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28. Juni 28. Juni8. Juli 8. Juli

7. Juli

gesamte Route

unkorrigierter GPS-Track!

Das ist kein Montag wie jeder andere. Schließlich geht es heute los, und es wird kein Trip nach Havelberg. Nein, ich habe schließlich ein russisches Visum in der Tasche. Ich habe sogar zwei »Versuche«, d.h., ich darf zweimal einreisen. Was das wohl wird…

Aber vorerst bin ich noch mitten in Deutschland, und ich habe gestern an meinem Fahrrad serienweise Pannenpotenziale behoben, vorne und hinten neue Reifen aufgezogen, in einem aufregenden Kampf mit Clemens die Seele eines der Schaltbowdenzüge gewechselt. Also, wenn mir das auf den Schlachtfeldern von Tscherkassy passiert wäre… Da hätte ich ja noch ganz anders Blut und Wasser geschwitzt. Aber letztlich haben wir es dann mit etwas Wagemut und Bordmitteln in den Griff bekommen. Die Schaltung selbst ist auch gewartet worden; da kann ja nun eigentlich nichts mehr schief gehen. Wie alt ist noch mal das Tretlager? 58000 Kilometer, uiuiui…

Für Griebener Verhältnisse bin ich früh aufgestanden. Wenn es gegen Mittag in Frankfurt/Oder losgehen soll, muss ich entsprechend zeitig in Genthin am Bahnhof sein. Die Überführung noch einmal mit der Bahn (nach der Bahnreise von Erlangen bis Tangerhütte im »Prolog«) hat den Sinn zu gewährleisten – oder es doch zumindest deutlich wahrscheinlicher zu machen –, dass ich am 10. Juli die Grenze nach Russland zum ersten Mal überquere. Da beginnt nämlich die Gültigkeit des Visums, und da dies auch nach hinten begrenzt ist, also in seiner Gesamtdauer, soll davon kein Tag unnötig verschenkt werden. Schließlich war der Fetzen teuer genug. Kurz entschlossen nach Russland Reisende müssen auf dem von mir gewählten »Behördenweg« knappe 200 Euro einkalkulieren. Das reicht bei mir normalerweise für… Hm, einerlei. Das ist hier nicht so wichtig.

Die Taschen sind schon gepackt. Jetzt kommen noch die guten Wünsche für die Reise. Die Sorgen sind bereits erörtert worden. Wenn ich losfahren will, muss ich mich letztlich darüber hinwegsetzen, und einen gewissen Selbsterhaltungstrieb habe ich ja auch. Also kommen sie nicht noch einmal zur Sprache, was ich angenehm finde. Der Panzer setzt sich in Bewegung.

Die Bezeichnung »Panzer« ist eigentlich grob irreführend. Keineswegs bietet mir mein Gefährt irgendeinen Schutz gegen irgendwas, höchstens gegen Hochwasser bis zehn Zentimeter über der Straße und Modder bei sehr geringem Tempo. Ansonsten – das weiß natürlich jeder, der ein Fahrrad schon mal gesehen hat – ist da nichts, was an einen Panzer erinnert. Trotzdem gibt es Radfahrer, die mit einer geradezu spartanischen Ausrüstung sehr weit kommen, andere, die – für welche Zwecke auch immer – einen Drahtesel haben, der zumindest aufgrund seines Gewichts diesen Namen eher verdient, denn als »Stahlross« bezeichnet zu werden. Aber wenn ich dann mal solchen Leuten begegne und es kommt aus irgendeinem Grund dazu, dass »Bruttoregistertonnen« visuell taxiert oder durch Probeheben abgeschätzt werden, dann erlangt der Panzer eine gewisse Berechtigung, denn es gibt keine leichten Panzer. Die sind immer tonnenschwer. Und bevor ich mein Fahrrad mit dem ersten kleinen Gepäckstück belade, wiegt es bereits 19 kg. Da ließe sich zwar schon was machen, denn allein mit der hydraulischen Sattelfederstütze würden Anfänger im Kraftsport nicht so schlecht fahren, und der Lenker ist ebenfalls aus Stahl. Aber dafür ist er mir auch noch nicht gebrochen, wie mir das mit Aluminiumlenkern bereits mehrfach (!) passierte, bis ich aus Schaden klug wurde. Und was die Federstütze angeht… – wenn ich den perfekten Sitz für solch eine Radtour fände, dann dürfte der von mir aus fünf Kilo wiegen. Allein, es gibt den perfekten Sattel nicht, und so bleibt es bei einer Annäherung – sowohl an die von mir zugestandenen fünf Kilogramm als auch an ein kontinuierliches Sitzwohlgefühl auch nach tausend Kilometern bei 37 Grad (Außentemperatur, wohlgemerkt!). Also lässt sich wohl doch nicht so viel sparen. Gut, möglicherweise am Seilschloss. Aber vielleicht sollte man Langfingern wenigstens die Mühe zumuten, den großen Seitenschneider anzuschleppen, anstatt die Sache mit einem kleinen Knacks abzuwickeln.

