aktueller Pfad stephangeue.de / trips / 1999 / journey.html

20. Mai

Erlangen-Büchenbach – Herzogenaurach – Emskirchen – Markt Erlbach – B470 – Burg Bernheim – Nordenberg – Linden – Windelsbach – Linden – Wachsenberg – Rothenburg ob der Tauber – Rothenburg-Bettenfeld – Reusch – Leuzendorf – Speckheim – Blaufelden – Langenburg – Braunsbach – B19 – Schwäbisch Hall – Schwäbisch Hall-Sülz (150 km)

Eigentlich wollte ich ja schon um fünf aufstehen, denn das Gepäck liegt mitnichten griffbereit. Es ist zwar alles schon da, aber die Sachen liegen ohne Konzept in der Wohnung verteilt. Auf dem Herd türmt sich der höchste Haufen. – Um sechs meldet der Wecker die revidierte Weckzeit. Das gibt heute mal keine Probleme. Und das Wetter? Na ja, draußen ist es ziemlich grau. Aber weil das Wetter in Deutschland nicht so sicher ist, fahre ich ja nach Frankreich. Also sollte mich schlechtes Wetter eher anspornen.

Der Kram wirkt zwar unübersichtlich, aber erträglich. Was wird er wohl wiegen? Nein, es kann nicht einfach eingepackt werden. Erst mal muss ich mich selbst zurechtmachen, die Reisekluft muss sitzen, dann kommt das Sortieren dran, und das dauert am längsten. Obwohl das Problem jedes Jahr dasselbe ist, habe ich noch keine goldene Regel, in welche Tasche nun was kommt (so dass ich unterwegs nach einem bestimmten Stück nicht erst alle Gepäckteile durchsuchen muss). Aber aus diesem Grund versuche ich ja, möglichst wenig mitzunehmen.

Es zeigt sich, dass ich mit den Ortlieb-Taschen doch eine kleine Probefahrt hätte machen sollen. Erst einmal müssen sie haltbar an den Lowridern festgemacht werden, und dabei stellt sich heraus, dass sie nicht ganz passen. Es lässt sich zwar viel an ihnen einstellen und ändern, aber das Problem der Halterung wird nur so weit gelöst, dass ich damit eben losfahren kann. Überzeugend ist es nicht. Aber bevor es auf die Reise geht, will ich dann doch noch wissen, wie schwer der Kram ist. Also steige ich erst mit den Sachen auf die Waage (du lieber Gott!) und dann ohne. 27 Kilogramm, und dabei war der Kühlschrank diesmal doch gar nicht so voll! (Er wird vor der Fahrt ausgeräumt und alles Verderbliche eingepackt; das kann die Fracht anfangs schon um zwei, drei Kilo erhöhen, aber im Grunde ist das auch nicht mehr, als was ich unterwegs so manchmal auf einen Schwung einkaufe.) Na denn, happy cycling!

Die Zeit vergeht. Also, um acht wollte ich doch wirklich schon unterwegs sein! Aber bei Elisabeth verschwatze ich noch ein paar Minuten, um mich bei ihr für ihre Karte zu bedanken, und dabei ist sie noch privilegiert! Einige Geburtstagsbriefe bleiben ungeöffnet liegen. Ich kann sie jetzt ohnehin nicht beantworten, also lese ich sie nach meiner Rückkehr.

Zehn nach acht sitze ich schließlich im Sattel. Ein feiner Nieselregen hat eingesetzt. Ich kann also gleich ausprobieren, ob ich allein in Oberhemd und leichter Hose noch so weit wetterfest bin, dass mir unter diesen Umständen nicht kalt wird. Über die Dörfer führt mich der Weg in Richtung Westen. Diese Himmelsrichtung wird mit kleinen Abweichungen in den Vogesen für die vor mir liegenden sechs Tage dominierend sein. Es geht zunächst über die kleinen Dörfer, durch die ich oft fahre, wenn ich im Westen von Erlangen unterwegs bin. Mein Gepäck ist halt ein bisschen unübersichtlicher, umfangreicher und ungewöhnlicher, aber da es zwar eine ganze Menge Hügel, aber im Grund kaum Berge gibt, und da ich auch wieder meine bewährte Urlaubsübersetzung eingebaut habe, ist das alles nicht so schlimm. Ich bin nur gespannt, wann ich meine Urlaubsstartkrise kriege, denn zu dieser habe ich dieses Mal allen Grund. Die längste Fahrt zur Vorbereitung habe ich vor einigen Wochen mit Johanna am König-Ludwig-Kanal gemacht, und das waren gerade mal 130 Kilometer fast ohne jedes Gepäck und ohne Berge. Danach war ich ganz schön fertig. Heute, nach Schwäbisch-Hall, kommt von allem mehr: vom Wetter, von den Bergen, vom Gepäck und von der Länge der Strecke.

Einige Kilometer hinter Herzogenaurach fällt mir ein, dass ich vergessen habe, die Badehose einzupacken. Na prächtig! Da fahre ich also in den Süden, ans Meer, ins Warme, und jetzt werde ich nicht baden können! Zurück also? Nö, das wäre ja noch schöner. Einen Badeurlaub habe ich ohnehin nicht geplant, und wenn’s notwendig oder unwiderstehlich wird, muss ich eben nackt baden. Den Gedanken, mir unterwegs noch eine Badehose zu kaufen, erwäge ich nur kurz. Schließlich muss, wer eine Badehose anziehen will, zuvor eine andere ausziehen. Ohne Bademantel bin ich unter diesen Umständen dann auch erst mal ohne.

Die nächste Überlegung gilt meinem Haarschnitt. Ich bin aus Mangel an Gelegenheit ohne Urlaubsfrisur losgefahren. Das dürfte also lustig werden, wenn die ersten schweißtreibenden Abschnitte beginnen. Und in sieben Wochen wächst ja noch einiges nach. Ich werde also unterwegs die Angebote studieren. Nur: Mit Bittkau kann ohnehin keiner konkurrieren, wahrscheinlich nicht einmal annähernd.

Wenige Kilometer später beginnt terra incognita. Noch nie gesehen und auch schon etwas uneben. Es geht hinauf. Bevor ich nach Bad Windsheim rollen kann, muss ich in die Berge. Na ja, diese Bezeichnung wird sich später sicherlich relativieren. Einstweilen genügt ein entschiedenes Runterschalten, um ohne größeren Kraftaufwand zu klettern. Das erste Mal denke ich darüber nach, wie sich das hier wohl auf einem neuen Fahrrad mit »gescheiter« Schaltung machen würde. Aber ich hab’s ja nun nicht, also muss es so gehen.

Das Wetter hat sich inzwischen deutlich gebessert. Die Sonne ist herausgekommen; an meiner Garderobe ändere ich aber erst mal nichts: also keine Handschuhe, kein Hut und keine Sonnenbrille. Wer weiß, wann der nächste Niederschlag kommt.

Nach der Abfahrt nach Bad Windsheim (die eigentlich eher an der Stadt vorbeiführt als in sie hinein) wird’s ein bisschen langweilig: Bundesstraße. Die einzige Abwechslung ist ein Bundeswehrhubschrauber, der oben seine Kreise zieht. Wahrscheinlich macht er einen Übungsflug. Die Karte verspricht jedoch kurz nach der Überquerung der B13 Abwechslung. Da geht es nämlich links ab nach Burg Bernheim. Hinter dem Ort erheben sich die Berge. Sie sind wahrscheinlich nicht der leichteste Weg nach Rothenburg, aber interessanter als die Bundesstraße werden sie wohl allemal sein.

Zuerst mal machen sie sich noch nicht bemerkbar. Es geht wirklich total eben in das Dorf oder die kleine Stadt, und erst nach einer Weile beginnt allmählich der Anstieg. Die letzte Straße macht dann langsam ernst. Hinter einer Brücke unter der Eisenbahn droht gar ein 15%-Schild. Na fein! Dabei wollte ich doch meine Schaltung nicht gleich am ersten Tag kaputtmachen. Aber es ist nicht nur meine Schaltung. Vor allem ich bin offensichtlich nicht in dem Maße fit, wie die Topologie es erfordert. Also fahre ich in Schlängellinien durch den Wald in die Höhe. Dass es am ersten Tag immer so heftig kommen muss!

Nach diesem gebührenden Prolog wird es etwas milder, und ich werde mit einer Fahrt durch den Nordenberger Forst für den Betrieb auf der Bundesstraße entschädigt. Hier ist nämlich nicht viel los. Außer viel Wald fällt mir an einer Stelle der Strecke nur ein Tier auf, das vor mir die Straße überquert. Die Größe passt vielleicht zu einer Katze, aber die Bewegungen sind dafür zu ungeschickt. Es muss ein junges Tier sein. Offensichtlich ist es auch scheu; ich bin mir bald ziemlich sicher, dass dies ein junger Fuchs war, aber überprüfen kann ich es natürlich nicht mehr.

Auf der Anhöhe »darf« ich noch etwas länger bleiben: In Linden nehme ich die falsche Richtung, stelle das nach einer längeren, aber glücklicherweise flachen Abfahrt bis nach Windelsbach auch schließlich fest, und so geht es erst wieder zurück, und dann richtig weiter in Richtung Rothenburg. Über diese Stadt habe ich schon viel gehört: Der Tourismus hier soll bedeutend, der Autoverkehr ziemlich schnell unterwegs sein. Alles natürlich ein bisschen detaillierter, aber diese Punkte sind mir im Gedächtnis geblieben, und sie sollen nun mit der Realität abgeglichen werden.

Der Ortseingang ist zunächst wenig spektakulär. Zwar sehe ich bereits Einrichtungen des Fremdenverkehrsamtes, aber da sind weder historische Bauten noch ein Fluss im Tal zu sehen. Kommt wohl noch, denke ich mir und fädele mich so nach und nach in die inneren Zirkel der Stadt. Dort werden sie auch sichtbar, die unvergleichlich überflüssigen, aber doch für eine Stadt wie diese unentbehrlichen kleinen Läden mit all dem Kitsch, den Trinkgläsern, Ansichtskarten, Schweizer Taschenmessern, … ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht so genau, was es da alles gibt. Aber in all ihrer Vielfalt sind sie doch unverkennbar von einem Genre.

Nach Westen hin geht es den Hügel hinab, und irgendwann sollte dort doch auch die Tauber kommen. Schließlich ist sie da, und sie liegt so tief, und der Abhang ist so steil, dass keine Straße hinabführt – jedenfalls sehe ich keine. Also immer an der Wand lang. Mit meinem Gefährt bin ich nicht gerade wendig, verglichen jedenfalls mit Fußgängern. Es ist vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennbar, welche Masse bei jedem Wendemanöver ausbalanciert werden muss, aber mit einem konkreten Tagesziel vor den Augen und ausreichend Zeit für die verbleibende Strecke kann ich all diese Kurven mit Ruhe nehmen.

Die Stadt ist wirklich an vielen Stellen im späten Mittelalter stehen geblieben. Die Wohngebäude des Zentrums, die Kirchen sowieso, die Stadtmauer und auf ihr die überdachten hölzernen Wandelgänge (das dürfte wohl einige Male gebrannt haben) und nicht zuletzt das Image, das die Kommune wie das Land fleißig pflegen, locken viele Leute an, und heute dürften sie angesichts des nicht zu warmem Wetters (im Moment regnet’s aber auch nicht) auch zufrieden sein. Die Legende der Raser kann ich nicht bestätigen, aber vielleicht hätte ich dazu in den Außenbezirken etwas genauer hinschauen müssen. Der Ort selbst könnte später vielleicht noch mal mit weniger Gepäck und mehr Zeit bereist werden. Vorerst suche ich die Ausfahrt. Schwäbisch Hall ruft.

Nach der Überquerung der Tauber im Tal wird das Panorama wieder ländlich, aber es bietet nichts Besonderes. Ich konzentriere mich also auf die Streckenvorgabe und habe damit in dem Zickzack (die ursprünglich geplante Ausfahrt aus Rothenburg habe ich nicht gefunden und mache nun eine Südumfahrung) auch genügend zu tun. Die Gemeinden sind unseligerweise häufig nicht identisch mit den Siedlungen; so gibt es ein knappes dutzend Schrozbergs, alles eine Gemeinde, aber jedes von Fall zu Fall mit noch einem Extranamen oder auch nicht ausgestattet. Die Landkarten tragen diesem Umstand nach eigenem Gutdünken Rechnung. Und dann fängt es auch noch an zu regnen, so richtig sogar, viel zu viel für meine Landkarte, und nachdem diese bereits im zehnten Jahr ist, beschließe ich, sie vor der Überfahrt nach Frankreich aus dem Verkehr zu ziehen – ist ja dann auch wieder ein kleines Stückchen weniger Gepäck.

Vorerst – nach einer kleinen Essenspause von zehn Minuten – brauche ich sie aber noch. In Langenburg knickt die Route nach Süden ab. Sie tut dies aber nicht so einfach, sondern führt vorher ins Jagsttal hinunter. Bevor ich dort hinunterrolle, schaue ich mir die Anlagen eines Schlosses an, das ähnlich wie Rothenburg über dem Tal thront. Da das Wetter inzwischen gemischt ist und vielleicht auch die Konkurrenz durch Rothenburg zu groß, ist hier touristisch nicht viel los. Das Innere von Schlössern interessiert mich auch nicht, also nehme ich den neuen Aufstieg in Angriff. Die Abfahrt ist ja schnell zurückgelegt. Auf der Rückseite des Berges weiß ich eine weitere Abfahrt, diesmal ins Kochertal, und bevor ich nach Schwäbisch Hall komme, werde ich die Kocherbrücke unterqueren, über die ich erst vorgestern mit meinen Kollegen auf dem Weg nach Stuttgart gebrettert bin. Bei dieser Fahrt war von der Brücke nicht viel zu sehen. Vielleicht ist es gut, dass den Autofahrern während der Überfahrt das Panorama verwehrt wird. Wer weiß, wie viele Unfälle es sonst gäbe. Jetzt gucke ich mir dieses von weitem filigran erscheinende Stahlbetonwerk von unten an. So aus der Nähe würde ich es nicht schön nennen, aber von weitem ist es schon erstaunlich, über welche Spannweiten hunderte Tonnen Fahrzeuglast in einer Weise getragen werden, wie sie jeder traditionellen Kraftabführung (von der Romanik bis in unser Jahrhundert hinein) über Rund- und Spitzbögen zu widersprechen scheint. Aus der Nähe werden die Pfeiler allerdings dann schon voluminös und wuchtig, und was die Masse nicht bringt, muss der Stahlbeton erledigen. Sie steht jedenfalls, und zu hören ist fast nichts, so dass der Eingriff in das Tal eigentlich nur optisch erfolgt. Ich weiß allerdings nicht, welchen Weg die Autoabgase bei Windstille nehmen.

Zum Glück schaue ich vor der Teilung des Tals nach Südosten und Südwesten noch einmal genau auf die Karte, und während ich Sülz bislang bei Sulzdorf vermutet hatte (wofür ich dem Fluss Bühler hätte folgen müssen), entdecke ich den Ortsteil jetzt nordwestlich von Schwäbisch Hall, und das lässt mich im Kochertal bleiben.

Es gibt keinen Weg an Schwäbisch Hall vorbei in die Berge, also, vielleicht doch einen Weg, aber jedenfalls keine Straße, die einigermaßen gemäßigt in die Höhe führen würde, und so viel ist inzwischen klar: Das heutige Ziel liegt nicht im Tal. Also fahre ich mit dem Hauptverkehr in die Stadt, und weil ich einmal dort bin und auch noch genügend Zeit ist, mache ich einen kleinen Abstecher in die Fußgängerzone. Dort hält gerade einer eine Rede gegen den Krieg auf dem Balkan und den Einsatz deutscher Truppen. Etwa einhundert Menschen stehen um ihn herum und klatschen gelegentlich Beifall. Na ja.

Die Ausfahrt kenne ich. Zwar bin ich sie noch nicht hinaufgefahren, aber vor einigen Jahren war ich mal auf einer Hauptversammlung in Schwäbisch Hall und habe sie gesehen. Nach einigem Zirkeln bin ich auf dem Radweg und folge ambitioniert einem Mädchen, das – allerdings ohne Gepäck – ebenfalls auf dem Weg nach oben ist.

Als wir den Wald hinter uns lassen und es flacher wird, biegen die ersten Straßen nach rechts ab. Eine von diesen muss es sein. Ich überhole meine Schrittmacherin und frage sie nach dem Weg. Die Auskunft ist eher vage, aber ich biege trotzdem ab und versuche mein Glück. Nach weiteren zwei Dörfern kommt schließlich Sülz in Sicht, eine Ansammlung von wenigen Häusern, und eine gute viertel Stunde zu früh erreiche ich die verabredete Adresse bei den Dachgebern. Ich nutze die Zeit für ein erstes frühes Abendessen im Schatten einer Linde. Da wären noch saure Heringe aus dem Kühlschrank. Das Glas mit der vielen Marinade muss ich ja nun wirklich nicht noch durch die halbe Welt schleppen. Also wird es vertilgt.

Pünktlich um sieben klopfe ich an, und ein Mann, vielleicht ein paar Jahre älter als ich, macht mir auf. Der Mann ist Lehrer an einer Waldorfschule, aber gerade kommt er aus seiner Schreinerei, und später zeigt er mir, woran er arbeitet: Musikinstrumente. Das ist ja nicht gerade das, wobei sich Anfänger des Holzes ihren ersten Span in die Finger ziehen, und ich habe gehörigen Respekt vor seiner Kunst. Oben ist seine Frau. Kinder haben sie keine, aber im Laufe des Abends zeigt sich, dass das Haus, der Beruf und die Hobbies keine Langeweile aufkommen lassen. Er erzählt mir, wie sie in eine Ruine eingezogen waren, dass er auf die Scheune ein Windrad setzen will, wie sie im Herbst immer Obstsaft mit einer uralten Obstpresse machen, wo alle kurbeln müssen, und zu diesen Erzählungen gibt es Kaiserschmarrn, den seine Frau gemacht hat. Mein Schlaflager finde ich auf der Küchenbank, wo ich die erste Nacht der Reise gut verbringe.

21. Mai

Schwäbisch Hall-Sülz – B14xB39 – Hirrweiler – Etzlenswenden – Großbottwar – Mundelsheim – Besigheim – Freudental – Illingen – B10 – Mühlacker – Pforzheim – Neuenbürg – Bad Herrenalb – Gernsbach – Gaggenau – Bischweier – Muggensturm – Ötigheim (162 km)

Guten Morgen! Es regnet. Es regnet, und es sieht so aus, als würde es noch lange regnen. Inzwischen weiß ich, wie ein Himmel aussieht, aus dem noch mindestens eine Stunde lang Regen fällt. Er ist entweder einheitlich grau, oder unter einer hell- bis mittelgrauen strukturlosen Wolkendecke ziehen vereinzelte dunkelgraue Fetzen dahin. Wichtig ist, dass jede Struktur fehlt. Denn dann sind die Wolken dicht und dick, und das garantiert Dauer. Da hilft auch kein ausführliches Frühstück und keine Debatte über Gott und die Welt. Irgendwann muss ich ’raus, und in Frankreich wird sowieso alles besser. Schließlich habe ich eine Regenjacke mitgeschleppt, die auch bei Schnee und 10 Grad unter Null trage, und eine Regenhose, die ebenso kältetauglich ist. Eigentlich sollte mir diese Kältefähigkeit zu denken geben. Aber ich werde noch früh genug darauf kommen, dass es eine Temperaturobergrenze gibt, oberhalb derer eine Badehose die geeignetere Regenkleidung ist (sofern man eine dabei hat).

Also los! Zunächst mal muss ich auf die Hauptstraße zurück, und dann geht es nach Westen hinauf, in die Waldenburger Berge. Es ist kein steiler Berg, aber es zieht sich hin. Im Grunde sollte ich bei dieser Anstrengung nicht gerade Winterkleidung tragen, aber das ist es, was mich gegen den Regen schützt. Ich muss mich nur eben entscheiden, ob ich lieber von außen oder von innen nass werde.

So zieht sich das hin. Wer den Blick bei Regen einmal durch den Sucher eines Fotoapparates zwängt, der weiß, wie Kontrast spendend Sonnenlicht sein kann, dass hier kaum ein Foto wirklich gut wird, dass auch das reale Erleben viel grauer ist als bei schönem Wetter, dass also mit einem Satz der Spaß höchstens der halbe ist. Kurz vor Löwenstein muss ich links abbiegen, um auf Umwegen in die Ebene des Neckar hinabzurollen. In Baden-Württemberg scheinen Wahlen anzustehen, wahrscheinlich Kommunalwahlen; jedenfalls hängen viele Plakate entlang der Straße, und in dieser Gegend scheinen nur die Reps zu plakatieren. Braunes Volk!

Dort komme ich auch durch die erste Weingegend. Es wird wohl nicht die letzte sein. Immerhin werde ich noch durchs Elsaß und durch die Champagne fahren. Aber eins nach dem anderen. Jetzt hat sich erst mal das Wetter gebessert, und das kommt mir natürlich gelegen. Auf dem Weg nach Pforzheim halte ich mal wieder Ausschau nach einem Friseur. Aber erstens haben die selten ihren Laden direkt an den Fernstraßen, und zweitens habe ich noch eine lange Strecke vor mir und nicht mehr so viel Zeit. Also, das wird heute nichts mehr mit dem Haareschneiden. Und in Frankreich?

In der Goldstadt setzt wieder ein leichter Regen ein. Nach einigen Schnörkeln finde ich auch die richtige Ausfahrt nach Südwesten, und in Kürze geht es mal wieder ordentlich zur Sache: Schwarzwald, Berge! Im feuchten Milieu, verbreitet weniger durch den Regen von oben als durch die Reifen vorbeifahrender Autos, erarbeite ich mir einen Meter nach dem anderen. Ich hatte befürchtet, dass meine fehlende Ausdauer hier erste Zeichen setzen würde. Wahrscheinlich kann ich das durch eine gewisse Gelassenheit kompensieren. Jedenfalls verzeichne ich vorerst keine Einbrüche. Bad Herrenalb wird (topologisch) das erste Zwischentief sein, bemerkenswert ist sein Straßenbahnanschluss nach Karlsruhe, unverkennbar der Charakter der Kurstadt mit all ihren Häusern Rosi und Renate und wie sie so heißen.

Nach Gernsbach führt die Straße noch ein letztes Mal über den Berg. Aber er hält sich in Grenzen. Das Beste an der Abfahrt ist jedoch, dass der Himmel langsam aufklart. Eigentlich ist es verrückt: Der Regen kommt doch meist von Westen, und diesmal sieht es fast so aus, als staute er sich auf der Ostseite des Schwarzwaldes. Es kann natürlich auch sein, dass gerade mal der Schönwetterteil des Tiefdruckgebietes kommt, und zwar wiederum von Westen.

Auch wenn noch ein ganzes Stück vom Rhein entfernt, spüre ich doch, dass ich jetzt unten bin, in der Rheinebene. Das ist an der Temperatur zu merken, an der Vegetation, und das Flüsschen Murg hat auch einen so flachen Verlauf, dass da keine großen Wasserfälle mehr kommen können. Also habe auch ich keine Höhengutschriften mehr und muss folglich einfach Kraft einsetzen, wenn ich nicht zu spät in Ötigheim ankommen will. Gaggenau zieht sich in die Länge. Mercedes hat hier große Fertigungsanlagen, ist vermutlich der größte Arbeitgeber des Ortes. Auf der anderen Rheinseite müssten dann ebenfalls Werke mit dem Stern stehen, denn Uwe erzählte mal, der einzige Unterschied zwischen der Produktion der Nutzfahrzeuge auf französischer Seite und der A-Klasse auf Deutscher Seite bestünde darin, dass die Franzosen die größeren Kipper bauten. Inzwischen sind die Elchwitze aber nicht mehr so neu, und die PKW scheinen mittlerweile auch eine gute Straßenlage zu haben.

Über Bischweier und Muggensturm geht es weiter in Richtung Westen. Inzwischen bin ich fast wieder trocken, die Straße sowieso, die durch ausgedehnte Obstplantagen führt. Für einen kleinen Imbiss ist es leider noch viel zu früh – vielleicht in zwei Monaten. In Ötigheim muss ich erst mal an der Schranke warten. Ich übe mich in Geduld, denn wahrscheinlich ist dies das ICE-Gleis, und vielleicht kommt ja sogar mal eine der oft erwähnten Straßenbahnen darauf entlang. Allein, es ist nur ein alter Silberling, und zu allem Überfluss lässt er uns lange warten. Als sich die Schranke dann endlich wieder hebt, stehe ich vor dem Problem, dass ich Uwes Adresse nicht mehr weiß, buchstäblich nichts mehr außer der Tatsache, dass das Haus sich hier im Ort befinden muss, unweit der Kirche und einer Durchgangsstraße steht (vielleicht dieser), ja, und wie es ungefähr aussieht. Daran kann ich mich von meiner Übernachtung im Urlaub 1997 noch vage erinnern. Leute kann ich auch keine fragen, denn es ist nach acht Uhr, und da ist die Straße buchstäblich wie leergefegt. Also fahre ich erst mal der Nase nach und suche die Kirche. Der Schwerpunkt des Ortes scheint links zu liegen, also muss ich dort wohl auch die Kirche finden. Im Vorbeifahren werfe ich einen Blick in die linken Seitenstraßen. Da, halt! Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Kein Kirche, aber der Giebel eines Hauses oder was weiß ich. Es ist unglaublich! Die Straße ist richtig, nach 50 Metern sehe ich das Haus. Was ist da eben abgelaufen? Ich habe mir doch niemals diese Straße bewusst eingeprägt. Das Haus selbst steht eingerückt, ist also von der Hauptstraße aus gar nicht zu sehen. Unklar! Welche Information war da gespeichert, und welcher Vorgang hat sie in Sekundenbruchteilen selektiert und erkannt? Wenn das doch auch so perfekt bei Französischvokabeln funktionieren würde!

Für Pascal und Alina geht der Tag inzwischen zu Ende. Aber mit Bettina und Uwe unterhalte ich mich am Abend noch eine Weile. Uwe macht einen entspannten Eindruck. Sein Wechsel nach Karlsruhe ist jetzt in trockenen Tüchern; er wird von nun an nicht mehr am Wochenende stundenlang auf der Autobahn sein müssen, dafür jeden Morgen und Abend gute 20 Kilometer pendeln. Auf jeden Fall hat er damit weniger Kilometer zurückzulegen und natürlich mehr Zeit für seine Kinder.

Noch einmal suche ich ein ordentliches Bett auf (wer weiß, wann das das nächste Mal der Fall sein wird), und dann ist Nachtruhe.

22. Mai

Ötigheim – Steinmauern – Plittersdorf – Wintersdorf – DxF – D87xD468 – Strasbourg – D392 – Entzheim – Altorf – D127 – Bischoffsheim – Obernai – Ottrott – D426xD214 – Champ du Feu – D214xD57xD425xD424 – Villé – D424xN59 – Sainte Marie-aux-Mines (162 km)

Nach der nicht übermäßig großen Anstrengung von gestern werde ich relativ früh wach. Jedenfalls herrscht noch Stille im Haus. Ich sortiere meine Sachen um mich herum, soweit ich sie überhaupt am Abend zuvor aus den Taschen gekramt habe (Schlafsack und Isomatte waren bei derart komfortablen Verhältnissen ja überflüssig). Mir fällt wieder ein, was ich alles unbedingt noch am Abend hatte machen wollen und was jetzt womöglich am Morgen gänzlich ausfallen wird. Eines aber ist wichtig: Ich muss die Nabe noch etwas straffer kontern. Den Ärger mit defekten Kugellagern wegen zu lasch oder zu straff gekonterter Naben hatte ich schon auf zwei Reisen. Das muss ich dieses Jahr nicht schon wieder haben.

Aber erst mal gibt’s Frühstück. Alina schmeißt zur Feier des Tages ihren Lieblingsteller auf den Boden, und überhaupt produzieren sich die Kinder natürlich in Gegenwart eines Gastes, wie das nun mal so üblich ist. Die Eltern sind angesichts dessen relativ ruhig. Für Uwe scheint es überhaupt ein Stress der besonders entspannenden Art zu sein, wenn er sich am Wochenende mit seinen Kindern auseinandersetzen darf. Mal sehen, ob er das in einem viertel Jahr noch genauso sieht.

Wenn ich bedenke, dass ich gern um acht losgefahren wäre, stecke ich natürlich tief in den roten Zahlen. Es ist bereits deutlich nach acht, und am Fahrrad ist noch nichts gemacht. Nun aber rasch. Es muss allerdings ohne die dritte Hand, den Schraubstock, gehen. Kontern mit zwei Werkzeugen und zwei Händen ist gewöhnlich ein ziemlich mühseliges Geschäft. Aber es macht sich überraschend gut, und ich bin mit dem Ergebnis zufrieden. Ob das Fahrrad dies auch so sieht, wird sich zeigen.

Das Wetter verspricht nichts. Jedenfalls nichts Gutes. Es sieht nach einem stabil grauen Himmel aus. Hoffen wir, dass es auch so stabil trocken bleibt. Ich nehme Abschied, und nun geht die Reise eigentlich erst so richtig los. Uwe hat mir empfohlen, über Steinmauren zu fahren, um so Rastatt zu umfahren. Nun, das wäre nicht die größte Metropole der Reise, durch die ich käme, aber ich folge seinem Rat. Die Fähren über den Rhein seien derzeit wegen Hochwassers außer Betrieb. Verständlich nach den letzten Nachrichten. Also werde ich den Fluss bei Beinheim überqueren.

Die Fahrt ist entspannt und zügig – kein Wunder bei diesen äußeren Bedingungen: kaum Wind, kein Hügel, die Technik und ich in Ordnung. Mit mir zusammen macht sich eine alte Bahnlinie auf den Weg nach Frankreich. Sie sieht allerdings so aus, als sei dort schon lange nichts mehr gefahren. Und da kommt auch das Grenzschild. Es ist nun so, dass ich ja durchaus schon mal in Frankreich war, mehrere Male sogar und auch für mehr als nur ein paar Stunden. Es ist aber dennoch ein besonderes Gefühl, ein bisschen so, als bräche eine Brücke hinter mir ab – nicht auf einmal, aber Stück für Stück wird sie immer schmaler, der Weg ans rettende Ufer immer weiter, falls hier in der Fremde alles schief gehen sollte.

Das erste Wort, das ich neu lerne, ist das für Gewerbegebiet. Das ist nämlich das Erste, was ich in Frankreich sehe. Und Kreisverkehr. Sollten die das hier auch schon eingeführt haben? Der Kreisverkehr, so hatte ich gelernt, sei besonders auf ermüdenden Fernstraßen eine immer populärere Aufmunterungsmaßnahme. Na ja, eine Fernstraße ist das zwar nicht, aber wenn’s hübsch gemacht wird, mag’s angehen. Ich habe nichts gegen Kreise. Bereits am ersten vollführe ich eine 270-Grad-Drehung und bin nun auf dem Weg nach Südwesten, rheinaufwärts in Richtung Strasbourg.

Aber was heißt schon rheinaufwärts? Es ist flach, kein Hügel ist in Sicht, überzeugendes Wetter auch nicht, aber immerhin trocken. Das ist doch schon mal was im Gedenken an gestern. Meine erste Sorge gilt dem Geld. Im Moment habe ich nämlich noch nicht einmal einen einzige Sou, brauche auch erst mal nichts, aber es ist Samstag, und irgendwann ist der letzte Kanten alle, die Getränke sowieso, und dann kriege ich ohne französisches Geld ein ernstes Problem. In diesem Jahr reise ich zum ersten Mal nicht mit dem Postsparbuch, sondern mit einer Karte. Frankreich hatte für das Sparbuch ein dichtes Netz von Postfilialen, in denen man Bargeld günstig abheben konnte. Probiert habe ich es jedoch nie. Ich werde nun sehen, wie es um die Akzeptanz des Plastiks bestellt ist. In jedem Ort versuche ich zu erahnen, wo wohl ein Postamt sein könnte. Lange Zeit bleibe ich allerdings ahnungslos. Fragen könnte man ja auch mal. Aber das lasse ich lieber. Die Konversation wird sowieso spätestens bei den Verhandlungen mit den Postbeamten beginnen.

Regen kommt auf. In einer größeren Ortschaft biege ich rechts ab, und nach einer längeren Strecke finde ich rechts die Post. Na also, das Geld habe ich doch schon so gut wie in der Tasche. Die deutsche Post hat vorgesorgt und die Reisenden mit den entsprechenden Formulierungen in allen relevanten europäischen Sprachen ausgestattet. Der Mann versteht mein Anliegen offensichtlich, aber anstatt Geld zu sehen kriege ich einen Redeschwall zu hören. Ich verstehe nur Bahnhof. Das merkt der Beamte offenbar und fügt noch etwas auf Englisch hinzu, das in mir den Gedanken keimen lässt, dass Geldabheben mit dieser Karte nur am Automaten möglich ist. Na gut, aber welche Post hat einen Automaten? Diese jedenfalls nicht. Ja, die Bank vorn an der Hauptstraße, bekomme ich noch gesagt, und tatsächlich, da ist eine Bank. Da vor mir jemand zum Automaten stürmt, gewinnt die Skepsis in mir die Oberhand, ob die Benutzung der Karte an irgendeinem Automaten – und nicht an einem der Post – ebenso kostenlos ist, wie mir bei der Kontoeröffnung versprochen wurde. Ich setze mich wieder aufs Rad und fahre ohne Geld weiter.

Bis Strasbourg passiert nichts Außergewöhnliches. In einer Ortschaft ist eine Baustelle, und ich fahre ein paar Male im Kreis, bis ich die richtige Ausfahrt finde. An Bahnübergängen lese ich (immer wieder), dass hinter einem Zug ein weiterer kommen kann (wobei mir nicht so richtig klar wird, ob damit ein Zug auf demselben oder dem zweiten Gleis gemeint ist). Die Landschaft wirkt nicht ungewöhnlich, die Menschen auch nicht. Na ja, was soll ich nach ein, zwei Stunden im fremden Land schon erwarten?

Strasbourg kündigt sich lange vorher an. Die Vororte ziehen sich hin, der Verkehr wird stärker, der Regen lässt vorübergehend nach. Ich frage mich, was ich jetzt hier anfange. In Strasbourg ist man schließlich nicht alle Tage. Da muss es doch irgendetwas geben, über das ich später notfalls mal mitreden kann. Diese Ansicht scheinen viele Touristen zu teilen, jedenfalls schieben sie sich ziemlich dicht durch das Stadtzentrum, werden auch gefahren, was bei dem Niesel niemandem zu verdenken ist. Ich steuere den Münster an. Da ist ein Kommen und Gehen. Und 100 Meter entfernt steht ein Postamt, und da ist doch wahrhaftig ein Geldautomat. Nach fünf Minuten verlasse ich mit einem wesentlich besseren Gefühl das Gebäude. So schnell wird mich während der nächsten Tage nichts erschüttern können! Und jetzt den Münster. Die nagelneuen Ortliebtaschen nehme ich lieber ab. Hier ist mir der Touristenrummel einfach zu groß. Da kann schnell mal was verloren gehen. – Allein, die Kirche ist enttäuschend. Habe ich etwas was mit den Augen? Oder liegt es am grauen Himmel? Jedenfalls sind die vielen Kerzen fast das Einzige, das für Licht sorgt, und das ist spärlich. Ich kann für mich nicht viel entdecken, und so verlasse ich nach kurzer Zeit wieder die Kirche.

Draußen stehe ich ein bisschen ratlos herum. Strasbourg muss doch noch mehr zu bieten haben. Das EU-Parlament fällt mir in diesem Moment leider nicht ein, aber dann wäre ja immer noch zu klären, wo sich das wohl befindet. In meinen Grübeleien tritt ein Mann an mich heran, der noch ein bisschen mehr heruntergekommen ist als ich, ich sage mal, ein Penner. Leider dauert es eine Weile, bis ich verstehe, dass er mich zunächst nur fragt, woher ich komme. Schande! Das war eine der ersten Fragen im Französischunterricht. Nachdem wir das geklärt haben, erzählt er mir (nun auf Englisch), dass er hier zu einem Fußballspiel war, und fügt stolz hinzu, die letzte Nacht in der Kirche verbracht zu haben. Nun, wenn er nicht geschnarcht hat, dürfte das in der Dunkelheit kaum aufgefallen sein. Aber trotz dieses originellen Einfalls habe ich mir die Begegnung mit den »richtigen« Franzosen etwas anders vorgestellt. Nach einigen Minuten mache ich Anstalten, weiterzufahren, und er hindert mich auch nicht.

Ein wenig kurve ich noch in Strasbourg herum, obwohl ich schon eine klare Vorstellung davon habe, in welche Richtung ich aus der Stadt heraus muss, und als sich dann all die Dinge, derentwegen Touristen hier herkommen, wieder einmal in einem Regenschauer auflösen, schöpfe ich Hoffnung auf die Schönheit der Natur außerhalb der Stadt und vielleicht auch jenseits dieses Tiefdruckgebietes und fahre nun zielstrebig in den Südwesten der Stadt. Dort muss es hinausgehen in Richtung Flughafen, später nach Obernai und schließlich in die Berge.

Aber eins nach dem anderen. Die Metropole zieht sich hin. Als sich dann jedoch die Traufhöhen langsam verringern, die Besiedlung kleinstädtischer wird, da erscheint der Tag nicht nur wegen der niedrigeren Häuser heller – auch die Wolken liegen nicht mehr ganz so dicht über dem Land. Und als ich gar die letzten Häuser hinter mir lasse, scheint hier und dort sogar die Sonne durch. Fesselnd ist die Landstraße freilich nicht; erst so nach und nach sind im Dunst die Hänge der Vogesen auszumachen. Dort geht’s hin. Leider nicht so schnell, wie ich mir das wünsche. Immer wieder muss ich auf die Karte schauen, und dieses Monstrum (DIN A3) will jedes Mal aus der Tasche geholt, ausgepackt, aufgeschlagen, wieder eingepackt und verstaut werden. Es dauert nicht lange, und ich lasse den ersten sowie letzten Schritt weg. Die Plastiktüte muss reichen, aber angesichts des unsicheren Wetters bleibt wenigstens sie unverzichtbar.

Wenig später überhole ich zwei Mädchen, die an der Landstraße entlanggehen. Ein seltenes Bild: Wanderer über Land auf der Straße. Aber sie wandern nicht wirklich. Sie müssen nur von einem Ort in den nächsten. Wenig später überholen sie mich, von zwei Mopeds mitgenommen. Die letzte Begegnung bleibt es dennoch nicht; denn schon im nächsten Dorf überhole ich sie erneut. Dort verpasse ich am Ortseingang die Ausfahrt und fahre stattdessen in den Dorfkern. Der Ort liegt bereits am Hang, und ich darf erstmalig auf französischem Boden ausprobieren, wie viel Wendigkeit mit einem halben Zentner Gepäck bleibt, wenn es »uneben« wird. Es geht. Die Vogesen sind auch nicht viel anders als der Schwarzwald, und zwanzig Meter Höhenunterschied kann ich schließlich fast überall haben.

Weiter geht die Fahrt, nun am Fuß der Berge bis nach Obernai. Dieser Ort hat es in sich! Fußgänger, Autos, vor allem Touristen, und ein Grund dafür müssen die vielen schönen Fachwerkhäuser sein. Es ist wirklich bemerkenswert, wie dominant sie sind, und erinnert mich irgendwie an Wernigerode. Dort sind die Häuser aber, wenn ich mich recht erinnere, höher, haben also mehr Geschosse. Hier gibt es auch viel mehr Cafes. Langsam bewege ich mich durch die Ortschaft – dort, wo Autos fahren dürfen, noch im gemäßigten Reisetempo, denn die Autos müssen schließlich auch auf die vielen Fußgänger achten, und wahrscheinlich wollen auch die Fahrer noch ein wenig sehen, und in der Fußgängerzone praktisch im Schritttempo. Ich könnte eigentlich zu Fuß gehen, aber Schieben ist so überhaupt nicht standesgemäß, und außerdem bin ich im Sattel noch gute zehn Zentimeter größer und sehe mehr.

Von Obernai aus geht es bereits aufwärts, nach Ottrott, und schon bin ich in den Vogesen. Von hier aus gibt es kein Entrinnen mehr, es geht ins Gebirge. Zunächst verläuft die Straße noch zwei Kilometer im Tal, und anlässlich eines kleinen Teiches lerne ich die französische Übersetzung für die Wörter ›Teich‹ und ›fischen‹. Aber dann kommt der Abzweig, der zum Champ du Feu führt, und von da an hat der Spaß ein Ende. Über allerlei Kurven gewinnt die Straße durch den Wald (das sind hier Forste, die einzelnen Schildern zufolge bestimmten Kommunen gehören) allmählich an Höhe. Ab und zu kommt ein Auto, gelegentlich auch mal ein paar Motorradfahrer, aber sehr viel ist nicht los, besonders, wenn man bedenkt, dass Pfingstsamstag ist. Allerdings ist das Wetter auch nicht gerade einladend: kühl, bedeckt, diesig, fehlt nur noch Regen, aber der bleibt mir glücklicherweise erspart, und so kann ich die Fahrt ganz einfach im Oberhemd machen und auch erst mal auf den Hut verzichten.

Nach einer Weile erreiche ich den ersten Abzweig. Eine Schautafel weist den nicht vorhandenen Wanderern den Weg. Beim Gasthaus auf der gegenüber liegenden Straßenseite fehlen nicht nur die Gäste, sondern auch noch das Personal. Es ist geschlossen. Der Ort ist nicht so einladend. Und mir wird langsam kalt. Da hilft nur Weiterfahren. Aber wärmer wird’s auch nicht. Also, ich könnte ja einen Pullover herausholen. Aber dann ist es bestimmt wieder zu viel.

Die Vegetation wird karger, und der Wald weicht Heidelandschaft, die von großen Steinen durchsetzt ist. Und da kommt er, der Champ du Feu, der Leuchtturm, ein Turm jedenfalls… Wann und warum soll denn hier ein ganzes Feld gebrannt oder geleuchtet haben? Der Turm reicht mir, seine frühere Funktion ist mir völlig egal; er markiert jedenfalls den höchsten Punkt der heutigen Fahrt, und von nun an wird es vorrangig bergab gehen. Aber erst mal halte ich an, greife mir den Fotoapparat und steige im Innern des Turms die enge Wendeltreppe hinauf. Oben ist es windig und noch kälter als unten. Keine Spur von Frühling, kein Sonnenstrahl, keine Aussicht auf Wochenendwetter. Die Sicht reicht vielleicht einen knappen Kilometer weit. Bei solchen Motiven macht man eigentlich keine Fotos. Aber ich möchte endlich den Papierfilm vollmachen, damit ein Diafilm in den Apparat kann. Wem soll ich denn Landschaftspostkarten zeigen?

Abseits der Straße haben sich ein paar Motorradfahrer aus Deutschland neben einer Hütte ein Feuer gemacht. Ich werde mich jetzt auch mit Wärme versorgen müssen. Also wird mein Reisegepäck geplündert. Und dann geht’s los: Aus 1100 Meter Höhe hinunter fast wieder bis in die Rheinebene. Es dauert schon einige Minuten, bis ich das Gefühl habe, dass die Temperatur langsam wieder steigt. Aber nachdem ich dick vermummt bin, ist mir die Kälte relativ egal, und solange ich mich nicht bewege, auch die Wärme, wenn denn welche kommen sollte.

Im Tal angekommen, muss ich mir langsam um die Übernachtung Gedanken machen. Das ist nun das erste Mal in Frankreich in diesem Urlaub. Ein Gasthof gefällig? Oder das Hotel zum freien Himmel? Bei diesem Wetter? Es ist überraschend schnell dämmerig geworden. Ich muss bald was finden, wenn ich es noch wirklich in Augenschein nehmen will. Nach dem letzten Hakenschlag geht es nun geradewegs in Richtung Sainte Marie-aux-Mines. Acht Kilometer vor dieser Stadt und Wegmarke wird die Straße zur Magistrale, vierspurig und für Radfahrer eigentlich nicht zugelassen. Diese »dürfen« hinunter ins Tal und dort über die Dörfer fahren. Ohne einen Blick auf die Karte, die ich bei der Dunkelheit sowieso nicht mehr lesen kann, fahre ich einfach weiter. Es ist ja genug Platz für Radfahrer und Autos. Begeistert sind diese trotzdem nicht, einen schlecht beleuchteten Radfahrer (das Rücklicht streikt) auf ihrer Piste zu finden. Und ich finde die Straße letztlich auch nicht so toll. Sie schlägt sich quasi in die Berge, um im Tal nicht in Erscheinung zu treten; also muss ich mit hinauf, obwohl es doch keinen geologischen Grund für die Berg- und Talfahrt gibt.

Schließlich erreiche ich den Ort. Gleich am Eingang lockt rechts ein Sägewerk mit überdachten Bretterstapeln. Wer glaubt, dass ich um diese Zeit noch eine preiswerte Herberge finde, muss ganz schön optimistisch sein. Aber auf dem offenen Grundstück ist noch Leben. Ich habe keine Lust, mich mit Arbeitern oder gar Eigentümern herumzustreiten und trolle mich. Ein paar Meter weiter: ein Schuppen. Nein, das ist dann doch zu unfein für den Anfang. Ich fahre ins Stadtzentrum und drehe dort ein paar Runden. Es ist, als wären die Bürgersteige hochgeklappt. Um zehn Uhr schläft die Stadt, kaum ein Mensch auf den Straßen, gerade mal ein paar Laternen leuchten noch. Na gut, in der Dunkelheit sind alle Katzen grau. Es wird mich dann wohl auch kaum jemand sehen können. Irgendwo finde ich ein eingerüstetes Haus. Baustellen sind meistens gut (sofern schon ein Dach existiert), zumal in der Nacht zum Sonntag (da kommt am nächsten Morgen keiner, um Baulärm zu machen). Aber diese wirkt ziemlich verriegelt. Das ist wohl nichts. Daneben führt eine Toreinfahrt auf einen Hinterhof. Die fortgeschrittene Uhrzeit macht mich bescheiden, so dass ich ihn mir einmal ansehe. Da ist nicht viel. Es gibt einen gemauerten Stall… Und der ist offen! Na, da ist doch zumindest schon mal Ruhe und Trockenheit, und wenn ich ein bisschen Glück habe, belästigt mich auch niemand heute Nacht.

Als erstes hieve ich mein Fahrrad hinein und schließe die Tür. Aus dem Fenster des ersten Stocks beobachtet mich eine Katze. Besser als ein Hund; der würde womöglich Lärm schlagen. Ich suche meine Taschenlampe und preise meine Entscheidung, trotz der hellen Jahreszeit und langen Abende auf eine Leuchte nicht verzichtet zu haben. Freilich muss sie mit Bedacht benutzt werden. Schließlich ist solch ein Schein im Dunkeln besonders leicht zu sehen. Ich muss sie abschirmen, während ich das Inventar inspiziere. Da sind ein paar Teppichfetzen, die ich auf dem steinernen Boden ausbreite, damit mir die erste Nacht auf französischem Boden ein wenig weicher werde. Es dauert dann so seine Zeit, bis die Zähne geputzt sind und alles bereit ist für die Nachtruhe. Aber dann hat alles seinen Platz, ich verkrieche mich im Schlafsack und muss nach dem ersten Pass über 1000 Meter nicht lange auf den Schlummer warten.

23. Mai

Sainte Marie-aux-Mines – D48 – Col des Bagenelles – D148 – Col du Pré de Raves – Col du Bonhomme – Col du Louchbach – Col du Calvaire – D148xD61 – Col de la Schlucht – D430xD431 – Cernay – Than – Col du Hundsrück – Masevaux – D466xD465 – Col du Ballon – D465xN66 – le Thillot – Ferdrupt (157 km)

Die Nacht war gar nicht so schlecht. Aber bei aller Freude auf den Urlaub (der mir sicherlich noch besseres Wetter und interessantere Landschaften bieten wird, als was ich bisher gesehen habe) bzw. über die drei Tage, die ich inzwischen erlebt habe, gehe ich doch nicht so weit zu behaupten, das sei eine abenteuerlich-romantische Nacht gewesen, die einer baldigen Wiederholung bedürfe. Jetzt kommt nämlich erst mal ein ganz unromantischer Teil, nämlich der, den Hinterhof zu verlassen, ohne jemandem (unangenehm) aufzufallen (Was macht der Kerl in meinem Stall?!). Ich packe also alles so unauffällig wie möglich zusammen, lege in meiner »Herberge« alles wieder dorthin, wo es zuvor gelegen hat, werfe einen Blick aus dem Fenster – niemand zu sehen, wer denn auch am Sonntagmorgen um 7? – öffne vorsichtig die Tür, schiebe meine Fracht ins Freie, mich hinterher, schließe die Tür leise und sehe dann zu, dass ich Land gewinne. Die Nacht ist, wenn schon kein Gewinn gewesen, so doch gewonnen.

Ohne Frühstück will ich jedoch nicht in die Berge. Wenige Meter weiter, auf einem Platz vor der Kirche, halte ich also wieder an und mache mich über die verbliebenen Vorräte her. Sie sind weniger geworden. Aber vorläufig droht mir kein Hunger. Ich habe mehrere Kilogramm Powerbar im Gepäck. Das reicht aus der indischen Tiefebene bis auf die höchsten Pfade des Himalaja. Aber es ist natürlich keine Nahrung für den ganzen Tag, schon gar nicht bei diesen Temperaturen. Da taugt es bestenfalls als Plombenzieher. Und Getränke vermag es natürlich auch nicht zu ersetzen. Damit habe ich aber noch keine Probleme und fahre bald wieder los. Es ist kühl, der Himmel bedeckt: Kein schöner Pfingstsonntag. Aber solange es nicht regnet, will ich mich bescheiden und über jeden gesparten Schweißtropfen am Hang fröhlich sein.

Der Anfang lässt sich gut an. Es geht im Tal aufwärts, jedoch zunächst neben einem Bach und einigermaßen flach, gerade richtig für ein Greenhorn in den Bergen, also für ein diesjähriges Greenhorn. Ansonsten halte ich mir ja durchaus eine gewisse Bergfähigkeit zugute. Ich werde sehen, wie sich die Maßstäbe an den Realitäten dieses Jahres machen.

Nach ein paar Kurven wird sichtbar, dass das Tal ein steiles Ende nimmt. Und da ich laut Karte einen Pass vor mir habe, werde ich dieses steile Hindernis wohl überwinden müssen. Am Fuße der Steigung macht die Straße um ein Gehöft herum eine lange 180-Grad-Kurve, und dann geht es in den Wald und etwas steiler nach oben. Nun denn. Da es kühl ist, ist es kein schweißtreibender Aufstieg. An einer Kehre stehen ein paar Motorräder mit deutschen Kennzeichen, an einem Bach machen sich die Fahrer zu schaffen, waschen sich und kochen Kaffee. Hinter den Büschen steht eine Hütte, in der sie offensichtlich übernachtet haben. Ich mache Halt, denn heute morgen habe ich weder richtig gefrühstückt noch mir die Zähne putzen können. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch. Mit meinen Plänen halte ich mich zurück – schließlich ist der Anteil der Reise, der noch vor mir liegt, erdrückend groß. Wer weiß, welche Streiche mir die Technik noch spielen wird. Die Männer sind nur über das verlängerte Wochenende unterwegs. So richtig Glück haben sie mit dem Wetter nicht, aber das lässt sich nun mal nicht planen. Weil in der letzten Nacht leider kein geheiztes Bad in meinem Stall war, mache ich auch gleich noch eine kleine Wäsche, obwohl das eher ein Luxus ist: Schließlich bin ich noch nicht oben und werde trotz günstiger äußerer Bedingungen sicherlich noch ein bisschen schwitzen. Aber was soll’s.

Es sind nicht die letzten Biker. In einer anderen Kurve werde ich gelobt: »Vorbildlich!«. Ja, ja, denke ich und erwidere: »Nachmachen!« Das löst nur eingeschränkte Begeisterung aus. »Aber nicht mit diesen Reifen!« ist die Antwort. Freilich, die weiße Alarmspur ist breit und deutlich zu sehen. Auf den ersten Blick würde ich einem solchen Pneu auch keine großen Chancen mehr einräumen. Aber er macht es noch eine Weile, und als Antwort verweise ich auf den Reservereifen, den ich auf den Gepäckträger geklemmt habe.

Weiter geht’s nach oben, und weil der Pass letztlich eher zu den harmlosen gehört (jedenfalls für alpine Maßstäbe), bin ich schließlich oben. Der Papierfilm ist immer noch nicht voll, die Aussicht ist im Grunde belämmert; fotografiere ich halt meinen Drahtesel. Jetzt ist schließlich noch alles dran und intakt. Wer weiß, wie lange noch. – Der Pass ist eine Besonderheit. Es gibt zwar auf der anderen Seite einen Weg nach unten, aber mich führt der Weg nach rechts, und da geht es noch weiter nach oben. Ich bin jetzt auf der Route des Crêtes, und das wirft für mich schon einige Fragen auf. »Crêtes« wird wohl nicht ohne Grund großgeschrieben worden sein. Das muss ein Eigenname sein. Von wem? Den Kreten? Schlecht, dass ich mich in der älteren Geschichte der Völker Mitteleuropas überhaupt nicht auskenne. Die Goten, die Kelten, die …, was weiß ich, die Kreten meinetwegen. Hier sind sie also langgezogen. Ich nun hinterher. Zuerst einmal aber ganz gemächlich, weil nach oben. Ich probiere ein(en) Powerbar. Scheußlich, das Zeug, wenn es bei 15 Grad verabreicht wird. Hier ist es wahrscheinlich sogar noch kühler, und im Oberhemd ist zu viel frische Luft, als dass sich der Riegel am Körper nennenswert erwärmen könnte. Aber vielleicht hilft’s. Ich möchte jedenfalls erst mal versuchen, die Zivilisationspfunde abzunehmen, um einfacher die Berge hinaufzukommen, und da haben sich, mit Erinnerung an meine USA-Reise, diese Riegel als wirksam erwiesen. Vielleicht wirken sie ja auch in Europa.

Ich nähere mich dem Col du Bonhomme. Die Straße ist allmählich in die Horizontale übergegangen. Ein Rennfahrer überholt mich. Ich bin in Frankreich. Da werden sie mir wohl noch öfter begegnen. Da, vorne eine Kreuzung, auf der anderen Seite ein Haus. Und da schießt es mir durch den Kopf, fast so wie vorgestern in Ötigheim: 31. Dezember 1992, Fahrt nach St. Dié in klirrender Kälte, der Hauptpass in den Vogesen. Ich war damals von links gekommen, aus der Rheinebene. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals die Querstraße wahrgenommen habe, aber die Szene hat sich eingeprägt, denn damals machte ich Pause, zwar mit einigen Francs in den Taschen, aber ohne Sprachkenntnisse, die über merci und bon jour wesentlich hinausgegangen wären. Also bin ich nicht in die Gaststätte gegangen, habe zwar draußen nicht gerade gefroren, aber warm war mir auch nicht geworden. Die Szene muss sich aber gut eingeprägt haben, sonst hätte es jetzt nicht geblitzt.

Diesmal mache ich nicht lange ’rum, sondern überquere die Hauptstraße, um den Anstieg auf der anderen Seite in Angriff zu nehmen. Er ist nicht so wild, aber der Pass ist ein typischer Sattel, ein tiefer Punkt im Kamm also, und auf diesem scheine ich unterwegs zu sein. So geht es auch bald mal wieder bergab, nach einem Abzweig nach links aber wieder hinauf, und permanent bleibt es trüb, trocken und kühl. Es ist fast eine herbstliche Stimmung hier auf der Höhe. Der Laubwald ist immerhin von Zeit zu Zeit fast still, wenn die Motorradfahrer mal mehrere Kilometer entfernt sind. In einer Rechtskurve parken links Autos, viele Autos. Was ist hier los? Eine Tafel verheißt Wanderziele. Mal sehen. Vielleicht kann ich ja eine Pause machen. Ein schwarzer, ein grüner und ein weißer See werden in Aussicht gestellt, aber sie sind ein ganzes Stück entfernt, und ich mag meinen ganzen Kram nicht so weit und so lange aus den Augen lassen. Also überlasse ich die Seen den anderen und fahre weiter.

Nach einiger Zeit erreiche ich den Col de la Schlucht. Ist schon ein merkwürdiger Name. Er hat ganz eindeutig deutschen Ursprung. Die rheinseitige Straße windet sich tatsächlich aus einer tiefen Schlucht herauf. Hier wird endlich der Film voll. Wer wird sich wohl jemals diese Papierbilder anschauen? Egal. Da angesichts des trüben Wetters keine so atemberaubenden Panoramen zu erkennen sind, halte ich mich nicht lange auf und verfolge weiter den Weg der Kreten. Die Straße folgt weiter dem Kamm und muss den geologischen Gegebenheiten Rechnung tragen. Es ist eine kurvige Strecke, selten übersichtlich, und hin und wieder geht es ein paar Meter hinauf, dann wieder hinab. Rechts öffnet sich ein tiefes Tal. Die Farbenvielfalt ist zwar nicht so üppig wie im Herbst, aber dafür enthält sie mehr Grünfacetten als ein Herbstwald: Dunkel die Nadelbäume und heller abgestuft die Laubbäume mit frischen Trieben. Hin und wieder ein See, auch mal eine kleine Siedlung. Die haben bestimmt selten Sonnenschein, so eingeengt zwischen den Bergen.

Vor mir habe ich den Grand Ballon, mit über 1400 Metern vorläufig der höchste Berg der bisherigen Tour. Unterwegs habe ich einen jungen Deutschen aufgegabelt. Mit ihm fahre ich auf dieses Zwischenziel zu, und am Nachmittag erreichen wir einen Parkplatz an der Straße, die hier die Bergspitze umrundet. Es ist kalt, oben liegt sogar noch alter Schnee, und angesichts der vielen Touristen habe ich keine Lust, mein Fahrrad hier stehenzulassen, um zu Fuß die Spitze zu erklimmen. Dafür sind 1424 Meter Höhe und die Aussicht nicht hoch genug. Nach einer kurzen Pause mit einem Foto trennen wir uns wieder. Jetzt geht es in weitem Zickzack nach unten. Einen kurzen Halt mache ich noch mal am Hartmannswillerkopf, einer Gedenkstätte für die Gefallenen vor allem des ersten Weltkrieges, allerdings liegen die Grabfelder uneinsehbar abseits der Straße.

Wenig später tritt die Rheinebene wieder ins Blickfeld, der Fluss selbst liegt allerdings im Dunst. Nach einer viertel Stunde hat die Talfahrt ein Ende. Es wird wieder warm, wie sich das für einen durchschnittlichen Maitag gehört, die Sicht wird klarer, weil ich den Wolken nicht mehr so nahe bin, und der Architektur nach bin ich praktisch wieder in Deutschland. Praktisch trennen mich allerdings ca. 30 Kilometer von der Grenze. Wenn ich mich jetzt wieder in Richtung Westen abwende, dann wird dies eine gewisse Endgültigkeit haben. Wenig später, in Thann, mache ich noch einmal kurz Pause und gönne mir einen Döner. Der Preis ist heiß: 20 Francs. Das ist Spitze. Eigentlich muss man so viel nur in München zahlen. Und so toll ist das Stück auch nicht. Aber der Türke oder Grieche kann auch ein bisschen deutsch, und so kann ich noch ein paar letzte Worte wechseln, bevor es ins französische Kernland geht.

Eine frühabendliche Erwärmungsrunde stellt die Auffahrt zum Col du Hundsrück dar, und auf der Abfahrt nach Masevaux stellt sich zum ersten Mal die Frage, ob ich die Nacht noch diesseits oder schon jenseits der Vogesen verbringen will; denn den Col du Hundsrück hätte ich zur Not auch ohne große Umwege ebenerdig umfahren können. Im Moment ist es aber einfach zu früh, um einfach anzuhalten und mich in die Büsche zu schlagen. Also folge ich weiter der Straße in Richtung Westen. Rechts und links begrenzen hohe Berge das Tal, nach vorne ist kein Ausweg erkennbar. Wie auch – zu ebener Erde existiert keiner. Der Col du Ballon liegt in enormer Höhe über mir, ist aber von hier aus nicht erkennbar.

Zur Weiterfahrt wird der Fahrrad- und Fußgängerverkehr auf eine ehemalige Eisenbahnlinie umgeleitet. Normalerweise bin ich Radwegen gegenüber (die ich nicht kenne) ziemlich misstrauisch. Aber eine alte Gleisanlage garantiert meist eine exzellente Streckenführung. Es fährt sich sehr schön. Nur am Vorderrad surrt etwas ungewöhnlich, ein leichtes Scheppern. Und zu den Dingen, die mich auf dem Fahrrad fuchtig machen, sind ungeklärte Geräusche. Ich beuge mich hinab. Nichts zu lokalisieren. Ein Zwischenstopp bringt Licht ins Dunkel: Der Lowrider ist gebrochen. Na prima! Die Bruchstelle hat zwar keine tragende Funktion, sie verhinderte aber bislang seitliches Schwingen der Packtaschen. Künftig werden diese stärker schwingen, und für die verbliebene Aluminiumkonstruktion ist das natürlich das reinste Gift. Ein Bruch an sensibler Stelle ist so nur noch eine Frage der Zeit. Eine Reparatur ist unmöglich, aber glücklicherweise ist die Angelegenheit kein blocking point – ich kann also weiterfahren.

Nach einer halben Stunde kommt der letzte Ort vor der Auffahrt zum Pass. Zwar ging es schon die ganze Zeit leicht nach oben, aber angesichts der in Aussicht stehenden Steigungen war das eher vernachlässigbar. Na gut, dann also los! Die Fahrt geht vorbei an den letzten kleinen Stauseen und schließlich in die Kurven. Hinter einer von denen stehen plötzlich Ziegen auf Straße. Na ja, mit meinem Fußgängertempo umfahre ich sie ohne Probleme, und sie machen sich auch nichts aus mir. Aber wenn Autos kommen… Kurz darauf begegne ich einem Wagen und gebe ihm Zeichen, langsamer zu fahren. Der Fahrer scheint tatsächlich meinem Rat zu folgen, jedenfalls gehen die Bremslichter an, und dort, wo die Tiere auf der Straße waren, wird er ohne Reifenquietschen nochmals langsamer.

Weiter geht’s. Der Berg zieht sich, und der Anstieg ist nicht gerade flach. Nach einer Weile bemerke ich ein Geräusch, das anscheinend aus der Hinterradnabe kommt und das mir nicht gefällt. Das passt jetzt natürlich glänzend: Abends, am Berg, im Wald, ohne Beleuchtung, schon am vierten Reisetag… irgendwas ist da nicht in Ordnung. Ich steige ab, bocke das Rad auf und drehe das Hinterrad: Nichts auffälliges. Ich prüfe das erforderliche Drehmoment beim Drehen des Rades; na ja, es könnte vielleicht etwas leichter gehen. Gibt es ein seitliches Spiel des Rades, d.h., ist es zu schwach gekontert? Nein, keinesfalls. Möglicherweise ist es also gestern früh bei Uwe zu straff gestellt worden. Hm, jetzt kann ich aber erst mal nichts anderes tun als weiterzufahren. Hier lässt sich nur im Fall einer Katastrophe etwas retten.

Bei der Weiterfahrt bin ich natürlich sensibilisiert, und ich höre schabende und feilende Geräusche. Prachtvoll! Wie lange macht die Schaltung das wohl mit? Ich schmiede erste Krisenpläne für das Szenario »Totalausfall an der Côte d’Azur«. Die helfen jetzt aber auch nicht. Und der Berg ist noch lang. Bei all dem Grün um mich herum habe ich leider kaum Ausblick auf das, was mir noch bevorsteht bzw. was ich schon unter mir gelassen habe. Da hilft nur weiterfahren.

Als die Straße sich allmählich aus dem Gedärm des Aufstiegs herauswindet und den Weg in Richtung Westen mit etwas mehr Kontinuität einschlägt, wird sie flacher und lichter. Die Höhe ist inzwischen recht respektabel, das Tageslicht indes nicht mehr so sehr. Ich bin mir nicht sicher, ob die Sonne noch über oder schon unter dem Horizont steht, aber Zeit für eine Quartiersuche ist es sicher. Rechts beginnen ein paar eingezäunte Grundstücke. Da steht so etwas wie ein Wetterhäuschen. Es hat immerhin ein Dach. Wie wär’s also damit? Ich schaue es mir genauer an, und dabei zeigt sich, dass es einerseits relativ verschlossen wirkt, andererseits aber jede Menge Glas herumliegt. Ist wohl doch nicht so das Richtige. Also geht’s erst mal weiter.

An der nächsten Gabelung biege ich rechts ab. Etwas später taucht rechts ein hotelähnliches Gebäude auf. Vor dem Haus steht ein Kastenwagen, vor dessen rückseitiger Tür ein Mann ein Rennrad repariert. Die Szene muss wohl was mit Radsport zu tun haben. Ich stelle mein Fahrrad ab und trete ein. Im Erdgeschoss ist gar nichts los – wohl doch kein Hotel. Im ersten Stock dann gibt es so etwas wie einen Empfang. Ich frage nach, ob das ein Hotel ist, aber die Antwort klingt sehr nach »alles voll«. Na ja, wäre wohl eh zu teuer gewesen. Also geht’s weiter.

Wenig später steht rechts wieder ein Gebäude, diesmal eher ein Ferienhaus, aber es sieht verschlossen und leer aus. Na, umso eher ist es interessant. Aber die Elsässer schließen ihre Häuser sorgfältig ab. Da ist nichts zu machen. Ich erklimme den Balkon im ersten Stock und kriege erst mal einen Schreck: Da brennt Licht. Aber das scheint wohl jemand genau aus diesem Grund angelassen zu haben – oder eben versehentlich. Weil der Himmel noch immer sehr unsicher aussieht, ist mir ein Dach über dem Kopf wichtig, und der Balkon bietet erstens zu wenig Schutz vor Regen bei auch nur leichten südlichen Böen, und zweitens ist er von der Straße sehr gut einsehbar. Ich klettere wieder hinunter. Wieder nichts.

Vielleicht sollte ich nicht jedes zweite Haus untersuchen, sonst komme ich nicht weiter. Jedenfalls ist es jetzt nicht mehr weit bis zum Col du Ballon. Die Bergsteigerei hat ein Ende. Und da, in faszinierender Unscheinbarkeit, wie ein rosa Stück Papier ohne Leuchtkraft über den Horizont gehängt: Die Sonne. Sie muss es sein. Der ganze Himmel ist bedeckt, und nur dort, wo das Zentralgestirn kurz vorm Verschwinden ist, scheint der Vorhang etwas dünner zu sein. Allerdings kommt von dort keine Wärme, und für die Abfahrt muss ich mich gut einpacken.

Als das Tal und damit auch die Hauptstraße (die E512) erreicht ist, bricht die Finsternis mit Macht herein. Ja, und wo soll ich hier bleiben? Die Besiedlung ist in den Dörfern natürlich dichter, aber ich muss lernen, dass zwar viele Häuser leer stehen, mindestens genauso viele aber nur so aussehen, als seien sie unbewohnt, wie sich dann bei genauerem Hinsehen zeigt.

In der Finsternis bekomme ich nicht mit, dass ich le Thillot erreiche, wo ich laut Planung eigentlich links abbiegen wollte. Die Dunkelheit hat nur den einen Vorteil, dass ich als Fußgänger nicht mehr sichtbar bin, wenn ich zum Auskundschaften eines Grundstücks das Fahrrad mit seinem verräterischen Standlicht und die Straße verlasse. Einige Kilometer später ist links ein Sägewerk erkennbar. Einige Stämme liegen auf einem Lagerplatz davor, und ich halte zur Erkundung an. Wieder preise ich mich weise, eine Taschenlampe eingepackt zu haben. Ich durchstöbere die gesamte Halle, die besonders bei diesen Beleuchtungsverhältnissen jede Menge Unfallrisiken bereithält. Schließlich mache ich die »Buchung«, schleppe mein Fahrrad eine Holztreppe hoch, um so weder von der Straße noch von Leuten, die direkt an der Holzrampe stehen, gesehen werden zu können, und nach kurzer Toilette ist Nachtruhe. Hoffentlich wird hier am Pfingstmontag nicht gearbeitet, denke ich noch.

24. Mai

Ferdrupt – N66 – Rupt-sur-Moselle – Col du Mont de Fourche – D6 – Raddon – D18 – Fougerolles – D83 – Corbenay – Saint Loup-sur-Semouse – D417 – Mailleroncourt-Saint Pancras – Departement-Grenze bei Grignoncourt – Mailleroncourt-Saint Pancras – Bourbonne-les-Bains – Montigny-le-Roi (158 km)

Als ich erwache, ist tolles Wetter: Die Vogesen liegen hinter mir, die Wolken ebenfalls, und Pfingsten…, nein, heute ist ja erst Montag. Also muss ich noch »aus dem Koffer leben«. Es wird schon gehen. Meine Energierationen sind jedenfalls beeindruckend, nahezu unangetastet. Wie es um den Rest bestellt ist, muss eine Inventur zeigen. Ich rolle meinen Schlafsack zusammen, packe alles ein, hieve den ganzen Kram wieder ins »Parterre« – na ja, wie ein Wohnzimmer sieht ein Sägewerk nicht aus –, und los geht’s. Schnell weg, falls mich jemand beim Verlassen des Grundstücks gesehen haben sollte.

Indes fällt mir beim Fahren bald wieder ein, welche Sorgen ich gestern in den Bergen mit der Technik hatte. Wegen des Frühstücks muss ich ohnehin bald anhalten. Nach wenigen Kilometern liegt rechts ein Rastplatz an der Straße, leer, schön übersichtlich, in der prallen Morgensonne. Ideal zumindest zum Frühstücken, und fürs Reparieren zumindest einer der geeignetsten Orte, wenn man einmal davon absieht, dass Reparieren auf großer Fahrt grundsätzlich unerwünscht ist.

Ich beschließe, die Nabe im gleißenden Prüflicht in alle Einzelteile zu zerlegen. Nun, bis zur letzten Feder wird’s dann doch nichts, aber ich bin selten so weit vorgedrungen, und wie fast jedes Mal, so kann ich auch bei dieser Inspektion nichts Verdächtiges erkennen. Das, was gefettet werden muss, erhält Fett, die übrigen Teile einen Tropfen Öl, und das Einzige, was ich wohl anders mache als bei der letzten Montage, ist der Platz, den ich den Lagern diesmal lasse, sprich: Das Ganze wird nicht so fest gekontert. Dieses Geheimrezept habe ich von Heiner im E-Werk, und es wird Gelegenheit sein zu prüfen, ob es etwas taugt. Nach einem Ausflug in die Büsche packe ich wieder alles auf und schwinge mich in den Sattel. Nach wenigen Sekunden gibt es einen Schlag, dass ich denke, die ganze Nabe fliegt auseinander. Da habe ich wohl einen Fehler gemacht. Aber was soll ich jetzt tun? Erst mal weiter.

Nach wenigen Minuten erreiche ich Rupt-sur-Moselle. Nachdem ich gestern die geplante Abfahrt nach Südwesten verpasst habe, will ich nun hier von der Nationalstraße herunter. Als ich anhalte, um mich auf der Karte zu orientieren, sehe ich an der Straße einen Fleischerladen, einen geöffneten, wohlgemerkt. Wenn am Pfingstmontag sonst schon nichts offen ist, warum soll ich mir dann nicht ein paar Eiweißspender besorgen? Vorausgesetzt, das scheitert nicht an meinen Sprachkenntnissen. Also, bon courage und hinein ins Abenteuer! Die Preise sind nicht schlecht: Wenn hier alles so gesalzen ist… Aber es ist schließlich Feiertag, auch wenn ich den Verdacht hege, dass das damit wenig zu tun hat. Außerdem muss ich bedenken, dass ich in Deutschland selten beim Fleischer bin, stattdessen meist im Supermarkt einkaufe, und da existieren eben auch Preisunterschiede. Und zu guter Letzt kauft man ja Milch und Käse normalerweise nicht beim Fleischer, und wenn man es doch tut, so muss man schon damit rechnen, dass diese etwas branchenfremden Produkte auch etwas andere Preise nach sich ziehen. Ich stelle mich bescheiden in eine Ecke, bis die andere Kundschaft bedient ist, damit ich mich wenigstens nicht vor mehr Leuten als unbedingt notwendig blamiere. Der Fleischer merkt wohl schon, bevor ich den Mund öffne, was los ist, jedenfalls geht er ganz unverkrampft an die Verständigung. Ich kaufe mir noch etwas Wurst, auch wenn die irgendwie künstlich aussieht (und so besonders schmeckt sie auch nicht, wie ich später merke), eine in Scheiben, die andere comme ça (also ungeschnitten), und dann geht’s auf in die Berge.

So schlimm sieht’s nicht aus, und so unüberwindlich ist dieses Hindernis auch in der Realität nicht. Wenn ich ernsthaft etwas beim Zusammensetzen der Nabe falsch gemacht habe, wird sie jetzt sicherlich Laut geben. Sie schweigt. Ich deute das vorsichtig als vorläufigen Waffenstillstand.

Das Tal vor mir scheint höher zu liegen als das der Mosel. Es ist jedenfalls flacher, aber nach links geht’s doch immerhin so weit hinauf, dass ich vermuten darf, auf der geplanten Route wäre ich noch höher gefahren. An der Straße und einem Bach liegen kleine Ortschaften. Das könnte auch irgendwo zwischen Röhn und Thüringer Wald sein. Nett, wenn auch nicht spektakulär. Aber das hatte ich hier ja auch nicht erwartet.

Nach gut 15 Kilometern wechselt die Szene: Links löst eine Ebene die Hügel ab, und rechts liegen die Berge dafür etwas dichter an der Straße. Dann weiß ich ja, was mich erwartet; denn demnächst muss ich dort hinüber. Hier unten ist die Landschaft auch nicht besonders interessant. Und bevor ich abbiege, diesmal in Richtung Nordwesten, gehe ich noch mal einkaufen. Diesmal stehen Schokolade und anderer Süßkram auf dem Wunschzettel, und dass das hier keine Aldi-Preise sind, nehme ich nur noch als Phänomen Frankreichs und vielleicht der kleinen Läden zur Kenntnis. Jedenfalls hoffe ich nicht mehr, am Dienstag günstigere Konditionen vorzufinden.

Der Abzweig führt auf eine unbedeutende Nebenstraße. Das muss man dem Michelin-Atlas lassen: Es scheint alles eingezeichnet zu sein, was asphaltiert ist, vielleicht auch noch der eine oder andere unbefestigte Weg. Diese Straße führt zunächst in die Berge und Wälder. Im Forst machen sich einige Arbeiter zu schaffen. Sie scheinen Feuerholz zu schlagen, jedenfalls werden die Bäume in ziemlich kleine Stücke zersägt. Derweil bietet die Sonne alles auf, was ihr Ende Mai möglich ist. Da bin ich ganz froh, wenig später im Schatten der Buchen fahren zu können. Das hätte mir mal gestern oder vorgestern jemand erzählen sollen.

Den nächsten Halt mache ich in Mailleroncourt-St.-Pancras an einem Brunnen. Haarewaschen ist angesagt. Ich lege den Fotoapparat zur Seite. Hoffentlich vergesse ich den nachher nicht. Angesichts der Temperaturen landen alle Klamotten im Wasser, einschließlich Hut. Dann wasche ich zuerst mich, danach die Sachen, soweit das mit einem bisschen Seife geht, aber ich will hier ja keinen Modewettbewerb gewinnen. Ich ziehe das Zeug auch gleich wieder an, packe Haarwaschmittel und Seife weg, und weiter geht’s.

Wenige Kilometer später halte ich wieder an: Pause, Futter fassen und ein bisschen in den Schatten legen. Abseits der Straße liegen riesige Splitthaufen (ein Teil davon ist offenbar schon auf der bereits zurückgelegten Strecke verteilt worden), und dort mache ich mich breit. Wie weit werde ich heute wohl noch kommen? Das ist ja fast nie geplant. Vielleicht Châteauvillain, am Ende der D107? Aber um dorthin zu kommen, muss ich erst mal meine Trägheit überwinden. Auf denn also!

Hinter einer Ortschaft überhole ich eine Familie, die einen Nachmittagsausflug mit dem Fahrrad macht. Schade, dass ich nicht genügend französisch kann, um einen Scherz auszutauschen oder eine Frage zu stellen (obwohl ich eigentlich keine Frage habe). Wieder zehn Kilometer später erreiche ich die Grenze des Departements am Ende eines Waldstücks. Ist die Szene vielleicht mal wieder ein Fotomotiv? Die rechte Hand greift mechanisch an die Brust, um den Trageriemen der Kamera zu verschieben. Na ja. Da ist bloß keiner. Wieder einmal gibt es einen Geistesblitz, nur dauert er diesmal etwas länger als eine halbe Sekunde: Vergessen. Wie vermutet. Verdammt! Was jetzt? Zurück? Oder endlich eine neue kaufen? Dann kann ich ja alle anderen Objektive wegschmeißen. Also nicht. Wie weit muss ich nun zurück? Und ist der Apparat noch da? Es ist keine Frage, dass mir die Kamera nicht erst am Splitthaufen abhanden kam, sondern am Brunnen. Die Karte liefert genauere Informationen über das Extra des Tages: 20 Kilometer einfache Strecke. Na prima! Was vom Gepäck irgendwie entbehrlich ist – also eigentlich alles außer dem Flickzeug und den Papieren – landet im Gebüsch, und dergestalt erleichtert mache ich mich auf die Rückfahrt. Also, mit Châteauvillain wird das unter diesen Umständen natürlich heute nichts mehr. Hoffentlich ist der Fotoapparat nun überhaupt noch da. Aber einen solchen Oldtimer wird ja wohl hoffentlich niemand klauen. Wer zum Bezahlen zu faul ist, ist auch zum Messen und Einstellen der Zeiten und Schärfe zu faul – unterstelle ich jetzt einfach mal, um mir Mut zu machen.

Aber auch ohne Gepäck fährt das Fahrrad nicht von allein. Es dauert ungefähr eine Stunde, bis ich den Brunnen wieder erreiche. Und – die Kamera ist weg! Gleichzeitig mit diesem Erkenntnisgewinn sehe ich aber, dass dort jetzt ein mit Steinen beschwerter Zettel liegt. Eine Französischlektion. Grandios! »Monsieur!« Die Kamera befindet sich unter dem Fenster des Hauses, das gegenüber der »Fontaine« steht. Die Fontaine scheint wohl der Ort zu sein, an dem ich den Zettel gefunden habe. In der Tat, eine Minute später halte ich das gute Stück wieder in Händen. Natürlich möchte ich mich bedanken. Aber es ist niemand da, wie ja auch aus dem Zettel hervorgeht. So will ich mir wenigstens die Adresse aufschreiben. Die angegebene Telefonnummer nützt mir vor dem Jahre 2003 (oder wann immer ich einigermaßen telefontaugliches Französisch auf die Beine bringe) nichts. Aber vielleicht langt’s zu einer Karte oder einen kurzen Brief.

Und nun wieder zurück. Was ist jetzt, frage ich mich als Nächstes, wenn nun das versteckte Gepäck weg ist – oder ein Teil davon fehlt? So wahnsinnig aufregend ist die dritte Passage dieser Strecke natürlich trotzdem nicht mehr. Hinzu kommt (das Gepäck findet sich übrigens noch komplett im Gebüsch), dass die Verbindung zwischen Bourbonne und Montigny eine klassische Römerstraße ist. Die Karte verrät es bereits: schnurgerade und ohne Rücksicht auf die Topologie. Die habe ich dann auszubaden – bzw. die Gangschaltung. Aber der steile Anstieg ist kurz, und das Einzige, was mich demnächst wirklich stoppen wird, ist die hereinbrechende Dunkelheit. Trotz aller guten Vorsätze werde ich heute wohl nicht weiter als bis Montigny kommen. Sei’s drum.

Ich überquere die erste französische Autobahn – da ist nicht viel los – und erreiche eine Ortschaft auf einem Berg. Vielleicht darf es heute eine preiswerte Herberge sein? Duschen wäre ja kein Fehler. Am Stadtplan orientiere ich mich. Aha, da gibt es auch einen Zeltplatz. Das wäre immerhin eine Ersatzlösung. Bevor ich die Angebote jedoch vergleichen kann, muss ich einen mordsmäßigen Anstieg hinauf. Ich fahre Serpentinen auf der Straße, und überhaupt sollte ich im Interesse der Technik und wahrscheinlich auch meiner Gelenke lieber schieben, aber so ist das nun mal mit den Leuten im Sattel: Wann steigen die schon ab?

Mit Herbergen sieht es am höchsten Punkt der Ortschaft nicht so gut aus. Es ist überhaupt nicht viel los. Na ja, die Feiertage sind nun endgültig vorbei. Morgen muss wieder gearbeitet werden. Kultur- und Entertainmentpaläste stehen auch nicht herum. Da bleibt man doch lieber zu Hause. Außerdem ist nicht ganz sicher, ob der Ort ein großes Dorf oder eine kleine Stadt ist. Ich werde mal sehen, wie der Zeltplatz beschaffen ist.

Es geht ein kleines Stückchen wieder hinab, und dann, auf der rechten Seite, kommt die Zufahrt. Abends nach neun wartet hier niemand mehr auf mich, aber der Empfang deklariert, dass der Zeltplatz entweder von Niederländern gemanagt oder vorwiegend für diese gedacht ist. Das suggeriert jedenfalls die am häufigsten verwendete Sprache. Ganz sicher befindet sich am Eingang eine Dusche. Ich mache gar nicht lange ’rum. Bevor ich irgendetwas anderes unternehme, ist jetzt erst mal Körperpflege angesagt.

Mit einem viel besseren Gefühl und abgeschaltetem Licht fahre ich in der Dämmerung den Weg entlang, der nach den ersten 100 Metern von einzelnen Zelten gesäumt wird. An einem Platz, der etwas abseits liegt, einen Blick auf die letzten 15 Kilometer der Tour, den halben Ort und ein Stückchen der Autobahn freigibt, breite ich die Isomatte und den Schlafsack aus und halte Nachtruhe. Wegen irgendwelcher Registrierungen oder Gebühren begegne ich niemandem und kann lautes Lamentieren über diesen unordentlichen Umstand gerade noch zurückhalten.

25. Mai

Montigny-le-Roi – Nogent – Foulain – Richebourg – Châteauvillain – D107xD396xD145 – Cunfin – D67 – Essoyes – D70 – Gyé-sur-Seine – les Riceys – D17 – Chaource – D444xD944 – Tonnerre – (TGV-Strecke) (162 km)

So ohne Dach wird’s morgens natürlich nicht nur frisch, sondern auch feucht. Da habe ich Glück, dass der Schlafsack reine Synthetik ist. Erstens verträgt er die Feuchtigkeit also, und zweitens muss es eine ganze Menge sein, bis sie durchkommt. Sie kam nicht durch. Ich habe also gut geschlafen, auch wenn ich in der Nacht einige Male wach wurde. Sobald die Sonne sich auf ihre Bahn macht – und sie tut das auf meiner Seite des Hanges –, rolle ich meine Sachen zusammen und suche nach Eßbarem im Gepäck. Ich will mich hier lieber nicht zu lange aufhalten, jedenfalls nicht als jemand, der offensichtlich am Platz übernachtet hat, damit nicht am frühen Morgen noch jemand kassieren kommt.

Als ich so weit bin, dass es losgehen kann, sind auch meine deutschen Nachbarn wach. Wir kommen ins Gespräch. Sie erzählen mir, wo sie schon überall waren, aus der Heimat natürlich, und ich mache einige Andeutungen über meine Vorhaben. Vorsichtig natürlich noch, denn große Leistungen waren das ja bisher nicht, und wer bei Kilometer 800 erzählt, er habe noch mehr als 6000 vor sich, der riskiert leicht ungläubige und anderweitige Blicke. Und am Ende wird’s ja gar nichts. Aber dann geht’s los. Die Strecke hier wollte ich ja eigentlich schon gestern zurückgelegt haben. Die D107 soll es heute sein, jedenfalls für den Vormittag. Nach einigem Suchen und Abbiegen gelange ich an der richtigen Stelle zum Ortsausgang. Die Straße wird mich jetzt auf den nächsten 40…50 Kilometern begleiten. Mal sehen, wie sie sich macht.

In Troyes, einer größeren Stadt an der Seine, gibt es eine Servas-Dachgeberin. Das wird eine aufregende Sache, wenn ich sie anrufe. Im Laufe des Vormittags will ich den ersten Versuch starten. Von Christoph Schäfers (Adtranz) habe ich eine französische Telefonkarte mit noch 21 Einheiten bekommen; also muss ich mich nicht auch noch vorher in das Abenteuer stürzen, eine solche Karte zu kaufen – obwohl, das wäre wahrscheinlich die leichtere Übung, weil das kein so komplexer Vorgang ist, ich meinen Gesprächspartner dabei sehe und natürlich keinen Telefonhörer dazu brauche. Aber ich habe keine Wahl. Stopp an der nächsten Telefonzelle. In den Dingern wird es tagsüber immer so wunderbar heiß. Wer nicht weiß, was ein Treibhauseffekt ist, kann es hier lernen. Der erste Versuch endet am Anrufbeantworter. Er singt mir ein Lied vor. Na, prächtig! Das war zwar nicht anstrengend, aber vergeblich. Weiter!

Die D107 macht was her. Zwischen Richebourg und Châteauvillain verläuft sie ziemlich geradlinig durch einen langen Buchenwald, der nach den Seiten hin schier undurchdringlich scheint. Nur ab und zu führen kleine Schneisen ins Gehölz, die sauber aufgeräumt scheinen. Hier ein Häuschen, und dich findet kein Mensch. Aber es wäre wohl etwas einsam. – Gegen Mittag verlasse ich die D107. Die Landschaft lockert auf, weniger Wald, mehr Felder, Weinfelder: Ich nähere mich der Champagne. In Essoyes mache ich neben einem Fluss Halt. Einkauf, Rast, neuer Versuch in einer Telefonzelle. Wieder ein Lied. Das wird ein richtig erfolgreicher Tag!

Mit meinen Einkäufen setze ich mich auf eine Bank und beginne zu stopfen. Der Fluss ist toll. Im Ort soll Renoir geboren worden sein oder zumindest ein Atelier gehabt haben. Aber mit einem Besuch dieser Kulturstätte wird’s wohl nix. Für einen Apfel beginne ich, in meiner Seitentasche nach dem Messer zu fahnden. Diese tiefen Hosentaschen sind schrecklich praktisch, weil so viel ’reinpasst. Problematisch daran ist nur, dass das Gesuchte stets ganz unten liegt. Ich wühle. Gerade habe ich das Messer erhascht, als aus unerfindlichen Gründen mein Kamm den Weg ins Freie gefunden hat. Nun, normalerweise würde ich ihn aufheben und wieder einstecken. Dumm ist nur, dass ich direkt neben dem Fluss sitze, und deshalb liegt das wertvolle Stück jetzt einen halben Meter tief im steingefassten Flussbett – mit schöner Strömung natürlich. Und nun? Natürlich muss ich den wieder haben. Da das Wasser klar ist, raffe ich die Hosen und steige publikumswirksam in die Fluten. Hat ihn!

Das wird rasch trocknen. Glücklicherweise ist das Wasser klar. Und die Sonne heiß. Ich setze meine Mahlzeit fort. Da fällt mir ein junger Vogel auf, der traurig und verloren ganz in meiner Nähe hockt. Oben im Baum sitzen Mama und Papa und piepen. Da hat es wohl einen Unfall gegeben. Was macht der Kleine nun hier? Irgendwie will oder kann er nicht wegfliegen. Ich habe zwar keine vogelkindgerechte Nahrung, aber ein Stückchen Baguette will ich riskieren. Indes, er hat wohl schon mit dem Leben abgeschlossen, jedenfalls reizt ihn das Zeug nicht so sonderlich. Ich fürchte, da kann ich ihm nicht mehr helfen. Anfassen geht ja auch nicht.

Es ist jetzt so, dass Troyes gute 40 Kilometer abseits meiner Route liegt. Also sollte ich nicht hinfahren, wenn ich dort ohnehin nicht übernachten kann. Aber heute ist Werktag, und da kann ich nicht erwarten, dass jeder zu Hause sitzt und auf Anrufe von fremden Menschen lauert. 20 Kilometer will ich noch entlang meiner Route fahren. Dann ergibt sich die Möglichkeit, ein längeres Stückchen auf die Verbindungsstraße zwischen meinem eigentlich Tagesziel und Troyes zuzufahren, zwar ein Abweichen von der eigentlichen Route und auch ein Umweg, falls das in Troyes nichts werden sollte, aber zu beiden Orten wäre der Umweg nicht länger als 15 oder 20 Kilometer. Das ist schon vertretbar.

Im nächsten Ort überquere ich die Seine. Das ist hier eher ein unscheinbares Flüsschen im Vergleich zu Paris. Da muss also noch einiges zusammenfließen, bis ein Hauptstadtgewässer draus wird.

Die Gegend steht voll im Zeichen des Champagner. In den Ortschaften reiht sich ein Hof an den anderen, überall werden Möglichkeiten zur Verkostung, Bewirtung und natürlich zum Einkauf angeboten, und die Grundstücke, die als Kelterei und Keller ausgewiesen sind, zeugen von Wohlstand. Und die Felder um die Ortschaften sind mit Wein bepflanzt. Traktoren versprühen Gift. Oder was sonst? Jedenfalls regt sich neben dem Wein kein unerwünschtes Grün. Bloß weg hier, sonst hole ich mir noch einen Hautausschlag!

In Chaource muss ich mich entscheiden. Auch beim dritten Mal nur der Anrufbeantworter. Nun reicht’s! Das kostet schließlich auch Geld. Also, auf nach Süden. Die Strecke ist auf der Karte als wichtige Straße ohne grünen Streifen ausgewiesen, und sie ist auch nicht so besonders schön, aber es lässt sich gut aushalten. Tonnerre wird nun voraussichtlich mein Nachtquartier. Wegen des letztlich überflüssigen Umwegs komme ich heute wahrscheinlich nicht weiter. Die Stadt liegt im Tal und an dessen Südhang. Ich sehe sie unter mir liegen, oder eher: vor mir. So tief ist das Tal nun auch wieder nicht. Hier wäre es mal an der Zeit, einen telefonischen Gruß in die Heimat zu senden. Ich drehe meine Kreise durch die Stadt, und was ich suche, weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht ein Hotel? Oder eine andere Herberge? Na, jedenfalls erst mal ein Telefon. Ich rufe an, erkläre, wo ich bin und neben freudiger Erleichterung vernehme ich den Rat, dass es wohl für heute dann langsam reiche. Na, stimmt ja eigentlich auch. Aber mir wird schon eine Lösung einfallen.

Auf der Karte ist hinter der Stadt eine TGV-Strecke eingezeichnet. Das wäre doch ein Quartier. So einen Zug möchte ich schon mal sehen. Wer weiß, wie lange ich darauf werde warten müssen. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel, suche mir die steilste Ausfahrt und kurbele mich im Stehen den Berg hinauf. Es hätte wirklich bequemere Ausfahrten gegeben, aber das sehe ich erst, als ich oben die Karte konsultiere. Das ist hier jetzt zwar schön übersichtlich, aber ich bin erst mal schweißgebadet. So gefällt’s mir eigentlich nicht für die Lagersuche, aber das lässt sich jetzt nicht mehr ändern. Noch sind die Gleise auch nicht erreicht. Erst mal unterquere ich eine Umgehungsstraße. Dann ist der Scheitelpunkt erreicht und es geht wieder leicht bergab. Da hinten, zwischen den Hügeln scheint ein Gleis zu verlaufen. Rasch näher, sonst verpasse ich womöglich den einzigen Abendzug. Aber wann der kommt, weiß ich natürlich überhaupt nicht.

Unter einer unscheinbaren Brücke geht’s hindurch. Das Einzige, was an Modernität gemahnt, ist die elektrische Oberleitung. Gleich hinter der Brücke biegt links ein Weg ab. Rechts daneben ein Maisfeld, teilweise abgeerntet. Dort werde ich mich hinpflanzen, mit dem Blick nach Norden auf den Bahndamm. Dann werde ich die Eisenbahn ja hoffentlich nicht verpassen, wenn mal eine kommt. Ich bocke das Rad auf, da höre ich ein Geräusch, das eigentlich nicht von Autos kommen kann. Der TGV! Mensch, habe ich ein Glück! Noch keine fünf Minuten hier, und schon kommt einer. Das ist wirklich ein schneller Zug. In 100 Meter Entfernung wird das auch akustisch klar. Anderthalb Sekunden später donnert er ohrenbetäubend an mir vorbei. Der Lärm macht ihn glatt 100 km/h schneller. Das waren bestimmt über 300 km/h. So muss ein schneller Zug fahren. (Vielleicht nicht so laut.) Mal sehen, wann ich das mal bei der Deutschen Bahn erlebe. Aber wir arbeiten ja fleißig am ICE3.

In den nächsten Minuten rolle ich die Isomatte und den Schlafsack aus, zufrieden, den Zug so günstig abgepasst zu haben. Da, der nächste! Wahnsinn! Der fährt in dieselbe Richtung, und das nach gerade fünf Minuten?! Na, mir soll’s recht sein. Habe ich halt gleich zwei gesehen. Schön sind diese Züge allerdings nicht. Ich suche mein Quartier auf, und als nach zehn Minuten wieder einer vorüberdonnert, schwant mir, dass der TGV vielleicht öfter fährt als der ICE und dass dieser Schlafplatz möglicherweise nur ein Liegeplatz ist.

Das geht so bis 23 Uhr. Dann scheinen die Geschäftsleute aus dem Süden alle wieder in Paris zu sein, und der Spuk hat ein Ende. Nur einmal, zwischen zwei TGVs, tuckelt eine kleine Inspektionslok über die Strecke. Die muss machen, dass sie nicht vom Gleis geschubst wird, denke ich. Aber bevor der nächste Kracher kommt, ist sie wieder verschwunden.

26. Mai

D944 (an der TGV-Strecke) – D944xD86 – Noyers – D86 – l’Isle-sur-Serein – D86xD957 – Avallon – D957 – Saint Père – D36 – Usy – D20xD944 – Vésigneux – Queuzon – Chalaux – Marigny-l’Eglise – D210xD6 – Lormes – D944 – Vauclaix – la Chaumière (136 km)

Der Morgen fängt so an, wie der Abend aufgehört hat: laut. Wenigstens weiß ich, dass halb sechs die ersten Züge gen Süden fahren. Oder sollte ich tatsächlich den einen oder anderen dieser Krachmacher übersehen haben? Wer mit diesem oder einem der nächsten Züge fährt und aufmerksam erstens aus seinen verschlafenen Augen und zweitens aus dem Fenster schaut, mag mich dort liegen sehen, ein oder zwei Sekunden lang vielleicht.

Unter diesen Umständen gibt es natürlich kein längeres oder gar mehrfaches Umdrehen und Weiterschlafen. Schlafen schon gleich gar nicht. Jetzt mache ich noch ein morgendliches Foto von diesem hässlichen rasenden Stück Technik, und dann geht’s weiter. Es wird doch bald mal wieder einer kommen? Jetzt ist alles gepackt, jetzt ist schönes Wetter, die Kamera schußbereit, auf dem Film noch Platz, und jetzt macht sich die Kiste rar. Kann ja wohl nicht sein! Da, endlich taucht noch einer auf. Standen wohl doch noch ein paar Leute auf dem Bahnsteig in Paris. Mit einer 500stel dürfte nicht viel schiefgehen.

Als ich wieder auf der Hauptstraße gen Süden bin und fast oben auf dem höchsten Punkt, taucht noch mal ein Zug auf. Ja, so viel zum TGV. Wer weiß, wann ich mal wieder einen sehe. Die Karte weist dessen Strecke künftig weit abseits meiner Route aus. Stattdessen fahre ich in den Parc Regional du Morvan. Dort sind einige Schnörkel geplant. Hoffentlich macht er dann auch was her. – Vorerst werde ich das Flüsschen Serein eine Weile begleiten. Also verlasse ich nach acht Kilometern wieder die Hauptstraße. Nach einer Weile erreiche ich das sehr flache Tal, und wieder einige Minuten später den Ort Noyers, eine kleine Stadt, die den Fluss malerisch umgibt. Hier atme ich zum ersten Mal das normale und typische Frankreich, einen Markt, auf dem es alles Lebensnotwendige gibt. Zwar könnte ich schon etwas gebrauchen, so richtig dringend aber nicht, und das Flair hat seinen Preis. Also gehe ich doch beim Bäcker einkaufen. Der Bäcker verkauft Honig. Und gar nicht mal so teuer. Es ist zwar kein Schnäppchen, gemessen an meinen sonstigen Quellen, allerdings sind die jetzt weit weg, und ich weiß auch nicht, ob der Honig wirklich gut ist, also kalt geschleudert, aber darauf kommt es im Moment jetzt nicht so an. Ich brauche etwas, was dem Baguette die Trockenheit nimmt. Künftig werde ich es also abwechselnd in Honig und in Nugatcreme tunken. Ist das nichts?

Diese Zukunft beginnt gleich am Fluss. Hinter der Brücke, im Schatten einiger Bäume, lasse ich es mir gut gehen. Eine Telefonkarte habe ich leider nicht bekommen, aber ich habe ja gerade erst zu Hause angerufen – nur bei Servas-Anrufen könnte ich sie schon bald vermissen. Aber noch ist es nicht so weit.

Weiter geht’s. Weiter im Tal, eine leichte und recht angenehme Fahrt, jedoch nicht spektakulär. In l’Isle-sur-Serein verlasse ich den Fluss in Richtung Avallon. Der Naturpark liegt deutlich höher als dieses Tal und auch seine Umgebung, und Avallon macht den Anfang. Es geht bergan.

Um die Mittagszeit komme ich in der Stadt an. Es ist ein heißer Tag, und da ich noch in der »Aufwärmphase« bin (also oft zum Essen anhalten muss), kommt mir ein Platz im Zentrum der Stadt gerade recht. Warm im eigentlichen Sinne ist mir allerdings wirklich genug; darum setze ich mich wieder unter die Bäume.

Bevor ich die Stadt wieder verlasse, fahre ich noch ein bisschen in der Altstadt spazieren. Ich möchte die Stadt in Richtung oder besser: entlang des Vallée du Cousin verlassen, und irgendwo finde ich auch Schilder, aber ich traue der Richtung nicht. Jedenfalls fahre ich dann praktisch genau in die entgegengesetzte Richtung, es geht auch ein ganzes Stückchen bergab, aber nur, damit ich noch innerhalb der Stadtgrenzen wieder auf eine Straße in die Höhe treffe, die ich dann auch benutze, weil mir die ganze Beschilderung nicht geheuer ist. Letztlich lande ich auf so etwas wie einer Umgehungsstraße, also nicht gerade einem naturalistischen Reißer. Da kann ich letztlich nichts falsch machen: Die ist gut beschildert, führt in die richtige Richtung, und nach wenigen Kilometern erreiche ich letztlich auch das Vetterntal, allerdings nur auf der Durchquerung. Hier wäre ich dann also herausgekommen. Nicht schlecht, aber nun nicht mehr zu ändern. Stattdessen geht es weiter nach St. Père, wo die heutige Route die erste scharfe Wendung nimmt.

Eine knappe Stunde später biege ich wieder nach Süden ab, nachdem ich die D944 erreicht habe, auf der meine Fahrt heute morgen auch begann. Jetzt wird die Landschaft richtig interessant, allerdings auch bergig – flaches Mittelgebirge, würde ich sagen. Wald, Wasser, Wiesen und Berge verschmelzen zu einem abwechslungsreichen und überaus grünen Arrangement. Wenn grün beruhigt, müsste ich ja bald apathisch am Straßenrand sitzen. Damit es nicht so weit kommt, thront an einem der Hänge ein Château, ein ziemlich großes, graues Schloss, quasi der Antifarbklecks, aber auch als solcher irgendwie passend und natürlich in toller Lage. Trotzdem möchte ich so ein Ding nicht geschenkt haben. Das macht ja endlos Arbeit und ist vermutlich zu keiner Jahreszeit warm zu kriegen. Was hatten die früher doch für ein erbärmliches Leben!

Fünf, sechs Kilometer später beschließe ich eine kleine Abweichung von der Route und steuere nun einen See an, der auf der Karte zwischen den Höhenzügen regelrecht eingeklemmt wirkt. Michelin macht zwar falsche Steigungsangaben, aber insgesamt ist die Gegend viel zu schön, um sich darüber ernstlich aufzuregen. Der Park ist mit seinen Anstiegen etwas für ambitionierte Anfänger oder sagen wir mal: fürs Mittelfeld. Es geht fast immer entweder hoch oder ’runter, und die Höhenunterschiede sind teilweise größer als 100 Meter. Wer so was aus dem Stand macht, verliert trotz allen Grüns, trotz aller Stille und Abgeschiedenheit, trotz verwunschener Gehöfte und Dörflein wahrscheinlich schnell die Freude daran, kann sich zumindest nicht so viel ansehen wie ich, denn ich werde bis zum späten Abend fahren – ziemlich gleichgültig, ob es bergan oder bergab oder beides geht oder was sonst noch an hinderlichen oder begünstigenden Umständen eintreten mag, Reparaturen und Unfälle natürlich ausgenommen.

Ich erreiche den See und weiß auch schon, dass es dahinter noch weiter hinaufgehen wird. Na, und? Die Abfahrt ist Spitze. Schmal, hinter Wiesenrainen verborgen, zieht die Straße ihre Bahn. Natürlich ist unten dann nicht mehr so viel Tempo geboten, aber für die Auffahrt hat sich wieder alles eingefunden, was eine solche Sache zu einem Vergnügen machen kann – außer dem Rückenwind. Aber mit dem ist so mitten im Wald auch nicht zu rechnen. Es wächst von allen Seiten, kleine, dichte Bäume, alle möglichen Gräser – ich komme mir fast so ein bisschen wie im Urwald vor. Und kein Kraftfahrzeug stört das Idyll. Jedenfalls fast keins.

Die Auffahrt nach Marigny-l’Eglise zieht sich hin. Aber irgendwann bin ich oben – und wieder in einem Dorf, in dem man meinen könnte, die Leute müssten hier mit Frohsinn ihren Lebensunterhalt verdienen. Aber ganz so ideal wird’s wohl nicht laufen. Jedenfalls mache ich dort erst mal wieder Pause. Auf den Stufen vor einer kleinen Kirche mache ich Rast und trinke Wasser aus einem nahen Wasserhahn. Wer weiß, ob das immer so gut ist, aber bisher hatte ich keine Beschwerden. Auch hier ist fast nichts los, kaum ein Mensch zu sehen.

Wieder geht es eindeutig ein Stückchen in die »richtige« Richtung, also nach Süden. Wieder führt die Straße durch den Wald, wieder hinauf. Das hier könnte eine Wasserscheide sein, so hoch, wie es hinauf geht. Im Wald überholen mich zwei deutsche Motorradfahrer. Das hat hier, so tief im Hinterland, schon einigen Seltenheitswert. Aber irgendwie muss schließlich jeder, der auf zwei Rädern an die Côte d’Azur will, den Weg dorthin bewältigen. Warum also nicht hier entlang?

Ganz oben, kurz vor der Abfahrt, sehe ich links im Wald die Spuren von Forstarbeiten. Tiefe Reifenspuren haben sich in den Waldboden eingegraben; hier ist kaum noch etwas, wie es vorher war. Riesige Stämme liegen zum Abtransport bereit. Na ja, wer mit dem Wald Geld verdienen will, muss hin und wieder etwas herausholen, keine Frage.

Abfahrten machen fast immer Spaß. Zwischen den nächsten zwei Ortschaften stoße ich auf ein Hindernis besonderer Art: Eine Kuhherde wird über die Straße auf eine neue Weide oder ins Dorf getrieben. Die Viecher zeigen einerseits kein Interesse, mich durchzulassen, aber andererseits haben sie anscheinend so viel Respekt, dass der Viehtrieb nicht mehr so richtig vorangeht. Dabei scheißen sie nach Kräften auf den Asphalt. Hier sind die Wiesen saftig, und entsprechend sieht das Ergebnis aus. Erst als ich Platz mache, funktioniert der Weitermarsch einigermaßen reibungslos.

An der nächsten Hauptstraße wechsle ich erneut die Richtung. Es geht jetzt wieder nach Westen, dorthin, wo allmählich die Sonne sich dem Horizont zuneigt. Zuerst überquere ich einen größeren See, dann den Höhepunkt der heutigen Fahrt, und in Lormes hat die Schnörkelei vorerst ein Ende: Jetzt habe ich wieder – in ganz, ganz großer Entfernung – das Mittelmeer vor mir. Es wird nun Zeit, an eine Übernachtung zu denken. Allerdings ist bislang weder die Sonne untergegangen noch gibt der Stand des Kilometerzählers Anlaß zu besonderem Stolz. Da darf ruhig noch was kommen.

Die nächsten Kilometer führen leicht und elegant wieder in die Niederungen der Gegend, wobei die Aussicht keineswegs vermuten lässt, dass ich mich im Weiteren nur noch dort unten bewegen werde. Es ist eher ein vorübergehender Abstieg.

Ich könnte mich heute Abend durchaus mal mit einem Hotel anfreunden. Ich muss mir nur noch überlegen, welcher Preis mir akzeptabel erscheint, und dann muss ich natürlich noch eins finden. In Vauclaix ist damit erst mal Fehlanzeige. Darf’s heute vielleicht noch Château-Chinon sein? Hm, das ist noch 25 Kilometer hin. Das wird wohl nichts mehr. Aber vielleicht habe ich ja unterwegs Glück.

»Unterwegs« ist indes nicht so einfach. Die Landschaft ist respektabel hügelig. Irgendwie scheint aber die Luft ’raus zu sein. Als ich daher einige Kilometer später an der Straße einen Gasthof sehe, zögere ich nicht, mir »die Sache« wenigstens mal anzusehen. Was wird es wohl kosten, hier eine Nacht zu verbringen und, was viel wichtiger ist, mal eine Dusche zu nehmen? Und werde ich mich verständlich machen können?

Es geht ganz gut. Ich erfahre ja in erster Linie Zahlen. Die habe ich gelernt, und wenn alles nichts hilft, kann man sie international verständlich aufschreiben. Etwa 50 Mark soll eine Nacht kosten. Das sind jedenfalls die günstigsten Zimmer, also diejenigen ohne Dusche. Diese befindet sich dann auf dem Flur. Das Zimmer selbst ist nicht schön, aber ich will damit auch nicht angeben, sondern darin schlafen, und zwar weich und tief und sauber. Das Fahrrad kommt in die Garage, das Gepäck nehme ich zum größten Teil mit ins Zimmer. Meine Herren, das möchte ich ja keine 400 Meter tragen müssen! Auch wenn die ganze Chose durch den Drahtesel noch mal um 20 kg schwerer wird, lässt sie sich doch so unglaublich viel eleganter transportieren. Es ist das alte Loblied auf die Erfindung des Rades im Allgemeinen und auf die des Fahrrades im Besonderen.

Dann kommt die Dusche und die Wäsche. Schließlich hat sich einiges angesammelt. Es ist unbeschreiblich, zu welchem Ereignis eine banale Dusche werden kann, wenn man sie nicht allzu oft kriegt. Wie viele Tage ist das jetzt her? Fünf. Wurde auch Zeit! Die Wäsche macht zwar noch etwas Arbeit, aber als es dunkel wird, kann ich in die Federn, und da mache ich auch nicht lange ’rum, sondern schlafe.

27. Mai

la Chaumière – D944 – Château-Chinon – D27xD177xD157 – Onlay – D18xD299xD227 – Chiddes – D124xC?xD985 – Luzy – D27xD25 – Issy-l’Evêque – Gueugnon – D994xD25 – Saint Vincent-Bragny – Saint Aubin-en-Charollais – Charolles – Aigueperse – D987xD43xD10xD66 – Anglure-sous-Dun – Mussy-sous-Dun (161 km)

Das »Einzige«, was am Morgen zu tun bleibt, ist die Inspektion der Wäsche, deren Ergebnis jedoch einigermaßen belanglos ist, weil ich sie ja doch wieder mitnehmen oder sogar anziehen muss, und das Frühstück. Das dauert natürlich, aber irgendwann steige ich mit all meinen Taschen wieder hinab ins Erdgeschoss, belade meinen Drahtesel im Hinterhof, bedanke und verabschiede mich und radle von dannen.

Die Karte verzeichnet hier viele landschaftlich angeblich reizvolle Strecken, jedenfalls finde ich neben vielen Straßen grüne Streifen, und so ist es auch mit meiner Route, und ich muss sagen: Es ist hier wirklich recht nett. Hier hätte ich auch übernachten können. Ich fahre an einem Bach entlang, und Schilder warnen – sogar auf Deutsch – vor Überflutungen und Hochwasser. Das ist ja gerade so wie in der Wüste. Ich erinnere mich, wie ich 1993 im Death Valley Warnschilder sah, die bei knapp 46 Grad im Schatten vor Hochwasser und Überflutungen warnten, und es war weit und breit kein Tropfen Wasser zu sehen, nicht einmal eine Rinne oder ein Flussbett, in dem sich die angekündigten Wassermassen gegebenenfalls hätten dahinwälzen können. Na ja, hier gibt’s immerhin Wasser, und wenig später lerne ich meine Lektion: Solche Schilder finden sich häufig am Unterlauf von Staudämmen, wie niedrig auch immer sie sein mögen. Kurz darauf erreiche ich den gefährlichen Stausee, und zwar ist das Wassergefälle nicht sehr groß, aber wenn sich diese Fläche auch nur um zwei oder drei Meter Höhendifferenz in Bewegung setzt, ist lange nicht Schluss: Der See ist einige Quadratkilometer groß. Aber das Stauwerk sieht nicht wie eine drohende Katastrophe aus. Und ich fahre jetzt ohnehin oberhalb des Sees. Und nicht nur das – von wenigen flachen Abwärtspassagen abgesehen, geht es immer hügelan.

