er da vor mir, der älteste Dom Polens. Links davon, vielleicht 150 oder 200 Meter weiter vorn, erhebt sich ein Gebäude, das aussieht, als sei von einer Kirche die Hälfte einschließlich Turm abgeschnitten und eingeebnet worden – wie ein Torso. Aber rechts des Doms: Karol Józef Wojtyła persönlich, in Stein verewigt! Da ich den schon kenne, gehe ich geradeaus, um das Innere des Sakralbaus etwas näher in Augenschein zu nehmen. Gerade als ich den ersten Schritt durch das Portal tue, öffnet sich eine Seitentür, und eine schier unüberschaubare Menge von Pfadfindern oder jedenfalls farblich uniformierten Kindern strömt ins Mittelschiff. Dabei hatte ich das Objektiv doch gerade auf das Schnitzwerk des Gestühls gerichtet… Und es werden immer mehr! Weiß der Kuckuck, woher die alle kommen. Laufen die im Kreis? Das hat hier keinen Sinn zu warten, denn jetzt hebt auch noch »spontan« Gesang an. Dabei kommen immer noch mehr. Na gut, ich wollte sowieso nur ein Foto vom Gesamteindruck machen, denn mein Fahrrad ist nicht gesichert, und ich mag es so nicht unbeaufsichtigt lassen.

Jetzt also der Friedhof. Erstaunlicherweise macht der Durchfahrtsplan dazu eine Angabe, vielleicht, weil das Areal so groß ist. »Cmentarz« – das liegt im Osten der Stadt, es ist grün eingefärbt, und es klingt so ähnlich wie das englische Cementary. Das ist auf jeden Fall einen Versuch wert.

Es dauert gar nicht so lange, bis rechts ein Abzweig kommt, die direkt neben der Fernstraße 5 verlaufenden Gleise unterquert und quasi in den Wald führt. Er ist klar beschildert – hier bin ich richtig. Rechts ist ein Blumenladen. Dann allerdings kommt eine Schranke, keine, an der man nicht vorbeifahren könnte, jedoch dazu ein Wärter (der das jedenfalls bemerken würde), und dieser unterhält sich mit einer Frau, die ebenfalls wie festes Personal auf mich wirkt. Was nun? Der Friedhof erscheint mir so groß, dass das eine ewige Lauferei wird, wenn ich jetzt das Fahrrad abstelle. Allerdings fällt mir so spontan auch kein einziger Friedhof in Deutschland ein, auf dem das Fahrradfahren erlaubt wäre. Warum sollte das hier also anders sein? Soll ich fragen? Wer viel fragt, erhält viel Antwort, denke ich mir und studiere erst mal den Friedhofsplan. Aha, leicht verständliches Polnisch, alles klar. Das Einzige, was sich mir wirklich sofort erschließt, ist die Lage der Friedhofsverwaltung (vor der stehe ich nämlich, aber das hätte ich mir auch ohne Plan denken können). Wir haben dann allerdings noch »Grobownictowo wojenne« – das muss etwas mit dem Krieg zu tun haben, sicherlich dem letzten – und »Kwatery lotników i kombatantów« – irgendein Viertel mit Kämpfern. Ein weiteres Wort deute ich als Urnenfelder, und wo sich das Krematorium befindet, wird ebenfalls klar. Na ja, ist doch ein Anfang. Jetzt muss ich mir »nur noch« die Lage all jener Felder einprägen, die mutmaßlich als Kriegsgräber gekennzeichnet waren, und die Suche kann beginnen.

Und – ich muss einfach so dreist sein, das Fahrrad an der Schranke wenigstens vorbei zu schieben. Was ich dann hinter der nächsten Kurve tue, außerhalb des Blickfeldes des Personals, das entscheide ich hinter der nächsten Kurve – sofern mich der Mann nicht aufhält. Er tut es nicht.

Hm, ging es jetzt links herum oder noch eine weiteres Gräberfeld geradeaus? Wie kommt es eigentlich, dass ich, scheinbar im literarischen Schlepptau von Günter Grass, ebenso auf Friedhöfe ströme, kaum dass ich in Polen bin, wie seine Hauptfiguren? Ganz einfach: Ich schaue nach, ob mein Großvater hier liegt – der allerdings zwar am 1. September 1939 ums Leben kam, also am ersten Kriegstag, jedoch nicht als Soldat. Das macht die Sache so schwierig, denn damit liegt er höchstwahrscheinlich nicht auf den Kriegsgräberfeldern, sondern eben irgendwo. Seine sterblichen Überreste wurden, wie ich in Erinnerung habe, nach dem Krieg im Zuge von Zusammenlegungen zweimal umgebettet, und nun, nach dem zweiten Mal, ist nicht mehr klar, wo er zu finden sein könnte. Er hatte als Zivilist ja noch nicht einmal eine Erkennungsmarke, und zu wem welche Knochen gehören, das ist dann irgendwann dem Zufall überlassen. In Poznań soll es sein. Vielleicht finde ich ja trotz der geringen Chancen einen Hinweis.