Das erste (planmäßige) Hindernis ist die Elbe. Die Fähre fährt zwar immer mal wieder, aber bezüglich der minimalen Frequenz gibt es nur Erfahrungswerte. Und wenn sie gerade losgefahren oder auch am anderen Ufer »vor Anker gegangen« ist und auf Kundschaft wartet, dann kann die Zeit schon mal schneller verstreichen als sonst – zumindest, wenn man einen ganz bestimmten Zug in Genthin erreichen will. So ergeht es mir.

Schließlich kommt sie aber doch, ich schraube mich am anderen Elbufer die Böschung hinauf und schalte für die Passage nach Genthin einen Gang höher als sonst. Glücklicherweise haben wir durchmischtes Wetter und daher Westwind. Gegenwind könnte jetzt wirklich meine Kalkulationen durcheinander bringen, zumal ich in Genthin nur so eine ungefähre Vorstellung davon habe, wo sich der Bahnhof befindet. Aber ein, zwei Fragen führen mich dann doch zum Ziel.

Die Fahrkarte! Der Bahnhof ist tatsächlich noch personell besetzt, und wirklich steht gerade kein Mensch an, so dass sich die erforderlichen Fragen rasch beantworten lassen (die im Übrigen kein Automat beantworten würde). Das Land Brandenburg kocht bahntariflich sein eigenes Süppchen. Hier kann man mit der BahnCard nur dann etwas anfangen, wenn man entweder Fernzüge benutzt oder die Reise außerhalb des Landes antritt oder/und beendet. Und im Gegensatz zu Sachsen-Anhalt werden Fahrräder nicht kostenlos befördert.

Man kann sagen, dass dieser Fahrkartenkauf hinsichtlich der dafür erforderlichen Zeit optimal gelaufen ist, und dennoch bleiben mir gerade noch drei oder vier Minuten, um den Bahnsteig zu wechseln. Der Fahrstuhl erleichtert die Sache, denn das Tragen eines solchen Gefährts ist keine Rückentherapie, und eigentlich brauche ich genau eine solche, weil mich seit dem Unfall im Januar immer noch Schmerzen plagen, zumindest dann, wenn ich eine ungeschickte Bewegung mache oder mich über Gebühr belaste. Dieser Dauerzustand verdrießt mich zusehends, zumal die Behandlungen bisher keinen Erfolg gebracht haben, aber an Dinge, die man nicht ändern kann, soll man sich ja gewöhnen bzw. sie gelassen hinnehmen. Also übe ich mich darin, provoziere keine neuerlichen Stiche und bin dankbar dafür, dass es hier Fahrstühle gibt. Warum nur? Ist oder war Genthin denn mal IC-Bahnhof?

Ich bin am Ziel dieser Terminsache, und der Zug rollt ein. Da hätte wirklich nichts schief gehen dürfen, sonst hätte sich die ganze Sache um eine Stunde verschoben oder sogar um zwei. Und ich will heute schließlich noch bis nach Poznań (Posen) kommen.

Die Zeit von 9:38 Uhr bis 12:00 Uhr will irgendwie verbracht werden. Routenplanung? Sie erfolgte zwar nicht straßengenau, schon gar nicht für die gesamte Strecke; wo entlang es jedoch nach Kaliningrad (Калининград, Königsberg) geht, weiß ich. Nebenstraßen sind auf dem Weg durch Polen nicht vorgesehen. Aber was heißt hier »schon gar nicht«? 1999 hatte ich genau das getan: eine detaillierte Streckenplanung ausarbeiten und mich zu ca. 98 Prozent dann auch daran halten. Jedenfalls gab es damals keine andere Möglichkeit zur Feststellung versehentlicher oder zweckmäßiger Abweichungen als den geschärften Blick auf die Michelin-Karte, über deren Steilheitsangaben – die berüchtigten ein, zwei oder drei scharfen Winkel – ich zwar in allen Tonlagen fluchte, und meine virtuellen Reklamationsgespräche mit dem Kartographenteam endeten bei solchen Gelegenheiten für dessen Mitglieder meist ziemlich tödlich, jedoch lasse ich in allen übrigen Belangen auf die Qualität dieser Atlanten bis heute nichts kommen.