So erreiche ich Château-Chinon. Am Ortseingang wird der Verkehr aus Richtung Norden in die Tiefe umgelenkt. Die Stadt liegt aber oben auf dem Berg, und ich habe überhaupt keine Lust, jetzt wieder hinabzurollen, um kurz darauf alles wieder hinaufklettern zu müssen. Also ignoriere ich die Umleitung kurzerhand, muss nun allerdings sorgfältig auf den Gegenverkehr achten, von dem ich nicht dasselbe erwarten kann. Aber die unsichere Strecke ist nicht lang. Nach wenigen Minuten erreiche ich das Stadtzentrum, und dort hat die Einspurigkeit ein Ende und Einkaufen ist angesagt. Was brauche ich denn so alles? Na ja, das Übliche, würde ich sagen: Viele Kalorien, aber wenig Fett, denn die Berge liegen ja noch vor mir, und mit 70 Kilo fährt es sich objektiv leichter hoch als mit 75. Also keine Schokolade? Aber ja doch! Was haben wir denn noch? Eine Geschäftsstraße bietet alles, was in einer Kleinstadt so nachgefragt werden könnte. Da ist auch eine Buchhandlung. Also, ich werde mir jetzt ganz bestimmt keine französische Literatur kaufen. Aber gucken kann ich ja trotzdem mal, was sie so haben. Von außen natürlich nur, durch die Schaufensterscheibe. Am Ende fragt mich noch jemand: Monsieur, vous désirez? Was soll ich denn da sagen? Sieh an, den Michelin-Atlas haben sie hier auch, natürlich mit französischem Einband. Und ein Jahr jünger. Dauert halt lange, bis man so ein Deckblatt übersetzt und nach Deutschland transportiert hat. Ist ja weit weg. Oder ich habe einen Restbestand gekauft. Einerlei – gute Karten, die nur ein Jahr alt sind, kriegt man von Deutschland auch nicht so ohne weiteres.

Nun muss ich aber weiter, der südliche Teil des Parc régional du Morvan liegt vor mir. Hier werde ich zwar keine solchen Haken schlagen wie im nördlichen Teil, aber schnurgerade verläuft die Route auch nicht. Und flach ist sie nebenbei bemerkt ebenso wenig. Es geht nach einer Weile bergan. Ich fahre durch den Wald, und das ist schon mal schön. An der nächsten Kreuzung hinter dem Anstieg muss ich nach rechts abbiegen. Es geht nach Onlay. Ich stelle bald fest, dass die Kletterei umsonst war – oder sich gelohnt hat. Wie man’s nimmt. Jedenfalls geht es bergab, und zwar lange und tief und kurvenreich. Ich komme gar nicht so richtig in Fahrt, so verwinkelt ist die Straße. – Und dann bin ich unten, über 300 Meter tiefer. An der Kreuzung mit der quer verlaufenden Durchfahrtsstraße mache ich Pause. Da ist auch ein Restaurant und eine Baustelle, auf der gearbeitet wird. Einer der Bauarbeiter scheint mit einer Goldwing »angereist« zu sein, jedenfalls steht das Motorrad eher vor der Baustelle als vor der Kneipe. Alle Wetter! Nobel geht die Welt zugrunde. Von der Bauarbeit kann man, scheint’s, leben. Während ich kaue, umkreise ich die Maschine, die so wendig wie ein Sattelschlepper zu sein scheint. Der Lenker sieht ziemlich dürr aus, ist zwar an den meisten Stellen mit Armaturen verkleidet, aber dort, wo man sein Rohr sieht, wirkt er regelrecht mickrig. Wie schwer solch eine Kiste wohl ist. Also, eine Panne möchte ich damit nicht haben. Dann kann man ja nur noch bergab rollen – wenn man denn noch rollen kann.

Letztlich biege ich links ab und fahre neben einem Bach ein Stückchen in Richtung Südosten. Ich habe leichten Gegenwind. Das hatte ich hier eigentlich nicht erwartet. Ich hatte von dem Mistral gehört, und der solle von den Alpen in Richtung Süden wehen, und zwar heftig. Und die Alpen… na ja, sie liegen wohl doch eher östlich oder gar noch südlich von mir. War also nix. Könnte aber trotzdem von hinten kommen, der Wind. Was heißt eigentlich Rückenwind auf französisch? Also, in Amerika waren das so ziemlich die ersten Vokabeln: head wind und tail wind. Und weil das wörtlich weder mit gegen noch mit dem Rücken zu tun hat, muss ich vorsichtshalber vermuten, dass die Franzosen da auch ihre eigenen Formulierungen haben. Ich muss bei Gelegenheit nachsehen. Jetzt ist aber keine Gelegenheit, denn es geht wieder in die Berge, nachdem ich die Hauptstraße in Richtung Süden verlassen habe. Es geht anständig in die Berge! Die Straße ist schmal wie auf einer Alm, nichtsdestotrotz wollen große Fahrzeuge an mir vorbei. Die Hauptstraße unten im Tal war im Weiteren wegen einer Baustelle gesperrt, und nun wollen Tankwagen, Trecker, LKW und PKW an mir vorbei, als sei ich auf einer Nationalstraße unterwegs. Nur haben sie schon ohne mich mit dem Gegenverkehr Probleme. Was soll das erst noch mit dem langsamen Radfahrer werden? Ich mache Platz, sobald sich dazu vernünftig Gelegenheit bietet.

Allgemein gilt: Je weiter man nach oben kommt, desto übersichtlicher wird das Terrain. Sofern kein Nebel herrscht. Es herrscht kein Nebel. Übersichtlich ist es trotzdem nicht. Es geht auf und ab, links und rechts rum, und immer mal wieder an irgendeiner Ecke steht ein Haus. Es ist ganz hübsch hier, und nachdem die Fahrt insgesamt auf hohem Niveau stattfindet, ist der Hauptteil der Kletterarbeit bereits geleistet, aber ich bin mir keineswegs sicher, noch auf richtiger Route unterwegs zu sein. Und so finde ich mich nach einer Weile in Chiddes, das 5 km abseits meiner Route liegt. Da die Richtung insgesamt aber stimmt, suche ich nun nach dem kürzesten Weg nach Luzy, wo ich eine viertel Stunde später auch eintreffe.

Die Weiterfahrt nach Gueugnon ist nicht weiter spektakulär – nur heiß. Es ist Mittag, und die Hitze ist immerhin so beachtlich, dass sich die Kühe auf der Weide – oder was unter dieser Sonne noch davon übrig geblieben ist – unter dem einzigen großen Baum, der Schatten spendet, zusammenscharen. Und dort sind sie geduldig. Bis zum Geht-nicht-mehr. Ich möchte mal auch nur einen kleinen Teil der Gelassenheit dieser Viecher haben. Da stehen sie also, gut gewärmt durch ihr Fell, bei gut 30 Grad, einige in der Sonne, weil im Schatten nicht genug Platz für alle ist. Und sicherlich – von hier aus kann ich das nicht beurteilen, aber ich habe es schon mal beobachtet – schwirren ihnen die Mistfliegen um die Augen und das Maul und sonst wo noch, und sie können sie weder erschlagen noch fernhalten… es einfach nur erdulden. Nun könnte man sagen, ich sei noch verrückter – oder geduldiger –, weil ich nicht nur nicht im Schatten unterwegs bin, sondern mich sogar noch anstrenge, was keineswegs erforderlich ist, um Nahrung aufzunehmen oder gar am Leben zu bleiben. Aber ich empfinde die Hitze in meiner Kleidung und bei dem, was ich tue, nicht so störend, und dann habe ich noch etwas, was ich den Kühen sicherlich getrost absprechen kann bei dem, was sie tun oder lassen: Ehrgeiz. Aber mal angenommen, man würde hier ein paar Leute einsperren, auf dieser Weide, zu viele für alle Schattenplätze und ein bisschen stinkend, damit auch die Fliegen kommen. Die würden doch alle den Verstand verlieren. Also ich jedenfalls.

In Gueugnon wird erst mal eingekauft. Vor dem Supermarkt bettelt mich einer an. Ich biete ihm von meinen Keksen an, aber die gefallen ihm nicht. Na, dann nicht. Hat wohl keinen Hunger. Ich fahre mampfend langsam weiter durch die Stadt. Die Kirche des Ortes ist von einem riesigen Platz umgeben. Dort stehen auch ein paar Bänke. Hier mache ich erst mal Pause, weil sich beim Fahren doch nicht so richtig essen lässt. Heute Abend würde ich ganz gern einen neuen Versuch unternehmen, bei Servas-Gastgebern »an Land« zu gehen. Dazu muss ich die Herrschaften allerdings anrufen. Ich habe einen Horror davor. Bisher bin ich ja immer bei Anrufbeantwortern gelandet, und die waren anspruchslos, was die Menge und Verständlichkeit meiner Rede angeht. Und sie nahmen es mir auch nicht übel oder wurden ratlos, wenn ich sie nicht verstanden hatte. Aber das eigentliche Ziel meiner Übungen war es ja nicht so sehr, France Télécom ein paar Francs Extraumsatz zu verschaffen, sondern eher mir eine Übernachtung. Also muss ich wohl oder übel auf gut Wetter hoffen. Und tatsächlich habe ich Glück. Die Dame des Hauses, von der es im Adressverzeichnis heißt, sie spreche ein wenig deutsch, ist zu Hause. Aber wie erwartet, verstehen wir einander nicht. Vielmehr missverstehen wir einander. Als ich dann das Wort Servas einige weitere Male fallen lasse, scheine ich doch eine Tür auf der anderen Seite aufgestoßen zu haben, und ich kann schließlich auch begreiflich machen, dass ich voraussichtlich gegen Abend bei ihnen eintreffen würde. Na ja, ob das jetzt alles so angekommen ist, wie ich es mir dachte…? Aber letztlich ist das Risiko gering. Wenn’s nix wird, schlaf’ ich halt in bewährter Weise. Die Frau scheint mir noch Tipps für die beste Anfahrt geben zu wollen. Ich schätze, das geht weit über meine kommunikativen Fähigkeiten hinaus. Wozu habe ich schließlich einen Atlas und die Adresse?— Eine neue Telefonkarte könnte ich langsam gebrauchen.

Und wie komme ich jetzt aus der Stadt heraus? Auf dieser Straße vielleicht. Nur die Richtung passt nicht ganz, der Sonne nach zu urteilen. Ich sollte einen Stadtplan haben. Aber in diesem Punkt kommen französische Orte, jedenfalls die meisten ab der Kategorie »Kleinstadt«, dem Reisenden sehr entgegen. An vielen Ortseingängen stehen Tafeln mit ausführlichen Ortsplänen, und zwar nicht nur für die Durchfahrt, sondern wirklich zu gebrauchen. Einer solchen »Karte« entnehme ich, dass dies tatsächlich nicht die richtige Richtung ist. Also zurück. Über einen Fluss und einen Hang hinauf, doch halt! Links ist ein Tabac-Laden. Oder ein Zeitungskiosk. Oder eine Bonboniere. Oder alles zusammen. Dort gibt’s jedenfalls Telefonkarten. Zwar habe ich meine Not damit, die Preise für die beiden Angebote mit der enthaltenen Anzahl von Einheiten zu vergleichen, um so das günstigere Teil zu ermitteln, was weniger an den Rechen- als mehr an den Sprachkünsten liegt… »Künsten«! Also, schon das Wort in näherer Umgebung meines Französisch! Letztlich ist der Unterschied nicht so groß – je Einheit jedenfalls. Ich plane noch viele Anrufe, also lange ich hin. Wie steht es um mein Budget? Ach was.

Kurz vor Charolles fällt mir eine interessante Brücke über das Tal auf. Das scheint die Umgehungsstraße für den wahrhaftig nicht so großen Ort zu sein. Sehr großzügig. Aber man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt wird’s ein bisschen schwierig. Zuerst muss ich die D25 finden, dann an der richtigen Stelle abbiegen und schließlich einen sehr steilen Berg hinauffahren. Auch das Wetter ist inzwischen schwierig geworden. Windig, zuweilen sogar ein paar Tropfen von oben, zusätzlich also noch bedeckt. Und an le Palais bin ich schließlich auch vorbeigefahren. Wo ist überhaupt dieses »le Palais«? Ich bin andauernd an irgendwelchen Gehöften vorbeigekommen, habe kleine Dörfer passiert, eher winzige Siedlungen, x-mal die Karte studiert, aber Ortsschilder scheinen hier Sammlerobjekte zu sein. Es gibt keine. Und dann bin ich in Aigueperse zu einer Zeit, wo ich eigentlich schon bei meinen Gastgebern eintreffen wollte. Bis dorthin sind es aber noch je nach Strecke bis zu 20 Kilometer. Mir fällt mein erster Tag in den USA ein. Halb zwei an Los Angeles International Airport, 60 Kilometer vor mir. Ja, und dann war plötzlich das Hinterrad verbogen, die Karte vom ADAC taugte nur für den Hintern, andere Karten waren nicht so ohne weiteres zu kriegen, Auskünfte musste ich zweimal einholen, um sie einmal zu verstehen, und von der Sonne glaubte ich, dass sie in Amerika im Osten untergeht, was zu einer Irrfahrt über die doppelte Distanz führte mit Ankunftszeit gegen halb elf, tief in der Nacht. So schlimm wird’s hier hoffentlich nicht werden. Ich suche mir eine Telefonzelle und »präzisiere« meine Ankunftszeit.

Wie geht’s jetzt weiter? Klar ist, ich muss über den Berg. Also, da nehme ich doch vielleicht lieber die längere, dafür landschaftlich schönere Strecke. Der Wind sollte zweckmäßigerweise aus einer anderen Richtung wehen, aber das kann ich mir nicht aussuchen. Ab der nächsten Kreuzung wird’s einfacher. Die D66, die dann schon einigermaßen »zielführend« ist, schlängelt sich in erträglichen Prozenten nach oben. Am ersten Pass biege ich ab, fahre erst durch buchstäblich dunklen Tann (schwarz wie die Nacht), dann quasi auf Almwegen und schmalsten -straßen wieder zu Tal. Hoffentlich war das nicht schon zu früh. Noch einen Berg brauche ich nicht. Brauche ich doch! Mussy liegt nämlich am Hang. Zwar beginnt es unten, und darum starte ich – da ich einmal im Tal bin – dort meine ersten Erkundungen zur Gastgeberfamilie, aber eine Straßenbezeichnung will nicht auftauchen, auch die Nummern sind völlig anders. Ist wohl nicht der richtige Ortsteil. Ich fahre unter einem riesigen Viadukt hindurch. Oben soll eine Bahnstrecke das Tal überqueren. Auf der anderen, der Sonnenseite (ja, sie scheint inzwischen wieder, wenn auch inzwischen hart an der Kante) erfahre ich die grausame Wahrheit: Ich muss hinauf, bis zur Eisenbahn. Aber warum auch nicht? Überschlagen habe ich mich heute ja nicht.

Als ich oben bin, ist die Sonne bereits verschwunden. Das wird problematisch. Wenn ich die Leute nicht allein finde, wen soll ich da noch fragen? Um die Zeit scheint hier niemand mehr auf der Straße zu sein. Und eine Telefonzelle ist auch weit und breit nicht zu sehen. Vielleicht unten im Tal. Haha.

Nur Mut und irgendwo angeklopft. Da macht sich noch jemand im Vorgarten zu schaffen. Ich halte der Frau mein Adressverzeichnis unter die Nase, und nach einigem Bedenken werde ich wieder in niedere Regionen des Ortes geschickt. Ich glaube, ich habe sie verstanden. Also denn. Ich rolle eine furchtbar steile Straße hinab und halte mit quietschen Bremsen vor einem einfachen Wohnhaus, klingele und bin – falsch. Aber dichter dran, wie es scheint. Das wird heute Abend noch eine richtige Fitnessübung. Wo geht’s jetzt hin? Nach einiger Diskussion kommt ein Auto. Der richtige Adressat wurde telefonisch benachrichtigt. Welch ein Service! Ah, die Tochter. Sie heißt Isabelle und begrüßt mich, und nach einigen Worten wird mir klar, dass ich den furchtbar steilen Berg wieder hinauf muss. Na, die Gangschaltung wird sich bedanken. Ich auch. Auf den letzten 50 Metern muss ich dann doch bei allem Stolz absteigen, obwohl ich »sûr« war, dass ich es schaffe.

Das richtige Haus macht einen besseren Eindruck. Man sieht, da steckt viel Arbeit drin. Erst später lerne ich, dass beaucoup de travaux genau das ist. Davon erzählt mir zumindest der Mann, Yvan. Er kann wohl ein paar Brocken Englisch, scheint aber nicht sonderlich scharf darauf zu sein, sie auszuprobieren. Dann nicht. Isabelle hat eine Zeit in Deutschland verbracht und spricht daher ein paar Worte deutsch. Aber ein besonderes Sendungsbewusstsein hat sie diesbezüglich auch nicht. Na ja, eigentlich wollte ich ja auch mein Französisch verbessern. Nur wo anfangen? Isabelle erzählt mir erst mal, warum sie am Telefon so lange gebraucht hat, mich einzuordnen. Yvan hatte nämlich in Deutschland einen Unfall, und sie meinte nun zuerst, dass der Unfallgegner am Telefon sei. Dieses Missverständnis zumindest hätten wir schnell aus der Welt geräumt.

Die beiden haben zwei Kinder und unwahrscheinlich viel Geschmack für die Einrichtung ihrer eher hohen als großflächigen Wohnung. Aus dem Dachgeschoss, wo ich mein Quartier aufschlagen soll, kann ich auf die Bahnlinie gucken, und hin und wieder kommt ein Triebwagen vorbei, ein TGV, wie Isabelle sagt. Das Prunkstück französischer Eisenbahntechnik scheint sie eher mit Ironie wahrzunehmen. Es fährt hier aber nicht lang. Die Strecke ist nicht elektrifiziert.

Für die Kinder bin ich der Fremde schlechthin. Was sollen sie mit jemandem anfangen, der zuerst von weit her kommt, dann auch noch auf dem Fahrrad, was in dieser geologischen Formation verständlicherweise nicht so sehr verbreitet ist, und dann versteht er kaum ein Wort, und was er sagt, ist auch nicht verständlich, egal, ob er deutsch spricht oder so tut, als spräche er französisch.

An dem Haus fällt auf, dass es tatsächlich vom deutschen Schema deutlich abweicht. Man betritt das Gebäude durch die Küche. Sie hat noch Platz für den Esstisch, und es gibt auch noch was zu essen, aber ich gebe mich, als hätte ich den ganzen Tag nichts getan und gerade ausführlich diniert.

Wir klären noch, dass ich am nächsten Tag da bleibe (muss ich an sich nicht haben, aber in den USA hatte ich mit meiner Weiterreise am jeweils nächsten Tag doch gelegentlich etwas Verwunderung ausgelöst, und das will ich hier nach Möglichkeit vermeiden), vielleicht eine kleine Rundreise mache. Dann schaue ich mir mit den Kindern noch einen Zeichentrickfilm an, verstehe natürlich nur Bahnhof – aber was macht das schon – und steige dann in meine Schlafetage hinauf. Es ist schrecklich viel Kram, den ich da ausbreite. Ich muss bei der nächsten Fahrt unbedingt weniger mitnehmen.

28. Mai

Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D31 – Belmont-de-la-Loire – D31xD8 – Cours-la-Ville – D64 Ranchal – D54 – Col de Favardy – Saint Nizier-d’Azergues – D9xD485xD9xD23 – Chénelette – D37xD485 – Chauffailles – D316 – Mussy-sous-Dun (79 km)

Der Tag geht los, und ich weiß nicht so richtig, was heute wird. Aller Voraussicht nach werde ich auch die nächste Nacht an derselben Stelle verbringen, also könnte ich mich faul von einer Seite auf die andere drehen. Allerdings ist das nicht Sinn eines Tages bei Servas-Gastgebern. Ich muss erst mal hören, wie meine Hosts sich das vorstellen, was sie heute vorhaben. Schließlich ist Werktag.

Bei diesem »Gespräch« (hoffentlich kann ich die Gänsefüßchen in späteren Jahren einmal weglassen) stellt sich heraus: Yvan geht arbeiten, zwar nicht vor Tau und Tag, aber wird eine ganze Zeit außer Haus sein. Auch Isabelle wird nicht den ganzen Tag zu Hause sein. In der Zeit des leeren Hauses werde ich wohl auch nicht da bleiben, also vielleicht eine Rundfahrt machen. Aber den Vormittag verbringe ich mit Beobachtungen und Kommunikationsversuchen. Dann wird es Mittag geben, und bis dahin werde ich wahrscheinlich eine kleine Rundreise konzipiert haben. Mein Vorteil wird sein, dass ich die Fressphase des Vormittags in Ruhe verbringe. Da schaffe ich sowieso keine langen Strecken. Also setze ich mich für eine halbe Stunde auf den Dachboden auf meinen Schlafsack, zähle Kilometer, beobachte einen »TGV« und habe zum Schluss einen unscheinbaren Rundkurs von gut 100 Kilometern zusammen. Der müsste wohl bis zum frühen Abend zu machen sein, wenn ich schon kein Gepäck mitnehme – außer vielleicht dem Flickzeug und dem Atlas. Isabelle nennt mich verrückt. Wieder einmal. Vorerst kocht sie Mittag. Sie benutzt dazu einen etwas antiquierten Schnellkochtopf, legt das Kochgut, ein großes Stück Fleisch, hinein, entzündet das Gas und überlässt die Angelegenheit sich selbst. Ich bin skeptisch. Einerseits wird sie wissen, was sie tut, und der Topf hat auch ein leistungsfähiges Sicherheitsventil. Andererseits benutze ich auch von Zeit zu Zeit einen Schnellkochtopf und weiß, dass die Hitze nach Erreichen des Maximaldrucks heruntergefahren werden sollte, weil sonst eben das Ventil anspricht und so nach und nach das Wasser verdampft. Und wenn das geschehen ist, unterscheidet sich ein angebranntes Essen im normalen Topf nicht mehr von dem im Schnellkochtopf. Dann ist ja auch der Druck weg. Es dauert ein paar Minuten, und dann beginnt das Hütchen wild zu tanzen. Der Dampf entweicht. Ich kümmere mich lieber um mein Gepäck. Das wäre wohl eine Anmaßung, wenn ich jetzt eigenmächtig nur aufgrund meiner Erfahrungen handeln würde.

Als Isabelle aus dem Ort zurückkehrt, weiß sie, dass sie früher hätte kommen sollen. Sie erklärt mir – auf Deutsch! –, dass sie keine gute Köchin sei und das Essen verbrannt hätte. Na ja. Kann mal vorkommen. Vom Fleisch ist noch was zu retten. Zuweilen wird es ja sogar über offener Flamme gegart.

Nach dem Essen fahre ich los. Draußen ist eine Affenhitze. Vielleicht hat Isabelle Recht. Jedenfalls geht es voran wie schlecht geölt, obwohl ich natürlich keinen Hunger habe. Selbstverständlich geht es so leichter voran als mit all dem Gepäck, aber es ist auch ungewohnt, vorn kein »beruhigendes« Gepäck zu haben. Der Lenker folgt jetzt jedem noch so kleinen Tipp, anstatt sich gemächlich auf die eigentliche Fahrtrichtung auszurichten. Und natürlich muss man schon zur Kenntnis nehmen, dass die Erleichterung vielleicht 20 Prozent beträgt, nicht etwa viel mehr. Das Fahrrad und ich bleiben nach wie vor. Auf den hinteren Gepäckträger habe ich meinen Atlas geklemmt, verpackt in seine bewährte Tüte. Außerdem findet sich darin noch das Werkzeug für eine Reifenpanne. Mehr darf nicht passieren.

Dass es nicht so recht vorangeht, liegt auch daran, dass das Tal bei Mussy, das ich zuerst durchqueren muss und über das der Viadukt führt, doch relativ niedrig liegt im Vergleich zu den Höhen, die meiner harren. Sind es am Anfang vielleicht gut 350 Meter über dem Meeresspiegel, so liegt die erste Anhöhe zwischen Belmont und Cours-la-Ville schon bei 680 Meter. Das sind an sich Kleinigkeiten, eine Stunde Aufstieg, aber eben nicht heute.

Die Landschaft ist dabei schön. Sie erinnert ein wenig an den Thüringer Wald oder das Erzgebirge, und wenn ich mir Mühe geben und hier mehr Zeit verbringen würde, bekäme ich vielleicht auf diesen Höhenzügen heraus, wo welche Wasserscheide verläuft, welche Gewässer sie trennt und wo die abenteuerlichsten Schienenstränge verlaufen. Hinter Cours freue ich mich nach den heftigen Steigungen gleich bei der Ortsausfahrt auf den ersten Wald, weil der mir sogar jetzt bei diesem hohen Sonnenstand Schatten spendet. Nach dem nächsten Höhepunkt bei 755 Metern scheint der Aufstieg erst mal geschafft. Es fährt sich jetzt ganz angenehm. Die Straße folgt glücklicherweise ziemlich konsequent dem Chaos der Höhenlinien, das die Geologie mir hier derzeit bietet. So weiß ich zwar nie genau, wohin die Fahrt geht, aber dafür kann ich mir die Dinge rechts von mir (wo das Tal liegt) aus mindestens zwei Himmelsrichtungen anschauen, manchmal fast rundum.

Kurz vor Ranchal hat der Spaß ein Ende, und es geht wieder bergan. Inzwischen bin ich so langsam zu Kräften gekommen – es scheint für meine Leistungsfähigkeit nicht so sehr darauf anzukommen, nach wie vielen Mahlzeiten oder wie viel Futter ich auf das Rad steige, sondern vielmehr darauf, dass ich meine Warmlaufphase unter möglichst angenehmen Bedingungen absolviere und dafür eine bestimmte Zeit zur Verfügung habe, so ein, zwei Stunden eben. Wenn ich stattdessen in des Tages Mitte Berge zum hors d’œvre nehme, macht’s eben weniger Spaß.

Die nächste Auffahrt führt über den Col de Favardy, den höchsten Punkt der heutigen Reise. Oben mache ich Pause und widme mich der Verpflegung. Ich habe Mühe, einen Sitzplatz zu finden. Zwar liegen da ein paar Fichtenstämme, aber die Borke ist so rau und meine Hose so dünn, dass dieser Sitzplatz bei aller Rustikalität und Natürlichkeit kein Vergnügen bietet. Da bin ich bald wieder im Sattel. Auf der Abfahrt wird es richtiggehend kühl, und je weiter es nach unten geht, desto steiler wird es. Michelin spendiert zwar mehrere Pfeile, aber sie stehen alle vereinzelt. Dass das hier nur maximal neun Prozent Gefälle sind, mag glauben, wer will. Wahrscheinlich hatten sie gerade keine Druckerschwärze mehr. Die Strecke endet so abrupt und steil, dass ich fast Not habe, an der Hauptstraße zum Stehen zu kommen. Ohne nennenswertes Gepäck auf dem Hinterrad hüpft das schon mal bei solcher Verzögerung – und dann bremst es natürlich nicht mehr. Aber das Fahrrad steht, und jetzt stellt sich allmählich die Frage, ob die ausgearbeitete Route angesichts der fortgeschrittenen Zeit durchgeboxt werden sollte. Ich mache nicht lange ’rum und kürze zehn bis 15 Kilometer. – Als ich einem Klappern am Vorderrad nachgehe, muss ich feststellen, dass nun auch der zweite Lowrider an einer Strebe gebrochen ist und nunmehr stärker schwingen wird als bisher. Tragen kann er das Gepäck zwar noch, aber wie lange, das wird sich erweisen.

Nachdem ich die Hauptstraße (die D485) wieder verlassen habe, geht es erneut in die Berge, aber zuerst versuche ich ein paar Zeichen von der Gleisschleife zu erkennen, die hier vorbeiführt. Die Brücke der Bahn über die Bahn (der »TGV« von Mussy) liegt jedoch auf der anderen Seite der Berge. Die werde ich dann vielleicht morgen sehen, wenn es in Richtung St. Etienne nach Süden geht. Der weitere Weg ist sehr schön. Am Rande eines flach ansteigenden Tals führt die sehr ruhige Straße langsam wieder in die Höhe; erst später nimmt der Anstieg etwas zu. Auf zehn Kilometern sind 250 Meter zu bewältigen. Das hält sich durchaus im Rahmen.

Oben angekommen, folgt eine scharfe Linkskurve, und nun bin ich auf direktem Weg »nach Hause«. Der einzige ernsthafte Berg, der jetzt noch kommt, liegt in Mussy selbst. Zwar brauche ich an der großen Kreuzung zwischen Kamm- und Passstraße (und einem weiteren Abzweig) eine Weile, um herauszufinden, wohin ich denn nun rollen darf – denn es geht praktisch in alle Richtungen mehr oder weniger bergab –, aber nachdem das geklärt ist, zögere ich nicht weiter, denn die Schatten werden länger, und ich will ja nicht erst zu nächtlicher Stunde zurückkommen. So war das jedenfalls nicht gedacht.

Die Fahrt bis Chauffailles ist eine Wucht. Die Pfeile, die Michelin vorhin vergessen hat, haben sie hier verschwendet. Welcher Depp macht bloß so viele Fehler?! Ansonsten ist die Karte exzellent, aber was die Steigungsangaben betrifft, reicht sie nur zum Feuermachen. Das Gefälle liegt hier bei vielleicht drei bis vier Prozent. Ich muss sogar nachtreten, wenn ich auf Touren bleiben will. Aber das macht ausgesprochen großen Spaß. Die Landschaft fliegt an mir vorbei, irgendwann kreuze ich wieder »meine« Eisenbahn, und ich bewundere die Straßenbaukünste, die in dieser keineswegs ebenmäßigen Topologie eine so gleichförmig abfallende Straße zuwege gebracht haben. Auf dem Weg nach Mussy komme ich noch einmal an einem Viadukt über ein Seitental vorbei (wahrscheinlich waren von dem großen Viadukt noch ein paar Steine übrig, denn Bauart und Stil sind identisch) und bin kurz darauf wieder bei meinen Gastgebern in Mussy. Einen meiner Montierhebel habe ich unterwegs verloren. Das hatte ich schon während der Fahrt befürchtet, weil die Tüte für den Atlas natürlich eine riesengroße Öffnung hat. Nur Konsequenzen hätte ich noch daraus ziehen müssen. Vielleicht finde ich ihn ja morgen, was aber natürlich davon abhängt, wo ich ihn verloren habe.

So aufregend wird der Abend nicht. Yvan fährt weg – was er genau macht, verstehe ich nicht so richtig –, und dieses Missverständnis kennzeichnet dann auch die ganze Begegnung: Ich müsste mehr Französisch können, vor allem verstehen, um so etwas wie eine holperige Plauderei auf die Reihe zu kriegen. So herrscht eher Verlegenheit. Na ja, vielleicht im nächsten Jahr oder bei jemandem, der ein bisschen englisch spricht oder gar deutsch. Der Tag endet letztlich so ähnlich wie gestern. Morgen geht’s wieder hinaus in die weite Welt.

29. Mai

Mussy-sous-Dun – D316 – Chauffailles – D485 – Chamelet – D82 – Croix de Thel – Valsonne – D13xD65e – Tarare – D38xD4 – Saint Laurent-de-Chamousset – Sainte Foy l’Argentière – D4xD34 – Chazelles-sur-Lyon – D12 – Saint Galmier – Saint Just-Saint Rambert (136 km)

Am Morgen schnüre ich meine Pakete wie gewohnt, also etwas umfangreicher als noch am Tag zuvor. Heute sind mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit ein paar mehr Berge zu bewältigen; es geht weiter in die Welt hinaus, und ich will sehen, dass ich am Morgen nicht so lange trödele. Dann habe ich nämlich nach den ersten 16 Kilometern, die sich kräftemäßig auch in Grenzen halten dürften, eine einigermaßen bequeme Fahrt vor mir. Jene 16 Kilometer sind die letzten von gestern, nur in umgekehrter Richtung. Da kenne ich mich also schon aus. Zuvor verabschiede ich mich aber von meinen Gastgebern und verspreche ihnen, nach meiner Reise ein Lebenszeichen von mir zu geben. Ich weiß nur noch nicht so richtig, wie ich das erzeugen soll. Aber da wird mir schon was einfallen. Zeit zum Überlegen habe ich jetzt ja reichlich.

So schön, wie die Abfahrt gestern war, so leicht nimmt sie sich jetzt während der Auffahrt. Wie mit dem Lineal gezogen geht es nach oben. Ich passe auf, ob ich irgendwo den Montierhebel sehe, aber die Chancen stehen denkbar schlecht, und so finde ich auch nichts. Das ist hier zwar noch nicht die letzte Chance, aber nachher komme ich nur noch an einer zwei oder drei Kilometer langen Passage vorbei, die ich gestern auch benutzt hatte. Das ist wohl aussichtslos. Ich werde es verschmerzen, zumal das übrige Equipment noch ausreicht, um mit jeder Reifenpanne fertig zu werden – vorausgesetzt, sie ist nicht so verheerend, dass sie auch mit einem zusätzlichen Hebel nicht mehr in den Griff zu kriegen wäre.

In Übereinstimmung mit allen meinen Erfahrungen und Theorien zu Hangthermiken weht mir der Wind bei der Abfahrt in Richtung Lyon ins Gesicht; es geht aber noch – es bleibt sozusagen eine Abfahrt. Über 25 Kilometer habe ich praktisch eine ideale Warmwerde-Strecke, wie ich sie gestern als wünschenswert beschrieb. Dann ist allerdings Schluss mit lustig. Ich biege rechts ab und komme als erstes unerwarteterweise an eine weitere Kreuzung. Hier weist die Karte nur eine Straße aus, nicht gleich drei. Ich fahre erst mal geradeaus, weil das von der Richtung am ehesten stimmt, allerdings auch dem Leidensweg am ähnlichsten. Die anderen Richtungen schließen Kompromisse mit der Geologie, meine nicht. Es geht »in« den Berg. Dass es nicht steiler wird, ist nur der Tatsache zu verdanken, dass hier ein Bach sein Bett gegraben hat. Meiner Ansicht nach ist er noch nicht lange genug am Werk; denn es ist wirklich sehr steil. Ich habe doch ernste Zweifel daran, dass dies hier nicht mehr als neun Prozent sind. Das alte Lied mit Michelin. Hinzu kommt eine affige Hitze. So sehen also die Vergnügungen eines Aktivurlaubs aus. Aber jeder Meter, den ich hinter mich bringe, ist ein Meter weniger vor bzw. über mir. Und mit dieser Philosophie erreiche ich schließlich das Croix de Thel in gerade mal 650 Meter Höhe. Das gibt noch keinen Eintrag im Guinnesbuch der Rekorde. Verlieren wir keine Worte darüber. Stattdessen setze ich mich an den Waldrand und denke über die Welt im Allgemeinen und über Kartographen und ihre Unfähigkeit im Besonderen nach. Dies ist nicht der letzte Berg heute. Also sollte ich mich nicht mit wehleidiger Rückschau aufhalten. Immerhin bin ich oben und kein bisschen geschwächt. Oder doch? Das wird sich erweisen.

Die Abfahrt nach Valsonne ist dafür umso angenehmer. Die Straße ist sehr schmal und sehr ruhig. Mit einer vernünftigen Gangschaltung könnte ich hier den ganzen Tag ’rauf und ’runterfahren. In Valsonne muss ich mich zwischen dem kürzesten und dem landschaftlich schönen Weg nach Tarare entscheiden. Was für eine Frage! Natürlich nehme ich den schönen. Um ihn zu erreichen, muss ich jedoch erst ein paar Kilometer weiter ins Tal in Richtung St. Clément fahren. Das werde ich dann wohl wieder hinaufklettern müssen. Ach was, die paar Meter. Beim nächsten Abzweig biege ich rechts ab. Kurz darauf gabelt sich die Straße, und ich nehme den rechten, der Beschilderung nach Tarare folgend. Glaube ich jedenfalls. Der Anstieg lässt mich die gerade überstandene Auffahrt rasch vergessen. Die »paar Meter« hinab nach St. Clément reuen mich allerdings rasch. Neun Prozent? Mindestens 14! Es wird so steil, dass ich sogar mal absteige. Aber das ist auch nicht gerade leicht. Also wieder in die Pedale. Ich bewältige den Berg in Serpentinen, von denen die Straßenbauer sicherlich nichts wissen, immer im Zickzack über die Straße. Es ist ein Elend, und so herausragend ist die Landschaft dabei keinesfalls. Als mich ein Auto überholt, verfolge ich sein Motorengeräusch so weit wie möglich, um den weiteren Verlauf und ein mögliches Ende des Anstiegs erahnen zu können. Ich kann es noch sehr lange knattern hören. Das ist kein rechtes Ziel für diese Schinderei. Da müssen andere Motivationen her, Nahziele gewissermaßen. Es bleibt schwer.

Aber auch dieser Anstieg hat irgendwann ein Ende, und als ich dann mal wieder einen Blick auf die Karte mit Hoffnung auf Perspektive werfe, erkenne ich meinen Irrtum. Dies ist eine recht kurze, zwar viel zu flach klassifizierte, aber nicht grün markierte Straße. Ich hätte wohl vorhin dem linken Zweig folgen müssen. Der wäre sicherlich auch flacher gewesen, denn er ist deutlich länger. Habe ich nun also die Beschilderung falsch gelesen? Jetzt ist diese Erörterung ohnehin müßig. Wenn ich das nächste Mal hier vorbei komme, weiß ich Bescheid. – Ortseingang von Tarare. Ah, diese Stadt hat eine Partnergemeinde in Allemagne. Wo liegt das Nest?! In Badenwürtenberg? Ah ja, die besuchen sich wohl nicht allzu oft. Ich ziehe den Kuli heraus und korrigiere drei Fehler. Na gut, von weitem wird das nicht zu sehen sein, aber vielleicht sieht’s ja doch mal jemand. Im Grunde müsste das dann bei der Ausfahrt ja so ähnlich aussehen, aber ich bin ja nicht gekommen, um Städtepartnerschaften zu retten.

Hier sollte ich mir mal ein schattiges Plätzchen suchen und wieder etwas Substanzielles essen. Es wird Zeit. Indes kann ich Runden drehen, wie ich will – es gibt nur geschlossene Läden. Zwar würde kaum ein vernünftiger Mensch bei dieser Hitze freiwillig arbeiten, aber es gibt ja auch unvernünftige, was man schon daran sehen kann, dass ich jetzt unterwegs bin, und dann bleiben noch die Unfreiwilligen. Es dauert einige Zeit, bis ich einen Laden finde. Dann versorge ich mich, suche mir eine Bank, und dort finde ich es für die Dauer meiner Mahlzeit ausgesprochen lauschig.

Ausfahrt: Abseits der Hauptstraße geht es wieder in die Berge. Höher hinaus als bisher heute, aber diesmal nicht so steil, und das allein bestimmt die Tonart der Musik. Je mehr ich an Höhe gewinne, desto angenehmer wird die Landschaft. Bald kann ich die ganze Stadt überblicken, und irgendwann versinken auch die bisherigen Pässe unter mir, allerdings auch in der Ferne im Dunst. Nach wie vor weht ein frisches Lüftchen, und je weiter ich nach oben komme, desto intensiver wird es. Zwar unterstützt mich der Wind nicht gerade, aber ich empfinde ihn auch nicht als Handicap. Als ich schließlich wieder einmal einen Höhepunkt erreiche und mich im Schatten eines einzelnen Baumes zur Stärkung setze, veranstaltet der Wind einen Pauken- und Trommelwirbel mit der Informationstafel neben mir. Wie lange wird die das wohl aushalten? Ein paar Meter neben mir hält eine junge Frau mit ihrem Kleinwagen und macht sich auf den Weg zu einem nahegelegenen Hügel. Nach einer Wanderung sieht das nicht gerade aus. Sie hat nur eine Decke dabei. Vielleicht will sie in der Nachmittagssonne eine längere Arbeitspause verbringen. Das wäre jetzt was! Aber ich verwerfe rasch den Gedanken. Sonnenanbeter bin ich ja nicht gerade. Und außerdem würde mir ohne jede Bewegung bei dieser Bestrahlung sofort der Schweiß ausbrechen, und kein Fahrtwind wäre da, der ihn wegtrocknete. Na gut, an sich ist auch ohne Fahrt genug Wind da. Einerlei. Das würde mir viel zu viel innere Unruhe erzeugen, einfach dazuliegen und nichts zu tun.

Also geht’s nach beendeter Mahlzeit weiter. Die Straße geht nicht immer den direkten Weg nach Süden. Mal mehr nach Südwesten wie jetzt, mal eher nach Südosten wie nach dem nächsten Abzweig. Kurz vor St. Laurent überholt mich ein PKW sehr knapp – und in dem Moment, als die Beifahrertür direkt neben mir ist, schreit mich einer an. Dieses Arschloch! Den müsste man doch direkt aus dem Verkehr ziehen. Aber sie werden wohl nicht freiwillig gegen den nächsten Baum fahren. Ich bin ja auch nicht freiwillig vor lauter Schreck in den Straßengraben gefahren. Aber erschreckt haben sie mich schon. Das war nicht die Situation, wo ich mit knappem Überholen rechnete, denn es herrschte kein Gegenverkehr. Was kann ich in meiner Wut jetzt machen? Einfach auch mal losschreien? Es würde wohl kaum jemanden beeindrucken, denn es ist keiner da. Zwar habe ich das Kennzeichen des Wagens, aber was soll ich damit? Er ist über alle Berge. Oder auch nicht. Der Wagen kommt kurz hinter der nächsten Ortseinfahrt aus einer Seitenstraße heraus. Na, und jetzt? Mit Steinen werfen? Ich habe keine. Er sieht meinen Mittelfinger. Das ist an sich schon etwas leichtsinnig, denn die stärkeren Argumente hat allemal er, aber was soll er jetzt machen? Mich umfahren? Vor aller Augen im Stadtverkehr? Zwar drehe ich mich nicht um, denn das würde mich unsicherer erscheinen lassen, als ich mich tatsächlich fühle, und den Gefallen will ich ihm auf keinen Fall tun, aber zwischen meinem Rücklicht und seinem Kotflügel sind kaum mehr als fünf Meter – so viel ist sicher. Auf spontane Bremsversuche verzichte ich jetzt also lieber. An der nächsten Kreuzung muss ich abbiegen, und seine Richtung scheint das nicht zu sein. Damit bin ich ihn wohl los – bzw. sie, denn es waren ja mehrere Insassen im Wagen. Wer hat wohl jetzt in dieser Szene letztlich das bessere Gefühl gehabt? Wahrscheinlich er. Und wäre das anders gewesen, wenn ich ihn nicht zurückgeärgert hätte? Gewiss nicht. War es also eine gute Idee von mir? Wahrscheinlich auch nicht, aber ich habe das Gefühl, nicht gänzlich passiv geblieben zu sein. Letztlich bin ich der Schwächere, aber einmal angenommen, ich hätte jetzt nur so zum Spaß ein Auto – was wäre dann? Dann könnte ich ihn auch nicht einfach anfahren. Um ihn wirklich zu ärgern, müsste ich wahrscheinlich ein paar scharfe Tetraeder haben, die ich ihm vor die Reifen schütten könnte, solche Dinger, wie ich sie mal in einem Film gesehen habe, wo sie genau dem Zweck dienten, einen Transporter zu stoppen, indem man ihm die Reifen zerlöcherte. Nur: Über die Dinger würden wahrscheinlich auch Unbeteiligte fahren. Aber so ist das im Kampf – man kann ihn kaum ausfechten, ohne dass Unbeteiligte auch etwas abbekommen. Also war die reale Variante vielleicht doch die beste.

Als Ziel strebe ich für heute St. Etienne an. Da wird es langsam Zeit, sich um die Übernachtung zu kümmern. Ich krame meine Adressverzeichnisse heraus. Bei nächster Gelegenheit sollte ich einfach mal anrufen. Das Verzeichnis »Radfahrer empfangen Radfahrer« (CAC) weist für zwei Nachbarstädte von St. Etienne Adressen aus, eine davon beherbergt sogar den Organisator des französischen Verzeichnisses. Das wäre vielleicht auch mal nicht schlecht. Ein erster Anruf von Ste. Foy aus ergibt zunächst mal gar nichts. Also fahren wir doch erst aus dem Tal heraus. Vielleicht sind auf dem Berg die Verbindungen besser. Und bis dahin vergeht auch etwas Zeit. Der normale Mensch geht ja tagsüber an Wochentagen arbeiten. Was erwarte ich also?

Die Auffahrt zieht sich hin. Der Höhenunterschied ist Arbeit für eine Stunde. Oben erreiche ich ein Dorf, und gleich am Ortseingang, hinter einer Kirche, steht eine Telefonzelle. Also, in St. Etienne wird das heute wohl nichts. Versuche ich es also noch einmal in St. Just. Zwar wollte ich ein Stückchen weiter kommen, aber was soll’s, wenn ich dafür vielleicht ein paar nette Gespräche habe? Und tatsächlich – es nimmt jemand ab. Ich stelle mich auf französisch vor, so gut das geht, und frage dann aber angesichts der viel versprechenden Eintragungen im Adressverzeichnis nach, ob mein Gegenüber auch englisch spricht. Er, Julien Launay, tut es, und sogleich funktioniert die Konversation viel flüssiger. Ja, ich könne heute Abend kommen. Da gäbe es nur ein Problem: Er selbst sei mit seiner Freundin zu Freunden eingeladen und werde wohl erst sehr spät zurückkehren. Wenn ich wolle, könne ich mit zu den Freunden kommen. Hm, ja, warum nicht, aber es dauert noch eine Weile, bis ich da bin. Das sind immerhin noch etwa 30 Kilometer, und nein, in einer Stunde ist das beim besten Willen nicht zu schaffen. Also gut, dann ruf, sobald Du da bist, folgende Nummer an. Er sagt mir die Nummer. Wir verabschieden uns bis auf weiteres. Also, jetzt habe ich ja ein Ziel. Folglich ändere ich meine Route, was zur Folge hat, dass ich nach zehn Kilometern die grün markierten Straßen verlasse. Die Fahrt führt ganz allmählich in die Ebene hinab, dorthin, wo irgendwo und irgendwann die Loire kommen muss. Das ist ja immerhin ein Fluss nicht gänzlich ohne Bedeutung. Verpassen sollte ich das nicht.

Die weitere Fahrt ist nicht spektakulär. Ich gerate ein wenig in den Feierabendverkehr, aber es läuft nichts ab, was mich beunruhigen, erregen oder gar erschrecken könnte. Niemand verliert die Ruhe, also warum sollte ich? Und auf diese Weise lande ich schließlich auch in diesem Konglomerat, das sich St. Just-St. Rambert nennt. Ich irre durch die Stadt, bis ich den vereinbarten Platz finde, hinter einer Eisenbahnbrücke, gegenüber einem Supermarkt und in der Nähe eines Friedhofes. Hier muss das wohl sein. Ich verkrieche mich erneut in einer Telefonzelle und rufe an. Ja, ich komme und hole Dich ab. Derweil esse ich mal wieder. Zehn Minuten später fährt ein staubiger Wagen vor, und mein Gastgeber, ein Mann Anfang 30, steigt aus. Wir verständigen uns darauf, dass ich ihm einfach hinterherfahre. Über Stock und Stein, unmöglich zu finden, finde ich mich schließlich abseits aller Straßenschilder und Hausnummern vor einem Haus wieder, das er sein eigen nennt und in dem er mit seiner Freundin Bernadette wohnt. Sie ist noch auf der »Party«, also jedenfalls bei diesen Freunden. Ich packe aus, dusche mich rasch, ziehe mich etwas frischer an, steige wieder in sein Auto, und dann braust er los. Man kann nicht gerade sagen, dass er rast, aber das Fahrwerk hat auf der schlechten Straße extrem zu leiden, denn als angepasst kann sein Tempo auch nicht gelten. Wenige Minuten später sind wir da. An einem Hang stehen einige neue Häuser, durchaus Mittelstand repräsentierend…, jungen Mittelstand, denn die Gegend will erst noch wieder mit Bäumen bepflanzt werden, und bis die Schatten spenden, sind die Kinder alle aus dem Gröbsten ’raus – auch die, die erst noch gezeugt werden, um die Familie zu vervollständigen. Hier hat sich heute Abend die Elterngeneration getroffen, und man speist zu Abend. Es gibt Wildschwein. Das meiste ist allerdings bereits aufgeteilt, aber ich bin ja nicht hergekommen, um mir hier als Wildfremder den Bauch vollzuschlagen, sondern um vielleicht das eine oder andere Wort zu verstehen. Na ja, und so kommt es dann leider auch: Nur das eine oder andere. Nach einer Vorstellungsrunde nehmen die Gespräche ihren Fortgang, und ich begnüge mich damit, Gestik, Mimik und Temperament vor allem eines der Männer zu verfolgen und zu bewundern – so reden junge Franzosen, wenn sie jemanden überzeugen wollen und es ihnen dann auch gelingt, oder wenn sie unterhalten wollen und sie auch dies schaffen. Worum es geht, kann ich nur ahnen, und das ist auch wirklich nicht wichtig. Was mir zunehmend wichtiger wird, ist die nächtliche Kühle. Nachdem die Sonne im Westen über den beachtlichen Höhenzügen des Zentralmassivs glutrot untergegangen ist, tröstet noch eine Weile die Dämmerung, aber als die dann schließlich auch ausgeknipst ist, wird es richtiggehend kühl. Und ich Depp habe meine langen Hosen gegen kurze, mein langes Hemd gegen ein kurzes eingetauscht, und jetzt bin ich in diesem Aufzug nicht nur der einzige, nordisch scheinbar Frostsichere, sondern bewege mich auch noch kein bisschen, und dabei sind Pulsschlag 145 und Blutdruck 160 doch das, was mich schon seit Tagen begleitet und normal für mich ist. Der Kreislauf muss doch jetzt förmlich in konzertierter Aktion aller äußeren Einflüsse zum Stillstand kommen! Nach anderthalb Stunden, als – freilich fürs Abräumen des Tisches – eine Frau ins Haus geht, folge ich ihr einfach mit einer Schüssel in den Armen, um einen Grund zu haben, ein paar Minuten im wärmenden Haus verbringen zu können. Ich komme mit der Frau auf Englisch ein wenig ins Gespräch. Na bitte, was man dann auf einmal alles erfährt!

Gegen Mitternacht brechen wir zu dritt wieder auf. Wäre er nicht so kalt gewesen, hätte es ein richtig netter Abend werden können. Aber das war ja nun meine Schuld. Zu Hause angekommen, wird mir der Arbeitsraum (mit Büroausstattung, vielen Fotos von Kanadareisen und einigen Büchern) zur Schlafstatt angewiesen. Jetzt ist Schlafen angesagt. Ich sehe mich noch ein bisschen um, bevor ich mich im Schlafsack verkrieche. Da fällt mein Blick auf einen Bildband: La Tour du Monde. Mal gucken… Ist nicht wahr! Ein französisches Ehepaar mit dem Fahrrad um die Welt, in 17 Jahren, durch -zig Länder aller Kontinente, mit so und so vielen Pannen, Ersatzteilen für Lenker, Felgen, Reifen, Speichen etc. etc. Ich versinke in dem Buch, das mehr Bilder als Text enthält. Dagegen sind meine Reisehärten doch wirklich Kinderkram. Die letzten fünf Jahre haben sie noch ein Kind durch Nord- und Südamerika gezogen, dann noch durch Afrika, um kurz vor seiner Einschulung wieder Frankreich zu erreichen. Das ist ja der Hammer… Es ist sehr früh, als ich das Buch ins Regal zurückstelle und im Schlafsack verschwinde. Das wird eine kurze Nacht!

30. Mai

Saint Just-Saint Rambert – D8 – Saint Etienne – le Bessat – D8xD2 – Bourg Argental – D503xD501xD61 – Dunières – D61xD501 – Montfaucon-en-Velay – D105xN88xD103 – Larcenac (139 km)

Es sei denn, man steht später auf. So geschieht es, und als ich wach werde, habe ich den Eindruck, dass ich sogar der erste bin, der im Haus wach ist, aber es ist ja immerhin auch Sonntag. Nun, im Grunde könnte ich mich dann also noch einmal umdrehen, weil ich nach Möglichkeit weder ohne Abschied noch »ungefrühstückt« das Haus verlassen will, wobei letzteres nicht so ein Drama wäre, weil das bürgerliche Frühstück unter den jetzigen Umständen ohnehin nur etwas für den hohlen Zahn ist. Ich ziehe es aber vor, mich schon mal so weit fertig zu machen, wie das ohne Frühstück möglich ist, damit sich meine Abreise dann nicht weiter verzögert. Aus der Waschmaschine hole ich meine Hose – das ist doch etwas Reales, jetzt mal wieder klebemittelfrei bekleidet zu sein –, mein Schlafsack wird zusammengerollt und verstaut, und während ich die letzten Handgriffe dabei tue, sind Anzeichen weiteren wachen Lebens im Haus zu vernehmen. Na gut, wenn ich mich jetzt noch müde fühle und noch kein Essen auf dem Tisch steht, könnte ich mich ja einfach noch mal auf den Boden legen. Ich blättere stattdessen erneut in dem Buch über die Weltreise. Das macht schon Eindruck. Aber ich werd’s wohl nicht nachmachen.

Bald darauf versammeln wir uns zu dritt in der Wohnküche – zum bürgerlichen Frühstück. Wir unterhalten uns ein bisschen über die Kanadareise der beiden, über den französischen Dachgeber, über meine weiteren Reisepläne, aber das ist immer so eine Sache. Wenn ich Franzosen erzähle, durch welche Orte die Reise noch gehen wird, könnten sie meinen, ich führe durch ein anderes Land, weil sie die Ortsnamen aufgrund meiner falschen Aussprache nicht verstehen. Und am zehnten Tag einer Reise, wo gerade mal etwa 20 Prozent der gesamten Strecke mit dem eher weniger anspruchsvollen Teil der Fahrt absolviert sind, möchte ich auch keine Luftschlösser aufbauen. In Albertville könnte ich vielleicht locker darüber plaudern, dass ich plane, mein Gefährt und mich demnächst nach Deutschland ausrollen zu lassen und vorher noch über drei, vier nette Pässe fahren müsse, wenn ich vorher glaubhaft machen kann, dass ich schon einige Tausend Kilometer hinter mir habe. Aber hier – gut, 1000 sind es inzwischen auch, aber so weit haben es schon viele gebracht. Bald beginnt die Phase, die Stehvermögen verlangt, und die liegt noch vor mir. Da bleibe ich doch lieber verhalten mit meinen Ankündigungen und Absichtserklärungen.

Spät geht die Fahrt los. Ich muss jetzt erst mal wieder auf den rechten Weg zurückfinden; denn St. Just lag abseits meiner Route. Ich habe St. Etienne vor mir, und es sieht nicht so aus, als führe daran ein Weg vorbei. Nun, warum nicht, wenn wenigstens einer direkt hineinführt.

Zunächst mal muss ich aus dem Loiretal wieder heraus. Ich kann jetzt gar nicht mit Sicherheit sagen, ob ich sie eigentlich gesehen habe, aber ich denke, ja. Einen Fluss habe ich überquert, vielleicht auch zwei; allein – sie waren nicht annähernd so gewaltig wie der Gedanke, den ich in Deutschland zu entwickeln pflegte, wenn die Rede auf die Loire kam. Aber klar ist auch, dass jeder Strom irgendwo seine Quelle hat und in deren Nähe meist nicht so bedeutend erscheint. Und von der Mündung sind wir hier jedenfalls noch ein ganzes Stück entfernt. – Die direkte Fahrt hinein ins Herz der Metropole gestaltet sich indes als nicht so einfach wie gedacht. Vierspurige Straßen führen hinein, so scheint es jedenfalls nach dem Studium der Karte, aber das ist erstens ganz allgemein nicht so die Welt, und zweitens ist es womöglich auch noch für Radfahrer gesperrt. Kann ja sein. Im Moment bin ich noch in der Phase der Annäherung, und das geht ganz gut, auch wenn ich das Gefühl habe, dass die Straße irgendwie östlich abzudriften droht, vorbei an der Stadt und letztlich entweder überhaupt nicht oder an der falschen Stelle in die Berge. – Ein paar Radfahrer überholen mich. Rennräder, bunte Trikots, gebeugte Rücken, drahtige Körper, eine Frau und vier Männer surren an mir vorbei, ohne Atem und Lust zu einem Gruß. Es ist schrecklich! Müssen die eigentlich international solche Stoffel sein? Oder sind sie es nur gegenüber den geradezu antitrendigen Reiseradlern oder weil die so vergleichsweise langsam sind und betrachtet aus der Höhe sportlichen Ehrgeizes eigentlich Verachtung verdient haben?

Die Eroberung der Stadt wird dann tatsächlich ein bisschen zu einer Fahrt im Labyrinth. Da kommt mir zupaß, dass sie auf hügeligem Land erbaut wurde und von der einen oder anderen Anhöhe einen Blick erlaubt, der der Orientierung dienen kann. Es dauert eine Weile, bis ich richtig »drin« bin, und dann dauert es wieder eine Weile, bis ich die richtige Ausfahrt gefunden habe. Vorher besuche ich noch eine Boulangerie und kaufe mir Baguettes und ein Ökobrot und lasse es mir noch einmal richtig gut gehen, bevor die lange Auffahrt in die Berge kommt. Ein Blick auf die Uhr: Es ist eine Schande! Mittag ist vorbei, und ich habe gerade mal lächerliche 25 oder 30 Kilometer hinter mir. Das werden heute keine Meilensteine.

Obwohl die Stunde nicht die günstigste zum Bäume ausreißen ist, obwohl der Höhenunterschied aber durchaus ein wenig daran erinnert, und obwohl auf der Route recht lebhafter Verkehr herrscht, mache ich mich schließlich unverdrossen an die Arbeit, und es macht Spaß. Die Landschaft ist wirklich sehenswert, und wenn sich der Verkehr hinter mir rücksichtsvoll staut, weil der Gegenverkehr hinter einer Kurve nicht einsehbar ist, dann winke ich die Fahrzeuge vorbei, sobald ich jedenfalls sehen kann, dass ein Überholen gefahrlos möglich ist. St. Etienne ist schon nach kurzer Zeit meinen Blicken entschwunden, eine Aussicht aus großer Höhe ist auf dieser Route nicht möglich. Na ja, muss ja vielleicht auch nicht sein.

Auf 1200 Metern Höhe findet ein Markt statt. Händler haben auf einer Parkspur ihre Buden aufgebaut und verkaufen dort Dinge, von denen ich eigentlich annehmen möchte, dass man derentwegen wochentags nicht so weit fahren muss und sie auch unbedenklich auf Vorrat kaufen kann – Käse zum Beispiel. Möglicherweise handelt es sich hier eher um ein Weekend-Happening, um Shopping, wie wir so schön neudeutsch sagen, also einfach um das Erlebnis, heute und hier einkaufen zu können, egal, was es ist. Etwas abseits des größten Händlerhaufens setze ich mich hin, um mich nach dem Aufstieg zu stärken. Zwei deutsche Pilgerinnen tun es mir gleich. Sie sind zu Fuß unterwegs, wobei offen bleibt, ob sie gelegentlich auch trampen, aber sie haben jedenfalls noch einen weiten Weg vor sich, wollen nach Santiago de Compostella – oder so ähnlich, jedenfalls irgendwohin in Spanien, und das ist in der Tat noch ein weiter Weg.

In le Bessat erfahre ich in einem Fahrradladen, wo sich die nächste trinkbare Quelle befindet, muss zwar ein wenig suchen, werde schließlich aber fündig. Wenn ich mir den Laden so angucke, und wenn ich mich daran erinnere, was ich insgesamt so an Fahrradläden bisher gesehen habe, dann fällt mir auf, wie stark sich die Händler auf Rennräder und ziemlich teure Ausrüstungen verlegt haben. Das Radfahren scheint in Frankreich nicht nur ein populärer Rennsport zu sein, sondern darüber hinaus substanziell zum Bruttosozialprodukt beizutragen. Da entstehen echte Kosten. Ich finde mich daran gemessen eher auf einem Billigtrip. Aber das gilt ja nicht nur für meine Ausrüstung, sondern für den ganzen Stil meiner Reise. Da bin ich mir wenigstens treu.

Mein Tretlager wäre an sich auch ein Fall für einen Fahrradhändler. Es knackt bei jeder Umdrehung – nicht laut, aber vernehmlich… und vor allem lästig. Ich vermute, das liegt daran, dass die Größe nicht hundertprozentig mit der des kurz vor Antritt der Reise ’rausgeworfenen übereinstimmt, und jetzt ist ein kleines Spiel zwischen dem Außengewinde der Lagerverschraubung und dem Rahmengewinde, und unter dem Einfluss der Kletterkräfte hat sich das bis zu einem mechanisch relevanten Spiel erweitert. Und nun spüre und höre ich es. Ich hasse solche Effekte! Aber was soll ich tun? Wenn ich jetzt hier in den Laden ’reingehe, ist nur sicher, dass ich eine Menge Geld loswerde. Ich werde dem Menschen nur schwer begreiflich machen können, was mein Problem ist. Dann wird er nur mit geringer Wahrscheinlichkeit sagen können, was ich anstelle dessen, was ich habe, brauche, solange das jetzige Lager eingebaut ist, und wenn ich richtig Pech habe, würgen wir das aktuelle Teil unter irreversibler Beschädigung aus dem Rahmen heraus, um festzustellen, dass das benötigte Teil nicht vorrätig ist. Und dann stehe ich erst noch auf dem Schlauch! Wobei bei dem Rahmen aus der Schweiz und dem, was Heiner in Erlangen über die französische Gewinde gemurmelt hat, die Chancen wiederum nicht so schlecht stehen, in diesem Land grundsätzlich etwas Passendes zu finden. Aber kann ich davon ausgehen, dass der Rennradmarkt überwiegend inländisch bedient wird (und dementsprechende Gewinde hat)? Und schließlich würde mir möglicherweise ein Hightech-Teil angedreht werden (nicht notwendigerweise aus Gewinnsucht, sondern weil der Mann vermutlich schlicht nichts anderes hat), das ein Mehrfaches dessen kostet, was ich in Deutschland nach sorgfältiger Suche für das absolut Notwendige bezahlen müsste. Wie dem auch sei, diesen Gedanken spinne ich lieber nicht weiter. Das muss eben einfach gehen. Aber die Erörterungen zur Technik lassen sich ausweiten. Der Reifen auf dem Hinterrad macht einen ziemlich erledigten Eindruck. Gut, das wusste ich im Prinzip schon in Erlangen, aber die letzten zehn Tage haben die Spuren vertieft, den Pneu weiter verdünnt oder besser: abgenutzt, und jetzt macht er schon fast einen kriminellen Eindruck. An der einen oder anderen Stelle wird bereits das Gewebe sichtbar. So was wäre im Stadtverkehr schon x-mal dem Glas oder sonstigen scharfen Dingen auf dem Radweg zum Opfer gefallen. Aber zumindest solche Gefahren existieren auf der Landstraße eher selten, weil da vom Kraftverkehr alles in kürzester Zeit vom Asphalt gefegt wird, und das ist der ganze und einzige Grund dafür, warum man ausgerechnet für große Reisen alte Reifen aufziehen kann – man muss nur genügend davon dabei haben. Ich fahre nach wie vor einen Ersatzreifen spazieren, und vorerst zögere ich noch, ihn einzusetzen, denn dann ist diese Kategorie von Ersatzteilen erschöpft.

Nach diesem Höhepunkt geht es nun wieder etwas bergab, und ich stehe jetzt vor der Entscheidung, ob ich hier vielleicht ein paar Kilometer, auch ein paar Höhenmeter zugegebenermaßen, einsparen könnte. Im Grunde liege ich zwar gut im Rennen, nur treibt mich ein wenig der Gedanke um, dass Rundtouren wie die von vorgestern ja nicht geplant waren, und wenn sich nun noch weitere Doppelübernachtungen bei Servas-Dachgebern ergeben, dann wird es zusätzliche Verzögerungen oder/und Ausweitungen der Reise gegeben, die nicht geplant waren. Nichts gegen Spontaneität, im Grunde ist es ja genau das, was ich versuche und auch ursprünglich im Sinn gehabt habe, aber es wäre mir unangenehm, womöglich das eine oder andere geplante Highlight der Route solchen Unternehmungen opfern zu müssen. Ich habe mir pro Tag etwa 20 Kilometer Reserve gelassen, und die will ich gerne für so was aufzehren, aber wenn’s mehr wird, muss ich über das Normale hinaus fahren, und dann wird die Reise ganz leicht doch zur Hetzjagd. Das hätte ich ganz gern voll unter Kontrolle – und darum diese Überlegungen. Also gut, kürzen wir ab, lassen wir St. Julien aus, was immer ich dabei verpasse. Die alternative Abfahrt ist jedenfalls sehr schön und schier endlos lang, und weitere Aufstiege bleiben mir damit keinesfalls vollständig erspart. In der schönsten Nachmittagshitze erreiche ich Bourg Argental, und von dort geht es zunächst leicht an die nächste Höhe. Sechs, sieben Kilometer später hat die Spielerei ein Ende, und dann ist erneut Substanz gefragt. Allerdings haut es mich nicht um. Die Auffahrt kostet halt nur Zeit. Ich fahre an einem Schwimmbad vorbei, und da das bei diesem Wetter und solcher Anstrengung leicht demoralisierend wirken kann, halte ich mir vor Augen, dass mich ein Abstecher ins Bad dem Pass keinen Meter näher bringt, dass nach einer wie auch immer gearteten Erfrischung jeglicher Kühleffekt hinüber ist, sobald ich zwei Minuten wieder im Sattel sitze und dass, was das Wichtigste ist, dort ein solcher Betrieb ist, dass einfach mal in Ruhe zwei, drei Bahnen zu ziehen schlicht illusionär wäre. Mit anderen Worten: Die Trauben sind mir doch viel zu sauer.

Weiter geht’s. Nach der Abfahrt verbringe ich einige Zeit in Dunières. Das war an sich nicht meine Absicht, aber hier wollte ich eine kleine Schleife fahren, also vielleicht eher eine Beule, um mich ein paar »gemütliche« Kilometer lang von einer Eisenbahnstrecke begleiten zu lassen (was ja nicht so steil werden kann), auch ist diese Strecke wieder grün markiert – nur: Die Beule lässt sich nicht so leicht finden. Nun könnte man in einer Ortschaft zu ebener Erde praktisch beliebig hin und her und im Kreis fahren, ohne viel Schweiß mit dem Auffinden der korrekten Ausfahrt zu vergießen. Dunières allerdings liegt mitnichten in der Ebene. Und so fahre ich den Hang hinunter, wieder hinauf, erneut hinunter und diesmal noch ein Stück weiter, dann noch einmal hinauf. Es lebe der Sport! Irgendwann resigniere ich und fahre die nächstbeste Strecke hinaus – um dann nach einigen Kilometern festzustellen, dass es genau die gewünschte Straße ist. Und wo verläuft dann die Hauptstraße, auf der ich vorher unterwegs war? Na ja, ist nicht so wichtig. Die Eisenbahnstrecke neben der Straße macht jedenfalls einen abenteuerlichen Eindruck. Die Gleise sehen fast aus wie einfach auf den Acker geworfen – na gut, das ist wohl etwas übertrieben, aber die Stöße verbinden keinesfalls fluchtende Gleisstücke, so dass sicherlich kein so enormes Tempo erforderlich ist, um einen Zug zum Entgleisen, wenn nicht gleich Umkippen zu bringen. Es kommt allerdings kein Zug, schon gar kein schneller, und ich frage mich, ob hier überhaupt noch etwas verkehrt.

Auf der Strecke kriege ich noch eine imposante Brücke über einen nicht minder imposanten Fluss zu sehen, und zum späten Nachmittag hin wird die Landschaft immer romantischer, weil die Härte der Tageshitze und der großen Berge wegfällt, der Ginster an allen Ecken und Enden akzentuierte Farbtupfer setzt und die meisten Landschaftsdetails eine deutliche Spur kleiner werden, überschaubarer, vielleicht sogar ein wenig gemütlicher.

Ich nähere mit Yssingeaux, fahre aber letztlich daran vorbei, und die Frage, die mich jetzt bewegt, ist die, ob ich heute noch le Puy erreiche. Ich will mich an die Stadt über das Loiretal annähern, muss also (und bin wegen des starken Verkehrs auch froh drum) die Hauptstraße verlassen und fahre dazu in Richtung Retournac. Obwohl nahe liegend, ist dies keineswegs eine durchweg abschüssige Angelegenheit. Ich darf noch mal kneten, aber als der Fluss dann erreicht ist, scheint dieses Thema für heute gegessen zu sein. Das Loiretal macht was her. Es ist schon ein relativ tiefer Einschnitt in das umliegende Bergland, keine Frage, und die inzwischen tief gesunkene Sonne erhöht die Romantik um die Dörfer beiderseits des Flusses, eine Eisenbahnlinie, eine Straße, mal diesseits, mal jenseits des Wassers und natürlich die eine oder andere Stauung.

Dass es jetzt nur noch gemütlich ganz leicht aufwärts zur Quelle gehen würde, stellt sich schnell als Irrtum heraus. Keineswegs folgt die Straße ohne eigenen Willen jeder Krümmung des Flusses, sondern macht sich auf in die Berge, und ich kann noch von Glück reden, dass es nicht ganz hinauf geht, vor allem, dass die Eskapaden bald ein Ende haben und mich nun nicht bis nach le Puy begleiten. Das würde erheblich Kraft kosten, vor allem unerwarteterweise. Eine realistische Abschätzung ergibt, dass nach den 36 Kilometern neben der Loire finstere Nacht ist, und die Frage, ob ich das schaffe, ist nicht so relevant wie die, ob ich das will. Die Antwort ist, dass ich nach Möglichkeit gut unterkommen will. Und das erweist sich als ein Problem. Mal scheitere ich tatsächlich erst, nachdem ich die Frage gestellt oder auch nur neugierig einen Hof betrachtet habe, der so aussieht, als gäbe es dort Zimmer – in den meisten Fällen stehe ich jedoch nur vor einem Restaurant oder einer Wirtschaft und stelle Betrachtungen über die Kosten einerseits und die Geräuschkulisse andererseits an (wozu mich rauschende Partys im Gastraum bewegen und die Überlegung, die eventuell noch freien Schlafräume könnten genau darüber liegen, was zum Schlafen weniger zielführend wäre). Letztlich ist das irgendwie alles nichts, auch sonst ist in den Ortschaften kein Fleckchen erkennbar, das ich für geeignet hielte, dort mein müdes Haupt zu betten, und so fahre ich eben immer weiter. Einen Sportplatz schaue ich mir an, jedenfalls einen Flachbau daneben – alles zu; auch ein einzeln stehendes Haus, fast schon ein Châlet, aber das wiederum sieht nicht genügend unbewohnt aus. Alles nichts. Weiter geht’s. Schließlich reicht es mir: Ich biege rechts von der Hauptstraße ab, fahre unter einer Eisenbahnbrücke hindurch auf eine ungemähte Wiese, breite Isomatte und Schlafsack aus und schlafe dort wie früher die armen Handwerksburschen auf Wanderschaft (nur dass die keine so fortschrittliche Ausrüstung wie ich hatten), jedenfalls komplett unter freiem Himmel. Regnen sollte es also besser nicht, aber das wird schon nicht passieren.

31. Mai

Larcenac – D103xD136xD13xN102 – Le Puy – N102 – Polignac – D13 – Saint Paulien – D906 – Bellevue-la-Montagne – D1 – Craponne-sur-Arzon – D9xD202xD111xD251 – Saint Just – D251xD205xD38 – Ambert – D906 – Courpière – D58 – Saint Dier-d’Auvergne – Mauzun – D997xD306 – Egliseneuve-près-Billom (156 km)

Der Morgen ist unerquicklich. Zwar hat es nicht geregnet, aber trotzdem ist alles feucht: Der Schlafsack vom Morgentau – glücklicherweise ist die Nässe nicht durchgedrungen – und meine Beine vom Schweiß – und der klebt auch noch. Da gebe ich mich nicht lange Tagträumen hin. Raus aus dem Sack! Ups, da kommt gerade ein Zug vorbei. Aber egal, ich stehe ja nicht splitternackt auf der Wiese. Rasch ziehe ich mir Hemd, Hose und Schuhe an, und nun kann’s eigentlich losgehen, aber ein kleines Frühstück wäre vielleicht kein Fehler.

Bei dieser Gelegenheit wird der Honig alle. Das wird auch Zeit. Irgendwie ist Honig nicht der Joint, der mich die Berge hinaufbringt. Er ist mir, so paradox das vielleicht klingen mag, zu süß. Schokolade ist mir lieber, auch wenn sich deren Fett dem Körper sicherlich nicht so leicht erschließt wie Zucker. Trotzdem hat der Honig in den letzten Tagen nicht gerade wie ein Dopingmittel gewirkt; irgendwie zeige ich Schwächen. Aber ich werde halt älter. Daran wird’s wohl liegen… Du lieber Himmel! Sollte ich vielleicht schon mal Kontakt zur Firma Denk aufnehmen? Und meinen Nachlaß regeln?

Schon nach den ersten Metern fällt mir wieder ein, dass mein Hintern und der Sattel keine Freunde sind. Also, es kann doch nicht sein, dass der Sattel schon wieder so weit durchgesessen ist, dass ich jetzt erneut auf dem Stahl sitze! (100 oder 200 Kilometer hinter den Vogesen hatte ich nach längeren ähnlichen Leiden auf einmal die Eingebung, einen Blick unter das Leder zu werfen, und nach ein paar Handgriffen saß es sich wesentlich gefederter als zuvor – aber das liegt inzwischen wieder eine beachtliche Strecke zurück.) Aber was ist es dann? Geht das Fahren neuerdings nur in Jeans? Oder mit drei dicken Unterhosen? Oder ist der Sitzspeck schon restlos weggeschmolzen? Das muss bei so viel Arbeit doch möglich sein, ohne danach gleich die Reise einstellen zu müssen. Wieder einmal kommen mir Zweifel daran, dass der Brooks-Sattel wirklich das optimale Sitzmöbel auf zwei Rädern ist. Er hat zwar eine schöne Federung, aber weich ist er weiß Gott nicht, im Gegenteil: eher hart wie ein Stück Holz. Ich habe den Verdacht, dass die Anpassungsfähigkeit des Leders doch nicht so groß ist wie in der Werbung angepriesen. Hoffentlich gibt sich das bald wieder, sonst wird es ein lustiges Reisen.

Le Puy kommt näher. Allerdings biege ich zwei oder drei Kilometer vorher rechts ab, praktisch auf eine Baustelle. Ich fahre also praktisch an der Stadt vorbei. Wenn ich jetzt noch wüsste, was ich hier eigentlich wollte… Das ist nämlich ein Problem beim Abfahren einer blanken Route: Entweder ich finde gut oder schön oder interessant, was ich entlang der Strecke so sehe, oder eben nicht. Sollte mir beim Durchstöbern der Prospekte zum Beispiel ein Weinkeller interessant erschienen sein, so werde ich den nicht zu Gesicht bekommen, weil mein Routenblatt keinerlei Zusatzinformationen enthält. Trotzdem ist er auf der Reise mein Stecken und Stab; denn ohne ihn kann ich nur noch wild durch die Botanik geistern – ohne eine Spur von Gewissheit, rechtzeitig wieder zu Hause zu sein. Die paar kopierten Blätter aus dem Fahrradreiseführer enthalten da mehr Informationen, aber noch bin ich nicht in Südostfrankreich, so dass ich von diesem Vorteil derzeit nicht profitieren kann. Also, das war sicherlich ein Mangel in der Planung, den ich künftig vermeiden sollte. Die einzige Lösung besteht momentan in Zufällen (also beispielsweise einem genügend großen Schild, das auf einen exzeptionellen Weinkeller optisch so überzeugend hinweist, dass mir das als Motivation genügt) oder in der Erinnerung an den eigentlichen Grund für diesen Schnörkel in der Route. Aber letzteres ist eine schwache Hoffnung, denn die Bildbände, die ich während der Auswahl der Ziele durchblätterte, waren so rasch abgehandelt und wieder in der Bibliothek, dass ich mir da kaum etwas gemerkt haben dürfte.

So viel weiß ich aber sicher, und das weist sogar mein magisches DIN-A4-Blatt aus (aber nur, weil es außerdem noch auf der Karte verzeichnet ist): Hier soll es irgendwo Basaltfelsen geben, die als Orgelpfeifen bezeichnet werden, weil sie senkrecht und sechseckig im Querschnitt (formschlüssig) nebeneinander in erstaunlich exakter Gleichmäßigkeit und beachtlicher Anzahl emporragen. Außerdem ist die Festung Polignac ausgewiesen, eine Burgruine auf hohem Felssockel. Diese Ziele werde ich also nicht vergessen, und Polignac wird schon bald rechts vor mir sichtbar. Zuerst will ich aber zu den Orgelpfeifen, denn die liegen südlicher, und letztlich geht es heute wieder nach Norden, genauer: nach Nordwesten. Bei dieser Gelegenheit komme ich durch le Puy, und vielleicht fällt mir dort auf, was mich interessieren sollte. Also kehre ich Polignac vorerst den Rücken und halte wieder direkt auf die Stadt zu.

Und tatsächlich: Als ich von oben in einen der besseren Stadtteile einrolle, breitet sich links von mir die ganze erstaunliche innerstädtische Topographie aus. Und was Besonders auffällt, war auch mein Motiv für die Reise hier her: Eine Kirche auf einem kleinen, hohen Berg, in seiner Form am besten mit einem Zuckerhut vergleichbar. Man darf sich also fragen, wie die Bauleute vor vielen Jahren das Baumaterial auf die Spitze dieses Berges gebracht haben, der möglicherweise wie so vieles hier vulkanischen Ursprungs ist. Die Kirche – oder Kapelle – bedeckt dabei so ziemlich die gesamte einigermaßen flache Oberfläche, ist aber wesentlich kleiner, d.h. niedriger, als der Berg selbst hoch ist. Sie ist sozusagen das Häubchen auf einem viel größeren Kuchen, und ich frage mich, ob sie ausschließlich zur Ehre Gottes oder auch zur Einkehr der Gläubigen erbaut worden ist, was quasi einer Büßerfahrt gleichkommen musste. Andernorts scheuen Touristen den Aufstieg in den Glockenturm, und hier muss schon bis zum Parterre des Gotteshauses eine wesentlich größere Höhe überwunden werden. Ich werde jetzt nicht dort hinunterfahren, um meine Kletterkünste zu erproben. Am Ende gibt es keinen oder keinen gerade geöffneten Weg nach oben – dann kann ich mich unverrichteterdinge wieder aus dem Tal strampeln. Nein, viel einfacher ist es doch, von hier aus ein Foto zu machen. Das ist leichter gesagt als getan. Es liegt nämlich ein Schleier über der Stadt, und als ich durch den Sucher blicke, stelle ich außerdem fest, dass der Berg aus dieser Entfernung samt Kirche eher unscheinbar wirkt. Also krame ich meinen Konverter heraus, aber das macht die Sache noch viel schlimmer. Zwar füllt das Motiv jetzt das Foto, allerdings scheint die zusätzliche Optik noch einen Extraschleier über den vergrößerten Ausschnitt zu legen. Es kommt eine sehr grauhaltige Aufnahme zustande. Das wird wohl eher nicht die Wucht. Jetzt also zu den Orgelpfeifen.

Ich verlasse le Puy wieder, und nun kommt die spannende Suche nach dem, was in einem Maßstab 1:200000 einen knappen Zentimeter breit eingezeichnet ist. Demnach könnten die Felsen fast zwei Kilometer breit sein. Das sind sie natürlich nicht. Die Autobahnen sind ja auch nicht 600 oder 700 Meter breit, nur weil sie auf der Karte eine Breite von drei bis vier Millimetern aufweisen. Michelin mag sich rühmen, präzise Karten herauszugeben, aber die Dominanz all dessen, was asphaltiert ist, gegenüber Gebieten, die für die Zielgruppe eher unbefahrbar ist, scheint nach gemeinsamem Verständnis aller Herausgeber, die für die rollende Klientel arbeiten, eine erhebliche Verzerrung der Maßstäbe zu rechtfertigen. Natürlich muss man alles noch erkennen können, damit die Lupe beim Studium der Karte entbehrlich bleibt, aber vieles ließe sich realistischer, d.h. schmaler, darstellen. Michelin kennzeichnet lobenswerterweise wenigstens die besonders schmalen Straßen dadurch, dass sie tatsächlich sehr schmal gezogen werden. Dass dann eine Abstufung in vier Grade vorgenommen wird, scheint nur für LKW-Fahrer interessant zu sein, denn ob eine Straße drei oder acht Meter breit ist, interessiert die wenigsten. Vielmehr muss meistens zügiges Fahren möglich sein. Auch wenn es gewöhnungsbedürftig sein mag, hätte man etwas phantasievoller bei der Farbgebung sein können. Damit hätten sich viele verschiedene Kategorien und Breiten von Straßen bei gleich schmaler Zeichnung darstellen lassen. Aber auf mich hört ja keiner.

Die Orgelpfeifen scheinen vom Erdboden verschluckt worden zu sein. So was muss doch sichtbar sein, und wenn nicht, so muss wenigstens ein Hinweisschild existieren. Nichts. An der Stelle, wo sie spätestens kommen müssten, wo der Ort auch aufhört und wo die Auffahrt allmählich ein Ende hat, entscheide ich mich zur Offroad-Exploration der Gegend. Nach einigem Hin und Her, auch einigen Fragen, mache ich mich schließlich über den Hof und einige Grünanlagen eines Hotel, also über Privatgelände, auf den Weg in die Büsche. Also, wenn’s denn tatsächlich hier sein sollte, dann muss es entweder viel bessere Stellen geben, oder diese geologischen Dinge interessiert ansonsten kein Schwein.

Und ich werde fündig! Nach vielleicht 100 Metern ragen rechts die Orgelpfeifen steil auf, na ja, senkrecht eben. Allerdings sind schon einige von ihnen abgebröckelt und liegen nun als Brocken von vielleicht doppelter Fußballgröße mit noch erkennbarem sechseckigem Querschnitt, aber teilweise schon bemoost, herum. Etwas dichter an die noch stehenden Teile heranzukommen, ist gar nicht so einfach, denn auf dem Trümmerhaufen herumzuklettern, erfordert eine möglichst gute Einschätzung der Beständigkeit des Materials. Es soll ja möglichst nicht die ganze Schräge ins Rutschen kommen. Und einen Knöchelbruch kann ich jetzt auch nicht gebrauchen, also sollte ich nicht ausrutschen. Von der Stadt aus dürften die Orgelpfeifen auch mit einem guten Fernglas kaum noch zu sehen sein, denn am Fuß der Trümmerhalde erhebt sich ein Wald, der mindestens die untere Hälfte der Szene verdeckt. Na ja. Gesehen habe ich sie also. Und ein Foto habe ich natürlich auch gemacht, aber so die Wucht war’s nicht direkt. Bin schließlich auch kein Geologe.

Die Gegend ist enorm vom Vulkanismus geprägt. Rechts der Straße ist so etwas wie ein Steinbruch, und überall tritt das schwarze Gestein zutage. Man könnte meinen, hier werde Steinkohle oberirdisch abgebaut, aber das täuscht. Die Orgelpfeifen waren übrigens nicht so dunkel. – Nach einigen Minuten gerät Polignac wieder in mein Blickfeld. Auf denn, stürmen wir sie. Zunächst mal steigt die Straße, und die Ebene, aus der sich die Festung erhebt, versinkt rechts neben mir. Auf diese Weise habe ich einen Blick auf das Plateau der Burgruine. Aus der Entfernung ist zwar nicht sehr viel zu erkennen, aber dass es eine Ruine ist, bleibt außer Zweifel. Alles scheint von einem grünen Flor überzogen. Die Natur holt sich eben zurück, was man ihr nicht immer wieder entreißt. Dann biegt eine Nebenstraße zum Dorf Polignac ab. Ich folge ihr, komme in die Siedlung – die praktisch um die Burg herumgebaut ist –, und was mich nun nur noch interessiert, ist die Stelle, an der ich mit der Auffahrt oder wenigstens dem Aufstieg beginnen kann. In der Tat scheint das Ziel eher für Fußgänger zugänglich zu sein. Ich muss Treppen und steile Wege überwinden, aber noch will ich das Fahrrad nicht abstellen, dann das hieße ja auch, all den Kram aus den Augen zu lassen, der da mehr oder weniger diebstahlsfreundlich angehängt und festgeklemmt ist. Meine Erkundungen enden vor einem verschlossenen Tor, das mir verrät, dass die Festung nur am Nachmittag zugänglich ist. Also, das kann doch wohl nicht wahr sein! So ein paar Steinhaufen brauchen doch nicht verschlossen zu werden. Aber die Franzosen sehen das anscheinend anders. Was kann man da tun, vielmehr: Was kann ich da tun? Das Tor ist ohne Zweifel verschlossen. Das habe ich schon überprüft. Der Blick durch das verhältnismäßig große Schlüsselloch befriedigt meine Neugier nicht hinreichend. Wie wär’s, wenn ich das Bauwerk stürmen würde, die Mauer hinauf? Aber diese Möglichkeit müssen die Erbauer auch schon im Auge gehabt haben. Ob sie damit nicht weit genug gedacht hatten und die Burg deshalb heute so aussieht, wie sie aussieht, oder ob das einfach der Verfall im Laufe der Zeit war, sei mal dahingestellt, aber um jetzt hier die Wand hochzugehen, müssten mich stärkere Motive als einfach nur Neugier antreiben. Das sieht doch etwas gefährlich aus. Vor allem: Runterwärts wär’s noch krimineller. Da sähe ich dann nicht so gut, wohin ich trete. Das ist alles recht ärgerlich, aber eben nicht zu ändern. Und bis zum Mittag warte ich hier nicht, so viel steht fest. Bis auf die paar Treppen, die ich mein Gefährt und seine Fracht hochgewuchtet hatte, war ja kaum ein Weg umsonst. Die Burg lag sozusagen auf meinem Weg.

Weiter geht’s also. Und das Geschäft bleibt zäh und mühsam. Ich sollte mal meine Vorräte aufstocken. Ob ich wohl schon ein paar Kilo abgenommen habe? Die Berge werden jetzt immer greifbarer, aber so, wie ich mich fühle, habe ich eher zugenommen, und wenn ich mir morgens meine »Nierenschützer« ansehe, dann brauche ich mir um meine Nieren wenigstens keine Gedanken zu machen. Da scheint sich nichts verändert zu haben. Die ganze »Diät«, d.h. die Versuche, auf fettreiche Nahrung zu verzichten, fruchtet irgendwie nicht. Aber angesichts ziemlich »leerer« Taschen ist das jetzt schon einerlei. Einkaufen tut langsam not. Aber das ist gar nicht so einfach. Kaum ein Laden hat geöffnet. Um genau zu sein: Erst mal hat kein Laden geöffnet. Der einzige Weg zum Futter führt über Restaurants, und auch dort bin ich mir keineswegs sicher, etwas Substanzielles zwischen die Kiemen zu kriegen. Allerdings versuche ich es erst gar nicht. Nur für Selbstbedienungsläden und vielleicht die Boulangerien gilt: What you see is what you get. Vorerst gehe ich an meine Kraftreserven und verzehre zwei Packungen Powerbar. Erst in Bellevue finde ich einen Bäcker, der nebenbei noch Getränke und Schokolade verkauft. Wasser bekomme ich kostenlos, eiskaltes sogar. Und ich verzeichne als eine wichtige Erfahrung: Montags, zumindest vormittags, hat man beim französischen Einzelhandel schlechte Karten.

Ein Blick auf die Karte lehrt mich, dass ich ganz schön abgehoben agiere. Die Straße verläuft hier und auf den nächsten 20 oder 30 Kilometern auf einer Höhe von ca. 1000 Metern. Na gut, das ist nichts Ungewöhnliches. In den Vogesen war ich noch höher. Aber dort war das auch zu sehen: Links oder rechts tiefe Täler. Hier bin ich einfach nur oben und alles andere um mich herum ebenso. In Craponne versuche ich erneut, etwas zu ergattern, aber es will mir nicht gelingen, ein geöffnetes Geschäft zu finden. Wenige Kilometer später entschädigt mich allerdings die Landschaft für meine Entbehrungen. Links vor mir tut sich ein breites, tiefes Tal auf, und es sieht ganz so aus, als wäre jetzt eine lange Talfahrt angesagt. In der Tat wird die Abfahrt immer flotter, aber dann zweigt meine Route entlang einer Nebenstraße rechts ab und geht wieder in die Höhe. Das muss man dann wohl mit Gleichmut nehmen, aber die Fahrt durch den Wald entschädigt mich für die Anstrengung. Das Tal sehe ich vorerst nicht wieder.

Als ich dann aber oben bin, verläuft der Weg sichtlich im Hochland. Das heißt nicht, dass links und rechts tiefe Schluchten gähnen. Die Landschaft ist im Gegenteil sehr flach und mit einer Mischung aus etwas zerzausten Nadelwäldern und kleinen Äckern überzogen. Aber ich kann förmlich riechen, dass es irgendwo tief hinab gehen muss. Nun, im Grunde ist das keine Kunst, denn erstens habe ich das Tal schon gesehen, und zweitens genügt ein Blick auf die Karte. Nach zehn oder 15 Minuten wird das Dore-Tal auch wieder sichtbar, und die Route führt erst streng an der »Kante« entlang, senkt sich dann aber doch langsam hinab. Die Szene ist traumhaft. Die kleinen Dörfer sind das perfekte Feriendomizil, und so werden sie wohl auch genutzt. Die Landwirtschaft muss hier oben anstrengend sein; konkurrenzfähig mit den Ebenen im Norden ist sie gewiss nicht. Und wovon, wenn nicht vom Fremdenverkehr, sollte hier jemand leben? Von der Fahrt ins Tal? Ja, natürlich, aber ich kann mir so was fast nicht vorstellen, weil ich nicht jeden Tag eine beachtliche Strecke mit dem Auto zur Arbeit und wieder zurück fahren würde, wobei zusätzlich ein Höhenunterschied von einem halben Kilometer zu überwinden ist. Das kostet letztlich auch etwas.

Auf der anderen Seite des Tals ist schemenhaft die Fortsetzung des Gebirges zu erkennen. Das ist allerdings mindestens 15 Kilometer entfernt. In der Talsohle verläuft die D906, die ich in Bellevue verlassen hatte, und so viel ist ganz sicher: Dort ist es langweiliger. Also genieße ich die leichte Abfahrt, die Landschaft unmittelbar um mich herum, die angenehme Temperatur (hier oben ist es doch etwas frischer als unten im Tal), und auf diese Weise erreiche ich schließlich die Schussfahrt, bei der wieder eher die realistische Einschätzung des Straßenbelags und der nächsten Kurve gefragt ist – und natürlich die Verläßlichkeit der Bremsen – als die beschauliche Erbauung an der Flora. Bei diesem Gefälle ist die Ebene bald erreicht. Die Karte zeigt an, dass die Straße nun nahezu parallel zum Fluss verläuft, noch ein klein wenig darauf zuhält, also könnte es noch ganz leicht und sympathisch abwärts gehen, aber für meine besondere Sympathie ist es letztlich zu flach. Dennoch, die Abfahrt war eindrucksvoll genug.

Was wird jetzt? Gibt es in Ambert vielleicht endlich was zu futtern? Ich werde es sehen. Gleich an der Ortseinfahrt erblicke ich links so etwas wie einen Süßwarenladen, vielleicht auch so ein Tabac-Geschäft, in dem es von Briefmarken, der Tageszeitung und… na ja, das hatten wir schon – jedenfalls alles Mögliche gibt. Um wählerisch zu sein, stehen meine Aktien einfach viel zu schlecht. Ich betrete das Geschäft. Es ist alles nicht so, dass ich davon träumen würde, aber ich greife tief in die Tasche, nachdem ich Erwägungen über kohlenhydratorientierte Ernährung auf Reisen konsequent über Bord geworfen habe. Ab heute wird gesündigt, wie es mir passt. Ich bin doch in der Vergangenheit nicht so schlecht mit meinen Instinkten gefahren. Als ich mit vollen Händen den Laden wieder verlasse, erlebe ich ein Musterbeispiel von einem Generationenkonflikt: Oma, Mutter und Kind stehen mitsamt ihrem Wagen vor dem Geschäft (dumm freilich von der Mutter, hier überhaupt erst angehalten zu haben), und nun erlebe ich, wie die Oma und ihr Enkel konzertiert Einlaß begehren, damit… tja, damit was? Damit die ältere Generation mal wieder punkten kann? Natürlich habe ich keine Ahnung, wie es in der Familie zugeht, ob sie alle unter einem Dach wohnen, welche Rolle die Eltern und welche die Großeltern spielen. Jedenfalls kann die Mutter sich hier nicht durchsetzen. Ob sie das bei zahllosen früheren Gelegenheiten bereits gründlich vergeigt hat, kann ich natürlich nicht beurteilen, aber wäre ich an ihrer Stelle, dann hätte es ein deutliches Wort gegeben.

Mit Vorräten für den Rest des Tages breche ich auf, allerdings ist im Stadtzentrum schon wieder Schluss: Der Wochentag scheint angebrochen zu sein; denn alle Geschäfte haben geöffnet, und sogleich betrete ich den nächsten Supermarkt. Diesmal habe ich nicht nur die Hände voll, sondern noch diverse Taschen, und diesmal reichen die Vorräte garantiert für mehr als nur 24 Stunden. Damit ich alles verstauen kann, lange ich gleich noch einmal hemmungslos hin, und nach dieser Völlerei ist die Welt wieder in Ordnung und alles zur Weiterfahrt bereit.

Wieder entlang der D906 geht es nun weiter in Richtung Nordwesten, weiter neben dem Fluss, also vorerst wahrscheinlich zu ebener Erde. Ob es nun daran liegt oder an dem Festessen – es flutscht nur so. Allerdings ist auf der Straße ganz schön was los. Dank neuer Kräfte hoffe ich dieses Nadelöhr aber bald zu verlassen. Nach den ersten 30 Kilometern muss ich allerdings erst mal – gemeinsam mit allen anderen Fahrzeugen (außer der Eisenbahn) – das Tal verlassen. Es geht über den Berg, wahrscheinlich weil das Flusstal zu eng oder zu schützenswert ist. Aber ich nehme den Anstieg relativ gelassen. Schokolade musst du essen, dann sieht die Welt viel freundlicher aus! Wenn das kein Werbeslogan wäre.

Erst in Courpière verlasse ich die Hauptstraße, damit einher geht ein scharfer Richtungswechsel. Über die D58 fahre ich nunmehr fast in Richtung Süden. Das ist natürlich keine auf Länge bzw. Kürze optimierte Route, sondern wieder eine entlang »grüner« Straßen. Und diese ist wirklich grün. Die Strecke verläuft fast durch einen Urwald, diesmal zwar entlang eines Bachs bergauf, aber der Aufstieg bleibt moderat, und die Kurven und das mal helle, mal dunkle Grün machen’s einfach. Hier gibt’s keine phänomenale Aussicht, keine Schlucht oder sonstige spektakuläre Landschaftsbilder. Nur das scheinbar ungebremste Wachstum fasziniert.

Nach der guten Hälfte des Weges verlässt die Straße den Bach und geht über in die Ebene. Ein kleiner Stausee zeichnet ein weiteres Fotomotiv. Aber ich lasse die Kamera stecken. Es wird noch viele geben. – In St. Dier ist erneuter Richtungswechsel. Jetzt geht es wieder nach NW. Langsam muss ich mir überlegen, wie weit es heute noch gehen soll und wo ich übernachten werde. Aber noch steht die Sonne am Himmel. Ich fahre ihr hinterher.

Neben der Route gibt es laut Karte ein Château, vielmehr eine Ruine. Na gut, es wird nicht das letzte sein. Aber an der Straße weisen auch Schilder auf dieses Bauwerk hin, und das macht mich dann doch neugierig. Also verlasse ich für Mauzun die Hauptstraße und rolle in das Dorf hinab. Dahinter ist die Ruine bereits gut erkennbar. Ich stelle das Fahrrad unten auf einem Hof ab – das Dorf wirkt wie ausgestorben – und stapfe den Hang hinauf. Der Bau könnte fast ein Park sein, so viel Grün hat sich schon in seinem Inneren breitgemacht. Durch einen der eher inoffiziellen Eingänge (Löcher im Mauerwerk) komme ich hinein, Warnschilder ignorierend. Im Innenhof wuchert ein Wald. Hindurch führen einige Trampelpfade, die wohl weniger von Touristenführern als mehr von Abenteurern gebahnt wurden. Ich folge dem bequemsten, um mich zu den Mauerkronen vorzuarbeiten, denn nur von dort werde ich wohl einen Überblick über die Ruine und ihr Umland erhalten. An einigen Stellen scheinen Renovierungsarbeiten durchgeführt worden zu sein. Wer hat denn den Nerv, hier Geld ’reinzustecken? Außer ein paar Mauern und Türmen existiert nichts mehr. Zwar weiß ich nicht, ob das ein sehr altes Château ist, in dem das Bauwerk mit Abschluss der Maurerarbeiten praktisch fertig war, aber wenn es so ist, wird nach der Renovierung hier keiner wohnen wollen, und wenn es nicht so ist, muss das Ding praktisch vom Acker weg wieder neu aufgebaut werden und etliche Millionen kosten. Also, was diese paar Handgriffe sollen, die da zuletzt getan wurden, leuchtet mir beim besten Willen nicht ein. Ich balanciere noch eine Runde auf der (zwei Meter breiten) Mauerkrone, gucke in alle Richtungen mal ins Land, vor allem nach Westen natürlich, weil dorthin meine weitere Fahrt geht, und dann mache ich mich auf den Rückweg.

Wieder auf der Hauptstraße in Richtung Clermont-Ferrand fasse ich den Entschluss, sehr empfänglich für Hinweise auf kommerzielle Übernachtungsmöglichkeiten zu sein. Mit diesem Vorsatz halte ich am nächsten größeren Gebäude an und frage. Nein, dies ist keine Herberge, aber da und dort gibt es eine. Die Erklärung ist ausführlich – zu ausführlich für mich. Ich frage noch mal nach. Außergewöhnlich langsam erklärt mir eine junge Frau den Weg, so dass ich tatsächlich eine ganze Menge verstehe. Mit einer Mischung aus Zuversicht und Skepsis mache ich mich wieder auf den Weg und biege bei der nächsten Gelegenheit rechts ab, gespannt darauf, ob ich eine Korrelation zwischen der Beschreibung und der Strecke entdecke. Ich erreiche den nächsten Ort, ein kleines Dorf, und hier sollte es sein. Die Siedlung liegt auf einem Hügel. Kein Mensch ist auf der Straße, den ich fragen könnte. Also muss ich wohl einfach meine Kreise ziehen. In der Mitte des Dorfes steht eine kleine Kirche, und um sie herum windet sich auf der südlichen Seite ein schmales, aber langgezogenes Gebäude, das nach außen, also nach Süden, an den Hang angrenzt. Tatsächlich verspricht ein Schild hier ein Dach über dem Kopf. Allerdings ist die Dämmerung schon fortgeschritten, kein Licht zu sehen und auch kein Zeichen für irgendwelche Gäste. Aber Fragen kostet ja nichts. Ich klingele. Schweigen. Was sonst? Ich steige wieder auf das Fahrrad und will gerade losfahren, als von oben, aus dem Obergeschoss, eine Stimme zu hören ist. Ich trage mein Anliegen vor. Die Frau hört natürlich, dass ich meine Not mit der Sprache habe und fragt mich nach meiner Herkunft. Dann spricht sie einfach deutsch weiter. Dagegen lässt sich nun wirklich nichts einwenden, also setzen wir die Verständigung auf Deutsch fort. Es geht mir vor jeder Besichtigung vor allem um den Preis, und der scheint den Sprachservice zu beinhalten: 180 Francs! Aber man gönnt sich ja sonst nichts; außerdem nächtige ich nicht jeden Tag zivilisiert.

Die Frau erzählt mir, dass dieses Gebäude mal ein Priesterseminar war, und führt mich durch die Räume für Gäste. Da ist zuerst ein Bad im abgesenkten Erdgeschoss. Eine Dusche gibt es nicht, dafür eine Badewanne. Das werde ich mir sicherlich einmal genehmigen. Die Absenkung gegenüber dem Kirchhof führt dazu, dass die unteren Räume mit vielen Stufen ausgestattet sind. Das sieht alles sehr liebevoll restauriert aus. Plötzlich kommt knurrend ein Wildschwein angelaufen – mitten im Haus. Die Frau erklärt mir, dass dies ihr Haustier sei, es sei auch sauber und schlafe normalerweise vor der Kammer, die sie mir nun zeigen wolle. Die Kammer ist ein durchaus geräumiges Zimmer, bequem und überall mit Teppichen ausgelegt. Da lässt es sich gut schlafen, was ich nach einem ausgedehnten Bad dann auch tue.

1. Juni

Egliseneuve-près-Billom – D303xD997 – Billom – D229xD212xD765 – Clermont-Ferrand – D559xD774xD90xD941a – (zum Puy de Dôme und zurück) – Col de la Moreno – D941axD216xD27 – Orcival – D27xD983 – Col de Guéry – le Mont-Dore (99 km)

Am Morgen gibt’s Frühstück. Das ist selbstverständlich ein Pluspunkt, denn normalerweise ist das Guten-Morgen-Essen nicht im Preis enthalten. Auf meine Frage hin erklärt meine Gastgeberin, dass sie deutsche Eltern gehabt habe und einen russischen Großvater. Später schreibt sie mir ihre Adresse auf, damit ich im nächsten Urlaub wieder hier Quartier suche. Na ja, ich glaube nicht, dass ich meine alten Wege so oft kreuzen werde. Warum also gerade hier? Aber das muss ich ihr ja jetzt nicht erzählen, zumal es nicht feststeht. Die Geschichte mit dem russischen Großvater ist überzeugend, aber ich habe Zweifel, dass dies die nächste Verwandtschaft ist. Ihren Vornamen (Kira) schreibt die Frau mit kyrillischen Buchstaben – er klingt nicht gerade deutsch. Und das Schreiben lernt man doch auch nicht vom Großvater! Einerlei.

Schuschu (oder wie sich das schreibt) macht sich heute morgen rar. Das Schwein ist beleidigt. Es hat diese Nacht nicht an seinem angestammten Platz (vor meiner Kammer) verbringen dürfen. Ja, es gibt schon Probleme auf dieser Welt. Mein Problem ist, jetzt nicht länger herumzutrödeln. Also breche ich auf.

Der Weg nach Clermont-Ferrand ist nicht sehr interessant. Ich mache (schon wieder) große Einkäufe, werde von einem Rennradler überholt, und dann beginnt die Stadt. Die Einfahrt wirkt auf mich ziemlich amerikanisch. An den Straßen stehen unheimlich viele Werbeplakate, und dies ist ein reines Gewerbegebiet mit verhältnismäßig flacher Bebauung, so, als ob der Quadratmeter hier nicht sonderlich viel kostet. Angesichts der Ausdehnung der Stadt kann ich mir das nicht so recht vorstellen. Aber das soll nicht meine Sorge sein.

In der Stadt suche ich dann nach der Kathedrale. Das zieht sich hin. Erst mal muss ich das Zentrum erreichen, und nachdem dieses relativ dicht und hoch bebaut ist, reicht es nicht, einfach mal den Blick zum Himmel zu erheben, um irgendwo einen Kirchturm zu erspähen. Ich mache einen Zwischenstopp in einem Schnellrestaurant. Es ist schon Mittag – ich habe heute früh wirklich ziemlich lange herumgetrödelt; denn viel geschafft ist noch nicht. Nach einigen Innenstadtrunden stehe ich schließlich vor der Kathedrale. Sie sieht aus wie eine solche: hoch, groß, aufwendig und mit mindestens einer Baustelle. Und sie ist schwarz. Sie sieht aus, als hätte sie einen großen Brand in der Stadt überstanden, aber es ist wohl eher so, dass sie das Ergebnis eines großen Brandes ist. Vor der Einfahrt in die Stadt habe ich bereits den Puy de Dôme, den höchsten Berg in der Umgebung der Stadt, gesehen. Das ist ohne jeden Zweifel ein erloschener Vulkan, und was die so ausstießen, sieht fast immer verbrannt aus. Wahrscheinlich ist die Kirche also aus vulkanischem Gestein erbaut worden. Ob das immer schwarz sein muss, bezweifle ich allerdings, denn ich erinnere mich, 1991 am Ätna Straßenbauarbeiten beobachtet zu haben. Die Lavafelder waren ausnahmslos mit einer schwarzen Kruste überzogen, im Inneren allerdings grau und sehr monolitisch, wahrscheinlich, weil das Magma dort sehr viel heißer war und langsamer abkühlte.

Allerdings ist die Kathedrale geschlossen. Sie macht erst in zwei Stunden wieder auf. Ich hätte die Reise wohl zwei Stunden später beginnen sollen. Was ich da alles schon geöffnet und zulässig und erlaubt vorgefunden hätte… Jetzt allerdings mache ich trotzdem erst mal eine Pause. Der Liter Milch, den ich vorhin in mich hineingeschüttet habe, liegt mir schwer im Magen. Wahrscheinlich ist es jetzt ein großer Käseklumpen, wie Omi mir als Kind immer sagte, wenn ich Milch zu kalt und zu schnell getrunken hatte. Ich lege mich auf eine Bank im Schatten des Kirchturms und warte auf Besserung. Nach 15 Minuten kommt erst mal die Sonne, und ich muss auf der Bank ein Stückchen weiter rutschen. Als ich dann schließlich das Ende der Bank erreicht habe, ist die Öffnungszeit der Kirche noch lange nicht erreicht, aber meine Trägheit ärgert mich hinreichend. Also stehe ich auf, schwinge mich aufs Fahrrad und suche nun die Ausfahrt aus der Stadt, die ich mir vorgenommen hatte. Das ist indes gar nicht so einfach. Zwar muss ich nur alle Straßen abklappern, die in die Berge hinaufführen, kann also quasi immer an der Wand lang fahren, aber um damit Erfolg zu haben, müssen alle diese Straßen gut beschildert sein. Ich habe keinen Stadtplan, und nicht immer sind die Hinweisschilder an Straßennummern orientiert. Manchmal weisen sie statt auf den Weg (die Straßennummer) auch nur auf das Ziel hin, und diese lassen sich bekanntlich meist auf verschiedenen Wegen erreichen. Deshalb tue ich mich schwer, die richtige Ausfahrt zu finden. Nach einer Weile hin und her reicht es mir dann schließlich, und ich nehme die nächstbeste. Und nach einer weiteren Weile stellt sich heraus, dass es die richtige Richtung war. Bitte, Glück muss man haben.

Aber so glücklich ist die Auffahrt nicht. Eine brütende Hitze liegt über der Stadt, und die Sonne sendet auch zum Osthang der Berge genügend Strahlen. Also, wenn das übliche Maitemperaturen sind, wie mag es hier dann erst im Juli sein? Die Straße geht hübsch steil hinauf, aber was will man auch erwarten, wenn es von 400 auf 1400 Meter hinauf geht? Und irgendwie bin ich noch immer gelähmt. Na, das ist ja ein tolles Reisen! Hoffentlich wird’s bald besser. Brunnen sind unterwegs mein erstes Ziel. Frisches Wasser zum Trinken und Abkühlen – daran führt bei diesen Bedingungen kein Weg vorbei, auch keine Disziplin, aber wozu sollte ich mir die hier auch auferlegen.

Einmal verfahre ich mich, fahre zu weit in die Berge hinauf, und bei der Gelegenheit sehe ich den Berg plötzlich viel näher vor mir. Er ragt allerdings noch höher auf, weil seine höchsten Hänge sehr steil sind, aber ich weiß, dass das eine optische Täuschung ist. Die Hälfte der Höhe dürfte schon fast geschafft sein. Danach kehre ich um und suche die richtige Auffahrt. Vorher gibt’s noch ein Eis. Es bleibt heute nicht das letzte.

Schließlich erreiche ich die Hauptstraße, die unmittelbar am Berg vorbeiführt, und dann kommt die Stichstraße, die zur Spitze führt. Da ich denselben Weg wieder zurückfahren muss, beschließe ich, den größten Teil des Gepäcks irgendwo zu deponieren, um auch den als sehr steil ausgewiesenen Teil der Auffahrt im Sattel bewältigen zu können. Ich nähere mich einem Grundstück, auf dem ein Auto parkt, rufe Hallo, und als die Leute sich melden, frage ich, ob ich meine Taschen dort lassen kann. Sie haben keine Einwände, auch wenn sie nicht den Eindruck machen, als wollten sie mich gleich auf ein kühles Bier einladen. Aber das erwartet ja auch niemand. Wäre nur gut, wenn der Inhalt der Taschen zum Schluss noch komplett ist.

Dann breche ich auf in die Berge, also zum »richtigen« Berg. Vorerst ist die Straße flach, doch allmählich geht es bergauf. Rechts und links stehen Autos an der Straße und auf Parkplätzen. Muss wohl ein touristisch wichtiges Ziel sein, dieser Vulkan. Aber das ist ja auch kein Wunder: In der Luft sind Paraglider zu sehen, auf Karten ist der Name des Berges fett eingezeichnet, wichtige Mineralwässer werben mit einer Luftaufnahme dieser Vulkanberge, und dann ist es der Hausberg einer Metropole. Wenn die mal wieder wissen wollen, ob sich irgendwas Wesentliches in der Gegend geändert hat, fahren sie einfach hinauf und schauen sich um – vorausgesetzt, die Sicht ist einigermaßen. Ich habe sie schon einige Male geprüft, wenn ich auf Clermont-Ferrand hinab gesehen habe. Die Stadt wird immer übersichtlicher, und es wird immer schwieriger – trotz des farblichen Kontrasts –, die Kathedrale auszumachen. Bis nach Deutschland wird die Sicht sicherlich nicht reichen, wahrscheinlich gerade mal bis zu meiner letzten Übernachtung, aber das sind dann ja auch schon über 30 Kilometer.

Und dann kommt da plötzlich eine Mautstelle. Na, das hätte ja jetzt nicht unbedingt sein müssen, aber wenn es sein soll, will ich mich die Auffahrt auch etwas kosten lassen. Aber so weit reicht die Großzügigkeit noch nicht einmal. Ich darf überhaupt nicht durch – weder mit noch ohne Geld. Verboten! Für Fahrräder. Also, das ist doch wirklich der Gipfel! Die Frau hat Mühe, mir das zu erklären, bleibt aber letztlich unerbittlich. Sie schickt mich 100 Meter hangabwärts zu einem Ranger, der englisch spricht, und der sagt mir, dass die Straße steil und schmal und darum gefährlich sei, dass ich doch einfach morgen zurückkommen solle. Da sei der Berg für Autofahrer gesperrt und nur für Radler freigegeben. Jetzt dürfe ich nicht hinauf. Na, das hatten wir schon: Wenn ich nur später käme… Das ist doch wohl nicht möglich! Im ganzen Land – außer natürlich auf Autobahnen und einigen anderen Schnellstraßen – dürfen Autos und Fahrräder auf einer Straße fahren – Schuldfrage hin, Verkehrstote her. Und hier, wo eigentlich niemand rasen muss, weil es hier entlang ganz gewiss nicht zur Arbeit oder zum Notarzt geht, soll ich nicht fahren dürfen. Ich! Hat der überhaupt eine Ahnung, welche Erfahrung ich habe? Hat er natürlich nicht. Aber dass ich aus der halben Welt bisher unfallfrei immer wieder nach Hause gekommen bin, interessiert den jungen Mann auch nicht. Gesetz ist Gesetz. Ihr mit Eurer Egalité! Das hätte aus Deutschland kommen können. Er lässt nicht erkennen, ob er sich dadurch geschmeichelt oder beleidigt fühlt. Ich sehe ein, dass es keinen Sinn hat, mit ihm zu streiten. Und dass es nötig ist, andere Wege zum Gipfel zu suchen. Ich kehre um. Ein paar 100 Meter weiter biege ich auf einen Parkplatz zur Rechten ab und fahre dort wieder nach oben, so weit das geht. Dieser Platz geht natürlich nicht um die Mautstelle herum, weil sonst ja niemand bezahlen würde. Also verlasse ich ihn direkt in die Büsche. Eigentlich wollte ich ja mein Fahrrad so wenig wie möglich schieben, aber hier muss ich froh sein, wenn ich es noch schieben kann. Das Unterholz setzt mir zu. Und es wird immer steiler. Aber was soll ich sonst erwarten? Unterwegs sammle ich Spinnweben. Wo werde ich wohl wieder herauskommen? Und wird es die Straße sein, oder laufe ich am Berg vorbei? Also, das dürfte mir ja eigentlich nicht passieren, wenn ich nur immer dahin laufe, wo es am steilsten nach oben geht.