Ich muss noch mal zurück und mache ein Foto vom Übersichtsplan. Beim Rundgang kann ich mich dann daran orientieren – ein klarer Vorteil der Digitalkamera.

Posen, Friedhof

Die Felder sehen recht verschieden aus. Darin manifestiert sich nicht nur unterschiedlicher Wohlstand der Hinterbliebenen. Es muss noch andere Merkmale geben, vielleicht verschiedene Religionen. Russisch-orthodoxe und jüdische Gräber scheiden dabei jedoch aus; denn die würde ich erkennen.

Dort, wo die Wege asphaltiert und leer sind und nicht gerade bergauf führen, rolle ich auch mal ein Stück. Auf sandigen Pfaden oder bei Fußgängerverkehr verkneife ich mir das. Meine Erscheinung dürfte sicherlich ohnehin zumindest als seltsam empfunden werden. Auch ein Wanderer mit Hochgebirgsausrüstung auf dem Rücken und am Gürtel würde hier Blicke auf sich ziehen.

Und so komme ich an den polnischen, sowjetischen und schließlich den deutschen Gräbern vorbei. Man sieht, dass die deutsche Kriegsgräberfürsorge Geld in die Anlage gesteckt hat. Die Namen der Soldaten sind in mehrere Steine eingehauen; jeder Stein trägt eine lange Liste von Namen. Sie sind jeweils alphabetisch sortiert. Wesentlich erleichtert wird die Suche jedoch durch ein Buch, das man mittels einer Klappe einem regenwassergeschützten Fach entnehmen kann und in dem sich ein Gesamtverzeichnis befindet. »E«, »Er«, … – kein »Ernstmeier«. Na ja, war ja zu erwarten. Hier ist im Grunde definitiv der falsche Ort für die Suche.

Ich komme noch an einem jüdischen Gräberfeld vorbei, wobei mir nicht klar wird, aus welcher Zeit es stammt. Es fehlen jegliche typischen Zeichen jüdischer Friedhöfe: die hebräischen Inschriften bzw., bei älteren Gräbern, die typischen Namen, die Grabsteine, die Steinhäufchen darauf… Es fehlt im Grunde alles. Man muss einfach wissen, dass dies ein jüdisches Gräberfeld ist, denn hier liegen nur in konzentrischen Halbkreisen ein paar Feldsteine. – Ich habe inzwischen den gesamten Friedhof durchquert und höre bereits den Lärm der E30 nach Warschau. Also trete ich den Rückweg an und suche noch ein entlegenes Feld, das ebenfalls als »wojenne« gekennzeichnet war. Aber dort, wo es sein müsste, findet sich nichts Auffälliges. Vielleicht wäre es gerade dieses, also kein ausgeprägtes Feld, keine langen Listen, keine Arrays von Steinen…

So kehre ich unverrichteterdinge wieder an den Eingang des Friedhofs zurück. Nun aber. Es ist kurz nach drei, und eigentlich geht die für heute vorgesehene Etappe erst jetzt so richtig los. Gerade erst hat es geregnet, und da die Straße im Sonnenlicht nass glänzt, ist – nomen est omen – sonnenklar, dass dies nicht der letzte Schauer des Tages bleiben wird. Aber immer mal eine Husche und zwischendurch Sonnenschein sind mir allemal lieber als den ganzen Tag lang trübe Tasse und Nieselregen, selbst wenn der bei diesen Temperaturen nicht bis auf die Haut durchdringen sollte. Das hat wohl etwas mit Psychologie zu tun.

Es ist nur eine Frage der Zeit, und zwei Stunden später ist der Himmel im Nordosten wieder schwarz. Links erhebt sich ein Hügel, dessen südliche Flanke ich passiere. Als ich über die Kuppe komme, sehe ich auf der linken Straßenseite drei Windmühlen. Zwar ist ihr unteres Drittel ebenso verkleidet wie das eigentliche Gehäuse, das Mühlenhaus – es sieht also so aus, als sei die Ausrichtung der Mühle dadurch fixiert –, aber der Auslegerbaum, der bei Bockwindmühlen zum Drehen der Mühle je nach Windrichtung verwendet wird, existiert auch hier. Vielleicht hat man irgendwann mal festgestellt, dass Wind, wenn er denn überhaupt weht, sowieso nur aus westlichen Richtungen kommt, und dann fand man es möglicherweise sinnvoll, den Raum um den Hausbaum herum zu nutzen und aus diesem Grund wetterfest zu machen.