Also keine Routenplanung. Lesen vielleicht? Tante Helga hat mir »Unkenrufe« von Günter Grass zum Geburtstag geschenkt. Das habe ich in dickes Zeitungspapier eingeschlagen, in der Lenkertasche, also vermeintlich leicht zugänglich, tief unter anderen Accessoires versenkt, und dort wartet es auf die erste Bushaltestelle, in der ich einen Starkregen aussitzen und sonst nichts zu tun haben werde. Aber im Augenblick habe ich irgendwie keine Lust, darin einen Anfang zu suchen. Stattdessen fixiere ich die junge Frau auf dem Klappsitz gegenüber. Sie ist das einzige in Frage kommende Opfer, denn um diese Zeit sind die Leute normalerweise bereits auf Arbeit – wenn sie denn welche haben. Mit anderen Worten: Der Zug ist praktisch leer. Ich trete ein Gespräch los und erfahre z.B., dass sie täglich mehrere Stunden unterwegs ist: Sie fährt nach Brandenburg, wird aber auf dem dortigen Bahnhof noch lange nicht am Ziel ihrer Fahrt sein. Sehr aufregend. Das wäre nichts für mich.

In Berlin kommt etwas Leben in die Szene. Unter anderen steigt eine Frau mit Rennrad ins Abteil. Ob sie wohl mitkommen würde? Ich erfahre, dass sie nur den Stadtverkehr bis Erkner überspringen will, um dort mit dem Fahrrad in Richtung Osten zu fahren. Aber sie will vor der Grenze wieder in die Bahn steigen, um zu ihrem Freund nach Berlin zurückzukehren. Meine Güte, das wird ja ein ambitioniertes Unterfangen! So viele Auskünfte auf einmal. Also keine Begleitung. Aber das war ja auch abzusehen.

In Frankfurt steige ich aus. Nun soll es also losgehen. Halt, da ist doch eine Drogerie im Bahnhofsgebäude. Dort könnte ich mal fragen, ob die einen brauchbaren Sonnenschutzlippenstift verkaufen. Was ich da im Gepäck habe, erzeugt einen derart dicken Aufstrich und zieht überhaupt nicht ein – da traut man sich gar nicht mehr, zwischendurch was zu essen, weil es jedes Mal so ein Geschmiere gibt. Ich habe Glück: Sie haben genau den richtigen.

Was noch? Eine Batterie für meinen zweiten Tacho wäre nicht schlecht. Ich habe das Teil montiert, weil die Funkverbindung des Sigma-Gerätes an manchen Orten gestört wird. Südlich von Polte zum Beispiel geht bis kurz vor Mahlwinkel gar nichts; »zu viele Sender« erzählt mir das Gerät dann nach einer Weile und verweigert dann bis auf Weiteres den Dienst. Wer weiß, wie viele Sender auf dieser Frequenz in Russland aktiv sind, abgesehen von Autoalarmanlagen und diversen anderen Störquellen – wahrscheinlich arbeitet der Tacho im ISM-Band, aber wenn schon in Deutschland große Störquellen existieren, muss ich ja in Russland erst recht mit so was rechnen. Nach einer solchen Batterie muss ich allerdings woanders fragen.

In einem Plus-Discounter versorge ich mich mit Nudelsuppen, Spaghetti, Soßen, Obstsaft und einer Flasche Cola und suche nun etwas energischer nach einem Schild, das mir verrät, wo es nach Polen geht. Das muss doch hier irgendwo sein!