Nach 20 oder 30 Minuten erreiche ich tatsächlich die Straße. Wer sagt’s denn? Ich schwinge mich wieder in den Sattel und fahre los. Ja, steil ist es wirklich, aber ohne Gepäck lässt es sich schon machen. Das Einzige, was ich jetzt bei mir habe, ist die Karte, ein paar Lebensmittel und Wasser natürlich, der Fotoapparat und Flickzeug. Ein etwas ungutes Gefühl habe ich trotzdem. Die Franzosen sind ja manchmal sehr rigide. Was ist, wenn mich jetzt einer der Autofahrer anschwärzt? Dann kommt mir womöglich die Polizei oder so etwas wie eine Nationalparkwache hinterher. Das könnte Ärger geben. Aber gemach! Werden sie wegen eines Radlers einen solchen Aufwand veranstalten? Ich fahre weiter. An der nächsten Kurve – im Grunde ist die Straße eine einzige Kurve, denn sie windet sich spiralförmig nach oben – erschreckt mich ein Verbotsschild: Radfahren verboten! Ja, was denn? Wollen die die Schilder hier für morgen alle entfernen? Ach was. Ich fahre weiter. Aber ein Siegergefühl leiste ich mir lieber nicht. Noch ist nicht aller Tage Abend.

Die Straße ist wirklich steil. Und wenn ein Auto kommt, fahre ich sehr defensiv an die Seite. Schließlich haben die heute fast alle Rechte. Da will ich nicht den starken Mann markieren. Und natürlich ist da immer noch die Sorge, in einem der Autos könnte eine Ordnungskraft sitzen. Als rechts ein kleiner Platz sichtbar wird, biege ich ab und halte an. Ein Wagen parkt dort, und sein Besitzer bastelt am Motor herum. Wird doch wohl nicht zu warm geworden sein? Ich schon, aber ich nehme einfach nur meine Flasche zur Hand, und dann ist mein Problem gelöst. In der Zwischenzeit überqueren ein paar Wanderer die Straße und klettern hinter mir weiter den Hang hinauf.

Ich fahre weiter. Zur Linken werden jetzt die »Volvic-Berge« sichtbar. Das sind Nachbarvulkane oder Nebenkrater, deren Schlot versandet oder sonstwie verschüttet ist und nun mit einer dünnen grünen Schicht überzogen ist. Die Werbefotos sehen natürlich besser aus, aber die sind vermutlich auch im Frühjahr bei besonders guter Sicht und von einem Ballon aus mit allen technischen Raffinessen aufgenommen worden. Da kann ich nicht mithalten. Trotzdem mache ich ein Foto. Wer weiß, ob ich hierher noch einmal zurückkomme.

Na, und nach einigen weiteren Zwischenstopps bin ich schließlich oben. Hier ist alles, was hier sein sollte: Ein Restaurant oder sogar zwei, Andenkenshops, eine Wetterstation, das Militär natürlich ganz oben. Ich drehe erst mal die Runde. Die größte Gefahr ist jetzt wohl vorbei; denn die Abfahrt dauert dann ja nicht mehr so lange. Und bei aller Luftfeuchtigkeit muss ich sagen: Das Panorama ist schon beeindruckend. Im Osten die Stadt, wirklich schon fast verschwindend und unheimlich weit unten, d.h., wenn hier oben was losgehen würde, dann wäre die Stadt erheblich betroffen. Im Westen… ein weites Land. Was da ist, weiß ich nicht. Es geht halt abwärts, aber das geht es zunächst mal in alle Richtungen. Aber im Westen gibt es keine Berge. Der Ausblick verliert sich im Dunst. Und im Süden? Meine weiteren Ziele, Berge, sogar welche mit Schnee. Sollten da noch größere Erhebungen sein als dieser hier? Die machen mir jedenfalls erst mal keine Bange. Momentan sitze ich auf dem hohen Ross.

Ein Foto brauche ich noch: Ich und Clermont-Ferrand. Ich muss also jemanden finden, der mit meinem Fotoapparat zurechtkommt. Das ist heute schon fast eine Anforderung wie Assemblerprogrammierung bei Informatikern – obsolet. Wer heute noch in der Lage ist, Schärfe und Belichtung einzustellen, der kann auch Feuer aus dem Stein schlagen. Ich spreche eine Familie an, und die wiederum erkiest die große Tochter, das Werk zu vollbringen. Meine Herren, fotogen sehe ich ja im Moment nicht gerade aus: Verschwitzt, unrasiert, unfrisiert und nicht ganz sauber gekleidet. Aber so ist das halt. Mademoiselle kriegt es letztlich hin, nachdem ich alle Einstellungen vorgenommen habe.

Und nun die Abfahrt. Ja, ich gebe es zu: Es ist wirklich steil, und wer seine Bremsen hier nicht im Griff hat oder den Geschwindigkeitsrausch, der hat in der Tat ganz schlechte Karten, wenn er nicht so etwas Ähnliches wie die Gleitschirmflieger auf dem Rücken hat. Schilder an der Straße mahnen: 30 km/h oder 50 – je nach Fahrzeugklasse. Muss ich mich dadurch reglementiert fühlen? Eigentlich bin ich ja hier sowieso illegal. Und darum betrachte ich die Tempolimits auch eher als freundliche Empfehlung, die ihren Sinn haben, aber schon mal überschritten werden dürfen. Das ist eine Sache weniger Sekunden, und dann ruft mich die Vorsicht zurück an die Bremsen. So erreiche ich rasch wieder den Sockel des Vulkans, wo dann auch die Mautstelle ist. Soll ich jetzt dort lang fahren? Wenn die Schranke offen wäre, würde ich es vielleicht riskieren. Aber so ist es doch etwas keck. Also wühle ich mich wieder durchs Unterholz, bis der Parkplatz erneut erreicht ist. Dann juckt es mich aber doch, mal zu sehen, ob der Ranger noch da ist. Er ist. Ich fahre zu ihm hinüber, und er blickt mich nichts ahnend an, wohl vermutend, dass ich jetzt einen zweiten Anlauf nehme. Denkste! Ich halte an und sage ihm, dass die Straßen nicht so schmal sind, wie er das behauptet hat, dass ich schon viel schmalere erlebt und dass es mir oben gut gefallen habe. Er guckt mich verdutzt an, aber meine Aussagen scheinen ihm glaubhaft, jedenfalls grinst er mich an – so nach dem Motto: Meine Aufgabe war nicht, Dich bis ins Unterholz zu verfolgen. Wenn Du einen Weg gefunden hast, geht’s mich nichts an, und Du hattest meinetwegen Deinen Spaß.

Auf dem Grundstück an der Hauptstraße lade ich mein Gepäck wieder auf, bedanke mich bei den Leuten und fahre weiter. Tja, abgesehen von diesem Aufstieg werde ich heute wohl keine Ruhmeskapitel schreiben, jedenfalls keine Streckenrekorde aufstellen. Sowohl die Mittagshitze als auch dieser Berg haben ihren Tribut gefordert. Und Talfahrten sind nach diesem Abstieg auch erst mal vorbei.

Der erste Pass kommt schon nach fünf Kilometern. Dann geht es längere Zeit bergab. Unten sieht es fast so aus, als wäre ich schon westlich des Vulkangürtels. Vor mir liegt die Hügellandschaft, die ich vom Puy de Dôme in Richtung Westen gesehen hatte. Meine Route führt jetzt in Richtung Süden, und da liegen wieder Berge vor mir. Die Karte stellt mir einen Höhenunterschied von ca. 400 Metern in Aussicht. Das ist für den Abend noch eine anständige Arbeit. Ich werde dafür aber durch das Panorama entschädigt: Ich befinde mich am unteren Ausgang eines ausgedehnten Tals. Dieses Tal ist aufgebaucht wie eine Dreiviertel-Arena, geöffnet nach Norden, und hinaus will ich am oberen Ende, das fast auf gleicher Höhe mit den seitlichen Begrenzungen liegt. Der Weg nach oben führt am östlichen Hang entlang. Auffällig ist ein Berg inmitten des Tals, der wie ein gigantischer Hinkelstein aufragt und quasi »den Besuchern der Arena das Panorama stört«. Während der Auffahrt gewinne ich immer mehr Schwung. Die Hitze des Tages ist vorüber, die Sonne hinter Wolken verschwunden, der Aufstieg nicht zu steil, und mir geht’s richtig gut. Ich mache mir langsam Gedanken über die Übernachtung.

Die einzige Unterbrechung der Auffahrt findet am »Hinkelstein« statt, wo ich einem Trampelpfad folge, um zu sehen, ob da irgendwo spektakuläre Aussichten oder dergleichen zu finden sind. Es ist ganz nett, haut mich aber nicht um. Also weiter.

Oben angekommen geht’s nicht etwa gleich wieder in die Tiefe, sondern da sind erst ein paar Häuschen, die ein bisschen an die Ranger-Hütten amerikanischer Nationalparkverwaltungen erinnern, und ich studiere gleich das Terrain, ob sie sich vielleicht als Übernachtungsplatz eignen. Aber dann höre ich irgendwo Stimmen aus dem Inneren, obgleich von vorn alles ziemlich verschlossen wirkt. Das bremst meine Neugier, und ich beschließe, mir einen anderen Ort zu suchen. Außerdem ist es noch nicht dunkel, sondern die Dämmerung hat gerade mal begonnen. Ein See schafft ein tolles Panorama, aber zum Fotografieren ist es jetzt ein paar Minuten zu spät. Die Straße folgt seinem Ufer, und wenn da auch der eine oder andere Fleck zum Übernachten geeignet sein mag, so finde ich völlig unüberdachte Stellen doch nicht so attraktiv, da mir der Morgentau, eventuell auch der nicht so ganz zuverlässig wirkende Himmel einen Streich spielen könnten. Hier morgens nass zu werden oder gar in der Nacht flüchten zu müssen, gehört zu den weniger notwendigen Erfahrungen einer Reise. Ich bin schließlich in den Bergen, und da wird es nachts kalt und morgens nur langsam warm.

Am anderen Ende des Sees steht so etwas wie ein Hotel, und es wirkt beim Näherkommen immer heimeliger. Ich werfe einen Blick durch die Tür, trete dann noch einmal zurück, um durch die Fenster zu schauen. Das sieht erstens teuer und zweitens besetzt aus. Wenn ich mir dann die Wagen auf dem Parkplatz ansehe – da steht kein einziger Kleinwagen; das ist alles Mittel- und Oberklasse. Besser, ich suche mir einen anderen Platz. Und wenige Minuten später rolle ich hinab in das Tal von le Mont-Dore, eine Fahrt, bei der es zusehends dunkler wird. Das Tageslicht reicht aber noch, um an der Ortseinfahrt mehrere Werbeschilder für Hotels zu erkennen, und ich nehme mir auch noch die Zeit für einen Anruf bei den Lieben daheim. Dann marschiere ich ein, was umso leichter fällt, als der Weg nach wie vor nach unten führt, und nach einigen Versuchen finde ich auch ein Hotel, das sogar überraschend günstig ist, wenn man bedenkt, dass hier ein großes Wintersport-Paradies ist. Aber natürlich ist jetzt kein Winter, und Sommer ist auch noch nicht. Und so riesig ist das Hotelzimmer letztlich auch nicht, im Grunde sogar eine ziemlich kleine Kammer. Aber solange es sauber ist, ich meinen Kram abstellen und mich ordentlich duschen kann, ist mir das recht.

Heute gehe ich mal nicht gleich ins Bett. Ich fühle mich ein bisschen einsam und beschließe, noch eine kleine Runde durch die Stadt zu drehen – zu Fuß, denn das Fahrrad habe ich bereits verwahren lassen. Die Viertel der Wintersportorte dieser Welt scheinen eine gewisse Ähnlichkeit zu haben. Es gibt viele Andenkenläden, und natürlich auch die Dinge für die Dame und den Herrn, die mit der Bereitschaft, ordentlich Geld auszugeben, in den Urlaub gefahren sind: Mode, Lederwaren, Accessoires und Sportartikel. Was tun nun die Einheimischen, oder gibt’s die gar nicht? Es gibt sie. Sie besuchen ein Cafe, ein Kino, eine Diskothek. Und ich? Also einmal angenommen, ich könnte fließend französisch. Würde ich dann wohl ein Gespräch mit jemandem anfangen können? Versuchen könnte ich es. Aber vielleicht würde sich niemand dafür interessieren. Ich kann es drehen und wenden, wie ich will: Manchmal wäre es schon besser, statt allein zu zweit zu reisen. Aber an die Reisen von 1991 und 1994 mit Carsten denke ich da lieber nicht zurück, sonst wird das nie wieder etwas. Ich gehe ins Hotel zurück und lege mich schlafen. Verdient habe ich mir das wohl.

2. Juni

le Mont-Dore – D983 (um die Dordogne in Richtung Quelle) – le Mont-Dore – D36 – Col de la Croix Saint Robert – Besse-en-Chandesse – D978xD678 – Condat – Riom-es–Montagnes – D3xD62 – Col de Serre – D680 – Pas de Peyrol – Saint Julien-de-Jordanne – D17xD46xD35xD60 – Anjony (146 km)

Der Tag beginnt mit einer Rundfahrt. Jedenfalls ist es so geplant. Ich will zum Quellsee der Dordogne fahren. Zwar ist der Weg dorthin oder vielmehr die Straße an ihm entlang mit einem Doppelpfeil gekennzeichnet, aber da es eine Rundfahrt wird, kann ich große Teile des Gepäcks irgendwo deponieren, und dann wird’s schon gehen. Komisch ist allerdings, dass eine Straße um einen See so steil ist, aber wenn ich an die schottischen Küstenstraßen zurückdenke, von denen ich glücklicherweise – oder leider? – kaum eine fahren musste, weil die Straßen begradigt und dann durch das auch sehr schöne Landesinnere führten und nebenbei nun nicht mehr das Neunfache der Luftlinie an Länge hatten, sondern nur noch das Dreifache…, wenn ich also an diese Straßen denke, die ja auch nur neben dem immer ziemlich ebenen Meer entlang führten und die dabei doch unfeierliche Steigungen aufwiesen, weil die Natur das so vormachte und die ersten Reisenden keine Möglichkeiten hatten, der Natur ihren Willen aufzuzwingen oder abzubaggern – wie man’s nimmt –, dann: Ist das hier auch möglich. Hinter einer Mauer verstecke ich meinen Kram und hoffe, dass mich dabei niemand beobachtet. Fotoapparat mitnehmen! Solche Seen sind meist sehr fotogen.

Wenn er denn nur käme. Ich fahre die Straße hinauf, und sie wird immer breiter, und so, wie ich das Tal vor mir sehe, geht es in Fahrtrichtung immer weiter hinauf, ohne dass mal eine abflusssichere Ebene käme. Aber wenn man von unten kommt, sieht man das natürlich nicht, kann es nur vermuten, wenn etwa eine Anhöhe den weiteren Blick auf die Talsohle versperrt. Allein – so etwas ist auch nicht in Sicht. Na ja. Wir werden’s ja sehen.

Im Grunde ist mir völlig schleierhaft, warum die Straße hier so breit angelegt ist. Das ist doch effektiv eine Sackgasse, auch wenn die Rückfahrt auf einer anderen Strecke verlaufen mag. Beide müssen jedenfalls in diesem Tal verlaufen. – Links und rechts stehen ab und zu Appartements oder Hotels. Wintersport, ganz klar. Das ist es, wovon hier die Menschen leben, und davon lassen sie sich zur Not auch ein bisschen ihre Täler und Hänge verschandeln; denn bei den Hotels ist es offensichtlich, und die Wiesen am Rand des Tals können es auch nicht leugnen: Das ist keine beschauliche Idylle. Die Gästehäuser sind nach dem Geschmack der frühen 70er gebaut worden und mögen dazumal als schick empfunden worden sein. Jetzt stehen sie zum Verkauf. Und die Skilifte machen sich im Frühsommer einfach nicht malerisch auf der Alm, die für eine Alm im Grunde viel zu ramponiert aussieht. So, und nun steht auch fest, dass das mit dem See eine schlaffe Legende war. Wie bin ich eigentlich auf die Idee mit dem See gekommen? Ich studiere noch einmal genau die Karte. Und da wird es sichtbar: Der Fluss und seine Beschriftung, beide in blau gehalten, füllen die Rundstrecke so gut aus, dass man meinen könnte, auch der Hintergrund sei blau. Der ist aber grau, und darum ist hier kein See, nicht mal eine Pfütze – nur eine Jugendherberge. Da hätte ich ja dann auch übernachten können. Aber erstens wäre es sehr spät geworden und zweitens mit vollem Gepäck ziemlich anstrengend. Das war also eine Chance, die nicht weiter beklagt werden sollte.

Auf der Westseite des Tals, nunmehr unter der Morgensonne, geht es dann viel beschaulicher wieder ins Tal. Ich komme an einigen Höfen vorbei, und die Hunde kläffen mich an, als hätte ich etwas verbrochen. Ob Herrchen sich um diese Zeit wohl schon über das Wecken freut? Mir ist es egal. Ich sehe jetzt zu, dass ich mein Gepäck wieder an Bord habe – dann kann es mir keiner mehr wegnehmen. Als ich bei dieser Gelegenheit mein erstes Foto machen will, stelle ich fest, dass der Film voll ist. Na, da kann ich ja richtig froh sein, dass da oben kein See war. Das wäre vielleicht ein schöner Frust gewesen: Kamera hochgeschleppt und vor dem Schloss-Neuschwanstein-Motiv nicht zu gebrauchen.

Jetzt geht es in die Berge, aber richtig! Zwar liegt das Tal selbst auch noch ziemlich hoch über dem Meeresspiegel, aber der nächste Pass soll eine Höhe von 1450 Metern haben. Es steht außer Frage, dass davor ein paar Meter zu erklimmen sind. Und ich sollte denjenigen Weg dorthin nehmen, der meinem jetzigen Standpunkt am nächsten ist, also möglichst gar nicht erst wieder in die Stadt hineinführt. Ganz lässt sich das dann aber doch nicht vermeiden, weil so viele Wege schließlich nicht in die Berge führen. Es bleibt letztlich nur einer. Aber so, wie der ist, mag ich sie. Es ist kühl am Morgen – wie der Himmel aussieht, ist im Prinzip noch jedes Wetter möglich –, und schon nach noch nicht mal 100 Metern habe ich den ersten Blick auf die Stadt. Noch nicht sehr übersichtlich natürlich, gerade mal auf einige Häuser kann ich bereits herabschauen und das eigentlich auch nur, weil der Beginn der Auffahrt noch über dem Stadtzentrum liegt. Aber je weiter ich komme, desto mehr kann ich sehen, desto mehr schaue ich von oben auf die Stadt im Tal, und im selben Maße gelangen die Dinge ins Blickfeld, die hinter oder vielmehr: auf der anderen Seite über der Stadt liegen: Lifte, Wiesen, Wälder, die Hänge des Tals, in das ich heute morgen hinaufgefahren bin.

Nach zwei Kilometern kommt eine Kehre, und von da an geht der Blick ins Tal ziemlich verloren. Ich sehe, dass ich noch längst nicht oben bin; denn vor mir liegt noch immer der Berg, seine Spitze sogar in den Wolken oder im Nebel. Von der Höhe kann er locker mit Puy de Dôme mithalten, allerdings führt auch keine Straße zum Gipfel. Vielleicht ist dies einer der Gipfel, die ich von der Spitze des ehemaligen Vulkans gesehen hatte.

Es bleibt kühl. Mir soll es recht sein. Und erfreulicherweise wird die Auffahrt auch nicht steiler, so dass es sich für den fortgeschrittenen Morgen ausgezeichnet anlässt. Die Straße führt über Wiesen, die zum Tal hin erst leicht abfallen und dann, nach einer Kante, steil in die Tiefe stürzen. In einem Seitental, das überhaupt erst das Erreichen dieser Kante von unten ermöglicht, erblicke ich Wanderer, die vielleicht auf dem Weg zum Gipfel sind. Eine große Gruppe, junge Leute, verteilt über ca. 100 Meter… Es gibt ja immer welche, die die ersten sein wollen, und meist auch welche, die eigentlich gar keine Lust haben und deshalb die Nachhut bilden. Die bunte Kleidung bildet einen interessanten Kontrast zum Rundum-Grün der Wiesen und Waldflecke und zum Grau der Felsen und Wolken. Unsere Wege werden sich wahrscheinlich nicht kreuzen. Auf dem Fahrrad bin ich noch immer schneller als sie, auch wenn es bergauf geht. Außerdem haben auch sie kleines Gepäck dabei. Muss schon sein, wenn es auf einen Gipfel geht. Da braucht man ein bisschen Wegzehrung – auch ohne so viel Packzeug wie ich.

Der Pass liegt mit dem Puy de Dôme etwa auf einer Höhe. Es ist ein breiter Sattelpass, fast nicht als solcher erkennbar, weil er auf beiden Seiten so flach abfällt. Aber zu merken ist es doch, dass das Treten wesentlich leichter geht. Zu beiden Seiten liegen die Bergspitzen im Nebel. Vor mir bricht dann auch mal die Sonne durch, und die Abfahrt macht einen sehr übersichtlichen Eindruck. Da steht kein Baum, kein Strauch – nur die Straße, und die ist jetzt sogar breiter und neu ausgebaut, also von hervorragender Qualität, was nach einem Straßenneubau in Frankreich nicht selbstverständlich ist, wie ich inzwischen gelernt habe: Es gibt Arbeiter, die wissen, wie man so etwas macht, und dann gibt es welche, die sich eher auf den Bitumenkutscher spezialisiert zu haben scheinen. Die Abfahrt ist nicht nur übersichtlich, sondern sehr kurvig und flach. Da kann ich mich bei anständigem Tempo mal so richtig in die Kurven legen, soweit das die Reifen bei dieser Belastung mitmachen, ohne seitlich auszubüchsen. Man muss es ja nicht übertreiben.

Vor mir liegt jetzt ein tief eingeschnittenes Tal, und auf der anderen Seite ist die Fortsetzung »meiner« Straße zu sehen. Da ist doch die Frage, wie der Weg hinüber gezogen ist. Und es stellt sich heraus, dass ich einen langen Umweg machen muss, dafür allerdings auch nicht viel an Höhe verliere. Der Weg führt weit nach rechts, fast parallel zur Talsohle. Das Tal fällt nach links deutlich ab, so dass mein Weg weniger tief hinabführt, als wäre die Straße in Serpentinen sofort nach unten und auf der anderen Seite wieder hinaufgezogen worden. Am Wendepunkt, als es scharf nach links und wieder hinaufgeht, verfolgt mein Blick den Oberlauf des Tals. Das sieht gar nicht so gut aus. Ein dunkler Nebel verhüllt den Fortgang. Ich muss da zwar nicht hinein, und es führt auch nur eine schmale Straße in die undurchsichtige Richtung, aber in wenigen Kilometern wird dies meine Richtung sein, und dann interessiert mich natürlich letztlich doch, welches Wetter dort auf mich wartet. Denn dunkel ist der Nebel nur, weil über ihm dunkle Wolken stehen.

Als ich wieder dem Pass gegenüberstehe und nun von der zur ursprünglichen entgegengesetzten Richtung über das Tal blicke, stehe ich wieder auf einem relativ hohen Punkt. Und wie ich da so stehe und etwas esse, beginnt es zu regnen. Das sind nun die weniger erfreulichen Varianten einer Fahrt, aber es trippelt erst mal nur so ein bisschen. Und weil meine Jacke so wärmt und nach dem Regen so lange braucht, bis sie wieder einigermaßen getrocknet ist, zögere ich, sie gleich überzuziehen, fahre aber erst mal weiter, weil ich denke, dass ich im nächsten Ort mich immer noch unterstellen kann. Allerdings ist Besse noch ein paar Kilometer entfernt.

Kurz, nachdem ich solcherart sozusagen die Flucht nach vorn angetreten habe, beginnt erneut die Abfahrt, und das stimmt mich zuversichtlich, noch mit einigermaßen trockenem Tuch ein Dach zu erreichen. Der Regen wird indes immer stärker und ehe ich’s mich versehe, schwimme ich durch einen Gewitterguss vom allerfeinsten. Da kommt alles zusammen, was ich nicht mag: Blitz und Donner im Wald in einer Hochlage – gefährlicher ginge es eigentlich nur noch am Pass. Eiskaltes Wasser und Graupel praktisch auf die nackte Haut; denn mein Hemd ist sofort durch und vermag nicht die Spur zu isolieren oder abzuhalten. Mir ist dramatisch kalt. Zu guter Letzt ist es nicht einfach ein stärker gewordener Regen – nein, es gießt wie aus Kannen, und das mag zwar den Vorteil haben, dass es bald wieder vorüber ist, aber wenn mir das im tiefen Tal mit angezogener Jacke passiert wäre, hätte ich es mit deutlich mehr Gelassenheit getragen. Jetzt nehme ich mir nicht einmal die Zeit, nun doch abzusteigen, denn während ich in den Gepäcktaschen nach der Jacke wühle, wird mir nur noch der Sattel nass, und das ist im Grunde das Einzige, was mir jetzt noch fehlt. Also Augen (fast) zu und durch.

Im nächsten Ort finde ich einen überdachten Brunnen oder Wasserhahn mit großem Bassin – wie man’s nimmt. Darunter regnet’s nicht, und darum mache ich dort halt, um einfach mal eine Bilanz der Überschwemmung zu erstellen. Die Landkarte hat nun auch ihre Wassertaufe erhalten. Zwar ist der Umschlag mit einer dünnen Plastikschicht versehen, aber wo die versehrt ist und an der ungeschützten Seite natürlich sowieso ist das Wasser eingedrungen, das vorher seinen Weg in die längst nicht mehr dichte Karstadt-Tüte gefunden hat. Die Jacke ziehe ich mir jetzt trotzdem an, weil alles andere nur einer Erkältung und womöglich Schlimmerem Vorschub leisten würde. Bald darauf hört wirklich der Regen auf, und tatsächlich bricht bis Besse sogar die Sonne wieder durch. Das gefällt mir gar nicht, denn es heißt sicherlich auch in Frankreich: »Scheint die Sonn’ aufs nasse Blatt, jib’s bald wieder wat.« Oder so ähnlich.

Ob der Sonnenschein nun das ideale Wetter für einen Einkauf ist, weiß ich nicht. Es ist aber ganz praktisch, mit den Schokoladentafeln, Puddings, dem Obst und all den anderen Dingen nicht gleichzeitig einen halben Liter »offenes« Wasser einzupacken. Insbesondere mein Werkzeug und meine Klamotten mögen es trocken, und all die Papiere, Adressverzeichnisse vertragen Wasser auch nur begrenzt.

Es ist jetzt später Vormittag, und im Grunde ist meine Entfernung vom Startpunkt noch lächerlich – in der Luftlinie jedenfalls. Also will ich hier nicht lange verweilen. Ich mache noch ein Foto von einem interessanten Haus (freistehend, ganz schmal und dabei relativ hoch, wäre vielleicht was für Clemens) und breche dann auf. Mein nächstes Ziel ist ein Kratersee. Ob das nun tatsächlich mal ein Vulkan war oder so etwas wie ein Eifel-Maar ist, sei mal dahingestellt. Mir ist jede Entstehung recht, wenn ich ihn nur zu sehen bekomme und dabei in irgendeiner Weise an die Fotos davon erinnert werde. Auf diesen Fotos sehen sie folgendermaßen aus: Eine pechschwarze Fläche (weil der See von keinem Windhauch in seiner Stille gestört wird, tief ist, und das Gestein darunter meist auch schwarz), umrandet von einem Wald oder zumindest einem Wäldchen, und zwar ringsherum. Optional kann noch ein gelbes Getreidefeld außerhalb des Feldes das Farbspektrum abrunden. Und natürlich wird das Ganze bei einer Sicht aufgenommen, die gegen unendlich geht – und von oben.

Als Realist stelle ich nicht so hohe Anforderungen, aber bei der Auffahrt zum Rand des Sees kommen mir immer mehr Zweifel daran, dass wenigstens bescheidene Erwartungen befriedigt werden. Die Sonne hat sich schon wieder verkrochen (man soll’s ja nicht beschreien, aber Erfahrungen lassen sich nicht so ohne weiteres verdrängen, und hier sind sie drauf und dran, sich wieder einmal zu bestätigen), und bis ich oben bin, ist ein Wind aufgezogen, der auf dem See eine regelrechte Brandung fabriziert. Wild schaukeln einige Boote hin und her. Auf der überdachten Terrasse warte ich den nächsten Schauer ab. Wer weiß, so sehen ihn vielleicht die wenigsten? Ist das nicht ein Wert an sich? muss es wohl, denn eine Alternative habe ich kaum, es sei denn, ich wollte mein Lager hier aufschlagen, vielleicht oben ein Zimmer mieten, gar noch einen Ballon, aber solange dieser Wind hier weht, wird der See nie im Leben schwarz. Was soll’s auch? Ich bin nicht wegen des Sees hierher gefahren; er liegt halt an der Strecke. Außerdem waren mir meine Chancen doch von vornherein ungefähr klar. Im mittelleichten Regen mache ich mich nach einer anständigen Pause wieder auf den Weg, und leider ist es nicht besonders kalt, so dass es mir unter der Jacke bald den Schweiß aus den Poren treibt. Man müsste für solche Gelegenheiten wirklich etwas anderes tragen. Nur: Welche Faser leistet, was ich erwarte?

Der Regen hört nach und nach auf. Die Temperatur bleibt so, und das ist mir recht. Die Strecke ist zwar schön, hochgelegen, aber nicht atemberaubend. So kann man reisen. Der Spaß hat erst in Condat ein Ende. Dort ist eine Baustelle, und ich verlasse die Hauptstraße, um durch den Ort meinen Weg zu finden. Und wie ich da so schön fahre, fliegt mir plötzlich ein mittlerer Hubschrauber ins rechte Auge. Verdammt, war das ein Riesenvieh! Und vermutlich macht es sich nicht das Geringste daraus, sondern fliegt einfach weiter. Mir fackelt derweil die Hälfte meines Augenlichts ab. Ich muss anhalten und erst mal warten, bis der Schmerz nachlässt. Brille, sage ich nur. Aber man trägt sie eben nicht immer, und im Zweifel schickt Murphy die Viecher während der Fünf-Minuten-Phase ohne Gläser. Meine Güte, so was habe ich ja noch nicht erlebt! Auch als der Schmerz langsam abklingt, fahre ich noch mit einer Hand auf dem Auge. Das war wirklich nicht lustig. Noch ein paar Mal so ein Ding, und ich kann beim Glaser anklopfen.

Die Straße verläuft nicht in der Ebene, sondern mal nach oben, mal nach unten – alles auf hohem Niveau. Ohne genaues Kartenstudium kann ich nicht mal sagen, ob die Flüsse mit mir fließen oder mir entgegenkommen. Irgendwann erreiche ich jedoch die D62, und sowohl der Blick in die Landschaft als auch in meinen Atlas verrät mir auf Anhieb: Es geht Flussaufwärts, und wenn diese Lappalie versickert ist, sprich: die Quellgegend erreicht ist, geht es erst so richtig zur Sache. Wenn ich mich einigermaßen anstrenge und von der Aussicht nicht entmutigen lasse, erreiche ich heute noch einen neuen (vorläufigen) Höhepunkt meiner diesjährigen Reise. Erst mal verdrießen mich jedoch die alten Dörfler der Gegend. Was haben die sich dabei gedacht, die Dörfer abwechselnd im Tal und am Berg zu gründen und schließlich eine Straße – oder damals wohl noch einen Weg – all die Siedlungen miteinander verbinden zu lassen? Es geht hinauf und hinab, und bevor ich den Fußpunkt meines Aufstiegs erreiche, darf ich bei schönstem Wetter vielleicht zehn Höhenmeter gewinnen und dafür ordentlich strampeln. Immerhin – das Wetter stimmt, und es wirkt auch etwas stabilisiert. Schließlich erreiche ich wieder die Ebene und in ihr das letzte Dorf. Ich habe links die Serpentinen der ersten Phase der Auffahrt vor mir, und vor mir türmt sich die Passhöhe auf. Sie hat eine beachtliche Höhe. Das ist eine Angelegenheit von mehreren Stunden. Mindestens zwei, würde ich sagen. Dann dürfte die Dämmerung langsam einsetzen, also ist es noch zu schaffen, denn nach unten geht’s meist schnell.

Auf geht’s. Und wieder einmal geht es gut nach oben, wird die Aussicht an jeder Kehre oder auch mal zwischendurch, wenn die Bäume etwas lichter werden, von mal zu mal immer besser, übersichtlicher quasi. So lasse ich es mir gefallen. Anstrengend ist es zwar, aber das haben Berge so an sich. Immer mal wieder fixiere ich bei diesen Betrachtungen die letzte Kurve in der Ebene, und mit der Zeit wird auch interessant und sichtbar, was es außerhalb des »Auf-und-ab-Tales« noch so für Landschaft gibt. Spätestens am ersten Pass – dem Ende der ersten Serpentinen – wird dahinter ein zweites Tal sichtbar, das im spitzen Winkel auf das Ende des ersten zuläuft, Schnittpunkt der gedachten Verlängerung dürfte der oberste Pass sein – oder der Puy Mary, der Berg zum Pass – das bleibt sich ungefähr gleich. Inzwischen sind wieder Wolken aufgezogen, aber sie lassen hin und wieder der Sonne einen Spalt nach unten frei, und dann gibt es Spots, wie man sie in diesen Breiten selten zu sehen bekommt. Die Beleuchtung erinnert mich an die Lofoten, wo ich dieses Licht jenseits des Polarkreises zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe. Allgemeine Düsterkeit, und ein kleiner Lichtstrahl macht zum Spektakel, was immer er in der Landschaft trifft, mag es normalerweise auch noch so banal sein. Und so geschieht es mit einem kleinen Waldstück im zweiten Tal. Nicht, dass es gleich aufglühte, aber vorübergehend geadelt wirkt es durch die wandernden Sonnenstrahlen, die ihm für Minuten den absoluten Vorrang gegenüber den vielen umgebenden Quadratkilometern geben. An einer anderen Stelle sehe ich die Fläche zwar nicht, auf die das Licht trifft, aber den Strahl. Das sind Momente, in denen die Kawohl-Fotografen zuschlagen…

Vom Pass aus geht es jetzt wieder parallel zum (ersten) Tal, nur leicht bergan, bis der steile Kegel (in grober Näherung) des Puy Mary erreicht ist. Dann geht es unfeierlicher zur Sache. Es wird richtig steil, kalt ist es auch, aber das verdränge ich, denn bei diesem Fahren wird mir nicht so schnell kühl. Trotzdem muss ich ein, zwei Pausen machen, und mein Zeitziel wird immer schwerer umsetzbar. Vielleicht einen Kilometer vorm Ziel muss ich mir die Niederlage im Wettlauf mit der Uhr eingestehen, aber das ist kein Drama. Ich mache hier ja kein Wettrennen; es ist nur immer ganz gut, eine realistische Einschätzung der benötigten Zeit zu haben, einerlei, ob sie nun einfach vorsichtig war oder ich mich an hohen Maßstäben zu besonderen Leistungen aufgeschwungen habe.

Und dann bin ich einfach oben. Es ist saukalt, und der Wind hier oben ist nicht von schlechten Eltern. Der Pass hat eine eigenwillige Form: Ich überquere den Sattel diagonal, d.h., ich könnte es, und es würde auf der anderen Seite gewaltig in die Tiefe gehen. Michelin weist 15 Prozent Gefälle aus. Das darf gefährlich genannt werden. Allerdings werde ich nicht diesen Weg wählen, sondern einen anderen, und der verläuft scharf nach links und nahezu eben. Auf diese Weise fahre ich zwei Drittel der Peripherie des Gipfels ab – einmal von Osten bis Südosten bei der Auffahrt und nach Süden bei der Weiterfahrt. Wie gesagt, dort geht es eher in der Ebene weiter.

Das Panorama hier oben ist atemberaubend. Die beiden Täler, zwischen denen sich der erste Pass von vorhin erhebt, liegen mir weit weg und klein zu Füßen, immer noch vom wechselvollen Lichterspiel beleuchtet, das sich natürlich aus dieser Entfernung noch stärker im Zeitlupentempo entwickelt. Hinter mir die Schlucht, in die die steile Abfahrt führt. Über dieser Schlucht schwarze Wolken, rabenschwarz. Sie können jederzeit loslegen, und wenn sie es tun, dann zwar nicht unmittelbar über mir, aber wahrscheinlich mit einer noch größeren Härte als heute Vormittag. Was der Wind mit diesem Damoklesschwert anstellt, bleibt ungewiss. – Dann ist da noch eine Passhütte. Ich gehe hinein, und ein paar Männer und eine Frau genießen in der Wärme wärmende Getränke. Ich verzichte auf die Getränke und kaufe mir Briefmarken und ein paar Ansichtskarten. Darauf ist der Weg zum Gipfel natürlich nicht von schwarzen Wolken verschleiert; dafür rennen auch Horden von Touristen herum. Das habe ich jetzt nicht, und die Variante ist mir ganz recht. Den Weg nach oben unternehme ich auch nicht; denn dafür müsste ich das Fahrrad stehen lassen, und oben würde ich womöglich eine Sichtweite von zehn Metern haben. Das ist nicht der Sinn der Sache. Stattdessen ziehe ich mir an, was die Kleiderkammer an warmen und vor allem winddichten Dingen zu bieten hat, und mache mich an die Weiterfahrt. Die ebene Straße täuscht. Sie führt nur zu einem dritten Pass, der nur zwei Kilometer entfernt ist und hinter dem ich eine hübsche Abfahrt vermute. Die Schlucht liegt jetzt rechts von mir, und ich überlege mir, wie diese Formation wohl zustande gekommen sein mag. Ich tippe auf einen Vulkan, und die Schlucht mag der Krater sein, der dann wohl mal irgendwann außer Rand und Band geraten ist, wodurch er eine Seite einbüßte, und das ist die, wo die steile Abfahrt die Schlucht verlässt. So viel zur Theorie. Ich erreiche Pass Nummer 3, und es geht in der Tat nach unten. Ich kann allerdings nicht sehr schnell fahren, weil die Straße ziemlich schlecht ist. Da will ich nichts riskieren. Aber Spaß macht es trotzdem. Und langsam steigen auch wieder die Temperaturen.

Auf einer Höhe von 800 Metern verlasse ich die Hauptstraße. Ich habe jetzt das Châlet Anjony vor mir, d.h., es könnte mein heutiges Ziel sein. Noch trennen mich einige Berge oder zumindest größere Hügel davon, und ob ich es erreiche, hängt maßgeblich davon ab, ob mir bis dort ein attraktives Übernachtungsplätzchen »über den Weg läuft«. Aber irgendwie ist es alles nichts, und wenn da doch mal ein Stapel Strohballen liegt, dann befindet er sich entweder auf einem bewohnten Hof, oder es sind noch arbeitende Menschen in der Nähe. Die Landschaft ist sehr schön, sehr »wellig«, d.h., es geht andauernd bergab oder bergauf – keine großen Höhenunterschiede, auch Anstieg und Gefälle halten sich in Grenzen, aber ich bleibe in Bewegung. Rechts ist stets der Berg und links das Tal. Ebenfalls links ist auch die Sonne… – schon längst untergegangen. Die Dämmerung schreitet fort, und es wäre jetzt wirklich Zeit, etwas für die Nacht zu finden. An einer Bushaltestelle sitzen zwei Mädchen, die mich im Vorbeifahren irgendwas fragen. Ich muss wohl schon müde sein oder sonst einen Durchhänger haben, jedenfalls antworte ich statt mit »oui« mit »ja«, und Sie fragen zurück, ob ich Deutscher bin. Nun kehre ich doch um und frage (auf Französisch), ob sie deutsch sprechen. Darauf zeigen sie sich allerdings ziemlich zurückhaltend, und da ich keine Frage habe und mein Französisch nicht zum Smalltalk reicht, verabschiede ich mich und fahre weiter.

Als es schon fast dunkel ist, beginnt die Abfahrt nach Anjony. Die kurvenreiche Strecke im Dunkeln ist nicht ohne, aber schließlich erreiche ich den Ort. In der Silhouette sehe ich das Châlet – oder was immer dieses Gebäude sein mag – und denke mir, in seiner Nähe müsste sich gut übernachten lassen. Ich verfolge die Hauptstraße, aber die führt immer weiter bergab, bis sie deutlich unterhalb des Châlets verläuft. Keine Straße und kein Weg führen hinauf. Es muss einen anderen Zugang geben. Jetzt studiere ich also mal die Häuser an der Straße. Vielleicht kann ich dort ja irgendwo unauffällig unterkommen. Das Châlet hat bis morgen Zeit. Ein Haus liegt still im Dunkeln ohne ein Zeichen von Leben. Allerdings sind die Läden geschlossen, und das vermittelt einen verlassenen Eindruck, kann aber auch täuschen. Ich betrete das Grundstück und mache einen Rundgang um das Haus. Kein Schimmer. Wie sieht es hinter dem Gebäude aus? Von der Straße aus möchte ich am Morgen vielleicht auch nicht gesehen werden. Auch auf der Rückseite sind die Läden verschlossen. Es scheint ein brauchbarer Platz für die Nacht zu sein. Doch da dringt ein schwacher Lichtschein durch einen Spalt. Teufel noch mal! Den hätte ich beinahe übersehen. Ich trete ganz dicht heran, und zwar ist im Zimmer keine Festbeleuchtung, aber auch nicht gerade nur eine Kerze entzündet. Es ist ganz normal hell, und ich habe nichts gesehen. Vielleicht sollte ich in Zukunft bei geschlossenen Läden immer sehr genau hinschauen. Jedenfalls verlasse ich rasch das Grundstück und suche weiter. Es ist inzwischen Nacht, und bald darauf stehe ich wieder am oberen Ortseingang. Ich sollte mal einen anderen Weg in den Ort suchen.

Den finde ich dann auch. Zum Glück hat das Dorf eine halbwegs ordentliche Straßenbeleuchtung. Überhaupt machen die Häuser in der Siedlung einen gepflegten Eindruck. Nur habe ich bislang weder einen Schlafplatz noch den Zugang zum Châlet gefunden. Dies ist darum bald endgültig aus der heutigen Planung gestrichen, und ich konzentriere mich inmitten der Häuser, die zwischen sich keinen Quadratmeter wirklich dem Zufall überlassen, auf die Übernachtung. Ich finde auch noch eine Herberge, aber da ist kein Laut zu hören und kein Licht zu sehen (und diesmal sind keine Läden geschlossen, hinter denen sich ein Lichtschein verbergen könnte), so dass ich starke Bedenken habe, um halb elf noch anzuklopfen oder zu klingeln. Also lasse ich es. Na, und zu guter Letzt ist mir alles egal, und ich schlage mein Quartier mitten im Dorf auf. Schließlich werde ich morgens ja nicht so spät wach. Bis dahin dürfte ich wenig Anstoß erregt haben, vielleicht gar keinen. Meinen Schlafsack breite ich vor einer Bank aus, die zu beschädigt ist, um darauf schlafen zu können. So steht sie dann rechts von meinem »Bett«, dahinter ein Baum, und zur Linken – in Richtung Süden – steht zuerst das Fahrrad (umkippen sollte es also über Nacht möglichst nicht), dann eine niedrige Brüstung, hinter der die Mauer steil nach unten abfällt, vielleicht vier oder fünf Meter tief, und dort beginnt dann der Hang hinab ins Tal. Ansonsten stehen um meinen Schlafplatz herum vier Häuser. In einem wird ferngesehen, und ich könnte mitgucken, allerdings möchte ich hier lieber nicht gesehen werden – wenn es im Zusammenhang mit meinem Schlafplatz schlechte Stimmung geben sollte, reicht mir das morgen. Also halte ich mich zurück und außerhalb des Lichtscheins, den das helle Zimmer auf den Platz wirft. Na, und dann wird es einfach Zeit zu schlafen. Der heutige Tag bot genug zum Träumen.

3. Juni

Anjony – D160xD922xN120 – Aurillac – N122xD920 – Montsalvy – Entraygues-sur-Truyère – D920xD34 – Saint Amans-des-Cots – D97xD621xD900 – (Privatstraße der E.D.F von der D900 bis zur Barrage de Sarrans und zurück) – D900xC?xD166xD98 – Laussac (131 km)

Auf asphaltiertem Boden liegt es sich zwar sicher, aber doch relativ fest, um nicht zu sagen: hart. Da die Isomatte wirklich nur isoliert, nicht aber federt, muss das dünne Gespann aus Schlafsack und Speck für ausreichend Nachtschlaf sorgen. Tut es auch. Als ich wach werde, ist bereits heller Tag, aber das ist er in dieser Jahreszeit schon früh. Gestern Abend habe ich beschlossen, jetzt endlich mal den Reifen des Hinterrades zu wechseln; denn der ist nun – wie natürlich auch der vordere – seit Reiseantritt ca. 2000 Kilometer gefahren und sieht wirklich nicht mehr sehr vertrauenswürdig aus. Die erste Textilschicht ist bereits an vielen Stellen durchgewetzt, die zweite schon sichtbar. Wie dick der Rest ist, kann ich nur schätzen. Ich schätze ihn wechselreif ein. Wozu schleppe ich schließlich schon die ganze Zeit einen Ersatz mit mir herum? Den will ich schließlich zum Schluss nicht wieder mit nach Hause nehmen. Ich weiß noch – auf meiner Großbritannientour 1995 war ich noch nicht so erfahren mit der Lebensdauer der Reifen vorn und hinten, und als das Profil auf dem Hinterrad verschwunden war, glaubte ich, schleunigst für Ersatz sorgen zu müssen. Im schottischen Inverness kaufte ich mir deshalb einen Ersatz. Er war weder billig noch besonders gut noch so direkt von der Form, wie ich das für zweckmäßig hielt. Aber er passte, und das schien mir fürs Weiterfahren notwendig. Und was war das Ende vom Lied? Tag für Tag war ich zu faul, den Reifen zu wechseln, und auf diese Weise erreichte ich schließlich wieder Deutschland, kam in München an, fuhr sogar noch einmal nach Österreich auf der Großglockner-Hochalpenstraße einmal ’nüber und ’rüber, und erst als diese Fahrt vorbei war, wechselte ich den Reifen. Diesen Ersatz hätte ich natürlich auch zu Hause kaufen können und nicht von Schottland nach Bayern zu schleppen brauchen. Aber so ist das mit der Vorratshaltung: Sie ist manchmal auch mit ein wenig mehr Mühe verbunden.

Also ziehe ich mich an, um den Frühaufstehern kein anstößiges Bild zuzumuten, rolle die Utensilien und Zeugnisse meiner Übernachtung zusammen, genehmige mir ein gepflegtes Frühstück – Reifen wechseln ist anstrengend – und verfolge dabei, wie das Tal allmählich in Sonnenlicht getaucht wird. Die Sonne ist im Nordosten aufgegangen, und leuchtet das von Ost nach West verlaufende Tal erst allmählich aus. Von meinem Nordhang aus blicke ich auf die bereits helle Südseite, die ihrerseits in mehrere Seitentäler zerfällt. Die dazwischen liegenden Rücken sind bewaldet, in den Tälern ist Wiese. Das sieht alles klein und fein aus. Mit solchen Betrachtungen beende ich das Frühstück und krame das Werkzeug heraus. Der Reifenwechsel ist reine Routine. Ich muss noch die Bremsen neu einstellen, da bei der Gelegenheit die Kette etwas gespannt wird, und dann kann’s losgehen. Derweil ist hier und da jemand aus den Häusern getreten. Die Menschen gehen ihren Geschäften nach, aber insgesamt hat sich wenig gerührt. Und von mir hat überhaupt niemand Notiz genommen. Nun, ich brauche ja auch keine Hilfe, da ist es mir fast lieber, es kümmert sich niemand um mich. Es könnten Leute kommen, die es nicht gut finden, dass die Straße zur Werkstatt gemacht wird. Es könnten andere kommen, die einfach einen Smalltalk mit mir führen wollen und mich mit meinen Französischkenntnissen in Verlegenheit bringen würden – wobei… das wäre ja vielleicht noch lehrreich. Will ich aber möglichst schnell in Gang kommen, dann ist es so am besten. Ja, Postkarten muss ich noch schreiben. Ich sende ein Lebenszeichen an Kerstin (und Authari natürlich) und eines an Johanna.

Na, und dann wäre da noch das Châlet. Gestern hatte ich ja kein Glück mehr mit dem Weg dorthin. Alles fix und fertig für die Reise rolle ich nun langsam durch die Gassen, um heute noch einmal einen Versuch zu unternehmen. Und er gelingt. Bald fahre ich durch eine geöffnete Pforte auf das alte Bauwerk zu. Überall weisen Schilder auf Privateigentum hin, aber solange mir kein solcherart gekennzeichnetes Tor den Weg versperrt oder der Weg selbst mit entsprechenden Hinweisen versehen ist, lasse ich mich nicht verschrecken. Das Châlet besteht im Wesentlichen aus vier wuchtigen, runden, hohen Türmen, die weitgehend fensterlos sind. Diese Türme sind im Rechteck angeordnet und bilden die Eckpunkte eines Gebäudes, dessen eigene Grundfläche vielleicht doppelt so groß ist wie die eines dieser Türme. Auch das Gebäude selbst enthält kaum Fenster. Es muss ein Gaudi gewesen sein, darin zu wohnen. Wahrscheinlich war es zudem schlecht geheizt, und Aufzüge hatten sie damals wohl auch keine. Eine lose Gruppe älterer Herrschaften bewegt sich zielstrebig auf den Eingang zu. Ich stelle einfach mal das Fahrrad ab und schließe mich ihnen an. Keiner stellt eine Frage, keiner dreht sich um. Ist mir recht. Auf diese Weise gelange ich zwischen zweien der vier Türme durch eine Tür ins Innere, und dort herrscht bei gedämpftem Licht eine Museumsatmosphäre. In der Mitte des Raums wird kassiert. Bezahlt wird mit Scheinen. Will ich mir das wirklich ansehen? Die Frage beantwortet der Chef selbst. Mit scharfem Blick hat er erkannt, dass ich zu einer anderen Altersgruppe gehöre als seine übrige Klientel, und deshalb erwachsen ihm Zweifel daran, dass ich hier richtig bin. Kurz darauf finde ich mich zu einer Tür komplimentiert, und schon stehe ich draußen. Hoppla, das ging ja schnell. Aber wer weiß denn, welche Privatrechte ich drinnen verletzt hatte. Vielleicht kann ich noch froh sein über meine Behandlung. Und im Grunde reicht mir mein Eindruck auch. Ich mache noch eine oder zwei Aufnahmen von außen, und da ich jetzt mitreden kann, wenn es mal um Anjony und sein Châlet gehen sollte, breche ich nun endgültig auf. Zeit wird’s auch. Ich habe heute eine sehr facettenreiche Tour vor mir und will sehen, wie weit ich dabei komme.

Zunächst muss ich die D922 nach Aurillac erreichen, und die Strecke dorthin verläuft im Tal oder sagen wir mal: zwischen den beiden Kämmen, die das Tal begrenzen. Völlig eben und neben dem Bach, der in der Sohle vor sich hin plätschert, verläuft die Straße naturgemäß nicht. Ein paar Mühen hat der Herr vor die Erreichung selbst ganz leicht erscheinender Ziele gestellt. Meine größte Mühe ist nach wenigen Minuten, irgendwo ein dunkles Gebüsch zu finden. Auf diesen Reisen ist das schlimm: Du ahnst nichts Böses, und plötzlich ist es ganz dringend. Sollte kreislaufmäßig wirklich alles so beschleunigt ablaufen? Wo bleibt da die Frühwarnzeit?

Na ja. Schließlich und endlich bin ich auf der Hauptstraße, und von hier an wird’s zur Strecke. Die Straße ist keiner Erwähnung wert und testet mich mit kleinen Erhebungen und Senken. Aus dem Massiv der Monts du Cantal, die gestern die drei Pässe geformt hatten, senken sich mehrere Täler wie das von Anjony nach Westen, und wenn sie sich in 30 Kilometern Entfernung auch schon wesentlich geglättet haben mögen, so bleibt’s doch wellig, und wenn’s das nicht wäre, bräche schlicht die Langeweile aus. In einem Dorf statte ich dem örtlichen Supermarkt einen Besuch ab, und danach bin ich wieder drei Kilo schwerer und fühle mich für den Tag weitgehend versorgt.

Aurillac ist schon eine Stadt mit Größe. Sie hat eine Ringstraße, die den Stadtkern von Südwesten her halb umkreist, wobei die Bebauung jenseits dieser Straße keineswegs endet. Eine richtige Umgehung ist dies also nicht, aber eine andere gibt es nicht. Da ich nichts Besonderes von dieser Stadt weiß, nehme ich die Magistrale, und dasselbe oder anderes denken sich wahrscheinlich auch all die Kraftfahrer, die hier noch unterwegs sind. Es ist, auf Deutsch gesagt, was los. Und es ist gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden. Dies ist die D920, und rasend interessant ist auch die nicht. Die Täler südlich von Aurillac, also zwischen den Flüssen Cère und Truyère, sind ebenfalls flach, jedenfalls suggeriert dies der Verlauf der Straße. Die Abfahrten und Anstiege sind flach und langgezogen, und das merke ich naturgemäß vor allem während des jeweils nächsten Anstiegs. Der Blick auf die Karte lehrt mich allerdings, dass es effektiv, also quasi über alle Täler gemittelt, in die Berge geht. Na, das ist mir ja ein Trost. Ich dachte schon, ich mache schlapp. Der Atlas informiert mich allerdings auch darüber, dass all dies auf den letzten zehn Kilometern vor der Truyère praktisch wieder den Bach hinunter geht. Das kann also eine lauschige Abfahrt werden. Es könnte. Wenn da nicht Bauarbeiten wären und die Straße bald klebt, bald dick mit Splitt überzogen ist. Wie bauen die hier nur Straßen? Ich erinnere mich an die Werbung für Brooks-Sättel. Da heißt es: Den finishing touch müssen sie ihm schon selbst geben. Das heißt bei dem Ledermöbel: Fahr ihn 500 Kilometer lang ein, dann passt er Dir. Und hier scheint es zu heißen: Lass 5000 Autos darüber fahren, dann ist der Splitt hinterher dort, wo es vorher klebte, und alles ist in schönster Ordnung und festgefahren. Weiter unten auf der extrem breiten Straße steigt die Qualität dann allerdings deutlich an, und es fährt sich wieder sehr gut, was gerade bei kurvigen Talfahrten sehr schön ist. Leider besteht der Zweck der Bauarbeiten in einer extremen Verbreiterung der Straße – sie könnte glatt vierspurig markiert werden –, was natürlich mit massiven Wühlereien in Feld und Wald verbunden ist, und die Wunde wird, vom laufenden Verkehr einmal abgesehen, sicherlich einige Jahre brauchen, bis sie einigermaßen verheilt ist.

Auf diese Weise erreiche ich in rasantem Tempo den Ort Entraygues. Er liegt an der Truyère, und es ist gar nicht so einfach festzustellen, ob das hier gerade mal ein kleines Stückchen Fluss ist oder ein Stausee. E.D.F. hat nichts dem Zufall überlassen, wie ich vor allem der Karte entnehmen kann. Das Wasser wird schon seit vielen Jahren zur Energiegewinnung genutzt. – Ich könnte jetzt hier den Fluss überqueren, da die Straße auf der anderen Seite das Tal wieder verlässt… – wenn ich wollte und wenn da eine Brücke wäre. Komischerweise aber führt die Straße erst einen Kilometer stromaufwärts (und auf der anderen Seite entsprechend zurück), und dann dürfen nur diejenigen über den Fluss, die nicht zu breit und wirklich nicht zu schwer sind. Dort überquert eine angeblich gotische und wirklich ziemlich alt aussehende Brücke das Wasser, und in der Mitte gibt’s sogar noch einen richtigen Knick, damit die Statik stimmt und es keinen Knack gibt; man fährt also bis zur Flussmitte hinauf und dann wieder herab. Ich schaue mir die ganze Sache von meiner Seite aus an und mache ein Foto, aber hinüber will ich ja nicht, und ob das Kopfsteinpflaster ein so erhebendes Gefühl vermittelt, bezweifle ich eher. Also bleibe ich erst mal hier. An der nächsten Brücke (die für den Fernverkehr weitgehend ohne Einschränkungen benutzbar ist) fällt mir dann aber doch ein, dass ich hinüber muss, und nun kann ich mir die gotische Brücke noch einmal aus der Ferne und sozusagen im Profil ansehen.

Solange ich im Tal bleibe, ist alles okay. Links ist der Fluss, dahinter und rechts die Berge. Und die sind nicht von schlechten Eltern. Wenn ich hier wieder heraus muss – und ich muss! – dann wird das ein anständiges Stück Arbeit, zumal bei der Hitze, die sich jetzt eingestellt hat. Vergessen ist der Regen von gestern, Thema ist der Schweiß von heute. Und es dauert auch gar nicht lange, da kommt der Abzweig und die Auffahrt nach St. Amans. Und hier wird mal wieder gebaut, und das bedeutet Splitt auf der Straße. Aber ich lasse mich nicht irre machen. Gut gefrühstückt und mit einigen Happen zwischendurch fühle ich mich recht fit und nehme die Arbeit in Angriff. Und es lässt sich gut an – die Landschaft gefällt mir. Trotzdem zieht es sich hin. Kurz vor Erreichen von St. Amans komme ich an einer Weide vorbei. Da fällt mir eine ganz clevere Kuh auf: Auf drei Beinen stehend, etwas verrenkt also, melkt sie sich gleich selbst. Na, wenn das mal Schule macht…

Kurz darauf geht’s wieder zu Tal. Die Abfahrt ist nicht ganz so tief wie vorher die Auffahrt, denn dazwischen liegt eine Staustufe. Wie hoch sie ist, kann ich zwar nicht sagen, aber unter ein paar Metern lohnt es sich wohl nicht. Bevor allerdings der Fluss wieder erreicht ist, biege ich rechts ab und begleite das Wasser einige Kilometer in unmittelbarer Nähe. Auch hier ist die Truyère gestaut, bewegt sich also träge und führt sicherlich viel weniger Wasser, als es den Anschein hat. Dann allerdings fahre ich über eine Brücke und habe nun am anderen Ufer eine beachtliche Auffahrt vor mir. Hinter mir hat sich ein Gewitter zusammengebraut, und das ist mir eine ganz unsympathische Mischung: Regen und Gewitter und den Berg hinauf – das ist anstrengend und unangenehm und zudem gefährlich. In einer offenen Garage stelle ich mich unter, um den Gang der Dinge bis zu einer gewissen Beruhigung abzuwarten. Derweil studiere ich die Karte. Ja: dass es steil werden würde, hätte ich bei genauerem Studium meiner Unterlagen schon wissen können. Michelin hat zwei Pfeile spendiert, und die sind hier sicherlich korrekt. Man darf aber keinen Sehfehler haben, wenn man sich diese Kartenseite anschaut.

Die Auffahrt schlängelt sich zwischen Hochspannungsmasten hindurch. Unten im Tal befindet sich ein Wasserkraftwerk, wenngleich mir nicht ganz klar ist, aus welchem Fluss es gespeist wird. Anscheinend führen unterirdisch Rohre den Hang hinab, aber das ist alles verdeckt und ihre Herkunft natürlich auch. Da hätten sie eigentlich auch die elektrischen Leitungen verbuddeln können. Eine Zierde für das Tal ist dieses Gewirr nicht gerade. Aber vermutlich scheiden sich daran auch die Geister.

Weiter geht’s. Und leichter wird es noch lange nicht. Erst als ich das unzerschnittene Hügelland außerhalb des Flusstals erreiche und oben auf Höhe eines Umspannwerks bin, wird es deutlich flacher. Auch das Wetter hat sich inzwischen wieder beruhigt. Allerdings ist auch der Tag fortgeschritten. Ich erreiche nach einigen Minuten die D900, eine Straße, die erneut die Truyère kreuzt. Zwar will ich nicht schon wieder auf die andere Seite, aber meine Reiseroute sieht vor, nun auf der nordwestlichen Seite des Flusses bzw. seiner Stauseen ein ganzes Stückchen weiterzukommen. Es geht also wieder hinab. Im regennassen Wald, unter Wolken verhangenem Himmel, auf rauem Asphalt geht es Kurve um Kurve ins Tal. Das wäre alles ganz schön, wäre da nicht so ein vages Gefühl der Unsicherheit, ob das wohl der richtige Weg ist. Also, es ist ganz ohne Zweifel der Weg, den mir meine Route vorschreibt, aber der Abzweig unten vor dem Fluss sieht doch sehr schmal aus… Aber welcher Weg ist schon zu schmal für ein Fahrrad? Die Karte hat nur überhaupt kein Detail dem Umstand gewidmet, dass an der Staumauer zwei Straßen auf doch wahrscheinlich recht unterschiedlichem Niveau zusammentreffen: Eine oben und eine unten. Da würde es unter normalen Umständen doch eine Serpentine geben – oder mehrere…

Na, und noch ehe viel Zeit verstrichen ist – Abfahrten dauern nie sehr lange –, erreiche ich links einen Abzweig. Privatstraße, steht da, E.D.F. So so, das ist dann wohl nicht der richtige. Mein Wunschpfad muss also noch kommen. Was aber als Nächstes kommt, ist die Brücke über die Truyère. Also, so hatten wir nicht gewettet. Es gibt weder auf der Südostseite eine Straße entlang des Flusses noch auf der Nordwestseite eine zweite. Ich will doch lieber noch einmal genau nachsehen. Zurück! Allein – der einzige Weg bleibt die Privatstraße der E.D.F. Was mein Recht betrifft, diese Straße zu benutzen, so fehlt wahrhaftig nicht viel an meiner Gewissheit, dass ein solches Recht nicht besteht. Die Alternativen? Wieder zurück, hoch hinauf in die Berge, und zwar eine von beiden Seiten des Flusses. Die »Hochufer« unterscheiden sich kaum in ihren konditionellen Anforderungen. Es würde eine gediegene Arbeit werden. Ich weiß ja, wo ich eben noch heruntergefahren bin.

Kurz entschlossen biege ich auf den mehr oder weniger verbotenen Pfad ab. Die Straße wirkt tatsächlich sehr privat: Sie ist schmal, und die Bemühungen der Vegetation, auf dem Asphalt verlorenes Terrain zurückzugewinnen, scheinen von einem gewissen Erfolg gekrönt zu sein. Hier fährt selten mal jemand lang. Na, da habe ich ja Chancen, dass mir niemand begegnet.

Das Tal, in dem die Straße verläuft, wird immer schmaler. Dann zweigt noch ein Seitental ab, und hier kann man dann langsam eine Vorstellung davon gewinnen, wie breit die Truyère tatsächlich ist, wie hoch ihr Wasserstand ist, d.h., wie viel Wasser da pro Sekunde fließt; denn hier ist sie ungestaut. Keine Kunst, es folgt ja auch bald der Damm oder die Mauer. Ich überlege, was ich tun werde, wenn die Straße an der Mauer enden sollte. Durchs Gebüsch? Irgendwelche Treppen benutzen? Werksgelände betreten, d.h., richtig eingezäuntes Territorium? Abwarten, das kann man ja alles noch vor Ort klären. Vielleicht ist die ganze Unruhe umsonst.

So geht es drei Kilometer, und nach zehn Minuten ist alles klar: Dies ist der Punkt of return, nichts anderes. Die Mauer ist mindestens 20 Meter hoch, leicht auch 30 oder 40. Die 100 Meter davor sind kompromisslos und ohne eine Andeutung einladender Details eingezäunt und versperrt, und die Hänge des Tals sind selbst für Kletterer ohne Gepäck eine Herausforderung. Für Radfahrer mit Gepäck stellt sich im Grunde nur eine Frage: Wie viel Zeit habe ich durch dieses Wagnis, durch diese blöde Planung oder durch diese schwachsinnige Darstellung der Straße auf einer Karte verloren? Ich schiebe es natürlich wieder auf den Verlag. Was hat eine Privatstraße auf einer Karte verloren, wenn die ja doch niemand außer dem Eigentümer befahren darf? Und warum ist, wenn man diese Frage schon mit einer grundsätzlichen Forderung der Vollständigkeit beantworten mag, keine Lücke zwischen der Ober- und Unterseite des Damms geblieben? Die 100 Meter eingezäuntes Terrain hätten eine Lücke von 0,5mm ergeben. Details dieser Größe sind auf der Karte durchaus signifikant. Man hat der Einfachheit halber durchgezeichnet. Und ich stehe jetzt inmitten dieser tollen Landschaft auf verbotenem Grund wie ein Depp und muss mir auch noch sagen (lassen – es kommt aber keiner): Was hatteste hier überhaupt zu suchen?

Also wieder zurück! Dieser Misserfolg ist lähmend. Bloß gut, dass es auf den ersten drei Kilometern nicht bergan geht. Danach bewege ich mich wieder legal, aber der Gedanke an die Alternative über die andere Seite des Flusses (die habe ich immerhin noch nicht gesehen) kommt mir gar nicht. Zurück halt! Bei der Auffahrt kann ich immerhin die Landschaft etwas genauer in Augenschein nehmen. Und die Kräfte kommen bald wieder. Nach sechs sind sowieso die größten Leistungen drin, wie es scheint. Und glücklicherweise ist die Straße nach oben genauso flach wie nach unten. Ich muss mir jetzt nur Gedanken machen, wie ich nun die Mauerkrone erreiche, ob ich sie überhaupt erreichen will (um mir etwa den Ort meiner Schmach noch einmal von oben anzuschauen), damit der Route Genüge getan wird, oder ob ich jetzt einfach die günstigste Stelle für den Abzweig zu irgendeinem Punkt oberhalb der Mauer suchen sollte. Und als es dann nach längerer Zeit zum ersten Mal wieder rechts ab geht, denke ich nicht lange nach, sondern folge ihm. Jetzt kann ich mich sogar wieder an der Sonne orientieren.

Der neue Weg, der neue Abzweig ist noch schmaler als der Abzweig zur E.D.F. Das mindert seinen Wert nicht – für mich jedenfalls nicht und solange kein weiterer Verkehrsteilnehmer auftaucht. Freilich, wenn ein Auto auftaucht, ist bereits ein Ausweichmanöver fällig, aber das passiert auf den drei folgenden Kilometern nur einmal. Wäre da nicht dieser Ärger, dann wäre das eine richtig schöne Strecke, und wäre es etwas flacher oder einfach eben, dann könnte ich mich sogar entspannen. Aber so muss ich mich erst mal vom gerade Erlebten distanzieren.

Eine halbe Stunde später geht es bereits wieder bergab, mit der Korrektur des falschen Weges bin ich fertig. Die Dämmerung hat nun auch eingesetzt; es wird Zeit, dass ich mir Gedanken über die Übernachtung mache – ein bei dieser unsicheren Witterung nicht unwesentlicher Tagesordnungspunkt. Da wird rechter Hand ein Stück Land im See sichtbar, so etwas wie eine Halbinsel in den gestauten Fluten. Langsam komme ich näher, und dort stehen auch ein paar Häuser. Nirgends ist jedoch Licht. Es könnte also sein, dass in diesem so entlegen scheinenden Winkel dieser Welt ein Fleckchen für mich frei wäre. Auf einer Schussfahrt geht es von halber Höhe hinab. Ein paar Ferienhäuschen vor der Halbinsel sind eingezäunt – da ist also nichts zu machen –, und dann mache ich mich an die Erkundung des Objekts meiner Neugierde. Das ist wirklich idyllisch: Eine Straße führt über die Landzunge zu dem kleinen Hügel, auf dem eine Handvoll Häuser verstreut sind. Sollte hier mal die Sonne brennen, werden sie keine Not leiden. Riesige Bäume beschatten Teile des Areals. Wer mag, kann in der Kühle bleiben. Ob er damit gleichzeitig die Mücken auf dem Hals hat, ist nicht klar. Für die sollte es hier eigentlich noch zu früh sein, aber es gibt Mücken, die tauen gleichsam aus dem Eis, und davon gibt’s hier keines. Sie könnten also schon präsent sein und mich heute Nacht ärgern.

Drei der Gebäude sind eine Baustelle – höchstens eine Baustelle. Zumindest sind sie baufällig und nicht bewohnbar. Zwei sehen dagegen sehr bewohnt aus, und wenn es auch nirgends ein Lebenszeichen gibt, so steht da doch ein Auto, also kehre ich hier lieber gleich wieder um, bevor mich jemand ungebeten findet. Das am höchsten gelegene Haus hat es mir angetan. Es ist aber alles verriegelt und verrammelt. Und es sind deutliche Spuren von Bauarbeiten zu erkennen. Ganz oben auf dem Hügel steht sogar noch eine kleine Kirche, aber die hat nicht mal Fenster, geschweige denn eine geöffnete Tür. Zurück zum Haus! Ah, auf der Nordostseite steht eine riesige Lärche, und unter ihr so etwas wie eine Veranda. Der Bretterboden dieses Holzbauwerks ist teilweise löchrig, teilweise mit Nadeln bedeckt. Aber das kann man ja ändern. Oder lässt es so und begreift es als Gratis-Federung. Ich beschließe jedenfalls, hier mein Lager aufzuschlagen, trage die Isomatte und den Schlafsack hinein und bette mich zur Ruhe. Auf alle Fälle habe ich schon schlechter gelegen. Dies sollte eine gute Nacht werden.

4. Juni

Laussac – D34 – Paulhenc – C?xD65xD11 – Chaudes-Aigues – D921xD48xD40 – Saint Georges – D250xN9 – Saint Chély-d’Apcher – D75xD987 – Saint Alban-sur-Limagnole – D4xD58xD5 – Grandrieu (145 km)

Es ist eine gute Nacht geworden. Für mich hier unterm Dach jedenfalls. Ob es draußen mal geregnet hat, kann ich allerdings nicht mit Sicherheit ausschließen. Der Himmel sieht jedenfalls alles andere als verheißungsvoll aus. Aber als ich das erste Mal die Augen öffne und die Szene um mich herum wahrnehme, sieht es mir draußen viel zu ungemütlich aus und ist es im Schlafsack viel zu gemütlich, als dass ich gleich aufspringen und zum Aufbruch drängen würde. Also drehe ich mich wieder um und warte auf besseres Wetter. Doch da sind plötzlich Stimmen zu hören. Und ein kurzer Blick verrät: Um die Ecke sind Bauarbeiten im Gange. Ist ja nicht zu glauben. Die Baustelle sah ein bisschen so aus, als fiele das hier alles viel schneller ein, als es wieder aufgebaut wird, als wären das höchstens mal Wochenendjobs, in denen hier die Kelle geschwungen wird. Nichts dergleichen! Jetzt sind Bauarbeiten im Gange, und ich habe keine Chance, hier unerkannt aufzubrechen. Wahrscheinlich haben die Jungs mich auch schon gesehen. Also, dann kann ich ja auch gleich noch ’ne Runde schlafen. Aber so richtig will sich bei diesem Publikum keine Ruhe mehr einstellen, obwohl sie mich nicht behelligen, nicht einmal gucken kommen. Ich packe meinen Kram ein, esse einen kleinen Happen – das richtige Frühstück kommt später –, schiebe das Fahrrad vom Grundstück und breche auf. Bonjour, die Herren. Bonjour.

Jetzt kommt eine kleine Rundfahrt, deren Krümmung dort endet, wo ich meinem Schlafplatz jenseits des Sees wieder gegenüberstehe. Von dort aus erkenne ich auch, dass die Halbinsel zumindest am Morgen keineswegs so verlassen war, wie das zunächst den Anschein hatte. Ein, zwei Autos stehen an einem flachen Abhang, der zwischen einer gepflegten Wiese und dem Wasser verläuft. Er könnte benutzt werden, um Boote zu Wasser zu lassen. Theoretisch könnte man hier wahrscheinlich auch baden, aber besonders fußfreundlich ist der Kies sicherlich nicht. Jedenfalls stehen und sitzen dort ein paar Leute herum. Wahrscheinlich angeln sie, aber das ist etwas zu weit weg, um es sicher erkennen zu können. Mich führt jetzt der nächste Weg wieder in die Berge, erneut hinauf am Nordwestufer, denn auf dem Niveau des Sees gibt es keine Fortsetzung der Straße. Der erste »Ort« heißt l’Ermitage, und da könnte man nun sonst was denken. Er besteht aus zwei, drei verfallenden Häuschen, und kein Gedanke kommt an St. Petersburg, große Kunst oder dergleichen. Wer hat hier wohl den Namen von wem kopiert, und was heißt das überhaupt, »l’Ermitage«? Vorerst gibt es darauf keine Antwort, denn Regen setzt ein, und bergauf geht es, und ich habe mit meiner Arbeit zu tun, werde also nicht in irgendwelchen Taschen nach irgendwelchen Wörterbüchern suchen, um Antworten auf momentan eher unbedeutende Fragen zu suchen. Da ich ungefähr weiß, wie tief das Tal ist – vorausgesetzt, das Umland hat nicht wesentlich seine Höhe geändert –, kann ich abschätzen, wie lange die Auffahrt etwa dauern wird. In Paulhenc versuche ich, meine Reserven aufzustocken. Der einzige Laden des Ortes ist nur sehr mangelhaft bestückt, und was er hat, ist nicht eben billig. Ich halte mich zurück. Noch besitze ich Reserven, und die Powerbar-Riegel karre ich glatt kiloweise durch die Gegend.

Was jetzt kommt, ist die Kurve um ein Seitental der Truyère, dann die Fahrt an dessen Hängen hinab ins Haupttal und dort die Überquerung des Flusses auf einer bemerkenswerten Brücke. Jedenfalls verzeichnet die Karte ganz dick die Pont de Trébul. Die Fahrt dorthin ist recht interessant. Zunächst mal hört der Regen auf. Dann geht es erst in die Horizontale und nach Umrundung des Seitentals wieder bergab, aber am interessantesten ist diese Umrundung selbst. Die Gegend macht einen solch menschenleeren Eindruck, ist dabei so vielfältig in Form und Farbe, intensiviert noch durch das immer stärkere Licht aus dem sich aufklarenden Himmel auf eine blank gewaschene Szene – man muss nicht wochenlang bei 30 Grad durch die Berge fahren, um zu erkennen, dass auch Regen sein Gutes hat.

Die Brücke selbst kann wohl als historisch gelten; so richtig Vertrauen erweckend ist sie dabei nicht. Zu beiden Seiten gabelt sich die Straße, um den jeweiligen Ufern in beiden Richtungen zu folgen. Hinter dieser Gabelung sind die Trosse, an denen die Brücke in klassischer Machart hängt, im Fels verankert. Das alles ist schon ziemlich alt, und auch die Betonteile der Brücke bröckeln so ein bisschen. Vielleicht besteht das Sehenswerte des Bauwerks daran, möglicherweise einer der letzten Zeugen ihrer Existenz gewesen zu sein. Aber einerseits bin ich ein leichtes Fahrzeug und andererseits habe ich doch so viel Vertrauen in die französischen Behörden, dass ich ihnen zutraue, ab und zu mal nach dem Rechten zu sehen.

Wieder auf der Südseite an Land gegangen, ist mein nächstes Ziel nun Chaudes-Aigues. Das liegt – wie könnte es anders sein – mal wieder in den Bergen, aber für ein paar Kilometer folgt die Straße noch dem See, und das ist eine ganz nette Angelegenheit. Ein Seitenarm des Sees flacht ganz allmählich ab, bis er unauffällig in einen Bach übergeht, und zunächst mal folgt die Straße diesem Bach. – Nach dem Regen sind Unmengen von Nacktschnecken auf der Straße unterwegs. Naturgemäß sind diese Kreaturen sehr langsam, und was sonst hier so entlangkommt, ist, gemessen daran, ziemlich schnell. Und deshalb liegen jede Menge Leichen auf dem Asphalt. Ein bisschen aus Rücksicht um die Tiere, allerdings auch wegen eines gewissen Ekels versuche ich, um sie herumzumanövrieren. Am Ende klebt mir lauter organischer Matsch an den Reifen. Völlig gelingt es mir nicht, immer ein Bogen um die Kadaver zu machen. Aber nicht alle sind tot. Und im langsamen Vorbeifahren bemerke ich, wie um fast jedes Matschhäufchen Angehörige zum Leichenschmaus versammelt sind. Kannibalismus! So also bekommt jeder am schnellsten ein eiweißreiches Frühstück. Na denn, Prost Mahlzeit!

Die Sache mit dem Bach erweist sich als eine Ente. Es geht über’n Berg und hinab ins nächste Seitental, das noch länger ist. Dann aber wird nicht mehr lange gefackelt, und es geht in die Höhe. Kurz vor Chaudes kommt wieder eine deutliche Abfahrt. Im Ort bin ich schließlich der Berge müde und gucke mir die Karte an, ob sich da nicht etwas sinnvoll abkürzen lässt. Es lässt. Und ganz liberal streiche ich sowohl einen steilen Anstieg (zwei Pfeile) als auch eine Höhendifferenz von gut 200 Metern. Bevor ich den Ort aber wieder verlasse, wird eingekauft. Die Stadt hat alles, was man so braucht. Sie hat sogar einen Friseur. Und ich brauche einen Friseur, jedenfalls fühle ich, wie mir meine Mecke von Tag zu Tag stärker zum Bedrängnis wird. Nur, wie sag ich’s meinem Coiffeur? Da gehe ich doch lieber erst mal zum Bäcker. Eine Horde deutscher Touristen, soeben einem Bus entsprungen, macht den Markt unsicher. Hier habe ich erst mal alles, also verlasse ich den betriebsamen Ort. Wo Menschen zu Dutzenden, wenn nicht gar zu Hunderten in Bussen herangekarrt wurden und nun endlich mal ’raus dürfen, fühle ich mich nicht wohl, wahrscheinlich, weil ich mir selbst nicht vorstellen könnte, solcherart durch die Gegend chauffiert zu werden, ohne jederzeit frei entscheiden zu können, was ich als Nächstes mache.

Aufgrund der Abkürzung fahre ich nun entlang der D921 nach Norden, um abermals die Truyère zu überqueren. So tief geht’s diesmal aber nicht hinab. Hier steht auch wieder einmal eine Staustufe. Auf der Nordseite erwarte ich nach etwa 15 Kilometern Château d’Alleuze zu sehen, und was mich da jetzt genau erwartet, weiß ich nicht so genau. Als ich die Bildbände studierte, fiel mir einmal ein tolles Schloss auf, und irgendwas sagt mir, dieses Schloss müsse jetzt hier zu finden sein. Wozu mache ich schließlich diesen Schlenker so weit nach Nordosten? Ich bin schon fast wieder in Le Puy. Na gut, das sind noch fast 100 Kilometer, und wenn ich dieses Château erreicht habe, biege ich scharf und entschieden nach Süden ab.

Und da ist es: Aber ach, eine Ruine, kein Schloss, sondern ein verfallenes Exemplar des Bauwerks aus Anjony. Und deswegen habe ich solche Runden gedreht? Und nicht genug damit: Die Ruine ist auch noch eingezäunt und zwar richtig professionell – mit Stacheldraht und so. Professionell will heißen: Ich traue mich nicht drüber, weil ich riskieren würde, mir meine Hose zu zerreißen, und von einer ziemlich unpraktischen Jogginghose mal abgesehen, habe ich keine andere. Außerdem habe ich am Fuß des Berges, auf dem diese Trümmer stehen, mein Fahrrad zurückgelassen, und allzu lange möchte ich es nicht ohne Aufsicht lassen. Immerhin ist mein Gepäck ohne weiteres zugänglich, für jeden anderen wahrscheinlich ziemlich wertlos, aber das weiß er vielleicht nicht, und für mich wäre es ein herber Verlust. Zudem taucht jetzt unten ein Bus auf, hält an und jede Menge Kinder steigen aus. Nun aber rasch! Wer weiß, wie interessant die Racker mein Gefährt finden. Ich springe die Steine hinab, denn es ist weder ein glatter Pfad noch eine Treppe, die nach oben führt, sondern eher ein Haufen Felsstücke, die Stufen bis zu einer Höhe von einem Meter formen. Hier sind also sowohl nach oben als auch nach unten Kletterkünste und ein gutes Gleichgewicht gefragt. Als ich die Straße wieder erreiche, steigen gerade die letzten aus.

Mir steht jetzt wieder eine Auffahrt bevor, aber wo oben ist, kann ich bereits sehen, und auf der Straße habe ich allemal die elegantere Version des Aufstiegs. Es existiert nämlich auch noch ein Kreuzweg steil hinauf zu einer Kirche, der an lauter schlichten, weißen Kreuzen vorbeiführt. Diese Reihe schaue ich mir bald darauf von oben an und kann dann auch zur Ruine und zum Bus hinuntergucken.

Und nun will ich nur noch die N9 erreichen und auf dieser nach Süden fahren. Es ist allerdings nur ein frommer Wunsch, bis dorthin nicht noch einmal in die Tiefe und natürlich wieder hinauf zu müssen. In St. George holt mich brutal die Wirklichkeit ein, und wenn ich brutal schreibe, dann meine ich, dass die Auffahrt vielleicht kurz, aber hart an den Grenzen der Technik und Biologie entlangschrammt. Eigentlich müsste ich hier absteigen und schieben. Aber der Zorn über völlig falsche Beschriftungen der Karte muss mit Gewalt verarbeitet werden, und die entlädt sich an diesem Berg.

Na, und dann bin ich endlich auf der Nationalstraße. Das ist hier keine große Sache; denn parallel zu diesem so bedeutend klingenden Verkehrsstrang verläuft eine Autobahn, und es scheint so, dass sie hier entweder nichts kostet oder trotz der Kosten noch attraktiver ist als immer mal wieder das Durchqueren eines Ortes, für den ja das Tempo gedrosselt werden muss. Die N9 hat keine Hochbrücke, als sie schließlich – für mich zum letzten Mal auf dieser Reise – über die Truyère muss, aber inzwischen kenne ich mein Gewässer, und der Aufstieg auf der Südseite wird mir versüßt von einer Schlängeltour zwischen den Pfeilern eines roten Stahlviadukts, auf dem die Eisenbahn hoch oben das Tal überquert. Von Pfeiler zu Pfeiler gewinne ich mehr an Höhe, und die Konstruktion scheint in der Tradition des Eifel-Turms entworfen und umgesetzt worden zu sein – obwohl diese beiden Bauwerke natürlich nicht die einzigen aus Stahl in Europa sind.

Nachdem ich wieder das Niveau der Eisenbahn erreicht habe, scheint die Arbeit für heute getan. Würde ich genau auf die Karte sehen, wüsste ich, dass dies ein Irrtum ist. Ganz allmählich gewinnt das Gelände an Höhe, und zwar, indem es in langen Wellen ansteigt: Ein kurzes Stückchen hinab und ein längeres hinauf, immer schön flach, aber das ganze Spiel über ca. 30 Kilometer. Zu Beginn einer Auffahrt bemerke ich 200 Meter vor mir einen anderen Radfahrer. Eine Minute später stelle ich fest, dass da ein junges Mädchen vor mir den Hang hinauffährt. Es hat außer einem Korb kein Gepäck und ist langsamer als ich, aber hier würden viele Gleichaltrige sich wahrscheinlich schon weigern, überhaupt einen Drahtesel zu benutzen. Wozu ist schließlich das Moped erfunden worden? Ohne viel Getöse komme ich immer näher, und sie bemerkt mich erst, als ich auf gleicher Höhe mit ihr bin, und erschrickt. Mei, ich kann schließlich nichts dafür, dass mein Fahrrad weder scheppert noch klappert noch irgendwelche Motorgeräusche von sich gibt. Mit einem schelmischen Blick rufe ich ihr ein Pardon zu und ziehe weiter.

In einem Dorf wird an der Straße Honig angeboten. Aber mir ist das Angebot nicht günstig genug. Ich fahre weiter. In St. Chély verlasse ich das verflochtene Gespann aus Autobahn und Landstraße, um noch weiter in die Berge vorzudringen, diesmal mehr in Richtung Osten. In Kürze möchte ich die erste Route aus dem Radtouren-Reiseführer für Südostfrankreich erreichen. Aber heute wird das wohl nix mehr. Vorerst muss ich mich durch die Stadt wursteln, und das ist zwar städtebaulich ganz interessant, aber nicht ganz einfach, da ich eine Ausfahrt suche, auf die kein Schild hinzuweisen scheint. Darum muss ich mich möglichst gut an das erinnern, was ich nahe dem Ortseingang auf einem Übersichtsplan gesehen habe. Dort war diese Ausfahrt nämlich eingezeichnet: die D75.

Schließlich habe ich sie dann doch gefunden, da sie einem kleinen Bach folgt, und den bemerkt man dann ja doch beim Überqueren, wenn er innerhalb einer Siedlung nicht völlig unterirdisch kanalisiert wird. Ich folge dieser Straße, die auf der Karte extrem schmal eingezeichnet ist, und die fünf oder sechs Kilometer sind der Geheimtipp schlechthin. Die Strecke ist landschaftlich vom Feinsten, ruhig, leicht abschüssig und leider viel zu kurz. Dann erreiche ich wieder eine wichtigere Straße, auf der mehr los ist, und hier… überquere ich noch einmal die Truyère. Das ist ein unerwartetes Wiedersehen, aber der Fluss ist nicht wiederzuerkennen. Hier ist es ein Bach, der flach in einem ebenfalls flachen Tal ohne jede Gewalt und ohne Nutzung zur Energiegewinnung dahinplätschert. So kann’s gehen.

Wenige Kilometer später überschreite ich lautlos die 1000-Meter-Marke, aber in der Landschaft ist das kaum zu bemerken. Es ist hier alles ziemlich hoch, und die tiefen Einschnitte der Truyère habe ich ja jetzt hinter mir. Betrachte ich die Vegetation, sieht sogar alles ziemlich flach aus: Kiefernwälder säumen die Straße – nicht durchgehend, aber doch oft, und ich meine sogar sandigen Boden zu sehen. Das könnte für einen Moment glatt die Altmark sein.

Dann ändert sich die Landschaft, Wiesen und Laubwälder prägen die Szene, und es geht bei bedecktem Himmel weiter hinauf in die Berge. Vor mir liegt ein Pass oder zumindest so etwas Ähnliches. Ich muss bis dahin ca. 250 Höhenmeter überwinden. Eine Bäuerin treibt ihre Kühe nach Hause. Ist das Landleben wirklich so toll?

Irgendwann bin ich dann oben, und um den höchsten Punkt der Straße gruppieren sich einige Gebäude, die wie eine Jugendherberge aussehen. Dies sind bzw. ist die Baraque-de-Bouviers. Wahrscheinlich war da zunächst nur ein Haus. Da die Dämmerung inzwischen hereingebrochen ist und eine ganze Menge Jugend herumläuft, denke ich darüber nach, hier ein Quartier zu suchen. Als ich dann in einem Haus frage, ob hier eine Möglichkeit zur Übernachtung besteht, verweist mich einer der Erwachsenen auf Grandrieu. Da gäb’s ein Hotel oder etwas in der Art. Ja, sicher. Dass es da etwas gibt, bezweifle ich nicht. Ich frage mich, ob er damit zum Ausdruck bringen will, dass ich hier nicht gelitten werde (oder es voll ist), oder ob er meint, das könne hier wohl nicht meinen hohen Ansprüchen genügen. Wie dem auch sei, meine Kenntnisse reichen nicht so weit, dass ich das herausfinden könnte. Ich breche also wieder auf, und jetzt habe ich immerhin den Vorteil, dass es bergab, also rasch vorangeht; außerdem schaffe ich noch ein paar Kilometer – nur eine komfortable Übernachtung ist noch nicht gesichert.

Die Dämmerung ist schon ziemlich weit fortgeschritten – dauert ja auch nicht so fürchterlich lange –, als ich Grandrieu erreiche. Und das Lokal, auf das der Lehrer – oder was immer er war – hingewiesen hat, kann ich auch nicht verfehlen; es liegt direkt in einer Kurve der Ortseinfahrt. Ich bocke meinen Esel auf und betrete die Kneipe im Erdgeschoss. Da ist ganz schön was los. Ich frage den Chef nach einem Zimmer, und er verweist mich an seine Frau. Diese führt mich ins Obergeschoss – ich hatte befürchtet, dass es ein Zimmer direkt über dem Lärm sein würde, aber mit genügend Bettschwere wird sich wohl Schlaf finden lassen. Außerdem ist ja mal wieder eine Wäsche fällig; da vergeht eh noch eine dreiviertel Stunde. – Wir werden uns einig, und ich schleppe meinen Krempel hinauf in mein Gemach. Die Gespräche im Lokal sind gut zu hören, auch dann noch, als ich mit allen Reinigungsaktivitäten fertig bin. Aber es kommt, wie ich es mir gedacht habe: Schon nach kurzer Zeit sinke ich in den ersehnten Schlummer.

5. Juni

Grandrieu – D5xD988xD26xN88 – Langogne – D906xD19 – Saint Etienne-de-Lugdarès – D19xD24 – Col de Meyrand – Valgorge – Largentière – D5xD104xD4 – Ruoms – D579 – Vallon-Pont-d’Arc – D290 – Gorges de l’Ardèche – Aiguèze – D41xD901xN86 – Pont-Saint Esprit – D994 – Bollène (184 km)

Nach einer letztlich doch erholsamen Nacht breche ich auf in Richtung Südosten. Laval-Atger ist mein erstes Ziel. Es wird eine wunderschöne Abfahrt, flach, morgendlich kühl und sonnig in einem Flusstal. Genauso mag ich’s, wenn’s nach unten geht. Da hat man wenigstens eine Weile was davon. An der nächsten Kreuzung geht es dann rechts ab, nunmehr richtig auf Kurs, allerdings hat die Talfahrt dann auch bald ein Ende. Ich überquere einen kleinen Höhenzug zur Linken und fahre nun auf einen Stausee zu. Die Landschaft um ihn herum ist sehr flach und genauso scheint auch der See selbst zu sein. Als ich jedoch über die Staumauer fahre, sehe ich, dass es doch ein paar Meter fünfzig sind. Vor mir liegt nun Langogne.

Das könnte eine Durchfahrt mit der einzigen Herausforderung werden, die richtige Ausfahrt zu finden. Aber der Ort ist auf weite Sicht der letzte größere, und heute ist Samstag. Ich sollte mich mit Lebensmitteln eindecken. Also fahre ich langsam durch die Hauptstraße, um mir keinen wichtigen Laden entgehen zu lassen. Wenn’s gut läuft, muss ich nur einmal Halt machen und habe dann schon alles. Als erstes entdecke ich jedoch eine große Werbetafel, auf der Karl Marx mit einer Gurken-Gesichtsmaske abgebildet ist. Wofür das wohl werben soll?

Bald darauf habe ich alles. Dann fällt mir allerdings ein, dass mir meine Diafilme langsam ausgehen. Ich fotografiere mehr als geplant. Soll ich das nun einschränken oder nachkaufen? Nachkaufen natürlich, mein Budget wird solche Peanuts doch wohl verkraften. Ich betrete einen Tabac-Laden und suche. Diafilme sind nicht gerade in großer Auswahl vorhanden. Kodak bietet welche an. Ich nehme vier Stück und gehe zur Theke, um zu bezahlen. Die Verkäuferin scheint mich zu fragen, ob ich wirklich vier Stück davon haben will. Ja, natürlich, warum nicht? Als sie den finalen Knopfdruck an der Kasse auslöst, trifft mich fast der Schlag: 200 Francs! Nicht, dass ich mir das nicht leisten könnte, aber ich schätze, in Deutschland hätte ich – vielleicht nicht Kodak Gold, aber eine vernünftige Qualität – die vier Filme zu dem Preis bekommen, der hier für eine Kartusche zu entrichten ist. Ich bewahre die Fassung und bezahle. Schließlich hat sie mich vorher gefragt, ob ich sicher bin, und nicht ich sie, was denn wohl ein solcher Film kostet.

Holzauge, sei wachsam, wenn Du noch mal nachkaufen musst. Das sind jetzt 144 Aufnahmen. Die sind bei der Vielfalt an Motiven auch schnell weg. Und dann heißt es erneut, tief in die Tasche zu langen. Oder Du fotografierst jetzt nicht mehr jede Schlucht oder jeden Ginsterhang. Auf den Schreck frühstücke ich erst mal. Auf einer Bank mache ich es mir dazu bequem und versuche, mich zu entspannen.

Auf der D906 verlasse ich nach Süden die Stadt, und das könnte alles ganz wunderschön sein, wenn hier nicht so viel gebaut werden würde. Die Straße wird zur Magistrale ausgebaut, wobei der rollende Verkehr völlig offen lässt, was die Veranlassung für solchen Aufwand ist. Im Klartext: Es ist nicht viel los auf der Piste. Warum sollte man sie also breiter machen? – Davon einmal abgesehen, ist die Landschaft jedoch sehr schön.

Ich suche jetzt ein Telefon, denn ich möchte Johanna anrufen, um mal ein Lebenszeichen von mir zu geben. Als ich dann jedoch eins an dem Abzweig finde, an dem ich das Tal in Richtung Osten verlasse, ist es ein Münztelefon. Das habe ich ja in ganz Frankreich noch nicht erlebt! Nicht, dass ich jetzt an Steinzeit denken würde – schließlich ist in Deutschland wohl noch mehr als die Hälfte der öffentlichen Telefone als Münzer ausgelegt –, aber mit meinen paar Geldstücken starte ich hier lieber kein internationales Gespräch, und vermutlich ist es auch teurer als mit der Karte. Auf ein Kartentelefon muss ich aber noch warten.

Der neue Richtungswechsel führt mich wieder direkt nach Osten, und nach wenigen Kilometern erreiche ich St. Etienne. Freilich handelt es sich hier nur um ein kleines Dorf. Was mir dort auffällt, ist die Zweisprachigkeit auf Schildern. Ist das hier so etwas wie Kleingallien oder eine französische Sorbenregion? Die Frage wird wohl unbeantwortet bleiben, weil ich von der einen Sprache wenig und von der anderen gar nichts verstehe. Um solch eine diffizile Sache klären zu können, müsste ich jemanden fragen, und das würde sich im Extremfall so abspielen: Frage: Gibt es hier zwei Sprachen? Antwort: Ja. Frage: Welche ist die zweite? … (unverständlich für mich). Und damit hätte sich die Sache erledigt, ohne dass ich schlauer wäre. Also verzichte ich auf diese Konversation und fahre weiter.

Vor mir liegt der Col de Meyrand. Mein Radreiseführer beschreibt diesen Pass als wichtigen Meilenstein, als Grenze zum Midi, zum Mediterranen, und die Abfahrt nach Süden sei so etwas wie ein Showdown. Na, dann wollen wir doch mal schauen, wie so was aussieht. Natürlicherweise ist die Auffahrt zum Pass etwas anstrengend, weil es bergan geht, aber es hält sich in Grenzen, und als ich ihn erreiche, ist erst mal eine Mahlzeit angesagt. Vorerst sehe ich noch nichts. Als ich dann jedoch nach einer kurzen Pause wieder aufbreche, tut sich im leichten Dunst vor mir ein Tal auf, in dem die Straße tatsächlich ungefähr einen Kilometer tief versinkt. Hier darf also lange bergab gefahren werden. Den Straßenverlauf kann ich sogar ganz gut von hier oben überblicken. Nun denn, auf ins Vergnügen!

Es geht flott nach unten. Was immer der Autor des Radreiseführers damit gemeint hat, als er schrieb, dass dieser Pass die Grenze zum Midi sei – der Südhang wirkt karg, so, als bekäme er kaum Regen, als wäre er stärker mediterran geprägt als meine bisherige Route. Vielleicht hat er ja das gemeint. Ich konzentriere mich derweil auf Lenken und Bremsen, gucke ab und zu mal in die Büsche, aber die vielen Kurven fordern schon etwa mehr Aufmerksamkeit, und so habe ich gar nicht den Anspruch, eine anwechslungsreiche Landschaft vorzufinden. Weiter unten wird es dann etwas flacher, ab Valgorge fahre ich nur noch neben einem Fluss her, und wenige Kilometer später biegt er gar rechts nach Süden ab, und für mich beginnt mal wieder ein Anstieg. Alles klar, das ist keine Überraschung, wusste ich vorher schon.

An der Straße stehen Kirschbäume. Na, es wird Zeit, dass ich meine Speisekarte mal um ein paar Vitamine bereichere. Zwar sind es keine Straßenbäume im eigentlichen Sinne, also gibt es wohl einen Eigentümer, aber dann soll er halt kommen und ernten, anstatt das Obst vertrocknen oder verfaulen zu lassen. Diese Gefahr besteht allerdings noch nicht allen Ernstes. Trotzdem bringe ich einige Hände voll in Sicherheit. Dann geht es weiter den Hang hinauf. Als ich den kleinen Pass erreicht habe, denke ich darüber nach, mal wieder eine Servas-Familie anzurufen. In Orange habe ich eine Adresse lokalisiert. Das ist zwar noch sehr weit hin, aber der Tag hat ja auch noch ein paar Stunden. Zuerst muss ich in die Ebene hinab, dann durch die Gorge de l’Ardèche, und dann sind es sicherlich immer noch 40 Kilometer. Aber anrufen schadet ja nichts. Ich erreiche, wie es scheint, nur die Tochter des Hauses. Es gelingt mir, ihr mein Anliegen begreiflich zu machen – glaube ich jedenfalls. Aber sie kann das verständlicherweise nicht allein entscheiden. Also sage ich, dass ich später noch einmal anrufen werde. Gut.

Largentière ist eine Stadt im Tal. Auf der Karte sieht es so aus, als läge sie am Hang, mit offener Flanke nach Osten oder Südosten; sie wirkt indes ziemlich abgeschlossen. Für Spaziergänger, Leute, die gern promenieren, könnte das ein lohnendes Ziel sein. Im Vorbeifahren sehe ich eine sehr lange Treppe den Hang hinaufkriechen. Als ich den Ort schon so gut wie wieder verlassen habe, komme ich an einem kleinen Stand vorbei, an dem vielleicht ein paar Snacks und Getränke verkauft werden – jedenfalls sitzen dort ein paar jüngere Leute. Als mich einer von ihnen sieht, ruft er: Attaque! und Attends, j’arrive! und wenn ich es auch nicht als bedrohlich ansehe, so habe ich Moment doch keine Lust, anzuhalten. Er schwingt sich seinerseits auf sein Fahrrad und hetzt mir hinterher, aber was immer ihn auch hemmen mag – er kommt kaum näher und bleibt schließlich ganz zurück, ohne dass ich deswegen hätte hektisch werden müssen. Aber natürlich geht es gut bergab, und da fahre ich leicht 30, und manch anderer Fahrer muss bei diesem Tempo mangels vernünftiger Übersetzung schon heftig pedalieren, was diesem wohl letztlich abging.

Die Fahrt führt jetzt tatsächlich in die Ebene, was im Allgemeinen nicht so aufregend ist, aber schon bald steigt das Gelände zu einem geschichteten Massiv an, durch das sich der Fluss Beaume, neben dem ich fahre, ein tiefes Bett geschnitten hat. Der Fels ist grau und schmutzig und scheint ziemlich mürbe zu sein. Und wie üblich, hat der Fluss nicht den kürzesten Weg genommen. Für die Straße wird es aber zunehmend enger. Das geht so weit, dass sie schließlich in einer Galerie und ganz am Ende ampelgesteuert durch einen Tunnel geführt wird. Die Berge enden in Ruoms. Die Stadt liegt sehr schön, denn auch hier verläuft der Fluss noch zwischen den Felsen, sehr ruhig – wahrscheinlich gestaut – und etwa fünf bis zehn Meter unterhalb des felsigen Plateaus, auf dem die Stadt zumindest zum Teil gegründet ist. Die Grundstücksbesitzer können also, wenn sie Mut und Lust haben und sich im Fluss keine Untiefen befinden, wie von einem Sprungturm hinabspringen und haben damit auch eine relativ schwierig zu überwindende Grundstücksgrenze. (Dasselbe Problem stellt sich allerdings auch den mutigen Springern, wenn sie wieder zurück wollen.) Aber das sind alles wilde Erwägungen. Am Hochufer ist kein Mensch zu sehen, noch nicht mal ein Haus, so dass es keineswegs sicher ist, dass dort überhaupt jemals jemand hinkommt.

Hier muss ich zwei Probleme angehen. Ich muss noch einmal in Orange anrufen, und ich brauche Geld. Jedenfalls brauche ich bald welches. Und hier befindet sich wahrscheinlich eine Bank. Die Frage ist nur, ob sie meine Geldkarte von der Post akzeptiert. Mit meinem Anruf habe ich kein Glück. Papa ist jetzt zwar zu Hause, er nimmt den Anruf auch an, und wir verstehen uns so einigermaßen, aber er will heute Abend ausgehen, und dann kann er natürlich keinen Besuch empfangen. Na, war ja nur so eine Idee.

An der Bank habe ich auch Probleme. Der erste Automat will meine Karte nicht, rückt natürlich auch kein Geld heraus. Später habe ich dann mehr Glück. Die Stadt gucke ich mir bei der Gelegenheit auch gleich ein wenig an. Sie steht voll im Zeichen des Tourismus. Entlang der Hauptstraße sind rechts und links jede Menge Buden aufgestellt, und in ihnen gibt es das, was Touristen kaufen und sonst kein Mensch braucht. Bin ich ein Tourist? Doch lieber nicht. Jedenfalls hätte ich zumindest ein Transportproblem, wenn ich hier kaufen würde. Überhaupt haben die Händler hier wenig Kundschaft, aber es ist halt noch Vorsaison. Im Juli wird das sicherlich anders.

Weiter geht’s. Der nächste Ort von Bedeutung ist Vallon-Pont-d’Arc, das Tor zur dahinter liegenden Schlucht. Michelin hat fette Lettern für diese Schlucht spendiert – also muss das was sein, das anzusehen sich lohnt. Die Stadt selbst (oder das große Dorf) ist nicht weiter bemerkenswert. Darum halte ich mich dort nicht weiter auf. Zunächst folge ich der Ardèche (flussabwärts) auf gleichem Niveau. Was sofort auffällt, ist der Rummel mit Bussen, Kanuvermietungen und eben hin und wieder auch einem Bootsfahrer auf dem Fluss. Der führt gerade so viel Wasser, dass das noch funktioniert. Über die Fahrer kann man nun geteilter Ansicht sein. Eine gewisse Sportlichkeit muss wohl auch stromabwärts gegeben sein. Aufwärts wären die 30…50 Kilometer eine echte Herausforderung. Abwärts ist es eine Sache, bei der sich im Lager normaler Autofahrer die Spreu vom Weizen trennt. Das zeigt sich zum Beispiel so, dass einige auf halbem Wege aussteigen – ob nun geplant oder nicht, das sei mal dahingestellt.

Einen besonders guten Überblick über das Tal habe ich von hier unten freilich nicht. Die Berge um mich herum türmen sich hoch auf, wesentlich höher als vorhin vor Ruom. Im Grunde bin ich ja auch nicht so scharf darauf, solche Berge andauernd hoch und wieder runter zu fahren. Aber ich weiß von der Karte, dass genau das noch kommen wird – früh genug, denke ich. – Eine besonders eindrucksvolle Passage ist eine natürliche Brücke über den Fluss. Man muss also nicht nach Amerika fahren, um so etwas mal zu Gesicht zu bekommen. Wahrscheinlich sind sich hier die beiden Enden einer Haarnadelschleife mit der Zeit immer näher gekommen, bis am Ende der Durchbruch geschafft war, und nun ist da nichts mehr, woran sich der Fluss hier reiben könnte.

Nach einer halben Stunde ist Schluss mit lustig. Es geht hinauf in die Berge, und zwar nicht von schlechten Eltern. Will heißen: Steil und lang. Aber nach zwei Kilometern hat die Arbeit ein Ende und ich kann mir nun, sofern ich etwas sehe, von oben die Szene angucken. Sicht mindernd wirken lauter kleine Büsche und Bäume, die das Hochland bis zum Abgrund mehr oder weniger vollständig bedecken – und die Straße führt natürlich nicht hart an der Kante entlang, sondern zumeist ein paar Meter davon entfernt, so dass zwischen ihr und dem Blick in die Tiefe fast stets das Grüne steht –, und das Wetter. Nicht, dass ich mich beklagen könnte. Wind, Temperatur und Luftfeuchtigkeit sind nahezu perfekt für einen Radfahrer – nur nicht für Fotos einer solchen Szene. Die Sonne macht sich nämlich rar, und wo es kein direktes Sonnenlicht gibt, da fehlt der Kontrast, und ohne Kontrast kann man vielleicht dokumentieren, aber nicht faszinieren. Das muss nun vielleicht nicht jedes Foto liefern, aber die Gorges de l’Ardèche sind auch nicht irgendeine Passage der Reise. Na, denn eben nicht. Angucken tue ich sie mir wenigstens.

Darum darf diese Passage auch etwas länger dauern. Wo ich heute Abend unterkomme, ist ja wieder mal egal. Ich halte an jedem Geländer an, werfe einen Blick in die Tiefe, betrachte die Schleifen des Flusses, hin und wieder einen Kanufahrer, und wenn ich wieder auf dem Rad sitze, fahren die Busse und Transporter mit den Touristen und Booten wieder zum oberen Ende des Tals an mir vorbei.

An manchen Stellen liegen die Aussichtspunkte auch abseits der Straße. Dort mag die Straße vielleicht früher hart an der Kante entlang geführt haben, jedenfalls ist der Abzweig asphaltiert. Und der Blick in die Runde ist schon gewaltig. An einem solchen Ausblick kommen nur wenige Menschen auf dem Weg zur Arbeit vorbei, und wer sonst ihn – oder etwas Vergleichbares – zu Gesicht bekommen will, muss schon ein paar Kilometer fünfzig fahren. Als ich wieder auf die Hauptstraße zurückkehre, kommt von links ein Radfahrer. Er hat Gepäck, wenn auch vielleicht etwas weniger als ich, und wir begegnen uns praktisch, als ich wieder auf Touren komme. Er ist allerdings etwas rascher als ich, hat, was er nicht als Gepäck geladen hat, sozusagen »eingebaut«, in Summe also womöglich genauso viel zu tragen wie ich, er dürfte fünf bis zehn Jahre älter sein, und er hat so etwas wie ein Rennrad. Allerdings ist es natürlich mit Gepäckträgern ausgestattet. Wir begrüßen uns, und mir wird nach drei, vier Worten aus seinem Munde klar, dass er kein Franzose ist, und so frage ich ihn nach seiner Herkunft. Engländer ist er, kommt aus der Nähe von London und heißt Bruno. Wir beschließen, dass wir uns noch eine Weile unterhalten, was zur Folge hat, dass zumindest ich etwas flotter fahren muss. Aber wenn es einen Grund dafür gibt, schaffe ich das schon. Als Alleinfahrer bin ich halt oft einfach zu bequem, ohne erkennbaren Anstieg zu kämpfen. Schließlich habe ich Urlaub!

Bruno ist kein typischer englischer Name. Jedenfalls nicht für Menschen. Eher schon für Hunde, so erklärt er mir, und dass er solch einen untypischen Namen trägt, liegt daran, dass seine Mutter Französin ist, und dort ist Bruno offenbar kein Hundename oder jedenfalls auch für Menschen gebräuchlich. Nur lebt er selbst eben nicht Frankreich. So kommt das. Bruno fährt von Bordeaux oder so nach Venedig. Er hat dafür 14 Tage Zeit. Seit Geoffrey Portch mir einmal erzählt hat, dass Briten von ihren 20 Arbeitstagen Jahresurlaub grundsätzlich die Hälfte für den Haupt- oder Sommer- oder eigentlichen Jahresurlaub abzweigen und die anderen zehn Tage über Ostern und Weihnachten verbraten, habe ich noch nie einen Engländer getroffen, der das anders machen würde. Und so ist es wohl auch mit Bruno. Die Strecke nach Venedig ist beileibe kein Sonntagnachmittagsausflug. Es ist eine Mordsstrecke, gemessen an durchschnittlichen Maßstäben. Er kann sich nicht mit 140 Kilometern am Tag zufrieden geben, wie ich das tue, sondern fährt teilweise 160, 180 sogar 200 Kilometer weit. Dafür bricht er viel früher auf – viel später kann er abends eigentlich nicht ins Hotel gehen, aber eine zivilisierte Herberge genehmigt er sich immerhin. Und wenn er den ganzen Tag so schnell fährt, wie das jetzt der Fall ist, hat er sicherlich keine Probleme, seine Vorgabe zu schaffen. Ich habe keinen Bock, allein schneller zu fahren.

Bruno erzählt mir von einem Amateurrennen, an dem er teilnehmen will. Dazu soll dieses Training dienen. Soso, also bei allem Respekt, so fürchterlich schnell kann das Rennen wohl nicht sein, sonst müsste er noch ganz anders trainieren. Natürlich, auf der Etappe hat keiner Gepäck dabei, man schleppt noch nicht mal Gepäckträger oder Schutzbleche oder lauter solchen Luxus mit sich herum. Wie auch immer – ich kann’s nicht so richtig beurteilen, und ich werde Bruno auch nicht ’reinreden. Er ist für sein Alter überdurchschnittlich fit, ambitioniert allemal, und das stellt für uns beide einen Wert dar.