Windmühlen Windmühlen

Die Stimmung ist gespannt. Das Unwetter kommt anscheinend aus östlicher Richtung. Gleichwohl weht der Wind schon den ganzen Tag von Westen her. Aber die dunkle Wand schiebt sich von Osten heran. Sie wirkt wirklich bedrohlich. Wenn sich dort jetzt ein Rüssel aus den Wolken herabsenken würde, wäre ich zwar wie vom Donner gerührt (weil es mein erstes Mal wäre), aber irgendwie würde ich nicht aus allen Wolken fallen (erst mal jedenfalls). Ich bin sicherlich kein Tornado-Experte, und ich weiß auch nicht, ob es schon jemals Windhosen in Polen gegeben hat, aber wenn ich dann doch irgendwann aus den Wolken fallen sollte, ließe sich zumindest diese Frage mit Sicherheit beantworten. Die Windmühlen sind jedenfalls jeweils mit einem Blitzableiter ausgerüstet. Ein richtiges Spektakel werde ich hier und jetzt höchstens in der Weise erleben, dass ich bis auf die Haut durchgeweicht werde. Ich suche das Weite, um dieses Szenario zu vermeiden. Später passiere ich Streckenabschnitte, auf denen kleine, schäumende Bäche entlang der Rinnen fließen, die der Schwerverkehr in den Asphalt gegraben hat. Hier muss es so richtig gekübelt haben. Dieser Schauer ging also an mir vorüber.

Gniezno, Kirche

In Gniezno (Gnesen) fällt mir eine Kirche auf, die – zumindest rein äußerlich – eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Posener Dom hat. Weil der Regen sich gerade mal wieder verzogen hat, entsteht die letzte Aufnahme des Tages. Anschließend werde ich über abenteuerliche Routen durch die Stadt navigiert. Mehrmals frage ich mich, ob das hier wirklich der richtige Weg ist, aber die Beschilderung ist zumindest eindeutig. In Strzelno (Strelno) geht schließlich die Sonne unter; es war absehbar, dass das mit Toruń (Thorn) heute nichts mehr werden würde, aber dass es nicht mal bis Inowrocław (Inowrazlaw, Jungbreslau, Hohensalza) reicht, verdrießt mich schon. Aber ich habe keine Lust, auf der verhältnismäßig engen Fernstraße im Dunkeln einen Streit mit schweren Fahrzeugen zu beginnen; diesbezüglich stehe ich noch am Anfang eines langen Reife- und Abhärtungsprozesses – schließlich ist dies erst der zweite Reisetag.

Hinter dem Ort, als links und rechts in den Kleingärten und sonstigen Grundstücken alle Optionen quasi »on the fly«, also während der Fahrt, taxiert sind, kommt erst mal nichts und dann rechts eine Tankstelle. Links gegenüber, ein Stück entfernt von der anderen Straßenseite, befindet sich eine Baustelle. Baustellen sind immer interessant. Diese hier ist es besonders, denn zwar ist das zugehörige Grundstück eingezäunt, aber zugewuchert, und lückenlos ist der Zaun auch nicht. Ich lasse das Fahrrad erst mal an der Straße stehen, um mir die Sache zu Fuß anzusehen, denn wenn der »Weg« zu diesem potenziellen Dach über dem Kopf gar zu verkrautet oder gar mit Gräben durchzogen wäre, käme ich da mit dem Fahrrad gar nicht durch, und dann schiede diese Möglichkeit aus. Es ist auch wirklich nicht so leicht, einen passablen Pfad durch die teilweise mannshohe Vegetation zu finden, zumal die Dämmerung nun kräftig voranschreitet, aber letztlich gelingt es. Warum solche Bauten häufig nach dem Abschluss des Rohbaus und lange vor der Vollendung, aber doch nach Beerdigung beträchtlicher Geldbeträge liegen bleiben, weiß der Geier. Fehlende Baugenehmigung, Streit mit irgendwelchen Behörden, Pleite… Mir ist alles recht, denn wenn es in dieser Nacht regnet, dann wird mich das kalt lassen. Ich lehne mein Fahrrad an einen Stapel Ziegel, breite mein Zeug aus und schmiede ehrgeizige Pläne für den nächsten Tag. Ach ja, und mir gelingt tatsächlich ein Anruf in Grieben. Hier habe ich ein Netz. Na, das ist doch mal was.

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