Wenig später komme ich an einem Uhrengeschäft vorbei. Die Batterie! Hier werde ich zwar keinen Schnäppchenpreis bekommen – dafür sind die Auslagen zu luxuriös –, aber bevor ich jetzt lange herumsuche … Und in der Tat passt der Preis zum großzügig arrangierten Glitzerkram um mich herum. Dafür hätte ich dann allerdings auch mehr Kompetenz beim Personal erwartet, aber als ich der Verkäuferin den genauen Typ der Batterie nenne, kann sie damit zunächst gar nichts anfangen und muss sich erst mal kundig machen.

Ich verbuche den Einkauf unter Aufbau Ost und suche nun noch nach einem Papierwarenladen. Ein kleines Notizheft oder so was in der Art für meine Reiseaufzeichnungen wäre nicht schlecht – ich kann mir auf der vorgesehenen Strecke schließlich nicht alles merken. Es sind ja gerade die kleinen Dinge am Straßenrand, die den Etappen die Würze geben. Manchmal bieten Landschaft und Städtebau einfach nichts, und da muss man eben die Spitzmaus erwähnen, die bei einer Rast zwischen den Beinen keck nach Krümeln Ausschau hält.

Und tatsächlich finde ich einen Laden; der karierte Block, den ich schließlich verstaue, ist zwar nicht perfekt, aber das wird so schon gehen. Nun kann Polen kommen. Landkarten fürs Baltikum kann ich auf den restlichen 1000 Metern sowieso nicht mehr erwarten; dafür muss man schon in etwas größere Buchläden stiefeln.

Oder bei Frankfurt

Die Oder markiert die Grenze. Auf der Brücke mache ich das erste Foto, und irgendwie wird es charakteristisch für die weitere Fahrt: Die Sonne scheint zwar nicht, und die Oder ist so gewöhnlich, wie ein Fluss nur gewöhnlich sein kann, und die Brücke gibt nichts her, und Frankfurt von Polen aus gesehen reißt mich auch nicht vom Hocker, aber für die Dokumentation des Ganzen hat die Aufnahme Belang. Ich muss schließlich irgendwas in der Hand haben, um glaubhaft machen zu können, dass ich da war. Aber soll ich deswegen jetzt jedes Orteingangsschild größerer Städte ablichten? Wohl kaum.

In Słubice (Dammvorstadt oder Gartenstadt als ehemaliger Stadtteil Frankfurts) werde ich zunächst in Richtung Südosten gelotst. Das ist eigentlich total verquer. Ich muss doch nach Nordosten! Südlich des Ortes führt eine Brücke über die E30, die an der Grenze zu Deutschland in die A12 übergeht, und genau wie eine Autobahn sieht sie auch aus. Darf ich da überhaupt fahren? Die vielen Spuren und der lebhafte Verkehr schüchtern mich ein, und ich denke mir, dass es vielleicht Alternativen gibt. Also fahre ich weiter in Richtung Schwarzes Meer anstatt in Richtung Murmansk und hoffe auf einen Abzweig nach links. Der polnische Atlas verheißt einen solchen auch, aber erst später.

Waldstraße

Als ich ihn erreiche, lerne ich innerhalb sehr kurzer Zeit die fällige Lektion im Hinblick auf die Semantik als schmales weißes Band eingezeichneter Straßen: Dies mögen wohl Straßen sein, zumindest vor Jahrzehnten mal gewesen, aber ein zügiges Vorankommen ist darauf mit hoher Wahrscheinlichkeit ausgeschlossen. Sie sind entweder gepflastert und waren das wohl auch schon, als diese Gegend hier noch deutsch war, oder sie sind unbefestigt – was nicht unbedingt ein langsameres Vorankommen als auf Kopfsteinpflaster bedeutet. Allerdings ist Mahlsand tückisch. Versinkt das Rad nur wenige Zentimeter darin, bleibt es unweigerlich stehen – was ziemlich gefährlich ist, wenn ich nicht damit rechne und deshalb mit den Füßen bzw. Schuhen nicht rechtzeitig aus den Klickpedalen herauskomme. Alternativ dazu zwingt es mich zu extremen Gegensteuermanövern, was letztlich auch zum Stillstand führt. Unter solchen Umständen ist eine Revision der Tagesziele natürlich unumgänglich. Poznań verschiebt sich auf meiner gedanklichen Zeitskala auf morgen.