Die Straße hier oben ist trotz aller Auf- und Abfahrten relativ eben. Es geht nicht noch einmal ganz hinunter, nicht einmal annähernd, und das ist zum einen dem Vorwärtskommen im Allgemeinen und meinem Bemühen, Bruno zu folgen, im Besonderen sehr förderlich. Dafür macht die Straße allerlei Schnörkel, um Seitentälern zu folgen. Eine gute Stunde jedoch, nachdem ich Bruno begegnet bin, kommt das Ende des Tals im Dunst in Sicht. Wir haben zwar nicht miteinander verabredet, dass wir heute den Rest des Tages zusammen fahren werden, aber irgendwann ergibt sich die Frage, wo der Tag heute sein Ende findet, sprich: Wo Bruno übernachten wird, und ich sage mir: So weit schaffe ich es auch, und vielleicht findet sich dort eine ähnliche Unterkunft auch für mich.

Die Straßen, die wir jetzt benutzen, sind alles andere als berauschend. Erst kommt eine Nationalstraße, dann Pont-St.-Esprit (wo wir die Rhône überqueren), dann eine ähnlich bedeutende Landstraße – nebenbei ganz massiv die Dämmerung – und schließlich Bollène. Hier, so sagt Bruno, fände sich ein Formule-1-Hotel. Ich war zwar noch nie in einem zu Gast, weil ich nur ungern mit der Kreditkarte bezahle, aber irgendwann ist halt immer das erste Mal, und so beschließe ich, dass das eine akzeptable Variante ist. Allerdings haben wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht – bzw. ohne die Gäste. Das Hotel ist voll. Da kann man nichts machen. Das verdrießt mich nicht, da ich es gewöhnt bin zu improvisieren, aber Bruno möchte in einem Hotel übernachten, und da unsere Überlegungen inzwischen so weit gediehen sind, dass wir uns auch ein Zimmer teilen würden, halten sich die Kosten selbst bei einem Hotel in Grenzen, das nicht so auf Economy-Touristen ausgerichtet ist. Suchen wir also ein solches. Inzwischen ist Nacht.

Wir finden ein Hotel, und es ist ein Zimmer frei, und es ist bezahlbar, und wir können unsere Fahrräder im Flur abstellen, und jetzt stellt sich nur noch die Frage, was wir mit dem angefangenen Abend machen. Bruno pflegt abends gehoben zu tafeln – gehoben, was den Preis betrifft. Ich begnüge mich mit einem Salat, damit er nicht so allein essen muss, aber wie er da so einen Teller nach dem anderen serviert kriegt und hinterher noch nicht mal das Doppelte von dem bezahlen muss, was ich zu löhnen habe, frage ich mich, ob meine Bescheidenheit hier angemessen war. Aber es heißt ja, man soll vor dem Zu-Bett-Gehen nicht so viel essen. Heißt es… Für Normalverbraucher. Sind wir Normalverbraucher?

Dann kommt die Abendtoilette, die ich natürlich wahrnehme, auch wenn das jetzt schon die zweite Hotelnacht in Folge ist. Geschwitzt habe ich auf alle Fälle genug für eine Dusche – nur Wäsche waschen fällt heute aus. Na, und dann ist Nachtruhe.

6. Juni

Bollène – D994xD8 – Sainte Cécile-les-Vignes – D8xD7 – Vacqueyras – Carpentras – D942 – Mazan – Gorges de la Nesque – D942xD1 – Sault – D164xD974 – Mont Ventoux – Malaucène – D938 – Carpentras – D942xD31 – Monteux (162 km)

Soll ich nach dieser Nacht sagen, dass mir der Morgen wie eine Erlösung kommt? Das eine wie das andere ist von Übel. Bruno hat die ganze Nacht über Bäume gefällt. Ich konnte laut oder leise um Ruhe bitten, an seinem Bett wackeln – stets fand er bereits nach wenigen Minuten, wenn nicht Sekunden seinen Rhythmus wieder. Außerdem leuchtete noch stundenlang die Reklame unmittelbar unterhalb unseres Fensters, und das Dumme daran war, dass sie nicht kontinuierlich leuchtete, sondern aller zwei Sekunden ausging. So eine richtige Leuchtreklame blinkt ja und ist nicht einfach nur an. Dies tauchte einen Teil des Zimmers periodisch in rosarotes Licht. Man hätte sonst was für Etablissements hier vermuten können. Stattdessen schnarchte mindestens ein Mann, und wenn der andere ebenfalls mal für einen Moment in Schlummer fiel, schnarchte vielleicht auch der. Man könnte also sagen, dass ich mich auf den Morgen hätte freuen sollen. Indes regnete es. Nun finde ich Regen grundsätzlich positiv, wenn ich ein festes Dach über dem Kopf habe. Erst mal befeuchtet er die Erde, sorgt für ein ausgeglichenes Klima, und da es statistisch betrachtet sowieso immer mal regnet, ist es doch von Vorteil, wenn es dies nachts statt tagsüber tut. Das Einzige, was ich diesem Niederschlag also abgewinnen konnte, war sein Zeitpunkt. Sein Ende war dagegen nicht abzusehen, und als der Morgen anbrach und unser Aufbruch näher rückte, wünschte ich mir, er möge doch nun entweder stark nachlassen oder am besten ganz aufhören. Sonnenschein wäre mir jetzt nicht so lieb gewesen – das wäre ja nur ein Zeichen für baldigen erneuten Niederschlag.

Bruno hat gut geschlafen. Ich kann mich im Moment nicht der Aussage anschließen, dass nicht sündige, wer schläft. Dennoch fühle ich mich nicht müde und frühstücke daher ausgiebig. Bruno hat da andere Gewohnheiten. Ihm ist eine gediegene Mittagstafel und ein ausreichendes Abendessen wichtig. Solche konzentrierten Mahlzeiten sind aber nicht mein Ding. Wir rüsten zum Aufbruch, und da wir die ersten Kilometer gemeinsam fahren wollen, warte ich auf Bruno. Er hat ein Problem. Sein Reifen ist platt. Er tut, was man in solchen Fällen immer tut: Erst mal etwas ärgern und dann Luft aufpumpen, um zu sehen, ob es ein Defekt ist oder auf diese einfache Weise zu beheben. Es ist ein Defekt. Na ja, wir sind ja Profis und beheben solche kleinen Dinge rasch. Allerdings verliert der Schlauch noch immer Luft, und Bruno muss erneut flicken. Ich hole derweil Baguettes beim Bäcker. Das ist zwar am Sonntag nicht ganz so einfach, aber ein paar Läden haben doch offen. Als ich wieder zurückkomme, ist er fast fertig. Ich nutze den Rest der Zeit für einen Anruf bei Kerstin. Johanna ist nicht zu Hause, wahrscheinlich bei ihren Eltern oder im Gottesdienst. Ist es denn schon so spät? Nein, sie wird wohl bei den Eltern sein und sich an ihrem kleinen Neffen ergötzen.

Und dann geht die Fahrt los, und der Regen wird auch wieder überzeugend. Ärgerlich, aber nicht zu ändern. Bruno kann es sich auch nicht leisten, in irgendeiner Bushaltestelle bessere Zeiten abzuwarten, sonst kommt er nicht rechtzeitig nach Venedig und verpasst seinen Flieger. Ohnehin ist er heute außergewöhnlich spät aufgebrochen. Bei diesem Marschprogramm aber auch… Wenig später trennen sich unsere Wege, und wir wünschen einander bon voyage. Ich versuche, mich mit Gleichmut zu wappnen. Die Umstände könnten bei diesem Regen kaum besser sein. Es geht weder bergan noch bergab – nach oben im Regen ist einfach ungemütlich, und bergab peitschen die Tropfen doch recht unangenehm in die Augen, so dass eine schnelle Abfahrt leicht gefährlich werden kann; außerdem verringert sich die Reifenhaftung auf der Straße –, es gibt weder Rücken- noch Gegenwind (Rückenwind wäre natürlich noch besser), und die Landschaft ist nicht so rasend interessant: Die Dörfer sind eingebettet in eine endlose Folge von alten Weinfeldern und am Horizont verdecken tiefliegende Wolken den Blick auf die Berge. Da kann man zwar gut spekulieren, wo die Berge des Tages liegen mögen, wo der Berg des Tages, ja, der Woche, liegen mag, aber das isses dann auch schon. Schiene die Sonne hier seit zwei Wochen, hätte ich womöglich dieselben Probleme wegen Dunst. Aber das alles relativiert den Regen nur. Lieber wär’s mir natürlich ohne Niederschlag. Und unter diesen Umständen erreiche ich Carpentras.

Aller Voraussicht nach – und natürlich auch meiner Planung entsprechend – werde ich hier her noch einmal kommen. Ich mache jetzt nur erst mal einen »kleinen« Ausflug über den Mont Ventoux. Ich setze das mal vorsichtshalber in Anführungsstriche, denn ich weiß bisher noch nicht viel über diesen Berg. Gesehen habe ich ihn noch nicht, obwohl das bei gutem Wetter sicherlich möglich gewesen wäre, aber bei Wolken verhangenem Himmel kann man eben nicht viel erwarten. Mein Reiseführer schreibt allerdings in hervorgehobener Weise davon. Das klingt wie eine Passion, fast wie eine Himmelfahrt nach Kreuzigung und Tod, jedenfalls nicht nach einem leichten Trip für den Sonntagnachmittag. Und diese emotionsgeladene Schilderung wird nüchtern gestützt durch die Zahlen meiner Karte: Aktuelle Höhe: unter 100 Meter über dem Meeresspiegel, Gipfelhöhe: 1909 Meter über dem Meeresspiegel, bei der Auffahrt zwei Passagen, die sogar Michelin mit zwei Pfeilen gekennzeichnet hat. Es geht also nicht nur weit hoch, sondern auch noch steil nach oben. Solch ein Unterfangen will mit Respekt angegangen werden und wohlüberlegt, sonst kann es zum Scheitern führen, und das wäre blamabel, ist es doch nicht die erste Radtour zum Südpol – auf der ein Scheitern nicht so unehrenhaft wäre –, sondern eine Fahrt, die vor mir viele andere gemacht und gemeistert haben.

Und da dies etwas von einer Rundfahrt hat, liegt es doch nahe, denjenigen Teil meines Gepäcks, den ich tagsüber nicht brauche, einfach hier zu lassen und nur leicht beladen in die Berge zu fahren. Aber wo lasse ich meinen Krempel, so dass ich ihn nach meiner Rundtour auch wieder vorfinde? Irgendwo im Gebüsch? Bei unbekannten Leuten? In einem Hotel, in dem ich dann aber sowieso nicht übernachte? In einer Kneipe? Die letzte Variante erscheint mir am sinnvollsten, weil Kneipen auch bis zum späten Abend noch geöffnet sind. Ich trödele durch die verregnete Innenstadt und weiß nicht so recht, wie ich das anstellen soll. Irgendwann sehe ich rechts aber eine Bar, die nach meinem Geschmack ist. Ich trete ein und spreche den Patron an. Allerdings bitte ich ihn nicht direkt um Unterstützung, sondern frage eher auf Umwegen – so gut das eben geht. Und auf diesem Umweg kapiert er’s nicht – oder will nicht. Jedenfalls scheint er es für unmöglich zu halten – wie alle anderen Gäste auch –, mal eben auf den Mont Ventoux zu radeln. Na ja, ohne Eure Unterstützung dürfte es in der Tat etwas schwieriger werden, denke ich mir. Blödes Volk. Für eine direkte Anfrage, so mein Gefühl, ist die Chance jetzt vertan. Also verlasse ich das Lokal unverrichteterdinge. Vielleicht bin ich auch einfach zu unverständlich gewesen.

Und nun? Variante Gebüsch? Mal sehen, was die Landschaft so bietet. Jedenfalls sollte ich jetzt nicht länger zögern, sondern in Richtung Osten aufbrechen, um allmählich in die Spur zu kommen. Wenn mir da auf den ersten fünf Kilometern noch etwas Vernünftiges auffällt, kann ich es ja nutzen; ansonsten muss es halt mit Gepäck gehen. Das wird weder der letzte noch der höchste Berg sein, den ich mit 25 Kilogramm erklimme. Und so geht’s los. Unter einem alten Aquädukt fällt mir mein Transportproblem noch einmal ein, so dass ich absteige und eine alte Seitentreppe erklimme. Rechterhand die Brücke, linkerhand ein Park – das wirkt schon nicht gerade überlaufen. Aber so abgelegen, dass hier niemand den ganzen Tag über entlangkommt, ist es auch wieder nicht. Zwar habe ich keine Kostbarkeiten zu deponieren, aber was ich mit mir führe, ist zum größten Teil höchst wichtig für die Weiterfahrt – und wenn es weg oder beschädigt ist, kann ich hier Schluss machen. Also, das riskiere ich hier doch lieber nicht.

Ein paar 100 Meter später ist der Ort zu Ende. Also, sagen wir mal: Letzte Chance in Mazan, sechs Kilometer von hier. Alles andere wäre heute Abend ein wirklich unnötiger Umweg. Und so verlasse ich die Stadt. Die Strecke ist einfach, ganz flach, nur unmerklich hebt sich die Straße neben einem Fluss. Kein Gedanke an hohe Berge und steile Serpentinen. Eigentlich ist das doch total unökonomisch. Man könnte von hier aus die noch vor mir liegende Strecke bis zum Gipfel ganz bequem fahren, wenn der Gradient nicht so ungleichmäßig wäre. Das geht jetzt so spazierfahrtmäßig bestimmt noch 15 km, und irgendwann später wird es dann völlig unfeierlich. Stattdessen sollte ein Weg mit, sagen wir, vier Prozent Anstieg hier beginnen. Dann wäre ich nach 50 Kilometern auf über 2000 Metern Höhe. Die jetzt noch vor mir liegende Strecke bis zum höchsten Punkt des Mont Ventoux ist tatsächlich länger. Aber sie wird viel ungemütlicher werden – nehme ich jedenfalls an. Klar, hier ist kein Gelände, an dessen Hängen ich mich mal eben unauffällig nach oben schrauben könnte. Da müsste man eben einen Weg für Radfahrer auf Stelzen bauen. Das hätte den großen Vorteil, sich alles von weit oben ansehen zu können. Wahrscheinlich wäre es aber auch ein bisschen windig. Und im Übrigen unbezahlbar, unrentabel natürlich und deshalb Spinnerei. Aber spinnen ist ja erlaubt.

Über solchen Überlegungen bessert sich das Wetter. In Mazan findet sich ebenfalls keine Gelegenheit, das Gepäck irgendwo unauffällig zu verstecken, und so muss es halt »unter realen Bedingungen« nach oben gehen. Irgendwo zwischen den Dörfern befindet sich eine Kirschplantage. Abgesehen davon, dass ich beim Klauen nicht so gern gesehen werde, plagen mich in erster Linie Bedenken hinsichtlich der chemischen Verträglichkeit des Obstes. In einer Plantage muss ich mit der Keule rechnen, und das könnte mir schon Bauchschmerzen bereiten. Aber ich riskier’s einfach. Schließlich hat es lange genug geregnet. Da wird das Schlimmste schon weggespült worden sein. Und es schmeckt wahrhaftig!

Nach ungefähr einer Stunde ist Villes erreicht. Hier beginnen die Gorges de la Nesque, und sie sollen gut sein. Der Autor meines Reiseführers hat die Fahrt bis zum oberen Ende einer anderen Etappe zugeordnet als die Fortsetzung bis zum Mont Ventoux – mit anderen Worten: Seine Etappen sind deutlich kürzer, er lässt sich mehr Zeit, er erlebt wahrscheinlich mehr, und ganz sicher hat er all diese Fahrten nicht innerhalb eines Jahres gemacht. Ich muss dieses Terrain in diesem Jahr abgrasen, denn wer weiß, was im nächsten Sommer wird. Da fällt die Fahrt womöglich ganz aus, aus welchen Gründen auch immer. Man weiß ja nie, was kommt. Ich kann hier jetzt allerdings nicht einfach durchhetzen – will es auch nicht –, um heute noch seine zweite Etappe zu schaffen, aber nach meiner Einschätzung ist das auch gar nicht nötig. Ich kehre nirgends ein, besuche kein Museum, und stundenlange Gespräche führe ich auch nicht. Gucken reicht. Dabei kann man ja fahren.

Eine Schlucht ist es nicht so direkt. Aber ein langes Tal mit hohen Hängen, und so weit das Auge reicht, sind sie mit kleinen Büschen und Bäumen bewachsen – wie mit einem groben, grünen Teppich überzogen. Das Ganze wirkt ein wenig matt; denn so richtige Lust hat die Sonne heute nicht. Ein grauer Schleier verdeckt den Himmel. Ich bin schon froh, dass es nicht regnet. Aber was der richtige Hit ist: Die Straßenführung ist Spitze! In vielen Kurven (immer an der Wand lang) führt der Weg beinahe unauffällig nach oben, und so liebe ich es. Da kann ich an Höhe gewinnen, gleichzeitig rasch vorwärts kommen – teilweise mit bis zu 20 km/h – und muss bei alledem weder Technik noch mich selbst quälen. Das macht schon Spaß.

Vorerst lohnt nur der Blick nach vorn, wenngleich ich noch weit davon entfernt bin, nennenswerte Zwischenziele ausmachen zu können. Es geht aufwärts, und irgendwann kommt eine Krümmung des Tals nach rechts, und nichts deutet momentan darauf hin, dass sich dort außer der Richtung etwas ändert. Also mache ich mir fröhliche Gedanken und trete kräftig in die Pedale. Was nach einigen Kilometern reizvoll wird, ist die Suche nach Autos, die gerade in das untere Ende des Tals einfahren. Wie lange wird es dauern, bis sie mich »haben«, welchen nächsten markanten Punkt werde ich bis dahin wohl erreicht haben? Wenn ich allein reise, suche ich mir oft solche Anreize, um nicht in Trägheit zu verfallen, sondern ein gewisses Tempo zu erreichen. Hier sieht das also so aus: Wer ist zuerst an der Kurve da vorn, der Schnellere weit hinter mir oder ich? Im Grunde ist das natürlich auch eine Frage der realistischen Einschätzung, aber das Spiel treibe ich immer wieder, und je weiter ich vorankomme, desto größer werden die Distanzen zu den hinter mir liegenden oder von vorn entgegenkommenden Autos und demzufolge natürlich auch zu den »gemeinsamen« Zielen vor mir.

Dann kommt die große Rechtskurve, und perspektivisch scheint die Auffahrt steiler zu werden. Dass dem nicht so ist, liegt einfach daran, dass die Straße nun in fast abenteuerlicher Weise jeden kleinen Winkel in den Seitentälern mitnimmt, um so den Weg zu den mir so nahe und gleichzeitig hoch liegenden Punkten zu strecken und eben nicht steiler zu werden.

Als schließlich wieder eine große Krümmung nach links, also nach Nordosten, folgt, ist der Ausgang des Tales sichtbar. Die Leichtigkeit der vergangenen Kilometer bedeutete letztlich auch, dass ich auf ihnen nur 200 Meter gewonnen habe. Jetzt bin ich bei 640 Metern Höhe, und gemessen an meinen ehrgeizigen Zielen ist das noch nicht mal ein Drittel. Es wird also noch richtig dicke kommen müssen. Inzwischen lassen sich auch anhand der Karte Berechnungen durchführen, die für den verbleibenden Aufstieg einen deutlich höheren durchschnittlichen Anstieg ergeben. Ich liege also im Soll, was die Fahrt betrifft. Jetzt lasse ich mich aber erst mal von der Hochebene um mich herum faszinieren. Bin ich nicht eben durch eine Schlucht gefahren? Hat der obere Rand dieser Schlucht das Niveau, auf dem ich jetzt fahre? Nicht ganz. Bei der Ausfahrt aus dem Tal ging es ein längeres Stück wieder bergab. Die Straße hatte sich gar zu hoch über den Fluss erhoben und kommt nun wieder herab. Die Nesque trübt hier kein Wässerchen, hat jedenfalls keinen Graben in die Landschaft geschnitten, wird hier, auf dem Weg zur Quelle, natürlich auch immer unscheinbarer.

Vor mir liegt Sault, ein kleines Städtchen hoch am Hang, wie auf einem Sockel. Es will über zwei kleine Serpentinen »genommen« werden. Angucken schadet sicherlich nicht. Vielleicht gibt’s hier ja auch noch eine Stärkung oder irgendetwas, das mich moralisch aufbauen könnte. Ich bin jetzt seit Carpentras südlich am Mont Ventoux vorbeigefahren. Sault liegt nun halb so weit östlich vom Gipfel, wie Carpentras vorher westlich davon lag. Auch ein Drittel des Weges nach Norden habe ich bereits zurückgelegt. Ich bin gewissermaßen dabei, den Berg einzukreisen. Allerdings sehe ich ihn immer noch nicht.

Im Ort fahre ich im Schritttempo durch die kleinen Gassen und weiß dabei nicht so recht, wonach ich suche. Ich guck’s mir halt an. Ja, vielleicht ein Restaurantbesuch. Wirklich? Um dann mit vollem Bauch den eigentlichen Anstieg in Angriff zu nehmen. Ist nicht Dein Ernst?! Ein Italiener bäckt Pizzas auf dem Holzfeuer. Ob man der Pizza wohl anmerkt, dass er die Hitze durch Holz erzeugt hat? Jedenfalls wirbt der Mann auf einem Schild außen an seinem Wagen damit. Statt seiner Pizza ziehe ich ein paar Süßigkeiten, ein Baguette und ein Stück Wurst aus der Tasche und setze mich für ein paar Minuten auf eine Bank, um den Blick über das bisher Erreichte schweifen zu lassen. Es ist nicht Aufsehen erregend, aber ein ganz netter Ausblick. Zu zweit, bei tollem Wetter und mit genügend Romantik im Bauch kann man hier bestimmt Stunden verbringen.

Und dann geht’s weiter. Zuerst muss ich wieder vom Sockel Saults herab, aber zum Gipfel hin ist der Absatz glücklicherweise weniger hoch, so dass ich nicht so viel Höhe verliere. Vor mir liegen ein paar trockene Wiesen, auch noch ein paar Lavendelfelder, und dann beginnt der Wald. Das ist natürlich ein schönes Stück Weg. Von 20 km/h und lockerem Fahren kann nun allerdings keine Rede mehr sein. Was jetzt aber ziemlich gut stimmt, ist die Richtung. Da ich mich mittlerweile in der Flanke des Berges befinde, hilft es wahrscheinlich auch nicht viel, dass jetzt vereinzelt die Sonne wieder durchkommt. Ich muss mich mit dem Gipfelblick halt gedulden. Als Orientierung kann mir stattdessen der Blick auf Sault dienen, der mir mit einigen Unterbrechungen sehr lange erhalten bleibt und verrät, dass die Mühe tatsächlich Früchte trägt: Es geht aufwärts. Und nicht nur das: Die Landschaft hinter Sault zieht sich bei phantastischer Sicht weit hin bis zum Horizont.

Die Karte hat eine Gabelung verzeichnet, die ich bald erreichen müsste. Sie liegt in gut 1400 Metern Höhe, und von dort sind es noch sechs Kilometer bis oben. Indes werden die Kurven lang, und eine nach der anderen kommt, und die Gabelung will nicht sichtbar werden und der Gipfel auch nicht. Nur nicht die Geduld verlieren! Der Tag ist noch lang.

Doch dann, vielleicht gute zwei Stunden nach dem Verlassen von Sault, kommt beides zugleich: Zwischen den Baumkronen wird ein Sendemast sichtbar, der eigentlich nur ganz oben auf dem Berg stehen kann, und vor mir liegt in einer Kurve und an einem kleinen Platz, auf dem ein paar Autos stehen, die Gabelung. Von links unten könnten jetzt Leute kommen, die von Carpentras einen kürzeren Weg nach oben nehmen wollten. Die Karte weist für deren letzten zehn Kilometer mehrere Doppelpfeile auf. Neben der Empfehlung der Gorges de la Nesque war dies ein Grund für mich, diese kurze Auffahrt zu meiden. Aber wer auch immer von dort kommen mag – weder ihm noch mir bleiben die außergewöhnlichen Steigungen auf dem letzten Abschnitt erspart. Denn jetzt geht es den rechten Zweig der Gabelung entlang nach oben. Schon nach wenigen Metern wird die Härte dieses Unterfangens klar. Wer bis hier her noch von einer leichten Übung gesprochen haben mag, kann die Meinung nur dann beibehalten, wenn er mindestens bis zur Untersetzung hinunterschalten kann und natürlich gnadenlos fit ist. Und Eile sollte er selbstverständlich auch keine haben. Ich kann nicht untersetzen; das gibt meine 7-Gang-Schaltung nicht her. Da nützt es nichts, dass ich keine Eile habe und ganz gut drauf bin. Erschwerend kommt leider hinzu, dass meine Schaltung aus welchen Gründen auch immer beginnt, Ärger zu machen. Es ist ja nun wahrhaftig nicht das erste Mal, dass sie Ton gibt. Aber bei solcher Anstrengung ist es regelrechter Stress, wenn das Getriebe unter meinen Tritten quietscht, als würde es gleich seinen Geist aufgeben. Und dann überholt mich auch noch einer! Nein, jetzt macht es irgendwie keinen richtigen Spaß mehr. Aber ich habe es ja so gewollt, und es ist außerdem unbestreitbar, dass ich an Höhe gewinne, denn ich bewege mich ja.

Ich nähere mich der Baumgrenze. Hier wächst gleich fast gar nichts mehr. Der Boden ist mit grobem, flachem Schotter bedeckt, und dass kein Wind über das Gestein fegt, wirkt wie ein seltener Zufall, denn außer dem Gipfel hat er kein Hindernis mehr. Ringsum geht es hinunter, und die Sonne scheint jetzt nicht mehr einfach nur so, sie scheint über den Wolken. Der Ausblick ähnelt dem aus einem Flugzeug. Das hatte ich ja wohl noch nie! Das flache Land um den Mont Ventoux scheint noch immer weitgehend von Wolken bedeckt, und darum sehe ich es nicht. Aber hier oben reicht der Blick bis ans Ende der Welt.

Langsam, ganz langsam geht es durch die Serpentinen zum Gipfel. Der liegt noch immer hoch oben über mir. Jetzt sehe ich wenigstens, was noch vor mir liegt. Als nächstes komme ich an einem Denkmal vorbei. Das ist eine gute Gelegenheit, mal wieder anhalten. Ich habe nicht den Ehrgeiz, diese Auffahrt nonstop zu schaffen. Auf der Gedenktafel ist ein Radsportler abgebildet, der Brite Tom Simpson, der hier bei der Tour de France 1967 ums Leben gekommen sein soll. Na ja, hier kann man leicht stürzen, vor allem, wenn es schnell gehen soll. Erst später erfahre ich, dass Simpson mit Amphetaminen vollgestopft war, hier bei der Auffahrt einen Kreislaufzusammenbruch erlitt und ins Koma fiel, aus dem er nicht wieder erwachte. Man kann alles übertreiben, würde sicher mancher auch über das sagen, was ich hier tue. Um das Denkmal herum stehen einige Trinkflaschen, Opferungen von Radfahrern, die vermutlich erst in jüngerer Zeit hier vorbeigekommen sind. Ich fahre weiter. Meine Trinkflasche brauche ich noch.

An einer der nächsten Kehren erreiche ich erstmals die Nordflanke des Berges. Es ist unheimlich: Wer hier die Balance verliert, rutscht auf einem fast senkrechten Hang in die Tiefe und kommt sicherlich erst einige Hundert Meter tiefer wieder zum Halt, und dann hat er gewiss keine Sorgen mehr. Wer sich aber ein wenig zurückhält und oben bleibt, der hat einen einmaligen Blick auf die Berge. Wieder fällt mir als Vergleich nur der Blick aus einem Flugzeugfenster ein, so dermaßen tief unten liegen die Bergrücken. Das sind ja keine Hügel. Das ist ein richtiges Gebirge, aber es wirkt neben dem Mont Ventoux derart deklassiert niedrig, dass es einen zweiten Blick wert ist. Im Süden ist nach wie vor alles von einem weißen Federbett bedeckt. Nur nach Westen hin kann ich einige freie Stellen entdecken, durch die der Blick frei wird auf eine Gegend, die gut und gerne 50 Kilometer entfernt ist und darum keine Details preisgibt. Nun aber hoch! Die letzten Meter müssen ich und mein Eisen noch durchstehen. Mir werde ich dann einen Snack gönnen… – na, und das Hinterrad werde ich wohl an einmaliger Stelle zerlegen müssen, denn so geht’s auf keinen Fall weiter.

Und dann bin ich schließlich oben. Also, das muss man den Franzosen ja lassen: Die machen etwas aus ihren Bergen. Sowohl der Puy de Dôme als auch hier der Mont Ventoux, die bisher beiden höchsten Berge meiner Tour, sind an der Spitze bedeckt mit militärischen Anlagen, die den Anblick schlimmer noch entstellen als alle Restaurants, Hotels und sonstigen Aufbauten die Zugspitze in Deutschland, obwohl das dort auch nicht gerade nach einem Zeugnis des Respekts vor den Bergen und der Natur aussieht. Die Zugspitze ist nebenbei bemerkt 1000 Meter höher. Mir langt’s einstweilen für heute mit der Kletterei. Hier oben weht dann auch tatsächlich ein frisches Lüftchen, und zwar frisch, was die Temperatur und die Windstärke betrifft. Ich muss im Gepäck kramen, erst für die Garderobe und dann fürs Werkzeug. Was hätte ich davon nun eigentlich wirklich entbehren können, wenn das mit der Deponierung der Taschen geklappt hätte? Am Ende hätte mir vielleicht jetzt das Werkzeug gefehlt. Also nicht, dass es nicht weiterginge, wenn ich das Werkzeug nicht hätte, aber es müsste eher über kurz als über lang etwas unternommen werden. Die Inspektion macht den Sachverhalt rasch klar: Beim Regen heute Morgen muss Wasser in die Lager eingedrungen sein, und das mögen die überhaupt nicht, weil sie keinerlei Rostschutz haben. Und so sind sie zwar geschmiert, aber rostbraun und nass, und alles, was ich tue, ist, die Einzelteile (die ja zum Glück nicht wegfliegen können) in die Abendsonne zu legen, wo sie denn auch innerhalb weniger Minuten trocken sind. Dann kommt eine Spur Fett dazu, und nach dem Zusammenbau läuft wieder alles wie Hanne. Wenn’s doch immer so einfach wäre!

Ich genieße ein letztes Mal den Ausblick, nun vor allem nach Westen, und dann trete ich in die Pedale, um die letzten vier oder fünf Meter zu überwinden und mich dann in die Nordflanke zu stürzen. Im Schatten des Berges geht es in die Tiefe. Es geht wirklich in die Tiefe! Wer immer auf dieser Seite nach oben will, isst ein verdammt hartes Brot. Und wer nach unten will, sollte lieber eine Bremse zu viel als zu wenig haben. Ich habe drei, und damit wird mir so schnell nicht bange. Aber ich brauche die beiden Cantilever auch unentwegt, denn das Gummiseil des Gefälles ist straff gespannt und zieht mich gnadenlos nach unten. Wenn es nicht solchen Spaß machen würde, wäre das sicherlich beängstigend.

Und es dauert! Es ist unbestreitbar, dass eine Abfahrt mit fünf- bis zehnfacher Geschwindigkeit des Aufstiegs natürlich nicht Stunden dauern kann. Aber wer 1600 Höhenmeter abzugeben hat, der macht das nicht in zehn Minuten. Da wird unterwegs mehr als nur ein Kaffee kalt. Dank meiner Plastikhülle bleibt es für mich bis unten komfortabel. Aber warm werden bei diesem Tempo vermutlich nicht einmal die Bremsklötze, die wegen der vielen Kurven andauernd in Aktion sind. Alles funktioniert reibungslos, nur in meinen Ohren knackt es andauernd, weil der Luftdruck natürlich wieder ganz schön zunimmt.

Im unteren Abschnitt der Strecke taucht noch einmal die rote Abendsonne auf und schickt letzte wärmende Strahlen, und dann bin ich einfach unten, in Maulaucène. Und jetzt? Da die Sonne gerade mal hinter dem Horizont verschwunden ist, scheint es mir zu früh zum Übernachten. Also werde ich wohl am besten noch bis Carpentras weiterfahren. Gesagt, getan. Für den guten Ausgleich ist nun erst mal wieder eine kleine Steigung vorgesehen, und rasch entledige ich mich meiner Überhose; denn sonst bin ich sofort schweißgebadet.

Oben am »Pass« setzt die Dämmerung kräftig ein. Während der Abfahrt, diesmal nicht nur bis 300 Meter, sondern wieder ganz nach unten, blicke ich zurück zum Gipfel. Ja, jetzt ist er zu sehen, und er ist Respekt einflößend hoch. Hätte ich vielleicht von hier kommen sollen? Lieber nicht.

Kurz vor Carpentras rufe ich noch Mami und Vater an. Alles normgerecht, bin gerade ein bisschen geklettert, typisches Understatement. Junge, willst Du Dir nicht langsam ein Quartier suchen? Ja, ja, wird schon, sicher, ja, es wird dunkel, aber das schreckt mich doch nicht. Na ja. Jetzt sollte ich aber wirklich nicht mehr ’rumtrödeln. Sightseeing fällt unter diesen Lichtverhältnissen aus, und Hotels haben vielleicht schon geschlossen. Da darf man nicht so anspruchsvoll sein. Außerdem war ich ja erst in der vergangenen Nacht im Hotel. In Carpentras fahre ich noch einmal an der Kneipe vom Morgen vorbei und kann es mir nicht verkneifen, hineinzugehen und den Wirt davon zu unterrichten, dass man durchaus mit dem Fahrrad auf den Mont Ventoux fahren kann. Ob er’s mir wohl ansieht? Wie dem auch sei, so was bringt einen alten Wirt nicht aus der Fassung, und was er denkt, ist mir eigentlich wurscht. Ich fahre weiter, und nun haben wir finstere Nacht. Es ist bei aller Liebe kein Hotel zu sehen, und so verlasse ich die Stadt in Richtung Avignon. Die Straße wird vierspurig, und auf diesen Pfaden ist gewiss keine Bleibe für die Nacht zu finden. Bei dem Lärm! Nach circa fünf Kilometern biege ich daher ab und versuche mein Glück in Monteux.

Ein Dorf im Dunkeln ist kein guter Platz, um Erfolg versprechend zu suchen. Aber jetzt liegt alles im Dunkeln. Ich folge einem Weg, der mich früher oder später vermutlich wieder auf die Schnellstraße führen wird, und fahre immer meinem Lichtschein hinterher. Hier soll laut Beschilderung so etwas wie eine Herberge liegen. Mal schauen. Tatsächlich findet sich nach einem oder zwei Kilometern rechts ein beleuchteter Hof, auf dem einige Autos parken. Rechts stehen Klettergerüste für Kinder. Ich bocke meinen Esel auf und erkunde das Terrain. Niemand, der mir entgegentritt, selbst, als ich eine Tür öffne und eine Treppe hinaufsteige. Aber überall brennt Licht. Es ist, als würde jeden Moment jemand kommen. Ich rufe »Hallo«, wenn auch nicht besonders laut, aber dadurch fühlt sich niemand angesprochen. Ich komme oben in einer Art Wohnflur an. Da ist eine Sitzecke, dort eine Küchenzeile, und an beiden Enden befinden sich Türen, die zu den eigentlichen Gästezimmern führen könnten. Hier könnte man sich’s für eine Nacht gut bequem machen, aber wie von einer Seuche entvölkert sieht das alles nicht aus. Da kann ja jemand kommen, und der stellt bestimmt unangenehme Fragen, wenn ich mich hier einfach auf die Couch haue. Also gehe ich lieber wieder. Ich greife mir mein Fahrrad und erkunde die Rückseite des Gebäudes. Hier quartieren diejenigen, die ein eigenes Haus haben, sprich: einen Wohnwagen oder ein Zelt. Ich habe keins, und darum suche ich nach einem Dach, das mir Schutz gegen etwaigen Regen oder wahlweise auch gegen den Morgentau bietet. Und solche Dächer sind hier Mangelware. Da sind eigentlich nur Wohnwagen und die Sanitärräume. Der Raum, in dem die Waschmaschine steht, ist zwar recht interessant, aber dort könnte ich nur im Sitzen schlafen, weil er zu klein ist. Das ist kein guter Platz.

Na ja, und so nach und nach werde ich immer bescheidener, und was mir schließlich bleibt, ist das Außenvordach. Dort lege ich meine Matte hin, und obwohl es schon 23 Uhr ist, nehme ich mir vor, um sechs mein Lager abzubrechen, weil dann die ersten Frühaufsteher kommen könnten. Weder denen noch dem Eigentümer des Platzes möchte ich morgen begegnen. Da hier nun aber einmal Waschplätze existieren, nehme ich sie auch wahr und lege mich danach zur Ruhe.

7. Juni

Monteux – D942 – Avignon – D900xN100xN86xD19axD19 – Pont du Gard – D19xD112xD979 – Nîmes – D42xD135xN572xD979 – Aigues Mortes – D58xD38b (146 km)

Eine Nacht muss schon ganz ungemütlich sein, wenn ich nach nur wenigen Stunden Schlaf freiwillig aus dem Sack krieche. Und so tue ich mich auch in diesem seltsamen Ambiente etwas schwer, mein Vorhaben vom Vorabend konsequent in die Tat umzusetzen. Aber schließlich kann hier jederzeit ein früher Vogel kommen. Also los, die Frische und Straffheit des Tages wird sich dann schon weisen. Ich rolle meinen Kram zusammen, verstaue alles und mache mich aus dem Staub, bevor mir jemand eine gemessen an den in Anspruch genommenen Services überhöhte Rechnung ausstellt.

Nur wenige Minuten später bin ich wieder auf der Schnellstraße, und das scheint dann wohl heute meine Route nach Avignon sein zu sollen. So weit ist es ja nicht mehr hin. Allerdings fahre ich auf Sparflamme, weil ich noch nichts im Bauch habe. Natürlich ist das nach fünf Kilometern noch ein rein psychologischer Effekt. Selbst wenn ich mich bis zum Anschlag sattgegessen hätte, wäre der Blutzuckerspiegel noch nicht nennenswert angestiegen. Aber das Wissen um den leeren Magen und ziemlich leere Taschen lässt mich besonders sensibel auf Gebäude schauen, die nach Konsumtempeln aussehen. Und nach wenigen Kilometern werde ich fündig in einer Weise, wie ich es in Frankreich nach meinen bisherigen Erfahrungen schon nicht mehr erwartet hatte: Ein Riesenladen mit einem großen Parkplatz davor. Das könnte das Einkaufszentrum von Avignon sein. Aber noch ist es geschlossen, wie ich bald darauf feststelle. Weil es jedoch so groß ist, will ich es mir mal ansehen, und nicht zuletzt kann ich erwarten, hier alles auf einmal zu bekommen, was mir an Marschverpflegung für den Tag und vielleicht auch darüber hinaus so vorschwebt. Und schließlich sind solche Paläste meist billiger als der Tante-Emma-Laden um die Ecke. Auf einer Bank mache ich es mir bequem.

Als die Pagen kommen und die Pforten öffnen, strömt niemand hinein. Ist schon komisch. Macht aber nichts. Ströme ich halt ’rein. Und ich stelle fest, dass dies ein Supermarkt der besonderen Kategorie ist. Vergleichbares habe ich bisher höchstens in den USA gesehen, vielleicht noch bei Metro. Nicht weniger als 70 Kassen warten auf Kunden – allerdings sind höchstens zehn von ihnen besetzt, und auch dort steht bislang kein Kunde. Ich mache mich auf zum Schlängellauf durch die Gänge und bekomme zu sehen, was Europa so an verpackten Lebensmitteln im Angebot hat. Draußen habe ich mir einen Wagen geschnappt, nicht so sehr, um möglichst viel hineinzupacken, denn was in meinen Wagen passt, passt nicht notwendigerweise auch in mein Gepäck, und darauf kommt’s ja letztlich an, auch wenn die Schnäppchen noch so toll sein mögen. Nein, ich habe ihn mitgenommen, um meine Packtaschen daran zu hängen, denn die möchte ich nur ungern draußen zurücklassen, wo sie jeder sofort mitnehmen kann. Da sie aber schwer sind, mag ich sie nicht tragen, und darum der Wagen. Nun bin ich von der Einkaufskapazität her unbeschränkt und muss beim Einladen aufpassen, dass ich alles noch wegkriege. Nachdem ich alles habe, stöbere ich in der Frischabteilung herum, und das haut mich fast um. Fisch und andere Meerestiere in allen Varianten, Farben und Arrangements, mit Eis garniert und ohne, zum Salat verarbeitet, geräuchert oder wie gerade aus dem Wasser gezogen. Und das Ganze über ein beachtliches Areal verteilt. Da muss es viel gut zahlende Kundschaft geben, wenn sich das rentieren soll. Ähnliche Ausmaße haben die Käse- und die Weinabteilung. Das ist schon faszinierend. Allein, ich kann mit diesem Angebot nicht viel anfangen. Gut, ein Stück Käse vielleicht, aber soll ich mir jetzt eine Fischsuppe kochen oder einen Hummer braten? Geht alles nicht. Muss auch nicht sein. Ein anderes Mal vielleicht.

Als ich mit dem Wagen wieder vor dem Tor stehe, zeigt sich, dass der Einkauf dennoch etwas überdimensioniert war. Ich kriege Probleme, den ganzen Kram zu verstauen. Also mache ich erst mal ein ausführliches Frühstück – da klären sich schon die ersten Schwierigkeiten, und der Rest passt dann irgendwie in die Taschen. Nebenher gucke ich mir die Route für den Tag an. Vielleicht erreiche ich heute schon das Meer. Das wäre doch was. Aber es ist nicht mein primäres Ziel. Vorerst muss ich irgendwie durch Avignon, auf diesem Weg vielleicht ein paar Eindrücke in der Stadt sammeln, und dann bin ich schon ganz gespannt auf die Brücke, die die Römer vor langer, langer Zeit über den Gardon geschlagen haben, um damit ihr Trink- oder Badewasser sonst wohin zu transportieren: Den Pont du Gard.

Mit vollen Taschen geht’s weiter, wieder in Richtung Rhône, aber ich bin ohnehin schon unten, »unter« geht’s nicht. Also trete ich in die Pedale, und nicht lange, dann werde ich als Radler von der Schnellstraße verbannt, muss nun über Nebenstraßen ins Stadtzentrum vordringen, aber das ist mir ganz recht. Eine gute viertel Stunde vom Stadtrand entfernt beginnt die Altstadt mit ihren schönen schmalen Straßen, in denen Bäume trotz der hoch stehenden Sonne für Schatten sorgen, mit all den traditionsreichen Bauten, von denen allerdings eine ganze Menge eingerüstet sind. Ich fahre neben einem großen, alten Gebäude entlang, auf einen so genannten Papstweg. Vor dem Haupteingang des Gebäudes, das selbst auch im Innenhof stark eingerüstet ist, erfahre ich dann, dass hier sogar einmal Sitz des Papstes gewesen ist. Man lernt nie aus. Aber eine Besichtigung reizt mich nicht so ungeheuer. Ich strebe die nächste Brücke über die Rhône an, um möglichst bald den Pont du Gard zu erreichen. Der Fluss ist seit Pont-St.-Esprit breiter geworden, vereint jetzt aber auch den eigentlichen Fluss und seinen Seitenkanal und zusätzlich die Flüsse Aigues sowie Ouvèze. Mittägliche Hitze brütet über der Neustadt, und ich sehe zu, dass ich freies Land gewinne. Da kann ich die Illusion haben, nicht noch die Wärme ertragen zu müssen, die eine Stadt produziert. Beim Verlassen der Neustadt durchquere ich eine Riesenbaustelle. Hier wird ein neuer Strang für den TGV gebaut. Man sollte es nicht glauben: 1,435 Meter breit ist solch ein Gleis. Wenn jetzt davon zwei nebeneinander liegen und zusätzlich das Lichtraumprofil eines normalen Reisezugwagens berücksichtigt wird, dann dürften beide Züge zusammen in der Breite sechs Meter sicherlich nicht überschreiten. Dürften sie. Man könnte glauben, hier werde eine sechsspurige Autobahn über die Straße gezogen. Die Karte enthält die Strecke bereits, und sie verrät mir, dass unmittelbar südlich dieser Überquerung die Linie sich teilt; kann also sein, dass die Breite mit dieser Teilung etwas zu tun hat.

Dass mir jetzt alles ein wenig heiß vorkommt, hängt nicht nur mit dem Breitengrad und der Uhrzeit zusammen. Es geht tatsächlich ein wenig bergan – was auch sonst, nachdem ich die Rhône überquert habe? Eine Weile später unterquere ich eine Autobahn, La Languedocienne. Da kann man mal sehen, wie wenig ich mit den Menschen rede, dass mir nicht einmal aufgefallen ist, dass hier manche okzidental sprechen – oder wie immer man die Sprache nennt, die dieser Region den Namen gibt. Jedenfalls heißt es, dass diese Sprache hier noch anzutreffen ist. Ich werde nicht danach suchen; ich habe mit dem ganz normalen Französisch genug Probleme.

Und dann ist da auch schon Remoulins. Ich umfahre die Stadt, obwohl es darauf wohl nicht angekommen wäre. Sie ist nicht so groß. Von dem Aquädukt kann ich nun eigentlich nur noch wenige Kilometer entfernt sein. Ich fasse mich in Geduld und kaufe mir ein Kilo Kirschen. Wenn die Brücke 2000 Jahre auf mich gewartet hat, wird es wohl auf die paar Minuten auch nicht mehr ankommen. Nach meiner Mahlzeit suche ich die Straße nach Hinweisschildern ab, und richtig gibt es wenige Kilometer später einen Hinweis: Auf der linken Seite sei die Brücke. Kein Parkplatz, keine Durchfahrtsgenehmigung. Ach was, Radfahrer haben sie dabei sicherlich nicht gemeint. Ich biege ab und folge der Straße, auf der schon einige Fußgänger unterwegs sind, und nach einem weiteren Kilometer erreiche ich den Pont du Gard. Das ist schon etwas Besonderes. Nein, es sind nicht die Pyramiden von Gizeh, das gute Stück ist auch nur halb so alt, aber es ist verdammt alt, und es ist, verglichen mit den Pyramiden, ziemlich grazil, könnte also schon längst zusammengebrochen sein. Ist es aber nicht. So etwas beeindruckt mich. Das gucke ich mir genauer an. Hatte ich aber sowieso vor.

Die Brücke ist zweigeteilt. Erst kommt der Viadukt mit seinen drei übereinander getürmten Bogenreihen jeweils unterschiedlicher Höhe (die oberste, in der die Wasserrinne einmal verlief, ist übrigens gesperrt, weil die Touristen ihr schon zu sehr zugesetzt haben), und dann, wenige Zentimeter flussabwärts, also praktisch ohne Absturzgefahr und Geländer angrenzend, eine einfache Brücke, auch schon ziemlich alt, aber wohl nicht von den Römern, von der aus man sich den Viadukt quasi von der Seite ansehen kann. Das kann man natürlich auch vom Ufer aus, aber das befindet sich nur nie in der Mitte des Flusses, so dass der Blick nicht so schön zentral ist. Aber wer von hier aus die Brücke fotografieren wollte, braucht schon ein richtiges Fisheye-Objektiv. Auf der jüngeren Brücke stehen einige Touristen aus aller Welt. Mit fällt eine Radfahrerin auf, die mit einigem Gepäck und einem Trailer unterwegs ist. Zu dem Trailer gehört ein kleiner Junge, der vielleicht vier oder fünf Jahre alt ist. Da ich nun mal auch ein Fahrrad habe, besitze ich eine Legitimation, die Reisenden anzusprechen. Sie kommen aus dem englischsprachigen Teil Kanadas. Na, das ist ja gleich um die Ecke, denke ich mir, aber heutzutage dürfte das größte Hemmnis die Sprache sein; über den großen Teich kommt man ja schon für verhältnismäßig wenig Moos. Und sie fahren durch Frankreich, anständige Strecken, wenn auch nicht riesige, und der Knirps teilt mir mit, dass er seine Mum unterstützt, wenn es bergan geht. So so. Die Frau ist ungefähr in meinem Alter, und sie ist nicht so angetan von den Franzosen, jedenfalls von den Gastwirten im Lande. Im Unterschied zu mir bevorzugt sie Hotels, und da hat sie halt die Erfahrung machen müssen, dass ihr Kind schon als vollwertig zahlender Gast angesehen wird, was die Zeche bei einer Übernachtung natürlich fast immer verdoppelt. Ich laufe noch ein bisschen hin und her und beschließe dann, das Foto vom Ufer aus zu machen. Dort begegnet mir ein auffallend hübsches Mädchen. Diese verdammte Sprachbarriere! Wahrscheinlich hätte sie sich für mich aber auch dann nicht interessiert, wenn ich Absolvent der Sorbonne gewesen wäre. Mein Outfit ist halt gewöhnungsbedürftig und nicht für die Partnersuche optimiert, sondern hinsichtlich Kosten und Sonnenschutz.

Während ich den besten Platz für die Aufnahme suche, stolpere ich noch fast über ein Schild, das mir verrät, dass die Römer damals auf 54 Kilometern oder so einen Höhenunterschied von 27 Metern überbrücken mussten. Das muss man sich mal klarmachen: 0,5 Promille Gefälle. Ob sie den Streckenverlauf wohl vorher genau vermessen hatten? Immerhin könnte man ja auch so verfahren, dass dort, wo das Gelände zu hoch ist für den Weiterfluss, eine Rinne geschlagen, und dort, wo es etwas zu steil abfällt, Boden aufgeschüttet wird. Die Rinne, in der das Wasser dann letztlich floss, soll in Rom aus Blei geformt worden sein. So könnte auch hier nach der Errichtung des Unterbaus letztlich noch so etwas wie eine Leitung auf dem geebneten Terrain verlegt worden sein. Aber das sind wilde Spekulationen, weil mir keiner widersprechen oder bestätigen kann, was ich da ausbrüte.

So, und nun weiter. Was ich jetzt suche, ist die Brücke über den Gardon entlang der D979. Das Einfachste dazu scheint es zu sein, einfach dem Fluss stromaufwärts zu folgen, bis diese Brücke kommt. Aber so leicht ist das nicht. Ich verfange mich auf Wegen und Nebenwegen förmlich in Kleingärten und Kleinstgrundstücken, und letztlich muss ich noch einmal auf die Hauptstraße zurückkehren, auf der ich schon von Remoulins aus unterwegs war. Hier finde ich dann auch bald den richtigen Weg zu der gesuchten Brücke. Diese Überfahrt ist wesentlich jünger, aber über 100 Jahre hat sie gewiss auch schon auf dem Buckel. An den wuchtigen Pfeilern weist die Brücke kleine Buchten auf, d.h., hier ist zu beiden Seiten des Flusses immer so ein Sparparkplatz vorhanden. Dort passt mein Fahrrad bequem hinein, so dass ich mir den Fluss noch einmal in aller Ruhe von seiner Mitte aus ansehen kann, ebenso den Ort Pont St. Nicolas, den ich am Nordufer gerade verlassen habe.

Was jetzt kommt, ist eine längere Auffahrt in den Höhenzug, der mich noch von Nîmes trennt. Das ist ganz nett, und ich wetteifere eine Weile mit zwei Jugendlichen, die mit ihren Mountainbikes unterwegs sind. Allerdings haben sie kein Gepäck und besitzen damit in den Bergen einen unschlagbaren Vorteil. Das Gelände rechts und links der Straße ist militärisches Sperrgebiet. Schilder warnen vor dem Betreten und vor Schießübungen. Dass zumindest das Militär keine Fiktion ist, beweist eine Fahrzeugkolonne, die wenig später auf die Hauptstraße einbiegt. Na ja, irgendwo müssen ja auch die Franzosen ihre Kriegsspiele treiben. Da haben sie hier noch nicht einmal ein besonderes landschaftliches Juwel besetzt, wie das andernorts gerne geschieht. Wenn ich daran denke, dass die Briten ihre Tiefflugübungen anscheinend ganz besonders gern über Nationalparks abgehalten haben und in Deutschland vor allem die größeren zusammenhängenden Waldstücke okkupiert sind, kann das hier als gemäßigt gelten. Bei der Einfahrt nach Nîmes sehe ich rechts die zum Gelände gehörende Kaserne. Was mir auffällt, ist der höchstwahrscheinlich lateinische Spruch an einer Mauer: Legia Patria Nostra. Ich glaube, das habe ich schon mal irgendwo gehört. Das wird doch nicht die Fremdenlegion sein! Wenn du durch die Welt kommst, kannst du was erleben!

Was ich jetzt erst mal erlebe, ist Regen. Er beruhigt sich aber bald wieder, so dass ich die Stadt »einnehmen« kann. Ich habe hier nichts weiter vor als durchzufahren. In der Stadtmitte nehme ich mal wieder eine Kirche wahr, vielleicht auch eine Kathedrale, jedenfalls ein typisch dunkles Gemäuer, für das ich mich nicht erwärmen kann. Entweder hatten die Franzosen früher ein besonderes Faible für dunkle Kirchen, oder sie litten großen Mangel an Glas, jedenfalls an klarem Glas. Ich verstehe natürlich, dass in der Romanik Glas noch ein besonders kostbares Gut war, aber diese Bauwerke können doch nicht alle aus der Romanik stammen. Außerdem gibt es in Deutschland auch einige romanische Kirchen, und die sind nicht so finster. Wie dem auch sei, ich suche jetzt die Ausfahrt in Richtung Aigues-Mortes. Und finde sie nach einer Weile auch.

Was jetzt kommt, ist eine Fahrt über flaches Land. Ich erwarte keine bemerkenswerten Dinge, sondern muss einfach zusehen, dass ich die nächsten 40 Kilometer möglichst im Trockenen (der Himmel macht immer noch einen verdächtig unsicheren Eindruck) und ohne Gegenwind über die Bühne kriege.

Nach 15 Kilometern wird’s dann aber doch interessant: Ein Stau. Ein Stau hier, auf einer Landstraße, wo die größte Stadt weit und breit gerade hinter mir liegt. Das kann wohl nur ein Unfall sein, aber mich hält er ja ohnehin nicht auf. Ich fahre nach und nach an allen Autos wieder vorbei, die mich während der letzten halben Stunde überholt haben. Hier muss wirklich mächtig was los sein. Und schließlich gelange ich zu dem Ereignis, das alles aufhält, was hier rasch durch will: Eine Demo. Man demonstriert…, ja, wogegen oder wofür eigentlich? Ich kriege auch ein Informationsblatt in die Hand gedrückt, und alles, was ich mit Sicherheit davon verstehe, ist, dass es um eine Schule geht. Es scheint sich um die Rechte des Schulleiters oder eines Gremiums zu drehen, die nun entweder zu liberal bemessen oder zu eng beschnitten sind. Es scheint eher letzteres der Fall zu sein, aber im Grunde ist mir das ziemlich egal. Ich kann jetzt jedenfalls weiterfahren.

Über eine Querstraße geht’s zu einer Magistrale (jedenfalls einer vierspurigen Straße). Auf dem Weg dorthin kommen mir einige Fahrzeuge entgegen, vorneweg ein Moped. Und dieses Moped schert plötzlich aus und hält auf mich zu. Der Kerl hat nicht mehr alle Tassen im Schrank! Na, Du kannst ja mal testen, wessen Blech besser hält, denke ich mir und fahre nun meinerseits direkt auf ihn zu. Zehn bis 15 Meter vor dem »Treffpunkt« biegt der Kamikazefahrer jedoch wieder auf seine Spur zurück, und ich fahre wieder nach rechts. Hinter mir hupt’s; ob das dem Hubraumgeschädigten oder mir gilt, wird nicht klar, ist mir allerdings auch egal. Ich muss erst mal meinen Adrenalinspiegel wieder in den Griff kriegen. Solche Idioten gehören doch gleich endgültig aus dem Verkehr gezogen. Man müsste so etwas wie einen Besenstiel dabei haben, den man solchen Verrückten wahlweise ins Vorderrad stecken oder vor die Rübe knallen kann. Irgendwann gehen solche Spielchen doch mal in die Hose, und dann müssen Leute dran glauben, die ihr ganzes Leben lang vorschriftsmäßig gefahren sind, ohne jemals einen Menschen auf der Straße gefährdet zu haben.

Auf der nächsten, der breiten Straße wird’s dann richtig öde. Auch die Landschaft hat immer weniger zu bieten. Auf ein verlassenes Haus wurde ein Graffito gesprüht: Nestlé – Mörder! Es klingt so, als wäre hier irgendwo ein Laden der Schweizer dichtgemacht worden. Die Leute scheinen jedenfalls richtig böse auf sie zu sein. Aber zu sehen ist weit und breit keine Menschenseele – außer in den Autos. Und nun fängt es zu allem Überfluss auch noch an zu regnen. Es nieselt nicht nur so ein bisschen. Es regnet richtig. Es regnet so sehr, dass ich die Lust verliere, weiterzufahren. Ich stelle mich unter. Gott, ist das langweilig! Wenn ich hier wenigstens ein Buch hätte, dann könnte ich was lesen. Aber das Argument zieht nicht, denn ich habe ein Buch. Ich habe sogar mehrere Bücher. Und sie sind hochaktuell! Sie beschäftigen sich mit französischem Vokabular (mein kleines Wörterbuch) oder wahlweise auch mit Grammatik. Aber mein Bildungshunger ist ähnlich down wie der Luftdruck. Ich will jetzt keine französischen Vokabeln, der französische Regen reicht mir. Er hält allerdings lange an. So vergeht die Zeit.

Irgendwann lässt der Niederschlag dann nach, und ich schwinge mich erneut in den Sattel. Jetzt bloß schnell nach Aigues-Mortes! Und nach gut zehn Minuten erreiche ich den Ort. Zunächst mal sieht er aus wie alle hier, aber nachdem ich einen Kanal überfahren habe, wird vor mir die historische Stadt sichtbar. Linkerhand hübsche, aber längst nicht mehr neue Häuserzeilen mit mediterranem Grün, vor mir eine hohe Stadtmauer. Ich fahre durch eins der Tore und gucke mir das Innere an: Auch Häuser, natürlich, aber die hohe Mauer ist wirklich durchgehend. Und sie ist ziemlich dick. Das Dorf dürfte mal sehr widerstandsfähig gewesen sein. Und mit diesen Gedanken fahre ich die Gassen ’rauf und ’runter, nicht so richtig wissend, wonach ich suche. Ach ja, die Ausfahrt. Na ja, hier wohl nicht. Ich muss erst mal wieder aus dieser Ummauerung heraus. Und wie ich bald darauf feststelle, muss ich noch weitere zwei Kilometer des Wegs zurück, bis der Abzweig in Richtung Osten kommt, jener Abzweig, der nun für einige Tage die neue Richtung mehr oder weniger an der Wasserkante entlang vorgeben wird – mit den üblichen Schnörkeln, versteht sich.

Kaum bin ich drei Kilometer aus der Stadt heraus, fängt der Regen wieder an. Grau, alles bedeckend und dunkler noch als vorhin, denn die Sonne nähert sich mindestens dem Horizont, wenn sie nicht schon hinter ihm versunken ist. Und ähnlich nass natürlich wieder. Erneut zeigt sich, dass mein psychologisches Korsett im Zusammenspiel mit der Kleidung nicht geeignet ist, einfach weiterzufahren. So flüchte ich mich unter einen Verkaufsstand neben der Straße, unter dem tagsüber und vielleicht auch bei besserem Wetter Honig und produits régioneaux angeboten werden. Im Moment suche ich gerade nach einem Quadratmeter, über dem das eher zum Sonnen- als zum Regenschutz geeignete Dach einigermaßen dicht ist. Mein Gutachten fälle ich lieber nur vorläufig. Und nach einiger Zeit bestätigt sich, dass das Solideste im Moment der Niederschlag ist. Ich überlege mir, wohin ich noch flüchten könnte. Da hinten steht ein Schuppen, aber da liegen womöglich die unverkauften Waren; der ist nämlich gut verschlossen. Und ich werde doch nicht wegen der paar Tropfen zum Einbrecher!

Als der Regen schließlich nachlässt, ist es Zeit, das Licht einzuschalten. Saintes Maries kann ich mir für heute abschminken. Unter normalen Umständen hätte ich die Stadt am Meer noch leicht erreicht, und eine Übernachtung in der Dünung wäre doch sicherlich etwas Feines gewesen: Ein leichter Wind, salzige Luft, dazu das Meeresrauschen… Alles Essig! Wo bleibe ich stattdessen?

Links neben der Straße liegt so etwas wie ein Bauernhof. Aus den vielen Autos schließe ich, dass hier auch Zimmer vermietet werden. Ich betrete den Hof und gucke, wo Licht brennt, wo ich also jemanden nach einem Übernachtungsplatz fragen könnte. Der einzige Mensch, den ich sehe, ist ein Mann, der vor seinem Computer hockt und spielt. Na, wie ein Hotelier in Ausübung seines Amtes sieht er nicht gerade aus. Aber fragen kann ich ja mal. Ich frage. Er macht die Sache kurz: Alles voll. Natürlich, wieso auch nicht. Vielleicht hat er nur keine Lust, aber wie sollte ich ihm das nachweisen? Na, und selbst wenn mir das gelänge… Es ist schließlich seine Sache, an wen er seine Zimmer vermietet. An mich jedenfalls nicht. Darum fahre ich weiter und grübele nach Lösungen. Also, die Fahrt zur Küste kann jetzt zum echten Roulettespiel werden. Hier zweigen so viele Wege und Straßen in alle Richtungen ab, und die Beschilderung ist nicht eben berühmt. Da kann man sich im Dunkeln sicher prachtvoll verfahren, und dann lande ich zum Schluss irgendwo im Salzsumpf. Na, so schlimm wird’s sicherlich nicht werden, aber dass ich den richtigen Weg zur Küste noch finde, ist eher unwahrscheinlich. Und schließlich soll er ganz reizvoll sein, glaube ich meinem Reiseführer. Da werde ich doch nicht im Dunkeln dran vorbeitappen!

Schließlich sehe ich ein weiteres Grundstück zur Rechten, und hinter dem Hof befindet sich ein großes Dach, unter dem allerlei landwirtschaftliche Maschinen und Anhänger vor dem Regen geschützt stehen. Der Regen hat übrigens aufgehört, aber wie sich das über Nacht entwickelt, kann man ja nie wissen. Ich brauche jedenfalls auch ein Dach, und das Einzige, was mich von dem da drüben trennt, ist der Bauernhof. Und, ist der ein echtes Hindernis? Ein riesiges Tor steht sperrangelweit offen, im Haus sind fast alle Lichter erloschen, ein Hoflicht fehlt, und meines kann ich ja auch noch ausschalten, damit ich nicht sofort zu sehen bin. Gesagt, getan. Ich fahre durch den Modder ins Trockene und gucke noch eine Weile zum Hof hinüber, ob jemand kommt und den Landstreicher vertreiben will. Es kommt keiner. … Keiner? Nun ja, es kommt kein Mensch… Als ich mich auf der Ladefläche eines Anhängers im Schlafsack verkrochen und zur Ruhe gebettet habe, kommen jedoch andere Gäste, die ebenso ungebeten und weit lästiger sind: Mücken. Ich krieche noch tiefer in meinen Sack, aber irgendwoher muss ich ja noch meine Atemluft kriegen. Und hier drin ist es verdammt heiß. Ich bin ja nicht gerade am Polarkreis unterwegs. Also bleibt ein Stück des Gesichts für die Parasiten. Wenn das mal eine geruhsame Nacht wird…

8. Juni

D58xD38bxD38 – Saintes Maries-de-la-Mer – Digue à-la-Mer – D36cxD36 – Salin-de-Giraud – Fähre – D35bxD35xD24xN568xD24 – Saint Martin-de-Crau – D27 – Maussane-les-Alpilles – les Baux-de-Provence – D27xD5 – (bis zur Passhöhe in Richtung Saint Rémy-de-Provence und zurück) – Maussane-les-Alpilles – D78xD24xD25 – Eyguières – D569xN659xD19xD16 – D16 (hinter Grans) (158 km)

Also, man kann nicht gerade sagen, dass diese Nacht besonders toll war. Außerdem gilt heute wie gestern, dass langes Ausschlafen ausfällt, wie weit weg auch immer am Morgen die Mücken sein mögen. Wer weiß schon, wann die Herrschaften vorn auf dem Hof aufstehen. Wir wollen doch keine unangenehmen Begegnungen. Also mache ich mich bereits zu früher Stunde auf den Weg. Ein paar Happen werden sich wohl unterwegs ergeben.

Nach einem kurzen Rätselraten biege ich auf eine der D38x-Straßen ab. Man kennt sich hier wohl aus. Oder auch nicht, aber das werde ich dann ja sehen. Auf jeden Fall stimmt die Richtung, wie ich am Stand der Sonne erkennen kann. An ihr kann ich auch sehen, dass das Wetter heute stimmt. Vorerst jedenfalls. Und wenn mich meine Informationen nicht täuschen, bin ich jetzt in der Camargue, einer Ebene zwischen Land und Meer, ohne jede Erhebung und – das ist jedenfalls mein Eindruck aus Form und Lage in der Karte – aufgeschwemmt durch die Rhône im Laufe der Jahrmillionen. So sehen also abgetragene Alpen aus. Es ist aber nicht so oder nicht mehr so… oder zumindest hier nicht mehr so, dass das Mittelmeer nach Norden hin seichter wird, sondern es entsteht fester Boden. Freilich, der Wasseranteil ist noch enorm, sei es in Form der vielen Etangs, deren Fläche teilweise riesig ist, sei es in Form einfacher Pfützen, die die Wiesen durchsetzen. Und das Besondere an diesen Pfützen besteht darin, dass sie nicht vom letzten Regen übrig geblieben sind, sondern »von unten kommen«. Das sind Salzwasserpfützen, und weil sie praktisch immer dort sind, haben sie maßgeblich die Vegetation geprägt. Auf Salzflächen wächst schließlich längst nicht alles. Und so blüht hier auch kein wuchernder Dschungel, sondern gedeihen karge Buschgräser und kleine Büsche. Soll es etwas höher hinausgehen, brauchen die Pflanzen wenigstens einen halben Meter Boden unter dem Wurzelansatz, um salzfreies Wasser aus dem Erdreich ziehen zu können.

Rechts befindet sich die Petit Rhône. Es könnte auch ein Kanal sein, jedenfalls ist keine Strömung zu erkennen. Hier und da ist ein Boot zu sehen, angefangen vom vollgelaufenen Ruderkahn bis hin zu kleinen Jachten und Segeljollen. Aber das ist kein Hafengelände. Entweder ist hier noch nicht Saison, oder diese Anlegestellen sind nicht so attraktiv. – Auf der anderen Seite, in den Wiesen, weiden Schimmel. Sie sollen typisch für die Camargue sein; ich habe gehört, sie kämen schwarz zur Welt und verlören ihre Farbe im ersten Lebensjahr. Jedenfalls werden sie gebraucht, um all die Angebote für Pferderitte gewährleisten zu können, von denen ich entlang der Straße lese. Die Schilder finden sich neben dem Eingang zu Hotels, und ich überlege, ob es vielleicht sinnvoll gewesen wäre, statt auf einem Anhänger im Schlafsack mit Mücken hier in einem gehobenen Etablissement zu nächtigen, aber die Hoteliers haben nicht nur die Pferde, sondern auch die Zimmerpreise bekannt gemacht, und die sind, der Gegend angepasst, gesalzen. Das wären neue Rekordspesen für eine Übernachtung, jedenfalls was meine Privatreisen betrifft. Außerdem ist diese Betrachtung ohnehin müßig: Die Nacht ist ja eh vorüber.

Na, und so erreiche ich die Kurve nach Osten, rechterhand einen Deich, und bevor ich jetzt ewig hinter einer Sichtsperre lang fahre, will ich doch wenigstens mal einen Blick dahinter werfen. Und da ist es, das Meer! Ich gehe an einem Strandrestaurant vorüber, in dem der Wirt momentan sein einziger Gast zu sein scheint, stapfe durch den Sand und stehe schließlich dort, wo die Brandung ihre letzten Ausläufer verspült. Und dieses Wetter! Könnte es toller sein? Es ist nicht heißer Mittag, es regnet nicht, der Strand ist weder vermüllt noch überlaufen noch musste ich über gestapelte Teutonen klettern… Es ist perfekt! Also, natürlich gibt es schönere Strände, mit einer Steilküste dahinter beispielsweise oder schneeweiß oder mit blaugrünem Meer. Aber das ist jetzt alles nicht bedeutend. Ich will ja hier nicht baden. Ist ohne Badehose auch zumeist problematisch, aber hier hätte ich vielleicht sogar mal kein Publikum. Nach einer Weile stapfe ich wieder zurück. Jetzt kommt Saintes Maries. Jetzt endlich!

Der Ort ist ein ziemlich äußerer Vorposten in Richtung Süden. Weiter drüben, im Osten, geht’s noch weiter nach »unten«. Das Dorf an der Küste beginnt ganz gewöhnlich und überrascht insgesamt nicht weiter, aber unter den Bedingungen, wie sie im Moment herrschen, hat es einfach eine Traumlage. Die Restaurants auf der dem Kai gegenüber liegenden Straßenseite haben den Blick auf den Hafen und durch eine schmale Öffnung auch aufs offene Meer. Im Hafen liegen hier ein paar mehr Schiffe, aber kaum mal ein größeres Stück. Abseits des Hafens stehen Wohnmobile und VW-Busse auf dem letzten asphaltierten Streifen vor dem Strand, und in ihnen schlafen Leute, die nicht so zeitig aufstehen wie ich. Na ja, sie haben wohl (auch) Urlaub.

Was ich jetzt voller Spannung suche, ist die Ausfahrt in Richtung Osten. Wenn ich mir die Landkarte ansehe, habe ich den Eindruck, als müsste ich jetzt übers Wasser schreiten. Es sieht wirklich aus, als müsste ich über Wasserpassagen von zweimal 400 und einmal 200 Meter Breite irgendwie hinwegkommen. Das sind für ein Fahrrad freilich wirklich ernstzunehmende Hindernisse. Wie hoch die Qualität der Karte diesbezüglich ist, werde ich indes bald feststellen können. Das erste Problem, ob real oder nicht, wird sich mir in vielleicht zehn Minuten in den Weg stellen. Ich werde es sehen. Und wenn es denn wirklich eins ist, dann muss ich einen riesigen, wahrscheinlich ziemlich langweiligen Umweg über Arles am Ausgangspunkt des Rhône-Deltas machen, der mich bestimmt 30 oder 40 Kilometer zusätzlich kostet.

Die Ausfahrt ist unspektakulär, unbeschildert, aber auch nicht zu verfehlen, da ich einfach nur in Richtung Sonnenaufgang fahren muss. Dort verliert sich ein Weg zwischen Büschen und Steinen in einer Szene, die schlechterdings keine Höhe hat. Wie weit dieses Gemisch aus Seen, Meer und Landzungen reicht, ist überhaupt nicht abschätzbar. Und ob es sich rechts um das Meer handelt oder um eine Lagune oder etwas Vergleichbares, das durch einen weiteren Landstreifen vom Meer abgetrennt und daher gegen Brandung geschützt ist, lässt sich auch nicht sagen. Ich bin also drauf und dran, in die Weite zu fahren, allein mit dem Vertrauen in die Karteninformation ausgestattet, dass es eine andere Seite gibt, unabhängig erst mal davon, ob man die als Fahrer erreichen kann. Gewissheit gibt mir allerdings mein alter Fahrradreiseführer. Der Mann will die Strecke schon mal gefahren sein, allerdings mit einem Mountainbike, aber so schmal sind meine Reifen ja letztlich auch nicht. Das könnte schon was werden, wenn ich die Kiste nicht kilometerweit durch Schlamm oder Sanddünen schieben muss.

Zuerst allerdings stinkt mich links eine Müllhalde an. Das ist immer so eine Sache: Komme ich durch ein Landschaftsschutzgebiet oder eine Gegend, die mir gut gefällt, z.B. im Gebirge, finde ich Müllhalden deplaziert. Aber natürlich müssen die Leute auch hier irgendwohin mit ihren Abfällen. Wobei sie sich allerdings mehr Mühe geben könnten, das ganze Zeug Platz sparend und weniger sichtbar abzukippen. Hier wird er breitgefahren, und wenn da nicht die Radlader im Gange wären und Hunderte Möwen kreisen würden, hätte ich wahrscheinlich nichts davon gemerkt, es sei denn, meine Nase wäre etwas empfindlicher für solche Gerüche. Ich bin ganz froh, dass sie es nicht ist. Na ja, und letztlich bleibt die Frage, ob dieser Ort hier wirklich der geeignetste ist. Das ist erstens ein Naturreservat und zweitens nicht der Mittelpunkt aller möglichen Siedlungen. Etwas weiter landeinwärts wäre sicherlich ein auch infrastrukturell besser erreichbarer Platz gefunden worden. Aber vielleicht macht ja hier jeder seine eigenen Häufchen.

Das erste breite Wasserhindernis erweist sich als keines, und mein Optimismus wächst. Der Weg ist auch gut befahrbar – sogar für Autos. Allerdings ist er unbefestigt, teils mit Schotter planiert, teils sandig. Man kann ihn mit bescheidenen Ansprüchen und moderatem Kraftaufwand fahren. Und welchen Grund auch immer es haben mag – es sind hier so gut wie keine Autos. Die letzten stehen rechts am Strand der Lagune, wohl, weil dort eine Übernachtung so romantisch oder ruhig ist. Es scheinen ein paar richtige Langschläfer darunter zu sein. Und dann kommen auch Hindernisse, die für normale Autos kaum zu überwinden sind: Riesige Steine blockieren den Weg bis auf einen Durchlass, der selbst mir mit meinen Packtaschen kleine Probleme bereitet. Aber mir soll es recht sein. Dann habe ich wenigstens meine Ruhe.

Links kommen ein paar größere Wasserfelder, und in einigen von ihnen entdecke ich tatsächlich auch Flamingos. Ich habe die Tiere noch nie in freier Wildbahn gesehen, höchstens im Fernsehen, und da war es wohl auch »nur« ein Bericht über den Serengeti-Nationalpark, aber hier bin ich ja noch lange nicht in den Tropen, und trotzdem scheinen die Bedingungen für die rosafarbenen Vögel zu genügen. Aus dem Dunst des Hintergrundes erhebt sich der Mont Ventoux! Mensch, ist das ein Berg! Das war nun schon vorgestern, dass ich dort oben war, und noch immer begleitet er mich. Zugegeben, ich fahre jetzt noch einmal südlich an ihm vorbei, aber die Entfernung beträgt vielleicht 60 bis 80 Kilometer. Dass ich ihn überhaupt sehe!

Und weiter geht’s. Auch das nächste Wasserhindernis ist keines. Entweder ist die Karte hier unpräzise oder sie muss nur richtig interpretiert werden. Um das »eigentliche« Land herum sind Felder schraffiert, die man für Wattenmeer oder Überflutungsgebiete halten könnte, und wenn man so will, »betrete« ich nie das Meer, sondern nur diese Überflutungsgebiete. Zwar liegt der Weg tatsächlich häufig nur zehn oder 20 Zentimeter über dem Wasserspiegel, aber er wirkt ziemlich trocken und überhaupt nicht ausgewaschen oder vermoddert von Überschwemmungen. Er ist nur endlos lang, und der Reisende muss dazu eine gelassene, vielleicht sogar positive Einstellung finden. Kein Problem für mich, denn Wind und Wetter machen mir kein Problem. Wie das wäre, wenn mir der Ostwind jetzt über -zig Kilometer Regen ins Gesicht peitschen würde, darüber denke ich lieber gar nicht erst nach. Er tut’s ja auch schließlich nicht.

Wieder nach einer Weile komme ich an einem Leuchtturm vorbei. Wem die hier wohl noch leuchten? Jedenfalls fährt aus dem zugehörigen Grundstück ein Auto heraus, in dem eine junge Frau sitzt, und nach einer Weile überholt sie mich. Schnell kann sie auf dieser Piste nicht fahren. Meine Herren, das ist ja ein Wohnen am Ende der Welt! Kein Mensch weit und breit. Obwohl – wenn man es recht bedenkt, ist die nächste Siedlung gut zehn Kilometer entfernt, die nächste kleine Stadt 20. Das ist keine so fürchterliche Entlegenheit. Aber das, was sie ist, kann sofort erspürt werden. Würden die Leute hier in den Bergen wohnen, dann könnte schon auf der nächsten Waldlichtung ein weiteres Haus stehen. Hier kann jeder sehen: Es gibt keine nächste Lichtung, und das nächste Haus ist zu weit weg, um erkennbar zu sein.

Die Beschilderung ist hier sehr mager. Das gute Wetter ist für mich insofern auch deshalb von Vorteil, als ich mir den Kompass sparen kann. Auf diese Weise werde ich nach einem Abzweig misstrauisch, und nachdem ich 500 Meter in die falsche Richtung gefahren bin, fast direkt aufs offene Meer hinaus, kehre ich um und nehme dann den richtigen Abzweig. Mein nächstes Ziel ist Salin-de-Giraud. Ich möchte mir die Salinen ansehen. Die Landkarte weist dafür ein weites Areal aus, mehrere Quadratkilometer, wobei nicht so sicher ist, ob vielleicht weitere Gebiete, die nicht unmittelbar mit dem offenen Meer verbunden sind, auch noch dazugehören.

Wenig später erreiche ich Salin. Die Fahrt verlief bis hierher sehr gut; ich hatte auf den letzten Kilometern Unterstützung durch einen kräftigen Nordwest. Da die Salinen der Wendepunkt der heutigen Fahrt werden, dürfte der Nachmittag weniger zum Vergnügen werden. Erst mal spaziere ich allerdings durch den Ort, um zu sehen, ob ich irgendwo meine Vorräte aufbessern kann. Aber ich kann Runden drehen, so viele ich will, das Städtchen scheint keinen offenen Laden aufzuweisen. Dabei macht der Ort keinen armseligen Eindruck. Zumindest früher einmal dürften die Salinen recht einträglich gewesen sein. Wie das Geschäft jetzt läuft, vermag ich nicht zu beurteilen.

Mit der Sucherei möchte ich mich nicht zu lange aufhalten; darum verlasse ich den Ort nach Süden, um mir zuerst die Salinen anzusehen und dann mit der Fähre die Rhône zu überqueren, deren Hauptstrom hier verläuft. Gleich hinter den letzten Häusern wird die Gegend »unaufgeräumt«. Der Mensch hat die Landschaft geprägt, Dämme aufgeschüttet, Straßen und Gräben gezogen, aber irgendwie wirkt das alles ein bisschen heruntergekommen. Ich frage mich schon die ganze Zeit, aus welchen Gründen wohl Salinen heutzutage noch betrieben werden. Kalisalz kann komfortabel in Salzbergwerken gewonnen werden. Es muss nicht getrocknet werden – wobei das hier auch mehr oder weniger kostenlos die Sonne übernimmt –, es ist frei von Verunreinigungen der »modernen« Art (Schwermetalle, organische Chlorverbindungen etc.), wie sie Flüsse und zunehmend auch Seen und Meere infolge »zivilisatorischer« Aktivitäten enthalten. Keine 20 Kilometer östlich von hier verzeichnet die Karte umfangreiche Industrieanlagen. Hier sollen auch Raffinerien sein. Warum also Salinen? Gibt es keine Salzstöcke in Frankreich? Enthält dieses Meersalz vielleicht wertvollere Bestandteile als das Kalisalz? Egal. Ich gucke mir das jetzt einfach an. Und wo ich zum ersten Mal einen Blick auf die Salinen werfen kann, verblüffen sie mich durch ihre Farbe. Das Meerwasser ist rosa; es sieht hochgradig ungenießbar aus, und es scheint frei von jeglichem Leben zu sein. Hier herrschen nur Sonne, Wind und rosa Wasser. Die Becken scheinen zwar sauberes Wasser zu enthalten, aber Verunreinigungen können hineingeweht werden. Auch ich habe praktisch freien Zugang über einen schmalen Trampelpfad, der durch keinerlei Zäune oder gar Mauern versperrt wird. Und weil die Kanäle und Becken irgendwie alle gleich aussehen und auch durch kleine Änderungen des Betrachtungsstandortes keine neue Perspektive entsteht, setze ich mich erst mal hin und mache zweites Frühstück. Oder drittes? Egal.

Während ich da so sitze, kommt ein Arbeiter vorbei und macht sich an den Riegeln und Absperrteilen zu schaffen, befreit sie von auskristallisiertem Salz, öffnet hier einen Durchfluss, schließt dort einen, nimmt wohl auch Notiz von mir, aber wir wechseln keine Worte. Und ich gucke mir die ganze Sache an und überlege mir, wie aus diesem nach wie vor dünnflüssigen nass letztlich Salz wird. Man kann es ja wohl nicht bis zur völligen Erstarrung hier lassen, denn dann dürfte es sich als eine harte Kruste über allem niederschlagen, wie jetzt am Schotter der Beckenbegrenzung schon zu erkennen ist.

Als ich mit der Mahlzeit fertig bin, fahre ich noch ein Stück weiter und gelange zu einem Hügel, der als Aussichtspunkt über das ganze Salinenfeld errichtet wurde. Dort stehen auch ein paar Tafeln, die erklären, welchen Weg das Meerwasser bis dorthin nimmt, wo es dann irgendwie Salz wird. Farblich ist die zunehmende Salzkonzentration hervorgehoben. Hinter mir liegen große Salzhaufen, ziemlich schmutziges Zeug, überhaupt nicht mehr rosa. Es könnte auch Abraum sein, aber es muss wohl Salz sein, das dann der weiteren Verarbeitung und Reinigung zugeführt wird.

Na gut, ich will zur Fähre. Sie ist nicht schwer zu finden. Es dauert nur eine Weile, bis sie schließlich losfährt. Dafür ist sie für mich kostenlos. Die Rhône scheint hier zum Stillstand gekommen zu sein. Der Fluss liegt wie ein langgezogener See da, lediglich durch den Wind gekräuselt. Dieser Friede hat auf der anderen Flussseite ein Ende: Nach zwei Kilometern kommt der Richtungswechsel nach Norden. Jetzt bläst mir wirklich ein kräftiger Wind entgegen, und die Landschaft kann überhaupt nicht darüber hinwegtrösten. Sie ist im Gegenteil richtig trostlos. Topfeben, so schreibt mein Reiseführer, sei die Crau, und dem habe ich nichts hinzuzufügen. Ein paar Bäume da und dort, ein paar Schilffelder entlang der zahlreichen Gräben und Kanäle und nur sehr gelegentlich ein Gehöft (von Dörfern kann keine Rede sein). (Warum heißen die eigentlich alle »Mas« irgendwas? So fängt nämlich laut Karte der Name sehr vieler Gehöfte hier an. Eine Antwort auf diese Frage finde ich nicht, auch nicht im Wörterbuch.) Allgegenwärtig allerdings und ungehemmt der Gegenwind, und was immer deutlicher wird, ist mein Wassermangel. Die letzten Getränke sind alle, und was jetzt nur noch nicht angefangen hat, ist der Durst. Aber lange kann das bei diesen Temperaturen nicht mehr dauern. In eines der Gehöfte biege ich dann schließlich ab, um zu sehen, ob dort Wasser zu bekommen ist. Ein Mann hilft mir. Er deutet an, dass der Wasserhahn, an dem ich zuerst zapfen möchte, kein gutes Wasser enthält, wahrscheinlich ungefiltertes Grundwasser. Ich bekomme besseres Wasser. Prima, wieder eine Sorge weniger!

Irgendwann verlasse ich die Straße nach Arles, bewege mich eine Weile in Richtung Nordosten und erreiche schließlich St. Martin. Hier möchte ich meine übrigen Vorräte aufbessern und folge im Ort den Hinweisschildern zu einem Supermarkt. Sie sind wohl etwas marktschreierisch, denn der Weg zum Markt ist ziemlich weit. Im Grunde liegt er vor den Toren des Ortes, und während ich so fahre, überlege ich noch, vor welcher Kurve ich wieder umkehre, weil mir das allmählich zu dumm wird. Dann wird er aber doch noch sichtbar, und ich kaufe ein, was ich tragen kann. An der Kasse hat eine Kundin ein kleines Problem mit ihrem Korb, und ich versuche so etwas wie einen Scherz. Wir tauschen ein kurzes Lächeln. Als ich vor dem Markt noch mit dem Verstauen meiner Neuerwerbungen beschäftigt bin, kommt sie auch heraus und näher. Und spricht mich überraschend auf Englisch an. Na ja, warum nicht? Sie könnte fünf oder zehn Jahre älter als ich sein und wahrscheinlich Lehrerin. Wir unterhalten uns ein wenig über meine Reise, was ich schon so erlebt habe und noch plane, und dann macht sich jeder wieder auf seinen Weg – sie in ihrem Auto, ich auf dem Rad.

Die Landschaft hinter St. Martin ist auch nicht so aufregend. Allerdings zeichnen sich am nahen Horizont die Berge Les Alpilles ab und mittendrin – wenn man weiß, wo’s ist – Baux-de-Provence. Was als Nächstes auffällt, ist eine lange Leitung, die von West nach Ost die Szene durchschneidet: Ein hässliches Stelzenkonstrukt aus verwitterndem Beton überquert die Straße. Was das wohl ist? Ein modernes Aquädukt? Meine Neugier lässt mich anhalten, und auf einer Leiter klettere ich nach oben. Zwar ist sie abgesperrt, aber sollte ich mich davon irritieren lassen? Da steht nichts davon, dass Hochklettern verboten ist. Es ist nur zu erkennen, dass jemand die Herausforderung vergrößert hat. Ich nehme sie und bin rasch oben, etwa fünf, sechs Meter über dem Boden. Und tatsächlich: Oben schwappt bis zum Rand das Wasser im rechteckigen Querschnitt. Und es steht da nicht einfach nur und verdunstet – es hat eine anständige Strömung. Das ist schon irgendwie seltsam, so ein »Hochfluss«. Von Kanal in dem Sinne, wie ich es bisher fast immer erlebt habe, kann ja keine Rede sein, da dieses Gewässer fließt. Dieser künstliche Fluss ist übrigens nicht der einzige in dieser Gegend. Schon weiter unten in der Crau habe ich ebenfalls Gräben gesehen, die so von der Natur gewiss nicht geschaffen worden waren.

Bis Maussane komme ich noch. Nachdem ich im Supermarkt mal wieder eine Flasche Kakao erstanden hatte und die Milch nicht sauer werden darf, spreche ich ihr kräftig zu, und die Lähmung lässt nicht lange auf sich warten. Omi hat immer gesagt: Wenn Du so schnell trinkst, hast Du einen großen Klumpen Käse im Bauch! Ob es nun Käse oder Quark oder sonst irgendein Gemisch ist, das den Schwerpunkt verändert, das den Kreislauf über das Normale hinaus fordert, das die Kräfte für sonstiges lähmt… jedenfalls ist im Moment nicht viel zu machen. Ich setze mich auf eine Bank unter den Platanen der Straße, und nachdem mir auch das nicht genügend Erleichterung verschafft, gehe ich kurzerhand in die Horizontale und warte auf Besserung. So zu liegen ist jedenfalls schon mal recht entspannend. Allein die Szene ändert sich nicht, und das ist das Einzige, was mir Unruhe verursacht. Aber die scheine ich wohl andauernd zu brauchen, um meine Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Jetzt jedenfalls behalte ich erst mal die lichten Baumkronen im Blick, hin und wieder ein vorbeifahrendes Auto im Ohr, und manchmal schließe ich die Augen auch für einen Moment. Das geht schon sehr schön. … Und hast du nicht geseh’n, ist eine halbe Stunde vorbei.

Los, weiter, und jetzt gibt’s auch gleich was zu tun, denn Baux liegt oben am Berg. – Die Auffahrt ist landschaftlich recht schön. Die Landschaft sieht so aus, wie ich sie aus amerikanischen Monumentalfilmen über die Römerzeit in Erinnerung habe: Trocken, aber grün, Sonnen beschienene helle Felsen (wo mal welche durchgucken), Siedlungen ohne Störungen in der Skyline (natürlich hatten die Römer noch keine Antennen auf dem Dach, und auch insgesamt dürften die Häuser ganz anders ausgesehen haben, aber das ist jetzt nicht so wichtig). Sogar ein altes Aquädukt überquert hier das Tal. Jedenfalls sieht es alt aus und nicht so hässlich wie das von vorhin. Ob da wohl noch Wasser drin ist? Ich zähme meine Neugier. Wenn ich jetzt in jeden Graben gucken wollte…

Baux liegt oben am Berg, etwas unterhalb einer Burgruine. Der Gebirgszug reicht aber noch weiter nach oben, und so windet sich die Straße immer weiter in die Höhe. Es sind keine in die Wolken reichenden Höhenzüge, aber nichts, was man in zehn Minuten unter sich lässt. Als ich Baux im Vorbeifahren erreiche, wird sichtbar, dass es sich hier um eine Touristenattraktion handelt. Viele Busse und private PKW stehen herum, Touristen laufen einzeln und in Gruppen entlang der Straße oder beraten, was als Nächstes unter die Lupe genommen wird. Ein Radler fährt an mir vorbei. Er schreit in der Gegend herum, ruft anscheinend einen Bekannten und sagt irgendwas mit Ahoi! Ein Seemann? Wenig später entdecke ich, was den Namen des Ortes so bekannt macht: Eine Felshöhle. Ob nun hier oder an anderen Stellen – in der Gegend wurde Bauxit abgebaut, ein weiches Gestein, das Aluminium enthält, und der Name des Minerals leitet sich von Baux ab. Man hat wohl schon vor längerer Zeit gemerkt, dass mit Bauxit nicht so viel Geld zu machen ist wie mit dem Fremdenverkehr, und seither sind in den Höhlen Ausstellungen entstanden, Restaurants oder einfach nur Plätze, wo Menschen mit Zeugnisbedürfnis ihre Initialen oder andere Schweinereien in den Fels ritzen. Die Höhlen sind das passende Pendant zu dem, was Touristen sonst so erleben: Hitze, Licht, Trubel. Der Berg schirmt das Licht wirksam ab, und infolgedessen ist es in den Höhlen auch angenehm kühl, und wenn nicht irgendjemand herumschreit, dann ist es auch schön ruhig.

Vor einer der Höhlen steht ein tschechischer Bus. Es scheinen gleich mehrere Fahrzeuge zu sein, und die Urlauber sind recht interessant. Es ist ein überwiegend junges Volk, und sie haben Fahrräder dabei, mit denen sie von den Haltpunkten des Busses aus Spritztouren in die Umgebung unternehmen können. Jetzt wird mir auch klar, woher der komische Vogel vorhin mit seinem Ahoi kommt. Ein Seebär war’s wohl weniger. Unter den Radfahrern, die jetzt vor dem Bus herumstehen und beratschlagen, ist auch eine junge, hübsche Frau, Pocahontas steht auf ihrem T-Shirt. Warum treffe ich die hier, und warum kommt sie von so weit her? Wahrscheinlich hat es keine Verheißung, und ganz sicher hat es keine Bedeutung. Ich krame einen Zettel hervor und schreibe meine Adresse drauf und (auf Englisch) dass ich sie gern wieder sehen würde – nur für den Fall, dass wir doch noch miteinander zu tun kriegen. Und da sich das so spontan nicht ergibt und ich nur andere Leute aus der Gruppe nach ihrer Herkunft und ihren Zielen befragen kann, stecke ich den Zettel schließlich in die Lenkertasche ihres Fahrrades – und das war’s dann. Wer weiß schon, wann man sich im Leben wieder einmal begegnet?

Meine Fahrt führt mich noch weiter bis ganz nach oben. Hier kann ich Baux überblicken, die Burg, die Crau, und wenn die Sicht nicht beschränkt wäre, könnte ich wahrscheinlich auch das Mittelmeer von hier aus sehen. Weiter geht’s nun nicht mehr, also kehre ich wieder um und wähle ab Baux einen anderen Weg, weiter in Richtung Osten. Noch einmal komme ich an den Bussen vorbei, fahre auch eine Idee langsamer, aber dann halte ich mich nicht länger auf.

Noch eine zweite Passage über die Berge markiert Michelin grün, und darum unternehme ich wenige Kilometer weiter östlich einen erneuten Ritt nach Norden. In vielen Kurven windet sich die Straße langsam und flach nach oben. Aber je weiter es nach oben geht, desto länger zieht es sich hin, und ich überlege mir, ob ich wirklich auf der anderen Seite hinab und dann die ganze Strecke wieder zurückfahren will. Genügt es nicht, oben einfach mal einen Blick in die Runde zu werfen und dann sofort wieder umzukehren? Die Route hatte ich außerdem so geplant, dass ich auf der anderen Seite des Berges für die Ab- und Auffahrt zwei verschiedene Straßen benutze. Eine davon ist allerdings nur ein unbefestigter Weg. Und als ich schließlich oben bin, finde ich diesen Weg nicht. Also laufe noch ein wenig im Wald herum und hoffe auf eine Stelle mit guter Aussicht. Das müssen vor mir schon andere versucht haben. Die Spuren der Zivilisation sind unübersehbar. Schweinebande! Einen richtigen Ausblick nach Norden gewinne ich allerdings nicht. Stets sind wenigstens ein paar Bäume im Blick. Aber was soll’s? Wieder am Fahrrad angekommen, steuere ich mein Gefährt zunächst doch in Richtung Norden, doch als auf den ersten 200 Metern steiler Abfahrt immer noch keine zweite Route auffindbar wird, kehre ich wieder um. Es muss ja nicht sein.

Nach dem Erreichen des Passes geht es nun in einer langen Abfahrt durch viele Kurven wieder in die Ebene zurück. Erneut passiere ich Maussane, diesmal allerdings einen weiter östlich gelegenen Ortsteil, und dann folge ich dem Höhenzug der Alpilles in Richtung Osten. Die Landschaft ist karg: Felsen, ein paar Büsche, auch mal ein paar Bäume, und insgesamt wirkt das alles recht trocken. Trotzdem ist es sehr reizvoll, vor allem so von der abendlichen Sonne in ein goldenes Licht getaucht. Auf den ersten paar Kilometern begleitet mich noch einer der Kanäle, der manchmal so randvoll schwappt, dass man meinen könnte, es sei Hochwasser. Da ich das Gefühl habe, bergan zu fahren, frage ich mich, wieso das Wasser in die gleiche Richtung fließt, in die ich fahre. Das wäre dann ja doch etwas merkwürdig. Wenig später verschwindet das Gewässer jedoch; vielleicht wird es in einer Leitung durch den Berg geführt, über den ich jetzt hinweg muss.

Mit dem Verlassen der Alpilles in Richtung Süden habe ich den Wind im Rücken, der mir in der Crau so zu schaffen gemacht hat. Ich mache mir zwar keine allzu großen Hoffnungen, weil der Wind für Radfahrer ja grundsätzlich von vorn kommt und realistischerweise auch nicht den ganzen Tag über konstant bläst, aber seine Unterstützung ist trotzdem noch beeindruckend. Mit hohem Tempo geht es voran. Zwar ist diese Geschwindigkeit nicht so optimal, um einen Platz für die Nacht zu suchen, aber langsam wird es wirklich Zeit, sich Gedanken über einen geeigneten Schlafplatz zu machen. Was darf’s denn heute Abend sein? Ein Hotel? Na ja, die letzte Dusche liegt schon wieder drei Tage zurück. Das wäre insgesamt sicherlich keine schlechte Wahl. Aber erst mal muss ich eins finden.

Nach Sonnenuntergang führt der Weg durch einen Wald, in dem aller paar hundert Meter rechts und links Grundstücke erkennbar sind. Es ist eine eigentümliche Landschaft, im Grunde recht trocken, aber doch geschlossen grün und durchzogen von randvollen Kanälen, die teilweise durch Pflanzenbesatz oder Beschädigung so alt wirken, dass man sie für Bäche oder kleine Flüsse halten könnte. Nur verlaufen sie auf so hohem Niveau, dass sie sich ohne festes Bett im Laufe der Zeit sicherlich schon einen anderen, tiefer gelegenen Weg gesucht hätten.

Eines der Grundstücke ist ein feines Restaurant. Es könnte auch ein Hotel sein. Ich schaue es mir etwas näher an, aber das ganze Ambiente wirkt so gediegen und fein, dass ich hier wohl deplaziert wäre. Also weiter. Ein paar Minuten später sehe ich rechts ein größeres Gebäude. Es wirkt so ein bisschen wie ein Internat, könnte auch eine Jugendherberge sein. Dann wäre es genau das Richtige für mich. Ich verlasse die Straße und nähere mich dem Haus über einen geschotterten Weg. Seitlich des Gebäudes verläuft eine alte, hohe Steinmauer und durch eine Torfahrt kann ich erkennen, dass auf der Wiese dahinter Volleyball gespielt wird. Na, warum nicht? Man muss ja nicht andauernd Rad fahren. Ich stelle das Rad ab und öffne die Tür. Es läuft allerlei junges Volk herum, und es dauert nicht lange, bis ich dem Herbergsvater über den Weg laufe. Ich spreche ihn an. Er erklärt mir, dass dies hier weder ein Hotel noch eine Jugendherberge sei. Hm, und was will er mir damit sagen? Aber letztlich scheint die Übernachtung kein Problem zu sein. Er möchte 100 Francs für ein Einzelzimmer haben. Die Dusche ist auf dem Flur. Na und? Hat der Mann keine Ahnung davon, was Herbergen sonst so kosten? Das ist doch geradezu ein Schnäppchen. Vom übrigen Unterhaltungswert mal ganz zu schweigen. Ich schlage ein und bezahle ihn auch gleich, was nun wiederum ihn zu erstaunen scheint – aber er nimmt’s dann doch an. Ich räume meine Sachen in das Zimmer und beschließe, die Volleyballer noch kurz zu besuchen, bevor es endgültig dunkel wird.

Gesagt, getan. In voller Kriegsbemalung trete ich neben das Spielfeld und schaue zu. Die Spieler mögen so zwischen 15 und 19 sein, mehrheitlich Mädchen, und sie sprechen englisch – hin und wieder zumindest. Das scheint ihnen wohl vertrauter zu sein, und darum und wegen ihrer Mundart nehme ich an, dass sie Amerikaner sind. Eine der Mannschaften ist der anderen deutlich unterlegen, obwohl sie beide in keiner Liga spielen. Ich bin sicherlich kein guter Volleyballer, bis zur fünften oder sechsten Klasse waren meine Angaben so katastrophal, dass sie mit Sicherheit einen Angabenwechsel zur Folge hatten, aber meine Angaben haben sich gebessert, und hier könnte ich sicherlich noch helfen. Und es dauert auch nicht lange, bis ich danach gefragt werden. Na ja, pourquoi pas? Ich reihe mich in die schwächere Mannschaft ein, und von da an wendet sich das Blatt etwas. Aber gezählt wird hier ohnehin nicht sehr genau. So geht das bei immer noch ziemlich heftigem Wind bis in die Dunkelheit. Na, war doch prima. Als wir das Haus wieder betreten, frage ich eins der Mädchen, woher die Gruppe komme. »From America, unfortunately« sagt sie. Hm? Wollte sie mich vielleicht verwirren? Solche unpatriotischen Zweifel habe ich ja noch nie aus den USA gehört. Aber ich komme nicht dazu, nachzufragen. Der Betreuer der Jugendlichen mahnt. Jetzt scheint die Vorbereitung der Nachtruhe angesagt zu sein. Es geht auf zehn.

Nach meiner Dusche und einem kleinen Nachtmahl steige ich wieder hinab ins Erdgeschoss, weil dort noch immer Leben zu sein scheint. Ich spiele eine Runde Karten mit, dann taucht der Betreuer wieder auf und verscheucht seine Schäfchen. Na gut, ist ja auch wirklich Zeit. Wahrscheinlich besuchen sie tagsüber eine Schule oder etwas Ähnliches, und da hat es keinen Wert, den halben Tag durchzuhängen, weil der Schlaf fehlt. Ich habe keine solchen Anforderungen und versuche, noch einmal mit dem Betreuer ins Gespräch zu kommen. Aber der scheint daran kein Interesse zu haben, bespricht sich jedenfalls intensiv mit einer Frau, die wohl einen anderen Teil der Gruppe unter ihren Fittichen hat. Allerhand, die passen gut auf ihr Jungvolk auf. Aber günstiger macht dies die Tarife sicherlich nicht. Wenn ich daran denke, wie das vor sieben Jahren in Chichester war… Die jüngsten Kursteilnehmer waren knapp 14, aber aufgepasst hat da niemand. Jedenfalls einmal davon abgesehen, dass wir alle bei unseren jeweiligen Landlords oder -ladies untergebracht waren.

Und so geht auch dieser Tag zu Ende.

9. Juni

D16 (hinter Grans) – Istres – D52xD52axD51xD51axD50xN568 – Martigues – D5 – Sausset-les-Pins – Carry-le-Rouet – D5xN568 – Marseille – N113 – les Pinchinades – D9xD543xD64 – Aix-en-Provence – N8 – Marseille – E.I.A. (Marseille) (165 km)

Am Morgen brauche ich nicht lange. Das Frühstück kommt aus der Tasche. Ich bin nicht der Einzige, der um diese Zeit im Haus bereits unterwegs ist. Als ich die Treppe hinuntersteige, begegne ich wieder dem jungen Mädchen von gestern, das sich seiner Nationalität schämt(e). Das wäre damit eine von den vielen Begegnungen im Leben, die einmal und dann voraussichtlich nie wieder kommen.

Ich schwinge mich aufs Rad und mache den Abflug. Heute steht einiges auf dem Programm: Aix-en-Provence und Marseille, um nur die größten Ballungsgebiete zu nennen – und durch beide will ich hindurch; denn morgen kommt Toulon, und da möchte ich so zeitig wie möglich ankommen. Der Weg nach Marseilles will allerdings erst einmal gefunden sein; denn er führt über Nebenstraßen, und dort entlang weist nur sehr selten die Beschilderung. Bis Istres ist die Route allerdings erst mal klar. Sie führt am Etang de berre, einem großen Binnensee, entlang, dessen Ufer bewaldet ist. Die Straße verläuft wellig, mal ein Stückchen höher, dann wieder fast auf Höhe des Wassers. An einem der höher gelegenen Abschnitte beschließe ich eine Pause, um die zweite Ration Frühstück zu mir zu nehmen. Das Militär scheint hier eine Übung durchzuführen. Auf dem Programm steht Orientierung im Gelände anhand der Karte. Die Rekruten haben, wie mir scheint, noch nicht viel Übung mit Karten. Die Unterlagen werden immer wieder umgedreht, und es gibt einige Diskussionen. Ich setze mich an einen Picknick-Tisch, packe meine Sachen aus und … der Honig ist ausgelaufen! Mist! Jetzt wird wieder allerhand in der Tasche kleben. Der Fotoapparat zum Beispiel. Da ich im Moment keinen Durst habe, muss mein Trinkwasser zur Reinigung herhalten. Als das dann erledigt ist, komme ich zum Essen.

Wenige Minuten, nachdem ich die Fahrt wieder aufgenommen habe, kommt Istres in Sicht. Von der Stadt erwarte ich an sich nichts Besonderes, allerdings wird es wohl nicht ganz leicht sein, den richtigen Weg zu finden, denn ich möchte den Ort nicht auf der vierspurigen Hauptstraße verlassen, sondern auf Nebenstraßen. Die sind zwar eingezeichnet, aber ich kann nicht erwarten, dass irgendein Wegweiser dorthin weist, denn sie führen durch keinen Ort. Ich kann also nur darauf hoffen, irgendwo deren Nummer auf einem Schild zu finden. Damit setze ich meine Hoffnung in ein System, das in Deutschland überhaupt nicht funktionieren würde. Allein Bundesstraßen sind dort auf Schildern ausgewiesen, und die führen zumeist noch in größere Orte. Da würde die Ortsangabe allein schon genügen. Hier aber, wo eine Landstraße ins Irgendwo führt, kann kein Ort angegeben werden. Es bleibt aber die Straßennummer, und die fehlt in Deutschland in den meisten Fällen.

Viel leichter wird mir die Suche damit aber auch nicht gemacht. Istres ist durchaus ein größerer Ort mit vielfältiger Struktur. Da haben wir die Altstadt (dort finde ich an einer Bushaltestelle auch einen Plan, der mir den Weg zeigt – nur merken müsste ich ihn mir noch können). Auf dem Weg in Richtung Süden komme ich durch Viertel, die wie Sozialsiedlungen aussehen, und durch »normale« Wohngebiete – alles dabei. Und weil die D52 einfach nicht zu finden ist, drehe ich wohl auch eine oder zwei Ehrenrunden. Schließlich aber bin ich ’raus, und kurz darauf bestätigt mir ein Schild an der Chaussee, dass ich auf dem richtigen Weg bin. Die Landschaft ist eigentümlich: Kiefernwald und Wiese, dazwischen viele kleine und größere Seen, und alles sieht ein bisschen so unberührt aus, als lägen überall Minen verbuddelt und keiner traute sich, die Straße zu verlassen. Aber vielleicht bilde ich mir das auch nur ein. Ich wundere mich einfach, in dieser Gegend, in der ich zunehmend dichtere Besiedlung erwarte, ein so ausgedehntes Areal völlig ohne Häuser und eingezäunte Grundstücke vorzufinden.

Nächstes Ziel ist Martigues. Dort kann ich den Canale de Caronte überqueren, der den Etang de berre mit dem Mittelmeer verbindet. Und wieder zeigt sich, dass ich ohne die genaue Straßennummerierung aufgeschmissen wäre. Sie wechseln so oft, und die Straßenämter täten sich wirklich schwer, an jeder Gabelung ein eindeutiges Ziel für jede Richtung anzugeben. So schreiben sie nicht auf, wohin es geht, sondern wo entlang, und das ist eine sehr gute Lösung. – Das Stadtbild ist stark von der Autobahnbrücke geprägt, die hoch oben den Kanal überquert und die ich auch ganz gern benutzen würde – dann brauchte ich nicht auf der einen Seite hinunter und auf der anderen Seite wieder hinaufzufahren. Aber da es eine Autobahn ist, geht’s wohl nicht anders. Stattdessen fahre ich ein paar Schleifen in der Altstadt und nehme etwas von dem Flair in mich auf, das Städte am Wasser, an viel befahrenen Kanälen zumal, so an sich haben. Da liegt alles vor Anker, vom alten Seelenverkäufer bis zur modernen Jacht, und einige Boote scheinen schon seit Jahren nicht mehr ausgelaufen zu sein. Über eine eigentümliche Brücke überquere ich schließlich den Kanal und bin damit gar nicht mehr so weit von Marseille entfernt.

Während die Autobahn jetzt langsam zur Küste des großen Binnensees herabsinkt, beginnt für mich die Steigfahrt, und nach zwei Kilometern kreuze ich bereits die Autobahn und kann zurückblicken auf die Stadt und den See. Da meine Fahrt allerdings nicht in himmlische Höhen hinaufführt, geht diese Perspektive bald verloren. Stattdessen fahre ich jetzt durch eine sonnenverbrannte Landschaft, in der kaum ein Baum steht und in der die Stellen, an denen der Fels sichtbar wird, weiß ausgeblichen sind. Hier gibt es Grundstücke, aber das müssen wohl eingeschworene Sonnenanbeter sein, die sich an diesem Ort niederlassen. Weit und breit spendet kein Baum auch nur einen Quadratmeter Schatten, und was hat die Landschaft zu bieten, wenn ein Tag mal trüb ist? Na ja, man kann es sich halt nicht immer aussuchen. Die Hügel ringsum wecken in mir die Erinnerung an die Aussage, die Römer hätten als erste Menschen in Europa das Klima verändert, indem sie für ihren Schiffbau den ganzen Mittelmeerraum abgeholzt hätten. Und dann sei nichts mehr nachgewachsen, weil der ganze Mutterboden weggespült worden sei. Genauso sieht es hier aus, und ich beginne mir zum Zeitvertreib zu überlegen, was wohl notwendig wäre, wollte man einen mehrere Kilometer breiten Streifen Wald rings um das Mittelmeer anpflanzen und ihn mit einem Bewässerungssystem versehen, das für die ersten zwanzig Jahre auch sein Überleben gewährleisten kann. Unsummen kämen jedenfalls heraus.

In Sausset ist die Küste wieder erreicht. Allerdings sehe ich nicht viel davon. Jeder Meter Küstenstreifen ist von Grundstücken okkupiert. Ich fahre in Richtung Osten, und eine Kurve kommt nach der anderen, und der Ort nimmt kein Ende bzw. geht ohne Punkt und Komma in den nächsten über, und fast durchweg ist der Küstenstreifen verdeckt von Grundstücken. Teilweise sind die Zufahrten bewacht – das erinnert fast an Beverley Hills. Würde ich hier wohnen wollen? Ich weiß nicht so recht. Erst mal sieht es ziemlich teuer aus. Entsprechend wäre die Nachbarschaft beschaffen. Zum anderen müsste das Grundstück schon wirklich sehr groß sein, um den Lärm von der Straße wirksam abschirmen zu können. Und dann müsste noch der Ort insgesamt stimmen, denn man lebt ja nicht nur in den eigenen vier Wänden.

Erst als ich die Küstenlinie wieder verlasse, hört auch der Ort auf. Das Terrain wird jetzt umso trostloser. Mit der Einfahrt in die Vororte Marseilles verschönert sich die Umgebung zwar nicht, aber es kommt etwas mehr Abwechslung in die Fahrt. Gleich auf einer der ersten Bänke der großen Stadt lasse ich mich zu einer ausgedehnten Essenspause nieder. Die Sache wird jetzt verzwickt. Die Route sieht hier einen Abstecher nach Aix-en-Provence vor, und ich will mich dem auch nicht entziehen, denn der Name hat schließlich einen Klang. Ich werde ohnehin genügend verpassen und in einem Tempo an Sehenswürdigkeiten vorbeifahren, das jeder auch nur mittelmäßig kultur- und kunstinteressierte Mensch als glatten Frevel bezeichnen wird. Da will ich nicht gerade das auslassen, was sogar zu meinen Ohren schon vorgedrungen ist. Also Aix.

Die Ausfahrt ist keine Übung für Sommerfrischler: Es herrscht eine Affenhitze, und es geht eine lange Auffahrt ohne absehbares Ende hinauf. Rechts und links kriechen eine Vorstadt und ein Büro- und Gewerbegürtel an mir vorüber, ganz langsam. Aber irgendwann bin ich oben, und damit beginnen die Probleme erst. Denn während die direkte Route nach Aix (auf der ich zurückkommen will) leicht zu finden ist, gilt das nicht für meinen Weg. Also studiere ich wieder einmal die Karte, dann den Stand der Sonne und die Uhrzeit und fahre schließlich nach Gefühl. Damit geht’s ganz gut.