An einem Grundstück mitten im Wald gabelt sich die Straße, und ich biege rechts ab. Die Pflasterstraße verläuft nun parallel zur E30, also wenigstens schon mal in die richtige Richtung. Ich stelle mir vor, dass 1945 vielleicht Flüchtlingstrecks auf dieser Straße unterwegs waren. Seither kann sich hier nicht viel Verkehr abgespielt haben, sonst wäre die Straße nicht so grün. Sie ist einsam, schön, aber einfach nicht mit einem akzeptablen Tempo befahrbar. Selbst mit Schwalbes neuem Ballonreifen Big Apple dürfte dies hier kein Vergnügen sein; dabei habe ich viel schmalere Kaliber aufgezogen. Nach einigen Kilometern halte ich an, um das Gepäck zu überprüfen und muss zu meinem Leidwesen feststellen, dass sich bereits ein Saftkarton verabschiedet hat. Das erinnert mich daran, dass ich schon auf früheren Fahrten großartige Ideen entwickelte, wie die allfälligen Getränke leicht zugänglich und dennoch sicher gegen Verlust am Fahrrad untergebracht werden könnten. Es sind nur dummerweise Ideen geblieben. Also werden sie – abgesehen von den beiden Trinkflaschen – nur mehr oder minder zuverlässig mit Hilfe eines Expanders oder auch mehrerer hinten auf den Gepäckträger geklemmt. Was den besagten Saftkarton angeht, so gilt im Rückblick offenbar: minder zuverlässig.

Nach langer Zeit, aber deutlich weniger als zehn Kilometern mündet das Geholpere in eine von rechts kommende Asphaltstraße ein. Nun geht es etwas flotter voran, und nach einigen Kurven und Wendungen erreiche ich bei Rzepin (Reppen) die E30. Ich fühle mich nun »reif« für die Autobahn; mir ist jetzt egal, wie viele Spuren diese Straße hat und wie dicht der Verkehr dort ist. Auf ihr geht es jedenfalls voran.

Und dabei ist der Verkehr gar nicht schlimm, obwohl die Europastraße hier inzwischen nur noch zweispurig ausgebaut ist. Wie sich Lastverkehr »anfühlt«, hängt für Radfahrer nicht nur von der Anzahl der Spuren ab, sondern vor allem von zwei Faktoren: 1. Nehmen die Kraftfahrer Rücksicht, d.h., lassen sie je nach Tempo wenigstens 50 bis 100 Zentimeter Platz beim Überholen? 2. Ist eine befahrbare »Spur« jenseits des durchgehenden weißen Randstreifens vorhanden? Beide Fragen entlasten einander sozusagen, sprich: Hast du einen eigenen Streifen, so ist die Rücksichtnahme der Trucker entbehrlich, und umfahren sie dich mit Anstand, dann ist es egal, ob dir 50 Zentimeter der Straße exklusiv gehören; du kommst dann sozusagen auch nackt unter Wölfen über die Runden.

Nach einer Weile endet der Wald, eine Straße biegt im spitzen Winkel rechts ab, weitet sich zu einem LKW-Parkplatz, gefolgt von einer Tankstelle; dahinter sind weitere Stellplätze, anscheinend auch überwiegend für den Schwerverkehr gedacht. Weil abseits der Zapfsäulen ein paar Tische und Stühle stehen, beschließe ich eine Pause, um meine verderblichen Vorräte zu reduzieren. An erster Stelle steht da zweifellos das Müsli, dessen hoher Obstanteil die Milch sicherlich nicht davor bewahren wird, in Kürze einen Stich zu bekommen. Also runter damit; außerdem sind Vitamine gesund.

See bei Swiebodzin

Nach dem Aufbruch geht es bald wieder flott voran. Ich habe Rückenwind; das sollte man ruhig mal erwähnen, wenn ständig behauptet wird, Radfahrer hätten den Wind immer nur von vorn. Die Landschaft ist nicht aufregend; also studiere ich die Oberleitungskonstruktion einer kreuzenden Eisenbahnlinie. Na ja, sie sieht anders aus als in Deutschland, aber ob sie besser oder weniger geeignet ist, ihre Aufgabe zu erfüllen, kann ich nicht beurteilen. So spannend geht das weiter bis Świebodzin (Schwiebus).

Das wäre dann mal wieder eine Stadt, eine kleine zumindest. Ein Lidl-Discounter verführt mich dazu, im Vertrauen auf ein bekanntes Preisgefüge meinen alten 50-Zloty-Schein in Umlauf zu bringen – abzüglich Wechselgeld, versteht sich. Wir teilen diese 16 Euro bis Kaliningrad schön ein. Das wäre doch gelacht! Soll ich mich etwa in jedem Transitland mit der jeweils lokalen Währung herumschlagen und im Laufe der Reise Kleingeldsammlungen anlegen? Der Supermarkt hat aber auch den Vorzug, dass man ohne jegliche Polnisch-Kenntnisse durchkommt. Das ist in jedem Thekenladen anders. Klar, man kann sich auch dort mit Gesten und einem Taschenrechner oder einem Kuli und Papier über die Waren und ihre Preise informieren bzw. einigen, aber die Defizite werden dabei offensichtlicher, und irgendwie ist mir das ein bisschen peinlich, noch nicht einmal »bitte« und »danke«, »Guten Tag!« und »Auf Wiedersehen!«, geschweige denn Zahlen auf polnisch parat zu haben. Gehört habe ich das alles schon mal, mehrfach sogar. Aber selten abgerufenes Wissen versandet eben. Diese Situation kommt denn auch bald: beim Bäcker. Er macht sich aber nichts draus; er hat das Geld und ich das Brot, und unsere Sorgen heben wir uns für wichtigere Dinge auf.

Für Świebodzin bzw. dessen Ortsausgang ist geplant, die E30 in Richtung Süden zu verlassen. Sie mag wohl die kürzeste und schnellste Verbindung nach Poznań sein, aber vielleicht erschließt sich mir Polen doch mit ein paar mehr Facetten, wenn ich mich nicht am breitesten Asphalt orientiere. Allerdings scheitert dieses Vorhaben; das merke ich bald: Die Stadt liegt definitiv hinter mir, die Himmelsrichtung hat sich noch kein bisschen verändert, und mein Garmin beharrt ebenfalls darauf, dass ich noch auf der E30 bin. Andere Straßen kennt der mit seiner mickrigen Standardkartenausstattung hier ohnehin nicht. Jetzt wendet sich die Straße sogar nach Nordosten; das geht zwar schön auf Kaliningrad zu, aber nicht in Richtung der Straße 303, entgegen der Kleinstadt mit dem klangvollen Namen Babimost (Bomst). Es gibt nun zwei Möglichkeiten: umkehren und die gewünschte Ausfahrt suchen oder weiter fahren und bei nächster Gelegenheit über die inzwischen einschätzbaren »weißen Bänder« nach Süden traversieren, wie die Schweizer so schön sagen würden, sprich: quer durch die Prärie pfadfinden – was geographisch kürzer werden könnte, aber das Zweifelhafte dieses Vorzugs hatten wir ja schon.

Ich entscheide mich für die Abenteuerversion. Marlboro Country! Regnet es dort hin und wieder? Die Jungs sehen immer so staubig aus. Hier regnet es jedenfalls. Wir finden jetzt Abschnitte, die definitiv unbefestigt sind. Andere sind wieder gepflastert, jedoch verschieden von denen heute Mittag. Sind Form, Größe, Behauung und das jeweilige Mineral der Pflastersteine mit der zugehörigen Kristallisation, unterschieden nach Wojewodschaft und weiteren geeigneten Kriterien, eigentlich schon mal in einer akademischen Arbeit angemessen gewürdigt worden? Nicht? Na, dann wird’s aber mal Zeit. Rechts und links wogen die Getreidefelder. Sie kommen mir seltsam fremd vor. Aber Roggen bleibt doch Roggen. Ich bin unsicher. Ist es die Weite der Landschaft, sind es die Hügelformationen, die mir Deutschland bereits hier so fern erscheinen lassen?

Der Regen überschreitet rasch seinen Höhepunkt. Im gleichen Maße verliert die Gegend ihre Trostlosigkeit. Die Wege werden mit einem Mal schlagartig besser, richtig gut asphaltiert, und zügig nähere ich mich der Straße 303. Der Abzweig zur Straße 302 bringt mich wieder der Bahnlinie näher, die ich vorhin schon einmal überquert habe. Ist das nicht die Strecke Berlin-Warschau? Da müsste doch ab und zu mal was Anständiges vorbei kommen… Aber die großen Reisen sind für heute wohl erledigt. Das sollte auch ich mir so langsam gesagt sein lassen. Poznań habe ich ja bereits auf morgen verschoben. Wo wird er denn nun sein, der erste Halt in der Ferne?