Kurz vor Erreichen der D9 führt die Route durch einen Edelvorort. Es ist wirklich faszinierend, wie sehr mich diese Siedlungsstruktur an Amerika erinnert. Nicht, dass ich dort so viele solcher Siedlungen gesehen hätte; genau genommen kann ich mich an keine einzige erinnern. Aber was ich in Filmen gesehen habe, könnte hier gedreht worden sein: Stichstraßen, rechts und links eine Harmonie aus Flachbauten, Grünanlagen und einigen Schatten spendenden Bäumen. Hier kommt man nicht durch. Hier wohnt man oder kommt aus Neugierde. Ich sehe auch kaum einen Menschen.

Die D9 ist ein wahrer Highway. Sie könnte fast eine Autobahn sein. Da es nicht das erste Mal ist, dass ich wie auf einer Rollbahn unterwegs bin, ignoriere ich den starken Verkehr, der ohne Probleme an mir vorbeirollt, und betrachte die Gegend, durch die das Asphaltband geschnitten wurde. Die Spuren sind beeindruckend. Eine fesselt mich besonders. Sie scheint ihr eigener Schnitt zu sein, eine quer verlaufende Autobahn. Ich konsultiere die Karte und stelle erstaunt fest, dass dies keine Autobahn wird, sondern eine TGV-Strecke. Alle Wetter! Soll das eine betonierte Trasse werden? Und soll sie mehr als zwei Gleise aufweisen? Die Baumaßnahmen sind enorm, und es will mir auch scheinen, als würden die Kosten dieser Strecke etwas über dem üblichen liegen. Irgendwo weit vor der Stadt verschwindet die geplante Trasse in einem Tunnel und taucht weiß der Teufel wo wieder auf. So viel ist sicher: Tunnelstrecken vervielfachen den Kilometerpreis.

Ein paar Kilometer später verlasse ich die Schnellstraße in Richtung Norden, weil ich mich Aix auf Umwegen nähere, die mit hoher Wahrscheinlichkeit reizvoller sind als diese Piste. Übel sind sie dann auch nicht, aber direkt vom Sockel haut’s mich nicht. Zum Schluss werde ich sogar etwas ungeduldig, die Stadt zu erreichen. Aix selbst bietet ein facettenreiches Bild. Da sind halbwegs moderne Neubaugebiete, ich würde sagen, für die obere Unterschicht, da ist die Vorstadt, auch nicht gerade sehr anziehend für wohlhabende Leute, und da sind natürlich auch die Reihen- und Einzelhäuser auf der einen Seite und die etwas ältere und die ganz alte Innenstadt mit ihren historischen Bauten. Ich muss ein paar Runden drehen, bis ich zur Paradestraße von Aix komme, einer Flanier- und Café-Meile unter Platanen, die einen solch lückenlosen Schatten werfen, dass es hier wohl nie sehr heiß werden kann. Zwar ist die Straße so breit, dass der Verkehr vierspurig fließen kann, und es ist auch nicht gerade wenig los, aber das scheint zu dieser Avenue ebenso zu gehören wie zur Leopoldstraße in München. Da ist ja auch nicht gerade wenig los, und es ist hier wie dort keineswegs so, dass die Ausflügler und was es alles für Menschen sein mögen, die hier Halt machen oder sich treffen, sich in die Cafés verkriechen – sie sitzen im Gegenteil draußen, nur wenige Meter vom Verkehr entfernt. Und es reiht sich – das fällt hier besonders auf – ein Café ans andere, höchstens vielleicht mal unterbrochen durch eine Boutique oder Läden ähnlicher Couleur. Was an diesem Tag vielleicht noch besonders auffällt, sind die Plakate zur Europawahl, die am kommenden Wochenende stattfinden. Jede Partei wirbt hier um die Gunst der Wähler, und das tun sie weiß Gott nicht erst seit heute.

Ich fahre einmal die Straße hoch und wieder runter, und noch einmal hoch – falls ich etwas übersehen haben sollte – und wieder hinunter, und dann komme ich auf die Idee, noch das Hinterland etwas zu erforschen, und in der Tat: Dort befindet sich die Altstadt, also das Älteste, was Aix zu bieten hat. Eng ist es, und der Rinnstein verläuft in der Mitte anstatt an den Rändern, und hier gibt es Verkehrsberuhigungsmaßnahmen, eindrucksvolle Vertiefungen in den Straßen, aufwendig gemacht, für mich allerdings weniger ein Hindernis, weil ich weder sehr schnell noch gefedert fahre, und wieder reiht sich ein Laden an den anderen, und man fragt sich, wovon die Händler hier alle leben. Doch nicht alle von Touristen. Das ist alles sehr schön, aber die Vorstellung, jetzt hier flanieren zu müssen, ist mir ein Horror. Aber ich muss ja nicht. Ich kann ja sitzen bleiben und physisch reichlich unterfordert von einer künstlichen Delle zur nächsten rollen. Einkaufen wäre noch dran: Lebensmittel, versteht sich.

Und es passiert mir in Aix, dass ich einen Aldi sehe. So was gibt’s also auch in Frankreich! Und es ist ein Erlebnis! Nicht, dass mich Aldi mit seinem Angebot überrascht. Das ist wohl überall ziemlich gleich. Aber die Preise sind denen in Deutschland sehr ähnlich, und das ist in der Tat eine gelungene Überraschung. Man sollte meinen, dass die Kundschaft hier keinen Fuß auf die Erde kriegt; überall, wo der Mensch sonst in Frankreich einkaufen kann, bezahlt er ein Mehrfaches. Man müsste hier auf Vorrat bunkern, aber das käme mich schwer zu stehen, und darum bleibe ich vernünftig.

Es wird Zeit für die Rückfahrt. Indes ist es gar nicht so einfach, die richtige Ausfahrt zu finden; denn ich will die Stadt ja nicht über die Autobahn verlassen. Also drehe ich eine Ehrenrunde, bevor ich die passende Straße nach Süden erreiche. Diese nun ist wenig spektakulär. Es geht laufend leicht auf und ab, immer wieder durch langgezogene Ortschaften, die sich längs der Durchfahrtsstraße entwickelt haben, aber sie sind stark vom Autoverkehr geprägt, und es ist auch ganz schön was los um mich herum, obwohl ich praktisch neben einer Autobahn fahre, die natürlich auch noch einmal einen Teil Fernverkehr aufnimmt.

Gegen Abend erreiche ich wieder Marseille. Da die Stadt keinen so tollen Ruf in puncto Sicherheit genießt, möchte ich die Durchfahrt noch bei Tageslicht hinter mich bringen, die Nacht jedenfalls außerhalb verbringen. Vorher jedoch möchte ich noch mal bei Johanna anrufen, bei der ich mich schon eine ganze Weile nicht mehr gemeldet habe. Und natürlich muss ich mich bei Pfirrmanns anmelden, damit ich morgen dort nicht vor verschlossener Tür stehe. Also halte ich vor der langen Abfahrt (die ich heute in schönster Mittagshitze hinaufgefahren war) an und suche eine Telefonzelle auf. Eine viertel Stunde später sitze ich wieder im Sattel, und nun geht es eigentlich nur noch nach Süden in der Hoffnung auf eine einigermaßen gute Beschilderung. Die Sonne dürfte gerade untergegangen sein.

Mir stellt sich Marseille als ein Verhau dar. Das kann man nun drehen und wenden, wie man will. Der eine spricht vielleicht von Stadtentwicklung, der andere von Wucherungen, der dritte von autogerechtem Wohnen, der vierte von Betonwüste, der fünfte von verfallenden historischen Prachtstraßen – es hat von allem etwas, aber hier unten, im Dunstkreis des Hafens, durch den die Küste so gar nichts Azurfarbenes hat, dominieren die Infrastrukturstränge, die die Wirtschaft braucht, und ich kann es beim besten Willen nicht schön finden. Ob die Anlagen zweckmäßig sind, kann ich aus der Nähe und in der Kürze des Eindrucks ebenfalls nicht beurteilen.

Trotz einiger Schnörkel erreiche ich bald den alten Hafen. Der ist ziemlich übersichtlich, mitten in der Stadt gelegen, und Handel wird hier nicht mehr betrieben. Jachten und kleine Jollen liegen vor Anker, und eingerahmt wird das Karree von drei Seiten durch hohe, ehemalige Patrizierhäuser, die aber ihre besten Jahre auch schon hinter sich haben. Ich halte an, um mich auf der Karte zu orientieren und einen Happen zu essen. Da spricht mich ein junger Mann an, vielleicht so um die 20, kahlköpfig, allerdings ohne aggressives Aussehen, erst französisch natürlich, und als er merkt, dass ich da nicht gut antworten kann, auf Englisch. Er lädt mich ein zu Freunden, zum Gespräch. Wie bitte?!? Geht hier eine Schwulenparty ab? Das hat mir ja gerade noch gefehlt! Natürlich spreche ich meinen Verdacht nicht aus. Ich erkläre ihm, warum ich Marseille heute Abend noch verlassen will und dass ich wirklich keine Zeit für Diskussionsabende habe. Das scheint ihm einzuleuchten, aber dann interessiert er sich für mein Fahrrad und meine Touren, und das sind natürlich Themen, die meine Eitelkeit berühren, über die ich gern rede, und so kommen wir an Ort und Stelle ins Gespräch. Ich erzähle von meinen Reisen, und er berichtet über seine Erfahrungen auf Reisen, dass er immer die Tendenz habe, sich zu überbelasten, weil er unterwegs das Maß verliere, und dann müsse er irgendwann die Fahrt abbrechen und halbkrank nach Hause reisen, irgendwie, mit dem Zug vielleicht. Er erzählt mir, dass er in Barcelonnette wohnt, und das ist ein Ort an meiner Route, sobald ich aus Korsika zurückkommen werde. Vielleicht lässt sich da was machen. Er gibt mir seine Adresse und Telefonnummer und ich ihm meine, und nun ist es wirklich dunkel, und ich muss weiter. Er gibt mir noch einen Tipp, erzählt mir, ich könne auf dem Hochschulgelände südlich der Stadt übernachten. Ich werde es bedenken, aber jetzt habe ich erst einmal ein Problem: Mein Rücklicht streikt. Na, wundervoll! Mitten in der Stadt ohne aktives Rücklicht. Da kann ich mir ja auch gleich noch eine Augenbinde verpassen.

Ich fahre also weiter, und zu allem Überfluss setzt Regen ein. Schön. Warum nicht? – Die Viertel, durch die ich jetzt komme, mögen den Ruf der Stadt ramponiert haben. Die Straßen liegen voller Müll, die Häuser wirken heruntergekommen, alles natürlich im nächtlichen Zwielicht, von daher nicht so gut zu beurteilen. Da sehe ich einen Döner-Laden, und angesichts meiner langen Entbehrung dieses Fastfoods kann ich der Versuchung nicht widerstehen, neben einer Gruppe nicht so sehr Vertrauen erweckender Männer zu halten und einen Döner zu ordern. Der sieht hier zwar etwas anders aus als in Deutschland – man verwendet nicht das typische Fladenbrot, sondern ein etwas dicker geratenes Baguette –, aber das ist mir letztlich egal. Ich bezahle und werde später essen. Hier will ich erst mal weg. Außerdem hat der Regen nachgelassen, und das muss ich ausnutzen. Kurze Zeit darauf, an einem großen Kreisverkehr, setze ich mich unter Bäumen auf eine Bank und mache mich an den Verzehr. Na ja, eine Wucht ist das nicht. Hoffentlich war das noch alles gut. Eine Magenverstimmung kann ich jetzt nicht gebrauchen. Es ist das erste Mal, soweit ich zurückdenken kann, dass ich von einem Döner etwas übriglasse.

Weiter geht’s. Die Richtung scheint noch zu stimmen, und ich habe das Gefühl, die Südstadt erreicht zu haben. Es wäre jetzt fatal, die falsche Ausfahrt zu erwischen, aber so viele Hauptstraßen verlassen die Stadt hier gar nicht, und so bin ich relativ optimistisch, zumal mich auch die Beschilderung hoffnungsfroh stimmt. Also, das muss man ja mal sagen: Die Orientierung nach Richtungen und Straßenbezeichnungen ist in Frankreich eindeutig leichter als in Deutschland. Die deutschen »Schildersetzer« legen willkürlich eine Route zu einem bestimmten Ziel fest, nach eigenem Gusto oder verkehrspolitischen Leitlinien, nicht unbedingt jedoch nach der kürzesten Strecke, und natürlich schon gar nicht fahrradorientiert. Wer in Besitz einer Karte ist, sucht hier nicht so sehr Richtungen, sondern vorzugsweise Straßen.

Und damit bin ich auch schon in der Vorstadt, und bald darauf kommt rechts der Abzweig zur Hochschule oder was immer das sein mag. Die Seitenstraße ist gänzlich unbelebt. Links stehen ein paar Häuser, die Wohnheime sein könnten. Dann steigt die Straße durch einen Wald langsam an. An einer weiteren Gabelung biege ich erneut rechts ab; hier scheinen ein paar Sportanlagen zu stehen. Da müsste sich doch ein trockenes Plätzchen finden lassen. Im Moment regnet’s allerdings nicht. Ich habe nur nicht viel Vertrauen in die Wetterlage. Ich fahre zwischen einem Fußballplatz zur Linken und Tennisplätzen zur Rechten hindurch. Am Ende der Straße stehen unter Pinien ein paar Bänke; an sich ein idealer Platz zum Schlafen, nur nicht wetterfest. Ich stehe da eine Weile herum, als käme mir so eine Erleuchtung zu einer trockeneren Variante und sehe eine Sporthalle, in der offenbar zwei Männer noch ein Match ausfechten. Die Anlage ist durch einen hohen Zaun gesichert. Allerdings hat der ein Loch. Ohne Fahrrad komme ich ganz gut hindurch, aber nicht mit. Die Besichtigung des Gebäudes aus nächster Nähe ergibt keine verwertbaren Fakten: keine Vordächer, keine offenen Türen. Also nix.

Ich fahre die »Sportstraße« zurück und folge einer anderen Richtung. Auf einem Parkplatz steht ein einzelnes Auto, wahrscheinlich von den beiden Tennisspielern. Als ich jedoch langsam vorbeirolle, höre ich plötzlich die Stimme eines Mädchens: »Oh, un monsieur!« Oh la la. Da werde ich doch nicht ein tête-à-tête gestört haben? Ich mache mir weiter keine Gedanken und drehe die Runde zurück, bis ich wieder dort stehe, wo links der Fußballplatz liegt. Sein Gelände ist ebenfalls sorgfältig gesichert. Meine Güte, sind das hier alles Privatclubs? Die müssen ja eine Angst vor ambitionierten Sportlern ohne Mitgliedsausweis haben! Rechts ist eine Tür offen. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete das Grundstück. Die Tennisplätze liegen jetzt links von mir, rechts ein Gebäude, vielleicht eine Bar. Oberhalb einer Treppe kann ich durch eine offene Tür in einen hell erleuchteten Raum blicken, in dem einige Menschen Karten oder sonst was spielen oder sich auch nur unterhalten. Wenn sie herschauen würden, könnten sie mich sehen. Das möchte ich eher nicht, darum gehe ich rasch weiter. Auf der Rückseite des Gebäudes liegt ein Swimmingpool. Mann, das wär’s jetzt! Ein Bad! Zwar habe ich letzte Nacht erst geduscht, aber der Tag heute war kein Kuraufenthalt. Ein Übernachtungsplatz ist allerdings auch hier nicht zu finden. Ich gehe zum Fahrrad zurück und überlege. Also, ein Bad wäre wirklich nicht schlecht. Ich packe mein Gefährt, betrete mit ihm zusammen kurzerhand erneut das Grundstück, schiebe es leise und vorsichtig an der offenen Tür vorbei, parke es hinter ein paar Hecken, ziehe mich aus und steige vorsichtig ins Wasser. Nur keine Wellen schlagen! Hier erwischt zu werden, wäre äußerst unkomfortabel. Nach ein paar Runden fühle ich mich erfrischt. Sauber? Na ja, ich kann hier schließlich keine Seife benutzen. Das wäre doch eine Schweinerei. Das muss schließlich das Handtuch erledigen. Und nun? Ist hier vielleicht doch noch eine Chance? Dann fällt mir ein, dass die Tür des Grundstücks wahrscheinlich abgeschlossen wird, sobald der letzte Besucher gegangen ist, und so spät wie sie gehen, werden sie wahrscheinlich auch kommen. Dann sitze ich hier morgen früh gefangen und komme nicht ’raus. Das heißt, ich käme sicherlich noch ’raus, aber nicht das Fahrrad. Dann werde ich wohl am besten wieder gehen. Erneut nähere ich mich dem beleuchteten Raum. Hoffentlich bemerkt mich keiner. Aber genau in dem Moment, in dem ich den schmalen Lichtkegel betrete, berühre ich beim Schritt die Pedale, so dass die Kette scheppert. Verdammt! Nun aber nichts wie weg! Ich hetze auf die Straße zurück, schwinge mich in den Sattel und rase zurück zur Ausgangsstraße, die im Wald bergan führt. Zwar sehe und höre ich nichts und niemanden hinter mir, aber so schnell kann mir zu Fuß ohnehin niemand folgen. Allerdings mit dem Auto! Ich hetze den Berg hinauf, und im Grunde ist die Badeaktion damit schon umsonst gewesen, denn bei diesem Tempo wird der Schweißausbruch nicht lange auf sich warten lassen. Das Licht habe ich schon ausgeschaltet, damit mich das Standlicht nicht verrät. Wenig später höre ich ein Auto hinter mir. Wer kann das jetzt schon sein? Natürlich nur meine Häscher! Ich verlasse die Straße und stürme ins Gebüsch. Das fällt hier ziemlich steil ab, und ich muss sehen, dass ich nicht abstürze. Das Auto fährt vorüber und ist bald hinter der nächsten Kurve verschwunden. Jetzt kann ich versuchen, die Böschung wieder hinaufzukommen. Nach kurzem Kampf gelingt es. Ich folge dem Wagen, und er bleibt der einzige. Was ist, wenn er wieder zurückkommt? Na ja, dasselbe Spiel halt.

Oben endet der Wald, und ich erreiche einen großen, ebenen Platz. Links stehen wieder Gebäude. Das kann alles Mögliche sein. Audimax, Lehrsäle, Restaurants. Aber hier scheint niemand zu sein. Alles ist dunkel, und kein Fleckchen ist überdacht. Na, die Richtung war wohl die falsche bei der Flucht. Doch rechts, am Ende des großen Platzes, der wohl normalerweise ein Parkplatz ist, sehe ich ein kleines Häuschen, wie es hin und wieder für den Verkauf von Parkscheinen verwendet wird. Vielleicht ist das offen. Ich fahre hin, und der Splitt knirscht unter den Reifen. Es ist offen. Und hinter dem Häuschen steht tatsächlich ein einziger Wagen. Wer hat den hier wohl »vergessen«? Das innere der 4-Quadratmeter-Hütte macht keinen einladenden Eindruck: Die Fensterscheiben sind herausgebrochen, die Tür fehlt, und auf dem Fußboden muss mal jemand eine Burger-Party gefeiert haben, jedenfalls liegt aller möglicher Fastfood-Müll herum. Entschlossen, nun nicht länger zu suchen, schiebe ich den Kram mit dem Fuß in eine Ecke, schließe das Fahrrad an, hole den Schlafsack aus der Tasche und will gerade wieder die Hütte betreten, als mir auffällt, dass das Auto keineswegs vergessen wurde: Es bewegt sich. Mir fällt die Werbung ein, wo eine amerikanische Limousine irgendwo in einem Park steht und rhythmisch wippt, während der Chauffeur auf seinem Platz genervt und indigniert nach oben blickt. Eine Frauenstimme verlangt erregt: »Oh, mach’s mir noch mal!« Und die Pointe ist, dass beim Kameraschwenk in den Fahrgastraum ein feingekleidetes Paar relativ unbedenklich da sitzt, und der Kavalier irgendeinen Milchshake schüttelt, der beworben werden soll und das Auto in Unruhe versetzt.

In diesem Auto wird höchstwahrscheinlich kein Milchshake gemixt, und jetzt höre ich auch, wie die Klimaanlage rauscht. Da es hier draußen nicht besonders warm ist, muss es im Inneren schon heiß hergehen. Also, nicht, dass mir eine Autonummer als die schönste Variante der Begegnung zweier Geschlechter erscheint, aber beneiden tue ich die beiden schon, obwohl – wenn sie sich nicht beeilen, werden sie ihre Karre nachher nicht mehr starten können, denn eine Klimaanlage frisst eine ganze Menge Strom, und wenn der Motor nicht läuft, ist bald die Batterie alle.

Ich verkrieche mich in meinem Schlafsack und suche Schlaf. Die Suche ist indes nicht von Erfolg gekrönt; denn das Pärchen nebenan hat offenbar genug oder seine Bemühungen eingestellt und will nun den Platz verlassen. Das Starten des Motors führt allerdings nur zu einem kurzen Ruck und der Aktivierung der Alarmanlage. Hatte ich also Recht mit meiner Vermutung. Mit der Sirene, so kurz sie auch ertönen mag, kann ich natürlich nicht schlafen. Ich bin gespannt, wie sie das Problem lösen. Die Versuche wiederholen sich. So was Albernes! Als wenn sich der Akku von selbst wieder auflüde! Schließlich reicht es mir, ich stehe auf, gucke aus dem Fenster, und da der Fahrer auch schon mal eine überflüssige Runde um sein streikendes Gefährt gedreht hat, gebe ich mein Inkognito auf und spreche ihn auf Englisch an: Can I help you? Diese Sprache scheint nicht seine Stärke zu sein. Auch mögen ihm nicht motorisierte Helfer nicht sonderlich hilfreich erscheinen. Ich erkläre weiter, was ich von seiner Batterie halte und dass Anschieben das Problem am ehesten löst. Darauf erwidert er, dass das nicht das Problem sein könne, das Auto sei sehr teuer gewesen. Als ob das eine Erklärung wäre! Na schön, macht ihr nur, denke ich mir. Aber schlafen geht so natürlich immer noch nicht. Nach 20 bis 30 Minuten erscheint ein weiterer Wagen. Zwei junge Männer steigen aus. Zu viert beratschlagen sie. Das heißt, zu dritt. Das Mädchen steht ungefragt und ratlos neben den Auto. Und schließlich – schieben sie das Auto an. Es dauert eine Weile, bis es klappt, und jetzt fällt mir auch ein, dass man Autos mit Katalysator nicht anschieben soll, weil er dann leicht kaputt geht, aber das ist mir jetzt letztlich wurscht. Hauptsache, die verschwinden. Und dann kann ich auch endlich schlafen.

10. Juni

E.I.A. (Marseille) – D559 – Col de la Gineste – Cassis – D559xD141 – la Ciotat – D559 – Bandol – Sanary-sur-Mer – D559xD616xD16xC? – Fabregas – D16 – Six-Fours-les-Plages (82 km)

Nach dieser ungewöhnlichen Nacht wache ich etwas später auf. Es stellt sich heraus, dass meine lange Suche nach einem überdachten »Quartier« Sinn hatte, berechtigt war, denn es regnet. Es nieselt zumindest. Es ist ein Wetter, bei dem man eigentlich keine Lust hat, Fahrradreisen durchzuführen, zumal der Himmel alles andere als viel versprechend aussieht. Aber alles kann man halt nicht haben: Unterhaltsame und abwechslungsreiche Nächte und auch noch schönes Wetter tagsüber.

Dennoch fahre ich nach einen kleinen Frühstück los. Für heute habe ich mich in Toulon angemeldet, und das sind ungefähr noch 80 Kilometer. Erfahrungsgemäß wird das erst am Nachmittag was, weil die Strecke bis 12 Uhr selten 40 Kilometer überschreitet. Das ist fast ein Naturgesetz. – Ich verlasse den Campus oder jedenfalls das ganze Gelände, das im Zusammenhang mit der Uni, oder welcher Art sonst diese Bildungseinrichtung sein mag, steht. Die Ausfahrt aus Marseille setzt sich somit fort, wo ich sie gestern im Stockfinstern unterbrochen habe.

Der feine Niesel lässt gelegentlich nach, hört zuweilen ganz auf. Eigentlich geht das Wetter. Es kann mich nicht durchnässen. Dafür heize ich selbst zu stark von innen. Unter einem bestimmten Blickwinkel betrachtet, ist es sogar recht geeignet. Man muss sich nur mal vorstellen, ich würde hier bei 30 oder gar 35 Grad in der Vormittagssonne den Berg hinaufkurbeln. Das wäre doch mindestens schweißtreibend und demzufolge natürlich auch ein kleines bisschen anstrengender als so. Also, 35 Grad sind früh am Morgen natürlich kaum vorstellbar. Aber psychologisch würde sich vielleicht die Landschaft erwärmend auswirken. Es ist jedenfalls trostlos kahl. Nur ein paar Büsche haben ihre Wurzeln in den hellen Fels treiben können. Bäume scheinen hier nicht genug Boden gefunden zu haben. Die Ursachen können natürlich sehr verschieden sein. Ich vermute, dass es hier schon seit der Römerzeit so kahl aussieht, aber wie sich die Dinge darstellen, hat die Menschheit aus deren Fehlern nichts gelernt, jedenfalls machen sie heute wieder den gleichen Unsinn, allerdings in industriellem Maßstab und zumindest dort, wo sie selbst gerade nicht ihr zu Hause haben.

Der morgendliche Berufsverkehr kommt mir entgegen. Da habe ich die Richtung ja gut gewählt. Aus Marseille scheint kaum jemand heraus zu wollen. Der Gegenverkehr stockt dafür umso häufiger. Die langsame Auffahrt nutze ich für Rückblicke auf die Stadt. Besonders erquicklich ist die Aussicht allerdings nicht. Zum einen sind die Satellitensiedlungen keine Augenweide und zum anderen verhindern die tief hängenden Wolken und der Niesel, dass ich sehr weit sehen kann. Einerlei, Marseille war ohnehin nur für den Transit vorgesehen. Der nächste Ort ist Cassis. Hier weiche ich von der D559 ab. Die Karte verheißt mir ein extrem unfreundliches Profil. Ich habe Schieben eingeplant. Dies ist eine der wenigen Stellen der Reiseroute, von denen ich von vornherein weiß, dass sie mit meiner Schaltung schwerlich zu bewältigen sein wird – es sei denn, sie wiche extrem von den Karteninformationen ab. Aber die Karte scheint zu stimmen. Ungefähr 20prozentig bäumt sich das Asphaltband auf, und selbst das Schieben wird zur Schinderei. Aber was soll ich machen? Ich philosophiere über die Tour du Monde der beiden Franzosen, die angeblich teilweise 80 Kilogramm Gepäck mit sich führten und auch schiebenderweise unterwegs waren. Wie haben die ihren Drahtesel noch die Hänge hochgebracht? Aber einer bestimmten Untersetzung muss Fahren doch leichter sein als Schieben. Und was ist dann, wenn Fahren nicht mehr geht? Schieben dürfte dann doch auch nicht mehr möglich sein.

Aber ich habe nicht so viel Gepäck und kann noch schieben. Rechts hinter mir versinkt Cassis am Ufer einer steilen Bucht hinter Weinfeldern in der Tiefe, ganz langsam natürlich, denn hier sind wahrlich keine Geschwindigkeitsrekorde zu erwarten.

Schließlich habe ich einen weniger steilen Teil erreicht und kann den Rest der Besteigung im Sitzen bewältigen. Es wird immer flacher und immer höher, und ich bin schon gespannt auf die ersten Ausblicke. Die Klippen sind in der Tat recht eindrucksvoll. Immer wieder führt die Straße direkt bis an den Abgrund heran, um gerade im letzten Moment noch die Kurve zu kriegen. Einige Male steige ich ab und trete an die Absperrung heran, die wirklich den äußersten Punkt markiert. Die höchsten Erhebungen sollen hier 400 Meter über dem Meeresspiegel liegen, und die sind nicht so weit über mir. Also gucke ich ca. 300 Meter in die Tiefe. Jetzt müsste nur noch schönes Wetter sein. Ab und zu bricht die Sonne bereits durch die Wolken, und in der diesigen Luft zeichnen sich fotogen ihre Strahlen nach. Das ist keine stabile Witterung, sagt mir meine Erfahrung, und was der Blick von den Klippen betrifft, so ist er auch nicht fotogen. Meine Fußspitzen, ein paar Meter azurblaues Wasser, dann normales Wasser und dann ein Horizont, dessen Lage sich bei diesem Wetter nicht mit Sicherheit ausmachen lässt – wen wird das in der Heimat beeindrucken?

Diese Abstecher wiederholen sich einige Male. An den Hängen fallen mir Schonungen auf. Mir fallen wieder meine Begrünungspläne ein. Hier startet man eine Aufforstung offensichtlich mit überschaubarem finanziellem Aufwand. Es ist allerdings auch die Frage, ob diese Pflanzungen Bestand haben werden. Jedenfalls stehen dort Nadelbäume in Reih’ und Glied, und die Maßnahme an sich ist lobenswert. Vielleicht wird das ja mal ein stabiler Baumbestand, auch wenn er das Mittelmeerklima nicht ändern wird.

Dann kommt die Abfahrt nach la Ciotat. Dort mache ich Pause. Die Weiterfahrt bis Sanary-sur-Mer erfolgt wieder auf der D559, mit leichtem Auf und Ab, lebhaftem Berufs- und touristischem Verkehr, keinerlei Außergewöhnlichkeiten und nur hin und wieder einer Essenspause. Zwar fahre ich nicht außergewöhnlich schnell, aber ich versuche, mich auf eine möglichst zeitige Ankunft in Toulon zu konzentrieren.

Mit Erreichen von Six-Fours beginnt ein Schlenker. Ich habe geplant, die Pfirrmanns gewissermaßen einzukreisen, denn ich möchte die landschaftlich schöne Route im Süden der Halbinsel abfahren, mir vielleicht sogar Notre Dame du Mai ansehen. Das sieht auf der Landkarte ganz einfach aus, einmal davon abgesehen, dass es wieder hoch hinaus geht. Die Touristikrouten in und um Toulon auf den lokalen Übersichtsbildern scheinen jedoch wesentlich komplexer zu sein, und meine nächste Aufgabe wird darin bestehen, meine geplante Route auf diesen Bildern wieder zu finden, mir die zugehörigen Markierungsfarben zu merken und ihnen dann zu folgen. Die blaue Route scheint über den größten Teil ihres Verlaufs mein Weg zu sein. Es gibt in ihrer Nähe auch keine andere. Also scheint – zumindest in diesem Gebiet – tatsächlich auch die allerletzte Gasse auf der Michelin-Karte verzeichnet zu sein. Auf der Übersichtstafel finde ich auch die Straße, in der Pfirrmanns wohnen. Na, ob ich das im Kopf behalte? Und darf es mir ja auch nicht passieren, auf Wege abzuweichen, die hier gar nicht eingetragen sind. Aber es wird schon irgendwie klappen. Das ist ja hoffentlich nicht die einzige Tafel dieser Art. Und so mache ich mich auf den Weg. Die Straße ist schmal, nass und dunkel, zum einen, weil der Himmel noch grau ist, zum anderen, weil hohe Bäume jeden Lichtstrahl auffangen. Einmal fahre ich an einem militärischen Grundstück vorbei, inmitten großzügiger Wohngebiete. Na, da werden sich die Nachbarn aber freuen. Wobei – residiert der BND in Pullach etwa bescheidener?

Allmählich steigt der Weg an, und die Grundstücke werden großzügiger. Wenn man bedenkt, dass das hier die Côte d’Azur ist, dann müssen das alles heimliche Millionäre sein. Heimlich deshalb, weil den Arealen außer ihrer Größe kein Luxus anzusehen ist. Zuweilen ist da einfach nur Wald, aber auf vielen eingezäunten Grundstücken existiert doch irgendwo ein Bauwerk, das vermuten lässt, dass es sich bei der Fläche grundsätzlich um bebaubaren Grund handelt. Na ja, die Reichen. Hoffentlich müssen sie ordentlich Grundsteuer zahlen.

Irgendwann hört das Wohngebiet gänzlich auf, dann wird der Wald auch lichter, niedriger, und über mir wird sogar zuweilen ein Fleckchen Himmel sichtbar. Die Kirche soll auf 350 Meter Höhe liegen. So weit bin ich wohl noch nicht gekommen, aber ich mache Fortschritte, überlege trotzdem, ob ich nur wegen eines kleinen Kirchleins meinen Besuch bei Pfirrmanns noch weiter verzögern sollte. Die Bedenken werden immer stärker, und als ich schließlich einen Punkt erreiche, an dem zwar nicht die Kirche selbst steht, aber ein Schild, dass es bis zu ihr auf einem Fußweg nun noch so und so weit ist, will ich erstens das Rad nicht einfach stehen lassen und zweitens ganz schnell endlich den Scheitelpunkt dieser Straße erreichen und von dort so rasch wie möglich die Pfirrmanns suchen.

Nahe der Ostküste erreiche ich schließlich den »Pass« und abwärts geht es. Ich habe allerdings den Verdacht, dass ich insgesamt zu weit im Osten gelandet bin, und als ich in Six-Fours schließlich die Hauptstraße erreiche, wird mir klar, dass ich hier mit Farben kaum noch etwas ausrichten kann. Da werde ich wohl anrufen müssen. Ein paar 100 Meter später finde ich ein Telefon, und Herr Pfirrmann will wissen, wo ich bin. Ich beschreibe das Gebäude, vor dem ich stehe, ein beigefarbenes großes Verwaltungsgebäude, und er meint, ah, das Rathaus, bleiben Sie dort, ich komme mit dem Auto vorbei. Was er wohl denkt, wie mein Fahrrad da hineinpasst. Einerlei. Ich warte. Nach einer halben Minute kommen mir erste Zweifel. Also Rathaus, …? Das sieht überhaupt nicht so aus. Die Schilder daran sagen auch nichts von einem hôtel de ville oder mairie. Ich frage einen Passanten. Er weist mir den Weg. Da hinten, um die Kurve usw. Also, zumindest die Richtung habe ich ungefähr kapiert. Das wäre ja noch schöner, wenn wir uns jetzt auch noch verpassten. Zum Glück ist das Rathaus nicht weit entfernt, und als ich es sehe, sieht es eindeutig eher nach einem solchen aus als das andere Gebäude. Was immer das gewesen sein mag. Kurze Zeit später kommt das Auto vorgefahren. Bevor Herr Pfirrmann lange darüber nachdenkt, wie der ganze Kram und mein Gefährt ohne Schaden in seinem Blech verstaut werden kann, schlage ich vor, ihm einfach hinterher zu fahren. Über die Stelle, von der aus ich telefoniert hatte, erfahre ich, dass dort das Sozialamt sei.

Einem Auto zu folgen ist für Radfahrer naturgemäß nicht so einfach. Ich muss mich strecken, vor allem, als es dann in die Berge geht, in Straßen, in denen ich schon war, dicht dran gewissermaßen. Lange dauert dieser Sprint aber glücklicherweise nicht. Wir sind da. Ich stelle das Fahrrad ab und betrete »das Paradies«, wie meine Gastgeber ihr Exil nennen. Ja, es ist in der Tat recht nett gelegen, allerdings viel kleiner, als ich mir das nach den Fotos und Erzählungen vorgestellt hatte. Die Pfirrmanns haben zahlreiche Gäste. Die sitzen beim Nachmittagsgespräch, Reste des Essens stehen noch auf dem Tisch – für mich. Oje, die erwarten jetzt doch nicht etwa französische Konversation. Nein, das tun sie nicht. Sie sprechen teilweise selbst deutsch. Ich muss nun zwei Dinge gleichzeitig tun: Essen und Erzählen. Das ist natürlich etwas heikel, weil man mit vollem Mund nicht sprechen soll. Andererseits gibt es von heute nicht so viel zu erzählen, und was ich in der letzten Nacht erlebt habe, muss ich mir erst noch mal durch den Kopf gehen lassen, bevor ich es den gesetzten Herrschaften anbiete. Ich beschließe am Ende, mich auf die harten Fakten zu beschränken, also das, was ich ganz ohne jeden Zweifel gesehen habe, und so viel war das dann ja auch wieder nicht. Dass das Auto schaukelte, lasse ich weg. Das kann man sich schließlich denken. Nach jedem Satz wird quasi-simultan übersetzt. Ob meine Erzählung letztlich eine sittliche Katastrophe war, erfahre ich nicht. Jedenfalls bleiben die Herrschaften freundlich, amüsieren sich auch köstlich. Meine Mahlzeit besteht zum größten Teil aus Fleisch. Herr Pfirrmann hat einen viel zu großen Rollbraten eingekauft und liebevoll mit Kräutern gewürzt. Mir kommt das Fleisch ein bisschen zu wenig durchgebraten vor. Aber vielleicht muss das ja so sein. Und überhaupt sind solche Fleischportionen nicht das, wonach mein Kreislauf schreit. Also, ich meine, im Moment schreit er überhaupt nicht. Aber wenn er es täte, dann würde er Buttercremetorte oder Nutellabrötchen verlangen, aber keine solche Eiweißspritze. Wobei Eiweiß ja nicht schaden kann.

Während meiner Schilderungen klart der Himmel restlos auf, und es wird ein richtig schöner Nachmittag. Frau Pfirrmann erzählt mir dann, wer die einzelnen Leute sind bzw. waren – einige sind schon gegangen –, die beim Essen zugegen waren: ehemalige Direktoren, hochgestellte Persönlichkeiten, nicht alle, aber zwei oder drei von ihnen. Das beeindruckt mich allerdings nicht so sehr, weil ich schon im vergangenen Jahr davon gehört habe. Allerdings vermittelt es natürlich ein gutes Gefühl, Menschen, die es beruflich weit gebracht haben, so mit den Füßen auf der Erde zu erleben. Offenbar kriegt nicht jeder unentwegt Höhenflüge oder nimmt anderweitig Karriereschaden.

Frau Pfirrmann ist nicht in Hochform; ich weiß, dass sie nervliche Probleme hat, und sie klagt, dass sie bei der Vorbereitung des Essens etwas Wichtiges vergessen habe, das sei ihr noch nie passiert, aber ihr Mann sagt, das sei doch gar nicht so schlimm, und ich selbst habe weder etwas davon gemerkt noch sonst irgendwas vermisst. Aber ich war natürlich nicht gerade pünktlich zum Essen gekommen. Sie ist aber diesmal nett zu ihrem Mann; das soll schon mal anders gewesen sein.

Mich befällt eine unglaubliche Trägheit. Ich habe ja eigentlich Wäsche waschen wollen, nicht gleich mit Schlafsack und Waschmaschine, sondern so im kleinen Stil, die Unterwäsche, die Oberhemden und meine Hose. Nichts! Gar nichts tue ich. Es ist, als bräche ich unter der Last der ganzen bisherigen Reise zusammen. Dabei habe ich mir heute doch wahrhaftig kein Bein ausgerissen. Es reicht gerade noch dazu, meine Packtaschen mal umzustülpen, um zu sehen, ob vielleicht noch irgendwo ein Stückchen verschimmeltes Brot oder sonst ein unnützer Ballast herumliegt. Der Telekonverter macht keinen besonders guten Eindruck. Den sollte ich direkt nach Hause schicken. Damit mache ich sicherlich keine Fotos mehr. Im Vorfeld dieses Besuches hatte ich auch ernsthaft darüber nachgedacht, ein Paket zusammenzustellen und das entweder den Pfirrmanns für ihre nächste Fahrt nach Deutschland oder direkt der Post anzuvertrauen, aber letztlich scheue ich den Aufwand für gerade mal ein überflüssiges Kilo. Es soll mir eine Lehre für die Packphase vor der nächsten Fahrt sein. Ich werde da rigider aussortieren. Meine Powerbar wasche ich einmal durch, damit da wenigstens kein Dreck, auch kein Öl oder Honig mehr dran klebt; denn einige Packungen scheinen undicht geworden zu sein, und ich denke, zumindest Mineralöl veredelt das Kraftfutter nicht gerade.

Am Abend suche ich nach langen Gesprächen über Teuchern, Könnern, Grieben, das Befinden von Eltern und Geschwistern, Berichten über Pfirrmanns Kinder und Einblicken in das französische Grundsteuerrecht das Bett auf. Das Bett! Ha! Also, wenn das nichts ist! Es ist jedenfalls nicht gerade ein alltägliches Quartier, und unter solch komfortablen Bedingungen schlafe ich natürlich sehr schnell ein.

11. Juni

Six-Fours-les-Plages – Toulon – N97xD554xD29xD12 – Pierrefeu-du-Var – D14 – Collobrières – Col de Taillude – Grimaud (77 km)

Das wird natürlich kein typischer Reisetag. In einem frisch bezogenen Bett aufzuwachen ist erst mal nicht der Standard, den ich auf Achse gewöhnt bin. Auch nicht, so lange zu schlafen. Schließlich nicht, danach ein gepflegtes, nicht nur von der Menge, sondern vor allem zeitlich ausgedehntes Frühstück einzunehmen, na ja, Dinge eben, die wohl ein »normaler« Urlauber so unternimmt, bevor er zu den kleinen Abenteuern und Erlebnissen des Tages aufbricht.

Herr Pfirrmann hat Besorgungen auf dem Markt zu machen. Dazu fährt er nach Sanary. Mit dem Auto und mit mir. In Sanary war ich zwar schon am Vortag, aber ich war dort nur durchgefahren, weil ich ohnehin recht spät in Toulon angekommen war und nicht mit Sightseeing zusätzlich Zeit vertrödeln wollte. Das kann ich jetzt tun, bekomme auch noch Erklärungen aus erster Hand. Wieder erstaunen mich die Preise für Kirschen. Das ist doch wirklich der Hammer: 10 Mark das Kilo. Dabei wachsen sie gleich um die Ecke. In der Nähe von Remoulins haben sie noch 10 Francs gekostet. Aber ich muss sie ja nicht nehmen. Herr Pfirrmann nimmt sie. Wir wollen uns in einem Reisebüro nach den Abfahrtszeiten von Fähren nach Korsika erkundigen. Herr Pfirrmann hilft mir, stellt die Fragen: Wann und wo fahren Fähren nach Bastia? So und so, erfahre ich, auch hier von Toulon, aber das passt zeitlich nicht. Nachtfähren gibt’s jedenfalls nicht, mit denen ich die Überfahrt und eine Übernachtung günstig zusammenlegen könnte. Also werde ich von Nizza aus fahren; viel besser passt das allerdings auch nicht. Aber ich kann’s mir ja noch überlegen. Erst als ich schon längst wieder aus dem Reisebüro herausgekommen bin, fällt mir ein, dass es auf Korsika ja noch andere Häfen gibt, die vielleicht zu anderen Zeiten angelaufen werden. Na ja, das wird wohl hoffentlich nicht das einzige Reisebüro bis Nizza sein. Ich kann vielleicht auch mal selbständig fragen.

Wir fahren jedenfalls erst mal wieder zurück; denn das Mittagessen muss noch zubereitet und natürlich verzehrt werden. Ich unterhalte mich mit den Pfirrmanns. Es geht um Leben und Wohnen in Südfrankreich, um das Klima, um das Recht (Immobilien, Steuern etc.), um das Gesundheitswesen, und währenddessen kümmere ich mich um mein Gepäck. Meine Power-Bars sind noch nicht wieder so richtig trocken, aber es geht. Ich kann sie einpacken, und so langsam gewinnt die Ladung wieder kompakte Konturen. Was ich allerdings alles vorgehabt hatte an Reinigungen, Pflege und Wäsche, ist ziemlich ausgefallen. Die Faulheit hat gesiegt.

Nach einer Nachmittagspause mache ich mich gegen 15 Uhr an den Aufbruch. Ich bin allerdings noch keine zehn Meter vom Hof, als es einen tierischen Schlag im Vorderrad tut – und der rechte Lowrider ist hin; er hat sich in den Speichen verheddert. Die Tasche hat sich dabei natürlich auch verabschiedet. Zum Glück nur auf die Straße. Sie ist unbeschädigt. Ich halte kurz an, biege des Teil notdürftig zurecht, hänge die Tasche wieder an und hoffe auf gut Wetter. Aber das hält nicht lange an. Schon wenige Kilometer später, noch nicht in Toulon, passiert mir dasselbe wieder – diesmal mitten auf der Straße, wesentlich unpassender. Da ist leider nichts mehr zu retten. Der Lowrider muss ab – bzw. seine Reste. Die Tasche hänge ich an den Gepäckträger, sozusagen eine Etage höher. Jetzt ist der Aufbau etwas schief, aber wo habe ich auf dieser Fahrt schon mal Eitelkeit gezeigt? Also werde ich doch hier nicht damit anfangen. Trotzdem ist es schief. Und der Schwerpunkt ist für rasante Talfahrten auch nicht mehr so günstig wie bisher.

Auf den Schreck lehne ich mich erst mal im Schatten der Straßenbäume an eine Grundstücksmauer und mache die mitgenommenen Kirschen alle. Als ich dann so langsam meine Ruhe wieder gefunden habe, geht es weiter. Wie weit mich der Weg heute noch führt, ist völlig offen. Wer weiß, was noch alles kommt. Der Weg durch Toulon ist jedenfalls lang. Erst führt die Straße lange am Hafen vorbei. Da liegen nicht nur Jachten, sondern auch ausgesprochen alte Kähne. Hier soll eine Werft geschlossen worden sein. Könnte sein.

Als ich dann in Richtung Osten in einer endlosen Autoschlange unterwegs bin (wo wollen die alle nur hin? Ach ja, es ist Freitag, und das Wochenende beginnt), fällt mir ein, dass ich hier noch mal nach einem Reisebüro schauen könnte. Nach einigen Kilometern werde ich fündig. Also, man kann sagen, was man will, aber hier bin ich echt deplaziert. Ich bin durchaus nicht wie ein normaler Kunde gekleidet, und nachdem ich meine Auskunft erhalten habe, muss die Dame auch noch zur Kenntnis nehmen, was sie sich wahrscheinlich von Anfang an gedacht hat: Der bringt kein Geld. Ich weiß jetzt aber, dass ich auch nach I’lle-Rousse übersetzen kann, was mir zeitlich wesentlich besser in den Kram passt.

Auf der Karte ist nördlich von Toulon der Mont Faron eingezeichnet. Dort steht auch etwas von Super-Toulon, und dorthin führt eine schmale verschnörkelte Straße. Sieht interessant aus. In der Realität ragt dann aber in der Nachmittagssonne so etwas wie der Zuckerhut von Rio in den Himmel, und da vergeht mir die Lust. Irgendwie sieht das auch nicht so grün aus wie auf der Karte. Muss ja vielleicht nicht sein. Jetzt sieh mal zu, dass du aus der Stadt herauskommst, denke ich. Das ist hier nicht so mein Ding. Es zieht sich hin.

Auf der Fahrt nach Pierrefeu vergreife ich mich schon wieder an Kirschbäumen. Einmal hängen die Früchte etwas höher, und mir bricht ein Ast dabei ab. Mist! Das hätte ja nun nicht sein müssen. Hoffentlich hat es keiner gesehen. Pierrefeu liegt sehr schön am Hang. Eine flach ansteigende Straße windet sich durch die Kurven des großen Dorfes, als müsste sie wer weiß welche Höhen erklimmen. Aus den Cafes schauen die Patriarchen auf meine Vorbeifahrt. Was sie wohl denken? Freitagnachmittag, hätte ich ja was Besseres zu tun… Solch eine sinnlose Schinderei! Wenn ihr wüsstet, Jungs, Schinderei ist was anderes als dieser Hügel. Aber rasch verschwinden sie aus meinem Blickfeld, und ebenso rasch wohl ich aus ihrem. Radfahrer kommen hier sicherlich öfter vorbei.

Was ich jetzt mache, ist Bereisen des Hinterlandes. Der Fahrradreiseführer hat es empfohlen. Ob es besser ist als die Küste, weiß ich nicht, aber dort war es zwischen Marseille und Toulon immer belebter geworden, und hier ist es zumindest grün und ruhig. Ganz langsam gewinnt die Straße an Höhe. Zuerst scheinen die Hänge rechts und links der Straße mit Buschland bewachsen zu sein, aber bei genauerem Hinsehen erkenne ich, dass das doch ausgewachsene Bäume sind. Es sind ganz merkwürdige Bäume. Nach einer Weile stehen sie nämlich auch unmittelbar an der Straße. Sie haben einen schwarzen, unten dünnen Stamm, und dann kommt – wie aufgepfropft – ein dickeres Stück, dessen Borke eher grau ist, und dann verzweigt der Stamm auch wie bei jedem normalen Baum. Zwar habe ich noch nie eine Korkeiche gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass diese Bäume Korkeichen sind. Das muss ich mir dann doch mal etwas näher betrachten. Ich lehne das Fahrrad an einen Baum und nehme die Borke eines ungeschälten Baumes in Augenschein. Es muss ja wohl so sein, dass die Bäume nur von ihrer Borke befreit werden, denn nähme man ihnen auch gleich noch die lebende Rinde, würden sie eingehen. Warum die dann so schwarz ist, werde ich wohl nicht herauskriegen, aber vielleicht gibt es nur Verfahren zur Ernte, die den Baum letztlich doch irgendwie verletzen, und der Saft des Baumes trocknet so dunkel ein. Aber wer weiß? Ich hole mein Messer heraus, um mir ein Stück Originalborke mitzunehmen. Das wird ein teurer Versuch. Das Messer bricht nämlich ab. Scheiße! Und Kork habe ich trotzdem nicht. Wie soll ich denn jetzt all die Dinge bewerkstelligen, die ich bislang mit diesem Messer erledigt habe? Da nur die vordersten anderthalb Zentimeter flöten gegangen sind, beschließe ich, den Rest vorerst zu behalten. Vielleicht ist er ja doch noch zu etwas gut.

Wahrscheinlich sollte ich Fahrrad fahren, statt Kork zu ernten. Das kann ich doch relativ gut. Und die Straße ist ideal für die gemäßigte Fitness. Flach steigt sie an, bis nach ca. 25 Kilometern der Pass bei gut 400 Metern Höhe erreicht ist. Der Blick über die Wälder ist sehr schön, und die untergehende Sonne berührt auf der westlichen Seite des Passes, auf der ich jetzt in Richtung St. Tropez hinunterfahre, nur noch die Spitzen der Berge. Wenn ich die Stadt überhaupt noch heute erreiche, dann jedenfalls nicht mehr unter Fotografierbedingungen. Meine weitere Fahrt wird im Schatten verlaufen, und das bedeutet, dass spätestens 20 Minuten später die Dämmerung einsetzt, und dann muss ich mir was für die Nacht suchen. Große Auswahl besteht jetzt nicht mehr. Auf den nächsten 15 Kilometern ist kein Ort verzeichnet, aber solange geht’s auch leicht bergab. Das macht Spaß. Ein Schild preist Kastanienmarmelade an. Was soll denn das sein? Und wer wohnt in dieser Einsamkeit, um ausgerechnet so was zuzubereiten? Ich will keine Kastanienmarmelade.

Eine halbe Stunde später erreiche ich eine Gabelung, überquere einen Fluss und habe noch zwölf bis 15 Kilometer bis St. Tropez vor mir. Das wird finstere Nacht. Da tut sich links eine verlockende Alternative auf: Ein Zeltplatz. Ich fahre weiter bis zum Eingang und stelle das Fahrrad an der Rezeption ab. Als erstes studiere ich die Preisschilder. Übernachten mit Zelt ist teuer. Aber ich habe ja keins. Auto und Caravan führe ich auch nicht mit. Da müssten sich die Kosten eigentlich in Grenzen halten. Aber zunächst interessiert mich, ob es hier auch Duschen und Toiletten gibt. Sonst kann ich mich nämlich auch irgendwo in die Pampa legen. Es gibt sie. Inzwischen ist trotz der fortgeschrittenen Zeit das Personal auf mich aufmerksam geworden. Die Frau spricht sogar deutsch, und zwar sehr gut. Sie unterbreitet mir ein Angebot, das eher an den Preis für fünf Nächte erinnert, und darum melde ich Zweifel an. Sie klärt mich darüber auf, dass das Zelt im Preis enthalten ist. Ich erwidere, dass ich aber gar keines habe und unter freiem Himmel zu schlafen gedenke. Das kommt ihr anscheinend ziemlich abwegig vor, jedenfalls erklärt sie, dies seien Zeltmietpreise, und ich müsse ein Zelt mieten. Das hatte ich aber gar nicht vor, weil ich doch keins brauche, auch keine Lust habe, eins aufzuschlagen, und eben auch Geld sparen möchte. Sie schlägt mir vor, mir das Zelt erst mal anzusehen. Widerwillig gehe ich mit. Sie führt mich zu einem ziemlich großen Zelt, allemal ausreichend für vier Personen und ausgestattet mit Liegen und Matratzen. Der Preis wird jetzt verständlicher und realistischer, und ich sage ihr das auch, damit sie mich nicht als Preisdrücker ansieht. Darauf macht mir die Frau ein Sonderangebot, und ich beschließe, die Angelegenheit als ein Billighotelzimmer zu betrachten, mit Außenborddusche sozusagen, nehme an und bezahle auch gleich. Nach einer Dusche und der Unterbringung meines Gefährts gleich neben meiner Liege mache ich es mir gemütlich.

12. Juni

Grimaud – D14xD61xN98xD98a – Saint Tropez – D98axN98 – Saint Maxime – Saint Raphael – Cannes – Antibes – Nice (139 km)

Die Nacht war dem Quartier entsprechend sehr gut. Ich habe fast wie in einem Bett geschlafen. Demzufolge natürlich ziemlich lange. Rasch auf, alles zusammengepackt und los. St. Tropez ruft und Brigitte Bardot. Na, die wohl weniger. Wo ich heute auch lang fahre und ob ich einen Abstecher nach St. Tropez mache oder nicht – das wird eine Fahrt vorbei an den Liegeplätzen, Jachten, Grundstücken und Villen der Reichen. Also, warum soll ich ausgerechnet diesen Ort auslassen?

Ein paar Happen zum Frühstück sind rasch zwischen die Kiemen geschoben. In der Stadt wird Zeit für eine Rast sein. Ich breche auf, und bis vier Kilometer vor St. Tropez bietet sich nichts Außergewöhnliches. Dann kommt eine Kreuzung, vielmehr ein sehr großer Ringverkehr, und dann bekomme ich das Gefühl, dass doch viele Autofahrer dasselbe Ziel wie ich haben. Und dass überdurchschnittlich viele von ihnen eine ganze Menge Geld haben, jedenfalls diesen Eindruck vermitteln wollen. Man sieht es an den Marken, die sie fahren. Das sind häufig keine Urlauber, sondern Ausflügler. Na ja, am Samstag und bei diesem Wetter. Es liegt nicht so fern.

Und dann bin ich da. Es ist etwa neun Uhr, und die Fahrt durch die sehr engen Straßen ist bereits ein Gedränge zwischen Menschen und Autos. Aber irgendwie bewegt sich alles, wenn auch gemäßigt. Die meisten bleiben dabei unaufgeregt, nicht alle. Märkte und Läden werben um Kunden, und zumindest die Märkte tun dies sehr erfolgreich. Ich brauche nichts, schon gar keinen Trödel oder Klamotten, und ich denke auch, dass ein solcher Touristenmagnet vielleicht nicht der geeignete Ort ist, um sich günstig zu verproviantieren. Gemächlich fahre ich dann durch enge Straßen, ja, es mögen sogar Fußgängerpassagen sein. Hier herrscht relative Ruhe, aber auch in den hinteren, durchaus gepflegten Straßen – die Stadtreinigung ist emsig bei der Arbeit – beginnen die Geschäfte. Ich fahre zum Ufer am Hang eines Hügels am nordöstlichen Rand der Stadt. Hier sehe ich dann auch eine Luxusjacht, durchaus eine mehrstöckige Geldanlage in weiß. Ich mache Frühstück. Gelegentlich kommen ein paar Touristen, und wie ich hören kann, aus verschiedenen Ländern. Da sind z.B. Polen, Deutsche natürlich, Franzosen sowieso. Teilweise gucken sie nur mal auf die Bucht, schießen Fotos von sich und dem Panorama – wobei zumindest letzteres nur begrenzten fotografischen Wert hat, weil die Luft nicht sehr klar ist. Ich stopfe mich voll, als gäbe es den ganzen Tag nichts mehr zu essen, vor allem trinke ich etwas zu viel. Aus dem Gefühl heraus, jetzt einen ungünstigen Schwerpunkt zu besitzen, einen unkomfortablen wenigstens, lege ich mich auf meiner Bank erst mal zur Ruhe. So viel Zeit muss sein. Schließlich bin ich hier nicht auf der Flucht und liege sehr gut »im Rennen« – nicht so sehr, was den heutigen Tag betrifft, sondern mehr meinen Routenfortschritt, verglichen mit dem Vorhaben, jeden Tag im Schnitt 125 Kilometer zu fahren. Nur die letzten beiden Tage haben – diesen Makel muss ich einräumen – mich glatt 140 Kilometer zurückgeworfen, einen Tag eben; denn 24 Stunden verbrachte ich bei Pfirrmanns, und das schmälert den Tagesdurchschnitt ganz schön, aber schon allein, weil ich mit dieser Wertung bei fast allen Menschen auf Unverständnis stoße, muss ich mich dazu zwingen, auch andere Maßstäbe, etwa Erlebniswerte, Begegnungen oder Bilder der Natur, gelten zu lassen.

Es wird zehn Uhr. Nun aber weiter! Als ich wieder auf der Hauptstraße bin, über die ich in den Ort hineinfuhr, preise ich mich weise, doch verhältnismäßig rasch aufgebrochen zu sein. Der Frühaufsteher hat es gut, ihm fällt das Gold der Morgensonne umsonst in den Hut, erinnere ich mich an eine Geburtstagskarte mit Scherenschnittmotiv von Omi. Da war ich noch ein kleiner Schuljunge. Heute wusste ich ehrlich gesagt auch nicht so sehr die Morgensonne zu schätzen – die war eh schon längst über die Hügel gestiegen, als ich mich auf die Beine machte. Es war mehr die verhältnismäßig saubere Luft, die ich auf der Herfahrt hatte. Jetzt dagegen herrscht hier ein Paradoxon: »Ruhender Verkehr«. Na ja, da müssen sie halt ein bisschen Geduld haben, bis die ersten wieder draußen sind. Ich mache den Anfang. Wobei man ja nicht sagen kann, dass St. Tropez eine Sackgasse darstellt und irgendwann zwangsläufig »voll« ist, wenn immer mehr hineinfahren. Aber de facto ist es wohl so; denn wer tatsächlich eigentlich woanders hin will, fährt nicht hier lang.

Nach fünfzehn Minuten gelange ich zu der Erkenntnis, dass es Leute gibt, die etwas spät aufgestanden sind, dann solche, die zu spät aufgestanden sind, und schließlich noch solche, die außerdem entweder unendlich geduldig oder naiv sind. Fünf Kilometer lang ist die Schlange, und sie hat sich während meiner ganzen Vorbeifahrt vielleicht um 50 bis 100 Meter bewegt. Man kann also mit linearer Extrapolation ausrechnen, meinetwegen auch mit dem Dreisatz, wie lange es dauern wird, bis der im Moment Letzte die Stadt erreicht, vorausgesetzt jedoch, dass die »Einsickergeschwindigkeit« sich nicht ändert, wobei zu befürchten ist, dass alles eher noch ein weniger langsamer wird. Naiv nenne ich es, wenn jemand solche Überlegungen nicht anstellt, wenn er in Besitz einer Karte ist, aus der glasklar hervorgeht, wie lang der Weg noch sein wird. Und es ist ganz zweifelsohne entspannender Urlaubs, wenn ich in die Gesichter schaue, von denen die einen gleichmütig, die anderen genervt, kaum eines jedoch fröhlich ist. Aber wieso denn auch? Gucke ich vielleicht fröhlich? Ich gebe zu, hier noch am ehesten, nämlich vor lauter Schadenfreude. Vielleicht kriegt ihr hier mal was vom eigenen Dreck ab, Cabriolet oder Sportwagen hin, Limousine oder Geländewagen her!

Weiter geht die Fahrt. Einen ganzen Tag lang habe ich Gelegenheit, mir ein Bild von der Côte d’Azur zu machen. Es ist kein makelloses Bild, beileibe nicht. Eine endlose Kette von Hotels, Eisläden, Restaurants, Wohnungen, Datschen, Stränden, Autos. Sicher, es gibt kaum Betonburgen. Man bewahrt in einigen Belangen Maß, und zweifellos ist meine Perspektive dadurch verzerrt, dass ich auf der Straße unterwegs bin und dem größten meiner Ärgernisse am nächsten, den Autos. Es ist kein Stopp and Go, schon gar kein Stau auf der Küstenstraße. Dazu gibt es einfach zu viele Alternativen im Hinterland, allen voran die Autobahn. Die Leute fahren auch nicht rücksichtslos, sie rasen nicht. Sie machen nicht überdurchschnittlich viel Gestank. Aber sie sind allgegenwärtig. Nach einer Weile kann ich mir nicht mehr vorstellen, dass hier mal eine viertel Stunde lang einfach kein Motor brummt oder knattert. Und dann überlege ich mir, was mir wichtig ist beim Wohnen. Ich würde hier nicht einmal meinen Urlaub verbringen wollen, geschweige denn einen Wohnsitz gründen. Vielleicht könnte ich eine Ferienwohnung für Ausflüge ins Inland mieten, aber sie müsste einen angemessenen Preis haben, und was hier als angemessen definiert wird, kann ich in den Aushängen einer Immobilienagentur studieren, und zwischen deren Wünschen und meinem Angebot liegen Welten! Wie kann das nur angehen? Gibt es wirklich so viele Sonnenanbeter auf dieser Welt? Gewiss, das Hinterland hat seine Reize gegenüber Stränden, wo es nur den Sand und das Wasser gibt und dicht bebautes Hinterland, womöglich zwischen Teutonen und Engländern aufgeteilt. Aber trotzdem! Ist vielleicht der Frühling hier ein Geheimtipp, wenn nur Einheimische hier sind – doch sind sie das? Jedenfalls verlassen einige von ihnen ihre Villen im Sommer. Und der hat ja noch gar nicht angefangen, ebenso wenig der Urlaub, die Ferien. Was hier wohl in vier Wochen abgeht? Na gut, jetzt ist Wochenende, das verschärft die Situation sicherlich ein wenig.

Die Strände muss ich selber testen. Schließlich kann ich sonst nicht mitreden. Gut ist, dass es kleine Strände sind. Das macht schon mal eine nette Optik. Es können nicht ganze Völker aufeinander hocken, nur Großfamilien vielleicht. Mein Problem ist der gute Einblick auf die Strände. Wie soll ich hier ohne Badehose baden, ohne gesehen werden? Also, im Grunde ist nicht das Gesehenwerden mein Problem, sondern der Gedanke, ich könnte bei anständigen Menschen Empörung verursachen. Im Grunde habe ich ja nichts zu verbergen, und abgesehen davon, dass ich gemessen am Sonnenschein unverschämt ungebräunt bin – außer im Gesicht, am Hals und an den Händen natürlich –, dürfte ich wohl auch keine so anstoßende Erscheinung bieten, aber das wische ich jetzt beiseite. Am Ende bin ich ein paar Tage lang in dieser berühmten Gegend herumgefahren, genauso lange an diesem blauen Wasser entlang – und nicht ein einziges Mal hineingestiegen. Schon, um das zu verhindern, steige ich in den glühenden Kies hinab…, nein, Sand würde ich das nur aus größerer Entfernung nennen, lasse meine Hüllen fallen und sehe zu, dass ich ins Wasser komme, weil es da nicht gar so heiß ist. Warm schon, so gehört sich das. Und sauber. Was sind das für Storys, dass das Mittelmeer ein Notstandsgebiet sei? Klar, hier mündet gerade kein Fluss, und ob es da draußen noch ein paar Fische gibt, weiß ich natürlich auch nicht. Aber ich betreibe keine Studien. – Noch ein Grund, hier keinen Urlaub zu machen: Quallen und scharfe Muscheln. Das übersehe ich jetzt geflissentlich, ein paar Schwimmstöße müssen schon sein. Die Gäste auf der nahen Caféterasse ignorieren dafür liberal meinen Nudismus. Na, das wäre ja auch noch ein Highlight, wenn sich deswegen jemand echauffieren würde.

Vor mir liegt Cannes. Das Einzige, was ich mit dieser Stadt verbinde, sind Filmfestspiele. Die sind heute nicht, also muss wohl der Abglanz davon reichen. Er gibt was her. Die Stadt ist reich, zumindest ihre Einwohner oder Gäste, und sie zeigen es. Hotels, eines größer und prunkvoller als das andere, auch ein Casino, obwohl ich noch gar nicht in Monaco bin, und Autos: Ferraris, BMWs, nicht nur der Z3, sogar ein Z1. Aber ansonsten ist es eine Stadt, gedrängt an den Berg und somit nicht verschwenderisch mit ihrem Platz, wenn auch die Uferpromenade sehr breit und für Spaziergänger einladend ist. Sobald ich diese jedoch verlasse und auf den Hauptstraßen weiter in Richtung Nizza vordringe, wird das Bild wieder autobestimmt. Nein, kein Stress. Dazu bin ich doch zu viel aus Deutschland gewöhnt, aber es ist halt nicht schön.

Nizza kündigt sich schon von weitem an. Ein Komplex von mehreren vielstöckigen Gebäuden, im Kreis angeordnet und an der Peripherie des Kreises einige Male von vielleicht 20stöckig bis zum Boden abfallend und wieder aufsteigend, wie in der Art eines runden Turmes mit dreieckigen Zickzack-Zinnen, prägt das Bild. Ich fahre näher heran, um es mir genauer anzuschauen. Ein endloser Strand beginnt, und Nizza scheint dort sein Wochenende zu verbringen. Auf Deutsch: Es ist was los hier.

Ich komme an einem Notarztwagen vorbei. Ein dicker Mann hat anscheinend einen Herzinfarkt bekommen, und die Helfer versuchen bislang vergeblich, ihn wiederzubeleben. Einer kümmert sich um eine verzweifelte Frau. Es ist Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie dicht auch ich mich auf dem Asphalt immer an die Grenze zwischen Leben und Tod begebe, aber ich halte nicht an.

Rechts kommt der Flughafen. Auf der Karte sieht er aus wie ins Meer hinausgebaut. Aber das kann natürliches Land sein. Wieder folgt eine lange Strandpromenade. Schön finde ich sie allerdings nicht so sehr. Ich habe auch keinen richtigen Blick mehr dafür, denn es wird Abend, und ich muss mich erstens um die Fährverbindung nach Korsika kümmern und zweitens um eine Übernachtung. Ein Hotel wäre doch nicht schlecht, auch wenn dies hier eine teure Gegend ist und eine Stadt dazu. Aber zuerst die Fähre. Am Hafen erfahre ich, dass die Auskünfte in Toulon korrekt waren und wo es am nächsten Morgen los geht. Nun also die Übernachtung. Im ersten Hotel werde ich weitergeschickt. Das zweite schreckt mit Preisen über 300 Francs. Und dann kommt auf dem Weg, den ich fahre, erst mal keines mehr. Ich habe Nizza schon fast in Richtung Monaco verlassen, als links eine Privatunterkunft wirbt. Sie liegt irgendwo oben am Berg. Na ja, mit besonderen Kletterleistungen habe ich mich heute noch nicht hervorgetan. Also hinauf! Im Zickzack geht es »in« den Berg. Vor der Pension kommen mir Bedenken. Es ist nach neun, dies hier ist doch eine sehr bürgerliche Unterkunft, fast ein normales Wohnhaus, und so geschieht es, als ich klingele: Nous sommes complètes. Na, und? Wo ich einmal auf halber Höhe bin, fahre ich gleich weiter. Der Überblick über die Bucht wird immer besser, der Himmel immer dunkler. Ich stelle mich auf eine Freiluftübernachtung ein, und es kommt jetzt vor allem darauf an, diese Option so komfortabel wie möglich wahrzunehmen. Da ist eine Baustelle, allerdings eine sorgfältig eingezäunte, dort ist eine andere, aber die ist sehr gut einsehbar, und so erreiche ich schließlich das Ende des Wohngebiets, wo ein Schild eindeutig darauf hinweist, dass abends das Betreten des Parks am Gipfel des Berges verboten ist – und Camping natürlich sowieso. Einverstanden, erstens befahre ich nur, und zweitens habe ich kein Zelt. Ist ein Schlafsack vielleicht schon ein Camp? Ganz oben sehe ich ein Schild, das eine Jugendherberge anzeigt. Na, das wär’s noch! Nichts wie hin! Es geht auf der anderen, der Hafenseite, wieder hinab. Na, hoffentlich ist da noch a Platzerl frei. Um zehn komme ich an. Draußen ist Nacht, drinnen sieht es nicht direkt nach Überbelegung aus, aber dies hier ist der Empfang und der Gesellschaftsraum, und vielleicht sind die Kindlein alle schon im Bett. Eine ganze Weile kommt erst mal niemand. Und dann erscheint jemand, um mir zu sagen, dass alles voll sei. Was soll ich da machen? Nachschauen vielleicht? Immerhin: Wochenende, Samstagabend um 22 Uhr – das ist nicht ausgeschlossen. Also wieder zurück auf den verbotenen Berg. Ich mache noch ein Nachtfoto von der hell erleuchteten Stadt und suche mir dann abseits der Straße am Rande einer Fläche, auf der vielleicht mal Boule gespielt wurde, einen Liegeplatz. Das ist hier zwar nicht erstklassig, aber welcher Gast dieser Stadt hat schon so viel frische Luft und einen solchen Ausblick?

13. Juni

Nice – Fähre – I’lle-Rousse – Belgodère – N197xD47xD147 – Asco – Haute Asco – Asco – D147xD47xN197 – Ponte Leccia – D71 – Morosaglia (134 km)

Also, eine Wucht war die Nacht nicht. Andauernd kamen Mopeds und Motorräder und machten auf dem Berg Lärm. Warum die hier herumfuhren, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Man könnte vermuten, dass da einer dem anderen imponieren wollte, aber sie kamen ja immer einzeln, drehten ein paar Runden, damit ganz Nizza es hörte, und verschwanden dann wieder. Ich wünschte mir ein paar Mal, ich könnte solche Kisten einfach abknallen. Peng, dann vielleicht noch ein Knall, wenn viel im Tank war, und dann ist plötzlich Ruhe. Ist natürlich militant und hätte wahrscheinlich tragische Folgen für die Fahrer, aber letztlich knattern sie in der Realität ja doch unversehrt von dannen, wenn man einmal davon absieht, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ding an der Schüssel haben.

Auch ansonsten war die Wahl des Quartiers nicht optimal. Trotz der Höhe war es über Nacht recht mild hier, um nicht zu sagen: ziemlich warm, und ich begann wieder zu schwitzen. Ohne die lange Hose ist das nicht so schön. Ich könnte daher und natürlich auch unabhängig davon mal wieder eine Dusche gebrauchen, aber damit wird es wohl vor der Überfahrt nix, und auf der Fähre dürfte es angesichts der Kürze der Reise auch keine Duschen geben. Na ja, wenigstens die Haare werde ich mir vorher mal waschen. Auf einem der höchsten Punkte des Berges steht ein Brunnen, und dort verschaffe ich mir ein einigermaßen öffentlichkeitstaugliches Aussehen. Rasieren wird erst auf der Fähre was.

Viel Zeit fürs Frühstück, diverse Aufbaumaßnahmen oder sonstigen Müßiggang bleibt mir heute nicht. Die Fähre wird pünktlich fahren – wenigstens muss ich das unterstellen – und keine Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen. Ich kann sie von hier oben schon sehen. Also keine Experimente mit alternativen Routen für die Abfahrt, sondern rasch zum Hafen!

Am Ticketschalter trifft mich angesichts des Preises der Schlag. Das ist ja schon fast so viel wie die Überfahrt von Helsinki nach Travemünde 1996! Und es ist wieder eine Diskriminierung gegenüber Kraftfahrzeugen, die für ein Kilo wesentlich weniger bezahlen müssen als ich. Aber es ist eine Hochgeschwindigkeitsfähre, und der enorme Spritverbrauch muss eben bestraft werden. Allerdings hätte ich wohl kaum eine Alternative gehabt. Es scheint so, als seien nur noch schnelle Fähren zwischen Korsika und dem Festland unterwegs. Eine langsamere hätte ich mir also gar nicht aussuchen können. Und wenn es eine Übernachtfahrt wäre, müsste ich wahrscheinlich für eine Kabine oder zumindest ein Schlafregal bezahlen. Angesichts dieser Auslagen überschlage ich mein Budget für Korsika. Mit Vier-Sterne-Hotels wird’s sicherlich nichts auf der Insel. Wird’s denn noch was ohne sie? Denn wer weiß, ob dort eine Bank ist, die mir auf die Postbankkarte Geld gibt. Nun, wenn alle Stricke reißen, dann muss halt die Visa-Card ’ran.

Das Einfahren auf das Fahrzeugdeck ist immer eine Prozedur, die etwas ähnlich Unangenehmes hat wie das Ein-, Um- und Aussteigen auf Flughäfen. Alles ist dreckig, laut und stinkt. So sieht es zwar auf Flughäfen weniger aus, aber auch dort muss man von einem Ort zum anderen, das häufig umfangreiche Handgepäck immer im Schlepp. Also, der Vergleich hinkt irgendwie, aber beides gefällt mir nicht, und die Flughäfen sind halt das Erste, was mir dazu eingefallen ist.

Tatsächlich legt die Fähre einigermaßen pünktlich ab. Und sie macht wirklich Dampf. Schon bald verliert sich die Stadt und die Côte d’Azur im Dunst. Vorne ist Korsika allerdings noch nicht zu sehen. Ich kümmere mich um meine Rasur und gewinne dadurch ein einigermaßen zivilisiertes Aussehen, wobei man sich über die Klamotten sicherlich streiten kann, denn der Hose sieht man die bisherige Reisedauer auf jeden Fall schon mal an.

Die Überfahrt ist solange verlorene Zeit, wie ich nur in den Salons herumhocke. Also frühstücke ich erst mal ausgiebig. Das wäre sowieso notwendig gewesen. Und da das Wetter so toll ist, gehe ich natürlich auch mal nach draußen, schaue mir das schäumende Wasser am Heck an oder den Bug, der mit vielleicht 40 Kilometern pro Stunde fortwährend riesige Wassermengen zur Seite prügelt. Diese gewaltige Kraft, dieses große Schiff, das ist schon etwas Unnatürliches. Ich schaue mir die Korsikaroute an. Die habe ich damals separat geplant, und daher weiß ich, dass es gut 1400 Kilometer werden. Keine große Sache, neun oder zehn Tage werde ich dort sein, und dann werde ich die Insel wieder verlassen und möglicherweise nie wieder dorthin zurückkehren, weil die Route so beschaffen ist, dass tatsächlich so gut wie alle grün markierten Straßen »abgefahren« sind. Bislang war noch keine ferne Auslandsroute so toll, dass ich ihretwegen in dieses Land zurückgekehrt wäre. Es gibt immer noch Regionen, in denen ich bis dahin überhaupt noch nicht war, und die ich deshalb bevorzuge. Und so mag es auch Korsika gehen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt? Wer weiß, wie das Land überhaupt beschaffen ist? Aber das werde ich ja in Kürze erfahren.

Und dann ist Land in Sicht. Den Silberstreif am Horizont habe ich gar nicht mitbekommen. Korsika ist plötzlich da, Horizont füllend, heiß, trocken, schattenlos, flirrende und diesige Luft – so, wie man sich ein heißes Land unter der Sommermittagssonne vorstellt. Und kurz darauf legt die Fähre an, und wieder kommt mir das Flugzeug in den Sinn. Man kann keineswegs aussteigen, wenn der Flieger das erste Mal steht. Da muss noch manövriert werden, da müssen Gangway oder sonstige Vorrichtungen an das Flugzeug herangekarrt werden, und kaum irgendwo wird mit solcher Exklusivität auf ein Flugzeug gewartet, dass sich dann sofort das ganze Personal auf genau diese Maschine stürzt, um alles für das Aussteigen herzurichten. Hier ist es etwas anders. Trotzdem muss die Fähre erst die richtige Position einnehmen, vertäut werden, dann die Heckklappe öffnen… Na ja, was alles so dazugehört. Ich packe meine Siebensachen, und trotzdem bin ich nicht der Erste, der das Schiff verlässt. Es gibt jetzt im Grunde nur eine Möglichkeit, dem Trubel zu entkommen: Irgendwo anhalten und warten, bis sich die Autoschlange verlaufen hat. Eine zweite Möglichkeit geht auch noch: Man fährt mit der Schlange, bremst sie aus, lässt sie an breiteren Stellen auch mal stückchenweise an sich vorbei und atmet ohne Ende und in mittelprächtigen Dosen Abgase ein. Eine dritte Variante schließlich funktioniert nur kurze Zeit: Man lässt sie hinter sich, vollständig und keuchend. Pragmatisch, wie ich bin, entscheide ich mich für den zweiten Weg. I’lle-Rousse ist kein großer Ort. Sobald ich auf der Nationalstraße bin, verliert der Bauch der Fähre voller Autos an Bedeutung. Hier ist Platz und kein Gegenverkehr. Die Autos fahren in fünf Richtungen aus dem Dorf, wahrscheinlich die meisten in meine Richtung.

Als ich nach acht Kilometern ins Inland abbiege, ist der Trubel im Großen und Ganzen vorbei. Jetzt wird sich zeigen, wie die Insel auf den zweiten Blick beschaffen ist. Es geht flach bergan. Es ist wirklich auffällig, wie flach die Auffahrt ist. Der Norden der Insel ist sehr trocken. Ich kann nicht verstehen, was all die Urlauber so toll an Korsika finden. Da muss es noch mehr geben als diese Halbwüste, sonst würde doch kaum einer hier seinen Urlaub verbringen. Während ich den Hang hinauffahre, betrachte ich rechts das Panorama. Hinten liegt der Hafen im Dunst, weiter vorn, ziemlich genau rechts von mir, sehe ich am Horizont einen See, einen Stausee vermutlich. In dieser Hitze sieht das richtig unwirklich aus. Und dann ist da noch eine Eisenbahn. Also, Gleise wenigstens. Es ist eine Schmalspurstrecke, aber weit und breit ist kein Fahrzeug zu sehen. Scheint wohl nicht häufig befahren zu werden. Auch die Haltepunkte sehen aus wie zuletzt von Guerillakämpfern besucht: Demoliert, verschmiert. Die korsische Unabhängigkeitsbewegung scheint sich so oft wie möglich zu verewigen.

Mit Belgodère passiere ich das erste Bergdorf. Außer einer Gendarmeriestation sehe ich dort allerdings nichts von Bedeutung. Wenig später erreiche ich den ersten Pass. Was daran allerdings ein Pass ist, bleibt für mich unklar. Aus meiner Sicht ist es einfach nur eine Kurve auf einer Straße, auf der ich nach wie vor dem so genannten Pass bergauf fahre. Eine gute halbe Stunde später erreiche ich allerdings tatsächlich einen Pass in knapp 700 Meter Höhe. Das wäre also das erste Stück Arbeit des heutigen Tages gewesen. Vor mir liegt jetzt eine 20 Kilometer lange Abfahrt.

Auch hier ist die Landschaft trostlos trocken. Zwar gibt es laut Karte einen Bach oder sogar einen Fluss, aber der scheint zwischendurch immer mal wieder zu versickern. In seiner Nähe stehen vereinzelt Rinder, nicht eingezäunt, manchmal auch auf der Straße herumstreunend. Die haben’s hier nicht gut – nur eine ziemlich uneingeschränkte Freiheit. Jetzt begegnen mir auch wieder die Gleise. Sie scheinen die Bergspitze an einer anderen Stelle überwunden zu haben und streben nun ebenfalls in Schlängellinien dem Tal zu.

Vier Kilometer vor Erreichen der Straße zu den Gorges de l’Asco, die ich mir anschauen möchte, mündet mein Weg auf die Hauptstraße, auf der vermutlich ein Großteil des Verkehrs ins Innere der Insel strömt. Diese Straße ist neuer, breiter, kürzer, führt nicht so weit in die Berge, hat für mich nur den Nachteil, dass sie laut Karte landschaftlich nichts zu bieten hat. Darum bin ich lieber durch die Berge gefahren.

Die Stichstraße beginnt auf etwa 200 Metern Höhe. Sie endet in 1361 Metern Höhe. Da ich denselben Weg wieder zurück fahren muss, beschließe ich, den nicht benötigten Teil meines Gepäcks irgendwo zu verstecken und einigermaßen unbeschwert in die Berge aufzubrechen. Nach fünf Kilometern noch einigermaßen flacher Fahrt finde ich ein verlassenes Gebäude, eher eine Ruine, und in dessen Keller stelle ich meine Taschen. So fährt es sich schon um einiges leichter. Hier ist die Landschaft auch wesentlich grüner; Korsika wird mir als Urlaubsziel allmählich verständlicher.

Die schmale Straße könnte auch zu einem Pass führen. Es geht anständig bergauf. Das Ziel ist nicht zu sehen, nicht einmal, wie die Szene in drei Kilometern aussieht, weil die Route sich durch ein enges Felstal windet, und rechts oder links davon noch einmal tief unten der Fluss. Das wäre jetzt mal eine Chance, ein Bad zu nehmen. Das Wasser ist immerhin nicht salzig, und schön kühl dürfte es außerdem sein. Also, worauf warte ich noch? Auf eine Stelle, an der der Fluss mal nicht ganz so tief im Tal liegt, so dass ich schnell unten und schnell wieder oben bin. Nach einer Weile bietet sie sich. Da unten sind zwar schon zwei junge Männer, aber die stören mich nicht. Sie verhindern lediglich, dass ich ein Vollbad nehme. Stattdessen steige ich kurz entschlossen bis zum Schritt in die klaren Fluten, wobei das Wasser hier, in einer Senke, eher ruhig dahinfließt. Die Unterhose will ich mir dann doch lieber trocken halten, sonst wird das nix mit der Weiterfahrt. Nach einer Weile erreiche ich Asco, wobei die Straße den Ort nur streift, und dann oberhalb desselben weiter in die Berge führt. Ich muss feststellen, dass ich hier erst etwa ein Drittel der Höhe erklommen habe. Von allein fährt ein Fahrrad ohne Gepäck also auch nicht.

Die Vegetation ändert sich, Nadelbäume bedecken das jetzt breitere Tal; weiter oben sind sie kleiner und stehen vereinzelter. Zwar kann ich das Ziel nicht erkennen, aber dafür Berge, an deren Hängen Schnee liegt. Na bitte, das hat doch was. Im Mittelmeer! Das muss man sich mal klarmachen. Zwar haben wir noch nicht Hochsommer, aber der längste Tag des Jahres ist nur mehr eine Woche entfernt.

Vereinzelt steigt die Straße jetzt ziemlich steil an. Da macht es sich gut, statt 120 nur gute 90 Kilogramm schleppen zu müssen. So kann ich übertriebene Anspannung vermeiden und mich noch an diversen Schnörkeln der Straße ergötzen, die meiner Ansicht nach nicht besonders realistisch auf der Karte erfasst sind. Aber im Maßstab 1:200000 ist eben nicht alles möglich.

Nach einer letzten Doppelkurve erreiche ich einen großen, zum Tal hin abfallenden Platz. Rechts und links am oberen Ende stehen ein paar Häuser, dahinter ein paar Wirtschaftsgebäude. Ich fahre heran und stelle das Fahrrad ab. Jetzt darf ich mir wohl erst mal eine Mahlzeit gönnen. Das waren schließlich keine Peanuts. Das rechte große Haus ist so etwas wie eine Winterherberge. Eine ganze Serie von Emblemen und Plaketten soll dokumentieren, wie bedeutend das angrenzende Skigebiet ist. Die weiße Pracht ist jetzt aber wohl nirgends für eine Abfahrt geeignet. Nur oben auf der Nordseite der Felshänge sind noch ein paar Quadratmeter übrig geblieben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier im Winter tatsächlich mächtig was los ist. Der Platz macht einen abgenutzten Eindruck. Ich trete die Rückreise an. Das dürfte ja nun relativ einfach gehen, denke ich mir.

Es geht auch einfach. Und schnell. Nach wenigen Minuten habe ich eine lange, gerade, abschüssige Strecke vor mir und komme rasch in Fahrt. Da taucht von vorn hinter einer Kurve ein Geländewagen auf. Der Kerl muss besoffen sein! Oder schläft der?! Er fährt von seiner Spur aus geradewegs auf mich zu. Er fährt nicht links, so dass ich ihm ausweichen könnte, indem ich ebenfalls links fahre – nein, er »driftet« langsam, aber doch zügig fahrend, direkt auf mich zu und lässt mir praktisch nur den Straßengraben als einigermaßen kollisionsfreien Raum. Der scheidet jedoch aus, weil ich bei diesem Gefälle nicht so schnell von knapp 50 km/h zum Stehen komme. Mit dieser Geschwindigkeit wäre es im Grunde einerlei, ob ich auf seinem Kühler oder im Geröll lande. Mir bleibt allerdings genug Zeit, um kräftig Adrenalin auszustoßen. Nicht im letzten Moment, aber doch auch nicht allzu weit davor kehrt der Fahrer auf seine Spur zurück. De facto hat das Ganze vielleicht vier, fünf Sekunden gedauert. Jetzt halte ich erst mal an, um mich wieder zu beruhigen. So ein Arschloch! Der soll mal wieder vorbeikommen! Diese »Begegnung« beschäftigt mich noch den ganzen Abend, und ich überlege, wie ich dem Kerl seine Rücksichtslosigkeit heimzahlen könnte, aber viele Möglichkeiten habe ich nicht, und ernstzunehmende aus sicherer Position eigentlich gar keine.

Auf der weiteren Fahrt habe ich keine gefährlichen Begegnungen mehr, lediglich durch Asco fahre ich in der falschen Richtung, diesmal nämlich durchs Dorf entgegen der Einbahnstraße. Na, und irgendwann habe ich wieder mein Gepäck vollständig an Bord, und schließlich bin ich wieder an der Hauptstraße und wenige Minuten später in Ponte Leccia. Auf der Landkarte sieht der Ort unscheinbar aus, ein wirklich kleines Dorf. Tatsache ist jedoch, dass drei wichtige und zwei weniger wichtige Straßen hier zusammentreffen, und sich zusätzlich ein Supermarkt hier befindet. Wahrscheinlich kommen die Menschen von über 1000 Quadratkilometern hier zumindest hin und wieder zum Einkaufen. Außerdem ist hier die (einzige) Verzweigung der Eisenbahn Koriskas. Insofern darf man der Siedlung durchaus etwas Städtisches zubilligen.

Auf einer der weniger wichtigen Straßen in Richtung Piedicroce und Cervione und schließlich zur Küste, jedenfalls »querbergein«, verlasse ich den Ort. Hier ist am Sonntagabend nicht viel los. Es geht sogleich in die Berge. Etwas anderes bleibt angesichts des Geländes auch nicht übrig. Die Strecke ist als landschaftlich schön ausgewiesen, aber so toll ist das hier nicht. Freilich, ganz nett, am besten ist noch der Blick auf die Silhouette des Bergmassivs um den Monte Cinto, den höchsten Berg der Insel, von dessen Gipfel ich in Haut-Asco gerade mal vier Kilometer entfernt war. Eine Reihe von Spitzen erinnert an Silhouetten in den Dolomiten.

Die Auffahrt ist aber moderat, praktisch immer an der Wand lang, wobei auch die »Wand« nicht gerade steil ist. Es ist nur absolut kein Ende zu erkennen, aber das jetzt schon zu erwarten, wäre angesichts der Verworfenheit des vor mir liegenden Massivs und der noch vor mir liegenden Höhe auch vermessen. Also kurbele ich so vor mich hin. Immer wieder trotten Kühe an der Straße entlang. Auch Viehzäune finden sich rechts und links der Straße, und das eingezäunte Gelände ist trostlos kahl. Da ist nichts mehr zu fressen, rein gar nichts. Hier muss gefüttert werden – oder zum Freigang geöffnet.

Die Dämmerung schreitet voran, im nächsten Ort, der noch ein ganzes Stück bergauf entfernt liegt, muss ich etwas finden – muss! Allerdings besteht das Dörflein bestenfalls aus ein paar Häusern, denn der Ortsname ist auf der Karte weit größer als die schwarzen Vierecke, die Besiedlung andeuten sollen. Na ja, lasse ich mich halt überraschen.

Als ich mit hereinbrechender Dunkelheit tatsächlich die ersten Häuser erreiche, kommt mir wieder in Erinnerung, dass heute Europawahl ist. Da ist ein Wahllokal, und es ist noch offen. Aber nach Wählen steht mir im Moment nicht der Sinn, ginge hier auch nicht ohne jegliche Wahlunterlagen. So was macht man ja per Briefwahl vor Antritt des Urlaubs. Wo kriege ich jetzt hier… ein Zimmer? Oder auch sonst was. Da steht ein Haus, das glatt ein Gästezimmer haben könnte. Ich stelle das Rad ab und trete zögernd an das Grundstück heran. In einem großen Zimmer ist Licht, und hier draußen ist es immerhin noch so hell, dass mich die Anwohner wahrnehmen und vor die Tür treten. Ich grüße und frage, ob hier eine Übernachtungsmöglichkeit besteht. Ich habe den Eindruck, dass die Frau des Hauses verneint, und das ist glaubhaft, denn die Leute hinter ihr sehen nicht aus, als würden sie zur Familie gehören, jedenfalls sind sie so zahlreich, dass das Haus als voll gelten kann. Aber natürlich können das auch Ressentiments gegenüber Fremden sein, die kaum Französisch sprechen. Ist jedoch letztlich egal. Ich will zum Fahrrad zurückkehren, da fragt der Mann des Hauses, was ich will. Vielleicht hat er es nicht verstanden, und höflich wiederhole ich meine Frage. Die Frau sagt jetzt deutlicher, dass nichts zu machen ist. Der Mann hat meine Frage noch immer nicht verstanden. Dieser taube Kerl! Soll er halt seine Frau fragen; die hat’s doch offensichtlich verstanden. Hier also nicht. Ich fahre weiter, weiter bergauf. Nach einer Rechtskurve ist der Ortsausgang erreicht. Ich inspiziere das letzte Gebäude, in dem momentan offensichtlich niemand zu Hause ist. Aber es macht einen ziemlich gut verschlossenen Eindruck, und auf das Grundstück, das ohnehin keinen attraktiven Schlafplatz bietet, ist auch schlecht zu gelangen. Einfach über den Zaun klettern ist im Ort schon sehr blöd. Und das ganze Fahrrad kann ich sowieso nicht mitnehmen. Ist also alles zu sehen, jederzeit. Scheidet aus. Ich kehre wieder zurück in den Ort. In der Kurve von vorhin ist eine Abfahrt, hin zu einigen höher gelegenen Häusern, von denen eins ein Museum ist. Hier wird ein für Korsika vor langer Zeit einmal sehr wichtiger Mann geehrt. Das interessiert mich um diese Zeit und unter diesen Bedingungen allerdings nur am Rande, muss ich gestehen. Viel wichtiger ist mir ein Schlafplatz. Das kleine Kirchlein dort, offenbar nicht mehr als solches in Benutzung, ist nicht betretbar. Alles verrammelt. Das Museum selbst natürlich auch. Zwischen beiden Gebäuden liegt eine Wiese. Die könnte es zur Not sein, wenn das Wetter sich nicht verschlechtert. Sie ist auch nicht von der Straße einsehbar, und wer mich dort überhaupt sehen will, muss sich schon bis auf wenige Meter nähern. Na ja, ein würdiger Empfang auf Korsika ist das nicht so direkt, aber wer in die Pampa fährt, muss in der Pampa übernachten. Ich lege mein Zeug ab und erforsche die Kirschbäume auf der Zufahrt zum Museum. An die untersten Zweige komme ich heran, und es stellt sich heraus, dass die Früchte außergewöhnlich schmackhaft sind. Es beginnt ein Gelage, bei dem ich vergesse, auf die Uhr zu schauen. Ohne Ende stopfe ich mich voll, solange noch Kirschen einigermaßen ohne Flurschaden erreichbar sind. Hinaufklettern müsste man, da hängen sie offensichtlich viel dichter, aber das ist hier gar nicht so einfach, ohne die Klamotten zu ramponieren. So muss ich also mit den »niedrigen Trauben« auskommen. Irgendwann denke ich mir dann, dass ich jetzt vielleicht doch schlafen gehen sollte, weil es unangenehm werden könnte, wenn mich am frühen Morgen doch jemand mitten im Ort schlafen sehen würde. Ich muss ja nicht unbedingt negativ auffallen. Und so breite ich die Isomatte aus, verkrieche mich im Schlafsack und finde den Schlafplatz sehr schnell schön individuell, reisegerecht, sogar bequem und natürlich nebenbei unschlagbar günstig.

14. Juni

Morosaglia – D71 – Col de Prato – Piedicroce – Col d’Arcarotta – Ortale – Saint Andréa-di-Cotone – D517xD17 – Chiatra – D17xD117xD16 – Matra – Pianello – Col de Casardo – D16xD339xD39 – Bustanico – Carticasi – San Lorenzo – D39xN193 – Ponte Leccia – Corte (151 km)

Die Nacht verlief nicht ohne Störungen. Ich bekam Besuch: Von einem Pferd und mindestens einer Kuh; die Tiere scheinen rund um die Uhr auf der Suche nach etwas grünem zu sein. Auch »meine Wiese« ist da nicht gerade ein Geheimtipp, aber die Viecher scheinen zumindest im Sommer nicht sehr anspruchsvoll zu sein. In schwacher Erinnerung an einen Gandhi-Film hoffte ich darauf, dass die großen Tiere auf keinen am Boden liegenden Menschen treten, was ja durchaus hätte verheerend sein können. Aber sie nahmen mich offensichtlich wahr und ließen mich in Ruhe, was jedoch aufgrund des harten Bodens nicht verhindern konnte, dass ihr Hufschlag mich weckte.

Insgesamt war es jedoch eine stille Nacht, und der Morgen scheint genauso still zu bleiben. Zwar ist die Sonne schon aufgegangen, bleibt aber noch hinter den Bergen verborgen. Ein bisschen was an Kletterei liegt schon noch vor mir. Ich packe meine Schlafrolle zusammen, frühstücke ein paar Happen, und … – also, die Kirschen sind ja noch längst nicht alle, und wer weiß schon, wo ich heute im Laufe des Tages mal wieder ein paar Vitamine angeboten kriege. Also lasse ich mir mit dem Aufbruch Zeit, zumal kein Mensch auf der Straße auftaucht. Zwar hängen die verbliebenen Früchte jetzt natürlich noch etwas höher als in der Nacht, und im Grunde könnte mich jetzt jeder sehen, aber es ist wie gesagt niemand da. Und so genehmige ich mir erneut ein Festmahl.

Langsam geht es los, nachdem ich mich in den Sattel geschwungen habe. Der Berg ist zwar nicht sehr steil, aber doch deutlich als solcher spürbar, und morgens ist das nicht der ideale Start. Auch wieder oder immer noch auf den Beinen sind meine nächtlichen Besucher, Kühe an fast jeder Kurve und natürlich auch deren nur auf Korsika so trockene Fladen, die schon fast an Pferdeäpfel erinnern. Milch ist mit solchem Vieh wahrscheinlich nicht zu machen.

Landschaftlich allerdings macht die Strecke was her. Als ich nach einer Weile den Pass erreicht habe, senkt sich die Landschaft halb zu meiner Linken in enorme Tiefen. Da kann an sich nicht mehr viel bis zur Meereshöhe fehlen. Ein riesiges Panorama breitet sich aus. Zwar überschaubar in ihrer Zahl, aber doch anscheinend wahllos hingestreut lugen hier und dort kleine Siedlungen und manchmal auch nur eine einzelne Kirche mit hohem Turm aus dem Busch- und Waldland hervor. Wie konnten die nur auf die Idee kommen, ausgerechnet dort, wo sie nun einmal waren, ein Dorf hinzubauen? Von hier oben für jeden sichtbar, und ansonsten nur schwer zu erreichen. Davon zeugt ein Gedärm von Wegen und Straßen, das überwunden werden muss, um von unten hier hoch (oder umgekehrt) zu gelangen. Zwischendurch gibt es hier und da Abzweige zu den Häusern. Ob nicht das eine oder andere Dorf schon verlassen ist? Von hier oben ist keine Bewegung und kein Mensch zu erkennen, höchstens mal ein Auto auf einer der Straßen. Wovon lebt man heutzutage in solch einer Gegend?

Diese Szene bleibt zu meiner Linken. Meine Strecke verläuft jetzt stetig am Hang, mit ganz leichtem Gefälle. Hier ist gut Fahren. Für Piedicroce macht sie einen großen Schlenker. Ich sollte mal zusehen, dass ich was zu Futtern kriege. Kirschen sind nicht sehr nahrhaft, und meine Picknickkörbe sind im Grunde alle. Was da noch bleibt, reicht für nicht mal einen halben Tag, hinzu kommen Honig und meine Leistungsreserven, vielleicht zwei Kilo Powerbar. Im Prinzip langt das für mehrere Tage, allerdings ist es kein Nahrungsmittel wie Brot oder Nudeln, sondern eher eine Ergänzung für die ganz harten Auffahrten oder Gegenwinde, und so ist es auch eingeplant. Allein – im Ort ist alles geschlossen. Zu! Mir fällt ein, dass heute Montag ist. Ah, da ist also erst am Nachmittag mit offenen Geschäften zu rechnen. Na gut, dumm nur, dass dieses mittelgroße Dorf heute wohl die größte Ortschaft sein wird, durch die ich komme. Wer wird heute Nachmittag noch in einem der letzten Nester was zum Verkauf anbieten? Und überhaupt, wo kaufen die Dörfler ein, wenn sie was brauchen? Machen sie dann immer gleich die ganz große Tour nach Ponte Leccia, immerhin 30 Kilometer die einfache Strecke? Oder kommt der Bäcker und der Fischhändler und der Fleischer und wer sie alle sind… kommen die hier durch, so als fliegender Händler? Einerlei, jetzt gibt’s weder immobil noch auf Rädern etwas. Ich muss also so weiter. Indes trifft diese Knappheit zusammen mit dem Aufstieg zum nächsten Pass. Zwar sind es nur 170 Meter, und noch habe ich keinen Hunger. Aber ich weiß, dass Feierabend ist, wenn der sich einmal eingestellt hat. Was also tun?

Oben am Pass steht ein Restaurant. Es widerstrebt mir, dort einzukaufen oder essen zu gehen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dort heute überhaupt gekocht wird, so verlassen, wie es aussieht. Aber es ist immerhin offen und ohne Gäste. Wer Hunger hat, kann dennoch essen: Schinken, produits régionaux. Die Preise sind gesalzen, und davon abgesehen ist Fleisch auch nicht gerade das, was mich jetzt besonders schnell wieder fit macht. Ich frage nach Schokolade, Brot (Baguette) oder ähnlichem. Croissants hat die Frau im Angebot, und sie verlangt Feiertagspreise. Ich bezahle, und sie stellt mir eine Schale voll hin. Ach so, denke ich mir, ja, dann sind sie wohl doch eher günstig. Bevor ich zum zweiten Stück greife, frage ich aber lieber noch einmal nach, und Madame beraubt mich meiner Illusionen. Nein, das war anscheinend nur ein Marketing-Gag. Hätte ja sein können, dass bei Monsieur der Appetit beim Essen kommt. Keine Sorge, der wäre schon da gewesen, aber so viel Wirtschaftsförderung überlasse ich dann doch lieber anderen Stellen. Und nun? Soll ich jetzt Wasser und Honig mischen? Aber wer weiß, die Mittagszeit bricht an. Vielleicht kommen in wenigen Stunden volle Auslagen auf die Straße. Ich fahre weiter, und das stellt sich einigermaßen leicht dar, weil es am Hang entlang – der diesmal links liegt – leicht abwärts geht.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Tals verläuft ebenfalls eine Straße. Auch sie neigt sich leicht dem Meer zu. Einmal angenommen, ich wollte hinüber, wie weit wäre das wohl auf befestigten Wegen? Aber auch diese Seite macht von einem Buckel des Hangs zum nächsten ordentliche Umwege. Und die Straßenbauer scheinen einen ausgeprägten Sinn für Ökonomie besessen zu haben. Anstatt jedes Seitental auf exakt gleich bleibender Höhe bis in den letzten Winkel zu verfolgen, um dann auf dessen anderer Seite wieder hervorzukriechen, fahren sie ein Stückchen bergab, um so auf kürzerem Wege die Stelle zur Überquerung der Talsohle zu erreichen, und auf der anderen Seite geht’s dann natürlich wieder hinauf. Diese Höhenunterschiede sind nicht gewaltig, oftmals zwischen fünf und vielleicht 30 Metern, aber einfach nur Rollen ist auf diese Weise nicht drin. Außerdem passen diese »Unebenheiten« nicht zu meinem Fahrstil – ich muss mich an einen Berg gewöhnen, dann kann ich damit umgehen, aber bis mir das hier gelingt, ist er schon vorbei –, und schließlich und vor allem habe ich ein undeutliches Gefühl von Hunger. Ich kann es nicht beschreiben. Es ist völlig anders, als wenn ich ohne Frühstück ins Büro fahren würde und nach vier Stunden Hunger aufs Mittagessen hätte – richtigen Hunger, der mit einem richtigen Teller voll Essen richtig gestillt ist. Es ist irgendwie undefiniert, und auf der anderen Seite hänge ich auch nicht total in den Seilen, aber so viel ist sicher: Jetzt zwei Baguettes, vielleicht noch eine oder zwei Tafeln Schokolade, und der Tag wäre viel schöner – obwohl die Sonne an sich ihr bestes gibt.

Rechts im Tal wird ein Stausee sichtbar. Türkis schimmert seine Oberfläche im Sonnenschein. Woher kommt bloß die Farbe? Der Himmel hat doch ein anderes Blau. Und blaues Gestein wäscht das Wasser hier sicherlich auch nicht aus den Bergen. Aber wer weiß, vielleicht Kalk, und wenn das Licht auf den Kalk fällt, bricht es sich irgendwie. Was weiß ich? – Laut Karte muss ich über die Staumauer des Sees auf dessen andere Seite fahren. Jetzt ist also klar, wie tief hinab die Fahrt über dieses Tal führen wird. Es bleibt gewiss nicht das letzte. Auf der anderen Seite des Tals, schräg vor mir, direkt hinter bzw. über dem See ragt eine Kirche über dem Berg auf. Drumherum gruppiert sich eine Siedlung. Das könnte Chiatra sein. Laut Karte muss ich da durch. Die Häuser liegen gewissermaßen auf einem Sattel, das heißt, das Bergmassiv kommt von rechts und bäumt sich noch einmal links vom Dorf auf, bevor es zum Stausee hin abstürzt.

In San-Giuliano ist Wendepunkt. Dies ist wieder eine Siedlung, in der am Montag einfach nichts zu kriegen ist. Ich hole den nächste Power-Bar aus meiner Tasche. Die Dinger müssen schließlich auch alle werden, und bislang habe ich nicht der gefahrenen Strecke entsprechend Gebrauch davon gemacht. War bisher vielleicht zu leicht. Aber das kann ich eigentlich nicht sagen, und außerdem kann man zwei Kilogramm Kraftfutter oder was auch sonst als zusätzliche Last nicht einfach in den Skat drücken, wenn es an die Grenzen der Gangschaltung geht. Vor mir wird im Dunst das Meer sichtbar. Aber nur kurz; ich biege scharf rechts ab und holpere eine miserable, steile Straße hinab. Es geht wahrhaftig über Stock und Stein, und schließlich erreiche ich die Mauerkrone des Sees. Von hier unten ist die Farbe des Wassers weniger inspirierend. Umso aufregender ist der Weg am anderen Ende der Mauer: Es könnte glatt eine Teststrecke sein, aber ich muss den Michelin-Leuten zugestehen, dass sie aus dem Zustand der Piste kein Geheimnis gemacht haben. Auch einen Doppelpfeil haben sie spendiert, um mir zu signalisieren, dass es happig wird beim Aufstieg. Erst mal kommt ein ungemütliches Auf und Ab, aber dann setzt sich das Auf eindeutig durch. Ich muss sehen, dass das Hinterrad auf dem Schotter nicht durchdreht. Jetzt habe ich auch die Wendung vollzogen, fahre also quasi wieder zurück, habe Chiatra vor mir und das Meer im Rücken.

Der Berg fordert seinen Tribut. Obwohl die Straße besser wird – hier ist sogar ein kleines Team gerade damit beschäftigt, sie auszubessern –, ist der Aufstieg keine Bagatelle, zumal die Sonne heiß vom frühen Nachmittagshimmel herab brennt. Nun gehen mir auch noch die Getränke aus! Da ist ja dann gleich ganz Feierabend. Aber Wasser dürften die Leute dort oben wohl hoffentlich haben.

Haben sie. An der Ortseinfahrt steht ein Brunnen, und ich tanke erst mal auf. Dazu wieder einen Energieriegel. Wenn ich die Dinger mal für heute zur Notreserve erkläre, erfüllen sie sofort eine wichtige Funktion. Aber ich hätte schon gerne mal wieder etwas anderes. Ob das allerdings an diesem Tag noch was wird, halte ich eher für zweifelhaft.

Der Streckenverlauf bis zurück zur N193 wird abenteuerlich. Es bereitet Mühe, ihn auf der Karte zu verfolgen, und auch die Distanz ist nicht so einfach zu ermitteln. Geradegezogen dürfte die Route glatt doppelt so lang sein. Hinzu kommt ein absolutes Sammelsurium von Straßennummern, -breiten und -qualitäten. Nur die ganz breiten fehlen. Es dürfte aber noch einige Male über Schotter gehen. Nun, ich werde ja sehen, wie viel Mountainbike ich unter mir habe. Den Reifen traue ich nach den bisherigen Erfahrungen noch allerhand zu. Keine Panne bisher, toi, toi, toi.

Es kostet einige Zeit, bevor ich wieder in die Gänge komme. Auch ist Chiatra (siehe die Sattelansicht oben) keineswegs der höchste Punkt des Massivs. Jetzt geht’s jedenfalls erst mal nach Moïta… Also, Namen haben die hier. Das ist doch alles nicht französisch. Wann kam Korsika wohl »heim ins Reich«? Aber Geschichte ist nicht gerade meine Stärke. Ich habe keine Ahnung. – Während des Aufstiegs studiere ich Fauna und Flora. Die Landschaft sieht irgendwie zerfranst aus. Als hätte hier mal ein Urwald gestanden (wird bis zu den Römern sicherlich auch so gewesen sein), der dann nicht vollständig kahlgeschlagen wurde. Vereinzelt oder auch mal dichter stehen durchaus respektable Bäume an der Straße und in der Gegend, aber meist ist es hohes Buschwerk. Und die Fauna? Also, hier müssen mal Schafe langgezogen sein. Oder so was Ähnliches. Jedenfalls haben sie ihre Losung hinterlassen, und die ist interessant, nämlich für Mistkäfer. Also, vielleicht sind das auch keine Mistkäfer, aber in einem Biene-Maja-Heft gibt es eine Figur, die Kurt Mistkäfer genannt wird und meist eine große Mistkugel vor sich herrollt. Ob diese Käfer hier genauso aussehen, vermag ich während der Fahrt nicht zu beurteilen, aber sie rollen jedenfalls die Kugeln der Losung über die Straße. Es sind, um genauer zu sein, immer zwei, die sich um ein solches Stück balgen, und weil die Straße für sie irgendwohin abschüssig ist – für mich führt sie aufwärts, darum bin ich für solche Beobachtungen langsam genug –, rollen sie bald auf der Ober-, bald auf der Unterseite der Kugel, und wer letztlich gewinnen wird, bleibt natürlich offen. Dieses Bild sehe ich einige Male, aber es ist das erste Mal, dass ich das life beobachte.

Der Pass kommt, und dort steht ein Kirschbaum. Da hält mich natürlich nichts. Fast jede Abwechslung auf dem Speiseplan ist mir jetzt recht, auch wenn da ein Haus steht, zu dem der Baum ganz sicher gehört. Ich halte mich am Rand des Baums. Da könnte man unter Umständen noch über die Grundstücksgrenze streiten, aber letztlich ist das ein schwaches Argument. Früher hätte man einfach Kirschen klauen gesagt. Aber da soll’n sie halt ihr Zeug ernten und nicht auf dem Ast verfaulen lassen. Diese Gefahr ist zwar noch nicht akut, aber reif sind die Früchte. Da könnte man sie eigentlich pflücken. Und darum tue ich das, um zu retten, was noch zu retten ist.

In einem der nächsten Dörfer begegne ich einem Mountain-Biker. Er steht da so, und deshalb halte ich an. Er spricht mich gleich auf Deutsch an. Nun sag mir doch mal einer, wieso! Der Mann könnte Mitte 50 oder auch schon 60 sein, und was er da macht, ist bestenfalls ein Tagesausflug. Sein Gepäck ist sehr spartanisch. Er spricht von Problemen mit seiner Kette. Ich erkläre mich bereit, mir das mal anzusehen, aber wie er vor mir eine Runde dreht, um mir das Phänomen vorzuführen, passiert nichts Auffälliges, und so erkenne ich natürlich auch keinen Handlungsbedarf. Er erzählt mir, sein »Basislager« sei unten am Strand, ein Wohnmobil. Seine Familie und die eines Freundes kämen seit Jahren hier her. Fahrrad fahre er auf Anraten seines Arztes, seit er sich die Gelenke mit Skilaufen verdorben habe und nun zur Hälfte künstlich sei; er habe schon versucht, seinen Freund anzurufen, aber hier sei wohl gerade Funkschatten – schadenfroh denke ich: Scheiß-Handy!

Nachdem ich nun wieder ein paar Höhenmeter abgegeben habe, geht es erneut in die Höhe. Ich komme jetzt besser damit zurecht und denke mir Geschichten aus, wen ich hier oben so aus meiner Erlanger Bekanntschaft treffen könnte und wie die wohl darauf reagieren würden, mich unter so »unbürokratischen« Verhältnissen vorzufinden. – Ein Rettungshubschrauber jagt dicht vorbei. Mensch, bis solche Hilfe dort ist, wo sie gebraucht wird (wenn man kein Handy hat!), hat die natürliche Auslese schon längst stattgefunden! Ich fahre unbeirrt weiter. Nach etlichen Kurven und einigen Metern höher höre ich den Hubschrauber wieder. Aber er wird nicht sichtbar, scheint auf der Stelle zu stehen. Und kurz darauf, hinter der nächsten Kurve, sehe ich eine Plattform, wo der Helikopter ordentlich Staub aufwirbelt und Frisuren durcheinanderbringt. Es scheint eine Übung zu sein, denn solche Plattformen befinden sich ja nicht an jeder Ecke.

Kurz vor Erreichen des knapp 1100 Meter hohen Col de Casardo wird aus der Straße wieder mal eher ein Weg. So wird die Abfahrt nicht gerade rasant. Wenn ich mir aber auf der anderen Seite vorstelle, was hier die Infrastruktur pro Einwohner kosten mag, kann ich den Zustand der Straße verstehen. – Ich komme an einer Schweinekoppel vorbei. Das ist mal was Neues. Borstenvieh habe ich bislang in Frankreich überhaupt noch nicht gesehen. Mich scheinen sie auch zum ersten Mal zu sehen, denn ein paar »Ausgänger« wollen hektisch in ihre Umzäunung zurück. Die müssen ja wirklich Todesangst haben, wie sie dabei in Panik geraten. Dabei fahre ich nur vorbei.

Landschaftlich lässt die Strecke nach. In San Lorenzo überrascht mich – nach einem erneuten Ausflug in die Kirschen – ein unerwarteter Anstieg, der zwar nicht so fürchterlich lang ist, aber gehörig Kraft fordert. Auch dort plündere ich Obstbäume, allerdings sind die Früchte schon nicht mehr besonders knackig. Als ich nach einigen weiteren Minuten den »Pass« erreiche, begegnet mir eine große Gruppe von Radreisenden. Das »Hauptfeld« ist etwas auseinander gezogen, weil dort wahrscheinlich auch jeder seinen eigenen Rhythmus beim Aufstieg hat. Was für die anstrengend war, ist für mich umso leichter, und nun beginnt die Abfahrt zur N193, und mir langt’s für heute auch mit den Bergen. Knappe 20 Kilometer später, kurz vor der Hauptstraße, verlasse ich das Tal noch einmal kurz, aber das sind dann Kleinigkeiten.

An der Kreuzung fallen mir wieder mein dürftiger Proviant und mein Hunger ein, und ich überlege, ob ich nicht noch mal nach Ponte Leccia zum Einkaufen fahren sollte. Die Frage ist nur, ob dort noch ein Laden offen hat. Ich frage jemanden an der Straße, und der macht mir Mut. Neben der Kleinbahnlinie geht’s nun leicht abwärts auf diesen Knotenpunkt zu, in dem ich schon war und in den ich laut Reiseplanung auch noch einmal zurückkehren werde. Die jetzige Fahrt ist eine außer der Reihe. Der Supermarkt an der Hauptkreuzung ist noch geöffnet, und ich falle ein wie ein Heuschreckenschwarm. Hier gibt es alles, was ich brauche, und wer mit leerem Magen einkaufen geht, der langt hin. Über das normale Maß hinaus, vielleicht auch über das, was am nächsten Berg an Zuladung vernünftig wäre, kaufe ich ein: Schokolade, Pudding, Fleisch, Cola, Obst. Da kommt was zusammen.

Es dauert eine Zeit, bis ich alles einigermaßen verstaut habe, aber es besteht überhaupt kein Zweifel, dass ich mir im Ort noch einen Platz zum Festmahl suchen werde. Und so geschieht es schon wenig später: Ich mache es mir auf einer Bank bequem, verschlinge eine Packung Schinken und reduziere auch den übrigen Proviant auf Normalmaß. Da soll noch mal einer sagen, ich ließe es mir im Urlaub nicht gut gehen. Diese Erfahrung werde ich mir jedenfalls einprägen: Ich werde nicht zulassen, noch einmal am Montag ohne nennenswerte Vorräte dazustehen.

Die weitere Fahrt steht nun im Zeichen der untergehenden Sonne. Ich werde versuchen, Corte noch zu erreichen, auch wenn zwischendurch noch 250 Höhenmeter überwunden werden müssen. Das ist aber jetzt alles kein Thema mehr. Wo steht das Klavier? Also fahre ich wieder zurück zum Abzweig, an dem ich auf die Hauptstraße eingebogen war, und weiter in Richtung Süden. Am Pass wird ein Tunnel für die Straße gebaut. Die Eisenbahn hat dort die ersten abenteuerlichen Schnörkel schon hinter sich. Als ich in Corte einrolle, wird es bereits dunkel. Wirklich höchste Zeit, dass ich für heute Schluss mache.

Abseits der Hauptstraße finde ich ein Lagerhaus, dessen Rampe überdacht ist. Dort gibt’s sogar einen Wasserhahn und einen Schlauch, so dass ich duschen kann. Beim Abtrocknen bricht mir leider das Armband meiner Uhr ab, so dass ich da wohl eine Neuinvestition nach dem Urlaub einplanen muss, aber das ist keine Tragödie. Auf der Rampe liegen ein paar Styroporplatten herum, auf die ich mich legen kann – fast so gut gefedert wie zu Hause. Ich freue mich darauf, einigermaßen sauber in meine Koje kriechen zu können und genehmige mir ein frisches Hemd für die Nacht.

Lange habe ich allerdings keine Ruhe. Mücken besuchen mich. Da habe ich mich wohl zu früh gefreut. War das nicht der richtige Ort? Ich rappele mich wieder auf und denke nach. Ist vielleicht im Haus nebenan ein ruhiges Plätzchen? Das Haus ist zwar bewohnt, aber vielleicht ist ja die oberste Wohnung leer, so dass ich dort auf dem Flur mein Lager aufschlagen kann. Nur – die Haustür ist offen. Da kommen natürlich auch die Mücken durch. Und das oberste Stockwerk ist nicht unbewohnt.

Also wieder ’runter. Was das wohl wird heute Nacht?

15. Juni

Corte – N193 – Venaco – Vivario – N193xD69 – Col de Sorba – Ghisoni – Col de Verde – Cozzano – Zicavo – Col de la Vaccia – Aullène – D69xD268 – Sainte Lucie-de-Tallano (139 km)

Grausam!!! Wie konnte ich nur mein Moskitonetz zu Hause liegen lassen! Das kleine Netz, gerade mal ausreichend fürs Gesicht, dieses Netz hat gefehlt. Ob ich wohl eine Minute lang geschlafen habe? Die Nacht werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen. Es war die Hölle! Dabei bin ich gar nicht so zerstochen. Aber dieser Psychoterror, da zu liegen, irgendwo doch wehrlos und offen, und erst eine lange Zeit nur zu ahnen, dass es gleich beginnt, zu warten, was wohl schneller kommt: Eine Mücke oder der ersehnte Schlaf, vor allen Dingen einer, der tief genug ist, zur Not sogar einen Stich zu betäuben. Und dann kommt es: Das Sirren, das unerbittliche, gnadenlose und ankündigende. Ich weiß noch, wie Clemens sich für seine Wohnung, d.h. für sein Bett, ein Moskitonetz gekauft hatte. Das Sirren war fortan Musik in seinen Ohren. Hat er gesagt! Genau! Es ist nämlich relativ, einzig abhängig vom Wissen um das, was höchstwahrscheinlich danach kommt oder unter keinen Umständen passiert. Und zwischen den Alternativen entscheidet Haben und nicht Haben einer überzeugenden Gegenwehr. Ich kann mich erinnern, wie ich in Finnland, noch ziemlich weit oben in Lappland, mal eine Nacht – na ja, besser eine helle Zeit zwischen 22 und 6 Uhr – verbrachte, und da hatte ich das Netz fürs Gesicht, nichts weiter. Aber die damals auf dem Netz herumkrabbelnden Mücken hatten mich fast belustigt, jedenfalls nicht lange am Einschlafen gehindert. Und jetzt? Warum habe ich das Ding bloß nicht mitgenommen?! Das sind wenige Gramm. Nie wieder wird mir das auf einer Reise passieren! Heiliger Schwur!

Wenn es wenigstens kalt gewesen wäre! Wenn ein mittelprächtiger Wind übers Land gezogen wäre – na gut, dann hätte es gar keine Mücken gegeben – oder sonst eine Kühle mich heimgesucht hätte… Aber nein, es war eine laue Sommernacht, und wie um ausgerechnet hier zu beweisen, dass er himalajatauglich sei, spielte der Schlafsack ausgerechnet in dem Moment seine Isolation aus, als ich mich bis auf gerade mal ein Atemloch in seinen Tiefen verkroch, inständig hoffend, dass ich nicht am eigenen Atem ersticke. Ach was, die Temperatur stieg in dem Textil innerhalb von Minuten bis auf ein gefühltes Saunamilieu – und dabei hatte ich mir gerade nach der Dusche für die Nacht ein frisches Hemd angezogen; alles Essig –, und verzweifelt strampelte ich mich wieder frei, was für das Abkühlen geeignet war, aber nicht fürs Einschlafen, denn die Quälgeister kommen zumindest hier erst dann, wenn es ans Einschlafen geht. Na gut, die Nacht ist vorbei; mal sehen, wie ich mich tagsüber auf den Beinen halten werde.

Um sieben rücken Bauarbeiter an. Sie haben zwar nur um die Ecke zu tun, aber ein bisschen unpassend wird mir das Quartier vor Publikum dann doch. Also sehe ich zu, dass ich in die Spur komme. Der Tag verspricht heute alle Härten, ganz unabhängig von der Nacht. Zuerst kommt eine Auffahrt, die sogar Michelin mit zwei Doppelpfeilen versehen hat. Das werden 300 Höhenmeter. Nach der nächsten Abfahrt folgen dann gute 900, dann noch einmal 600 und schließlich 450 Höhenmeter – alles netto und möglicherweise ist der Tag dann ja noch nicht vorbei. Denn eine überaus lange Strecke wird’s nicht. Landschaftlich verspreche ich mir einiges von diesem zentralen Teil.

Die erste Auffahrt wird indes nicht so schlimm wie befürchtet. Man kann sich noch nicht einmal darauf verlassen, dass sie immer untertreiben, denke ich unfreundlich an den Kartenverlag. Aber wer weiß, vielleicht stimmt die Angabe ja sogar, neun Prozent sind schnell erreicht, und es könnten schon mehr sein. Vielleicht haben die Michelin-Leute hier ausnahmsweise mal exakt gemessen, weil es sich um eine der wichtigsten Straßen der Insel handelt.

Das Wetter ist schön, und nach einer knappen Stunde darf ich das erste Mal gut rollen. Die Fahrt geht hinab durch Venaco, ein Städtchen am Hang, und in all dem Gefalte windet sich irgendwo, jedenfalls immer an einer unerwarteten Stelle, die Eisenbahn hervor, und wenn ich nicht wüsste, woher sie kommt und wohin sie will, wäre es schwer, das zu erraten. Der Richtungswechsel ist das einzig Kontinuierliche an ihrem Streckenverlauf. Jetzt allerdings überquert sie die Straße und hält der Straße weiter oben am Hang die Treue, solange es weiter, jetzt nur noch leicht, bergab geht. Ich fahre auf eine Brücke zu, deren Darstellung im Atlas mich schon neugierig gemacht hat. Das muss eine ganz gewagte Konstruktion sein. Aber nein, es ist ein EU-Projekt. Es ist wirklich erstaunlich, wofür die Europäische Union Geld ausgibt. Das sieht also so aus: Die Eisenbahn überquert ein quer liegendes Tal auf einer ziemlich hohen Brücke. Für sie ist das gleichzeitig der Beginn eines langen Aufstiegs um über 500 Meter. Die Hauptstraße muss auch über das Quertal, in dessen Sohle es natürlich einen Fluss gibt, und damit die Überquerung nicht so teuer wird, hat man sich in traditioneller Weise erst mal der Quelle genähert, indem die Straße erst nach rechts abbiegt, dann parallel zum Fluss unter der Eisenbahnbrücke hindurchführt, auf diese Weise auch der Sohle des Quertals näher kommt, danach einen Linksschwenk macht und nunmehr wieder parallel zur Eisenbahn jenseits derselben auf einer verhältnismäßig kurzen und nicht sehr hohen Brücke den Fluss überquert, um das Ganze auf der anderen Flussseite spiegelsymmetrisch zu wiederholen und somit wieder in Flucht zum ursprünglichen Straßenverlauf zu liegen. So, und nun hat sich offenbar ein schlauer Kopf gedacht, den Schnörkel könne man doch leicht sparen. Das sind vielleicht 500 Meter, die da eingespart werden. Zugegeben, die Passage mag etwas schmal sein, aber dafür ein -zig-Millionen-Projekt aufzulegen, ist ein Stück, das glatt aus Deutschland kommen könnte. Nur mit dem Unterschied, dass es dort von eigenem Geld – bzw. eigenen Schulden – bezahlt worden wäre. Ich meine mich zu erinnern, auf der Fähre während der Überfahrt Nachrichten gesehen zu haben, in deren Verlauf die Brücke gezeigt wurde.

Die neue Brücke scheint erst vor wenigen Tagen befahrbar geworden zu sein, jedenfalls sind die Bauarbeiten noch im Gange, und nun geht es geradewegs wieder in die Höhe. Nach einigen Minuten habe ich die Eisenbahn wieder neben mir, und der Blick wird frei auf eine abenteuerliche Schnörkelei des Schienenstrangs, die im Wesentlichen der Überwindung des oben genannten Höhenunterschiedes dient. Ähnliches veranstaltet die Straße, und einen Bahnübergang gibt es in Vivario. Dort existiert sogar ein Bahnhof, wo gerade ein Dieseltriebwagen steht. Damit sehe ich zum ersten Mal eine solche Schmalspureisenbahn auf Korsika. Das wäre was für meine Kollegen! Aber viel her macht so ein Schienenbus bzw. eine Kombination aus zwei Wagen nicht gerade.

Doch damit ist die Auffahrt noch lange nicht bewältigt. Die steilen Kurven ziehen sich jetzt über dem Ort lang, und der Überblick über das Tal mit der Brücke, aus dem ich mich gerade empor winde, wird immer besser. Zwar kann ich auch nach längerer Fahrt nicht die gesamte Eisenbahnstrecke überblicken, weil ein Zipfel bzw. eine Wendeschleife hinter dem Berg südlich von Vivario verborgen bleibt, aber wenn ich wissen will, wie die Strecke aussieht, schaue ich eben auf die Karte. Dann wird es flacher, der Ort hinter mir verschwindet aus meinem Blickfeld; die Karte verzeichnet hier sogar einen Pass. Genau an diesem Pass muss ich jedoch links abbiegen, um jetzt eine lange Strecke auf der D69 zu beginnen, von der ich mir landschaftlich allerhand verspreche. Zu den ersten Eindrücken zählt jedoch die Fortsetzung des Anstiegs, und zwar nur knapp unterhalb dessen, was ich als unangenehm steil bezeichnen würde. Für die Anstrengung werde ich mit reichlich Schatten und deutlich niedrigeren Temperaturen entschädigt. Zuerst verläuft die schmale, ruhige Straße durch Gebirgswald, also eher geduckten und lichten Bewuchs, viel Moos und große Steine. Doch dann beginnt ein ziemlich alter Nadelforst, hochgewachsen und ziemlich dicht. Es dringt also wenig Sonne durch die Baumkronen, wobei mir nach einiger Zeit der Verdacht kommt, dass bereits die Wolken die Sonne verdecken. Der Nordhang ist auch derart steil, dass es gut sein könnte, die Sonne liege hinter dem Berg. Wie dem auch sei. So steil ist der Berg, dass ich Überlegungen darüber anstelle, was wohl abgeht, wenn weit oben einer der großen Steine ins Rollen kommt. Die Straße musste bergseitig gegraben und talseitig unterstützt werden, sonst hätte sie hier keinen Platz gehabt. Spannend dürften in den Kehren Begegnungen großer Fahrzeuge sein. Busfahrer scheinen ja vor kaum einem Weg zu scheuen, aber ihnen begegne ich hier nicht. Hin und wieder taucht allerdings ein Auto auf, und sobald ich es höre und gesehen habe, überlege ich, wo wir uns wohl begegnen werden oder es mich überholt. Bis dahin will ich diesen Baum oder jenen Stein oder da hinten die Kehre erreicht haben. Über solche kleinen Zwischenziele, auch mit »Terminen« versehen, kurbele ich mich nach und nach höher.

Zwischendurch höre ich nur das Rauschen der Baumkronen im Wind oder das Nadelwaldgeräusch. Das ist so undefinierbar, auch ein Rauschen zwar, aber eines von ferne, unauflösbar, keinem Baum zuzuordnen; es klingt so, als spiele ein leichter Wind gerade 100 Meter entfernt mit den Nadeln, und Rauschen in Nadeln klingt ja auch noch anders als das in Blättern. Mir kommt der Spruch in den Sinn: Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch… Wie es weitergeht, versuche ich zu verdrängen. Und mit inzwischen wieder anderen Gedanken erreiche ich dann tatsächlich den Gipfel – oder vielmehr den Pass. Die Gipfel liegen noch gute 400 Meter höher, rechts und links. Allerdings bleibt mir das im Wald verborgen, nur hat es ein Pass im Allgemeinen so an sich, dass zu beiden Seiten die Topographie noch höhere Kreise zieht.

Trotz der Kühle bei der Auffahrt bin ich doch ziemlich verschwitzt, und da es so kühl bleibt und die Abfahrt lang und tief zu werden verspricht, ziehe ich mir die Jacke über. Sicher ist sicher. Auch sieht der Himmel über dem Tal vor mir ziemlich schwarz aus. Donner grollen. Da ist alles drin. – Aufregend ist die Abfahrt nicht. Es geht im Wald wieder hinab, und zwar in ein Tal, hinter dem sich ebensolche Berge emporschwingen wie die, aus denen ich gerade komme. Auf der Fahrt fällt mir ein, dass jetzt sicherlich eine gute Zeit wäre, mal wieder was zu futtern. Die nächste Auffahrt wird ihren Tribut fordern. Wo könnte ich mal anhalten? Da, in einer der nächsten Kurven steht ein Motorradfahrer und macht auch gerade Pause. Er kommt aus Österreich, Kennzeichen P (wofür steht das, wo ist es?), und es ist keine Gang. Vielleicht kann man sich mit dem sogar ein wenig unterhalten. Ich halte an. Zwischen Baguettebissen und riesigen Löffeln voller Nougatcreme erzählen wir uns von unseren Fahrten, er von einer Motorpanne (Einspritzpumpe) und der Story um Rettung aus großer Not und Reparatur des Schadens. Meine Güte, aus einigen wenigen Erfahrungen weiß ich, wie unangenehm es ist, meine Frachtkutsche zu schieben. Was wäre das erst noch, wenn ich gleich solch eine Kiste hätte! Und dann noch den Berg hoch. Nicht auszudenken. Der Mann wartet hier, weil er davon ausgeht, dass es im Tal regnet und darauf keinen Bock hat. Ich auch nicht. Aber erstens ist keineswegs gesichert, dass es unten regnet, und zweitens war das auf Dauer noch nie ein Grund, die Fahrt einzustellen. Nachdem ich nun also im Trockenen getan habe, was an sich auch in einer Bushaltestelle oder einem sonstigen Unterstand als Nebenbeschäftigung zum Aussitzen eines Niederschlags taugt, schwinge ich mich wieder in den Sattel und rolle zu Tale.

Und dort regnet’s tatsächlich. Was soll’s? Da müssen wir durch. Allerdings ist eine Fahrt im Regen natürlich nicht so erfreulich – eine Auffahrt zumal. Während ich also im »Schatten« einer großen Fichte stehe, wo es nur dünn und gelegentlich sprüht, und vor lauter Verlegenheit schon wieder mampfe, versuche ich mir ein Motiv auszudenken, das mich nun den Hang hinauftreibt, der ja kein kleiner sein wird. Da überholt mich ein Paar auf Rädern. Mensch, und ich habe immer gedacht, ich sei tough! Da will ich doch mal gleich aufessen und hinterherfahren. Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja ein Gespräch. Aber nach aller Erfahrung sind Paare immer ziemlich mit sich beschäftigt, und bei dem Wetter ist der durchschnittliche Radler vielleicht auch nicht so kommunikativ wie sonst. Einerlei. Es kann nicht sein, dass die kämpfen und ich kneife.

Unter dem Vorzeichen des Regens beginnt also eine Auffahrt, die nur den Anstieg und den Wald mit der vorigen gemeinsam hat. Das Wetter ist anders, die Piste… ja, es ist zuweilen höchstens noch eine Piste, denn hier wird gebaut. Die Straße ist aufgerissen, und riesige Steine wie auch alter Asphalt und auch Baumstümpfe – alles, was so im Weg sein kann, wenn eine neue, breitere Teerdecke planiert werden soll – werden durch die Gegend gefahren, hier mal den Abhang hinuntergekippt und dort auf einem neu geschaffenen Ablageplatz deponiert. Ich hoffe, die beiden noch einzuholen und vertraue dabei auf die Tatsache, dass sie zu zweit sind, was am Berg keinerlei Vorteile bietet, sondern nur dafür sorgt, dass der Schnellere sich selbst bei wenig Fairness nach dem Tempo des Langsameren richtet, was im Zweifelsfall wohl die Frau sein wird. Jetzt fahre ich selbst über Schotter. Ja, es ist nicht toll, aber es gibt schlimmeres. Zwar ist es kalt, aber mit Regenjacke dann auch wieder nicht. Gegen dieses Wetter ist keine Kleidung so recht gewachsen, jedenfalls keine, die ich dabei hätte. Ich überhole die beiden. Außer einem Gruß kommt nichts zustande. So weiß ich nicht einmal, woher sie kommen. Gesetzt den Fall, es wären Franzosen, dauerte ein Gespräch vermutlich auch nicht lange. Was würde ich schon verstehen? Weiter oben muss ich ein paar Minuten warten, weil ein Bagger gerade einen LKW belädt und dabei so energisch schwenkt und solche Brocken bewegt, dass ich mich aus seinem Schwenkbereich auf jeden Fall heraushalten möchte, und der überstreicht die ganze Straße. Es gibt nichts Schöneres, als im Regen stehend Menschen bei der Arbeit zuzusehen, die ein Dach über dem Kopf haben. Ich beobachte, wie der Bagger mit einem riesigen Findling kämpft. Obwohl, Findlinge gibt’s ja hier gar nicht. Dann ist es eben ein großer Stein. Also, die Hydraulikleitungen des Baggers dampfen. Das Öl muss wohl schwer arbeiten. Und irgendwann geht es weiter und irgendwann später bin ich schließlich oben. Die beiden anderen Fahrer habe ich nicht mehr gesehen.

Inzwischen hat sich der Regen verzogen. Es gibt also ein Licht am Ende des Tunnels, oder vielmehr: Das Ende ist erreicht. Die Landschaft täuscht mich über die Höhe des Passes hinweg. Sanft fällt die Straße vor mit ab. Da ist gut rollen. Unter diesen Umständen trägt sich auch die Jacke zum Trocknen einigermaßen komfortabel.

Ein Dorf, noch eins. Hier gabelt sich die Straße. Der Hauptzweig biegt rechts ab. Das ist nicht mein Weg. Irgendwie machen die Dörfer mal wieder den Eindruck vom Ende der Welt. Wie oft wohl hier jemand herkommt? Na, oft natürlich! Das ist eine Durchgangsstraße, die von einem touristischen Ziel zum anderen führt. Und jetzt ist noch keine Saison, also täuscht die Ruhe hier. Andersherum gefragt: Wie oft und wie weit kommen die Leute hier in die weite Welt, aufs Festland, ins Ausland, ’raus aus Europa? Wo gehen die Kinder in die Schule, in eine gute Schule? Fragen, auf die ich keine Antworten erhalte. Ist ja auch nicht so wichtig für mich. Tatsache ist, dass die Dörfer nicht allein deshalb Entwicklungsgebiet sind, weil sie im korsischen Hinterland liegen. Sie gehören immerhin zu Frankreich, auch wenn die Grande Nation nicht auf den ersten Blick durch jedes Detail leuchtet.

Wenig später ist Schluss mit der Abfahrt. Michelin verspricht mir eine gewürzte Auffahrt, steiler als sieben Prozent jedenfalls. Da muss ich mich ja auf einiges gefasst machen, so lang, wie die so gekennzeichnete Etappe auf der Karte aussieht. Aber erst mal beginnt es ganz harmlos. Links geht es hangaufwärts, rechts ins Tal. Im Gegensatz zu den bisherigen Auf- und Abfahrten ist die Schräge diesmal recht flach. Die Straße ist schlecht. Wodurch geht hier eine Straße eigentlich kaputt? Gibt es im Winter Frost, durch den der Asphalt zerstört wird? Wenn ja, kommen einige förderliche Bedingungen zusammen. So ist da z.B. ein Bach links der Straße, eingeklemmt zwischen dem Hang und der ausgefransten Teerdecke. Er fließt rasch und klar und voll, immer neben der Straße, kilometerweit. Das verstärkt das Gefühl, auf dem Weg mitten in der Natur unterwegs zu sein. Das Gewässer ist jetzt so harmlos, aber was ist, wenn es hier mal richtig gießt? Dann wird die ganze Straße überschwemmt. Für die frei herumlaufenden Kühe ist es auch eine feine Sache, obwohl die wahrscheinlich nicht vorzugsweise auf der Straße laufen, aber wenn doch einmal, haben sie gleich Wasser frei Haus.

An dem ersten Pfeil bin ich längst vorbei. Das hier ist alles Mögliche, aber nicht steiler als drei oder vier Prozent. Hier kann ich ohne wesentliche Einschränkungen fahren. Ich möchte wissen, welche Quellen diese Kartenschreiber benutzen. Fragen die jemanden, der vor ein paar Jahren mal hier war? Oder schätzen sie? Das nennt sich »höchste Präzision«. Ich nenne das schamlose Übertreibung. Aber mein Ärger hält sich in Grenzen. Besser übertrieben als untertrieben. Nur häufen sich die Abweichungen von der Realität, und solche Anmaßung reizt mich.

Von einem englischen Reisenden erfahre ich, dass der Weg hinter dem Pass ins Tal schlecht sein soll. Tja, was soll ich dazu sagen? Da werde ich wohl durch müssen. Jetzt zeichnet sich allerdings erst mal ab, dass der Pass selbst bereits schlecht ist, und zwar von oben – als Regen. Das hätte ja jetzt nicht unbedingt mehr sein müssen! Aber was soll’s? Bergab ist Regen leichter zu ertragen als unter Anstrengung. Und die Straße ist wider Erwarten ziemlich gut. Allerdings lässt sie nach, und später finde ich, dass das Urteil des Engländers doch recht zutreffend gewesen ist. Wegen der Unebenheiten muss ich bremsen, obwohl der Wind schon unangenehm durch das Tal fegt. Die Geräusche von den Bremsen klingen nicht gut. Lassen die Bremsklötzer langsam nach? Wäre ja im Prinzip kein Wunder, nach diesen Strecken. Aber jetzt möchte ich da nichts machen; sie müssen noch eine Weile halten.

Die Abfahrt zum tiefsten Punkt des heutigen Tages zieht sich sehr lang, weit über 30 Kilometer. Nach einer Weile wird dann auch das Wetter besser, und jetzt macht es wieder Spaß. Einige Kilometer hinter Aullène gräbt sich das Tal links von mir in die Tiefe, und die Straße folgt erst allmählich. Auf der anderen Seite des Tals verläuft auch eine Straße, und wer von einer Seite auf die andere will, hat einen langen Weg, obwohl es in der Luftlinie vielleicht zwei, drei Kilometer sind. In der blank gefegten Luft scheint es näher zu sein. Die tiefe Sonne wirft lange Schatten. Es wird Zeit für mich, einige Gedanken an das Ziel der heutigen Reise zu verschwenden. Wo wird Halt sein? Wie wird mein Quartier aussehen? Angesichts des wechselhaften Wetters sollte ich schon ein Dach haben. Alles andere könnte zu unangenehmen Überraschungen führen.

Vorerst rolle ich weiter mit gelegentlichen Pedaltritten zu Tale. Liegt es an der verminderten Höhe, oder hat die späte Sonne noch so viel Kraft? Es wird warm. Die Jacke ist eh trocken. Kehren wir zu bewährter Kluft zurück. Nur den Hut brauche ich nicht, weil ich im Schatten der Berge westlich von mir fahre. Da die Sonne noch scheint und ich auch noch keine Glanzleistung an Strecke vollbracht habe, beschließe ich, dass mein Schlafplatz oberhalb des nahen Wendepunktes am Fluss Rizzanèse liegen soll, deutlich oberhalb. Von dieser Seite des Tals aus kann ich die Route studieren, die mich auf der anderen wieder in die Berge hinaufführen wird. Es ist ein Jammer! Ich bin heute wahrhaftig genug bergab gefahren – und bergauf natürlich auch. Zwei solcher Teile könnte ich mir sparen, wenn hier einfach eine Brücke über das Tal führen würde. Tut sie aber nicht. Also bleibt mir wohl keine andere Wahl als ein vorletzter kräftiger Happen in den letzten Sonnenstrahlen, ein »Entschlacken« der Garderobe und ein erneuter Ritt in die Höhe. Bedeutend wird’s jetzt nicht mehr, aber mit links ist der Weg auch nicht zu machen. In Ste. Lucie forsche ich bereits nach möglichen Unterkünften. Das Dorf lebt. Hier trifft man sich am Abend. Aber ein Hotel oder etwas Derartiges finde ich nicht. Es gibt Häuser, da würde ich im Dunkeln schon mal eine Runde riskieren, um nach möglichen Plätzen zu suchen, aber jetzt ist die Dämmerung noch viel zu hell, um derartige Erforschungen unbeobachtet durchführen zu können. Deshalb kurbele ich mich immer weiter nach oben, bis zum Ortsausgang. Soll es in Gottes freier Natur sein? Mücken werden mich hier ja wohl hoffentlich nicht belästigen. Aber das erweist sich natürlich tückischerweise erst beim ersten Umdrehen im Schlafsack, und dann ist die Standortwahl bereits gefallen. Noch allerdings habe ich die vor mir. Die Kapelle dort vielleicht? Das wär’s! Leider ist sie verschlossen, und auch ein sorgfältiger Rundgang offenbart keine noch so kleine Luke. Soll wohl nicht sein. Da oben, auf dem Hang, die Lagerhalle oder was das ist? Ich überquere die Straße und folge einem Weg in die Berge. Von oben kann ich auf den Ort herabblicken und auf das Tal, auf dessen anderer Seite ich vorhin noch im Schatten unterwegs war. Das hier ist ein Sägewerk, scheint es. Es sieht ganz anders aus als das in den Vogesen. Könnte ich hier über Nacht trocken bleiben und gleichzeitig von unangenehmen Besuchern ungestört? Also, ich meine jetzt etwaige Arbeiter oder Eigentümer. Aber mal Hand aufs Herz, wer käme wohl auf die Idee, abends nach neun noch mal nachzugucken, ob da ein Wanderer seine Glieder ausstreckt oder gar ein Brett klaut? Die Lage scheint ideal. Ich muss nur das Fahrrad zwischen die Bretterstapel schieben, damit es von außen nicht gleich zu sehen ist, mir einen der niedrigeren Stapel aussuchen, unterm Dach natürlich, meinen Schlafsack ausbreiten und hineinkriechen. Dann kann ich mich über das nahende Gewitter – in einigen Kilometern grollt der schwarze Himmel jedenfalls schon wieder bedrohlich – geradezu freuen. Das ist mir so egal, vorausgesetzt, der Blitz schlägt nicht gerade hier ein. Aber warum sollte er?

16. Juni

Sainte Lucie-de-Tallano – D268 – Zonza – Col de Bavella – Col de Larone – D268xN198 – Solenzara – N198 – Porto-Vecchio – D368 – Zonza – D268 – Levie – D59 – Carbini (149 km)

Solch ein Bretterstapel scheint eine gute Ruhestatt zu sein. Jedenfalls habe ich lange und fast ohne Unterbrechung geschlafen. Halb sechs war ich mal wach. Und da hatte ich einen schlechten »Tagtraum«: Regen. Völlig klar, dass mich große Müdigkeit erfasste und ich mich wieder umdrehte, um weiterzuschlafen.

Während sonst morgens häufig die Uhr drängelt – also, um acht musst du auf der Piste sein, sonst hast du bei all den Boxenstopps am Vormittag bis 12 Uhr mal wieder keine 40 Kilometer geschafft! –, lasse ich sie heute drängeln. Der graue Himmel bietet ja auch wenig Motivation, sich unter dem schützenden Dach hervor zu bewegen. Allerdings könnte natürlich Besuch kommen. Heute ist schließlich ein ganz normaler Werktag. Und an vielen Orten dieser Welt wird um diese Zeit durchaus schon gearbeitet. Aber vielleicht ist das ja in Korsika anders… oder doch wenigstens in diesem Sägewerk. Ich nutze die Zeit zu einem besonders ausführlichen Frühstück. Wer weiß, wann die nächste Regenpause kommt.

Trotz dieser Gelassenheit – oder vielleicht gerade ihretwegen – komme ich 8 Uhr in die Pedalen, und zunächst mal lässt sich die Fahrt gut an. Die Kletterei gestern Abend war eine gute Vorleistung, die ich heute gleich zu Anfang nicht unbedingt gebraucht hätte. Dennoch muss ich am Anfang noch einige Höhenmeter überwinden. Mir hilft, dass das Wetter sich inzwischen wieder etwas aufgeheitert hat. Vielleicht ist der Tag ja doch noch zu was zu gebrauchen. Wenn nicht, bleibe ich einfach hier; denn die Route sieht vor, dass ich nach guten 100 Kilometern hier wieder vorbeikomme. Es wird also eine Rundfahrt. Es soll zumindest eine werden.

An der Auffahrt nach Zonza komme ich wieder einmal an Kirschbäumen vorbei. Habe ich für heute eigentlich schon genügend Vitamine zu mir genommen? Im Grunde kann man ja nie genug für seine Gesundheit tun, aber meine Verpflegung lässt auch abseits solch radikaler Ansichten Platz für eine fruchtige Aufbesserung. Ansonsten gibt’s halt ab und zu mal ein paar Äpfel oder Nektarinen. Aber Kirschen? Bei diesen Preisen? Da steige ich doch lieber auf einen Baum und hole mir, was sonst ohnehin keiner holt. Vorher stelle ich das Fahrrad hinter einen Stein und wähle den richtigen Baum. Von unten ist da nämlich kaum noch was zu machen. Andere waren vor mir da. Aber weiter oben hält das Gehölz für den Unerschrockenen noch so allerlei bereit. Die Plünderung dieses Baums ist eine ganze Episode. Derweil kommen unten Wanderer vorbei, auch Radfahrer und natürlich jede Menge Autos. Aber keiner nimmt mich hier oben wahr. Na, ich bin auch nicht der Anerkennung wegen hier hochgeklettert, sondern um satt zu werden. Aber das ist ein Phänomen der Landstraße: Ich werde nicht satt. Ich habe auch keinen Hunger, ich hatte beim Anblick der Kirschen nur Appetit, und den habe ich immer noch. Es ist wie ein Fass ohne Boden. Und das gilt annähernd auch für viel nahrhaftere Dinge: Nichts zu tun oder Regen? Na, dann esse ich eben was.

Die Auffahrt zum Col de Bavella ist an sich nicht schwer und könnte so schön sein, aber es regnet. Der Tag darf als durchwachsen gelten. Aber das ist mir immer noch lieber als ein ewig und gleichmäßig eingegrauter Himmel, bei dem man nie weiß, wann der Regen aufhört, weil die Wolken bis zum Horizont reichen und wahrscheinlich noch viel weiter.

Für diesen Pass hat Michelin etwas mehr Druckerschwärze spendiert. Das muss sich herumgesprochen haben. Vielleicht haben all die Touristen, die es hier her gezogen hat, auch andere Quellen. Fest steht, dass es viele sind. Da steht auch eine Madonna, und das bedeutet in einem katholischen Land ja schon eine Attraktion an sich. Aber auch abseits dieser Statue macht dieser Punkt etwas her. Da ist die Aussicht auf das Tal, in dem die Straße im Weiteren versinken wird. Und das Ganze wird von einem unablässig wechselnden Licht beschienen, das der Szene etwas Lebendiges verleiht. Aber dieser Rummel ist nicht so mein Ding. Ich habe alles gesehen, einiges fotografiert, was hält mich hier noch?

Es folgt eine steile Abfahrt auf einer lausigen Straße, die von Kilometer zu Kilometer immer saumäßiger wird. Ich muss ununterbrochen bremsen, und selten steigt das Tempo über 30. Wenigstens ist die Straße auch sehr kurvenreich. Über 45 km/h würde ich selbst bei guter Belagqualität kaum kommen. So indes werde ich für gut gefederte Autos hinter mir zum echten Hindernis, denn bei uneinsehbarem Gegenverkehr auf schmaler Straße wäre das Überholen ein mehr als nur abenteuerliches Unterfangen. Als endlich die Straße gerade in die Ebene ausläuft, halte ich an: Die Felgen kochen – sofern denn da was zum Kochen ist. Jedenfalls haben sie sich enorm erhitzt, und dass der Reifen jetzt anfängt zu schwächeln, würde mir gerade noch fehlen. Hier ist weit und breit kein Ersatz. Aber da weicht nichts. Glücklicherweise. Und vorläufig wird da auch nichts mehr aufgeheizt, denn die Karte verheißt einen weiteren Pass, ein Pässchen nur, jedenfalls etwas, zu dem ich hochfahren muss. Meine Jacke ist noch von der letzten Abfahrt nass, und an sich müsste ich sie tragen, bis sie wieder trocken ist, aber das funktioniert naturgemäß am besten bei Sonnenschein. Wenn der aber kommt, brauche ich keine Jacke, schon gar nicht bei der Auffahrt zum nächsten Pass. Alles Blödsinn! Die Jacke kommt auf den Gepäckträger. Wozu habe ich schließlich zwei Stück davon? Trotzdem, auf den beiden Packeseln herrscht eine ziemliche Unordnung. Da mischen sich Handtücher, der Atlas, jetzt noch die Jacke und zuweilen auch Obst schön durcheinander, und wenn’s regnet, auch noch der Hut. Da wäre eigentlich mal eine Innovation fällig. Vielleicht fällt mir ja bis zum nächsten Jahr etwas Vernünftiges ein.

Die Abfahrt von diesem Pass ist wieder ein Test für Gabel und Reifen. Von 600 Meter Höhe geht es hinab zum Meer, und da gibt’s ganz schön was zu rollen. Es ist jetzt an sich noch nicht die Zeit, darüber zu sinnen, wie die Reifen wohl in drei Wochen aussehen werden, aber so etwas in dieser Drehe wird’s wohl sein, was noch vor mir liegt, und bis jetzt ist die Zeche (die Anzahl der täglichen Höhenmeter) von Woche zu Woche höher geworden, und die sind’s ja, die am Gummi zehren, hinauf am Hinterrad, hinab am Vorderrad.

Und wie ich so rolle, sinke ich allmählich auf den Grund eines Tales herab, das von den nun immer höheren Felsen eingerahmt wird und im unteren Bereich lose mit Kiefern bewachsen ist. Von rechts kommt ein Fluss, der sich sehr schön in seinem steinigen Bett macht. Zwischen diesen Steinen liegen am klaren Wasser auch einige Sonnenanbeter – züchtig bekleidet natürlich. Erst kurz vor Erreichen der Küste öffnet sich das Tal, und dann ist da das Meer.

Zwar gilt die Küstenstraße als landschaftlich schön, und angesichts der weißen Strände will ich das auch ein wenig gelten lassen, aber gemessen an den Bergen ist sie relativ langweilig. Im ersten Küstenort, Solenzara, mache ich erst mal Halt. Postkarten werden eingekauft. Mensch, meine Haare! Da ist ein Friseur. Aber wie soll ich dem beibringen, was mir so vorschwebt… Na ja, er wird wohl ein paar Bilder haben. Die hat schließlich jeder Provinzfriseur. Aber das sind immer solche Modefrisuren, und das kann ich jetzt wahrhaftig nicht gebrauchen. Und was soll das Ganze dann kosten? Ich meine, zieht er mich nachher über den Tisch, und wenn nicht, was ist hier normal? Also, das lasse ich wohl doch lieber bleiben.

Nach einer Weile überholt mich ein Bus. Moment mal, den kenne ich doch! Das ist doch der Tschechenbus aus Baux-de-Provence, der mit Pocahontas! Aber natürlich ist er viel zu schnell, um seinen nächsten Stopp abpassen zu können, und wer weiß denn schon, wo die kühnen Recken ihren nächsten Ausflug starten. Ahoi! Tja, das war wohl nix mit einem Wiedersehen. Aber schon ein toller Zufall! Kann natürlich auch sein, dass es ein ganz anderer Bus ist. Aber Aufmachung und Nationalität sind jedenfalls dieselben.

Wieder fahre ich ein Stückchen. Es kommen so wahnsinnige Herausforderungen auf mich zu wie ein Pass in 19 Meter Höhe, dann noch einer mit 27 Metern. Plötzlich fährt ein Mann auf einem Rennrad an mir vorbei. Na, das ist ein Gegner im Klassenkampf. Da vertut man keine Zeit mit Grüßen. Oder hat er doch etwas gesagt? Einerlei. Jedenfalls ist er deutlich schneller, und da kommt noch einer und noch einer… insgesamt fünf Fahrer, genauer gesagt: vier Fahrer und eine Fahrerin. Alle fahren sie an mir vorbei, und zwar zügig, und hier ist es doch so langweilig. Also, das wäre doch mal einen Versuch wert. Ich könnte doch mal… also, jedenfalls kann ich nicht lange überlegen, sonst besteht keinerlei Chance, den letzten Fahrer noch zu erreichen. Ich muss es jetzt einfach mal versuchen, und dann kann ich immer noch beurteilen, ob das eine Weile durchzuhalten ist, oder ob mich das die Kräfte für den Rest des Tages kostet. Geistig schalte ich einen Gang höher (praktisch lasse ich das natürlich, weil ich sonst überhaupt nicht in Gang komme) und versuche aufzuholen. Aber die Brüder fahren einen tüchtigen Zahn. Während ich so mit 18 bis 20 km/h vor mich hingetrödelt habe, liegen die ca. 10 km/h darüber. Das ist kein Pappenstiel. Allerdings schaffe ich es, dass der Abstand sich nicht mehr erhöht. Nur kostet mich das bei vollem Fahrtwind immer noch viel Kraft. Ich muss näher herankommen, damit ich von deren Windschatten profitiere. Ich will ja mal hoffen, dass da trotz aller Aerodynamik noch ein Resteffekt bleibt. Also los, noch eine Stufe zünden! Es gelingt! Nach etwa einer Minute spüre ich die Entlastung und kann nun tatsächlich hochschalten. Jetzt heißt es aufpassen, ob einer bremst.

Der führende Fahrer gibt Zeichen nach hinten, wenn irgendwo ein Kanaldeckel die Ebenheit der Straße stört, denn so schnell, wie er ausweicht, kann kaum jemand reagieren. Also würde nur er dem Hindernis ausweichen. Mir sind solche Störungen relativ egal. Kanaldeckel sind ja nun wirklich kein Thema für Tourenräder. – Die Fahrer nehmen mich mit Gleichmut zur Kenntnis. Gelegentlich wechselt ihre Reihenfolge. Klar, ich würde auch nicht immer vorn fahren wollen.

Einer der Fahrer hat einen Getränkerucksack. Mensch, davon hat mir doch letztens erst jemand erzählt. War es Bruno? Einerlei. Der hat jedenfalls immer einen Schluck parat. In die Flasche könnten gut und gerne zwei, drei Liter reinpassen. Das hält dann schon einen halben Tag lang. Und vielleicht trinkt der ja auch mehr als ich, weil er genug davon hat und wirklich nur den Mund dafür zu öffnen braucht. Ich schaue nicht rechts und links, die Strände sind ohnehin vorbei. Wir bewegen uns im Hinterland. Hinter der nächsten Kurve kommt eine Steigung. Au Backe, das wird hart! Ein kleiner Hügel nur, aber die machen da natürlich ’rauf wie nix. Ich hinterher. Hier muss ich wirklich keulen. Ich habe reichliche 30 Kilo mehr die Anhöhe hinaufzuwuchten. Das müsste man mal in Watt ausrechnen. Aber dafür habe ich erst wieder Geist, als wir oben sind.

Ich würde was drum geben, dieses Bild mal von der Seite zu sehen, als Foto, als Panoramaaufnahme. Das ist doch für die Götter: Vorn fünf gebeugte Gestalten, nicht perfekt, aber doch modisch gestylt in schillernden Trikots. Behelmt natürlich. Da gibt es kaum ein überflüssiges Gramm. Gepäck findet keinen Platz, und so ist auch keines da. Die Fahrräder farbig, wie neu, die Speichen blitzen in der Sonne, alles schlank. Und in derselben Reihe am Ende die Parodie: ein Hanswurst auf einem Panzer von Fahrrad mit breiter Tourenbereifung, einem bulligen Lenker und einer Nabenschaltung, man stelle sich das vor! Unordnung auf den Gepäckträgern, gekleidet fast wie ein Ranger im afrikanischen Busch: langes Hemd, lange Flatterhose, Treter von Turnschuhen. Und das Schärfste: Ein Hut, ein breitkrempiger Hut, noch dazu mit dickem Draht verstärkt. Der Kerl unrasiert, die ganze Ausrüstung ziemlich angegammelt. Gut, es funktioniert, aber es mutet merkwürdig an. Und der fährt jetzt schon seit zehn Kilometern in diesem Korso mit.

Ich muss zugeben: Rennfahrern wäre ich nicht gefolgt, denn die wären mindestens noch mal 10 km/h schneller gewesen. Das hier sind normale Leute, die Geld für eine Rennausrüstung ausgegeben haben und recht gut im Saft stehen. Sie sind wohl auch ein paar Jahre älter als ich. Ob es sie deprimiert, dass ich da trotz aller Handicaps so mithalte? Na, hoffentlich nicht.

Wir erreichen Porto-Vecchio. Hier will ich einkaufen, vielleicht auch eine Schere, und dazu muss ich meine Vorreiter verlassen. Zum Abbiegen überhole ich den letzten zur Hälfte und sage merci – das war’s. Es wäre doch mal interessant, diesen Leuten bei ihren weiteren Gesprächen zuhören zu können. – Der Supermarkt liegt direkt am Abzweig in die Berge, den ich mir für den fortgeschrittenen Nachmittag vorgenommen habe. Ich habe durch dieses »Verfolgungsrennen« Zeit gewonnen, mindestens eine viertel Stunde, und ermüdet hat mich die Fahrerei in letzter Konsequenz nicht. Das wäre was, wenn ich im Urlaub zu zweit unterwegs wäre, und ständig würde einer vorneweg hetzen. Allerdings hätte das den gravierenden Nachteil, dass ich dann kaum noch etwas von der Landschaft mitbekommen würde. Also, diese viertel Stunde werde ich jetzt mindestens mit Einkaufen und Essen verbringen.

Das ist ein großer Laden. Neben all den Kalorienbombern werde ich hier vor allem nach einer Schere fahnden. Ich habe Glück. Allerdings wundere ich mich etwas über den Preis. Die Schere hängt an einem Metallstift, und über diesem Stift steht irgendwas zwischen 15 und 25 Francs. Natürlich bekommt man für dieses Geld in Europa auch Scheren, aber die machen in aller Regel nicht viel her. Dieses Stück dagegen stammt sogar aus Solingen, eine Schneiderschere. Aber, warum nicht? Solange sie tut, wofür ich sie brauche… Beladen trete ich an die Kasse. Es dauert seine Zeit. Dann bin ich dran. Und ich muss feststellen, dass mir glatt 75 Francs für die Schere berechnet werden. Also, so war das nicht ausgemacht. Ich weise die Verkäuferin auf den ausgewiesenen Preis hin, der dummerweise nicht an der Schere selbst klebt – da steht nur der Strichcode drauf, und demzufolge kann ich mit der Frau nicht darüber verhandeln –, und sie nimmt das auch zur Kenntnis. Nur: Wie jetzt weiter? Sie muss das klären, und zwar in aller Ruhe. Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe sie unter ihren Kolleginnen eine Meinungsumfrage startet, auch mal für ein, zwei Minuten völlig verschwindet. Und was unter deutschen Verhältnissen undenkbar wäre: Die Menschen in der Schlange bleiben dort stehen, als käme die Verkäuferin in der nächsten Sekunde angefegt, um nun mit vervielfachter Geschwindigkeit die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Was jedoch bei nüchterner Betrachtung Blödsinn ist. Keiner geht zu einer anderen Kasse, keiner regt sich auf. Aber das kann ja alles noch kommen. Mir wird die Sache langsam peinlich. Als die Frau schließlich wieder zurückkommt und mit ihrer Miene andeutet, dass sie keine für mich befriedigende Lösung gefunden hat, steht mein Entschluss längst fest: Die Schere bleibt hier!

Was soll’s? Ich habe jetzt was vor. Was Richtiges. 1000 Höhenmeter. Keine Bagatelle. Da kann ich mir keine Schwachheiten leisten. Da muss die Basis stimmen, der Futterbesatz gewissermaßen, der Blutzuckerspiegel. Die Reserven müssen gut gefüllt sein, auch wenn es immer wieder sinnlos scheint, die vollen Taschen in die Berge hochzuschleppen und mit leeren wieder herunterzukommen. Aber so ist das, an den Pässen gibt es selten Märkte wie diesen, und was sind auf 45 Kilogramm Fahrrad und Normalgepäck schon drei oder vier Kilo Schwankungen durch Pudding, Nugatcreme, Brot und einen Karton Apfelsaft? Das fällt doch bei genauer Betrachtung kaum ins Gewicht. Nach der ersten Mahlzeit beschließe ich weitere Käufe und überlege mir, was derweil mit dem Fahrrad und der doch etwas ungeordnet herumliegenden Fracht geschehen könnte. Ein paar junge Leute sitzen in meiner Nähe herum, und es stellt sich heraus, dass es Schüler aus Deutschland sind. Ich frage sie, ob sie ein paar Minuten aufpassen könnten, und sie sagen das zu.

Nach der zweiten, wesentlich kürzeren Einkaufsrunde bin ich im Wesentlichen mit Einpacken und Verstauen beschäftigt. Und dann beginnt auch schon die Auffahrt. Zunächst fängt alles ganz einfach an. Die Straße steigt flach an, sinkt sogar noch einmal ab. Die Bedingungen scheinen ideal zu sein: Die Sonne scheint, high noon ist jedoch vorbei, Sicht und Straße sind gut, die Landschaft ganz nett, und so wie sich die Szene darstellt, werde ich zumindest hin und wieder einen Blick auf Porto-Vecchio und seine Bucht haben. Die Stadt hat einen Hafen, und als ich das erste Mal über die Bäume des ersten Hanges hinwegschauen kann, erkenne ich, wie eine große Fähre gerade den Hafen verlässt. Mal abwarten, wie lange ich sie noch sehen werde.

Aber das kann nicht ewig so weitergehen, sonst wird die Auffahrt -zig Kilometer lang. Und die Zunahme des Anstiegs lässt nicht lange auf sich warten. Er bleibt jedoch glücklicherweise erträglich. Leider gilt dieses Attribut auch für den Straßenbelag, aber schnell kann ich ja ohnehin nicht fahren. Wenn z.B. die Rennfahrer vorhin in diese Richtung abgebogen wären, hätte ich absolut keine Chance mehr gehabt.

Hin und wieder öffnet sich tatsächlich der Blick auf die Stadt und die Bucht, und da der Hang hier ziemlich steil ist, vergrößert sich der Abstand zur Bucht nur langsam, wohingegen der Überblick sich jedes Mal verbessert. Schließlich kann ich im Dunst am Horizont sogar Sardinien erkennen. Diese Insel soll ja deutlich größer als Korsika sein. Wer weiß, ob ich dahin überhaupt mal komme. Und immer noch ist da die Fähre. Sie hat einen großen Bogen gemacht und fährt jetzt in Richtung Süden. Die Entfernung zu ihr muss deutlich gewachsen sein, obwohl das nicht der Fall zu sein scheint, aber sehr langsam bewegen sich diese Kähne ja nicht gerade, und warum sollte diese Fähre draußen vor Anker gehen?

Nach gut zwei Stunden erreiche ich Ospedale, einen schönen Ort, der sich um eine ganze Reihe von Serpentinen der Straße schmiegt und so vom einen zum anderen Ende einen ganz anständigen Höhenunterschied überwindet. Da gibt es einige Häuser, in denen zu wohnen ich mir gut vorstellen könnte. Wo hat man schon solch einen Ausblick? Allerdings: Wo sollte ich hier arbeiten? Und einfach den ganzen Tag nur im Restaurant oder auf der Terrasse zu sitzen wäre selbst nach einem Lottogewinn nicht mein Traum.

Das Dorf ist indes noch nicht das Ende des Aufstiegs. Aber es ist nicht weit davon entfernt. Es wird langsam flacher, auch etwas kühler, aber das mag an dem Wald liegen, durch den ich jetzt fahre und der mir bei sinkender Sonne natürlich viel Schatten verschafft. Schließlich erreiche ich den auf der Karte eingezeichneten Stausee. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der so weit oben liegt. Viele Quellen kann er ja bis hierher noch nicht eingesammelt haben. Aber weiter unten wäre ein ähnliches Stauvolumen wohl viel aufwendiger zu realisieren gewesen. Auf meiner Seite führt die Straße durch einen lockeren Kiefernwald, durch den zur Linken hin und wieder der Wasserspiegel erkennbar ist. Am Ende des Sees überquere ich die Staumauer und habe zur Rechten den Blick den Hang hinab auf das Meer, allerdings eher in Richtung Nordosten, so dass weder die Fähre noch die Stadt zu sehen sind.

Jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht. Es soll ein Pass kommen, aber zuerst geht es mal wieder etwas in die Tiefe. Hier wurde großflächig abgeholzt. Dabei müsste ich gerade jetzt mal ins Gehölz. Als es wieder bergan geht, gerate ich geradezu in Not. Die Anstrengung kurbelt den Kreislauf an, und das vergrößert meine Bedrängnis. Was soll ich bloß machen? Ich kann doch hier nicht einfach neben der Straße… Glücklicherweise beruhigt sich mein Bauch wieder ein wenig. Und schließlich erreiche ich auch den Pass. Die Straße bricht dort durch einen kleinen Wall, und dahinter beginnt ein richtiger Dschungel…

Die weitere Fahrt nach Zonza gestaltet sich nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Zwar geht es von der Tendenz her hinab, aber über lange Strecken muss ich auch Anstiege bewältigen, wenngleich keine steilen. Sie stören mich nur, weil ich mich auf eine langgezogene Abfahrt gefreut hatte. Inzwischen wird es richtig kühl. Die Wolken scheinen sehr niedrig zu hängen, und regelrecht überraschend bricht die Dämmerung herein.

Die Strecke zurück nach Levie kenne ich, aber sie sieht sehr verändert aus. Nebel hat sich ins Tal gelegt, und es ist schon beeindruckend, wie völlig anders das Tal wirkt. Man könnte meinen, irgendwo brenne der Wald. Aber das ist kein Rauch, sondern einfach nur Nebel. So dunkel, wie es jetzt mittlerweile ist, stellt sich natürlich ganz deutlich die Frage nach dem Quartier. In Levie bietet sich nichts. Wenn es ein Plätzchen geben sollte, das nicht unmittelbar von der Straße her einsehbar ist, fällt es mir unter diesen Bedingungen nicht auf, und so verfolge ich einfach weiter meine Route, und die führt nun fast wieder zurück nach Porto-Vecchio, allerdings ein wenig weiter westlich. Ich hoffe noch den nächsten Ort zu erreichen, und der muss dann auf Gedeih und Verderb ein Dach bieten.

Das sind jetzt noch einmal acht Kilometer, und nach wenigen Kilometern stelle ich mir die Frage, worauf ich mich da eingelassen habe. Zunächst mal geht es flott auf korsischen Straßenverhältnissen in eine ungewisse Tiefe. Als ich dann weit genug »gesunken« bin, um unter keinen Umständen mehr umzukehren, beginnt der Aufstieg. Und der zieht sich hin. Der nimmt kein Ende. Was aber ein Ende nimmt, ist der Tag. Es ist finstere Nacht. Herrschaften! Um diese Zeit fährt man doch nicht mehr Fahrrad! Aber hier ist keine Bleibe. Ich muss weiter. Zum Glück funktioniert mein Rücklicht; denn hin und wieder kommt doch noch ein Auto auf dieser Strecke lang, auch wenn ich das Gefühl habe, kurz vorm Ende der Welt unterwegs zu sein.

Die meisten Wege erreichen ein Ziel, und so werden irgendwann ein paar Straßenlaternen sichtbar. Und nun? Das Dorf scheint zu schlafen. Einzig die Hunde veranstalten ein Höllenspektakel, wenn ich mich ihnen – bzw. den von ihnen bewachten Grundstücken – zu weit nähere. So auch eines mit einem interessanten Balkon. Da muss wohl jemand wohnen, sonst wäre der Köter längst verhungert. Das ist hier alles nichts. Selbst mit Taschenlampe ist kein Platz zu erkennen, der einerseits von der Straße her nicht so gut zu sehen ist, andererseits für niemanden erster morgendlicher Weg ist. Ich will ja nicht, dass im Morgengrauen jemand über mich stolpert, wenn ich mich da irgendwohin gepflanzt habe. Endlich entdecke ich einen Hauseingang, der nicht sehr benutzt wirkt. Für alle Fälle nehme ich mir für den nächsten Morgen einen Senkrechtstart vor, ein Frühstück bei Sonnenaufgang (so früh wird ja wohl kaum jemand aufstehen) und vor allem andernorts. Aber hier lässt sich vielleicht schlafen, selbst wenn es regnen sollte. Und so viel ist ziemlich sicher: Heute Abend stört mich hier gewiss niemand mehr.

17. Juni

Carbini – Col de Bacinu – D59xD859 – Figari – D859xN196 – Sartène – N196xD19axN196 – Col de Celaccia – D302 – Cognocoli-Monticchi – Pisciatello – N196 – Cauro (146 km)

Der Morgen ist wunderbar. Am Himmel ist nicht eine Wolke. Die Sonne ist wohl schon aufgegangen, aber noch nicht über den Bergen zu sehen. Allerdings wirft sie weit oben bereits erste Strahlen durch die diesige Morgenluft. Ich rappele mich auf, packe rasch alles zusammen, bringe mich und das Fahrrad an eine unbedenkliche Stelle in unbedenklicher Verfassung, und dann ist etwas Ruhe für die Betrachtung des Schauspiels am Horizont. Aber auch auf der Westseite der Szene hat sich etwas getan. Nach ein paar Schritten kann ich Levie sehen. Nichts mehr ist vom abendlichen Nebel zu sehen. Eine Pracht! Korsika, wie es typischer kaum sein könnte. Beim Frühstück fällt wieder Müll an – das ewig wiederkehrende Problem mit den Puddingbechern und diversen anderen Behältern. Vor den Häusern stehen jedoch Mülltonnen, und wenn auch nicht ich es bin, der dafür Gebühren zahlt, so habe ich doch nur eingeschränkt Bedenken, dort etwas hineinzuwerfen, zumal es doch recht wenig ist und mir keine öffentlichen Behälter in der näheren Umgebung zur Verfügung stehen. Eine ältere Frau muss das allerdings beobachtet haben. Sie kommt an und schickt sich an, mir begreiflich zu machen, dass das so nicht geht. Der Müll müsse vorher in einen Müllsack und dieser wiederum in die Tonne getan werden. Sonst werde er nicht abgeholt – oder so ähnlich. Na gut, ich werde doch nicht mit ihr streiten. Ich kippe die Tonne um, suche meinen Müll wieder heraus und werfe ihn in eine andere Tonne mit Sack. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Nachdem das soweit geregelt ist, kommt die nächste Besucherin. Wieder eine nicht mehr ganz junge Frau, diesmal eine Ärztin. Sie befragt mich über meine Reise und hält mir dann einen Vortrag über die Bedeutung von Zucker für Sportler im Allgemeinen und Radfahrer im Besonderen. Es muss immer genug Zucker im Blut sein. Ja, natürlich, was denn sonst? Meine Güte, was die wohl von mir denkt. Ich sehe doch bestimmt völlig heruntergekommen aus. Gerade mal, dass das Fahrrad einigermaßen in Schuss und das Gepäck verhältnismäßig ordentlich verstaut ist.

Ich muss unbedingt etwas mit meiner Frisur unternehmen. Diese Mähne ist ja selbst in »Friedenszeiten« unpraktisch. Einen Igel könnte ich jetzt gebrauchen… – Einstweilen verlasse ich das Dorf. Die Hunde am Ortsausgang spielen wieder verrückt. Wirklich ein Wunder, dass sie gestern nicht das ganze Dorf gegen mich aufgebracht haben. Nach einigen Metern stehen am Straßenrand Mahnmale für Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Da muss sich auf Korsika ja richtig was abgespielt haben, so, wie diese Steine und übrigen Zeugnisse der Kriegsgeschehnisse und -opfer sich hier häufen.

Dem Morgen angemessen, geht es nicht mehr allzu weit nach oben. Nach sechs Kilometern ist der Pass erreicht, und die Auffahrt dorthin ist einigermaßen flach. Die Abfahrt ist wieder grandios. Die Sonne steht inzwischen höher am Himmel, heizt also schon einigermaßen, und so halten sich Kühlung und Heizung auf der Abfahrt die Waage. Die Straße ist recht unterschiedlich beschaffen. Zunächst mal wieder der korsische Flickenteppich, der eine stabile Gabel voraussetzt, dann ein sehr guter Abschnitt (warum haben sie das hier mitten auf der Strecke in Ordnung gebracht und nicht in einer Ortschaft beginnend?), und schließlich wird’s wieder wie üblich. Zwischendurch ein Blick auf Porto-Vecchio, aber als ich aus den Bergen heraus bin, ist auch diese Aussicht verschwunden. Ich nähere mich dem südlichsten Punkt meiner diesjährigen Reise.

In Figari, kurz vor dem Abbiegen nach Nordwesten, fülle ich mal wieder meine Vorräte auf. Der Laden hat alles Mögliche. Ich streife durch die Regale. Da! Eine Schere, und eine erschwingliche dazu (jedenfalls deutlich preiswerter als eine Friseurrechnung)! Sie landet im Korb. Ein kleiner Spiegel noch dazu. Versucht mich doch an der Kasse die Verkäuferin zu beschummeln. Ich deute an, dass ich die Schere wieder zurückbringe. Da entdeckt sie endlich, dass sie mir zu viel (natürlich zu viel, die irren sich nie nach unten) berechnen wollte. Vielleicht sollte ich ihr das Wort »pardon« beibringen, aber mir fehlt die Wortgewandtheit für das pädagogische Drumherum.

Einen oder zwei Kilometer weiter startet eine ausgedehnte Aktion, ein bislang einmaliger Selbstversuch radikaler Kultivierung und Vereinfachung: An einem Picknick-Tisch staple ich die zum Verzehr bestimmten Lebensmittel und dazu Schere und Spiegel. Ich bin Pragmatiker, plane keine bestimmte Frisur, aber wenn die Haare einigermaßen kurz sind, kann’s doch so schlecht nicht sein. Mit der Zweifinger-Methode bestimme ich die Länge, und los geht’s. Bald spüre ich, wie oben Luft wird. Um mich herum liegen die Haare. Es muss also tatsächlich weniger geworden sein. Ich stelle fest, dass ich nicht zum Friseur tauge, weil die Muskulatur der linken Hand, die den Zeige- und den Mittelfinger zusammendrückt, nicht sehr ausdauernd ist. Ich muss die Finger ausruhen! Nach einer Weile geht es weiter. Der Spiegel könnte ruhig größer sein. Schließlich guckt zwischen den beiden Fingern kaum mehr etwas hervor. Ich betrachte mich. Na ja, ein Igel ist es nicht, ein bisschen zerzaust sehe ich aus, vielleicht auch gerupft, jedenfalls allemal besser als vorher.

Mit dem Essen vergeht auch noch mal Zeit. Als es dann weitergeht, zeigt sich, dass eine harte Zeit begonnen hat: Gegenwind, eine trockene, karge Gegend, Sommerhitze, und dass die Route nicht ins Zentrum der Insel führt, bedeutet keineswegs, dass sie flach ist. Vor mir wellt sich vielmehr ein Berg-und-Tal-Szenario. In dieser Szene kann man sich Gedanken über alles Mögliche machen, über Gott und die Welt, schöne Frauen, die künftigen Strecken, über die Alpen, über den Tag der Heimkehr, über die laufende Durchschnittsgeschwindigkeit und vieles andere mehr – aber nicht über die Umgebung. Das wäre dann doch zu trist. Ich stelle Betrachtungen über meinen heutigen Verzehr an und komme zu der Feststellung, dass es bislang nicht viel war, gestern dafür umso mehr. Profitiere ich noch von diesen Vorräten? Dann wende ich mich wieder meiner Behaarung zu. Also, das Haupthaar haben wir jetzt in Ordnung gebracht, oder sagen wir mal: erträglich gestaltet. Mein Barthaar ist dagegen auch schon wieder vier Tage alt. Das ist zwar an sich nicht so ungewöhnlich auf Reisen, aber eben schon spür- und sichtbar. Was wird damit nun? Gewöhnlich ist eine Rasur nur in Hotels gut machbar, aber jetzt habe ich ja einen Spiegel, also warum soll ich nicht am nächsten Brunnen oder Fluss etwas mehr Gepflegtheit in mein Antlitz bringen? Von wegen! Wann besteht schon mal die Chance, ungestraft und ohne gesellschaftliches Aufsehen zu erregen oder sich täglich vor Kollegen rechtfertigen zu müssen, am eigenen Aussehen herumzuexperimentieren? Eigentlich müsste ich gleich noch einen Schritt weiter gehen: Die Haare schwarz färben oder sogar grün! Aber beides glaubt mir keiner. Ich bin kein dunkelhaariger Typ. Also belassen wir es bei einem werden wollenden Bart und gekürzten Haaren. Was ich da möglicherweise vergeigt habe, dürfte in Erlangen wieder bis auf eine reparable Länge nachgewachsen sein.

Nächster größerer Ort ist Sartène. Die Stadt hat eine bemerkenswerte Höhenausdehnung. Kurz bevor ich sie erreiche, überquere ich einen Pass von 290 Metern Höhe. Dann komme ich in der Oberstadt mit der Kirche, einigen Hotels und Wohnhäusern an, und von da an geht’s bergab. Fast auf Meereshöhe liegt schließlich die Ausfahrt. Kurz vor der Überquerung eines größeren Flusses, den ich vorgestern schon mal in umgekehrter Richtung, allerdings etwa 15 Kilometer weiter Flussaufwärts, überquert habe, fallen mir rechts am Straßenrand Pinien auf. Auf der Straße und im Gras liegen riesige Zapfen. Die Dinger sind gigantisch, verglichen mit denen der mitteleuropäischer Kiefer. Davon nehme ich mir einen mit, einen besonders gut erhaltenen. Viel wiegen tut er ja nicht, und irgendwas muss ich schließlich von der Reise mitbringen. Aber da sehe ich noch einen, der ist fast rundherum geschlossen. Und ohne Werkzeuge ist daran auch kaum etwas zu ändern. Warum sollte er nicht so bleiben? Außerdem sind da noch Samen drin. Da könnte ich doch mal eine Pinienplantage anlegen. Wo gibt es so was schon im Norden?

An Propriano fahre ich mehr oder weniger vorüber. Am entscheidenden Abzweig zur Ortsumgehung steht allerdings ein Supermarkt, und an dem kann ich nicht vorbei. Schließlich sind hier Auswahl und Preise am günstigsten. Für Abwechslung auf der Speisekarte kaufe ich Champignons und Mais, obwohl das nach reiflicher Überlegung an sich schon ziemlich etablierte Lebensmittel auf dieser Reise sind. Jetzt müsste ich mal wieder eine größere Pause machen und meinen Blutzuckerspiegel auf Vordermann bringen. Die höheren Berge des Tages habe ich nämlich noch vor mir.

Vor einem weiteren Markt setze ich mich an die Straße und verdrücke ein Baguette mit viel Nougatcreme. Am nahen Horizont spannt sich eine Bergkette, an einer Stelle durch einen Pass etwas vertieft und links davon ein Dorf oder eine kleine Stadt (Olmeto) in den Bergen. Das sieht alles recht harmlos aus. Wüsste ich es nicht genauer, würde ich die Höhe auf vielleicht 100 Meter schätzen. Indes sind es laut Karte knappe 600. Das ist unter durchschnittlichen Umständen eine Sache von fast zwei Stunden. Na, dann wollen wir doch mal sehen, wie viel Zeit ich nach solchem Kraftfutter brauche. Entschlossen mache ich mich an den Aufstieg. Bis auf eine Einbahnampelregelung in Olmeto hält mich nichts auf, und die Ampel eigentlich auch nicht ernstlich; nicht, weil sie nicht oder nur kurz rot wäre, sondern weil die einspurige Strecke viel zu lang ist, um als Radfahrer bergan nicht irgendwann trotzdem dem Gegenverkehr zu begegnen. Für solche Tempi ist die Ampel nicht dimensioniert. Also, warum soll ich dann warten? Kurz nachdem das grüne Licht erloschen ist, fahre ich an der Regelung vorbei. Der abzusehende Konflikt wird keiner. Dafür bin ich zu schmal und die Straße zu breit. Bevor ich die obere Ampel erreiche, werde ich auch noch einmal von einer Karawane überholt, die in meine Richtung fährt. Das gibt mir nachträglich ein bisschen Recht.

Oben bin ich nach gut einer Stunde. Was für eine Fahrt! Ja, mit der richtigen »Fütterung« fährt es sich gleich ganz anders, einmal abgesehen davon, dass sich der Fahrtwind nicht mehr in meinen Haaren verfangen kann… Allerdings spielt das wohl erst recht bei Bergauffahrten eher eine untergeordnete Rolle. Jetzt wird’s allerdings schwierig: Soll ich – wie geplant – auf der Hauptstraße bleiben, um dann nach zehn Kilometern scharf nach links abzubiegen, nach weiteren zehn wieder scharf nach rechts…? Oder soll ich auf der immerhin auch durchgängig grün geränderten Straße, die hier gleich links abgeht, auf 10,5 Kilometern einen wesentlich kürzeren Weg zum selben Punkt wählen? Man müsste jetzt mal eine Meinungsumfrage machen, aber viel los ist hier am Pass nicht. Am ersten Haus ist niemand zu sehen, am Haus gegenüber tut sich was. Da kommt gerade jemand mit einem Geländewagen an. Den frage ich, welche Route er wählen würde. Er, der Autofahrer! Welche Maßstäbe mache ich mir denn hier neuerdings zu Eigen? Ich habe auch nicht das Gefühl, ob er das Kriterium richtig verstanden hat, nach dem ich ihn beide Routen zu beurteilen bitte. Ich versuche zu erklären. Nach einer Weile empfiehlt er mir die kürzere Variante, und ich muss dann sehen, ob er mich einigermaßen verstanden hat und sein Geschmack einigermaßen dem meinen entspricht. Nach einem Blick zurück – viel höher als 100 Meter fühle ich mich auch hier oben nicht, aber die Abfahrt wird mich schon die Fakten lehren – wende ich mich der Route zu, die letztlich den Zuschlag bekommen hat.

Landschaftlich macht die Abfahrt was her, aber die Straßen waren oben besser. Je weiter ich in die Tiefen hinabrolle, desto klarer rüttelt sich mir das ins Bewusstsein. Entweder werde ich auf dieser Reise noch einen sehr tragischen Unfall erleiden, oder die chinesische Billiggabel ist zwar verrostet, aber aus gutem Stahl. Man möchte sich das gar nicht ansehen, wie sie unter den Unebenheiten vibriert. Immerhin – vorher hat die Luftbereifung ja schon einiges abgefangen, aber dennoch. Das einzig Tröstliche an dieser Unsicherheit ist die Tatsache, dass gewöhnliche Gabeln zwei Ausfallenden haben, von denen ja wahrscheinlich immer zuerst eines bricht. Trotzdem brauche ich keinen praktischen Nachweis für diese Vermutung. Lieber wäre es mir, wenn sie – die Gabel – einfach halten würde und ich im nächsten Jahr mit einem Drahtesel auf Reisen gehen könnte, für den diese Bezeichnung eher eine Beleidigung wäre. Und halten müsste er natürlich auch.

Talstation. Fast auf Meereshöhe. Der nächste Berg ist schon in Sicht. Kleine Pause, kleine Mahlzeit, und weiter geht’s. Die Landschaft wird nach Erreichen des nächsten Dorfes wieder interessanter. Zwar muss ich erst mal klären, in welcher Richtung ich aus dem Ort wieder heraus muss, weil Schilder fehlen, aber letztlich orientiere ich mich an der Himmelsrichtung. Die weitere Auffahrt ist gut zu sehen. Zum Überqueren eines Flusses muss ich leider erst mal wieder in die Tiefe, weil hohe Brückenbögen bei diesen Straßen offenbar nicht lohnen. Es geht höher hinauf als vorhin am Pass; darum schaue ich mal zurück. Dort zieht sich eine lange Wolke hin. Brennt es da etwa? Oder ist das Abendnebel? Also, für den Abend ist das eigentlich noch zu zeitig. Die Sonne neigt sich zwar schon dem Horizont zu, aber eine halbe Stunde ist wohl noch Zeit, und vorher habe ich vor allem angesichts der Tageshitze keine Erklärung für Nebel. Also doch ein Feuer? Bei der Auffahrt schweifen wieder meine Gedanken: Ich sollte mich langsam für die nächste Blutspende anmelden. Den Auftritt im Räuberzivil in Nürnberg kann ich mir doch nicht entgehen lassen. Aber die Idee ist natürlich ziemlich abgefahren: Aus Korsika einen Termin für was auch immer auszumachen, noch dazu für eine Blutspende, die eigentlich immer Zeit hat und kein »Überseegespräch« erforderte. Andererseits reizt mich die Vorstellung schon, mit Sack und Pack dort vorzufahren: Also, Herrschaften, wollt Ihr mal Blut von einem Spitzensportler? Das müsste ja glatt leuchten vor Sauerstoffgehalt. Ist natürlich Quatsch. Und was würde Angela dazu sagen?

Mit diesen Überlegungen erreiche ich den nächsten Pass. Nach einigen Kilometern flacher Abfahrt beschließe ich ein Abendessen. Die Aussicht ist sehr interessant. Das kann man sich ruhig ein paar Minuten länger ansehen. In meiner Provianttasche offenbart sich eine große Schweinerei: Eine Packung Schokoladenpudding hat sich geöffnet, weil die Aluminiumfolie der Abdeckung irgendwo Druck abbekommen hat. Es ist eine riesengroße Sauerei. Bis auf die Klamotten, die in den hinteren Taschen verpackt sind, ist fast die Hälfte des Gepäcks bedroht, und viel geringer ist der Schaden dann auch wirklich nicht. Also: Alles ’rausräumen, Sauberes von Schokoladigem trennen und die neuerdings braunen Stücke abwaschen. Wie? Womit? Na, das hängt von den Gegenständen ab. Das meist lecke ich sauber. Das spricht entweder für die Hygiene in meinem Gepäck oder für mein Immunsystem. Für meinen Geschmack wahrscheinlich nicht. Damit so etwas nun nicht mehr passiert, muss ich den ganzen restlichen Pudding auf einmal aufessen, und das ist nicht wenig. In Zukunft werde ich mir einen anderen Platz für diese Lebensmittel überlegen müssen. Glücklicherweise sind die Postkarten in der anderen Tasche, also nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die restliche Abfahrt wird aber noch sehr schön. Essen werde ich heute wohl nicht mehr müssen. Die Frage, die sich jetzt viel drängender stellt, ist die nach der Übernachtung. Ein Hotel wäre ja inzwischen wirklich nicht schlecht. Seit Toulon hatte ich keine Dusche mehr, ergo keine zivilisierte Übernachtung. Aber da kann man mal sehen, was der moderne Mensch so alles verkraftet. Oder bin ich vielleicht nicht modern?

Wieder bin ich praktisch auf Meereshöhe gelandet, und weil es nicht weitergeht nach Ajaccio, sondern erneut ein Schlenker ansteht – ich bin schon gespannt darauf, wie die Einzeichnung aller Fahrten auf der Karte letztlich aussehen wird, aber hier im Atlas mache ich das nicht; den brauche ich vielleicht noch mal unverschmiert –, ist damit fast zwangsläufig auch wieder ein Aufstieg verbunden. Also, so richtig Lust habe ich jetzt eigentlich nicht mehr. Die Dämmerung bricht mit Macht herein, die Straße ist belebt, und mein Rücklicht macht Probleme. Was heißt, es macht Probleme: Es funktioniert nicht. Das könnte mir ja allen Stolz auf meine Elektrik rauben. Besonders lustig ist die Auffahrt auch nicht. Die Landschaft macht nicht viel her, die Straße ist trotz ihrer Qualität und Breite noch eine halbe Baustelle, und wo ich demnächst in die Horizontale gehe, ist noch völlig ungewiss. Eigentlich wie immer.

In Cauro ist es schon einigermaßen dunkel. Hier muss es sein. Überall treibe ich mich herum. Hinlegen kann man sich fast überall, aber nirgends ist es gleichzeitig überdacht, und das wäre mir doch schon einigermaßen wichtig. Also, was nun? Ein Hotel? Das erste ist geschlossen, in das zweite traue ich mich hinein und lese mit Entsetzen, dass man hier Minimum 200 Francs verlangt. Nein, für eine Dusche und ein einfaches Zimmer ist mir das zu viel. Und – eine uralte Erörterung im Zusammenhang mit meinen Urlaubsreisen und den Spesen des hellen Tages – es ist unverhältnismäßig. Ich lebe und speise (also wirklich: selbst ein normales Essen im Restaurant eingerechnet) tagsüber für weniger, als mir hier für die (viel kürzere) Nacht ohne Frühstück in Rechnung gestellt werden würde. Außerdem ist das ja nicht die erste Herberge in Frankreich, in die ich gehe. Da hatten wir schon andere Preise. Also nicht. Und nun? Mensch, das kann ja wohl nicht wahr sein. Da stehe ich hier mitten in der Nacht wie ein Depp auf der Straße und überlege mir, was nun werden soll. Na gut, noch bin ich ja nicht in jeden Winkel gekrochen. Es muss doch hier etwas Akzeptables geben. Ein Haus scheint unbewohnt zu sein. Da brennt jedenfalls kein Licht. Aber ich bin inzwischen so erfahren (siehe Anjony), dass ich von dem einen nicht mehr so einfach auf das andere schließe. Doch hinter dem Haus steht so etwas wie eine Garage. Die werde ich jetzt mal in Augenschein nehmen. Es erweist sich jetzt als vorteilhaft, dass es so dunkel ist. In der Dämmerung würde ich nicht einfach über einen Hinterhof marschieren, der von verschiedenen Seiten her einsehbar ist. Zwar ist auch die Nacht hell genug, dass ein Mensch mit normalen Augen mich sehen könnte, aber vielleicht schauen sie ja um die Zeit nicht mehr alle ausgerechnet in die Richtung aus dem Fenster. Und auf der Straße ist auch nichts mehr los.

Ich schiebe das Fahrrad in den Stall und schließe die Tür hinter mir, damit ich draußen wenig Anhaltspunkte für meine Anwesenheit liefere. Aber jetzt brauche ich die Taschenlampe, und das ist natürlich umso verräterischer, je dunkler es ansonsten ist. Also muss ich sie gedämpft und sparsam verwenden. Platz ist hier für zwei Autos. In der Ecke stehen ein paar verrostete Fahrräder. Auch sonst ist das Inventar so alt oder verstaubt, dass möglicherweise schon lange keiner mehr hier war. Auf einem Gestell hängen Decken. Na, immerhin wird es eine Übernachtung dritter Klasse. Ich breite sie auf dem steinernen Boden aus, lege meinen Schlafsack darauf und mich hinein. Jetzt könnte ich eigentlich schlafen, aber draußen herrscht Unruhe. Na, mich wird doch nicht etwa jemand gesehen oder gehört haben? Weitere Gäste kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Oder womöglich jemanden, der mich hier verjagen will. Das fehlte gerade noch. Ich halte die Luft an. Obwohl das relativ belanglos ist. Allerdings höre ich so besser. Die Geräusche verebben. Na, wahrscheinlich habe ich noch mal Glück gehabt. Gute Nacht!

18. Juni

Cauro – D27 – Bastelica – D27xD127 – Tavera – D127xN193xD361xD1 – Sarrola-Carcopino – D1xD101 – Saint Andréa-d’Orcino – D101xD81 – Sagone – Cargèse – Piana – les Calanche – D81 – Porto (142 km)

Die Nacht verlief ruhig, ohne Polizei oder sonstige Störungen, und wach geworden bin ich auch kaum. Am Morgen weckt mich zwar das Tageslicht, aber das ist durch die Überdachung doch stark gedämpft. Geschwitzt habe ich allerdings in der Nacht. Zwar spüre ich den Schweiß auf der eigenen Haut kaum, aber ohne lange Hosen ist der Schweiß auf der Haut des jeweils anderen Beins zu merken, und weil der nicht erst einen Tag alt ist, also ein bisschen klebt, ist das unangenehm. Für ein besseres Gefühl wechsle ich also erst mal die Wäsche, auch wenn natürlich gleichzeitig ein Bad oder wenigstens eine Dusche vonnöten wäre. Vielleicht wird’s ja heute etwas damit.

Während ich da so herumfuhrwerke und meine Sachen zurechträume (auch all die »geliehenen« Decken wieder an ihren Platz lege, damit möglichst wenige Spuren meines Aufenthalts zurückbleiben), schlägt eine Uhr. Mit fällt auf – übrigens hier nicht zum ersten Mal –, dass der Uhrschlag immer doppelt erfolgt. Wenn es also acht Uhr schlägt, gibt es in aller Regel erst die vier Schläge zur vollen Stunde, dann, meist mit einer anderen Glocke, die acht Schläge für die Stunden, und für alle, die »erst jetzt zugeschaltet haben«, das Ganze noch einmal. Erst dachte ich, das käme von verschiedenen Uhren, aber in allen Orten erfolgt dies so klanggleich und perfekt synchronisiert, dass es sich um Absicht handeln muss, und im Grunde ist es ja auch wirklich recht praktisch.

Zum Frühstück verlasse ich die Garage und fahre ein Stück in Richtung Ortsmitte zurück, um mich dort für den Vormittag mit Vorräten einzudecken. Der Laden hat aber noch nicht offen. Dafür erfahre ich aus den bereits angelieferten Zeitungen, dass in der Nähe von Bastia ein Politiker oder Wirtschaftsboss (so genau kann ich das nicht entziffern) erschossen worden sein soll. Das Bild zeigt ein Auto, in dessen Tür und Fenster mehrere Einschüsse zu sehen sind. »Sie ließen ihm keine Chance.« schreibt der Kommentator. Na, was denn auch sonst?

Also suche ich mir einen Platz in einer relativ neuen Wohnanlage von Häusern, die sich im Halbkreis um ein paar Wasserspiele gruppieren. Dort stehen auch ein paar Bänke – erinnert an altengerechtes Wohnen –, und auf eine von denen setze ich mich und mache Frühstück. Natürlich gehört dazu eine Routenschau für den heutigen Tag und insbesondere die nächsten Stunden. Ich habe 800 Höhenmeter vor mir, allerdings verziert mit einigen Abfahrten, so dass es brutto leicht 900 werden könnten. Hoffentlich wird’s zunächst nicht so steil, denn morgens reiße ich gewöhnlich keine Bäume aus.

So kommt es dann. Es geht meist in erträglichem Maße bergan, und nach drei Abfahrten und einer letzten Auffahrt erreiche ich Bastelica, einen Ort, der zwar nicht am Ende der Welt liegt (weil zwei Straßen weiterführen), aber die eine davon endet in den Bergen, und die zweite führt an einer anderen Stelle über sie hinweg, aber zumindest letztere ist so beschaffen, dass sie das Dorf nicht gerade infrastrukturell erschließt. Bastelica liegt ca. 400 Meter höher als Cauro. Hier, auf der halben Höhe also, genehmige ich mir wieder eine Pause und beobachte derweil drei nicht mehr ganz junge Männer, die den Freitagvormittag verschwatzen.

Aber irgendwann, nunmehr unter kräftiger Sonne, muss ich ja doch weiter. Die Richtung ist klar, der Gradient (nach oben) auch. Also, was soll’s? Ich muss geahnt haben, dass es jetzt schwerer wird. Völlig klar, derselbe Höhenunterschied wird auf einer viel kürzeren Distanz überwunden. Und dann kommt es faustdick! So dick, dass ich absteigen und schieben muss. Und das will was heißen. Unter 14 Prozent passiert das im Grunde nie, und es ärgert mich, und natürlich trägt Michelin die Verantwortung; ich möchte mal wieder den ganzen Verlag zum Teufel jagen. Laut Karte sind hier nämlich höchstens neun Prozent möglich. Hinzu kommt, dass kaum ein Baum Schatten spendet. Also geht es zwar nach kurzer Zeit wieder in die Pedale, aber anstrengend und ergo schweißtreibend ist es natürlich trotzdem, mehr jedenfalls, als wäre es so flach wie ausgewiesen.

Aber irgendwann ist man halt immer oben, wenn eine Straße hochführt und zwischenzeitlich die Welt nicht untergeht. Die Karte weist den weiteren Straßenverlauf als gefährlich aus. Und wie ich so um die Kurve, hinter den Berg seitlich des Passes schaue, weiß ich, was der Verlag meint. Die Piste ist total im Eimer – zunächst jedenfalls –, mit Schlaglöchern beachtlichen Ausmaßes übersät, und als ich dem Weg schließlich folge, stelle ich fest, dass an mehreren Stellen der Hang stark ins Rutschen gekommen ist, wodurch die Straße teilweise verschüttet ist, und wenn weiter oben ein Steinchen an die falsche Stelle fällt, kann daraus eine Lawine werden, und dann möchte ich mich der Einschätzung schon anschließen, dass die Straße nicht ungefährlich ist. Aber ich bin ja mutig und will hier kein Zelt aufschlagen, sondern nur vorbei – es muss also schon viel und schnell kommen, wenn es mir dabei an den Kragen gehen sollte. Derweil schweift mein Blick über das Tal vor mir. Es ist eine tiefe Schlucht, auf deren Basis sich die Eisenbahn ihrer südlichsten korsischen Station, Ajaccio, nähert, die auch gleichzeitig eine der größten Städte der Insel ist. Gleichzeitig gibt es da unten natürlich noch einen Fluss und eine wichtige Straße, die N193, die Ajaccio mit Corte verbindet. Der Pass, den sie auf diesem Weg überwinden muss, ist etwas niedriger als mein derzeitiger Standort. Ich habe auch einen guten Überblick über die vor mir liegende Abfahrt, und da ist zu sehen, dass weiter unten an der Straße offensichtlich ganze Arbeit geleistet worden ist; jedenfalls tritt der pechschwarze Asphalt in starken Kontrast nicht nur zu dem, was derzeit unter meinen Reifen liegt, sondern vor allem zu all dem Grün, Blau und Grau, aus dem sich das Bergpanorama zusammensetzt und das von der Sonne grell beleuchtet wird.

Dort, wo es eher eine Buckelpiste ist, fahre ich langsam, weiter unten wird’s steiler und auch besser, und als ich die neue Strecke erreiche, lasse ich dem Gaul die Zügel schießen. Sollte ich vielleicht nicht tun, denn breit ist sie nicht gerade, die Straße. Zwar kann ich auf den Serpentinen gelegentlich einen Blick auf die nächsttiefere Etage werfen, aber eben nur gelegentlich, und dass Berge und Vegetation zuweilen eine frappierende Schallgrenze bilden, müsste ich eigentlich wissen. Jedenfalls begegnet mir auf einer der Passagen ein Motorrad, und zwar auf seiner Seite. Groß ist der Abstand zwischen uns nicht, als wir aneinander vorbeifahren, und das gibt einen gut dosierten Adrenalinstoß, vor allem, weil ich es bin, der hier nicht korrekt fährt. Aber es ist ja nichts passiert, und etwas vorsichtiger setze ich die Fahrt fort. Das Tal liegt wieder auf derselben Höhe wie Cauro, also zieht sich die Abfahrt hin. Hätte dagegen wohl jemand etwas einzuwenden? Es ist ein Sausen und Brausen, ein Neigen und Wiegen. Motorrad fahren könnte mir viel Spaß machen, wenn es nicht so laut und teuer wäre, wenn ich es vertreten könnte und die Kisten nicht so schwer vom Gewicht und der Reparierbarkeit wären. Und natürlich erhöht das Tempo auch das Risiko, und der Helm ist bei Unfällen im Gebirge oft eher eine Illusion als ein echter Schutz.

Mit den Vorräten sieht’s nicht so gut aus, also halte ich in einer Ortschaft an, um zu sehen, was mir geboten werden kann. Ein kleiner Laden bietet einiges gegen Hunger und Durst und für schwere Bedürfnisse, aber als ich bei den Säften ankomme, stockt mir der Atem: 12 Francs 40 für einen Liter Apfelsaft im Karton! Die sind ja wohl nicht gescheit. So nicht, meine Lieben! Dann also weiter.

Auf diese Weise bleiben die Vorräte mager, vor allem die flüssigen. Das geht natürlich nicht lange gut. Auf der Hauptstraße geht mir so allmählich die Luft aus. Die Hauptstraße verlässt hier die Talsohle für ein paar Kilometer und muss dafür ein paar Höhenmeter spendieren. Rechts liegt ein Grundstück an der Straße. Die müssten doch wenigstens fließendes Wasser haben. Ich frage nach. Wenn im Ausland (also außerhalb von Deutschland) jemand nach Wasser fragt, meinen viele, man wolle Mineralwasser oder jedenfalls in Flaschen abgefülltes Wasser haben, weil sie korrekt davon ausgehen, dass ich das Wasser trinken will. Ob das Rückschlüsse auf die Qualität des Leitungswassers zulässt? Es ist ja bekannt, dass die deutschen Grenzwerte ziemlich rigide sind. Aber es wird mich schon nicht gleich umbringen. Eine Frau zeigt mir auf Anfrage einen Wasserhahn im Garten und erklärt mir, welche Hähne ich anstellen muss, damit dort letztlich Wasser herauskommt. Ich tanke anderthalb Liter, bedanke mich artig und lege an der Straße gleich noch eine kurze Pause ein. Während ich da so sitze (natürlich die Karte studiere) und irgendwas kaue, kommen drei Mädchen auf Fahrrädern vorbei. Die sind nicht auf großer Reise, das ist gar keine Frage. Interessant an ihnen ist ihre Sprache. Sie klingt wie italienisch, könnte natürlich auch korsisch sein. Aber würden Einheimische hier um diese Zeit mit dem Fahrrad entlang fahren? Sie wirken eher wie Feriengäste.

Im Gepäck habe ich immer noch die zwei Kienäpfel, den offenen, trockenen und den größtenteils noch geschlossenen, schwereren. Der eine gefällt mir von der Form her, aus dem anderen will ich die Samen gewinnen, Piniensamen. Aber muss ich das Zeug hier wirklich über alle Berge schleppen, noch dazu, wenn ich die Route noch mal kreuzen werde? Allerdings belehrt mich ein genauer Blick auf den Routenplan und auf die Karte, dass ich hier nicht mehr lang komme. Es hat also keine Verheißung, die Tüte irgendwo im Gebüsch oder Straßengraben zu verstecken. – Kurz nachdem ich die kleine Anhöhe erklommen habe, geht’s rechts ab ins Hinterland. Ich habe hier einen Weg über die Dörfer ausgesucht, weit um Ajaccio herum, und erhalte dadurch auch einen kürzeren Zugang zur Küstenstraße, der D81. Aber noch ist es nicht soweit, und keiner hat behauptet, dass der kürzere Weg auch der leichtere ist.

Drei, vier Kilometer geht’s durch Felder und Buschland und alles ist grau und dürr in einer Weise, dass es wahrscheinlich reicht, an ein Streichholz zu denken, und schon geht alles in Flammen auf. Dann biegt allerdings die D1 nach Norden ab, eine scharfe Kurve, und von da an wird’s schöner. Zunächst verbindet sich damit ein Anstieg von 400 Metern Höhendifferenz. Das ist also eine Beschäftigung für die folgende volle Stunde. Das nächste Dorf hat sich um den bedeutendsten Anteil dieses Anstiegs arrangiert, und wie ein Wurm schlängelt sich das Asphaltband in Serpentinen durch den Ort. Ziemlich weit oben und hoch aufragend sehe ich als erstes eine Kirche, und ich stelle mir, ich befände mich in einem sehr tiefen Keller unterhalb der Kirche, in einem Schacht gewissermaßen, und stiege jetzt allmählich zu ihr empor, erst auf Höhe des Schiffs, dann in den Turm, und rasch wird klar, dass ich nach diesem Gedankenspiel bald aus sehr großer Höhe von oben auf die Spitze werde spucken können. Kurz nach Erreichen der Kirche habe ich erneut Gelegenheit, Wasser zu fassen, und ich lasse sie nicht aus. Bei der Gelegenheit bringe ich gleich noch eine Ansichtskarte auf den Weg, wobei der Briefkasten anscheinend gerade geleert worden ist, denn ein Postauto hat mich vor kurzem überholt. Wann die nächste Leerung sein wird? Demnächst. So etwa sieht die Terminbestimmung auf dem Kasten aus. Wie nett!

Aber noch bin ich nicht oben. Weit genug freilich, um einen immer besseren Überblick zu kriegen, und das Gefühl, sich hierher aus eigener Kraft aufgeschwungen zu haben, ist immer wieder toll. Nach Erreichen des Passes wird es eine geradezu verwunschene Abfahrt. Schmal die Straße, praktisch nicht existent der Verkehr, Winkel und Wendungen, eine dschungelähnliche Vegetation und vor allem keine Anstrengung begleiten mich auf dem Weg. Man muss sich mal vorstellen, hier wolle man jemanden besuchen: In the middle of nowhere, würde der Engländer sagen. Das wäre erst mal ein Suchabenteuer.

Kurz bevor ich die Küstenstraße erreiche, fahre ich an einer Kirschplantage vorbei. Das kann ja wohl nicht sein! Da lassen die hier die reifen Früchte am Baum vergammeln, und auf dem Markt kosten sie bis zu 10 Mark das Kilo! Ich habe da an sich wenig Skrupel, diesem Missstand abzuhelfen. Problematisch ist allerdings, dass die Bäume eingezäunt sind. Zwar führt ein Weg auf das Grundstück, aber da schreckt mich dann doch das Tor, das zwar offen ist, das ich aber doch hinter mir lassen müsste. So muss ich mich halt mit dem begnügen, was über den Zaun hängt oder an Bäumen außerhalb des Geländes. Aber da waren schon andere vor mir tätig. Außerdem ist das Obst ziemlich staubig. Dennoch verbringe ich eine ganze Weile an dieser Weggabelung.

Wenig später erreiche ich die Küstenstraße. Auf ihr geht es die restlichen Meter hinab bis zur Küste. Die Ebene ist nicht sehr interessant. Als es dann nach einem Großeinkauf hinter Cargèse allmählich wieder in die Berge geht, kommt wenigstens etwas Profil in die Landschaft. Aber sie bleibt karg. An einer der Kurven wird Käse verkauft. Also, Appetit hätte ich schon. Aber wenn der Käse hier ähnliche Preise erzielt wie die Kirschen, werde ich lieber den nächsten Supermarkt abwarten. In Porto könnte ich damit Glück haben, und das ist ja nicht mehr weit hin. An einer späteren Kurve steht ein abgebranntes Haus. Ich sehe mir das mal an. Im Innern des Hauses ist nichts mehr übrig geblieben. Decken und Innenwände wie auch das Dach müssen aus Holz gewesen sein. Man kann noch die Aussparungen in den Wänden sehen. Die Wände selbst wurden grob aus Feldsteinen zusammengefügt. Da hat sich niemand die Mühe gemacht, die Steine passend zueinander auszuwählen oder gar vorher zu behauen, um die Fugen etwas zu verkleinern. Kein Quartier für die Nacht, außerdem ist es eh zu früh. Die Sonne steht noch am Himmel, zwar nicht mehr hoch, aber doch sichtbar.

Vor dem höchsten Punkt dieser Relation kurz vor Piana geht’s noch mal kurz hinab. Das dürften heute auch wieder an die 2000 Höhenmeter gewesen sein, und was bleibt zum Schluss? Meeresniveau! Auf einer Insel oder an der Küste ist dies oftmals das Schicksal der Kletterer, dass am Abend alles wieder futsch ist. Aber die Eindrücke bleiben, und der nächste Tag hält ja neue Reserven bereit. Erst mal jedoch erreiche ich Piana, und dieser Ort macht schon was her. Auf 400 bis 500 Metern Höhe gibt es jede Menge Hotels verschiedener, jedoch meist gehobener Kategorien und nach Westen einen Ausblick über Schluchten und auf das Mittelmeer in drei bis fünf Kilometern. Das wär’ schon was hier. Aber da die Etablissements allesamt besser aussehen als die Spelunke in Cauro, werden sie wohl auch mehr haben wollen, und das sehe ich nicht ein. Die Sonne ist derweil ’neigeditscht. Fotos geben also mangels Kontrast nicht mehr viel her.

Die Straße verlässt Piana und bricht sich Bahn durch einige Felsen, bis sie ein atemberaubendes Panorama erreicht: Les Calanche! Na, wenn das nichts ist! Michelin hat die Szene nicht umsonst fett gedruckt. Fast wie ein Schwalbennest klebt die Straße in diesem Halbrund am roten Fels, der vor allem auf der abfallenden Seite die erstaunlichsten Formationen entwickelt hat. Wer ist nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet hier eine Straße lang zu bauen? Aber das Hinterland ist glatt doppelt so hoch, also nur schwer zu erschließen. Ich stelle mir nur vor, wie zum ersten Mal jemand hier stand und gesagt hat: Jetzt bauen wir hier eine Straße lang!

Ich ärgere mich, dass die Sonne schon untergegangen ist. Das ist die Szene auf Korsika! Aber ich bin ja jetzt nicht weit von Porto entfernt, und dorthin wird mich meine Reiseplanung noch einmal führen. Da muss ich unbedingt noch einmal zurück, auch wenn das mal 400 Höhenmeter extra sind. Auf der Fahrt durch die Calanche (wieso eigentlich nicht Calanches, wenn es schon les, also Plural, sind?) wird mir klar, dass sich neben mir auch andere für dieses Schauspiel interessieren. Autos, Busse und nicht zuletzt Fahrräder stehe herum, wo Platz dafür ist, oder fahren langsam, damit die Insassen Zeit zur Betrachtung haben. Wirklich schade, dass die Sonne schon untergegangen ist. Beim nächsten Besuch wird’s wahrscheinlich regnen, wenn es nach Murphy geht. Aber das würde ich ja schon von Porto aus sehen und dann gar nicht noch einmal hier hochfahren.

Jetzt also nach Porto! Die Fahrt geht im Selbstlauf. Blicke ich auf die Bucht herab, kann ich kaum glauben, dass dies an die 400 Meter Höhenunterschied sein sollen. Jedenfalls geht es, nunmehr mit Licht, ganz von allein. Ich kann erkennen, dass Porto einen breiten Strand hat, einen grauen zwar, aber die Farbe interessiert mich nicht so sehr. Wie wär’s denn mit einer Übernachtung dicht am Meer? Mal was Neues. Im Ort verlasse ich die Hauptstraße in Richtung Meer und erreiche bald den Strand. Die letzten Meter muss ich durch den tiefen Sand schieben. Die Lage? Nun, warum nicht? Der vorderste Teil des Strandes, der mir einigermaßen sicher vor mittelschwerem Seegang und Flut zu sein scheint, wird aus dicken, etwa hühnereigroßen Kieseln geformt. Auf so was legt man sich nicht zum Sonnen, warum sollte ich es für die Nacht wählen? Nun, ich bilde mir ein, dass die Isomatte und der Schlafsack einiges abfedern, und da die Steine hier nicht einzementiert sind, lassen sie sich vielleicht auch in die richtige Richtung drücken. Mir fällt eine Übernachtung 200 Kilometer südlich von Salt Lake City ein, bei der ich auch auf Kies nächtigte, freilich auf etwas feinerem. Aber bevor ich mich in mein Textil verkrieche, ist erst mal Hygiene angesagt. Außer ein paar Anglern am südlichen Rand des Strands ist niemand zu sehen, also werfe ich alles ab und springe in die Brandung. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht den Petrijüngern an den Haken gehe. Wer weiß, wie lang die Angelschnur hinausgeht. Mit Lichtern versuchen sie, Fische anzulocken. – Ich habe mir Seife mitgenommen, aber irgendwie ist das nicht das Richtige. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel sauberer bin, als ich das Meer wieder verlasse. Also landet wahrscheinlich ein Teil des Schmutzes im Handtuch, aber das wird dann ja auch irgendwann gewaschen werden können.

Ich lege mir den Schlafsack zurecht, krieche hinein, und bald habe ich mir mein Bett so zurechtgedrückt, dass es passt. Was mir allerdings überhaupt nicht passt, sind die Mücken, die ungebetenen Abendgäste, vor denen ich seit Corte geradezu einen Horror habe. Was wird das wohl für eine Nacht werden? Aber nach einiger Zeit scheinen sie sich nicht mehr für mich zu interessieren. Vielleicht bin ich auch einfach nur eingeschlafen.

19. Juni

Porto – D81xD51 – Calenzana – D151 – Zilia – Montegrosso – Cateri – D71 – Belgodère – N197xN1197xD81 – Saint Florent (166 km)

So was hat man nicht alle Nächte: Eine Matratze, vollkommen nach den eigenen Bedürfnissen geformt, groß genug für 100 mal Umdrehen, gleichzeitig aber fest, eine leichte Brise, Lichter drüben von der Stadt und eine Brandung, die mit ihrem Rauschen für Beruhigung sorgt. So könnten sie alle sein, denke ich. Jetzt vielleicht ein Bad? Wäre ja nicht schlecht, allerdings wird es zur Reinigung wohl ähnlich wirkungslos sein wie am Abend zuvor. Wenn ich jetzt eine Dusche hätte, um mich nach dem Bad vom Salz zu befreien, würde ich wohl hineinspringen, aber so… Mir ist jetzt einfach nicht warm genug, obwohl ich nicht friere.

Langsam suche ich meine Sachen zusammen. Die Angler vom Abend sitzen noch immer da – mit all ihrer Ausrüstung, ihren Lampen, ihrem Kaffee. Gefangen haben sie aber anscheinend nichts. Na, mir müssten ja mehrere Füße fehlen, die ganze Nacht da zu sitzen. Da muss man doch irgendwann mal müde werden. Aber vielleicht schlafen die ja tagsüber und genießen die ganze Nacht lang die Stimmung, von der ich nur eine viertel Stunde am Abend und am Morgen etwas mitbekam. Alles ist möglich. Sie bieten mir einen Kaffee an. Ich danke. Mensch, sollte ich nicht – schon allein wegen der Völkerverständigung? Und was erzähle ich denen dann außer merci bien? An meiner Stelle badet jetzt ein anderer. Sieh mal an, der traut sich das sogar am Tag: nackt zu baden.

Der Weg über den hinteren Sandteil des Strandes ist nicht leicht. Es geht nicht mal im ersten Gang. Große Schmach, schon auf den ersten 100 Metern und dazu in der Ebene zum Schieben verurteilt zu sein. Schlappschwanz! Sieht ja keiner. Ich erreiche die Straße und einige Zeit später die Nordseite Portos, die Auffahrt am Ortsausgang. Von hier aus kann ich sehen, dass ich es mir hätte einfacher machen können: Da gibt’s noch eine andere Brücke über den Fluss, einen kürzeren Weg. Na, einerlei.

Die nächsten 40 Kilometer sind eine außergewöhnlich verschnörkelte Route. Man könnte meinen, es seien die steilsten Berge zu überwinden. Und so völlig flach bleibt es ja auch nicht. Die Berge, zu denen sich die Küste aufschwingt, sind im Gegenteil sogar recht beachtlich. Über 1600 Meter hoch ist das Hinterland, allerdings von hier aus nicht zu erkennen. Die Straße versucht in erster Linie, Steigungen zu vermeiden. Und aus diesem Grund macht sie alles mit, was das Gelände vorgibt – eine Art Höhenlinie quasi. Der Asphalt ist typisch korsisch: endlose Flicken, nicht sehr breit, und zu allem Überfluss das einzige Band im Westen der Insel. Hier entlang wird also einiges an Verkehr abgewickelt. Immer wieder begegnen mir Busse. Na, ist ja noch gut, dass es wenigstens Busse sind. Wenn es jedes Mal 50 Autos wären, gefiele mir das sicherlich noch weniger. Aber die wären vermutlich schmaler. Die Busse sind ziemlich breit, an schmalen Stellen brauchen sie fast die ganze Straße, und einer fährt auch mal außerordentlich rücksichtslos auf mich zu. Ich muss ihm ausweichen und fahre dabei immer noch so dicht am Blech vorbei, dass ich nur die Hand auszustrecken brauchte, um Kontakt zu haben. Zwar habe ich nicht direkt hektisch ausweichen müssen, aber hätte ich nichts getan, wäre ich jetzt platt. Rindvieh, elendes! Gelegentlich möchte ich schon mal hinterherschießen können.

Ein paar Radfahrer waren kurz vor mir in Porto aufgebrochen. Ich hatte sie überholt, dann sie mich wieder. Sie fahren etwas langsamer, vor allem die Frau (und der Mann fährt ihr halt nicht davon), aber sie scheinen weniger Pausen zu machen. Madame hat Probleme mit der Schaltung. Na, warum nicht auch mal Inhaber von Kettenschaltungen? So geht das mit dem gegenseitigen Überholen einige Male, ohne dass wir miteinander reden.

Die Holperei zieht sich hin. Es fährt sich nicht schön. Noch dazu ist die Luft vorn ziemlich knapp. Da müsste ich mal was tun; dann geht’s bestimmt leichter. Ich halte an, pumpe nach – es ist wirklich sehr wenig Luft im Schlauch! – und fahre weiter. Hinter der nächsten Kurve keimt ein Verdacht: Noch immer ist nicht besonders viel Luft im Schlauch – oder nicht mehr?! Platten!

Na, das ist nun wirklich kein Grund zum Jammern, auch wenn ich mir lauschigere Plätzchen zum Flicken vorstellen könnte. Immerhin habe ich bereits tausende Kilometer hinter mir ohne jede Panne – d.h. natürlich, ohne jede Reifenpanne. Was mir die Gangschaltung bisher für Spaß bereitet hat, will ich mir jetzt lieber nicht in Erinnerung rufen. Im Moment ist sie allerdings recht friedlich. Also der Schlauch: Ich lade vorn ab, krame das Flickzeug hervor, na ja, die ganze Prozedur… Nach 15 bis 20 Minuten kann’s weitergehen. Es war ein Dorn. Klar, bei diesen unentwegten Mähaktionen der Franzosen war es nur eine Frage der Zeit, bis mir mal eins der weniger grasigen Gewächse unter den Gummi kam. – Die beiden sind natürlich indessen über alle Berge.

Am höchsten Punkt dieser 40 Kilometer, am Col de Palmarella, beginnt ein neuer Straßenbelag. Die Reifen surren über den Asphalt. Ja, so müssen Straßen aussehen. Wer hat ihnen das bloß beigebracht? Noch dazu geht es leicht bergab. Auf der kurvenreichen Strecke stellt sich die Frage, wer unbehindert schneller vorankommt, ein Wohnmobil oder ich. Eine ganze Weile fährt es hinter mir her, weil ich der Ansicht bin, dass ich schneller bin – und einige Male lasse ich es auch ein ganzes Stückchen hinter mir zurück –, aber dann holt mich der Fahrer wieder ein und überholt schließlich. Aha, das ist jemand, der seine Fahrräder wirksam schont: Sie sind hinten ans Auto gehängt. Eins schwankt bedrohlich und sieht nicht besonders gesichert aus. Man müsste den Fahrer mal warnen. Aber wie, wenn er vor mir herfährt? Und schließlich setzt auch er sich ab, als die Kurven etwas weiter werden. Soll er doch machen, was er will. Sind ja nicht meine Räder.

Als ich wieder Meereshöhe erreicht habe, kommt mir ein Radler entgegen. Er will nach Galéria – ich in die entgegengesetzte Richtung. Ich frage ihn, woher er kommt, und er sagt, er sei Amerikaner. Der Mann ist schon weit herumgekommen und sieht gut bepackt aus. Wieder einmal bemerke ich, dass viele Amerikaner auf Reisen wie diesen oder mit dem Rucksack so eine komische Angewohnheit haben, die Taschen ihrer Gepäckstücke mit winzigen Vorhängeschlössern zu sichern. Es muss doch unheimlich zeitraubend sein, an den Kram heranzukommen. Und worin besteht der Nutzen? Wenn die Tasche als Ganzes geklaut wird, helfen die Schlösser sowieso nicht. Aber das ist ja nicht mein Bier.

Jetzt geht’s über einen längeren Abschnitt durchs Binnenland. Während ich mich an einer Brücke und Kreuzung auf der Karte orientiere, fahren an mir zwei Radfahrer vorbei, eine Frau und ein Mann in meiner Richtung. Das wäre doch ein Anreiz, einen Zahn zuzulegen. Die sehen nicht aus, als wären sie auf Weltreise, d.h., sie haben nicht viel Gepäck. Da sind sie natürlich im Vorteil, und ich darf sie nicht zu weit ziehen lassen. Also hinterher!

Die Strecke macht nicht viel her. Die Vegetation ist karg, die Besiedlung praktisch gleich null: Hier fährt man durch. Die beiden kommen mir wieder ins Blickfeld. Mir stellt sich das klassische Rollenspiel dar. Er könnte schneller, aber noch fahren sie zusammen. Als ich sie fast eingeholt habe, setzt sich der Mann jedoch ab und lässt die Frau zurück. Obwohl es bereits leicht wellig bergan geht, und obwohl sie mir gegenüber da sicherlich um einige Kilo, wenn nicht gar um einige Dutzend Kilo im Vorteil ist, hole ich sie schließlich ein und fahre vorbei. Von da an wird’s ungemütlich. Klebt sie mir am Hinterrad? Wie entwickelt sich der Abstand? Ich möchte nicht, trotz meiner gewichtigen Handicaps, dass sie mich wieder überholt. Und es wird steiler. Nein, sie überholt mich nicht. Außerdem bin ich jetzt gut drauf, und als ich mal zu einer Trinkpause anhalte, kann ich sie in der Ferne sehen. Es ist offensichtlich ein Kampf. So macht Radfahren doch keinen Spaß!

Aber ich möchte auch ihren früheren Begleiter nicht aus den Augen verlieren. Uneinholbar allerdings schraubt der sich den Berg hinauf. Gut 400 Höhenmeter sind es bis zum Pass. Da mache ich jetzt kein Rennen, bestimmt nicht. Und der Hang zieht sich hin – einmal rechts, einmal links. Wie lange, lässt sich nach den Erfahrungen der letzten Wochen leicht ausrechnen. Es gibt Regeln, die lassen sich bei allem guten Willen nicht brechen. Und eine davon besagt, dass mehr als 400 Höhenmeter pro Stunde ein sehr hartes Stück Arbeit ist.