Holzkirche

In Chlastawa (Klastawe) stoppe ich noch einmal – für eine Holzkirche. Wenn man heute jemandem erzählt, man wolle ein Haus aus Holz bauen, auch noch mit einer hölzernen Fassade, dann muss man sich von seinen Mitmenschen etwas über die Brandgefahr erzählen lassen, die man damit heraufbeschwöre. Dabei beginnen die meisten Wohnungsbrände, die nicht vorsätzlich gelegt wurden, doch im Inneren des Hauses und am Mobiliar, und dafür spielt die Bausubstanz des Gebäudes gar keine Rolle. Wenn man sich jedoch klar macht, dass seit dem 17. Jahrhundert, das ein Schild vor dieser Kirche ausweist, eine ganze Serie von Kriegen über dieses Gebiet hinweggefegt ist und dass Brände im Krieg getrost unter Vorsatz verbucht werden können, dann ist es schon erstaunlich, dass dieser Sakralbau hier immer noch steht. – Ob er schön ist? Tja, darüber mag man streiten.

Korbkunst

Ich fasse Nowy Tomyśl (Neutomysl, Neutomischel) ins Auge. Dort soll es sein, das Ziel der heutigen Etappe. Die Dörfer hier bieten keinen Unterschlupf; in Städten sieht das schon anders aus. Ein letztes Mal bricht die tief stehende Sonne imposant durch die dunklen Wolken am Horizont, dann ist die solare Episode für heute vorbei. Es folgt eine kleine Rampe, ein paar Meter in den Wald hinauf, einige Kilometer durch die matter werdenden Grüntöne. Die Dämmerung ist bereits schwer hereingebrochen, da überquere ich die Umgehungsstraße; es dauert nicht lange, und ich bin mittendrin. Dies ist ja keine Großstadt. Auf einem zentral gelegenen Platz setze ich mich auf eine Bank und überlege kauend, was diese seltsame Konstruktion aus Holz wohl bedeuten mag, deren Details in der hereinbrechenden Dunkelheit immer weniger voneinander zu unterscheiden sind. Kunst? Landschaftsarchitektur? Wer weiß… Mental bereite ich mich auf die Suche nach einem Dach vor.

Wenn mal jemand in irgendeinem Kaff meint, da sei tote Hose, dann soll er mal versuchen, dort zu genau diesem Zeitpunkt einen ca. zwei Quadratmeter großen Platz zu finden, der wettergeschützt ist, dessen Besetzung nach Möglichkeit nicht als Hausfriedensbruch interpretiert werden kann und, wenn’s irgend geht, überhaupt von niemandem wahrgenommen wird, so dass er später – in meinem Falle morgen – dort wieder verschwinden kann, als sei er niemals da gewesen. Ich möchte wetten, so manches Dorf avanciert unter diesen Umständen für die meisten Aspiranten einer solchen Probe zur Stadt mit Nightlife. Das ist nämlich manchmal gar nicht so einfach. Man möchte nicht glauben, wo sich wochentags abends um zehn und später noch Spaziergänger, Kneipenheimkehrer, Berufspendler und sonstiges Volk herumtreiben. Gut, es sind wahrscheinlich Ferien. Das sind zusätzlich erschwerte Bedingungen. Selbst schuld, wer erst im Juli losfährt.

Die Anläufe sind nicht spektakulär. Kennzeichnend ist, dass viele »Gelegenheiten« eingezäunt sind. Trauen sich die Polen selber nicht? Baustellen, Sportplätze mit Tribünen – alles dicht. Schließlich glaube ich meinen Frieden in so etwas Ähnlichem wie einem Park gefunden zu haben. Da ist eine Baracke mit ausladendem Vordach. Darunter verläuft ein Plattenweg, der, soweit ich das erkennen kann, keinen Durchgang darstellt. Ich muss hier also keinen Transitverkehr befürchten, zumindest nicht von Fußgängern, die auf dem Weg bleiben – was angesichts der nun vollständigen Dunkelheit die Regel zu sein verspricht. Wer will sich hier schon die Knochen brechen?

Ich stelle das Fahrrad ab und breite Isomatten und Schlafsack aus. Gerade überlege ich, ob wohl das Moskitonetz angemessen wäre, da bricht der Kegel eines Autoscheinwerfers durch die Dunkelheit und taucht zielstrebig meine Aufbauten in grelles Licht. So ein Mist! Wer es auch sei – er wird wohl kaum gekommen sein, um mir eine gute Nacht zu wünschen. Diese Stellung ist vermutlich nicht zu halten. Dafür spielt es keine Rolle, ob mein Aufenthalt rechtlich anfechtbar ist, aber darauf zuvor geachtet zu haben, ist entscheidend für den Blutdruck bei solchen Begegnungen. Bei allem Verdruss bleibe ich daher ruhig.

Ein Mann steigt aus. Es stellt sich rasch heraus – mit Englisch ist in der Konversation leider nichts zu machen, aber er kann etwas Deutsch, und er versteht ein paar Worte Russisch, so dass wir uns ein wenig aufeinander zu bewegen können, wobei er da ganz klar mehr leistet als ich –, dass er keinen Tipp von aufmerksamen Nachbarn bekommen hat, die etwa sein Hab und Gut gefährdet gesehen hätten. Er ist Tauben- und Bienenzüchter, und das Gebäude, unter dessen Vordach ich Quartier suchte, ist so etwas wie die Vereinslaube der Taubenfans. Er wollte nur was holen. Und innerhalb kurzer Zeit gelangt er zur Ansicht, dass der von mir gewählte Übernachtungsplatz wohl nicht so das Richtige sei. Was ihn dabei motiviert, wird nicht restlos klar. Es erstaunt mich aber immer wieder, wie weit verbreitet die Einschätzung ist, dass quer durch Europa, ja eigentlich die ganze Welt, aber in zunehmendem Maße, je weiter man nach Osten geht, marodierende Banden nachts durch Parks ziehen und Straßengräben filzen, um dort möglichst wohlhabende Menschen aufzuspüren, auszurauben und womöglich abzumurksen. Es mag ja sein, dass ich mir die Gedankenwelt von Räubern zu rational vorstelle, wenn ich denke, dass man dort raubt, wo der Quotient aus zu erwartender Beute und mit dem Beutezug verbundenem Risiko maximal ist, dass man sich also zweckmäßigerweise an ohne Begleitschutz fahrende oder unbewacht parkende Oberklassewagen hält. Aber so denke ich nun mal, und das hat zumindest den Vorteil, dass ich normalerweise ohne Sorgen und daher gut einschlafe.

Pjotr, so erfahre ich, ist sein Name. Pjotr jedenfalls hält es für zweckmäßig, wenn ich nicht vor, sondern im Vereinsheim nächtige. Er will wissen, wann ich morgen aufzubrechen gedenke. Ambitioniert verkünde ich, dass das wohl so zwischen sechs und sieben Uhr sein werde. Das ist für ihn zu spät; da muss er wahrscheinlich bereits arbeiten. Also händigt er mir kurzerhand den Schlüssel aus und erklärt, wo ich ihn am nächsten Morgen nach meinem Aufbruch verstecken soll. Obwohl ich allerhand gewöhnt bin und obwohl in dieser Baracke sicherlich keine Schätze verborgen sind, sackt mein Unterkiefer doch ein paar Millimeter ab. Dann zaubert er irgendwoher noch einen 5-Liter-Kanister mit Wasser. Aber nicht zum Trinken! Zwischendurch reden wir, so gut es geht, über alles Mögliche. Ich erfahre, dass er mit seinen Tauben schon in ganz Europa war, natürlich auch in Deutschland. Ja, ich habe davon gehört. Kein Wunder, dass bei diesen Hochleistungsversuchen immer wieder Vögel unterwegs die Orientierung verlieren, nicht mehr heim finden und dann unsere Städte bevölkern. Aber das spreche ich jetzt lieber nicht an.

Nachdem er wieder gegangen ist, sortiere ich mich erst mal. So kann’s also gehen. Davon muss ich doch gleich mal berichten. Ich schalte das Handy ein, aber Medion findet hier kein passendes Netz. Na ja. Gleich 15 Stunden nach der Abreise Bericht zu erstatten wäre vielleicht auch übertrieben; das könnte die Erwartung wecken, dass dieser Turnus so ähnlich fortgeschrieben würde. Also breite ich meine Sachen und mich erneut aus, und nun kommt keine Überraschung mehr.

28. Juni 28. Juni8. Juli 8. Juli