Auch mit der Aussicht von oben wird die Landschaft nicht schöner. Aber wenigstens bin ich jetzt oben angekommen. Der Mann hat mich schon erwartet. Er – raucht. Das kann ja wohl nicht sein! Da habe ich mich von einem Raucher abhängen lassen! Aber gut, er hat kaum Gepäck. Wir kommen ins Gespräch, auf Englisch natürlich, sonst wäre es ja nur ein Gestottere. Er zollt mir Respekt mit meiner Zuladung. Ich leere meine letzte Flasche, und gemeinsam warten wir auf seine Begleiterin. Als sie schließlich den Pass erreicht, grüßen wir uns nur kurz, und dann mache ich mich auf den Weg hinab, weiter in Richtung Nordosten. Das könnte heute ein guter Tag werden, also: ein Tag, an dem ich weit komme.

Die Fahrt durchs Hinterland ist nicht spektakulär, aber doch interessant. In Calenzana mache ich erst mal Pause. Auf einer Bank an einer Kreuzung kann ich alle sehen, die den Ort in zwei Richtungen verlassen oder von dort kommen, und vor mir einen Laden. Der ist aber leider schon geschlossen. Und natürlich studiere ich wie bei fast allen Stopps ausführlich die Karte. Jetzt kommt die »monegassische« Gegend: Ich werde eine ziemlich lange Fahrt um den St. Rainier machen, der sich mehr als 800 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Aber im Grunde ist mir der Fürst von Monacco ebenso wurscht wie dieser Berg, zumal die Straße ja drum herum führt. Ihr höchster Punkt liegt etwa 300 Meter weniger hoch.

Nach dem Pass habe ich wieder einmal Gelegenheit, die Anlage und vermutlich Planung der korsischen Straßen zu bewundern. Da liegt ein Ort »zum Greifen nahe«, vielleicht fünf oder sechs Kilometer, und die Fahrt dorthin entlang der nördlichen Seite der Berge zieht und zieht sich hin. Es könnten glatt 20 Kilometer sein. Na gut, das gibt’s in jedem faltigen Gebirge, aber das besondere hier ist, dass die Straße dabei kaum einen Meter aus der Horizontalen abweicht: Immer an der Wand lang! Es wäre interessant zu erörtern, wo entlang die für die Erbauer preiswerteste Route ginge und wo entlang ein Durchschnitts-PKW bei niedrigstem Verbrauch fahren müsste – und wie weit beide Idealrouten von der tatsächlichen Route abweichen. Durch das Tal zu bauen hieße ja ebenfalls, Serpentinen vorzusehen. Und für Kraftfahrzeuge wären sowohl die Ab- als auch die Auffahrt mit erhöhtem Spritverbrauch verbunden. Wer mag diese Straßen hier wohl geplant haben? Aber mir kommt noch eine andere, nicht mehr so neue Idee: Könnte man nicht eine Brücke bauen? So lang sind die zu überbrückenden Distanzen häufig nicht. Wenn ich mich allerdings an die neue Brücke südlich von Corte erinnere, wo -zig Millionen für eine Verkürzung der Strecke um nicht mal einen Kilometer verbaut wurden, dann muss ich meine Idee dem Diktat der Ökonomie opfern. Außerdem ist hier nicht viel Verkehr. Die meisten fahren wohl an der Küste entlang. Aber für Fußgänger könnte man eine solche Brücke doch viel einfacher, leichter und mit geringeren Anforderungen bauen. Vielleicht als Seilbrücke. In Gedanken entwerfe ich solch ein Ding. Welche Kräfte müsste es aushalten? Welche Materialien wären zu verwenden?

Allerdings darf ich auch auf diesen Straßen nicht ins Träumen kommen. Denn in den vielen Kurven lauert häufig eine typisch korsische Tücke: Sand! Warum der Sand gerade in den Kurven liegt, wie er also dorthin kommt, ist mir schleierhaft. Neben der Straße liegt selbst kein Sand – von dort kann er also nicht auf die Straße gelangt sein. Vielleicht eine Disziplinierungsmaßnahme? Oder gar Sabotage? Immerhin, wer nicht wirklich langsam durch eine solche Kurve fährt oder jedenfalls mit allen Rädern auf dem Sand landet, der verliert leicht die Kontrolle über sein Fahrzeug.

Links, in Richtung Küste, liegt der Stausee, den ich schon am ersten Tag auf der Insel in der Ferne gesehen hatte und der damals besonders unwirklich, fast wie eine Fata Morgana, in der flimmernden Hitze lag. Jetzt lässt es sich mit den Temperaturen ganz gut an – na ja, es ist auch schon fortgeschrittener Nachmittag. Bald werde ich in Belgodère auch wieder auf die Route des ersten Tages treffen, bis dorthin aber immer schön auf der jetzigen Höhe verharrend. Es geht gut voran. Ich nähere mich dem Schnitt von zwölf Kilometern pro Stunde. Das ist zwar nicht so berauschend, aber wenn man all die Trödelei berücksichtigt, die vielen Stopps und Essenspausen mitzählt, ist das keine schlechte Durchschnittsgeschwindigkeit. Und sie ist ganz sicher gut im Vergleich zu den übrigen Tagen. Dort sind es häufig nur zehn bis elf, selten mal an die zwölf. Wenn nichts dazwischen kommt, werden es heute sogar mehr. Da, jetzt ist der Ort schon sichtbar. Kinderspiel.

Von wegen! Da kommt noch eine Schleife, die Schleife selbst hat auch noch eine Schleife. Die Strecke erinnert mich so ein bisschen an eine Fahrt in Norwegen, bei der ich den Zielort Stryn auf der anderen Seite des Fjords schon sah, aber bis dorthin noch ungefähr 30 Kilometer um alle Zipfel der Bucht zurücklegen musste. Das war am Tag vor dem verregneten Geirangerfjord… Ja ja, jetzt kann von Regen oder gar Frost und Schnee keine Rede sein. Ich finde es im Moment ganz angenehm.

Als ich Belgodère schließlich etwas verspätet gegenüber meiner Zielvorgabe erreiche, steht die Uhr nach sechs. Ob ich jetzt wohl noch was Vernünftiges zu kaufen kriege – am Samstag? Tatsächlich, ein kleiner Tante-Emma-Laden ist noch offen. Neben den üblichen Sachen greife ich mir eine Konserve mit Bohnen. Das Etikett sieht natürlich lecker aus. Trotzdem beschließe ich beim Verzehr der anderen Sachen, dass das was für harte Zeiten wird. Ab ins Gepäck, sonst fahre ich den nächsten Berg wieder zu schnell hinauf.

Nach einem Blick in die Runde mache ich mich an die Weiterfahrt. Es geht jetzt den Berg hinab, wieder in Richtung I’lle-Rousse. Das fährt sich diesmal natürlich angenehmer. Ich verfolge die Gleise der Eisenbahn. Man müsste sie wirklich mal abfahren. Aber dieses Mal wird das nichts. Auch ist das vielleicht eher etwas für eine Fahrt zu zweit. Nach einer Viertel Stunde ist das Meer erreicht. Diesmal geht es aber nach rechts, in Richtung St. Florent. Damit betrete ich Neuland und befahre eine Straße, die nach der Art der Einzeichnung auf der Karte belebt sein könnte. Auf jeden Fall ist sie dafür ausgelegt. Die Straßenbauer haben hier einen machtvollen Kampf mit der Natur ausgefochten, tiefe Einschnitte in den Fels angelegt und ein breites Asphaltband dazwischen. Es sieht aus, als hätten sie gerade gestern den letzten Dreck der Bauarbeiten weggefegt. Als die Straße wenig später die Küste wieder verlässt – in Richtung Ponte Leccia –, versuche ich, ihren ursprünglichen Verlauf zu verfolgen, von dem auf der Karte noch ein Schwänzchen eingezeichnet ist – einfach aus Neugierde, mal auf einer toten Straße zu fahren. Ist eigentlich Quatsch. Manchmal bin ich fast eine Stunde lang gefahren, ohne einem Fahrzeug zu begegnen, und jetzt mache ich solche Eskapaden. Der Versuch endet denn auch kläglich irgendwie in der falschen Richtung, nicht weit von einem zugeschütteten und überwachsenen Ende der Straße. War nix. Macht nix.

Jetzt verfolge ich den Lauf der Magistrale weiter bis zum Abzweig nach St. Florent. Er sollte bald kommen. Er kommt auch bald. Hier verspricht die Straße zwar etwas ruhiger zu werden, aber sie wird auch wieder bergiger. Die Karte weist das Gelände als Désert des Agriates aus, also entweder als Nachspeise oder als Wüste. Für die Tour des heutigen Tages wird es so etwas wie eine Nachspeise. Von den klimatischen Verhältnissen und der Vegetation her ist es eher eine Wüste, und so ist es orthographisch auch gemeint. Was es ist, das mich jetzt besonders anspornt, weiß ich nicht, aber trotz des allmählichen und langgezogenen Anstiegs geht es unheimlich flott voran. Fast mit Tempo 20 surrt das Fahrrad den Hang hinauf. Mir soll’s recht sein. Wäre nur schön, wenn sich die Leistungsfähigkeit ein bisschen gleichmäßiger über den Tag verteilen würde. Soll aber wohl nicht sein.

Die Landschaft ist in der Tat bemerkenswert. Kein Baum, kaum ein Strauch, eine einzige kleine Ortschaft. Die Felsformationen sind dagegen recht beeindruckend. Waren das nun auch die Römer? Und waren sie hier besonders schlimm? Oder ist diese Ecke der Insel klimatisch außergewöhnlich benachteiligt? Das werde ich hier wohl nicht herausfinden.

Nach dem Erreichen des höchsten Punktes dieser Strecke ist nun kein Halten mehr. St. Florent, ich komme! Das Einzige, was mich jetzt noch stoppen könnte, wäre eine außergewöhnlich gute Stelle für eine Übernachtung. Aber wo soll die schon hier herkommen? Und so dauert es nicht mehr lange, bis ich die kleine Stadt erreiche. Noch vor der eigentlichen Ortschaft geht es links zu einem Zeltplatz ab. Na ja, warum nicht? Da könnte ich wenigstens duschen. Ich fahre auf das Gelände und studiere die Preisliste: Eine Person – so und so viel, ein Zelt – so und so viel, usw. Na, das ist doch eine klare und günstige Regelung. Ein Zelt habe ich nicht. Das kann jeder sehen und zur Not auch nachprüfen. Also ’ran an die Rezeption. Dort jedoch zeigt sich, dass der Patron seine eigenen Preistafeln nicht kennt oder schlicht ignoriert oder nicht sein kann, was nicht sein darf, oder dass das menschliche Phänomen zutage tritt, dass Menschen nicht versuchen zu verstehen, was sie sich gar nicht erst vorstellen können. Der Mann will mir partout einen Zeltplatz berechnen. Nein, mein Lieber, da können wir kein Geschäft machen. Das ist doch ganz einfach. – Viel würde er von mir ohnehin nicht bekommen. Also, warum sollte er da jetzt nachgeben? Noch dazu gegenüber einem Fremden.

Dann eben nicht. Gehe ich halt in die große Wanne. Was mir nicht so gefällt, sind die Wetteraussichten. Es sieht nach Regen aus. Und was mache ich hier, am freien Strand, bestenfalls in der Nähe einiger Kiefern oder Pinien? Schlecht. Weiter hinten ist eine Segelschule. Da stehen lauter Boote. Man könnte eines davon umkippen, aber die Dinger sind entweder zu kurz oder zu schwer, und natürlich ist das auch alles verboten, aber mit hereinbrechender Dunkelheit ist das sowieso egal. Das mit den Booten ist höchstens eine Lösung für strömenden Regen. Bleibt mir also nur mein Schlafsack und das Prinzip Hoffnung.

Das Bad macht keinen solchen Spaß. Das Wasser ist ziemlich trübe, und als ich es wieder verlassen will, laufen Touristen am Strand vorüber. Ich will nicht provozieren, also bleibe ich noch eine Weile draußen. Als sie endlich vorüber sind, mache ich mich rasch für die Nacht fertig und verkrieche mich in gebührender Entfernung vom Wasser – wer weiß, vielleicht kommt Seegang auf – im Schlafsack.

Nein, Seegang kommt nicht auf, stattdessen kommen Mücken. Das muss doch jetzt nicht sein! Verzweifelt verkrieche ich mich immer tiefer, aber dort wird die Luft deutlich stickiger. So kann ich nicht die Nacht überstehen, so schlafe ich auch gar nicht erst ein. Das ist eine bleibende Lehre von Corte. Aber was bleibt mir? Ich mache die Öffnung für das Gesicht ganz klein und hoffe auf Besserung.

Eine Weile später kommen wieder ein paar Touristen vorbei. Die sollen doch auf ihrem Zeltplatz bleiben und hier nicht friedliche Schläfer stören! Jedenfalls tue ich so, als ließe ich mich nicht von ihnen stören, und bald haben auch sie sich verzogen. Dann beginnt die Nacht und endlich auch der Schlaf.

Die Story des Tages könnte hier nun enden, wenn sonst keiner mehr in der Nacht gekommen wäre. Das ist aber nicht so. Ein Mann schlendert am Strand entlang, und was er anstellt, um mich zu wecken, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich schließlich wach. Er sucht ein Gespräch mit mir – mitten in der Nacht! Offensichtlich schlafe ich noch ein bisschen. Er spricht nur französisch, sagt, dass er aus Paris komme. Woher ich käme. Na ja, Französisch-Übungen helfen vielleicht auch gegen Mitternacht. Von da und dort, antworte ich. Ob ich allein reise. Ja. Ganz klar, ich schlafe noch ein bisschen, sonst hätte ich schon längst deutlich und hellwach mein Ruhebedürfnis signalisiert. Dann fragt er mich, ob ich verheiratet bin. Was der alles wissen will! Nein. Und dann geht er mir tatsächlich an die Beine! Es steht völlig außer Zweifel, dass ich total verschlafen bin, sonst würde ich jetzt aufspringen und ihn im Meer ersäufen. So aber reicht es nur für ein »bonne nuit«. Ich drehe mich ’rum, und nun hat er wohl begriffen, dass nur er am anderen Ufer steht. Jetzt beginnt meine Nachtruhe.

20. Juni

Saint Florent – D81xD80 – Nonza – Pino – Col de Serra – Macinaggio – Erbalunga – Tour – Bastia – Tour – D31 – San-Martino-di-Lota – Alzeto (136 km)

Na, das war eine Nacht! Die nächste sollte besser sein! Zwar habe ich irgendwann schlafen können, ohne dass es regnete, und die Mücken haben mich schließlich auch in Ruhe gelassen, aber jetzt, als es zwar schwer bedeckt, aber mittlerweile richtig hell ist, kommen sie wieder. Wie soll ich das deuten? Haben sie ausgeschlafen oder fliegen sie nur wegen drohenden Regens niedrig? Einerlei, in ihrer Gesellschaft ist an Schlaf nicht zu denken. Ich packe meine Sachen und fahre los. Das ist ein hastiger Aufbruch. Ich habe nicht gefrühstückt, bin unausgeschlafen, und außerdem müsste ich dringend mal ein großes Örtchen aufsuchen – wirklich ziemlich dringend. Aber auf dem Zeltplatz, auf dem ich gestern mit dem geschäftstüchtigen Chef uneins blieb, will ich es lieber nicht versuchen.

Im Ort, d.h. noch ein Stückchen davor, halte ich an, da es jetzt tatsächlich zu regnen beginnt. Haben die Mücken doch Recht gehabt. Na ja, einerlei. Meine Probleme bestehen weiterhin. Im Moment, kurz vor sechs, ist die Tankstelle noch geschlossen. Der Patron oder Pächter schläft vielleicht noch. Ich greife mir einen Plastikstuhl, der vor seinem Büro steht, stelle ihn unter das Dach, wo ich auch mein Fahrrad geparkt habe, und beschließe, den Problemen nach und nach Abhilfe zu schaffen. Eine gründliche Inspektion des Geländes hat ergeben, dass hier keine Toilette ist – auch nichts annähernd Vergleichbares. Das wird hart. Aber da muss ich wohl durch. Also gibt’s jetzt erst mal Frühstück – Sonntagsfrühstück. Mal sehen, was in den Taschen so lagert. Ich mache es mir auf dem Stuhl bequem, und während der Regen in einen mittleren Guss übergeht, verschaffe ich mir Schwung für den Vormittag und einen Überblick über die weiteren Fahrten. Das zieht sich hin – gut Ding will Weile haben –, vor allem, weil die Planung ein bisschen spekulativ ist. Noch weiß ich nicht, von welchem Ort und an welchem Tag ich die Rückreise antreten werde. In Bastia hoffe ich ein paar neue Informationen zu erhalten. Mit der Zeit verfliegt dann auch die Müdigkeit.

Nach einer halben Stunde kommt das Personal. Der Mann nimmt kaum Notiz von mir. Anscheinend störe ich seine Kreise nicht. Sehr tolerant! Inzwischen bin ich satt, und der Regen scheint so allmählich nachzulassen. Wäre ja gut, wenn damit die Fälligkeiten für heute beglichen wären und nun das schöne Wetter begönne. Aber noch sieht’s nach einem verschlafenen, grauen Tag aus.

Ich stelle »meinen« Stuhl an seinen Platz zurück, grüße kurz den Tankwart und setze mich in Bewegung. Aber kaum bin ich richtig im Ort, stelle ich fest, dass der Sonntag zumindest in großen korsischen Ortschaften kein arbeitsfreier Tag ist, wenn sich etwas verkaufen lässt. Ein Markt hat seine Pforten schon zeitig geöffnet. Die überdachten Obstauslagen reichen bis auf die Straße. Also, warum soll ich Hunger und Durst in der Weite des Landes riskieren, wenn hier alle Vorräte aufgefüllt werden können? Kurz entschlossen beende ich die zweite kurze Etappe des Tages (das waren bisher keine zwei Kilometer!) und kaufe ein. Aber nun mit Ernst!

Kaum bin ich wieder in den Pedalen, sehe ich einen Radler aus entgegengesetzter Richtung ankommen. Und er macht den Eindruck, als wollte er anhalten. Dann gestoppt und der Konversation nicht aus dem Wege gegangen! Vielleicht hat er den einen oder anderen Tipp auf der Pfanne. Er ist Franzose. Na, dann wird es wohl eher ein Gestottere als eine Konversation. Und er spricht sehr wenig Englisch. Dafür lädt er mich zu einer Tasse Kaffee ein. Zwar ist mir jetzt nicht nach Kaffee, aber den ohnehin eher spärlichen Begegnungen will ich nicht ausweichen. Vielleicht kommen wir auf die eine oder andere Weise ja doch noch ins Gespräch. Der Mann Mitte 20 heißt Pierre, erfahre ich, und er kann einige Wörter Deutsch, aber so richtig Sätze bilden mag er wohl lieber nicht. Er erzählt mir, dass er bereits war, wo ich noch hin will, nämlich in den Bergen südlich von hier und am Col de Vergio und er ist voll des Lobes und küsst dabei seine Fingerspitzen. Es muss wohl etwas Besonderes sein, was ich mir da noch vorgenommen habe. Von Bastia nach Ponte Leccia empfiehlt er mir eine ganz besonders verschwiegene Route durch die Berge, kaum noch eingezeichnet auf der Michelin-Karte, aber doch erkennbar, und »pas de circulation«! Erst krame ich irrtümlich in meinem Englisch-Wortschatz und meine, es hätte ihn überhaupt nicht angestrengt, weil ich an »Kreislauf« denke, aber später fällt mir dann ein, dass er wohl gemeint haben muss, auf den Straßen sei nix los, also kein Verkehr. Das ist überhaupt so ein Phänomen, dass mir teilweise erst Minuten später in den Sinn kommt, was der eine oder andere so zu mir gesagt hat. Ein später Aha-Effekt leider, denn meist lässt sich dann kein Feedback mehr geben. Aber was soll’s? Da muss ich durch. Vom Col de Vergio schwärmt er, und ich kann erkennen, dass er ihn als flach und sehr leicht schildert. Der Mann muss gut sein, denke ich. Das ist ja doch der eine oder andere Höhenmeter. Ich erzähle ihm ein bisschen von meiner bisherigen Reise. Da ist ja doch bei aller Bescheidenheit schon einiges zusammengekommen.

Nachdem auch dort wieder eine halbe Stunde vergangen ist, tauschen wir unsere Adressen aus und machen uns erneut auf den Weg. Nun aber ’raus aus der Stadt, sonst erreiche ich heute nicht mal mehr Cap Corse bzw. den etwas südlicher davon gelegenen Wendepunkt der Rundroute.

Abseits aller Siedlungen und auch der Straße finde ich schließlich auch einen Platz, der mich von all meiner morgendlichen Drangsal befreit. Das Wetter will mir gleich viel freundlicher erscheinen, und während ich fühle, wie mir neue Kräfte zuströmen, beobachte ich ein Ameisenvolk auf seinem Weg. Ich betrachte die Tiere eine ganze Weile, wie sie vergleichsweise riesige Sammelstücke entlang ihres Pfades transportieren. Man könnte glauben, es handele sich um einen Umzug, denn sie strömen nicht von einem Punkt zur Sammlung aus, sondern halten sich stattdessen ziemlich strikt an den einen Pfad. Gegenverkehr scheint keine Probleme zu bereiten. Einige Fundstücke oder Güter sind zu groß für das kleine Loch, das offenbar zum aktuellen Wohnort führt; da wird dann noch eine Weile herumprobiert, und wenn’s partout nicht klappt, kommt’s an die Seite. Der nächste will seinen Kram auch noch loswerden. Aber ich kann hier nicht den ganzen Tag lang Ameisen angucken.

Wenig später gelange ich an den Abzweig, an dem man sich für den kurzen (18 km) oder langen Weg (105 km) nach Bastia entscheiden muss. Ich wähle den langen. Vom kurzen werde ich hinter Bastia noch ein Stückchen mitbekommen. Das Wetter scheint nicht nur besser zu werden – es entwickelt sich geradezu grandios. Die Sonne fegt den Himmel blau und schafft eine Sicht, dass man bis zum Kontinent schauen möchte. Ganz so toll wird es dann doch nicht, ist über dem Meer wohl auch illusorisch, aber trotzdem sind die Bläue des Meeres, der Blick auf die Désert des agriates, durch die ich gestern Abend gefahren bin, eindrucksvoll.

So fahre ich eine Weile, mal ein Stückchen weg von der Küste, dann wieder näher ’ran. Sie ist hier relativ steil. 100 Höhenmeter kommen rasch zusammen, aber besonders hoch hinaus geht es nie. An einem dieser Anstiege bemerke ich, dass hinter mir noch ein Radler unterwegs ist – ein sportlicher Typ mit sportlicher Ausrüstung (also alles leichter und deutlich weniger), aber auch deutlich älter als ich. Wir grüßen uns, und es dauert nicht lange, bis klar ist, woher er kommt: Ein Italiener. Nachdem ich meine Herkunft preisgegeben habe, stellt er sich vor: Josef. Na, das ist ja wohl nicht ernst gemeint. Also Giuseppe. Wir fahren zusammen weiter. Wahrscheinlich muss er etwas Tempo nachlassen, und wahrscheinlich trete ich etwas stärker in die Pedale, wie das vor einigen Wochen bei der gemeinsamen Fahrt mit Bruno der Fall war, aber das fällt nicht weiter auf, und zu zweit kann man sich doch einiges erzählen. Nachteilig bei solchen Fahrten ist meist nur, dass ich mich hinterher nicht mehr halb so gut an die Szene erinnere. Das war vor sechs Jahren in den USA an der Pazifikküste so, und hier wird’s mir wohl ähnlich gehen.

Ein Radler-Ehepaar begegnet uns. Was für eine Frau! Mit der würde ich auch gern eine Tour unternehmen. Aber hinter ihr fährt bereits ein Mann. Das hilft alles nichts. – Nach einigen weiteren Kilometern mit mühseliger Konversation kommen wir beide – Giuseppe und ich – darauf, dass wir beide Englisch sprechen, und von da an geht das Gespräch deutlich flüssiger vonstatten.

Weiter geht die Fahrt, und eine Bucht ist schöner als die andere, und obwohl wir bereits 20 oder 30 Kilometer von der Nordküste des Hauptteils der Insel entfernt sind, liegt sie klar wie zuvor im Mittagslicht. Na, das ist ein Tag, wie man ihn öfter haben sollte. Bei einer Pause vertilge ich meine halbgeschmolzenen Schokoladenkekse. Giuseppe hält sich zurück. Er hat mir erzählt, dass er früher Fallschirmspringer war, sich dann aber irgendwann einen Bruch zugezogen hat, der genagelt werden musste, und seither ist es mit der Springerei aus. Dann hat er bei der italienischen Notenbank gearbeitet und ist dabei auch häufig nach Frankfurt gekommen. Mit Mitte 50 hat er sich pensionieren lassen und macht jetzt Weinverkoster. Deutsch möchte er noch lernen. Na, was denn auch sonst? Und den Fotoapparat, mit dem er jetzt eifrig knipst, hat er von seiner Tochter, die in Irland verheiratet ist. Aber mit meinen Keksen hat das alles natürlich nichts zu tun. Es bereitet mir auch überhaupt keine Mühe, sie allein alle zu kriegen.

Wir nähern uns dem Wendepunkt im Norden der Insel. Dort befindet sich ein Pass. Eigentlich ist es eher ein Pässchen, gerade mal gute 300 Meter hoch, aber irgendwie muss man doch erst mal nach oben kommen. Wir schmieden Pläne, wie wir das den Daheimgebliebenen verkaufen bzw., was wir vorher daraus machen, bevor wir es verkaufen. Und so stellen wir uns vor dem obligatorischen Passschild mit Angabe der Höhe so auf, dass nur die 361 zu sehen ist, nicht dahinter die Angabe »m«. Theoretisch könnte dort also auch z.B. 3614 m stehen, und so wollen wir es dem staunenden oder ungläubigen Publikum verkaufen, auch wenn es solche Straßenpässe in Europa überhaupt nicht gibt. Und mit dem Vorhaben haben wir Glück: Da sind gerade zwei andere Radler, und die Frau macht das Foto, so dass wir beide drauf sind.

Jetzt kommt die Abfahrt nach Süden, also zuerst bergab zur Ostküste und dann unten die Fahrt in Richtung Bastia. Der Wind steht günstig, und dass die Sicht auch auf dieser Seite hervorragend ist, kann ich daran erkennen, dass mehrere Inseln, unter ihnen Elba, zum Greifen nahe liegen. Giuseppe erklärt mir, dass sich auf einer von ihnen ein Gefängnis befindet. Ja ja, wie in alten Zeiten.

Bei all der Fahrerei mache ich mir Sorgen, dass ich die Abfahrt von der Küstenroute verpasse, aber es ist nicht andauernd möglich, auf die Karte zu schauen. Giuseppe will nach Bastia, und dieses Ziel kann er gar nicht verfehlen. Alle Schilder führen dorthin; bleibt er den Bergen fern, kann er auch nur dort landen, und schließlich muss er nur dorthin fahren, wo der dickste Autoverkehr fließt. Er wird bereits 15 bis 20 Kilometer nördlich von Bastia deutlich dicker. Es kommt, wie es kommen musste: Als ich dann doch mal anhalte, sind wir am Abzweig nach San-Martino vorbei.

Was nun? Es ist nicht mehr früh am Tag. Einerseits möchte ich mich in Bastia nach dem Fährverkehr zwischen der Insel und Nizza erkundigen, andererseits erreiche ich die als landschaftlich schön deklarierte Strecke oberhalb von Bastia erst spät, wenn ich jetzt noch einen Abstecher von zehn Kilometern in die Stadt mache. Schließlich entscheide ich mich für Bastia. Nach kurzer Zeit erreichen wir so etwas wie den Marktplatz in Sichtweite des Fährhafens. Wir machen noch ein Foto und verabschieden uns dann voneinander. Ob er wohl wie versprochen schreiben und Fotos schicken wird?

Am Hafen erfahre ich tatsächlich einige überraschende Neuigkeiten. Auch von und nach Calvi verkehren Fähren, und die sind gegenüber SNCM überraschend günstig. Und in 48 Stunden fährt eine Fähre von dort nach Nizza. Was habe ich eigentlich noch für Strecken vor mir? Ein Kartenstudium und einige kritische Blicke auf meine Reiseplanung schließen sich an. Ja, das ist in zwei Tagen zu schaffen, und zwar ohne Einschränkungen. Und Zeit für die Panoramaroute bleibt auch noch – die Frage ist nur, ob ich davon noch etwas sehen werde, wenn ich nicht bald losfahre.

Also los bzw. zurück! Es dauert nicht lange, bis ich die fragliche Stelle wieder erreicht habe. Die Sonne steht schon ziemlich tief. Rasch hinauf! Die Auffahrt ist nicht steil. Es geht ausgesprochen flott. Rechts und links verstecken sich hübsche Häuschen. Wenn ich in Bastia arbeiten müsste und genügend Geld hätte, würde ich wahrscheinlich auch hier bauen. Die Siedlung ist nicht zu weit von der Stadt entfernt, ruhig gelegen weit abseits der Hauptstraße und mit einem Super-Panorama ausgestattet. Nur auf den Sonnenaufgang müssen die Leute hier etwas länger warten. Da ist der Berg im Rücken davor. Nach bereits einem Viertel der Strecke geht die Sonne unter. Zwar ist es noch allemal hell genug für die Weiterfahrt, und selten mache ich um diese Zeit Halt, aber der Kontrast fürs Fotografieren geht natürlich gnadenlos in die Knie und kaum ein Foto kann jetzt noch interessant werden.

Aber die Fahrt hier oben und so mitten im Wald macht trotzdem Spaß. Ich würde diese Strecke nicht missen wollen. Nach zehn Minuten kommt die nächste Ortschaft. Die Leute hier haben morgens eher Sonnenlicht, aber sie leben in einer dichten Ortschaft und auch so ein bisschen auf dem Präsentierteller. Trotzdem ist es eine hervorragende Lage. Nur der Weg zur Arbeit von hier dürfte etwas länger sein.

Die nächste Kurve bringt das Panorama auf Bastia. Nicht, dass ich das jeden Tag oder Abend vor Augen haben möchte, aber jetzt, wo am Abend die Lichter angehen, hat es seinen Reiz. Da, links, wieder ein Grundstück, das ich nicht verachten würde. Aber es ist verlassen. Mensch, wenn das kein Platz zum Übernachten ist! Gut, es ist noch ein wenig früh am Abend, aber die Hütte sehe ich mir doch erst mal ein wenig näher an. Da ist als erstes ein Hoftor, das zu einer großen Terrasse über dem Hang führt. Sie mag einmal von Wein beschattet worden sein, jedenfalls lassen das die Aufbauten erkennen. Übernachtungen ohne Dach – und im Moment jedenfalls rankt sich kein einziges Blatt über dem Platz – sind immer ein bisschen kritisch wegen des Morgentaus. Aber das erste Mal wär’s auch wieder nicht. Zur Sicherheit inspiziere ich das Haus. Totales Chaos, wüste Zerstörung; das hier ist nicht im Laufe der Zeit eingestürzt. Da haben mehrere Leute ihren Mutwillen getrieben. In einem der Räume steht ein altes Bett, etwas verstaubt, jedoch gut gefedert, aber in all dem Dreck bestenfalls bei Regen eine akzeptable Lösung.

Auf der Terrasse steht ein Tisch, ein steinerner Tisch. Er ist groß, in den Grund gemauert, und Platz zum Schlafen bietet er allemal. Ich prüfe die Deckung gegen Einblicke von der Straße: Na ja, es geht, aber heute Abend wird mich ohnehin kaum noch jemand sehen, weil die Dämmerung mit Macht hereinbricht. Nun habe ich gerade gesagt, ich müsste diese Aussicht auf Bastia nicht jeden Abend haben, aber da ich sie voraussichtlich nur einmal haben werde, genieße ich sie ein wenig und schreibe zwischendurch eine Postkarte. Da ist der Hafen, die vierspurige Straße (die einzige der Insel laut Karte), sogar ein Flugplatz, der vom vermutlich letzten Flugzeug des Tages gerade angeflogen wird. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust zum Schreiben; dafür ist Korsika nun doch nicht dicht genug am Ende der Welt. Ja, von Hawaii, da könnte man schon schreiben an die Daheimgebliebenen. Aber das ist heute ja auch nur noch eine Frage von 2000 Mark und starken Nerven für den endlosen Flug. Also schreibe ich eine Ansichtskarte aus Korsika. Kriegt man ja auch nicht alle Tage. Und dann ist der Tag eben einfach zu Ende und eine im Gegensatz zur letzten erquickliche Nachtruhe beginnt.

21. Juni

Alzeto – D31xD231xD64xD81 – Col de Teghime – D38 – Oletta – Col de San Stefano – D62xN193xD107 – la Marana – D107xD10xN193 – Ponte Leccia – Francardo – D84 – Col de Vergio (135 km)

Der Schlafplatz muss etwas haben. Jedenfalls ist der Sonnenaufgang schon passé, als ich wach werde. Der Tisch im Freien war allemal erste Wahl unter all den Möglichkeiten, die sich gestern Abend geboten hatten. Es hätte nur noch gefehlt, dass die Aufbauten weinumrankt und die Tischplatte ein kleines bisschen gefedert sind. Dann hätte das Anwesen weniger verlassen und heruntergekommen gewirkt, und wahrscheinlich hätte ich mich vor dem Aufwachen noch einige Male herumgedreht. So aber, auf steinernem Untergrund, ist der erste Dreher nach dem erforderlichen Schlaf auch gleichzeitig der Wecker, weil ich garantiert auf einer Stelle ohne Speck lande.

Wie gesagt, die Sonne steht schon nicht mehr dicht über dem Horizont. Es muss bereits nach sieben sein. Dann will ich nicht länger zögern. Nach den gestrigen Informationen in Bastia könnte ich morgen Abend die Fähre in Calvi besteigen. Aber dazu müssen noch ca. 250 Kilometer gefahren werden. Und es liegen einige Berge dazwischen. An sich könnte ich auf dem direkten Weg schon heute Nachmittag dort sein, aber ich will noch über den Col de Vergio und natürlich noch einmal zu einer besseren Zeit als damals in die Calanche.

Da der Ort so schön abgeschieden ist – zwar fahren vor dem Hoftor Autos vorbei, aber die können mich hier nur sehen, wenn sie wissen, dass ich hier bin, und genügend langsam fahren –, kann ich mir nicht vorstellen, einen besseren Platz zum Frühstücken zu finden. Außerdem dauert es ja immer einige Stunden, bis die volle Leistungsfähigkeit hergestellt ist. Je früher ich also die ersten Kalorien zu mir nehme, desto besser. Ich muss zu Hause mal einen Arzt nach einer Erklärung für diese enorme Zeitspanne fragen, denn wenn mir unterwegs mal das Essen ausgeht, dauert es nach einer Mahlzeit nur eine verhältnismäßig kurze Zeit, bis ich wieder einsatzfähig bin. Nur im Normalzustand vor oder lange nach einer solchen Reise ist der Kreislauf so lahm, dass ein Hungerast für den Rest des Tages ein Weiterfahren unmöglich macht.

Zum Essen setze ich mir schon den Hut auf, nehme aber sonst ein Sonnenbad. Das wird wohl ein heißer Tag, wenn die Sonne morgens schon so anfängt. Na, mir soll es recht sein. Nach dem Einpacken verliere ich weiter keine Zeit und nehme die Fahrt wieder entlang der Berge auf, gelegentlich etwas bergab, dann wieder ein Stückchen bergauf – das richtige Profil für den Morgen. Allerdings verläuft die Strecke so kurvig, dass mir nur die Küste und die Sonne Orientierung geben. Ich warte jetzt auf die D81, denn auf ihr erwarte ich wieder eine klarere Tendenz und bessere Beschilderung.

Bevor ich sie sehe, kann ich sie riechen. Das heißt, natürlich stinkt nicht die Straße. Eine Müllkippe über Bastia scheint den ganzen Dreck der Gegend in wenig professioneller Weise aufzunehmen. Aber was heißt schon professionell? Wann stinkt Müll bei diesen Temperaturen nicht? Wenn er mit Hightech aus Deutschland verbrannt wird? Fast vor meiner Haustür (in Fürth) steht ein Debakel deutscher Müllverwertungskunst, das Hersteller und zwischenzeitlichem Besitzer viel Ärger gemacht und hohe Rechnungen beschert hat. Und ein Werk dieses Kalibers würde wahrscheinlich sogar den Müll von halb Korsika zu wirtschaftlichem Betrieb erfordern und trotzdem horrende Müllgebühren voraussetzen – was letztlich zu wilden Kippen führen würde. Eine erste Auslese treffen hier die Möwen. In dichten Scharen kreisen sie um die letzten Anlieferungen. Der Gestank ist nicht sehr intensiv, aber unangenehm. So etwa könnte es in einem Krematorium riechen, vermute ich. Der Geruch soll dort auch süßlich sein. Hin und wieder erinnert mich der Gestank auch an Räucherschinken, aber ich kann mich nicht dauerhaft auf diesen Vergleich einlassen. Dafür riecht Schinken zu gut und dieser Müll zu schlecht.

Am ersten Pass dieses Tages erinnert ein Denkmal an die Kämpfe um Korsika im zweiten Weltkrieg. Es steht auch noch ein kleines, reichlich verrostetes Geschütz dort. Aber sonst ist der Pass lediglich gut als Geruchsbarriere. Eine Auffahrt in die Berge, begleitet von Müllgestank, ist nicht gerade das Angenehmste. Jetzt kommt erst mal eine Abfahrt nach Oletta. St. Florent ist schon wieder zu sehen. Weder will ich dort wieder hin noch soweit wieder hinunter. Aber Klettereien gehören ja zum Tagesgeschäft. Danach muss ich eben wieder hoch. Zwischendurch gibt es eine kleine Verzögerung, weil der Straßenrand gemäht wird und auf der schmalen Straße außer mir niemand an dem Traktor vorbeikommt.

In Oletta suche ich zuerst nach einem Briefkasten, dann beginnt wieder der Aufstieg zum nächsten Pass: Col de S. Stefano. Das ist keine lange Strecke. Oben muss ich mich entscheiden, ob ich dem Vorschlag Pierres folge und quer durch die Botanik nach Ponte Leccia fahre – durch nahezu unbewohntes und ziemliches dürres Gebiet, wo es allerdings auch schön ruhig sein dürfte – oder auf Umwegen und erst mal wieder ans Meer hinunter, durch den Trubel der Geschäftsvororte von Bastia und ein Stück am Meer entlang. Ich entscheide mich für letztere Variante, auch, weil es meiner Planung am ehesten entspricht.

Die Abfahrt vom Pass wird immer schöner. Sie heißt auf der Karte »Défilé de Lancone«. Allerdings muss ich aufpassen. Besonders übersichtlich ist die Straße mit all ihren Kurven und so eng, wie sie ist, nicht gerade. Erst im unteren Abschnitt, wo die Berge rechts und links hinter mir zurückbleiben, wird das Asphaltband breiter und überschaubar. Kurze Zeit später mündet das Vergnügen in den Horror: die vierspurige Straße vom Ausblick des gestrigen Abends. Und die schien heute morgen vom Schlaftisch aus noch so harmlos. Na, die nächsten drei oder vier Kilometer werde ich wohl schaffen; dann ist diese Piste überstanden. Und schließlich bin ich schon auf viel belebteren Straßen unterwegs gewesen.

So ein bisschen was hat dieser Beton schon von einer Autobahn. Es ist was los. Und es ist eine Werbemeile. Oder auch ein paar mehr. Jedenfalls ist sie in ein Gewerbegebiet eingebettet, das jedes Gefühl für architektonischen Anspruch oder Ästhetik vermissen lässt. – Wieder überholen mich zwei Autos, das erste ein etwas teureres Cabrio, das zweite eher ein Kleinwagen. Drinnen geht es hoch her. Die beiden Parteien scheinen sich nicht zu mögen. Etwa 100 Meter später halten sie rechts. Und tatsächlich steigen insgesamt drei Damen aus, eine davon mit Regen- oder wohl eher Sonnenschirm bewaffnet, und gehen wie die Furien aufeinander los. Also, das wäre ja glatt ein Grund anzuhalten und den Ausgang der Auseinandersetzung abzuwarten. So was kriegt man sonst nur im Kino geboten, in einem italienischen Film vielleicht. Aber unter uns: Korsika ist ja schon irgendwie fast italienisch. Man muss sich nur mal die Ortsnamen anschauen. Dann denke ich mir allerdings, dass die Frauen von einem solchen Paparazzo – immerhin führe ich sichtbar einen Fotoapparat bei mir, und warum sollte ich eine solche Szene nicht auch noch am Ende fotografieren? – wahrscheinlich sehr wenig halten dürften und ihre Aggressionen womöglich auf mich lenken würden. Das kann ich auch nicht gebrauchen. Also fahre ich vorüber, nur ein unhörbares »Mais, mesdames!« auf den Lippen.

Mit dem Abzweigen endet der Trubel. Ich kaufe mir ein paar Pfirsiche und Nektarinen – es ist wirklich der Wahnsinn, was die Leute hier für »eigene Ernte« bezahlen: Obst aus Korsika scheint auf Korsika dreimal so teuer zu sein wie in Deutschland; aber wieso nur? – und schwenke dann ein auf die Strandpromenade, die mich nun wieder in Richtung Südosten führt. Giuseppe hat mir ja gestern von Eukalyptusbäumen erzählt, die die Mücken mit ihrem Geruch vertrieben hätten. Nun gut, tagsüber sehe ich sowieso keine Mücken, und stechen tun sie auch nicht. Aber ich rieche auch nichts, wenngleich das nichts bedeuten muss. Jedenfalls hat diese Strandpromenade keinen Reiz, da sie nicht am Strand verläuft. Man sieht ihn nicht. Stattdessen lege ich mich in eine Bushaltestelle, nachdem ich mir einen Liter Milch hinter die Binde gekippt habe, was dann doch ein bisschen viel auf einmal war, und betrachte Hakenkreuz- und andere Schmierereien im Inneren des kleinen steinernen Bauwerks – schön schattig übrigens.

Am Rande bemerkt, lässt sich aus all den Einkäufen noch ableiten, dass die Gegend um Bastia sich wenig um arbeitsfreie Wochenenden schert, auch den Montag als vollwertigen Arbeitstag anzusehen scheint.

Eines der nördlichen Enden der Inseleisenbahn liegt in Bastia. Die Fahrt nach Ponte Leccia verspricht nun häufigen Kontakt mit dem Schienenstrang. Aber erst mal muss ich wieder an die Berge ran. Die Strecke ist öde. Sieht auch auf der Karte so aus. Also, dieser Abstecher war sicherlich keine Empfehlung wert. Als ich die Hauptstraße wieder erreiche (auf der ich vor anderthalb Stunden einige Kilometer in Richtung Norden gefahren bin), ist sie inzwischen zur zweispurigen Fernstraße geschrumpft. Einen Kilometer geht es noch in Richtung Süden, dann biegt sie nach rechts ins Binnenland ab. Geradeaus, nach Süden, kann man an der Küste entlang bis zur Südspitze der Insel fahren, gute 100 Kilometer.

Die Karte lässt einen Straßenverlauf streng am Fluss vermuten, aber das ist eine Täuschung. Es geht einige Male nach oben und wieder hinunter, alles in Maßen, aber eben unerwartet. Auch der Verkehr ist ziemlich lebhaft, aber das war ja abzusehen. Aus den Bergen rechts schlängelt sich die von Pierre empfohlene Straße in vielen Kurven zur Hauptstraße herab. Erörterungen, ob diese nun vielleicht oder ganz gewiss die schönere Route gewesen wäre, sind jetzt ohnehin müßig. Unterwegs begegne ich einem holländischen Radlerpaar. Wenn ich so an die letzten Tage zurückdenke, häufen sich solche Begegnungen. Offenbar beginnt langsam die Saison derer, die an keine Ferien gebunden sind.

Ponte Leccia kenne ich inzwischen ganz gut. Das ist jetzt das dritte Mal, dass ich an dem Rondell am Ortseingang vorbeikomme, an dem Supermarkt und später an der Kirche auf der linken Seite. – Nordwind stellt sich ein. So gehört sich das auch, wenn es bergan geht. Er dürfte dann noch etwas in Richtung Osten drehen. Dann wäre alles perfekt. Trotzdem habe ich fast 1300 Höhenmeter vor mir. Das dürfte für heute das 2000er Maß wohl wieder vollmachen. Aber von Pierre habe ich gehört, dass der Aufstieg beispiellos flach sein soll. Das würde es erleichtern, aber zuerst möchte ich das erleben.

Zehn Kilometer hinter Ponte Leccia biegt die Straße zum Pass rechts ab, mit ihr die Eisenbahn. Ich weiß aber, dass sie das nur tut, um Höhe zu gewinnen und dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren; denn vor einer Woche bin ich hier geradeaus nach Corte weitergefahren, und mit mir nach einiger Zeit auch wieder die Eisenbahn. Also, eine Reise ist sie wohl wert. Man müsste sich nur ein, zwei Tage Zeit nehmen, gutes Wetter erwischen und genug zu Essen und Trinken mitnehmen; denn schnell fährt das museale Stück wahrhaftig nicht. Ich fahre derweil ziemlich flott in die Berge hinein. Er ist schon fast unheimlich, dieser Rückenwind. Und das Verrückteste daran ist, dass er hoch oben über mir offenbar in entgegengesetzter Richtung bläst. Das ist kein gutes Zeichen, würde ich sagen. Es dauert noch eine Weile, und dann hat der Wind gemerkt, dass unten auch noch Platz für ihn ist: Gegenwind. Und das in den Bergen! Das kann doch eigentlich noch nicht das ganze Ungemach sein. Normalerweise bricht nur ein Tiefdruckgebiet die Regel der Schönwetterhangwinde. Wo steckt es also, wo sind die Wolken, wo der Regen?!

Einstweilen bleibt der Himmel blau. Nur hin und wieder jagen einzelne Wolken gehetzt in Richtung Osten. Auch der Aufstieg bleibt flach – wie versprochen. Das ist kein mühseliges Kurbeln. Das ist Fahren im dritten oder vierten Gang. Freilich, ich muss mich hinter den Felsen verstecken, damit ich den Gegenwind nicht abkriege; na ja, es ist nicht so sehr mein Verdienst. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Wind die Talsohle immer erst hinter mir entdeckt. Selten erwischt mich eine Böe direkt. Weil die Straße aber so schön flach ist, zieht sie sich entsprechend lange hin: 40 Kilometer weist die Karte aus. Das mache ich mir im Moment lieber gar nicht erst klar.

E.D.F. warnt wieder einmal vor Überschwemmungen. Ergo ist da oben irgendwo ein Wasserkraftwerk. Es ist auch ganz klar auf der Karte ausgewiesen. Apropos Wasser – ich könnte mal wieder ein Bad gebrauchen. Vorhin, als ich die Holländer beim Baden traf, war mir das Gewässer zu suspekt. Schließlich wusste ich, wo das schon überall langgeflossen war. Aber hier können noch nicht so viele hineingepinkelt haben. Also Wäsche. In voller Montur (ohne Socken und Schuhe allerdings) springe ich in das kühle nass. Ohne Zweifel lösen sich auch vereinzelte Schmutzpartikel von Hemd und Hose, aber mir kommen Zweifel an dieser Methode der Textilreinigung. Unter Wasser erweist sich die lockere Mikrofaser als flüchtiger Stoff, insbesondere bei Applikation von Seife, d.h., er ist nicht so recht zu fassen. Jetzt ist er jedenfalls erst mal nass – ob nachher einigermaßen sauber, wird sich zeigen. Wie trocknet man den Kram nun? Natürlich während der Fahrt. Das geht allerdings nicht bei dem, was unmittelbar zwischen Sattel und mir zu liegen kommt. Schließlich sind der Sattel wie auch mein Hintern tierisch und würden unter der Feuchtigkeit leiden. Also breite ich die Sachen auf den Steinen aus, mich daneben. Ich werde doch hoffentlich in dieser kurvenreichen Gegend keine neugierigen Blicke angesichts meiner hier unüblichen Freikörperkultur auf mich ziehen. Aber es gibt keine Unfälle. Muss ich daraus irgendwelche Schlüsse ziehen?

Als ich die Staumauerkrone erreiche, weiß ich, dass sich über mir keine Schönwetterverwirbelung verirrt hat. Das ist eine echt steife Brise, ein stürmischer Wind, ein Lüftchen, das eine regelrechte Brandung gegen die Staumauer klatschen lässt. Na, da sind wir doch lieber oberhalb des Wassers, bevor irgendetwas womöglich bricht. Ich erreiche Calacuccia. Der Ort sieht aus wie »oben«, wie geschafft für heute, vermittelt Passstimmung. Aber ach! Noch 24 Kilometer bis zum Pass, und es ist deutlich nach acht. Um wie viel Uhr will ich denn diesmal Quartier machen? Da ist nichts mehr, kein Dorf, zwei, drei kleine schwarze Rechtecke… Sollen das Häuser sein? Auch die Höhe dürfte langsam ungemütlich werden. Abends geht das ja noch, in der Nacht vielleicht ebenfalls, aber morgens? Brrr. Ach was, ich mache jetzt erst mal Pause. Vielleicht reift dann eine Entscheidung in mir. Mit Ruhm bekleckert habe ich mich auf der heutigen Strecke jedenfalls noch nicht. Ein Puddingbecher nach dem anderen wird geleert. Hinter meiner Bank verschwindet gluckernd ein reißender, aber klarer Bach im Underground, tritt ein paar Meter später als eine Art Gosse wieder zu Tage. Was wohl passiert, wenn es hier mal regnet. Dann passt er nicht mehr in die Unterführung und überflutet Bürgersteig wie Straße. Oder auch nicht. Wer weiß?

Nachdem die Vorräte übersichtlich geworden sind, die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und mir immer noch keine glänzende Idee gekommen ist, wie und wo ich die Nacht verbringen könnte, schwinge ich mich wieder in den Sattel und fahre weiter. Der flache Anstieg setzt sich fort. Wenn schon 24 Kilometer, dann rasch. Auch landschaftlich macht die Gegend was her. Es wäre schade gewesen, wenn ich aus irgendwelchen Erwägungen diese Passage verpasst hätte. Indes fegen weiterhin Wolken über mich hinweg. Sie reißen sich von einem glutrot beleuchteten Stau jenseits der Berge los. Auf der Westseite der Insel scheint ganz schön was angesagt zu sein. Der Himmel steht regelrecht in Flammen, und wenn ich von dem Wind hier auch nicht so viel mitbekomme, so muss da oben doch unheimlich was los sein. »Da oben«, das sind die höchsten Berge Korsikas, die Felsen, die etwa wie in den Dolomiten, nur nicht ganz so hoch, bis zu 2700 Meter weit in den Himmel ragen.

Licht an! Das erste Haus ist ein übersichtliches Grundstück, schlecht für heimliche Übernachtungen. Das zweite: Die Fremdenlegion! Legia Patria Nostra, grüßt es wieder von den Wänden, und ein paar Krieger stapfen durch die Dunkelheit. Fremdenlegion, das flößt mir Respekt ein. Gewalttätiges, rohes Volk, das ist ungefähr das, was mir dabei einfällt. Wahrscheinlich ein Klischee, aber was soll ich denn von Leuten erwarten, die für was auch immer in fremder Länder Dienste treten, um u.U. zu töten oder im schlimmsten Fall selbst getötet zu werden? Das dritte Haus ist ein Hotel mit vorgelagertem Zeltplatz. Nein, nun nicht mehr. Jetzt bin ich fast oben. Da werde ich mich doch nicht kurz vorher domestizieren lassen. Außerdem habe ich kein Zelt, und dieser Platz bietet keinerlei Schutz gegen Regen oder Morgentau.

In einer der letzten Kurve habe ich noch einen mondbeschienenen Blick auf den Stausee von Calacuccia. Erst halte ich ihn für einen anderen See, weil mir die Richtung abwegig vorkommt, aber im Dunkeln habe ich wohl doch schon ein bisschen die Orientierung verloren. Die Karte weist weit und breit keinen See aus. Also weiter!

Oben! Endlich! Haben wir jetzt 99 Prozent Nacht oder schon 100? Wie es sich für einen Pass gehört, ist er nackt. Und hier soll ich schlafen?! Außerdem stehe ich jetzt an der Stelle, an der der Wind von Westen ungefiltert, ungemindert und ziemlich frisch angreift. Meine Güte, was soll das werden? Ich bocke meinen Esel auf und schaue mich um. Ein Souvenirladen, ein Auto – das ist alles. Ein deutsches Auto, einer aus dem Hochsauerlandkreis. Was macht der wohl um diese Zeit hier in den Bergen? Ich trete näher. Nein, er treibt sich nicht in den Bergen herum, er schläft. Wahrscheinlich will er sich morgen in den Bergen herumtreiben. Und der Laden? Na ja, Laden ist etwas übertrieben. Es ist eine überdachte Hütte. Hinter dem Tresen ist eine Türöffnung nach Norden. Nach Süden und Osten fehlen die Wände gänzlich. Die wichtigste Wand aber steht: Nach Westen. Ich beschließe, mich hinter der Bar zur Ruhe zu legen. Die Kleiderschränke werden geplündert, der Schlafsack ausgerollt, und dann beginnt die Nachtruhe.

22. Juni

Col de Vergio – D84 – Porto – D81 – les Calanche – D81 – Porto – D81xD81b – Calvi – Fähre (über Mitternacht) – Nice – N98 – Beaulieu-sur-Mer (134 km)

Als ich erwache, ist es bereits hell. Ringsum herrscht Stille. In der Nacht war ich einige Male wach geworden, und von einem Mal aufs andere hatte sich der heftige Wind plötzlich gelegt. Jetzt bedarf es einer willensstarken Entscheidung. Es ist lausig kalt hier oben, und ich muss die schützende Hülle des Schlafsacks verlassen. Die Aussicht auf einen Sonnenaufgang und der unerbittliche Terminrahmen durch die geplante Rückfahrt mit der Fähre gibt mir schließlich ausreichend Entschlusskraft. Für den Sonnenaufgang komme ich bereits zu spät. Es ist 6 Uhr, und der Feuerball hat sich mittlerweile so weit über die Berge im Osten erhoben, dass man schon nach Sekundenbruchteilen die Augen abwenden muss. Aber noch wärmt er nicht, und noch ist er rot. Der Sonnenaufgang wird schon in zehn Minuten vorbei sein. Dann ist früher Vormittag, und die Sonne wird beginnen zu heizen. Um dabei zu sein, wenn sie damit anfängt, hole ich rasch meine Frühstücksvorräte aus dem Gepäck und rolle den Schlafsack zusammen.

Kurz vor sieben ziehe ich das Fahrrad hinterm »Tresen« hervor und breche mit dem Gongschlag auf. Mir steht jetzt eine beachtliche Talfahrt bevor: Über 1400 Höhenmeter in morgendlicher Frische auf der Schattenseite der Insel, ohne Bewegung und ohne heute schon irgendwas gemacht zu haben, das mich innerlich hätte erwärmen können. Also habe ich alles herausgesucht, was die Kleiderkammer bietet, stülpe Plastiktüten über die Hände und rolle vermummt zu Tal. Und die Strecke hat was zu bieten! In der Ferne leuchtet von Zeit zu Zeit das Mittelmeer in klarstem Blau. Besonders die Nordflanke des nach Osten verlaufenden Tals wird mehr und mehr von den Sonnenstrahlen überstrichen. In der unteren Hälfte wird auf diese Weise ein Dorf in kräftigen Farben gezeichnet: Dächer in der ganzen Farbpalette von Gelb bis Rot, die Häuserfronten weiß, obwohl sie vermutlich eher grau sind, und ringsherum der grüne Wald, der auf der einen Seite bis zur Talsohle reicht, auf der anderen hinauf bis an die Stelle, an der der Fels fast senkrecht nach oben steigt. Ein Bilderbuchmotiv! Nun müsste mir nur noch der dazu passende Spruch einfallen. Wenn sich das Wetter so hält, werden die Calanche eine Wucht!

Auf der Abfahrt begegnen mir einige Radfahrer, die sich den Aufstieg auf den frühen Morgen gelegt haben. Abgesehen davon, dass es um diese Zeit noch nicht so gut um die Energiereserven bestellt ist, kann man es ja ruhig angehen und gerät nicht so in die Hitze des Tages hinein – selbst wenn sich die Auffahrt über drei oder vier Stunden hinzieht (es geht immerhin von 0 auf 1400). Die Saison der Pedalritter naht ihrem Höhepunkt offenbar früher als die der Motorisierten.

In Porto bin ich mit den Örtlichkeiten bereits vertraut. Angesichts des tollen Wetters und der Uhrzeit stellt sich die Frage natürlich nicht, ob ich direkt nach Calvi fahre oder vorher noch mal die Calanche ins Visier nehme. Allerdings will ich die 400 Höhenmeter nicht mit vollem Marschgepäck unternehmen. Darum suche ich mir ein gutes Versteck und deponiere dort meine Taschen. Und dann geht’s los. Berg bleibt Berg, aber mit 20 kg weniger fühle ich mich schon so ein bisschen von der Leine gelassen. Der Eindruck verstärkt sich angesichts der überraschend zahlreichen und meist weniger schnellen Urlaubsradler, die offenbar ihren Standort in Porto haben und nun mal einen Fitnessausflug nach Piana unternehmen. Das ist durchaus ambitioniert für diejenigen, die eine solche Fahrt einfach »mal so« machen. Unter ihnen sehe ich auch einen höchstens zehnjährigen Jungen, der mit seinem Vater die Höhen tapfer erklimmt. Respekt! Ob er wohl später genauso gern Fahrrad fährt?

Nach einer knappen Stunde habe ich die Szene erreicht. Ich bin wahrhaftig nicht allein: Radfahrer, Motorräder, einige Autos – wo Platz ist, da stehen sie, und ihre Fahrer klettern herum, wo Amateure sich gerade noch bewegen können, ohne sich das Genick zu brechen. Am gefährlichsten ist wahrscheinlich immer noch die Straße, denn dort spazieren einige Fußgänger, als befänden sie sich nicht auf einer unübersichtlichen Fernstraße, sondern auf irgendeinem Boulevard. Ich fahre erst mal durch bis zum oberen Ende der Calanche und dann langsam wieder zurück. Das nenne ich gute Bedingungen zum Fotografieren! Eine Sicht, gut wie selten, eine Beleuchtung, die scharfe Konturen zeichnet, na, und das Wetter ist selbstredend brillant. – In der gleichen Richtung wie ich ist ein Motorradpärchen aus Osnabrück auf dem Weg. Wir tauschen ein paar Eindrücke aus, und auf dem Weg in den unteren Teil der bizarren Felsszenerie sehen wir uns einige Male. Ich bewundere den Pioniergeist der Erbauer dieser Straße. Häufig ist sie fast wie ein Schwalbennest an den Feld geklebt worden, jedenfalls musste die Talseite oft meterhoch gemauert werden. Die Landschaft sieht nicht aus, als hätte sie ewig Bestand. Einige Felsformationen sind deutlich erodiert und ragen nur noch wie ein Pilz oder Baum in die Höhe. Wenn ihnen die Basis eines Tages ganz wegbricht, werden sie entweder in die Schlucht oder auf die Straße stürzen.

Auf der Fahrt zum unteren Ausgang der Calanche sehe ich wieder Arbeiter beim »Mähen« des Straßenrandes. Es scheint geradezu ein Hobby zu sein, so unverdrossen sind die Orangekittel bei jeder Tageszeit und -hitze auf der Piste. Für mich ist das besonders gefährlich, denn in diesem felsigen Terrain wächst kein Gras am Straßenrand, sondern nur Dornenpflanzen. Gemäht verteilen sie sich auf der ganzen Straße, und bei der letzten Fahrt entlang der Westküste habe ich mir ja die erste Panne dieser Tour eingefangen. Das wäre heute ganz unpassend, denn Verzögerungen möchte ich im Hinblick auf die Abfahrt der Fähre nicht haben.

Auch die Abfahrt nach Porto gibt mehr her als beim letzten Mal. Obwohl kaum Wind weht und die See ruhig scheint, schäumt die Brandung heftig und versieht die Küste und jeden Stein, der aus dem Wasser ragt, mit einem weißen Saum. Möglich, dass sich der Wind der letzten Nacht noch auswirkt. Auch die nächsten 40 Kilometer der Route kann ich jetzt viel klarer überblicken. Aber die kenne ich ja schon. In Porto lade ich mein Gepäck wieder auf, kaufe noch ein und mache mich wieder an den Aufstieg. 400 Meter ist das Höchste, was mich heute noch erwartet, keine wilde Angelegenheit also, und ich freue mich schon auf die spiegelglatte Abfahrt vom Pass.

Die Fahrt bis zum Abzweig nach Galeria wird dann auch wirklich nicht aufregend. Respektvoll fahre ich an jedem Blatt und jedem Zweig vorüber, die auf der Straße liegen, damit sich die Story nicht an derselben Stelle wiederholt. Eine Panne bleibt mir dann auch dieses Mal erspart. Trotzdem ist es diesmal anders. Auf den ersten 20 Kilometern geben die Küstenberge immer mal wieder den Blick auf die Calanche und Capo Rosso frei, also die Ziele dieses Morgens, aber im Gegensatz zur Fahrt vor drei Tagen liegen sie jetzt zum Greifen nahe. Die Sicht ist exzellent.

Immer mal wieder überschlage ich, mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit ich den Rest der Strecke fahren müsste, um pünktlich zur Abfahrt der Fähre zu kommen. Dieser Wert schmilzt sichtlich dahin. Als ich die D81b erreiche, ist es schon fast ein Spazierschritt. Mir fällt ein, dass ich mich bald endgültig vom Meer verabschieden werde. Spätestens morgen geht es in die Alpen, und dann ist Baden höchstens noch in Seen und Flüssen möglich, aber nicht mehr in der See. Also, wie wär’s? Links lockt das Meer. Jetzt brauche ich nur noch einen leeren Strand. Und darauf muss ich nicht lange warten. Nach wenigen Kilometern bietet sich dem Auge ein grauer Streifen von mehr als einem Kilometer Länge. Er ist nicht das, wovon Südseeurlauber träumen. Er ist weder weiß noch fein, aber ich komme dort ins Wasser, ohne mir notwendigerweise die Knochen zu brechen, und ich werde niemanden in Verlegenheit bringen, nur weil ich keine Badehose habe. Entschlossen lenke ich mein Gefährt in Richtung Brandung. Und die hat ihren Namen heute wirklich verdient. Die Brecher sind nicht von schlechten Eltern. Während ich mich fertig mache, nähert sich von rechts ein älteres Paar. Na gut, wenn Ihr noch vorbei wollt. Aber sie wollen nicht. Also, wisst Ihr, der Strand ist doch wirklich groß genug. Da kann ich Euch nun wirklich nicht helfen. Entschlossen lasse ich die letzten Hüllen fallen, und mir ist egal, was sie darüber denken. Meine Schuhe stelle ich außer Reichweite der Wellen und beschwere einen davon noch mit der halbgefüllten Trinkflasche.

Auf dem Weg ins Wasser wird mir klar, was da vor mir los ist: Das sind die Reste eines Sturmes. Und prompt haut mich der erste Brecher in den Kies. Mir fällt ein Bericht über Surfen auf Hawaii ein, in dem davon die Rede war, wie gefährlich das Wellenreiten sein kann, wenn man unter die Wassermassen gerät. Na ja, aber fünf Meter hoch ist es hier ja nicht. Das sind höchstens anderthalb Meter. Aber immerhin. Es hat bis zu meinen Schuhen gereicht und einen von ihnen ein Stück mitgerissen, so dass ich hastig zurück an Land gehe und sie noch ein gutes Stückchen weiter in Sicherheit bringe. Zweiter Anlauf: Ich muss eine Serie der kleineren Wellen zwischendurch abpassen, um einigermaßen ungefährdet ins tiefe Wasser zu gelangen. Dann, sobald sie sich nicht mehr brechen und ich immer oben schwimme, stellen sie keine Gefahr mehr dar, und ich muss nur noch aufpassen, ob es Strömungen oder Winde gibt, die mich eventuell vom Ufer wegtreiben könnten – Ankunft in Gibraltar in vier Wochen.

Das Bad dauert nicht lange. Erstens ist es mir wirklich zu unsicher, hier einfach ein Stückchen hinauszuschwimmen, zweitens habe ich meine Abkühlung, und drittens habe ich heute ja noch einen Termin in Nizza. Also lasse ich mich wieder ans Ufer spülen, ziehe mich an und trete die Weiterfahrt an. – Die Landschaft ist hier nicht aufregend. Es ist zwar nicht langweilig, aber es gibt keine Siedlungen, keine außergewöhnlichen Berge, lediglich einige Umwege immer an der Uferlinie entlang. 146 Meter hoch ist die höchste Erhebung. Bemerkenswerte Dinge passieren nicht. Ich bin fast froh drum. Kurz vor Calvi sehe ich am Straßenrand einen Augsburger Mercedes stehen, und sein Besitzer nimmt mit einer Videokamera das Innere seines Wagens auf. Das muss ein rasend spannender Urlaubsbericht werden, wenn er sonst nichts zu filmen hat.

In Calvi besorge ich mir mal wieder Geld, und da noch reichlich Zeit ist, beschließe ich einen größeren Einkauf. In Nizza wird’s zu spät dazu, und wann’s danach mal was wird, weiß ich nicht. Allerdings muss ich den Supermarkt erst eine Weile suchen.

Der Ort ist voll auf den Fremdenverkehr eingestellt. Er ist an sich nicht sehr groß, aber der Hafen verleiht ihm Bedeutung, und die Zahl der Restaurants und Andenkenläden ist immens. Nirgends ist viel los, und das Personal langweilt sich sichtlich, aber vorerst habe ich dafür keine Blicke, weil jetzt erst mal die Tickets wichtig sind. Wo sich der Hafen befindet, ist offensichtlich, nur von einer Fähre ist noch nichts zu sehen, und so muss ich erst mal die richtige Stelle finden. Dort ist erstaunlich wenig los, wenn man bedenkt, dass es eigentlich kaum noch eine Stunde bis zur Abfahrt der Fähre ist. Jedenfalls ist keine Fähre da. Beim Ticketkauf erfahre ich dann, dass das Schiff erhebliche Verspätung haben wird. Na, damit werde ich dann wohl leben müssen.

Außer mir wartet am Hafen ein Tramper, der, wie sich herausstellt, aus dem Elsaß stammt und nahezu perfekt deutsch spricht. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Reisen, wobei er naturgemäß öfter mit Einheimischen in Kontakt kam und dabei auch einige Abenteuer erlebte. Dieser Mann bringt nun bei einer Angestellten von Corsica ferries (die nebenbei bemerkt aus Bayern stammt und ihre Muttersprache nicht erkennbar verlernt hat) den Grund für die Verspätung in Erfahrung: Sturm auf dem Mittelmeer. Na, das ist ja zum Lachen. Fast könnte man sich spiegeln im Wasser, und keine Welle ist weit und breit zu sehen. Aber er erzählt mir, am Vortag sei die Fähre ganz ausgefallen, und die Wellen seien teilweise über fünf Meter hoch gewesen. Auch heute noch sei draußen »was los«. Man erwarte jederzeit die Abfahrt in Nizza. Die Abfahrt! In Nizza! Das kann ja heiter werden. Nun ist also wirklich noch Zeit, und ich beginne damit, zwei Postkarten zu schreiben. Auf keiner Reise habe ich so ungern Reisepostkarten geschrieben. Vielleicht liegt das daran, dass Frankreich gängiges Touristenland ist und wahrscheinlich niemand sonderlich vom Hocker gerissen wird, wenn er von dort eine Karte kriegt. Warum also welche schreiben? Aus Gewohnheit. Bevor ich also mit dieser kommunikativen Übung beginne, öffne ich die Dose für Härtefälle mit den Bohnen und etwas Fleisch, damit ich sie nicht womöglich noch durch die Alpen schleppe. Der Inhalt sieht ziemlich undefinierbar aus und schmeckt auch so. Nach der halben Dose denke ich mir, ich könnte ein gutes Werk an den herumstreunenden und bettelnden Katzen tun, aber sie finden keinen Gefallen daran. Das Zeug scheint sogar deren Geschmack zu beleidigen. Wenn ich keine Lebensmittel vernichten will, darf ich dann diese Dose wegwerfen? Schwer zu sagen.

Die nächste Übung gilt dem Aufspüren eines Briefkastens. Daraus wird dann tatsächlich ein Stadtrundgang zu nächtlicher Stunde. Nach langem Auf und Ab durch die Gassen und Straßen Calvis finde ich, was ich suche, und eile zurück; denn als ich mein Fahrrad zurückließ, hatte ich nur von zehn Minuten gesprochen.

Schließlich kommt die Fähre nach 22 Uhr an. Und dann muss es plötzlich ganz schnell gehen. Trotzdem ergießt sich eine endlose Autoschlange aus dem eisernen Rumpf. Wir gehen an Bord, ich suche mir einen Platz und mache mich lang. Schließlich brauche ich auch in dieser Nacht meinen Schlaf, und wenn das erst nach Ankunft der Fähre losginge, würde ich morgen erst am späten Vormittag aufbrechen können.

Und tatsächlich schaukelt das Schiff! Es lässt sich aber aushalten. Der Tramper stellt noch Überlegungen darüber an, wo er in Nizza schlafen will, und ich höre eine Weile zu; denn er scheint nicht sehr anspruchsvoll zu sein. Aber dann wird es immer weniger interessant, und schließlich ist mir alles egal. – Bei der Ankunft um 1.40 Uhr werde ich jedenfalls geweckt. Vielleicht hat der Schlaf ja geholfen. Jetzt muss ich auf alle Fälle richtig wach werden, denn nun komme ich wieder auf die Straße, und wenn da auch nicht viel los ist, so muss ich doch ein Lager suchen. Da der Tramper am Strand schlafen will, der ziemlich gut einsehbar ist und wo ich meinen ganzen Kram lieber nicht abstellen will, trennen sich unsere Wege. Außerdem geht er in Richtung Westen, mein nächstes Ziel liegt jedoch im Osten.

Die Fahrt führt mich durch nächtlich leere Orte, und es ist mal eine ganz andere Fahrt. Ab und zu kommt ein Auto, aber davon abgesehen herrscht Stille. Immer so weiter möchte ich allerdings nicht fahren; denn nachts ist nicht so viel zu sehen wie tagsüber. Die dicht besiedelte und -bebaute Küste bietet jedoch kaum Stellen, die auch bei Tagesanbruch noch schwer einsehbar sind, und so bin ich fast eine volle Stunde unterwegs, bis ich hinter Beaulieu neben einem kleinen Parkplatz auf einer »Wiese« (einer Fläche mit etwas Gras und ziemlich viel Müll) ein Plätzchen finde. Na gut, machen wir heute halt mal ein Kontrastprogramm mit leicht abgesenktem Komfort.

23. Juni

Beaulieu-sur-Mer – N98 – FxMonaco – Monte-Carlo – MonacoxF – N98xN7 – Menton – D2566 – Col de Castillon – Sospel – D2204 – Col de Brouis – D2204xN204 – Saorge – Tende – Col de Tende (118 km)

Das Erwachen ist etwa so, wie ich mir das gedacht habe. Gegen 8 Uhr höre ich das erste Mal Autos oben vorbeifahren. Einerlei, die Nacht war einfach zu kurz. Da muss mehr drin sein. Also drehe ich mich noch einmal um. Aber der Schlummer will sich nicht wieder einstellen. Die Stelle ist auch irgendwie nicht das, was man lauschig nennt. Sie liegt halt unterhalb der Straße, sogar noch unterhalb eines kleinen Parkplatzes, und dass ich nicht auf einem Müllhaufen liege, ist nur darauf zurückzuführen, dass ich ihn in der Nacht mit den Füßen etwas beiseite geschoben habe. Das Papier findet sich nun also neben meinem Schlafsack.

Das Frühstück findet statt wie immer, doch dann stellt sich ein besonderes Problem ein. Ich habe bedauerlicherweise auf der Fähre versäumt, »größere Besorgungen« zu erledigen, und diese drängen nun unaufschiebbar. Der Platz ist zwar nicht ideal, aber es geht so. Doch da naht Ungemach: Ein Auto hält auf dem Parkplatz, und ein junger Mann steigt mit zwei kleinen Hunden aus. Sie sind das, was man sich gewöhnlich unter Schoßhündchen vorstellt, und er scheint so etwas wie ein Angestellter für die weniger feinen Angelegenheiten der herrschaftlichen Tiere zu sein. Aus Monaco ist er extra dafür angerauscht. Nun geht er am Geländer des Parkplatzes auf und ab und wartet auf die Schlüsselereignisse. Ich warte auch. Solange der da oben rumrennt, habe ich hier unten quasi keine freie Hand. Und es scheint, dass es den Hunden mit mir ebenso geht. Sie wollen nicht. Oder können nicht. Und treten von einem Bein auf das andere. Nun hau endlich ab, denke ich in meiner Not. Irgendwann wird es dem Mann schließlich zu blöd, er lädt seine Zamperl wieder in den Wagen und düst davon. Und so kann wenigstens ich meine Situation verbessern.

Die Küste gefällt mir nicht besonders. Sie ist in erster Linie Durchgangsstraße. Zwar gibt es in Eze mal eine Passage, wo die Hauptstraße durch einen Tunnel geführt wird – da ist dann für wenige Minuten Ruhe –, aber das ist eher die Ausnahme. Dabei ist diese Straße mitnichten der einzige Verbindungsweg zwischen Ost und West. Da ist noch die N7 oberhalb der Berglinie, die das ganze Hinterland meinen Blicken entzieht, dahinter verläuft die D2564, dann kommt die A8, und zumindest bis kurz vor Monaco kann man auch noch ganz hinten die D2204a benutzen. So viele Stränge deuten auf viel Verkehr. Hier, auf der N98, geht es noch, aber trotzdem ist immer etwas los. An dieser Straße möchte ich nicht wohnen, und die Strände würden mich dafür auch nicht entschädigen. Erstens sind sie nicht einsam, auch jetzt, vor der Saison, nicht, zweitens hört man auch dort die Straße, jedenfalls bei Windstille, und drittens sind sie nicht so toll. Ich hatte das ja schon vor Nizza erfahren. Mit solchen Betrachtungen erreiche ich schließlich Monaco.

Man ist auf einmal da. Da ist keine Stadtmauer zu sehen, kein Schlagbaum, da sind keine Kontrollen, jedenfalls keine sichtbaren (man erzählt mir später von Videoüberwachung), und es ist auch nicht so, dass Monaco quasi auf dem Acker beginnt: Eine Stadt geht praktisch fließend in die andere über. So, und wo verschaffe ich mir nun den Überblick? Ich habe ein weiteres Land meiner Reisesammlung hinzugefügt, das kann ich also abhaken; ich könnte jetzt weiterfahren und mich dabei auf all die wahren Herausforderungen berufen, aber nun bin ich einmal hier. Da möchte ich wenigstens sagen können, wie diese Stadt ungefähr aussieht, was sie prägt. Nach einigem Herumkurven zeigt sich, dass am Hafen ein recht guter »Unterblick« besteht. Freilich, es ist die Perspektive eines Darstellers auf das aufstrebende Halbrund eines Amphitheaters, nicht die der Zuschauer herunter auf die Spielfläche. Man sieht die Dinge eben aus der Froschperspektive. Die Fußballplätze, die da angeblich auf dem Dach zumindest eines Hochhauses existieren, werde ich von hier aus nicht erkennen können, aber allein deswegen fahre ich gewiss nicht in die Berge.

Mit dem Rücken zum Meer erhebt sich eine Betonwüste vor mir bis in die Berge. Sie hört auf, wo die Grenze zu Frankreich verläuft. Rechts liegt eine Yacht neben der anderen im Hafen, eine größer als die andere, jedoch alle ziemlich unproduktiv, nicht mal als private Sonnenbank benutzt. Na ja, Hauptsache, der Fiskus kriegt nichts. Links befindet sich die Burg, der Sitz der monegassischen Herrschaftsfamilie. Nachdem auch sie nicht mit Stacheldraht und hohen Mauern umgeben ist, will ich mir die Zeit nehmen, sie ein wenig zu erkunden. Vorher gibt’s zweites Frühstück. Ich unterhalte mich mit einem Lehrer einer Sprachschule. Die Kinder unterschiedlichen Alters sprechen französisch und englisch durcheinander; für die meisten scheint Englisch die Fremdsprache zu sein: »You should say: ›I beat you‹« verbessert der Lehrer einen Jungen, der beim Kartenspiel ein anderes Wort (»hurt« oder »hit«) benutzt hat, um seinem Gegenüber klarzumachen, dass dessen Lage hoffnungslos sei. In den paar Minuten erfahre ich einiges über die Besonderheiten des Fürstentums und seiner Bewohner.

Die nächsten Erkundungen führen mich zu Fuß die Treppen der Burg hinauf. Ich komme mir wie ein Invalide vor und werfe hin und wieder besorgte Blicke zu meinem Fahrrad hinunter. Als ich oben erkennen kann, dass auch Autos zur Burg fahren, beschließe ich, meinen Besuch mit dem Fahrrad fortzusetzen. Als ich damit jedoch am Fuß der Auffahrt ankomme, werde ich von einem Polizisten in eine andere Richtung gewiesen. Sollten die keine beräderten Besucher mögen? In der Tat fahren nur monegassische Fahrzeuge auf dieser Straße. Ich muss einen Trick anwenden, um schließlich doch auf diese Straße zu gelangen, und es schickt sich dann auch niemand an, mich an der Weiterfahrt zu hindern.

Man ist hier oben trotz dieser harten Restriktionen auf viele Besucher eingestellt, und zuverlässig kommen die Lemminge. Vor dem Palais stehen sie geduldig Schlange, um sich die herrschaftlichen Räume anzusehen oder das, was sie dafür halten. Ich würde ja nicht die halbe Welt durch mein Zimmer laufen lassen – auch nicht für Geld. Folglich würde ich den Besuchern irgendwas anderes zeigen. Jede Wette, dass die das in Monaco auch so machen.

Auf dem Platz vor dem Palais ist es schattig. Nach allen Seiten sind Kanonen ausgerichtet, daneben Stapel mit Kugeln, die zusammengeschweißt sind, damit sie keiner klaut oder sonstigen Unfug treibt. Ein gediegenes Maß an Touristenhändlern bietet Waren des »touristischen Bedarfs« feil. Ich setze mich auf eine Bank, und weil mir nichts Besseres einfällt, esse ich mal wieder was. Neben mir sitzt ein Einheimischer mit seinem Hund. Es ist ein ziemlich großes Tier, sieht friedlich aus und macht auch einen sehr geduldigen Eindruck. Diese Geduld braucht es auch; denn es naht eine Amerikanerin à la Nancy Reagan. Sie findet den Hund »so wonderful«, möchte ihn unbedingt mal streicheln und stellt dem Mann allerlei Fragen, auf die sie keine Antwort erwartet. Sie ist so einzigartig amerikanisch, dass ich gleich all meine guten Erfahrungen aus den USA über Bord werfen und in alte Vorurteile zurückfallen möchte. Als sie wieder abzieht, blickt der Mann zu mir herüber, und wir verstehen uns schweigend.

Da hier nicht viel passiert und mein opulentes Mahl beendet ist, schwinge ich mich wieder auf meinen Transporter und fahre – auf einer anderen Route – zurück zur Abfahrt. Als ich an einer Kirche vorbeikomme, in der sich offenbar alle sakralen Ereignisse des Fürstenhauses abspielen, halte ich noch mal an und mache einen kurzen Rundgang; denn drinnen hört man die Orgel einen französischen Romantiker spielen. Allerdings ist das Instrument bereits verlassen, als ich in das Schiff trete. Die Kirche ist im Übrigen ganz nett, mit poliertem Boden, aber ein wenig zum Rundkurs degradiert, damit die Touristen auf ihrem Weg durch das Gemäuer möglichst selten zusammenstoßen. Ich bin bald wieder draußen.

Nun geht’s eigentlich nur noch aus Monaco heraus. Ich benutze dazu am Hafen entlang teilweise den legendären Formel-1-Kurs und komme dabei immer mehr zu der Auffassung, dass die Stadt im Grunde nur ein großes Gebäude mit vielen eingebauten Straßen ist. Ich habe nicht das Gefühl, irgendwo etwas Urwüchsiges zu sehen, etwas, das nicht zurechtgemacht ist, eine Straße mit Straßengraben wenigstens. Nichts dergleichen. Man hätte das alles aus einem großen Fels oder Betonstück herausmeißeln können. Damit will ich nicht sagen, dass es schlecht aussieht. Aber es fällt halt auf. Auffallen tun mir auch einige Menschen. Es kann jedoch sein, dass ich hier nur besonders aufmerksam diejenigen registriere, die mittags vom Tennisplatz kommen, obwohl Wochentag ist, und danach das Handy herausziehen, um sich über die aufregenden Ereignisse auf der Asche oder ähnliche spannende Abenteuer auszutauschen.

Nach ein paar Schleifen ist es dann soweit: Ortsausgang. Eingang zum nächsten Ort. Mir kommt wieder in Erinnerung, dass ich ja in Nürnberg anrufen wollte, um einen Blutspendetermin auszumachen, möglichst am Montag, am Tag meiner Rückkehr aus dem Urlaub. Es ist zwar ein bisschen gewagt, gleich am ersten Tag zu spät zur Arbeit zu kommen, dann noch mit verbundenen Armen, auch im Räuberzivil beim Roten Kreuz aufzutauchen, aber wenn die Reise durch Deutschland am Ende fade sein sollte, hätte sie so noch einen kleinen Kick. In Menton, kurz vor meinem endgültigen Abschied vom Mittelmeer und der Côte d’Azur, finde ich eine Telefonzelle und rufe an. Ich werde zur Blutabnahme verbunden, Sabine geht ’ran. Warum kann nicht Angela ’rangehen? Aber das frage ich nur mich. Ist nicht zu ändern. Und zu allem Überdruss verkündet Sabine, dass am Montag schon nichts mehr geht. Alles voll. Na ja, war ja nur so ’ne Idee. Von wo ich anrufe? Aus Monaco. Is’ nicht wahr! Aber ja doch! So ganz stimmt das zwar nicht mehr, aber ich werde doch jetzt keinen Geographie-Unterricht geben. Sie fragt, ob ich nicht etwas mitbringen könnte, etwas Kleines, ein Stückchen Asphalt aus der Formel-1-Strecke. Das geht nun sowieso nicht, weil ich ja dort nicht mehr bin, aber weil ich das nicht zugeben will, argumentiere ich mit der Beliebigkeit von Teer und all den Bergen, über die ich den Schotter schleppen müsste. Aber sie könnte Piniensamen bekommen. Davon hätte ich sicherlich ein paar Exemplare übrig. Die will sie aber nicht. Dann eben nicht.

Mir ist durchaus klar, was jetzt vor mir liegt. Die Strecke nach Norden ist voller Musik. Will heißen, dass da einige Hindernisse auf mich warten, wie ich sie zumindest in Korsika nicht hatte. Lediglich der Mont Ventoux wird da gerade noch mithalten können. Und jetzt bin ich unten. Ganz unten, am Meeresspiegel. Also nicht lange ’rumgemacht, sondern los!

In Menton verläuft die A8 weit im Hinterland. Als ich unter der hohen Brücke hindurchfahre, wird verständlich, wieso hier Maut verlangt wird. Das dürfte eine kostspielige Trassenführung sein. Immerhin, schon jetzt habe ich einen Blick auf das Meer, also ein klein wenig an Höhe gewonnen. Und nach einem weiteren Kilometer liegen auch die letzten verwirrenden Kreuzungen hinter mir, so dass es nun nur noch immer geradeaus geht – all die Schleifen natürlich berücksichtigt. Die Karte verheißt mir für den ersten Pass eine Besonderheit. Da gibt es einen Tunnel, der gegenüber dem eigentlichen Pass ca. 150 Höhenmeter spart. So ein Tunnel ist an sich nichts Attraktives. Aber ein Pass in 700 Metern Höhe hat auch nichts Spektakuläres. Ich traue dem Braten nicht. Da wird bestimmt wieder eine Extrarunde für Radfahrer drin sein.

Vorerst aber habe ich Gelegenheit, mir Gedanken über eine merkwürdige Brücke oben in den Bergen zu machen: Das sieht aus wie eine Wendeschleife, eine klassische Konstruktion für Bergbahnen. Aber ich habe auf der Auffahrt keine Bahnlinie gesehen, und die Karte weist auch keine aus. Für eine Straßenschleife ist sie aber zu filigran, zu schmal, und sie wäre von der Anlage her auch völlig unüblich. Man kann selbst großen Lastzügen einen viel engeren Wendekreis zumuten und baut diesen auch so gut wie nie auf eine Brücke, sondern immer so weit wie möglich in den Berg hinein, zur Not außen noch etwas aufgeschüttet oder gemauert. Eine viertel Stunde später habe ich ihre Höhe erreicht, und es wird klar: Hier war mal eine Bahn, wahrscheinlich ein Opfer des letzten Krieges. Die Brücke scheint noch intakt zu sein, das Betreten ist allerdings verboten, und sowohl Zu- als auch Ausfahrt der Schleife liegen jetzt unter der Straße.

Wenig später komme ich an die Gabelung der Straße. Wie vorausgesehen, ist der Tunnel für Radfahrer gesperrt. Gleichmütig biege ich nach rechts ab; es sind ja nur 150 Höhenmeter, und sie sind zu überblicken. Da muss man eben eine halbe Überstunde einlegen. Vielleicht sehe ich auf diese Weise noch ein letztes Mal das Meer. Außerdem wäre die Tunnelfahrt für mich tatsächlich etwas heikel; denn mein Rücklicht funktioniert nur sehr gelegentlich, und das wäre mir im Dunkeln doch sehr peinlich.

Doch auch hier bekomme ich meinen Tunnel, wenn auch nur einen ganz kleinen, vielleicht 20 Meter langen, ganz oben. Danach geht’s dann dafür umso länger in die Tiefe. Wie tief Sospel liegt, weiß ich nicht, aber mehr als 400 Meter über dem Meeresspiegel werden es wohl nicht sein. Allerdings weiß ich, dass dieser Ort nur eine Senke auf meinem Weg nach oben ist. Es wird also gleich wieder hinaufgehen – ich kann mir die Richtung aussuchen.

Im Dorf möchte ich aber erst mal meine Getränkevorräte auffüllen; denn die Auffahrt fällt auf die heißeste Stunde des Tages. Im Laden hat man gerade auf mich gewartet. Der ist nämlich geschlossen. Das heißt, so richtig ist er nicht geschlossen, die Jalousie ist nur halb herabgelassen. Man sieht mich, wie ich unschlüssig vor der Tür stehe – und bittet mich herein. Na, und dann habe ich auch noch Sonderwünsche, will nicht irgendeinen Saft, sondern Apfelsaft. Nach einigem Suchen findet der Inhaber das Gewünschte; mit einem Literkarton kann er zwar kein großes Geschäft machen, aber immerhin Sportsgeist zeigen. Solcherart gerüstet, verliere ich keine weitere Zeit und mache mich an den zweiten Pass des Tages. Auf der Karte sind es gleich zwei Pässe, aber was dazwischen liegt, kann ich nicht erkennen. Als ich dann die Stelle erreiche, wo der erste Pass sein soll, ist da – nichts. Es geht einfach weiter nach oben. Kein Schild, kein Tal… wo ist der Pass? Einerlei. Dann muss ich zum nächsten Scheitelpunkt nicht so weit nach oben. In meiner Ratlosigkeit halte ich am Straßenrand zum Wasserwechsel und werde dabei von zwei Rennfahrern überholt. Mit denen kann ich ohnehin nicht konkurrieren. Wirklich nicht? Am Pass habe ich sie jedenfalls wieder eingeholt. 879 Meter halten sie für wert, anzuhalten, innezuhalten, sich ihre Leistung bewusst zu machen, vielleicht die Brust schwellen zu lassen und schließlich die Kleider zu wechseln. Damit halte ich mich doch gar nicht erst auf, sondern fahre ohne Zwischenstopp wieder nach unten – auf der anderen Seite, versteht sich.

Diesmal ist die Höhendifferenz deutlich größer: Es geht von weiter oben nach weiter unten, und es geht mächtig steil los. Dass Michelin darüber ohne Hinweis hinweggeht, ficht mich mal weniger an – der Weg führt schließlich nach unten. Im letzten Drittel wird im Tal Breil sichtbar. Der Ort scheint an einem See zu liegen, der wie ein dunkelgrünes Auge aus der Tiefe heraufblickt. Allerdings lasse ich Ortschaft und See rechts hinter mir liegen; durch Breil werde ich auf der Rückfahrt vom Col de Tende fahren. Da kann ich jetzt meine Neugier zügeln. Außerdem muss ich mich langsam mit den Chancen auseinandersetzen, heute noch 1500 Höhenmeter und mindestens 40 Kilometer unter die Räder zu nehmen. Das Sonderstück um den nächsten Pass herum fange ich heute entweder gar nicht erst an, oder ich vollende es auf Gedeih und Verderb. Ersteres wird eine Trödel-Tour, auf der ich das Fahrrad für den Rest des Abends im Prinzip schieben könnte. Letzteres läuft auf eine Viecherei hinaus, die mich bis in die späte Nacht auf den Beinen halten wird. Wofür entscheide ich mich? Gar nicht, ich kenne die Perspektive – das muss reichen.

Einstweilen mache ich gute Fortschritte. Ein flotter Rückenwind bläst mich durch die Gorges de Saorge, und diese Felsschlucht ist sehenswert. Sie ist so eng, dass für die Straße an einigen Stellen zusätzlich Platz geschaffen werden musste. Und an einem Tunnel wird gebaut. Die Baustelle ist beeindruckend, und es ist auch ganz schön was los. Zwischen den Felsen der Schlucht habe ich oben in den Bergen, gerade mal von all den Kurven dem Durchblick freigegeben, ein Dorf gesehen, Saorge, fast unwirklich in seiner Höhe und von der Abendsonne beleuchtet, wohingegen es hier unten schon ganz schön schattig ist. Hinter der Baustelle und einer weiteren Kurve wird Saorge in seiner ganzen Pracht sichtbar. Hoch oben und scheinbar unerreichbar, denn es ist keine Straße zu erkennen, die dieses Amphitheater von Häusern erschließt. Alle gruppieren sich jedoch um eine horizontal verlaufende Dorfstraße, fast wie in Korsika. Dies ist kein französisches Dorf. Es sieht jedenfalls irgendwie nicht so aus.

Nachdem der Ort meinen Blicken entschwunden ist, werden zum ersten Mal die abenteuerlichen Schleifen der Eisenbahn für mich sichtbar. Hier stehen keine nutzlosen Ruinen; dieser Strang ist noch in Betrieb und wird sogar hin und wieder gar nicht so langsam befahren, wie ich feststellen kann. Auch die Eisenbahn muss hier einen enormen Höhenunterschied überwinden. Zwar wird sie wie die Straße nicht bis zum Pass aufsteigen, sondern in ca. 1000 Meter Höhe endgültig im Tunnel verschwinden, um dann erst wieder auf italienischer Seite ans Tageslicht zurückzukehren, aber von Breil sind das immerhin 700 Meter, und man scheint die Kletterfähigkeit der Eisenbahn nicht über Gebühr beansprucht haben zu wollen. Dafür muss sie nun Kreise drehen. In St. Dalmas, dem Rückkehrpunkt vom geplanten Rundkurs durch die Berge – also durch die »richtigen« Berge –, besuche ich den letzten Bäcker des Tages und halte so ausführlich Mahlzeit, dass ich mich danach eigentlich nicht einfach in die Büsche hauen kann, sondern noch etwas leisten muss. Erst recht um diese Uhrzeit. Menschen unterschätzen häufig die Vielzahl der Plätze dieser Welt, auf die sie ihre müden Häupter betten können. Nur müde müssen sie halt sein. Mit diesem optimistischen Wahlspruch lasse ich dann auch Tende hinter mir, die letzte ernstzunehmende Ortschaft vor dem Pass. Mittlerweile hat die freundliche Plänkelei neben dem Fluss ein Ende. Es geht jetzt deutlicher nach oben, und das wird ja auch Zeit. Längst ist das Tal so hoch von Bergen umgeben, dass kein Sonnenstrahl mehr hinabreicht, und meine Idee, die Sonne noch einmal zu erreichen (also schnell genug nach oben zu gelangen), reift gar nicht erst zum Ziel. Ich habe sie schon oft gehabt und letztlich nur selten umsetzen können. Das hat mich vorsichtig gemacht.

Links stehen ein paar Häuser, vielleicht eine Wirtschaft… wer weiß. Vor dem letzten Haus steht eine junge Frau mit einem Schlauch in der Hand und wäscht irgendwas ab. Sie grüßt mich (außergewöhnlich) freundlich und mit östlichem Akzent. Ich winke zurück. Sie sollte vielleicht besser oben am Pass stehen. Das würde mich sicherlich stärker motivieren. Einstweilen weiß ich nur, dass jetzt noch 900 Höhenmeter vor mir liegen. Es ist so gekommen, wie ich es mir gedacht habe: Wenn ich oben ankomme, wird die Sonne längst untergegangen sein, höchste Zeit also, ein Schlaflager aufzusuchen. Quizfrage: Wo könnte das da sein? Ferner sind keine Fotos mehr möglich. Zwar kann man jetzt noch fotografieren, aber die Kontraste verblassen im Schatten doch sehr stark. Und dabei hat der Autor meines Reiseführers gerade diese Strecke in leuchtenden Farben beschrieben. Wir werden sehen, ob sich am Morgen ein Motiv ergibt.

Einstweilen legt sich die Straße in Falten und in Kurven, und mit angemessenem Anstieg kurbele ich mich nach oben. Bis zur Tunneleinfahrt vergeht nicht viel Zeit. Ich muss da gar nicht hin; denn schon vielleicht 150 Meter vorher zweigt eine schmale Straße nach links ab, und es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dies der Zugang zu den Prüfungen ist, die auf mich warten. Aber ich habe einen Verdacht bezüglich des Tunnels, und dem möchte ich nachgehen, damit ich mich mal wieder so richtig über die autophilen Verkehrsmacher aufregen kann. Ich fahre also weiter auf der Straße, und bald kommt eine ganze Palette von Verbotsschildern ins Blickfeld. Sie sind noch zu weit weg, um genau erkennen zu können, was da alles verboten ist, aber ich würde eine hohe Wette wagen, dass auch Radfahrer zu den im Tunnel unerwünschten Objekten gehören. Und richtig! Eine Sauerei! Nirgends steht eine Information, weder an der Straße noch auf dem Atlas. Als wenn Tunnels in Frankreich a priori für Radfahrer gesperrt wären. … Vielleicht sind sie es? Zwar will ich gar nicht in den Tunnel, und selbst wenn es erlaubt wäre, hätte ich ein mulmiges Gefühl, weil mein Rücklicht meutert, und das wäre dann ja doch sehr fahrlässig – der Tunnel ist immerhin über drei Kilometer lang und hat den Verkehr einer Europastraße auszuhalten –, aber wenn ich jetzt hier lang wollte, und wenn das Licht in Ordnung wäre, dann stünde ich ganz schön dumm da und müsste das Verbot entweder ignorieren oder einen Umweg von weit über 100 Kilometern machen und die bisher erklommenen Höhen dabei natürlich auch wieder aufgeben, weil der Umweg durchs Tal führte… Oder ich müsste tun, was ich ohnehin tun will, nämlich über Stock und Stein hinauf zum Pass, wie es die Fahrzeuge vor 100 Jahren wahrscheinlich auch so machten. Und auf der anderen Seite wieder hinunter, aber das steht nicht auf dem Programm.

Der Abzweig ist schmal. Er ist so unauffällig wie die Zufahrt zu einer Viehweide, aber zunächst mal ist er asphaltiert. Der Belag ist historisch, er dürfte schon einige Jahrzehnte erlebt haben. Und offensichtlich hat das Geld oder das Material damals nur für einige 100 Meter gereicht. Es geht auch nicht gerade flach in die Höhe. Die Straße ist jetzt eindeutig steiler als die Europastraße. Man leistete sich damals wohl nicht den Luxus einer langgestreckten Ausführung. Bemerkenswert ist, dass offenbar nur ein schmaler Teil des Berghanges für den Aufstieg geeignet schien. Jedenfalls geht es permanent hin und her, die Abschnitte zwischen den Kehren sind kaum 50 Meter lang. Der Autor hat dazu geschrieben, dass die Auffahrt von oben wie ausgedrückte Zahncreme aussieht. Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass ich in die Berge fahre, aber für den Autor gilt das sicher ebenso. Wenn er also die Form des Weges für erwähnenswert hält, muss es was Besonderes sein, und ich bin schon sehr gespannt darauf, mir das alles von oben anzusehen.

Einstweilen bin ich aber noch lange nicht oben. Unter normalen Bedingungen würde ich für diese Arbeit anderthalb Stunden veranschlagen, aber dieser Weg wirft alle Berechnungsmodelle über den Haufen. Der Asphalt hat inzwischen ein Ende. Er wird von einem Weg abgelöst, der meist ziemlich grob geschottert ist. Das ist irgendwie nicht das Richtige für ein Reiserad wie meins. Zumindest alles, was die Räder daran ausmacht, dürfte leiden. Und ich zusätzlich. Denn es ist wirklich steil. Ich stehe auf und gehe in den Wiegetritt über. Das Drehmoment ist für die Schaltung eindeutig zu hoch, aber was soll’s? Das Opfer muss in Frankreich wohl gebracht werden. In England habe ich es seinerzeit schließlich auch gebracht. Rechts taucht ein erstes Gebäude auf, das mit einem bisschen guten Willen als ehemalige Kaserne und jetzige Ruine gedeutet werden kann. Es ist durch einen Drahtzaun und eindeutigen Hinweise auf Privatbesitz gegen Landstreicher und Leute meines Schlages abgegrenzt. Außerdem liegt es noch weit unterhalb des Passes. Von unten erkenne ich beim Blick den Steilhang hinauf weitere Ruinen oder Gebäude. Eines thront ziemlich weit oben mit Blick über das ganze Tal, das nun auch zusehends unter mir versinkt. Allerdings wird es gleichzeitig immer dämmriger, so dass mir mein Überblick keine neuen Einblicke beschert. Das wird dann wohl alles der Morgen bringen müssen – oder dem ungünstigen Timing geopfert. Aber diese Burg dort oben – das wäre vielleicht ein Platz zum Übernachten. Sie ist nur eben noch weit, weit über mir, und der Weg dorthin wird scheinbar immer steiler.

Unverzagt kurbele ich mich nach oben. Was ich hier absolviere, ist ja ein Rundkurs. Eigentlich Blödsinn, den ganzen Kram mit nach oben zu schleppen und dann wieder hinunter, wo ich doch hundertprozentig denselben Weg für die Rückfahrt benutzen werde. Aber da sind die immer wieder neuen Fragen, was ich nicht mitnehme und wo ich dies solange deponiere. Diese Erwägungen haben sich erledigt. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Und mittlerweile gibt es auch kein weiter mehr: Das Hinterrad dreht durch, weil ich mich über den Lenker gebeugt habe. Schieben ist angesagt. Wenn das nicht Bände über den Weg spricht. Was treibt mich eigentlich hier hinauf? Ein paar Zeilen in einem Buch, ein Foto, das einige Schleifen einer hellen Piste auf dem dunklen Hintergrund einer Alm zeigt, ganz winzig darauf und nur bei genauem Hinsehen erkennbar, ein Radfahrer auf dieser Piste… Und ich versuche nun, herauszufinden, ob die Auffahrt tatsächlich so toll ist, ob ich wohl die Stelle finde, von der aus die Aufnahme gemacht worden ist, ob sie mich beeindruckt, mehr sogar natürlich; denn was ist schon ein Foto? Und ich finde sie! Mit tiefen Atemzügen biege ich wieder um eine Kurve – hier oben sind die Kehren viel weiter voneinander entfernt, der Hang flacher, der Weg auch ein kleines bisschen weniger steil. Da kann man wieder fahren. Na ja, sofern das gilt. Sitzen und treten kann man, fahren ist vielleicht etwas übertrieben, und eine Reise ist es momentan ganz gewiss nicht. Vielleicht hat es stattdessen den Hauch eines Abenteuers.

Michelin zeichnet zehn Kehren im Atlas ein. Ich möchte sagen, es sind mindestens 30 Kurven. 40 wäre keine sehr gewagte Schätzung. Na gut, wenn die Karte den Maßstab 1:200000 hat, würden Wege im Abstand von fünf bis zehn Metern mit einer Länge von 50 Metern natürlich auch kaum darstellbar sein. Aber wer glaubte, es ginge schön gerade nach oben, der wird lernen, dass Kurven dem groben Maßstab als erstes zum Opfer fallen, und er wird solche Drucke künftig vorsichtiger interpretieren.

Schließlich bin ich oben. Dass ich die ganze Zeit über keine Änderungen an der Kleiderordnung vorgenommen habe, führt dazu, dass ich jetzt sogar kaum noch verschwitzt bin; denn hier oben weht ein ziemlich kühles Lüftchen. Der Pass liegt in 1871 Metern Höhe, und er ist ein echter Pass, d.h., nach rechts und links geht es entlang des Kammweges weiter nach oben. Rechts muss irgendwo hinter einer Anhöhe die Burg oder dieses auffällige Gebäude liegen; vorerst sehe ich nur die Ruinen einer Kaserne. Meine Güte, muss das ein Vergnügen gewesen sein, hier Dienst zu tun. Die Kälte, der Wind, immer wieder irgendwelche Konflikte. Ob die wohl noch Blicke für die herbe Schönheit der Natur hier oben hatten? Die Erkundung der Kaserne zeigt, dass dies kein geeigneter Platz für eine Übernachtung ist. Die Zwischendecken und Dächer waren offenbar alle aus Holz und sind entweder verbrannt oder verwittert, jedenfalls nicht mehr vorhanden. Na, dann schauen wir uns halt mal die Burg an. Hinter einem Hügel kommt sie ins Blickfeld. Auf halbem Wege mache ich jedoch kehrt, um das Fahrrad nachzuholen. Dieses Gebäude oder gar keines, sagt mir der erste Blick; denn dort ist ein Dach.

Nein, eine Burg ist das nicht. Der Reiseführer schreibt auch von einer Festung, und bei genauer Betrachtung ist das die richtige Bezeichnung. Ein relativ flacher Bau mit nur einem Obergeschoss und einem Grasdach, das so geschlossen ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, es sei zufällig begrünt, keine Fenster, sondern nur Schießscharten für die Kanonen und Gewehre, eine nicht mehr vorhandene Zugbrücke über einen noch vorhandenen Graben (hier entlang ist also kein Zugang)… da werde ich mir noch Jahrzehnte nach der letzten militärischen Nutzung dieses Bauwerks ernsthaft Gedanken darüber machen müssen, wie ich in den Laden hineinkomme. Die Festung liegt an der Südseite des Kamms, und die Südfront fällt steil in das Tal ab. Dort existiert kein Burggraben, und die Schießscharten für die Kanonen beginnen in etwa zwei Metern Höhe. Ein schmaler Sims in etwa einem Meter Höhe erlaubt eine Inspektion für Klettergewandte. Ja,… wenn ich den Bauch einziehe, passe ich wahrscheinlich durch diese Öffnung in der etwa zwei Meter dicken Wand. Nun muss ich mir nur noch überlegen, wo ich das Fahrrad über Nacht abstelle und welche Sachen ich brauchen werde. Mehrmals möchte ich diese Kletterpartie nicht machen. Sie ist letztlich nicht völlig ungefährlich. Bei der Inspektion brauche ich inzwischen eine Taschenlampe, und ich stelle fest, dass es zweckmäßige und unzweckmäßige Plätze zum Schlafen gibt, dass man hier auf Nimmerwiedersehen verunglücken kann, dass aber schon andere »Gäste« hier waren und zum Zeugnis ihrer Pionierleistung die entbehrlicheren Segnungen unserer Zivilisation hinterlassen haben: Mülltüten liegen herum. Aber wer aus der Bude ein Hotel machen wollte, hätte sicherlich ein größeres Problem: Die Suiten wären schlicht zu dunkel. Wollte man standesgemäße Fenster in die Wände brechen, wäre dies nicht nur ein technisches Problem, sondern würde das Gebäude vermutlich völlig seines Charakters berauben. Da habe ich doch noch mal Glück gehabt und kann daher zum Nulltarif übernachten.

Für die Nacht in über 1800 Meter Höhe hole ich mir fast alles, was die Wäschetasche zu bieten hat. In voller Montur, Regenjacke eingeschlossen, steige ich nach dem Essen in den Schlafsack, dem – bzw. der darunter liegenden Isomatte – ich vorher etwas Platz auf dem betonierten, aber mit Schutt bedeckten Fußboden geschaffen hatte. Über mir hängt ein riesiger eiserner Haken an der Decke. Hoffentlich hängt er auch morgen noch dort. Aber falls nicht, ist er ausreichend groß, um mir keine Sorgen mehr zu bereiten. Und in der Gewissheit, dass dies einer der höchsten Plätze ist, an denen ich bisher auf Reisen übernachtet habe, und eingehüllt von der Stille, die dem Wind der Berge gehört, schlafe ich ein.

24. Juni

Col de Tende – Casterino – D91 – Saint Dalmas-de-Tende – N204 – Saorge – Breil-sur-Roya – FxI – (N204)x(D93) – IxF – D93xD2204 – Sospel – D2566 – Col de Turini – la Bolléne-de-Vésubie – D2565 – Saint Martin-Vésubie – Col Saint Martin – Saint Dalmas – D2565xD2205 – Saint Sauveur-sur-Tinée (151 km)

Ich kann nicht gerade sagen, dass ich vom kalten Morgenwind geweckt worden bin, aber dass draußen ein außergewöhnlich frisches Lüftchen weht, kann ich förmlich wittern. Sinn der Wahl gerade dieses Lagers war ja, davon unmittelbar möglichst wenig abzubekommen, und im Zusammenspiel mit meiner arktischen Bekleidung hat sie ihren Zweck auch erfüllt. Ich lebe also noch, aber was wird sein, wenn ich mich aus dem Schlafsack gepellt habe? Die Frage ist allerdings bei genauer Betrachtung müßig – ich muss hier irgendwann ’raus. Glücklicherweise ist mit diesem Vorgang nicht das klassische Schema »heraus aus dem Schlafanzug, hinein in die Tageskleidung« verbunden, sondern ich krieche praktisch ready to go aus meiner Schlafhülle, und nun muss ich nur noch sehen, wie ich mit meinen etwas klammen Fingern erstens den Schlafsack eingerollt und dann ein paar gut gekühlte Puddingbecher geöffnet kriege. Frühstück muss schließlich sein, und es heißt ja, dass man mit heißen Getränken dem Magen schadet. Es gelingt mir, diese auch tatsächlich zu vermeiden. Dann krabbele ich wieder durch meine Kanonenschießscharte und stelle beruhigt fest, dass mein Fahrrad noch immer unversehrt und unerschütterlich dort steht, wo ich es am Vorabend zurückgelassen hatte.

Das Wetter ist prima; dass hier oben Wind weht, ist bei der freien Lage völlig normal. Im Tal ist es etwas diesig, vor allem aber schattig. Meine »Zahncreme«-Aufnahme der Strecke der gestrigen Auffahrt wird unter diesen Umständen zumindest im Augenblick nichts. Vielleicht später. Der Reiseführer stellt mir eine Kammfahrt in Aussicht, und Fahrten über die Spitzen einer Gebirgskette – oder am besten: an ihnen entlang – gehören unbestritten zu den schönsten Routen mit viel Ausblick. – Ich bin schon nicht mehr allein: Ein Wanderer hat den beschwerlichen Weg schon am frühen Morgen unternommen. Gut, wenn man unter solchen Umständen seinen Range Rover dabei hat. Dann ist es nicht ganz so mühsam. Ein etwas geländegängigeres Fahrzeug wünschte ich mir jetzt auch; denn die Schotterpiste von gestern Abend ist noch keineswegs zu Ende. Ich verwerfe auch die Überlegung, vielleicht noch ein bisschen in den Gebieten östlich meines Quartiers den Kamm zu explorieren; denn erstens geht’s dort noch weiter nach oben, und zweitens lässt die Qualität des Weges doch sehr zu wünschen übrig, und ich will die Geduld meiner Reifen nicht unnötig strapazieren. In Richtung Westen ist es aber auch nur eine Schotterpiste (wohlgemerkt: Schotter, nicht Splitt). Gelegentlich wünschte ich mir, es möge ein riesiger Staubsauger kommen und all das lose, scheinbar funktionslose Gestein vom Weg saugen. Solange diese Steine nicht eines Tages unter dem Gewicht schwererer Fahrzeuge in den Untergrund gepresst werden, machen sie Passanten zu Fuß wie auf Rädern wirklich nur das Leben schwer. Auf einigen hundert Metern findet sich von Zeit zu Zeit eine dünne Asphaltschicht, die hier vor langer Zeit einmal auf wundersame Weise hergekommen sein muss. Warum gerade hier, warum nur ab und zu, von wem?

Die Passstraße ist gesäumt von verfallenen »Burgen« und Kasernen aus den letzten beiden Jahrhunderten. Je älter, desto trutziger und rustikaler sind die Bauwerke, und es kommt mir so unwirklich vor, hier so etwas zu sehen. Es muss ein erbärmliches Leben gewesen sein, das die Soldaten hier im Winter geführt haben (und wie ich erlebt habe, dürfte es selbst in der warmen Jahreszeit frisch gewesen sein). Und in einer Gegend, in der die Bewohner der Bergdörfer vermutlich das ganze Jahr über mit dem Daseinskampf zu tun gehabt haben, musste das Militär hier oben seine Animositäten austragen, und dabei hat sich doch an den Grenzverläufen wenig geändert. Hier erfahre ich auch, dass das Roya-Tal bis nach dem Zweiten Weltkrieg italienisch war. Guckt man sich die Ortschaften in ihrer Bauweise und Architektur an und den Verlauf des Tales, so gehört es logisch nach wie vor zu Italien: Die Europastraße kommt aus Italien (Ventimiglia an der Küste) und führt auch wieder dorthin (über den Tunnel de Tende). Aber das war wohl der Tribut, den das faschistische Italien nach dem Krieg zahlen musste. Immerhin, die Dörfer haben schon seit viel längerer Zeit zu Frankreich gewollt; denn der Wechsel kam durch einen Volksentscheid zustande.

In einer Kurve scheuche ich zwei Murmeltiere auf. Es müssen Murmeltiere sein. Ich habe zwar noch nie welche in freier Natur gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Sie rollen durch große Felsbrocken und Geröll, als bestünden sie nur aus Watte. Ich hätte mir bei einer Flucht in diesem Tempo schon längst alle Knochen gebrochen.

Dann kommt eine Stelle, von der aus ich die gestrige Auffahrt im Blick habe. Es ist noch immer diesig, und lange Schatten machen es schwierig, das eigentliche Motiv im Sucher auszumachen. Ein Meisterfoto wird das wahrscheinlich nicht, aber schließlich habe ich auch die »Pflicht« zur Dokumentation. Da muss nicht alles schön sein. Nach getaner Aufnahme fliegt mir erst mal das Weitwinkelobjektiv herunter – diesmal ohne Hülle. Mir fährt ein Schreck durch die Glieder, und ich ahne das Schlimmste: Das Teil ist unersetzlich! Aber ich habe Glück: Ein schmaler Aluminiumring außerhalb der vorderen Linse hat den Fall abgefangen, ist zwar etwas verbeult, aber das ist das eindeutig kleinere Übel.

Weiter geht’s. Der Kamm ist eindeutig nicht autofrei. Da ist schon der nächste Tourist. Dann sind ein paar Schäfer im Gange, Zäune zu versetzen. Dass die ein Kraftfahrzeug brauchen, ist einzusehen, weil sie sonst ihren Kram nicht hier hochkriegen. Die Straße steigt wieder an, und während der Pass noch den Eindruck vermittelte, als befände ich mich oberhalb der Baumgrenze, wachsen hier, jenseits der 2000 Meter, Lärchen und machen die Alm zur Bilderbuchlandschaft. Das Einzige, was diesen Eindruck trüben könnte, ist der Zustand der Straße. Ich lasse kurz vor dem höchsten Punkt des Kamms das letzte Stück Asphalt hinter mir, und jetzt geht der Weg in einen Zustand über, der je nach Geschwindigkeit und Beschaffenheit des Gefährts sogar Mountainbike-Fahrer das Fürchten lehren kann. Ich leide mit meinen Felgen, den Schläuchen und den Reifen. Vorder- und Hinterrad werden glücklicherweise einigermaßen gleich belastet, da das Vorderrad stärker beladen ist und durch das Bremsen zusätzliche Kraft aushalten muss, das Hinterrad aber erst mal mich trägt. Und diese Tretmühle (nein, treten muss ich nicht, nur unentwegt bremsen; denn die Abfahrt geht fast im Schritttempo vor sich) erstreckt sich über 500 Höhenmeter. Es dauert also. Und die Höhe ist keineswegs ein Bonus, der mich besonders schnell und besonders weit bringt. Es ist auch nicht so, dass ich mir in Muße die Landschaft angucken oder die Vögel anhören kann. Der Blick ist auf das gefährliche Gemenge zu meinen Füßen gerichtet, und hören tue ich sowieso nur einen Hubschrauber der E.D.F., der unentwegt zwischen einem Ort irgendwo innerhalb des nahen Nationalparks und dem Tal pendelt, in das hinunter ich unterwegs bin, und er schleppt jedes Mal einen großen Behälter in die Berge. Wahrscheinlich wird irgendeine Staumauer gebaut; jedenfalls übertönt das Geknattere alles andere.

Schließlich erreiche ich eine Brücke und damit die erste Senke, hinter der der Weg flacher und weniger steinig wird. Wenig später erreiche ich eine Gabelung, hinter der eine längere Auto- und Motorradschlange einem Schild Rechnung trägt, demzufolge im Nationalpark eigentlich alles verboten ist – auch Kraftfahrzeuge. Hier heißt es also absteigen, auch vom MTB, und laufen oder schieben, aber wer schiebt schon sein Fahrrad? Und wer fährt schon in diese Ecke? Ich beschließe, nach dieser relativ beschwerlichen Abfahrt erst mal ein zweites Frühstück einzulegen und suche mir ein Plätzchen zum Rasten. Und während ich da so sitze, kommt ein weiterer Motorradfahrer an. Er hält an und fragt mich nach der Einfahrt zum Parc National du Mercantour. Ja, hier links von mir, aber mit dem Motorrad werde das wohl nicht gehen. Er ist da anderer Ansicht, glaubt gar eine Sondergenehmigung zu haben. Ich kann mir nun überhaupt nicht vorstellen, auf welche Weise und aus welchem Grund ein deutscher Tourist eine solche Genehmigung bekommen sollte, sage ihm das auch und meine, irgendwo müsse der Lärm schließlich mal eine Grenze haben. Aber er sucht ja nur die passende Realität zu seinem akribisch aufgezeichneten und aufgerollten Weg und ist irritiert, weil er seine Kumpels hier nicht trifft.

Nachdem er den Motor ausgestellt hat, verhandelt und hilft es sich schon viel leichter. Ich kann ihn schließlich anhand meiner Karte davon überzeugen, dass er sich ganz sicher nicht hinter der Absperrschranke mit seinen Bekannten verabredet hat und dass das höchstwahrscheinlich ein weiter unten gelegener Abzweig sein muss, zu dem jene einen anderen Weg genommen haben, so dass er sie ohne es zu merken überholt hat. Ich fahre dann weiter und er kehrt um, mir nach, und nach wenigen Minuten sind alle drei Motorräder samt Fahrern wieder glücklich vereint, und was sie dann unternehmen, ist mir eigentlich relativ egal. Hauptsache, ich hatte mit meiner Belehrung Recht; denn es gibt doch kaum etwas Peinlicheres, als rechthaberisch Unrecht zu haben.

Ab Casterino habe ich wieder einen guten Belag unter den Reifen. Da ist es unbedeutend, dass die Straße zwischen steilen Kurven (in denen ich natürlich nicht einfach die Zügel schießen lassen kann) und flachen Passagen (in denen das Gefälle allein fürs Vorwärtskommen nicht ausreicht) wechselt.

In St. Dalmas erreiche ich wieder die Europastraße. Allen gängigen Regeln entsprechend kompensiert der Gegenwind das nun nur noch schwache Gefälle, aber das Gemisch lässt sich ertragen. Ich lasse noch einmal die oben an den Bergwänden klebenden Ortschaften an mir vorüberziehen, bewundere erneut die Streckenführung der Eisenbahn und erreiche schließlich Breil. Den Ort habe ich bereits gestern bei der Abfahrt vom Col de Brouis gesehen. Diesmal geht’s jedoch nicht wieder den Berg hinauf, sondern weiter in Richtung Italien. Aber zuerst gibt’s eine Pause – Mittagessen.

Die Weiterfahrt ist unspektakulär. Ich bin nur noch etwa 150 Meter über dem Meeresspiegel. Alle wertvollen Energievorräte des Morgens sind also verpulvert, und das ist diesmal wirklich nicht besonders effizient verlaufen. In diesem Tal scheint nichts mehr los zu sein; immer wieder fahre ich an verlassenen und verfallenden Bahnhofsgebäuden vorbei, einmal auch drunter durch. Dass die Strecke nur noch im Transit befahren wird, liegt wohl daran, dass dort kaum noch jemand wohnt, und das lässt sich mit seiner mangelnden Attraktivität erklären. Schließlich hat wohl auch der Autoverkehr seinen Teil zur Entvölkerung beigetragen. Zum Verkauf angebotene Häuschen werden sicherlich nicht so schnell Käufer finden.

Hinter der italienischen Grenze weitet sich das Tal etwas; ich warte nur noch auf die Abfahrt nach Sospel; denn ich ahne, dass das harte Arbeit werden wird – eben, weil ich mich fast schon wieder auf Meereshöhe befinde. Und so kommt es dann auch. Ein vertrocknetes Seitental führt zunächst moderat aufwärts, aber ab Olivetta geht’s nach oben, und hinter dem Ort heißt es gar aufstehen. Michelin hat wieder mal untertrieben. Wie die wohl die Steilheit einer Straße ermitteln, frage ich mich. Ob sie einfach zwei Punkte nehmen, die womöglich mehrere Kilometer weit auseinander liegen und von denen sie die Höhen kennen, um dann daraus den Anstieg herauszudividieren? Jedenfalls sind die Angaben häufig Murks.

Als ich dann schließlich – inzwischen wieder in Frankreich – den Pass erreiche, muss ich feststellen, dass mein Messer weg ist. Verloren? Nach einigem Überlegen fällt mir ein, dass ich es wohl in Breil liegengelassen haben muss. Zurück? Bloß das nicht, nein, diesen Berg fahre ich nicht noch einmal hoch. Schließlich war die Spitze ohnehin schon abgebrochen. Da muss ich mir bei Gelegenheit eben mal ein neues kaufen und in der Zwischenzeit sehen, wie ich mir anderweitig helfe.

In Sospel finde ich neben der Straße ein schattiges Plätzchen, an dem ich mich für den Col de Turini stärke. Das sind schließlich deutlich über 1000 Meter Höhendifferenz. Und wie ich da so sitze, kommen zwei Fahrräder angerollt. Ein Schweizer Paar, vielleicht Ende 40 oder in den 50ern, scheint auch auf dem Weg zum Pass zu sein. Dabei sind sie gut beladen. Respekt! Ich überlege nicht lange, packe rasch meine Sachen ein, da auch alles aufgegessen ist, und fahre hinterher. Aber nur ein paar Meter fahren wir zu dritt – ohne ein Wort zu wechseln –, da entdecke ich links der Straße eine Waschstelle mit Quelle. Wer weiß, wann ich mich und meine Sachen mal wieder waschen kann? Also lasse ich die beiden ziehen und veranstalte erst mal ein großes Geplempere. Eine viertel Stunde oder 20 Minuten später fühle ich mich sehr viel besser und nehme die Verfolgung auf.

Es geht schneller als erwartet. Diesmal stehen sie am Straßenrand und machen eine Pause. Ich brauche noch nicht wieder eine und ziehe vorüber. Kurze Zeit später muss ich kurz die Fahrt unterbrechen, und dann sind sie wieder führend. In Moulinet schließlich überhole ich sie zum letzten Mal, wobei die einzigen Worte gewechselt werden; ich frage sie: »Wann sehen wir uns beim nächsten Mal?« Das Hin und Her scheint sie auch schon zu belustigen. Moulinet bietet neben den landschaftlichen Reizen und der Tatsache, dass sie sich an der Straße über einen beträchtlichen Höhenunterschied erstreckt, zwei interessante Akzente: Ich erfahre, dass morgen die Ralley Monte Carlo hier entlangführen wird, und anscheinend trainieren einige Fahrer schon heute. Jedenfalls fahren sie teilweise wie besengt durchs Gebirge, und sie tragen auch Schilder neben dem Nummernschild, die die Teilnahme an dem Rennen anzeigen. Für mich bedeutet das, dass ich heute möglichst noch diese Route verlassen muss; denn für die Dauer des Rennens dürfte die Strecke wohl gesperrt werden, und wer weiß, wie lange das dauern wird. Die zweite Besonderheit ist eine originelle Ausschreibung einer Wohnung nach dem Motto »Hier spricht man deutsch«: Da wird eine »Furienwohnung (mobliert)« angezeigt, und ich frage mich, ob das wohl das Separée für die Schwiegermutter ist oder nur ein Schreibfehler. Ob sie schon mal deutsche Gäste in diesem Appartement hatten?

Ich lasse mich aber nicht aufhalten, und weiter geht’s nach oben. Es scheint nach dem wenig Erfolg versprechenden Auftakt doch noch ein guter Tag zu werden; denn ich fühle mich gut bei der Auffahrt. Unterwegs begegnet mir ein BMW. Der Fahrer hält an, und ich überlege schon, was er wohl von mir wollen wird, als er sich aus dem Fenster lehnt und mir fragend zuruft: »Pas trop dure?« Meine Güte, was will er wohl? (»Ist es nicht zu hart?«) Es wird wahrscheinlich eine aufmunternde Bemerkung sein, denke ich und nicke ihm freundlich zu. Na ja, er wird das Paradoxon wohl verwinden, dass einer sagt, es sei ihm zu schwer und trotzdem weiterfährt. Es ist überhaupt nicht zu schwer, nur wird mir erst Minuten später klar, was er mich tatsächlich gefragt hat. Das ruft mir sofort eine ähnliche Begegnung vor vier Jahren in Schottland in Erinnerung. Da fuhr ich auch einen Berg hinauf, als neben mir ein Geländewagen bremste und einer im selben Ton herüber rief: »Hold on!« (»Halte durch!«) Das nahe liegende »Halt an!« assoziierend, dachte ich, der kann mich mal, und erwiderte entschlossen »I won’t!«; denn an solchen Hügeln hält man nicht an. Wenn er was von mir will, kann er ja oben noch mal fragen. Wenig später wurde mir auch hier der wahre Sachverhalt klar. Auch in dieser Situation spannte ich also einen Widerspruch zwischen Reden und Tun auf. Nun gut, so was sitzt dann umso fester als neue Vokabel.

Der Pass ist nicht sichtbar. Bis zum Schluss. Immer mal wieder setze ich mir Marken, die ich bis zu einer bestimmten Zeit erreichen will. Das gelingt mir zwar, aber wenn dort der Pass nicht ist, dann ist auch das Ziel noch nicht erreicht. Am späten Nachmittag ist es dann aber soweit. Inmitten des Waldes befindet sich eine Kreuzung, nach rechts führt eine Straße die weitere Kammlinie hinauf, nach links verschwindet sie rasch im Wald, so dass ich nicht sagen kann, ob es dort ins Tal hinunter oder auch in die Berge hinauf geht. Und geradeaus erwarte ich eine längere Abfahrt. Das Tal der Vésubie liegt dort 500 Meter über NN, und das sind ziemlich genau 1100 Meter Höhenunterschied. Erst mal gönne ich mir aber ein Eis, auch, um mich etwas abzukühlen.

Die Frage, die sich angesichts des abnehmenden Tages stellt, ist die nach der Art und dem Ort der Übernachtung. Nahe liegend ist St. Martin, aber das wird kein Bravourstückchen, und wenn ich meine Gedanken mal in die Perspektive des kommenden Tages versetze, wird auch der nur Stückwerk. Einerlei, meine Zeitreserven sind reichlich bemessen. Ich komme auf jeden Fall rechtzeitig nach Hause, wenn nicht noch ein Unglück geschieht. Also nehme ich erst mal die Abfahrt in Angriff. Sie ist ganz nett. Sie dauert ihre Zeit und macht ihren Spaß, aber viel zu sehen gibt es nicht. Der Wind pfeift halt schön um die Ohren.

Unten wird zunächst mal klar, dass zwar die 500 Meter über dem Meeresspiegel stimmen, aber St. Martin liegt weit höher. Egal, wo die Fahrt heute endet – sie wird noch ein paar Tropfen Schweiß kosten, selbst wenn sich der Anstieg über 13 Kilometer erstreckt. Aber was soll’s? Ich habe fast den Eindruck, als hätte ich den ganzen Tag über immer mehr Kraft gewonnen. Das reiten wir doch auf der linken Backe ab.

Die Strecke ist nicht aufregend. Das einzig bemerkenswerte sind die mehrfachen Auffächerungen der Straße bei der Überquerung von Seitentälern. Während der Gegenverkehr eine schmale Brücke geradewegs über die Tiefe nimmt, biegt »meine« Spur nach rechts ab, folgt horizontal dem Einschnitt bis zur Kehre an einer viel kleineren Brücke und führt dann auf der anderen Seite des Seitentals wieder zurück zur Hauptstraße. Ich überlege, in welcher Reihenfolge diese Aufteilung zustande kam. Wahrscheinlich ist die kleine Brücke der älteste Weg. Dann kam sicherlich die große Brücke. Und die hat sich dann vermutlich im Laufe der Zeit als zu schmal herausgestellt, so dass man sich – womöglich aus Geldmangel – wieder der alten Strecke besann, um nicht die große Brücke teuer verbreitern zu müssen. Der Weg Flussaufwärts ist also länger als der flussabwärts.

Vor St. Martin habe ich einen Ausblick auf die Stelle, an der ich das Tal möglicherweise wieder verlassen werde. Zwei Straßen führen nach Westen und nach oben. Die linke, südlichere wird malerisch ein letztes Mal von den Strahlen der untergehenden Sonne geküsst, und dass die das tut, lässt vermuten, dass das Gebirgsmassiv dort einigermaßen niedrig ist. Das könnte also der Pass sein. Die Auffahrt ist übersichtlich, aber den Pass selbst kann ich nicht sehen – wie sie überhaupt ganz selten von unten aus sichtbar sind. Und dann ist da noch die nördliche Straße, tiefer in den Wald verkrochen, mit ungewissem Ausgang nach oben und bereits in der Dämmerung liegend. Vom Verlauf passt sie besser zu dem, was die Karte als Zufahrt zum Col St. Martin angibt. Wir werden sehen. In der Stadt geht es auf halb neun zu, eigentlich noch ein bisschen früh, aber da der Pass knappe 600 Meter höher liegt, was normalerweise mit reichlichen anderthalb Stunden veranschlagt wird, suche ich mir lieber hier ein Quartier. Da wäre doch mal eine Gite d’etappe direkt am Zielort. Ich folge dem Hinweisschild – und lande auf einem leeren Parkplatz. Ein Parkplatz! Nichts sonst! Das kann doch wohl nicht eine Gite d’etappe sein! Also jedenfalls wird es nicht mein Nachtquartier. Im Stadtzentrum finde ich ein Hotel, von außen viel versprechend, und als ich die Tür öffne und mich ins Restaurant und zur Anmeldung ins Untergeschoss begebe, überkommt mich schon ein ziehendes Gefühl in der Hosentasche. Der Laden ist zu fein. Also, grundsätzlich ist mir fast nichts zu fein, aber Feinheit hat eben ihren Preis. Und so fällt die Information der Wirtin denn auch nicht überraschend aus. Sie möchte 200 Francs für ein Zimmer haben. Es gibt wohl noch ein preiswerteres ohne Dusche, aber es existiert keine separate Dusche auf dem Flur. Also, was soll ich denn damit? Dem Interieur nach zu urteilen, sind die Preise durchaus angemessen, aber sie passen halt nicht zu meinen übrigen Reiseauslagen. Also trolle ich mich. Und nun?

Es keimt bereits der Gedanke, diesen Ort zu fliehen, aber noch will ich der Branche eine Chance geben. Ich folge dem nächsten Schild, das eine Chambre d’hôte verheißt. Nachdem das aber auf immer schmaleren Wegen immer steiler nach oben führt, wird’s mir schließlich zu bunt, und ich beschließe, nur noch Angebote entlang der Ortsausfahrt aufzugreifen, sofern da welche sind. Irgendwo werden auch noch Unterkünfte für Seminare und Tagungen angeboten, aber weder das eine noch das andere ist, wonach mir der Sinn steht, so dass ich schließlich meinen Trieben folge und eben »schnell noch« den Pass hinauffahre. In der Tat gelingt mir ein beachtliches Tempo, und so ist zwar die Sonne schon längst verschwunden, als ich schweißgebadet den Pass erreiche, wo ein leeres, aber verschlossenes Sporthotel steht und nur wenige Gäste die beiden Lokale bevölkern, aber von der Dunkelheit trennt mich gewiss noch eine viertel Stunde. Und nun? Es ist an sich ein Jammer, in die Dunkelheit hinein zu Tal zu fahren, schließlich auch nicht ganz ungefährlich. Zwar ist der Verkehr leichter schon von weitem zu erkennen; denn in den Bergen ist es Selbstmord, nachts ohne Licht zu fahren – egal, ob mit Kraftfahrzeug oder Fahrrad. Die Frage ist aber, wann sie mich erkennen; denn mein Licht ist verhältnismäßig schwach, und statistisch ist der Alkoholpegel der übrigen Verkehrsteilnehmer jetzt höher als tagsüber. Ich kann also sehen, ob ich hier oben etwas finde, wo ich einigermaßen geschützt schlafen kann, oder ich lasse mich auf das Abenteuer ein, die wieder über 1000 Höhenmeter mit Geduld und viel Vorsicht noch heute hinunterzurollen. Was musste ich auch unbedingt noch am späten Abend in die Berge?!

Erst mal gibt’s aber eine kleine Wäsche. Da steht ein kleiner Brunnen, und weil der Ort der Übernachtung zwar noch ungewiss ist, der Modus aber doch wieder einmal derselbe wie in den vorigen Nächten sein wird, gibt’s also sicherlich keine Dusche. Ein bisschen Hygiene muss allerdings sein, und wo, wenn nicht hier?

Dann geht es an die Abfahrt. Ich habe nicht vor, bis ins Tal hinabzusteigen; denn dort sind die Übernachtungsmöglichkeiten a priori auch nicht besser als anderswo. In St. Dalmas mache ich das erste Mal halt. An der Straße lockt eine Pizzeria. Einige Leute sitzen auch noch auf der Terrasse, direkt neben der Chaussee. Eine Pizza! Das wär’s jetzt. Dunkel ist es eh schon, aber wer weiß, wie lange das dauert? Ich bekomme jedoch Bedenkzeit; denn direkt hinter der Pizzeria findet sich wieder mal ein Hinweis auf eine Gite d’etappe. Na, wenn das nicht ein idealer Übernachtungsplatz ist! Ich stelle mein Fahrrad vor einer Art Stadttor ab und betrete das Dorf. Es herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Es ist viertel elf, und kein Mensch ist zu hören. Da denkt man nun, die Mediterraner, insbesondere die im Westen, würden den Tag erst zehn Uhr beginnen und dafür bis nach Mitternacht machen, aber ach! Tiefes Dunkel strahlt förmlich aus den Häusern, und die einzigen Geräusche kommen von der Durchfahrtsstraße. Ich laufe durch die Straßen wie durch eine Burg. Ringsum sind nur Natursteine, die Gassen sind schmal, führen teilweise durch die Häuser, und die spärliche Beleuchtung verengt die Szene zusätzlich. Ob mein Fahrrad draußen wohl noch steht? Obwohl weitere Schilder fehlen, gehe ich immer der Nase nach und erreiche schließlich ein mehrstöckiges Haus im italienischen Stil. Dies ist also die Herberge. Mensch, sieht das geschlossen aus! Ich ergreife die Klinke, und die Tür tut sich auf. Sieh an. Ein Hinweis auf die Herbergsräume führt mich die Treppe hinauf. Im Dachgeschoss komme ich in einen Flur, der zu den Duschen, Wirtschafts- und Schlafräumen führt. Auch hier ist alles offen, aber kein Mensch zu sehen oder zu hören. Als ich dann allerdings die zwei Schlafräume probehalber einen Spalt öffne, liegen da Rucksäcke, und es schlafen auch Menschen. Also, mein Lieber, hier bist Du eindeutig zu spät! Die würden sich freuen, wenn da jetzt noch einer anfinge herumzuwursteln. Und davon einmal abgesehen, ist mir die Nacht mit Bruno noch gut im Gedächtnis. Kann ich heute Schnarcher in der Nachbarschaft gebrauchen? Nein? Also retour!

Jetzt ist schon alles wurscht. Ich setze mich wieder aufs Fahrrad und beschließe, erst wieder in der Horizontalen nach Quartier zu suchen, also unten im Tal. Die Abfahrt geht jetzt erst so richtig los. Im Mondlicht kann ich erkennen, dass die Straße sich am Rande eines Kessels in die Tiefe windet, und gelegentlich zeichnet ein Scheinwerfer die Linien deutlich nach. Kurven kann ich viel großzügiger schneiden als tagsüber, weil der Gegenverkehr schon Minuten vorher zu erkennen ist. Ansonsten herrscht tiefer Friede und eine Ruhe, wie es sie tagsüber einfach nicht gibt. Ein bisschen Sorge machen mir im Moment nur die Nachtflieger, die Insekten. Ich kann ja jetzt nicht noch die Sonnenbrille aufsetzen, um die Augen zu schützen. Da könnte ich gleich in den Blindflug übergehen. Aber die Gefahr, dass mir etwas in die Augen fliegt, besteht natürlich trotzdem. Ich kann sie aufleuchten sehen, wenn sie in meinen Scheinwerferkegel hineinfliegen. Wirklich nur dann? Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass die Glühwürmchen unterwegs sind. Ganz sicher – wenn ich anhalte, leuchten sie noch immer.

Der Mond gießt ein mildes Licht über die Szene. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Tal nicht lieber im Sonnenlicht sehen würde. Soviel ich erkennen kann, macht es was her. Aber ich kann nicht viel erkennen. Die Kontraste sind nachts eben viel schwächer, und Farben fehlen ebenfalls. Was für mich unter diesen Umständen auch überraschend kommt, ist die letzte wichtige Kurve nach Norden. Noch weit oberhalb der Talsohle, aber nahezu senkrecht über ihr geht es nach rechts ab. Ein kurzer Halt gewährt mir einen Blick aus dem Schwalbennest in die Tiefe. Das sind mindestens noch 100 Meter, und die wirken in ihrer nächtlichen Bodenlosigkeit vielfach tiefer.

Unten. Und nun? Schnell noch den Col de la Bonette hinauf? Zwar fühle ich mich immer noch fit, aber auf die Augen legt sich bereits eine Schwere. Es geht auf elf zu. Also vielleicht doch lieber nicht. – Ein Schuppen an der Straße erweist sich als zu wenig komfortabel. Und weil weiter nichts kommt, erreiche ich schließlich St. Sauveur. Hinter dem Ort illuminiert eine großzügige Straßenbeleuchtung eine Himmelsstürmerstrecke. Aha, denke ich, da wirst Du morgen also hinauf müssen. Der Ort selbst drängt sich an die Wände des Tals, Haus an Haus ohne irgendwelche lauschigen Lücken oder Wiesen oder andere geeignete Schlafplätze. St. Sauveur muss es nun aber wirklich sein. Ich kann doch nicht immer weiter fahren, ohne etwas von der Landschaft zu sehen.

Eine Seitenstraße führt hinunter zum Fluss. Abgesehen vom Rauschen des Wassers ist es dort ruhiger. Ein Jugendclub zeigt an, dass es tatsächlich Leben im Ort gibt. Das letzte Haus in der Straße untersuche ich genauer. Ja, da gäb’s schon einige Plätze, wo ich mich hinlegen könnte, aber ich möchte keinen Anwohner auf der Türschwelle belagern. Es muss irgendein öffentlicher Platz sein oder, noch besser, etwas uneinsehbares. Schließlich inspiziere ich eine Holzbank mit Rückenlehne zum Fluss und finde sie tauglich. Damit am Morgen ein paar Reserven vorhanden sind und sich die Verdauung über Nacht nicht langweilt, esse ich noch einen Camembert, und dann ist der Tag beendet.

25. Juni

Saint Sauveur-sur-Tinée – D2205 – Saint Etienne-sur-Tinée – D2205xD64 – Col de la Bonette – Cime de la Bonette – D64xD900 – Barcelonnette – D902 – Gorges du Bachelard – Col de la Cayolle – D2202 – Guillaumes (150 km)

Die Nacht war erstaunlich gut, wenn auch kurz. Zwar lärmte der Fluss neben mir, zwar ließ die harte Bank kaum Möglichkeiten zur Veränderung der Lage zu, aber meine Jacke als Kopfkissen, der Schlafsack an sich … na, und vielleicht auch die zweieinhalb nicht zu vernachlässigenden Pässe des gestrigen Tages und die Toleranz der Nachtschwärmer und Frühaufsteher von St. Sauveur haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich fast ohne Pause geschlafen habe. Es ist noch früh am Morgen, aber ich gönne mir keinen 7-Uhr-Schlummer mehr; denn was heute auf meinem heimlichen Programm steht, das verlangt nach Disziplin. Die Routenplanung sagt schließlich nur, wo es langgeht, nicht aber, was davon an welchem Tag zu schaffen ist. Ich dagegen sage, dass heute zwei fette 2000er Pässe dran sind: Der Col de la Bonette und der Col de la Cayolle. Und ersterer wird immerhin von vielen Leuten für den höchsten der Alpen gehalten. Ich teile diese Auffassung nicht, aber den höchsten Punkt meiner Reise will ich hier tatsächlich erklimmen.

Davor hat der Herr aber viele Mühen gestellt, und ein wesentlicher Teil davon lässt sich allein aus der Subtraktion meiner gegenwärtigen Höhe (500 Meter über dem Meeresspiegel) von der Passhöhe (2715 Meter) ermitteln. Das sagt freilich noch nichts über die Steilheit der 54 Kilometer langen Strecke. Michelin stellt mir zwei Abschnitte mit über neun Prozent Anstieg in Aussicht; demzufolge dürfen die letzten 15 Kilometer getrost als Herausforderung der Sonderklasse angesehen werden. Aber solche Erörterungen sind wenig motivierend. Sie veranlassen mich lediglich, eine Sonderration Powerbar vorzusehen; gleich fünf Riegel hole ich aus meinem unerschöpflichen Vorrat hervor, um sie dort zu verstauen, wo es am ehesten schön warm ist: in der Hosentasche. Ansonsten sind meine Reserven eher knapp, aber wozu soll ich mich am Berg unnötig belasten?

Die Gedanken zur zu überwindenden Höhendifferenz haben dennoch einen Sinn. Ich kann mir nicht einfach sagen: »Da musst Du hoch!« So was zieht nicht einmal eine halbe Stunde lang. Disziplin braucht häufige Erneuerung, und die speist sich aus der Unterteilung der Strecke nach fast beliebigen Kriterien. Machen wir uns nichts vor: So eine Auffahrt ist meist nicht grandios genug, um irgendwann zwangsläufig oben zu sein. Wenn das so wäre, könnte ich mich unterwegs vor Radfahrern kaum retten. Sie ist neben all der Naturschönheit schlicht und ergreifend anstrengend, und zwar über einen ordentlichen Zeitraum. Meine Unterteilung sind die Stunden, die ich bis nach oben brauche, und ich nehme mir knappe sieben Stunden vor und errechne dafür einen Schnitt von 360 Höhenmetern pro Stunde. Das ist eine gute Zahl; denn sie ist zu schaffen und ich kann sie theoretisch jede Minute kontrollieren, ohne viel rechnen zu müssen, sofern nur eine aktuelle Höhenangabe existiert. Freilich stehen mir auf den ersten 30 Kilometern nur gute 800 Meter bevor, aber das ist ja immerhin schon ein substanzielles Hindernis, und mit etwas Tempo werde ich wohl auch hier zügig an Höhe gewinnen.

Als erstes stellt sich die gestrige Annahme, es gehe gleich zu Beginn steil in die Berge hinauf, als Irrtum heraus. Die Lichterkette beleuchtete eine andere Straße. Das bleibt mir also erst mal erspart. – In Isola opfere ich meine Light-Ambitionen dem Vitamin-Bedarf. Obst wiegt im Allgemeinen schwer, aber solange es nicht gleich fünf Kilo sind, macht es sich bei meiner Last ohnehin kaum bemerkbar. Filme? Sind immer noch sehr teuer. Es muss also ohne Ergänzung der Vorräte gehen. Um nicht alles einpacken zu müssen und weil das Essen sowieso irgendwann dran ist, verfrühstücke ich gleich einen Teil meiner Neuerwerbungen. Und während ich da so stehe, rauscht die Luft plötzlich dicht über meinem Kopf. Bevor ich reagieren kann, ist es wieder weg: Eine Schwalbe! Was ist denn in die gefahren? Während ich mir darüber Gedanken mache und versuche, Pfirsichsaftverluste zu vermeiden, kommt sie wieder an – wie ein Stuka-Flieger, nur dass sie glücklicherweise nichts ablädt. Das kann doch kein Zufall sein! Mir fallen Alfred Hitchcocks »Vögel« ein. Sollte sie im Sturzflug noch den Vorsatz haben, in diesem Gestrüpp (den sorgfältig selbstgestutzten Haaren) zu landen, sich bei näherer Betrachtung aber regelmäßig eines anderen besinnen, um dieses Erlebnis innerhalb weniger Sekunden zu vergessen und die Erfahrung dann neu machen zu müssen? Oder habe ich etwas an mir, was sie reizt? Aussehen, Geruch, Nähe zum Nest ihrer Jungen? Ich sehe doch nicht viel anders aus als all die anderen Menschen hier auch. Gut, ungepflegt halt, aber dafür haben Schwalben doch bestimmt keinen Geschmack. Ich mache ein paar Schritte. Unbeirrt hält der Vogel (vielleicht ist es auch jedes Mal ein anderer, sie verschwinden nach jeder Attacke) erneut auf mich zu. Na, also das ist doch ein Grund zur Weiterfahrt.

Der erste überflüssige Beitrag zur Bezwingung des Passes kommt in St. Etienne. Als sich die Straße aus dem Tal verabschiedete, noch bevor der letzte wichtige Ort passiert war, ahnte ich schon, dass dies eine Luxus-Steigung werden würde. Von wegen Luxus! Der Hang auf der gegenüber liegenden Seite des Tales macht einen ziemlich labilen Eindruck. Verständlich, dass zu dessen Füßen keine wichtige Straße mehr langgeführt werden soll. Jedenfalls bin ich jetzt wieder »unten«, nunmehr auf 1144 Metern.

In St. Etienne wartet ein größeres Aufgebot an Rennfahrern. Worauf? Keine Ahnung, es scheint, als warteten sie auf Nachzügler, die bereits wieder vom Pass herunterkommen. Es gibt ja Gerüchte, nach denen es inzwischen sogar Leute gäbe, die sich mit dem Bus zum Pass kutschieren lassen, um dann von dort sportlich gestylt und gut deodoriert die Abfahrt zu genießen. Aber nur kein Neid: Mit einem Rennrad und ohne Gepäck ist die Auffahrt von hier aus wohl in zwei, drei Stunden zu machen, und wer um sechs aufbrach, kann jetzt leicht wieder da sein. Jedenfalls kommen mir auf der weiteren Fahrt zwar viele Fahrer mit im Wind knatterndem Trikot entgegen, überholen tut mich indes keiner. Wer fährt auch ausgerechnet durch die Mittagshitze? Bei Lichte betrachtet ist die Hitze aber durchaus erträglich, genau genommen nur ein relativ mildes Temperaturmaximum, moderat vor allem durch die alpine Höhe. Die lässt mich vor allen Dingen Sorge um Gesicht, Ohren und Hände haben. Ich gehe davon aus, dass die UV-Belastung da oben nicht von schlechten Eltern sein wird und krame den Sun-Blocker hervor. Für alle anderen Fälle haben es bislang geradezu homöopathische Dosen einer Faktor-6-Creme getan.

Aber noch ist es nicht soweit. Einstweilen freue ich mich über das tolle Wetter und mache mir Gedanken über die Wühlereien, die der kleine Mensch, etwas vergrößert um seine technischen Errungenschaften, in den großen Bergen anstellt. Dort ist der Berg abgegangen, und die Straße macht vorerst behelfsmäßig einen Bogen um das neue Hindernis. Hier wird für irgendwelche Zwecke im Flussbett gebaggert. Wie tief es wohl tatsächlich ist? Man müsste – wieder einmal – einen großen Staubsauger haben und alles absaugen können. Vielleicht ist es besser, dass man es nicht kann. Was Menschen alles so für Ideen haben.

Langsam geht es zur Sache. Ich liege relativ gut in der Zeit, und das ist angesichts der Steigungen auch notwendig; es wäre abenteuerlich, das alles nonstop abspulen zu wollen, jedenfalls mit einer Gangschaltung, die vollen Krafteinsatz erfordert. Ich durchfahre die letzte bewohnte Ortschaft, ein verlassenes Hotel, in dem einstmals auch deutsches Bier zu haben war, wie ein rostendes Schild verkündet, schließlich eine verfallene Siedlung, früher wohl mal von Minenarbeitern bewohnt, jetzt Touristenattraktion mit der einen oder anderen Informationstafel. Inzwischen ist der Cime de la Bonette sichtbar geworden. Die Strecke macht den Eindruck, als hätte sie es darauf angelegt, die höchste zu werden. Sollte da wirklich nirgends ein niedrigeres Durchkommen möglich gewesen sein? Jedenfalls findet sich im weiten Umkreis kein Berg, der höher als dieser Gipfel ist, und der Pass liegt gerade mal 100 Meter darunter. Ein kurzer Blick auf die Karte bestärkt mich in meinen Fragen. Da sind gleich zwei Pässe, mehrere 100 Meter tiefer, quasi um die Ecke. Dieses nur wenige Monate im Jahr befahrbare Stück Straße kostspielig zu unterhalten kann doch eigentlich nur touristische Bedeutung haben. Aber das ist mir jetzt egal. Wenn es zusätzlich einen niedrigeren Pass gäbe, würde ich trotzdem über den höchsten fahren.

Ein sichtbarer Pass kann sehr weit entfernt sein, vor allem kann er viel höher liegen, und logischerweise kann es lange dauern, bis man ihn erreicht. Ein Österreicher überholt mich mit seinem Wohnmobil, und noch lange sehe ich ihn durch das Gebirge fahren, von Ausläufer zu Ausläufer und immer mal wieder dazwischen aus dem Blickfeld verschwindend. Gut, er rast nicht gerade, aber wie lange soll das dann erst bei mir dauern? Eben quäle ich mich die zweite als besonders steil ausgewiesene Strecke hoch, und ich habe so meine Zweifel, dass dies höchstens 13 Prozent sind. An der Straße steht aber kein Schild, das mehr verkündet, und Michelin beschränkt sich auf zwei Pfeile. Jedenfalls schaffe ich es nicht, meine Vorgabe zu halten. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch zwei Riegel Powerbar übrig habe. Aber ich mag einfach nichts mehr von dem Zeug. Und Hunger habe ich auch nicht gerade.

Nach einer Weile wird rechts der Blick auf eine theoretische Alternative zum Col de la Bonette sichtbar: Dort geht’s auf der anderen Seite zu Tale, wenn auch ohne Weg und Straße – ich habe den Col de Raspaillon erreicht, und nun fehlen nur noch 200 Meter bis oben, Höhenmeter wohlgemerkt. Nebenbei bemerkt wird die Luft langsam dünn. Rechts verfällt ein Geschützstand und Bunker. Ein Wahnsinn, hier oben Krieg zu führen.

Schließlich ist es geschafft. Eigentlich jedenfalls. Aber wenn ich einmal hier bin, und wenn schon noch die Schleife um den Cime de la Bonette führt, und wenn der denn das höchste Stückchen Straße in Europa darstellt, dann will ich mir doch nicht vorhalten lassen, dass ich nur sozusagen »über die Mauer gekrabbelt« bin, um gleich wieder auf der anderen Seite herunterzuklettern. So viel Zeit muss nun schon noch sein. Und so viel Courage: Das letzte Stück ist im wahrsten Sinne des Wortes der Gipfel, steiler und ungemütlicher als den ganzen bisherigen Tag über. Ein deutsches Ehepaar kommt mir zu Fuß entgegen (die Weiterfahrt ab dem Pass ist eigentlich verboten) und klatscht Beifall. Da geht der Unmut über dieses außergewöhnliche Hindernis mit mir durch und der Ärger darüber, dass die Ignoranz der Konsequenzen des Autofahrens so leichtfüßige Gipfelbesuche ermöglicht, und ich erwidere: »Mit 80 PS unterm Hintern ist Applaus leicht!« Die Frau sagt darauf in versöhnlichem Ton: »Na, darum klatschen wir ja auch.« Und der Mann meint irgendetwas, das ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch gesagt hätte. Wenige Augenblicke später tut es mir leid, aber jetzt bin ich oben und fahre nicht für eine Entschuldigung wieder hinunter, bevor ich hier alles gesehen habe. Die letzten Meter muss aber auch ich mein Fahrrad stehen lassen und laufen. Misstrauisch werfe ich während des Fußmarsches Blicke auf ein paar Belgier, die sogar diese letzten Meter Straße mit dem Auto gefahren sind, bis es eben nicht mehr weiterging. Zu allem Überfluss tragen sie Radfahrertrikots und fotografieren sich gegenseitig an einem Gedenkstein nach dem Motto: »Seht her, wir haben’s bis hier oben geschafft!« – Der Gipfel ist unspektakulär. Dort stehen nur zwei Tafeln, die all die Berge zeigen, die man vielleicht an zwei Tagen im Jahr von hier aus sehen kann. Ansonsten ist der Berg ziemlich tot; nur ein paar Moose halten in dieser Höhe die Stellung.

Dann will ich mich also nicht länger aufhalten und mache mich an die Abfahrt. Beinahe habe ich sie unterschätzt. Es ging doch auf der anderen Seite so steil hoch, und wenn diese hier auch zum Pass hinunterführt, sollte sie wohl ähnlich steil sein. Da liegt plötzlich 30 oder 40 Meter vor mir ein größerer Stein, ein halber Kühlschrank etwa, und für die Kurve, die mich ihm ausweichen ließe, bin ich einfach zu schnell. Also ’runter mit dem Tempo! Aber wie, bei diesem Gefälle? Die nächsten zwei, drei Sekunden werden eine mordsgefährlich knappe Angelegenheit, und sie schärfen mir für den Rest des Tages die Sinne. Am Pass atme ich noch einmal kurz durch, ziehe mir meine Jacke über, was ein Rennfahrer nicht kann, der es auch gerade geschafft hat, aber er macht dafür ein Foto von mir und meiner Ladung, weil ihm diese Last auf einem Fahrrad hier oben gar zu ungewöhnlich erscheint, und dann geht es hinab nach Barcelonnette.

Der Ort liegt gut 1100 Meter über dem Meeresspiegel. Das wird also eine anständige Abfahrt. Und sie wird dauern. Und ich werde mir im Tal die Frage beantworten müssen, ob ich dann noch den Col de la Cayolle schaffe. Der bedeutet immerhin weitere knappe 1200 Höhenmeter – netto wohlgemerkt. Wer weiß, wie viele Wellen da noch sind. Außerdem wohnt Pascal in Barcelonnette, und ich hatte versprochen, ihn nach Möglichkeit zu besuchen. Meine Route passiert den Ort aber nur einmal. Entweder ich versuche es heute, oder ich ändere eine spätere Route, oder ich breche mein Versprechen. Aber damit muss ich mich im Moment nicht belasten. Erst einmal geht es zu Tale.

Linkerhand wird die zweite, echte Alternative zum Col de la Bonette sichtbar: Der Col de la Moutière ist ein richtiger Pass – da geht es rechts und links des Sattels gehörig in die Höhe. Auch dort verläuft keine Straße, sondern nur ein Weg, aber immerhin. – Im Laufe der Abfahrt wird es warm, im Tal richtig heiß. Es ist halb fünf. Eigentlich wollte ich gegen 16 Uhr Barcelonnette in Richtung Col de la Cayolle verlassen. Ich überlege, ob 17 Uhr vielleicht auch noch reicht. Die Höhe des Passes lässt sich dadurch freilich nicht herunterrechnen. Aber selbst mit der neuen Frist muss ich erst mal Barcelonnette erreichen. Das sind neun Kilometer gegen den Wind, wenn auch flussabwärts. Unterwegs überhole ich eine Gruppe Radfahrer, und denen teile ich auf Anfrage bereits meinen Entschluss mit, den Cayolle heute auch noch überwinden zu wollen. Unter diesen Umständen versuche ich lieber gar nicht erst, Pascal zu erreichen. Am Ende ist er gar zu Hause, und ich hätte dann kaum eine Ausrede, seine Einladung gerade heute auszuschlagen. Das ist der Tag, um Bäume auszureißen. Kaum einmal bekomme ich sonst die Berge so maßgeschneidert vorgesetzt. Also plündere ich an der Ausfahrt von Barcelonnette meine letzten Vorräte, Getränke eingeschlossen.

Und wie ich da so sitze und über meine vergeblichen Versuche nachdenke, auf den angrenzenden Grundstücken auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen, den ich um Wasser hätte bitten können, fährt auf der Ausfahrt nach Süden ein Mädchen auf einem Mountain-Bike vorbei. Dazu muss man wissen, dass diese Fahrräder (die hier natürlich V.T.T., also vélo tout-terrain, genannt werden) in diesem Teil Frankreichs vergleichsweise selten sind, jedenfalls viel seltener als Rennräder. Auch wenn ich glatt eine Wette wagen würde, dass dieses Wesen gleich um die nächste Ecke biegen wird, damit sich nicht irgendwo ein Tröpfchen Schweiß an verborgener oder gar offen sichtbarer Stelle sammeln möge (außerdem ist sie allein unterwegs, und Französinnen habe ich bisher nur auf dem Rennrad und nur in Gruppen mit Männern fahren sehen), fällt mir bei ihrem Anblick sofort ein, dass ich ja ursprünglich schon viel früher zum Pass aufbrechen wollte. Dann blicke ich in meine Hände: alles ausgetrunken, alles aufgegessen. Was hält mich hier eigentlich noch? Das Irrationale meines Tuns wird mir zwar rasch bewusst, aber ich habe wahrhaftig einen guten Grund, in dieselbe Richtung zu fahren wie sie. Und sie biegt nicht bei erster Gelegenheit ab. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, sie könnte vielleicht auch zum Pass fahren. Wie töricht! Alles was recht ist, aber wäre dies das Gefährt meiner Wahl? Und würde ich nicht wenigstens eine Kleinigkeit zu essen mitnehmen? Sicher, die Rennfahrer haben auch nicht dergleichen im Gepäck, aber die haben eben auch ein Rennrad und sind dazu eine Idee schneller.

Ich fahre einfach erst mal hinterher. Schließlich soll man im Urlaub nicht hetzen, und den Berg hinauf schon gar nicht. Solange ich – in geziemendem Abstand – hinter ihr herfahre, kann ich sie zwar nur von hinten betrachten, aber sobald ich sie überholt habe, überhaupt nicht mehr, es sei denn, ich würde mich indiskret umdrehen. Und schließlich fährt sie zwar etwas langsamer als ich, trödelt aber nicht gerade. Da kann ich diesen Schritt in aller Ruhe bedenken. Hätte ich wohl was zu sagen? Oh Gott, mein Französisch! Überhol sie lieber rasch und dreh Dich nicht um! Alles andere kann doch nur peinlich werden.

Beim Überholen fange ich den Duft eines Parfüms ein. Es ist keine betäubende Wolke, wie ich es manchmal abstoßend erlebe, sondern nur ein Hauch. Eigentlich Quatsch vor einer Tour in die Berge, aber dass sie die vorhat, ist ja auch nur reine Spekulation. – Sie hat ein schönes Gesicht. Aber Anstarren ist eben nicht opportun, außerdem spielt die Musik vorn, auf der Straße. So lasse ich sie zurück. Allein, der Weg ist voller Tücken: Da wäre als erstes der Brunnen am rechten Straßenrand. Es ist wohl verständlich, dass ich vor solch einem Aufstieg meine leeren Flaschen füllen möchte. Ich tue es und werde dabei überholt. Meine Wette hätte ich also spätestens hier verloren.

Nächstes Überholmanöver. Mir ist doch noch etwas eingefallen. Aber mein Gruß gelingt mir so »perfekt«, dass sie nicht mal den versteht und zurückfragt. Die wie gesagt eher rhetorische Frage, ob sie auch zum Pass unterwegs sei, verneint sie und sagt dann etwas, das ich so deute wie: »So weit, wie ich heute komme und dann wieder zurück.« Aha. Das war unsere gesamte Konversation.

Wenige Minuten später das zweite unerwartete »Hindernis«: Eine malerische alte Brücke über den Fluss, eine andere über einen Bach aus einem Seitental. Da ich mir abgewöhnt habe, während der Fahrt freihändig zu fotografieren, muss ich anhalten. Verstohlener Blick nach hinten: Ob sie wohl schon umgekehrt ist? Nein, sie taucht hinter einer Kurve auf. Respekt! Ich mache mein Foto, aber dann fällt mir nichts mehr ein, was mich überzeugend aufhalten könnte, und so fahre ich wieder weiter. Einmal geht das noch nach diesem Schema, und dann sehe ich sie nicht mehr.

Ich sollte wirklich noch einmal Pascal besuchen und ihn als Such- und Identifikationsdienst einspannen. Aber wie wäre das wohl, wenn mich jemand beauftragte, in Büchenbach einen Mann oder eine Frau ausfindig zu machen, die sagen wir mal ein gelbes Moped hat und am 8. Juli damit nach Kosbach unterwegs war. Blödsinn, wie sollte das gehen?

Ich muss mich also mit dem Tal trösten, und das ist, verglichen mit vielen anderen, durch die ich bislang gefahren bin, noch am ehesten dazu geeignet. Die Abendsonne beleuchtet eine Straße, auf der sich kaum zwei PKW begegnen könnten, geschweige denn größere Fahrzeuge. Es kommt auch selten eines. Birken verleihen dem Fluss und der Straße eine besondere Note. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas sonst irgendwo auf dieser Reise gesehen zu haben.

Nach 20 Kilometern – es ist inzwischen nach sieben – geht es rechts nach oben und damit ein wenig mehr zur Sache. Am Fuß dieser besonderen Auffahrt steht ein Mann mit seinem Reisefahrrad. Macht er eine Pause? Nein, er wartet auf seine Begleiterin, die – wohl etwas vorsichtiger – ihm durch die Kurven folgt. Die Stelle ist übrigens gerade mal sechs Kilometer Luftlinie vom Cime de la Bonette entfernt (und 1000 Meter niedriger). Ökonomisch großer Blödsinn, aber ich fahre ja nicht mit dem Ziel der Wirtschaftlichkeit. Mit der Auffahrt verändert sich das Landschaftsbild. Lärchen stehen licht auf der Alm, und als weiter oben die Bäume immer weniger werden, sehe ich sie wieder: die Murmeltiere. Die possierlichen Tiere sind eigentlich nicht niedlich, weil sie nicht eben handlich wirken, aber wenn sie bei meinem Anblick erst warnend pfeifen und dann entweder querbeet über die Wiese oder direkt in den rückwärtigen Bau flüchten, walzen oder kullern sie in ihrer Fülle gleichsam über den Boden, und das sieht schon lustig aus. Eines ist wohl gerade nicht in der Nähe des Baus und nimmt deshalb den Weg quer durch die Botanik. In der nächsten Kurve begegnen wir uns unerwartet wieder. Aber es hat natürlich noch kein Vertrauen gefasst und flüchtet erneut. Einem weiteren Tier kann ich mich bis auf drei, vier Meter nähern. Es sitzt direkt vor seinem Bau an der Straße und hat mich wohl erst sehr spät wahrgenommen. Und dann gibt es auch welche, die weiter entfernt von der Straße sitzen und sich ungefährdet fühlen, meinen Weg aber wachsam verfolgen.

Und irgendwann bin ich oben. Es ist inzwischen halb neun, und obwohl ich mir einen engagierten Wettlauf mit der Sonne geliefert habe, liegt der Pass leider inzwischen im Schatten. Das Pass-Foto wird also nicht so toll, und ich muss es auch selbst machen, weil hier wie gesagt nicht viel los ist. Die Abfahrt ist wie immer eine rasante Angelegenheit. Unterwegs treffe ich noch einen Fuchs und ein Reh, das ist dann alles aus der Fauna (von Vögeln und Insekten mal abgesehen). Im Übrigen gefällt mir die Gegend nicht so besonders. Alles sieht irgendwie dreckig aus, bis mir auffällt dass der Fels schwarz ist, irgendein Schiefergestein, und auf dem wächst wohl weniger als auf Kalkstein oder Sedimenten.

In St. Martin befinde ich mich inzwischen wieder auf »Überlebenshöhe«, und da es mit Macht dämmert, stellt sich die Frage nach der Übernachtung. Ein Hotel, das Zimmer ab 180 Francs offeriert, ignoriere ich als zu teuer, und so kommt der Ortsausgang, und dann muss es wohl Guillaumes sein. Die Reize der Strecke, z.B. den Tunnelreigen unterwegs, nehme ich nicht mehr so besonders gut wahr. Es wird halt dunkel. Außerdem konzentriere ich mich mental schon auf die Übernachtungsfrage. Guillaumes macht auch zunächst den Eindruck, als müsste sich dort leicht etwas finden lassen, aber natürlich ist mir klar, dass auf diese Idee am Freitag auch andere kommen, und zwar früher am Tag. So befindet das erste Hotel am Platz zunächst mal oberhalb meiner preislichen Vorstellungen. Und als ich dann feststelle, dass es auch das einzige Gasthaus im Ort ist und zähneknirschend zurückkehre, erfahre ich, dass es belegt ist. Also schlecht, es wäre ja wirklich mal wieder Zeit für eine kultivierte Übernachtung gewesen, aber vielleicht bin ich den Hoteliers auch zu unkultiviert, obwohl ich der Wirtin ihre Auskunft abkaufe.

Als Ausgleich beschließe ich, gepflegt zu dinieren. Was heißt gepflegt? Eine Pizza möchte ich haben. Sie hat einen ausgefallenen Namen und eine viel versprechende Zutatenliste, und der Koch macht sich nach meiner Bestellung gleich auf den Weg. Als er dann aber fertig ist, finde ich, er hätte weniger sparen können. Das, was den Gehalt wertvoll macht, findet sich nur in Spuren auf der Pizza; nichtsdestoweniger schmeckt sie sehr gut, ich bin einigermaßen satt, und schließlich soll man ja nicht mit zu vollem Magen ins Bett gehen. Dieses will indes erst noch gefunden werden. Zu einem Zeltplatz habe ich keine Lust, wo ich doch gar kein Zelt habe (da gehen bloß wieder Diskussionen über die Gebühren los); denn dort lauern bestimmt wieder die Mücken. Außerdem müsste ich den Ort in einer Richtung verlassen, in die mich meine Route gar nicht führt. Das hieße, dass ich morgen wieder zurück müsste.

Auf einem dunklen Platz seitlich der morgigen Ausfahrt stöbere ich nach einem Lager herum. Nach einer Weile finde ich an einen Schuppen gelehnt neben anderem Schrott ein Klappbett, eine geradezu fürstliche Liegestatt. Es ist etwas schmutzig und verstaubt, aber das bin ich auch, und damit sich wenigstens über mich niemand beklagen kann, wasche ich mich am nahen Brunnen. Dann breite ich den auch nicht mehr so ganz geruchlosen Schlafsack über alles, was am Klappbett nicht so toll aussieht, verkrieche mich darin, finde es fast etwas zu weich und suche den Schlummer. Auf der gegenüber liegenden Seite werden im Licht der Straßenlaternen noch bis in die tiefe Nacht hinein irgendwelche Ballspiele veranstaltet, aber irgendwann ist meine Müdigkeit stärker als die Rufe und Pfiffe, und ich schlafe ein.

26. Juni

Guillaumes – D28 – Valberg – Beuil – Gorges Superieures du Cians – D28xN202xD2205xD32 – la Tour – D32xD2565 – Gorges de la Vésubie – D2565xN202xD17 – Gilette – Roquesteron (137 km)

Wer sich so weich bettet, schläft natürlich lange und auch recht gut. Aber irgendwann mache ich mir bewusst, welche Herausforderungen auf den nächsten 140 Kilometern vor mir liegen und dass das nicht zu machen ist, wenn ich erst gegen Mittag losfahre. Also hoch! Bevor ich das Bett wegräume, gibt es Frühstück. Im Haus gegenüber kläffen zwei Hunde. Sie scheinen nicht gerade jemanden freudig zu begrüßen, sondern machen eher einen gereizten Eindruck, ja, sie schaukeln sich sogar noch gegenseitig auf. Aber ich sehe sie nicht, und ich denke, sie können mich auch nicht sehen. Wenn ich mal kurz ganz ruhig sitze, nicht kaue, gewissermaßen die Luft anhalte, beruhigen sie sich. Aber kaum beiße ich von meinem Baguette ab oder bewege mich auf dem Bett und die Federn knarzen, geht der Lärm wieder los. Die Tiere müssen mich entweder doch sehen, oder sie haben ein unglaublich gutes Gehör.

Ich packe zusammen, stelle das Bett wieder dorthin, wo es vorher stand, und versuche, in der Ortsdurchfahrt meine Vorräte aufzubessern. Aber es gibt nur wenige Einkaufsmöglichkeiten. In einem Laden bekomme ich etwas Obst; es scheint so etwas wie ein Naturkostladen zu sein, und er ist gut besucht. Während ich an der Kasse anstehe, fällt mein Blick auf eine Information, ein DIN-A4-Blatt, in dem über Dioxin in Lebensmitteln hingewiesen wird. Da steht, dass Dioxin in der Natur auch unabhängig vom Menschen vorkommt und z.B. bei Waldbränden entsteht – soweit ich das entziffern kann. Ja, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht sollte man diese Information mal der deutschen Müllindustrie zuspielen; das wäre doch eine gute Argumentationshilfe.

Mit mäßigem Futtervorrat, aber der Zuversicht, bald wieder eine Einkaufsmöglichkeit zu finden, mache ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg nach Valberg. Warum das wohl »Valberg« heißt! Also, das »Berg« steht ganz sicher für den Berg, auf dem der Ort liegt. Unerklärlich ist mir, wie dieses deutsche Wort nach dort unten (im Süden) den Weg gefunden hat. Ungefähr zwei Stunden lang zieht sich die Auffahrt hin, und immer mal wieder habe ich einen Blick nach hinten, unten, zwar nicht ganz bis nach Guillaumes, aber fast. Dafür fallen mir die Zickzack-Straßen auf, die von Guillaumes direkt an den Berghängen nach oben streben. Ich fahre immerhin ein paar Kilometer lang erst mal durch ein Flusstal. Der Fluss selbst ist zwar nicht zu sehen – das Flussbett ist leer –, aber dass hier zur Schneeschmelze so richtig was los ist, kann ich schon erkennen. Spätestens nach der Verabschiedung vom Fluss geht es ziemlich steil in die Höhe. Valberg ist ein Touristenort, geprägt vom Wintersport. Man sieht einige Lifte und zahllose Geschäfte, in denen der überwiegend nutzlose Kram verkauft wird, den wohl nur Touristen kaufen. Im Winter wird man an der einen oder anderen Ecke sicherlich auch Sportartikel kaufen können, aber Schlitten sind nun mal im Sommer extrem schwer loszuschlagen.

Hier will ich jetzt kaufen, was mir noch fehlt. Aber der Laden, in den ich gehe, scheint kurz vorm Ausverkauf zu stehen. Es gibt kaum Artikel, die ich suche, und was es gibt, ist sündhaft teuer. Kein Wunder, dass sich hierher kaum jemand verläuft. Später halten ein paar deutsche Motorradfahrer und fragen nach einer Bank oder einem Geldautomaten. Da kann ich zwar nicht helfen, aber wir kommen trotzdem noch kurz ins Gespräch, wobei sie feststellen, dass der Urlaub recht kostspielig sei. Ich wundere mich (in der Hoffnung, dass mich der Ladeninhaber vor dem Geschäft nicht versteht), dass sie ihr Wasser unter diesen Umständen im Laden kaufen und erzähle von dem köstlichen Wasser aus fast jeder Quelle in den Bergen. Das gäb’s da kostenlos und einwandfrei. Einer der Männer meint, eigentlich hätte ich Recht. Aber ob sie deshalb in Zukunft etwas anders machen, weiß ich natürlich nicht.

In Valberg mache ich noch einen besonderen Deal: In einem Fotoladen gibt es Diafilme, mal ausnahmsweise nicht von Kodak. Ich bin über das Angebot von 39 Francs so begeistert, dass ich dem verdutzten Händler gleich drei Stück abnehme. Er hat große Probleme, den Gesamtpreis auszurechnen und sucht lange nach einem Taschenrechner, als ich schon längst das Geld passend bereithalte. Wie sich die Ansprüche ändern: Weil ich drei Wochen lang nur Filme für deutlich über 20 Mark das Stück gesehen habe, freue ich mich über Angebote bei 12 Mark wie ein Schneekönig, und dabei ist es in Deutschland noch mal um mehr als die Hälfte billiger – Entwicklung eingeschlossen. Aber Deutschland ist weit weg, und deshalb schlage ich jetzt gnadenlos zu.

So, und da ich nun oben bin, will ich jetzt endlich nach unten, und zwar nicht irgendwie und irgendwo lang, sondern durch die Gorges Superieures du Cians. Kaum etwas ist in der Michelin-Karte fetter gedruckt worden als diese Schlucht. Da darf man wohl etwas erwarten. – Ein wenig Geduld brauche ich noch. Ab Beuil geht es dann jedoch steil nach unten, wieder einmal mit den Insignien der Tour de France auf dem Asphalt. Ich werde nicht enttäuscht. Das Tal verengt sich zusehends, erst zur Schlucht, dann zur Klamm, und schließlich fast zur Röhre! Die Wände nach oben werden immer steiler, das Licht hier unten immer dämmriger, und der rote Fels trägt seinen Teil zur Stimmung bei. An einigen Stellen gibt es Fuß- bzw. Radwege entlang dem Fluss, die Straße hat dann einen Tunnel. Während ich sonst den kurzen Weg bevorzuge, möchte ich diesmal etwas sehen. Nach einem solchen Abzweig von der Hauptstraße wölbt sich das Massiv ungestützt über mir der nur ein, zwei Meter entfernten gegenüber liegenden Wand entgegen, dazwischen und links von mir gurgelt der Fluss. Wahrscheinlich bewege ich mich auf einer alten Fahrbahn, die aus dem Fels herausgeschlagen worden und irgendwann zu eng geworden war. Es gibt ein paar Informationstafeln, sogar Bänke für Wanderer, obwohl ich mich frage, wie anders die hierher kommen wollen als mit dem Fahrzeug auf der Straße entlang. Wandern würde ich auf der Piste sicherlich nicht. Das ist zwar wahrscheinlich nicht gefährlicher als Radfahren, aber Asphalt ist nicht der ideale Untergrund für die Füße.

Steil geht es zu Tal. Mir steht ein Höhenunterschied zwischen 1500 und 300 Metern in Aussicht. Das ist etwas zum Auskosten, und ich koste es aus, und in jeder steilen Kurve preise ich mich glücklich, diese Strecke nicht andersherum geplant zu haben. Es muss eine mörderische Schinderei sein (unnötig zu erwähnen, dass die Tour de France hier hinaufgefahren war). Immer wieder mal frage ich mich, wie man sich einem solchen Tal wohl von oben nähert. Was ist da oben? Einfach nur Wald, der immer steiler nach unten wegsackt und irgendwann den Blick auf den freien Fall freigibt? Nach einigen Kilometern kommt der erste Abzweig nach links, in ein Dorf in den Bergen. Die Karte verrät, dass das Dorf nicht etwa Ende der Straße ist, sondern man auf der anderen Seite wieder hinunter kommt. Mensch, wer hat solche Wege nur zum ersten Mal angelegt? Das ist doch nicht vergleichbar mit einem Hausbau oder dem Bestellen eines Ackers. Das erfordert Exploration, Planung, einen Haufen Arbeit oder Geld, und das alles für ein paar Handvoll Leute, die dann da oben leben. Sicherlich sind solche Pisten nicht das Produkt der Neuzeit, aber gerade die ersten Siedler, die da mal mit einem Wagen ’rauf wollten, muss es doch unglaublich sauer gekommen sein. Am nächsten Abzweig, wieder nach links, diesmal eine Sackgasse, trennt sich der rote Fels vom grauen. Das ganze Tal taucht ein in eine andere Stimmung. An dieser Stelle fahre ich mal hinunter zur Brücke über den Fluss, um einen Blick Flussaufwärts zu werfen und ein paar Fotos zu machen. Es ist grandios. Reichlicher Ertrag des Tages, der doch gerade seinen Mittag erreicht hat. Und so wird mir auch noch einiges bevorstehen.

Nach unten hin zur N202 weitet sich das Tal wieder etwas auf. Die Fernstraße ist unspektakulär, geradezu langweilig. Hier dominiert wieder das Kraftfahrzeug, parallel verläuft eine Kleinbahnstrecke.

Nach knapp 20 Kilometern verspricht die Route etwas abwechslungsreicher zu werden. Die Karte zeigt einen ziemlich merkwürdigen Abzweig, dem ich nach Norden folgen will, wieder in Richtung Col de la Bonette. Als ich ihn erreiche, ist er noch verworrener als im Atlas. Zunächst mal weiß ich es (natürlich) besser als die Schilder, glaube an eine Abkürzung gegenüber den Vorgaben, aber dann muss ich sogar entgegen einer Einbahnstraße wieder zurück; sonst müsste ich einen Umweg von über zehn Kilometern machen. Über einige Kurven und Brücken findet die Straße schließlich ihren Weg neben der Tinée. Mir steht jetzt noch eine Handvoll Kilometer bevor, in denen ich mich entspannt durch das Flusstal blasen lassen kann. Dann geht’s auf nach la Tour, nicht zu steil zwar, aber dauerhaft und mit langem Blick auf das versinkende Tal. Auch die Straße mit all ihren Schleifen unter mir kann ich sehen, und ich weiß mehrere Minuten vorher, welches Auto mich als Nächstes überholen wird. Da ist zum Beispiel dieser Kastenwagen einer Gärtnerei, der mich mit viel Hupen überholt. Ob das nun ein Gruß sein soll oder die Warnung an die potenziell entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer hinter der nächsten Kurve – mich ärgert es jedenfalls. Aber was kann ich denn tun? Schimpfen hat keinen Sinn – das hört eh’ keiner; Steine hinterher schmeißen auch nicht – erst mal müsste ich welche sammeln, und dann sind sie natürlich zu schnell, und schließlich ist überhaupt nicht ’raus, wie die Reaktion auf so was aussähe. Außerdem wäre das ein Konflikt nach dem anderen. Da kommt bereits der Nächste, und manche sind in ihrem Übermut schon übel. Aber die Straße ist so etwas wie eine Sackgasse. Zwar zeigt der Atlas zwei Auswege, aber der eine ist tatsächlich nur ein Weg, und der andere ist als gefährlich eingestuft. Wir werden sehen. Und tatsächlich kommen sie alle wieder ’runter, die mir unangenehm aufgefallen sind. Den Gärtner erkenne ich schon von weitem, und mir fällt auf die Schnelle nichts anderes ein, als den rechten Zeigefinger auf die Lippen zu legen. Die Insassen verstehen mich, und verschwörerisch tun sie es mir nach. Ob der Fahrer theoretisch in der Lage wäre, mit der anderen Hand gleichzeitig zu lenken und zu hupen, weiß ich nicht, praktisch beschränkt er sich aufs Lenken, und das kommt mir sehr entgegen.

Schließlich la Tour: Ein Dorf, das auf einem Gebirgsausläufer gebaut wurde, ihn sozusagen wie eine Kappe oben herum umschließt. Ich brauche erst mal Wasser. An einer Pumpe, deren Bedienung ich mir vor einiger Zeit kundigen Trinkenden abgeschaut habe, stille ich meinen Durst und fülle die Flasche auf. Dann kommt mir der Gedanke, dass es doch einen Grund haben muss, warum so viele Autos hier einfach hoch- und dann wieder hinuntergefahren sind. Da muss doch noch etwas sein. Also fahre ich durch enge Gassen über holpriges Pflaster zum Marktplatz, wo in der Sonne des späten Nachmittags eine Menge Leute sitzen, die meine etwas ratlosen und ein bisschen neugierigen Kurven um die Bänke und an den Fassaden entlang verfolgen. Aber die Hauptrolle will ich nicht allzu lange spielen, und durch eine andere Gasse verschwinde ich wieder. Am Ortsausgang rätsle ich noch ein bisschen an der richtigen Richtung, entscheide mich dann für die Richtige, und eine beispiellose Strecke nimmt ihren Anfang.

Was jetzt kommt, ist gewiss nicht einzigartig in den französischen Alpen. Aber der Widerspruch zwischen dem, was Michelin in anmaßender Weise als »höchste Präzision« beschreibt, und der Realität klafft wohl kaum irgendwo weiter auseinander. In der Legende der Karte finden sich genaue Erklärungen dafür, wie eine Straße gekennzeichnet wird, die unbefestigt ist, wie eine schwierig zu befahrende oder gefährliche Straße (was immer das sein mag) eingezeichnet ist, und welche Symbole verwendet werden, um Steigungen zwischen fünf und neun, neun und 13 sowie darüber liegende Werte zu kennzeichnen. All das ist hier falsch: Die Route ist teilweise eine Schotterpiste. Das nenne ich unbefestigt, vielleicht schwierig zu befahren – der betreffende Abschnitt wird als ganz normale schmale, befestigte Straße gekennzeichnet. Dass er locker über zehn Prozent Anstieg hat, erst hinunter, dann wieder hinauf, das verschweigen die Meisterkartographen. Dann kommt die angeblich schwierig zu befahrende Strecke. Die ist aber jetzt in Ordnung. Gut, links ist der Hang, da mag ab und zu mal ein Stein herunterfallen oder -rollen, aber wollten alle Straßen in den Alpen als gefährlich markiert werden, an denen Steinschlag auftreten kann, dann könnte man gleich das komplette Gebirge schraffieren. Diese Straße nun wird zusehends steiler, immer steiler, und es wird unfeierlich. Es ist, als würde ich eine Wand hochfahren. Wenn hier kein Asphalt wäre, würde sich das Hinterrad schon längst durchdrehen, und ich müsste schieben. Das sind unter Garantie mindestens 15 Prozent. Die Kartenfritzen ficht das nicht an. Ich wünsche sie alle zum Teufel. Nicht mal einen einzigen Pfeil finde ich eingezeichnet, gerade so, als führte der Weg durch holländische Grachten. Man könnte jetzt einwenden, dass das dann doch schwierig zu fahren gewesen sein muss, und insofern stimmt auch die Beschreibung. Aber an anderer Stelle im Atlas wird die rot-weiße Markierung auch durch Gefälle-Pfeile ergänzt. Schwierig oder gefährlich heißt also noch nicht automatisch steil, und schließlich wird der Atlas in erster Linie an Autofahrer verkauft. Für die ist ein solcher Anstieg in aller Regel auch kein Problem. Ich darf wohl annehmen, dass wegen meiner Schwierigkeiten niemand im Verlag Abstriche am Anspruch seines Werks machen wird. Von den Gefälleangaben abgesehen sind die Karten auch wirklich gut, d.h. genau und in den Details sehr gut zu erkennen. Und deutsche Generalkarten sind in den Steigungsangaben keineswegs besser, in vielen anderen Punkten sogar deutlich schlechter. Aber sie behaupten wenigstens nicht, die allerbesten zu sein.

Schließlich erreiche ich einen kurzen Tunnel am Pass, werfe einen letzten Blick in mein Tal der Qualen, überlege mir, um wie viele »Normalkilometer« meine Schaltung auf diesem Weg wohl gealtert sein mag, und rolle mit langsam nachlassendem Groll auf Utelle zu. Rechts oben auf dem Berg versucht die Madone d’Utelle zu locken, aber da mag sein was will, eine Kathedrale, eine grandiose Aussicht, … mehr kann ich mir im Moment nicht vorstellen, und das, was mir einfällt, reizt mich nicht im mindesten.

Mit Zweifeln suche ich um diese Uhrzeit nach einem Laden, und tatsächlich findet sich eine kleine »Stube« kurz hinterm Marktplatz, wo viele Menschen den Samstagabend vor einem Lokal verbringen. Es wird kein großer Einkauf, aber trotz des geringen Umfangs geht mir ein Artikel »ins Netz«, den ich nur nach dem Geschmack auswähle, nicht aber nach der Zugänglichkeit: eine Dose Champignons ohne Patentverschluss (beachte: mein Messer war in Breil liegen geblieben).

Die Fahrt nach unten kann ich von oben ziemlich gut übersehen: immer hin und her in ein noch sonniges Tal. Also hinab! Unterwegs gibt es in einer der zahllosen Kurven plötzlich ein Geräusch und Gefühl, wie ich es leider inzwischen sehr gut kenne, trotzdem immer wieder noch einen leisen Zweifel behalte: ein dumpfer Knack. Darum halte ich an und untersuche, zu zehn Prozent hoffend, den Rest bangend, die Speichen des Hinterrades. Vergebens gehofft: Ein Draht hat sich in typischer Weise verabschiedet. Immerhin – berücksichtigt man die bisherige Wegstrecke, so haben sich die Hinterradspeichen bislang bravourös gehalten. Nun wollten sie mir wohl signalisieren, dass sie keinen weiteren Berg dieser Kategorie tolerieren werden. Der einfachste Weg wäre nun vermutlich wieder die Lockerung der Bremse, aber die ist schon vorn locker. Selbst drei Bremsen taugen nicht viel, wenn keine von ihnen richtig Biß hat. Das wäre ein zu hohes Risiko. Ich beschließe den sofortigen Ersatz, aber bis hinunter ins Tal reicht’s wohl noch mit schleifender Bremse.

Da nichts ausgebaut werden muss (nur die alte Speiche muss heraus- und die neue hineingeschraubt werden), dauert die ganze Prozedur kaum eine viertel Stunde. Wenn sich doch alle technischen Probleme so perfekt und schnell lösen ließen! – Die Straße verläuft jetzt entlang der Vésubie flussabwärts nach Südosten. Den Fluss kenne ich schon; erst vorgestern Abend bin ich an ihm einige Kilometer aufwärts nach St. Martin gefahren. Aber am Wasser ist davon natürlich nichts wieder zu erkennen. Das Einzige, was mir jetzt etwas vertraut vorkommt, ist die Verengung des Tals, die Gorges de la Vésubie … schon wieder Gorges! Habe ich schon zu viel davon, oder bin ich einfach durch den heutigen Tag auf andere Weise ausreichend bedient? Den Gorges du Cians können die hier nicht das Wasser reichen.

An der Mündung in die Var treffe ich wieder auf die N202. Dort steht auch ein kleines Dorf, und an der Durchfahrtsstraße finde ich einen kleinen Laden, der noch offen ist. Also nicht lange gezögert: Im Warenkorb landet diesmal neben anderen wichtigen Energieträgern ein Krabbensalat. An der Kasse ist mal wieder die Summe zu hoch. Die sollten mal zu Aldi gehen, um die Preise richtig zu lernen. Aber der Salat ist göttlich. Ich bin stark versucht, mir einen weiteren zu holen, aber dann machen sie den Laden dicht. Wird ja auch langsam Zeit.

Nach drei Kilometern geht es wieder von der Hauptstraße herunter, diesmal nach rechts. Flussabwärts sieht die Landschaft wenig verlockend aus: Industriegelände, ein kanalisierter Fluss, wenig Grün, viel Verkehr. Ich biege stattdessen ins Tal des Esteron ab. Neben einem Fluss fährt sich’s doch leicht in die Berge. Von wegen: Gilette liegt bereits weit oben, weit oberhalb des Flusslaufs. Aber der Anstieg ist moderat, und die Hoffnung, oben noch einmal die untergehende Sonne zu sehen, treibt mich an.

Das Tal ist sehr schön, und wenn alle Ortschaften eine so malerische Lage haben wie das Rasierklingendorf (obwohl diese Marke mit Doppel-L geschrieben wird), dann wird dies ein wertvoller Abschnitt der Reise. In Gilette ist mächtig was los, überall stehen Autos an der Straße herum, und am Ortsausgang konzentriert sich die Feststimmung um eine Apotheke herum. Hat der Pharmazeut vielleicht seine Tochter unter die Haube gebracht? Ich habe keine Ahnung und finde auch keinen plausiblen Grund; fragen mag ich lieber nicht, da stehe ich dann bloß wieder im Regen französischer Fremdwörter, und so wichtig ist es ja auch nicht.

In Pierrefeu versuche ich das erste Mal, in einer Gaststätte Quartier zu finden. Als ich frage, ob ein Zimmer frei ist, schauen sich Wirtin und Wirt kurz an und dabei fällt ihnen ein, dass kein Zimmer frei sei. Das leere Lokal spricht Bände. Da sagt man doch besser gar nichts und geht ganz schnell wieder – am Ende überlegen sie es sich noch mal anders. In Roquesteron wird es schon dunkel, aber vor diesem Hotel ist so viel Leben, dass ich es ohne weiteres glauben könnte, wenn nichts mehr frei wäre. Indes, der Wirt hat noch was für mich. Die Zimmer mit Dusche sind mir ein bisschen zu kostspielig, aber er kann mir auch eines ohne anbieten, und da zögere ich denn auch angesichts der Unterkünfte der letzten zwei Wochen nicht lange. Er zeigt mir das Zimmer und das Bad, und dann setzt mein Abendprogramm ein.

Bis halb zwölf stehe ich am Waschbecken und spüle hoch belastete Abwässer aus meiner Wäsche. Der Dreck ist beeindruckend, meine Fracht sollte eigentlich spürbar leichter werden. Danach spanne ich meine Wäscheleine quer durchs Zimmer, hänge alles auf in der Hoffnung, dass es bis zum Morgen einigermaßen trocknet, und nehme dann selbst ein Bad. Unbeschreiblich! Man sollte jeden Vollbader dazu verdonnern, vorher mindestens ein paar Tage durch die Alpen gewandert (zu Fuß oder mit dem Fahrrad) zu sein, damit er weiß, was er an dem Bad hat. Kurz nach Mitternacht krieche ich ins Bett, und das ist nach den vielen Nächten im Schlafsack schon was außergewöhnlich Gutes.

27. Juni

Roquesteron – D17 – Clue du Riolan – D17xD2211axD2211 – Clue de Saint Auban – Saint Auban – D2211xN85 – Col de Luens – Castellane – D952xD955 – Comps-sur-Artuby – D71xD19 – Aiguines – D19xD957 – Verdon (144 km)

Die Nacht war phantastisch, nur ein wenig kühl wegen des offenen Fensters. Das konnte ich wegen der Wäscheleine nicht schließen. Geholfen hat es aber offenbar auch nicht; denn meine Klamotten sind leider noch genauso feucht wie gestern Abend. So kann ich nichts wegpacken und im Grunde auch nichts davon anziehen. Aber da war doch noch der Trockner hinten im Bad. Zwar habe ich solch ein Gerät noch nie bedient, aber warum soll ich es nicht einfach mal ausprobieren. Ob es allerdings zum Service gehört, Waschmaschine und Trockner benutzen zu dürfen, weiß ich nicht. Aber wenn nicht, wird mir das schon jemand sagen. Die auf dem Deckel angegebenen Zeiten sind mir zu lang, eine viertel Stunde muss reichen. Auch die Temperatur wähle ich lieber etwas niedrig; denn meine Hose darf ich mir nicht verderben: Ich habe nur die eine.

Derweil frühstücke ich aus den Vorräten und packe zusammen, was sonst noch im Zimmer verteilt liegt. Im Hotel herrscht tiefe Stille. Gut, es ist Sonntag, aber ich hatte angekündigt, dass ich früh starten wolle. Die Rechnung ja schon beglichen.

Dann inspiziere ich meine Wäsche. Das ist noch nicht mal für einen Anfänger akzeptabel. Wahrscheinlich war mein Programm einfach zu mild. Beim nächsten Mal werde ich länger trocknen lassen müssen, vielleicht auch mit mehr Zunder. – Mein Fahrrad steht unten im Flur, ich packe auf, öffne die Tür und verlasse das Gasthaus, und all die Zeit hat sich kein Mensch im Hotel blicken lassen. Na gut, wozu schließlich auch?

Beim Bäcker hole ich mir eine frische Flûte, stülpe der feuchten Wäsche wegen noch eine Tüte über den Sattel und fahre los. Es wird zwar keine dramatische, aber doch voraussichtlich eine einstündige Auffahrt – nicht der ideale Start für einen Tag, aber mir geht’s nach der komfortablen Nacht gut, und außerdem ist mir die Topologie bereits klar.

Am ersten »Pass« geht eine kleine Husche nieder. Ich verstecke mich unter der Ausfahrt eines Tunnels und muss dabei nur zusehen, abseits der Straße zu stehen; sonst könnte ich jemanden erschrecken, der hinter mir aus dem Tunnel kommt.

Nach einer viertel Stunde scheint mir die Situation sicherer. Der Regen hat allerdings die Straße tückisch werden lassen. In einer engen Kurve komme ich beim Bremsen mit dem Hinterrad ins Rutschen. Da die Manöver natürlich immer so kalkuliert sind, dass normales Verzögern ein gefahrloses Passieren einer Kurve ermöglicht, verschaffen mir Erlebnisse wie dieses schon mal den einen oder anderen Adrenalinstoß. Aber was so kurz dauert, gerät auch rasch wieder in Vergessenheit. Kurz danach höre ich Sirenen. Ein Unfall? Ein Notfall? Es dauert ziemlich lange, bis das Fahrzeug mich erreicht. Wer immer da in Not sein mag, er hat bestimmt inzwischen das Zeitliche gesegnet. Aber das Auto sieht weder wie ein Polizei- noch wie ein Rettungsfahrzeug aus. Kurze Zeit, nachdem es mich überholt hat, stellt es sich als das Führungsauto für ein Radrennen heraus. Ein richtig offizielles mit Polizeischutz und allem Pipapo. Na ja, es sind keine Hubschrauber dabei, und auch Kameras und Zuschauer fehlen. Bevor mich einer der Fahrer erreicht, biege ich links ab, und das erspart mir dann auch die Interpretation der Handzeichen und Anweisungen eines motorisierten Polizisten, der entlang der Strecke Richtung und Schutz bieten soll. Der Mann ist jedenfalls cool: Kurzärmelig auf dem Motorrad bei diesem Wetter!

Es folgt eine endlose Auffahrt. An sich ist sie nicht schlimm, aber es ist überhaupt nicht abzuschätzen, wie weit sie sich hinzieht. Es ist kein Pass in Sicht, sondern nur die Straße bis zur nächsten Kurve, links der Berghang nach oben, rechts die Böschung nach unten; vermutlich verläuft in 100 Metern Entfernung die Talsohle, aber viel zu sehen ist davon nicht, weil der Asphalt durch einen dichten Buchenwald verläuft. So etwas macht mich ungeduldig. Ich möchte mir meine Kräfte einteilen, und wenn ich hinter jeder Biegung den Pass vermute, neige ich dazu, über meine Verhältnisse zu fahren.

Aber irgendwann ist jede Steigung zu Ende, und wenn an drei aufeinander folgenden Kurven die Passillusionen zerstört worden sind, macht man sich über andere Dinge Gedanken, fährt wohl auch eine Idee gemächlicher. Ein Kirschbaum wird für mich am Scheitelpunkt zum wichtigsten Punkt in der Szene. Ich verbringe gute 20 Minuten damit, ununterbrochen zu futtern. Na gut, es sind Wildkirschen. Da kommt nicht so schnell eine substanzielle Menge zusammen, aber irgendwann reicht es.

In Briançonnet hat sich der Himmel wieder so weit verdunkelt, und einige Male grollt es auch bedrohlich, dass ich nicht wage, weiterzufahren. Was also hier tun? Im Zweifelsfall irgendwas essen; geschehen muss es ohnehin irgendwann, warum also nicht jetzt? Aber das Gewitter lässt sich Zeit. Sollte ich mich also hier einmal auf diejenigen Dinge in meinem Gepäck besinnen, die ich bislang völlig unbenutzt durch die Gegend gefahren habe, quasi als Bodenhaftungsballast? Ich könnte etwa ein paar Vokabeln lernen, einige Grammatikregeln pauken… Oh nein, lieber nicht! Am Ende könnte ich vor der nächsten Reise wieder auf die unselige Idee kommen, solche Bücher mitzuschleppen.

Nachdem der Regen sich verzogen hat, geht’s weiter. Nach St. Auban hinauf fahre ich durch eine tolle Schlucht. Die Sonne kommt gerade richtig, um beide Seiten des Tals vollständig auszuleuchten. Nach einem misstrauischen Blick auf die Karte stelle ich fest, dass Michelin dieser Sehenswürdigkeit Rechnung getragen hat. Beim Fahren muss ich aufpassen; denn da der Fluss sich auf der linken Seite der Straße befindet, muss ich die Spur wechseln, um hin und wieder einen Blick hinab werfen zu können.

In St. Auban muss ich mich erst mal orientieren, um nicht in die falsche Richtung weiterzufahren. Die Strecke bis zur Route Napoleon führt durch Kiefernwald, sanft hinauf und leicht wieder herab, also sehr angenehm zu fahren. An der Kreuzung mit der N85 werden Tourismusartikel verkauft. Ich unterbreche die Verkäuferin beim Einwickeln kleiner, intensiv duftender Seifenstücke und hole mir ein Eis. Seife wird auch an vielen anderen Stellen entlang dieser Straße verkauft. – Ein paar Kilometer hinter der Kreuzung begegnet mir übrigens wieder einer der Radfahrer, die ich kurz vor Barcelonnette überholt hatte, und wir wechseln ein paar Worte.

Das erste Mal sehe ich den Verdon als friedliches, fast unscheinbares Flüsschen. Viel Wasser ist das nicht für eine so tiefe Schlucht, wie sie der Canyon du Verdon sein soll. Überhaupt: Canyon! Stammt das nicht aus dem Amerikanischen? Und das hier in Frankreich? Ist am Ende gar Michelin von den Amis unterwandert? Nur die unteren Schluchten unterhalb des Lac de Sainte Croix, die nicht als touristische Sehenswürdigkeit gekennzeichnet sind, sind wieder Gorges. Aber das ist ja auch egal. Vorerst begleite ich den Fluss auf seinem Weg in die Schluchten, und der Kommerz begleitet mich: Zeltplätze, Kajak- und Kanu-Verleihstellen säumen den Weg. Wo wollen die hier nur fahren? Da ist doch kaum Wasser. Egal. Ich habe ja was zum Fahren.

Nach zwölf Kilometer werde ich vor die Entscheidung gestellt, entweder die Nord- oder die Südroute zu benutzen. Bei der Planung habe ich mich für die Südseite entschieden, und angesichts der fortgeschrittenen Zeit ist es auch relativ egal, welche Seite ich nehme: Im Schatten der südlichen Sonne werde ich mich sicherlich nicht mehr befinden. An der Gabelung steht ein einzelnes Haus mit einem Schild, dass hier Honig verkauft wird. Vielleicht bekomme ich hier auch etwas Trinkwasser? Ich trete auf den heruntergekommenen Hof, rufe Hallo, und nach einer Weile guckt eine Frau aus dem Fenster. Oh Gott, verkauft am Ende die den Honig (und bereitet ihn womöglich auch noch zu)?! dass sie angeblich kein Wasser hat, nehme ich schon fast dankbar zur Kenntnis und flüchte.

Die Auffahrt zum Rand der Schlucht zieht sich hin, ist dafür einfach zu bewältigen. Ein bisschen problematisch ist nach wie vor das Wetter: Diesig und bewölkt – wenn so was am Abend zusammenkommt, kann man die Kamera eigentlich stecken lassen. Und das hier! Das erste Mal sehe ich die Schlucht kurz vor einer Brücke über den Artuby, einen Fluss, den ich nahe seiner Quelle kurz vor der Route Napoleon schon mal überquert habe. Dort war er mir nicht aufgefallen, und hier scheint er vor lauter Bedeutungslosigkeit inzwischen vertrocknet zu sein. Allerdings hat er ein tiefes Tal gegraben, über das sich eine Brücke spannt. Andere Touristen erzählen mir, noch vor einer Stunde sei dort Bungee-Jumping veranstaltet worden. Tja, wer zu spät kommt … Dafür posiert vor mir ein Tourist auf einem Geländer für ein Foto. Schwindelfrei scheint er ja zu sein, und wenn jetzt kein Windstoß kommt, kann er sich das Bild vielleicht auch mal ansehen. Nur scheint mir die Position des Fotografen so, dass sich der Wagemutige genauso gut auf jedes andere Geländer stellen könnte: Die Schlucht hinter und unter ihm wird auf dem Bild kaum zu sehen sein, weil der Fotograf die Kamera nach oben hält.

Die Straße bleibt der Schlucht jetzt mehr oder weniger treu, und sie führt durch ein Gelände, das mit kleinen Eichenbäumen und -sträuchern bewachsen ist. Wie das hier wohl in 100 Jahren mal aussehen wird? Immer wieder ergeben sich Einblicke in die Schlucht. Das ist alles nicht schlecht, nur habe ich ja schon die Gorges de l’Ardèche gesehen, und so muss ich schon genau hinsehen, um die eine oder andere Steigerung im Detail zu entdecken. Da ist zum Beispiel die Nordroute, die ich auf der gegenüber liegenden Seite sehen kann. Ich finde meine Entscheidung zugunsten der Südroute in Ordnung; denn die Nordroute scheint kürzer und anstrengender zu sein. Bleibt nur die Frage, wieso es denn die Nord- oder die Südroute sein muss und nicht stattdessen gleich beide. Na, ganz einfach: Es gibt keine Brücke über die Schlucht. In den heutigen Zeiten des Automobils ist es ja in der Tat kein Problem, von der einen Seite auf die andere zu wechseln: Man setzt sich in sein Blech, drückt eine knappe Stunde lang auf die Tube und kann dann den Ort, an dem man vorher stand, aus einer Entfernung von einem knappen Kilometer betrachten. Wie aufregend! Warum bauen die hier keine Brücke? Wahrscheinlich wäre es teuer, wahrscheinlich würde es den Charakter des Tals nachhaltig verändern, und ansonsten wäre nicht viel gewonnen.

Aber die Idee mit der Brücke lässt mich wieder einmal nicht mehr los. Es muss ja nicht gleich eine Autobrücke sein. Wie wäre es mit einer Fußgängerbrücke? Die hätte dann weniger zu tragen und könnte leichter konstruiert werden. Trotzdem sauteuer. Und wenn sie wie die alten asiatischen Seilbrücken konstruiert werden würde: Drei Seile, miteinander an der einen oder anderen Stelle verbunden – eins zum Laufen, die anderen beiden zum Festhalten, gewissermaßen als Geländer. Ich habe Erfahrung mit einer solchen Brücke – in Thailand bin ich mal über eine gelaufen, aber natürlich hat die nicht einen halben Kilometer überbrückt, und ein Sturz durch die losen Maschen rechts und links des »Laufstegs« wäre auch nicht zwingend tödlich gewesen. Aber wenn die Leute heutzutage Bungee-Jumping brauchen, warum sollen sie nicht über eine solche Brücke laufen (und auch noch dafür bezahlen)? Die Seile müssten auf jeder Seite an ein oder zwei Stellen verankert werden, und wenn man dann die Zahl der Besucher vielleicht auf zehn begrenzt, könnte sich die »Brücke« auf ein filigranes Gewirk aus Kunstfasern beschränken, eine jederzeit demontierbare Touristenattraktion. Ich fange an zu rechnen: Wie viel Seil wird benötigt, welche Kräfte müssen die Fasern aushalten, was wird das alles kosten, welche Sicherheitsmaßnahmen wären erforderlich? Die Seillänge ist noch das einfachste: Der Laufsteg ist einen knappen Kilometer lang, die Handläufe doppelt so lang, die Vermaschungen zwischen beiden insgesamt vielleicht das Vierfache. Mit den Kräften wird es schwierig. Zehn Leute wiegen maximal eine Tonne – so richtig schwere Jungs trauen sich da sowieso nicht ’rauf. Wie sehr sie das Material beanspruchen, hängt davon ab, wie flach das Seil gespannt wird – je flacher, desto stärker. Da war doch mal was mit der Kettenlinie; wenn ich nach Hause komme, werde ich meine Bücher zur technischen Mechanik herauskramen und versuchen, das mal durchzurechnen. Die Kosten sind auch ungewiss. Die Seile sind wahrscheinlich je nach Dicke für zwei bis zehn Mark pro Meter zu kriegen. Das wird eine anständige fünfstellige Summe – kein Unternehmen ohne finanzielles Risiko. Hinzu kommt die Verankerung der Seile an den Rändern des Tals – völlig unkalkulierbar, aber für Leute, die einfach loslegen, wahrscheinlich eine Sache von wenigen Tagen. Bleiben die Sicherheitsmaßnahmen: Soll man jeden Abend ins Tal hinabsteigen und die Fehltritte einsammeln? Aber Anseilen ist auf einer Seilbrücke nicht so einfach. Ich konzipiere einen Anzug, an dem ein Seil einen Wanderer mit seinem Vorgänger und Nachfolger verbindet und so indirekt eine Sicherung zum Ausgangs- und Endpunkt des Weges herstellt. Fällt einer durch die Maschen, wird es für seine Nachbarn zwar auch etwas ungemütlich, aber weiter als ein, zwei Meter kann er nicht fallen – dann ist das Seil straff, und er kann wieder hochgehievt werden. Der Anzug ist dafür da und muss so dicht abschließen, dass niemand Messer, Scheren oder Rasierklingen in die Hand kriegen kann, um vielleicht das Leben des Übergangs zu verkürzen.

Wie viel wird man wohl für einen Übergang verlangen können, in welcher Zeit hätte sich die Investition rentiert, welche Probleme könnten bei der Genehmigung auftreten? Mit solchen Gedanken kommt man ganz unauffällig die höchsten Berge hinauf, aber letztlich sind sie müßig. Tatsache ist, dass es vor der Abfahrt nach Aiguines noch einmal kräftig hinaufgeht – reichliche 400 Meter.

An der höchsten Stelle wird mir der Ausblick verleidet. Ein Auto nähert sich mit lauter Musik, hält an, die beiden Insassen lassen den Lärm laufen, den Motor auch, gucken eine Minute nach unten und kehren wieder um. Das Autofahren ist eindeutig zu billig. Dabei hat Frankreich schon verhältnismäßig heftige Spritpreise. In Aiguines überhole ich einen Radler, der an mir erst kurz vorm Ortsausgang wieder vorbeifährt, als ich in einer Telefonzelle stehe. Allerhand, der Typ: Ich habe immer gedacht, ich sei der einzige Nachtfahrer (die Sonne ist längst untergegangen), aber der hat offenbar ebenfalls weitgesteckte Ziele. Wenig später hole ich ihn wieder ein. Er ist Engländer, heute den ersten Tag unterwegs und kommt jetzt aus Nizza. Allerhand. Er hat keinen Scheinwerfer am Rad und möchte auf den Zeltplatz nach Aiguines. Soso, sage ich, da musst Du aber zurück. Der war nämlich schon. Shit! Das kommt dann wohl doch nicht in Frage. Also fahren wir weiter in dieselbe Richtung, allerdings wird er mir auf die Dauer zu langsam (wahrscheinlich, weil er im Dunkeln nur schwer die Straße überblicken kann).

Doch wohin jetzt noch? Es ist Nacht, Zeit, schlafen zu gehen. Aber irgendwo in die Büsche mag ich nicht; denn hin und wieder flackern Blitze über den Himmel. Das könnte Regen geben. An der Brücke über den Verdon, von der aus man rechts den Ausgang der Schlucht sehen kann (von dem ich gern noch ein Foto hätte), fasse ich den Entschluss, nicht überhastet wieder in das Departement Alpes-de-Haute-Provence zu wechseln, dessen Grenze entlang des Flusses verläuft, und suche mir stattdessen hier einen Platz zum Schlafen.

Das ist leichter gesagt als getan. Aller paar Meter verbieten Schilder das Campieren (ich sage mir dann immer, dass ich ja nicht campiere, weil ich kein Zelt dabei habe), und am See muss ich mit Mücken rechnen. Dieses Opfer werde ich für das Foto wohl bringen müssen. Aber auch nach dieser Entscheidung lässt sich kein überdachter Platz finden. Da ist zwar ein Kiosk, aber der bietet keinen Unterschlupf – nur ein Container ist aufgeständert. Auweia, wird das ein Luxus, wenn es in dieser Nacht Niederschlag gibt. Wo soll nun aber mein primäres Quartier sein? Am See stehen lauter Tretboote, und auf ihnen mache ich die entscheidende Fläche aus, die gerade groß genug für mich scheint, freilich völlig ungeschützt, aber ich habe ja noch den Container. In voller Montur (um schnell flüchten zu können) lege ich mich zur Ruhe. Tatsächlich verirren sich ein paar Mücken zu mir, aber sie scheinen noch nicht Hochsaison zu haben. Es lässt sich ertragen.

28. Juni

Verdon – D957xD952 – Moustiers-Sainte-Marie – D952xD56 – Puimoisson – D953xD907xN85 – Digne-les-Bains – D990axD900 – Col de Maure – Seyne – D900xD954 – Savines-le-Lac – Embrun – N94xN2094 – Châteauroux les-Alpes (158 km)

Also, das mag zwar originell gewesen zu sein, aber es muss sich nicht wiederholen. Der »Liegeplatz« – also nicht der dieses Tretbootes, sondern meiner an »Deck« dieses »Kreuzers« – ist entschieden zu klein, und wenn auch das Boot an sich keine Schieflage hatte, so doch mein Schlafplatz. Auf jeder Wiese wäre das tolerabel gewesen, nicht aber auf dieser glatten Kunststoffoberfläche. Während der Nacht geriet ich einige Male ins Rutschen, wachte darüber auf, suchte dann neuen Halt, schlief wieder ein, aber ein solches Prozedere ist im Allgemeinen nicht das, was man sich unter erquicklichem Nachtschlaf vorstellt. Hinzu kam, dass trotz einer leichten Brise natürlich Mücken da waren (wo, wenn nicht hier am See?), und die nötigten mich trotz milder Temperaturen tief in den Schlafsack hinein – das alte Lied.

Immerhin, es hatte nicht angefangen zu regnen. Und nicht nur das, in der Nacht klarte der Himmel auf, wie ich zwischendurch feststellen konnte, und jetzt scheint auch die Sonne am leergefegten Himmel. Dann besteht nun vielleicht die Möglichkeit, den Ausgang des Canyons zu fotografieren? Nur, von wo? Die Tretboote sind angekettet, um für die ideale Perspektive auf den See hinauszufahren. Und im Übrigen müsste ich wahrscheinlich bis zum Nachmittag warten, um die Sonne im Rücken zu haben. Es muss also eine andere Möglichkeit geben. Zunächst mal gibt’s Frühstück. Dann sehen wir weiter.

Auf der Karte sehe ich, dass die Autos, die ich gestern in den Bergen habe entlang fahren sehen, die Nordroute benutzt haben müssen. Da hinauf muss ich also heute nicht. Umso flotter geht es voran. Betrachte ich die weitere Route, so sind heute keine Himmelstürmerqualitäten gefragt. An Moustiers fahre ich mehr oder weniger vorbei. Es soll recht schön sein, und so vor der Felswand sieht es – noch im Schatten – auch recht interessant aus, aber es liegt halt weiter oben, und das bremst meinen Entdeckereifer. Erste Steigungen bleiben mir trotzdem nicht erspart. Es scheint, dass ich jetzt die Provence so richtig wie im Bilderbuch vorgeführt bekomme: Lavendel-, Raps- und Getreidefelder wechseln einander ab, an den Straßen stehen Eichen. Ich muss mich mit den optischen Eindrücken begnügen. Sogar wenige Zentimeter von einer Lavendelblüte entfernt kann ich nichts riechen.

Mein Reiseplan sieht Riez als Wendepunkt vor, aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, warum ich diesen Umweg machen wollte. Also kürze ich ab und fahre direkt nach Puimoisson. Auch dieser Ort ist Provence pur. Ich beschließe, wenigstens mal zum Marktplatz zu fahren, einzukaufen, etwas zu Mittag zu essen und vielleicht derweil etwas Flair zu schnuppern. Und in der Tat: Da wird Obst und Gemüse verkauft. Die Leute sind mit aller Ruhe am Werk, und vor mir kaufen drei deutsche Frauen das halbe Sortiment weg. Bis das alles gewogen, bewertet und aufaddiert ist, darf ich mit meinen vier Pfirsichen warten. Beraten werden die drei von einem Mann, der hier offenbar arbeitet, weil er ein französisches Kennzeichen am Wagen hat, aber auf jeden Fall auch aus Deutschland stammt. Er erzählt ihnen dann auch gleich etwas über all die Dinge, die sich sonst noch so im Blickfeld abspielen. Da ist zum Beispiel diese Frau im auffälligen Kleid, eine Wunderheilerin, die von Ferne heilt, und er wusste auch gleich von heftigen Zahnschmerzen zu berichten, die sie ihm mal in kürzester Zeit ausgetrieben hat. Keiner wisse, wie es funktioniert, aber darauf käme es ja letzten Endes auch nicht an. Ich ziehe mich derweil zu einem Sitzplatz zurück, um mich an meinen ungeheuer saftigen Pfirsichen zu laben.

Auch die weitere Fahrt, nun klar in Richtung Norden, ist zwar wellig, aber nicht allzu schwer. (Ohne Training müsste ich aber auch bei diesem Profil nach wenigen Stunden die Waffen strecken.) Also geht es relativ zügig voran. Am frühen Nachmittag erreiche ich auf diese Weise Digne. Interessant, das ist ja die Partnerstadt von Bad Mergentheim. Ich sollte Herrn Ruck mal fragen, ob er sich hier auskennt. Wohl nicht, tippe ich. In einer solch wichtigen Stadt hoffe ich meine Reserven auffüllen zu können, und obwohl ich zwei- oder dreimal die Runde mache, komme ich nur an kleinen Läden und einem großen Supermarkt vorbei: Alle geschlossen, es ist ein Skandal!

Ich habe mir eine Route herausgesucht, auf der der Verkehr wohl in früheren Zeiten das Gebirge überquerte. Inzwischen wurde eine neue Route gebaut, und bei der Ausfahrt aus Digne muss ich nur aufpassen, dass ich nicht die falsche Straße erwische. Die Beschilderung könnte besser sein. Nach einigen Kilometern bin ich mir aber sicher, mich für die richtige Straße entschieden zu haben. Das Tal ist verkehrsarm, flach und nahezu unbewohnt. Die Berge rechts und links sind nicht überwältigend hoch, bewaldet, und die einzige Besonderheit an ihnen sind Hinweise auf Saurierfossilien. Ich denke mir, dass da sicherlich nirgends offen Knochen herumliegen werden; denn die hätten längst Liebhaber gefunden, und deshalb fahre ich weiter.

Auf halber Strecke verengt sich das Tal zur Schlucht. Na ja, Gorges hauen mich jetzt nicht mehr so schnell um. Der Bach indes könnte mich locken. Ich wäre nicht der einzige, der ein Bad nimmt. Aber genau das ist ja der Grund, warum ich es wohl besser lassen sollte; denn wer weiß, ob mein Adamskostüm nicht Befremden erregen würde. Links der Straße sind ein paar Arbeiter gerade mit dem kunstvollen Aufschichten eines überdimensionalen Eis aus lauter Steinen fertig geworden. Wahrscheinlich soll das ein Saurierei sein.

Die Auffahrt zum Col de Maure erstreckt sich über eine solche Länge und ist daher so leicht, dass es nicht weiter erwähnenswert ist. Zwei Ereignisse fallen mir nach der Einmündung auf die D900 auf, wo der Verkehr wieder deutlich dichter ist: Eine Gold Wing mit Anhänger kommt mir entgegen, und in diesem Anhänger sitzt – ein großer Hund. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich wohl fühlt, aber jedenfalls wirkt er nicht verkrochen und kann bei diesen Temperaturen sicherlich auch gut eine Abkühlung vertragen. Außerdem werden diese Riesenmotorräder in aller Regel recht unaufgeregt gefahren. – An einer etwas steileren Stelle sehe ich plötzlich auf der linken Fahrspur ein Eichhörnchen, das die Straße nicht rechtzeitig hat überqueren können. Ein Traktor nähert sich von vorn, und das Tier versucht, der Gefahr zu entkommen, aber es kommt nicht vom Fleck, scheint mit dem Unterleib förmlich festgenagelt zu sein. Ich hoffe, dass der Traktor es gnädig überrollt, damit seine Leiden ein Ende haben, und komme ins Grübeln über das Gesetz der Straße.

In Seyne fasse ich den Entschluss, Pascal wegen einer Übernachtung anzurufen. Zwar ist es noch nicht die Zeit dafür, aber meine Zeitreserven sind allemal groß genug, um mal früher zu stoppen und etwas weniger zu fahren. Es wird verheerend: Nicht Pascal geht ans Telefon, sondern seine Mutter. Mit ihr muss ich französisch sprechen, und was im direkten Gespräch schon schwierig ist, wächst sich am Telefon zur Katastrophe aus. Nach wenigen Minuten kommt die Blockade, so dass ich dann gar nichts mehr verstehe, nicht einmal, dass sie verspricht, ihrem Sohn von meinem Anruf zu erzählen. (Das wird mir wieder einmal erst später klar.) Dieser ist übrigens gerade für einige Tag mit dem Fahrrad unterwegs, so dass sich der Besuch in kurzer Zeit in Wohlgefallen auflöst. Nun gut, verfolge ich halt weiter meine Route.

Auf dem Weg zum Lac de Serre-Ponçon ist noch eine »Anhöhe« zu überwinden, und engagiert mache ich mich an die Arbeit. Rechts schwingen sich die Berge zu enormer Höhe auf, eine Reminiszenz an die Pässe Col de la Bonette und Cayolle – ja, das waren noch Zeiten und Höhen. Ich muss an meine Auffahrt zur Festung am Col de Tende denken; denn ganz oben sind Kammstraßen oder doch zumindest -wege zu erkennen. Wer um alles in der Welt baut nur da oben Wege? – Ein Segelflugzeug umkreist immer wieder den Gipfel, und hinter dem Pass werden wahre Schwärme von Gleitschirmfliegern sichtbar, die heute offenbar tolle Thermiken vorfinden. Was heißt heute? Schließlich geht’s bei Schönwetter am Hang fast immer nach oben. Und so halten sie sich denn auch erstaunlich lange in der Luft.

Dann wird der See, ein Stausee, sichtbar. Erst nur an einigen Stellen, so dass man meinen könnte, es seien mehrere Gewässer, dann immer größer und tiefblau und tief unten. Das wird wieder eine tolle Abfahrt! Und sie ist wirklich schön; denn eine solche Perle wartet selten im Tal. Nach dem Abzweig auf die D954 geht es weiter hinab. Rechts sind irische Kajakfahrer im Gang, sich zum Fluss abzuseilen. Ein bisschen merkwürdig, auch ihr Auto haben sie mitten auf der Straße geparkt; dabei wirkt das Ganze nicht wie eine Rettungsaktion, die eine solch rücksichtslose Blockade rechtfertigen würde. Aber mir macht das weniger aus, da ich auch bei Gegenverkehr noch vorbeikomme.

An einem solchen See darf man nicht einfach nur entlang fahren. Man muss darin baden. Schließlich habe ich auch heute geschwitzt. Also suche ich mir eine Stelle, die von der Straße nicht einsehbar ist, und balanciere über die spitzen Steine am Ufer ins Wasser. Solange ich draußen bleibe, ist es klar. Schon bei den ersten Schritten jedoch wird grauer Schlamm aufgewirbelt. Also mache ich einen beherzten Sprung ins tiefe Wasser. Talsperren sind ja im Allgemeinen sehr tief und haben eine steile Uferböschung.

Obwohl der Sonnenuntergang höchstens noch eine Stunde hin ist, scheint dieses Bad jedoch zu früh gewesen zu sein: Die Straße hebt deutlich von der Uferlinie ab, immer weiter, und bald ärgert mich der Anstieg. Er ist wieder mal steiler, als Michelin in kontinuierlicher Verharmlosung zugibt. Außerdem ist er nur für ein kleines Nest gebaut worden, von dessen Durchfahrtsstraße aus man ohnehin keinen Blick auf den See hat. Dafür werden Grundstücke mit Seeblick verkauft. Das sind mindestens 100 Höhenmeter extra, eine neue Salzschicht auf der Haut inklusive.

Einige Kilometer später werde ich unerwarteterweise für die Anstrengung entschädigt. Hinter einer Kurve erblicke ich die Demoiselle, ein bemerkenswertes Gebilde aus Stein, von dem ich in einem der Naturreiseführer ein Foto gesehen hatte: Auf weichem, porösem Grundgestein, das von Sonne, Regen und Frost leicht und rasch wegerodiert wird, lagert eine harte Schicht (wahrscheinlich Basalt), die das senkrecht darunter liegende Material schützt. Auf diese Weise sind stalagmitenförmige Gebilde aus der geschlossenen Gesteinsformation übrig geblieben, die einen dunklen, harten Stein als überdimensionalen Hut tragen, ähnlich den gigantischen Gebilden, die Frauen der Oberschicht vor 100 Jahren getragen haben. Daher rührt wohl auch der Name. Ich nehme an, dass diese Steine in den nächsten Jahrzehnten restlos eingestürzt sein werden. Ist natürlich toll, dass ich sie so unerwartet noch zu sehen bekommen habe.

Savines und Embrun sind vom Tourismus geprägt, wobei hier nicht nur Skirummel ist, sondern auch Sommerziele; insofern besteht eine gewisse Ausgeglichenheit. In Savines überquert eine imposante Straßenbrücke den See so niedrig, als schwimme sie, und ich frage mich, ob der See dort so flach ist oder die Brückenpfeiler so tief. Jetzt geht auch die Sonne unter, später als auf Korsika, stelle ich fest. Na ja, es geht schließlich nach Norden, und die Verkürzung der Tage nach Mittsommer macht sich noch nicht bemerkbar.

In Embryn suche ich nach einer Übernachtung, und im Prinzip strotzt die Stadt vor Hotels, aber die erscheinen mir alle eine Nummer zu groß. Dafür sind die Restaurants fast alle leer. Wie die sich wohl tragen? Mit diesen Überlegungen verlasse ich die Stadt. Dann wird’s wohl mal wieder das Wiesenhotel sein müssen. Nach wenigen Kilometern werden Radfahrer von der Rennstrecke verwiesen, und da entlang der Piste sowieso kein ruhiges Fleckchen zu finden ist, folge ich den Schildern hinauf in den bergigen Rand des Tals. Dort findet sich links ein Rastplatz mit schönem Rasen, zwar ohne Dach, also ist des Morgens mit feuchtem Schlafsack zu rechnen, aber den kann man ja wieder trocknen. Nachdem ich mich verkrochen habe, werde ich noch mit einem Mondaufgang für die Anstrengungen des Tages belohnt. Obwohl der Himmel für ihn freien Platz lässt, habe ich das Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut. Wenn es in der Nacht also regnen sollte, werde ich flüchten müssen. Irgendwann muss ich ja auch das mal ausprobieren.

29. Juni

Châteauroux les-Alpes – N2094xN94xD902a – Guillestre – D902 – Col d’Izoard – Briançon – N91 – Col du Lautaret – D902 – Col du Galibier – Valloire (121 km)

Die Nacht verlief ruhig; die Platzwahl war offenbar gut. Geregnet hat’s auch nicht. Nach dem Frühstück geht’s los. Ich habe heute trotz aller Schnörkel eine ziemlich klare Richtung vor mir: Norden. An der Sonne werde ich mich aber aller Voraussicht nach kaum orientieren können. Nach dem tollen Mondaufgang von gestern hätte man eine andere Bewölkung erwarten können, aber ich war ja schon skeptisch gewesen. Jetzt ist die Frage, ob sich das Wetter wenigstens so hält, wie es im Moment aussieht.

Bis zur zweiten oder dritten Inspektion des Atlas’ gebe ich mich noch der Illusion hin, dass es heute nur gegen Abend einen langen Anstieg geben wird; denn die Karte verheißt entlang der N94/N91 nur eine »Unebenheit« von gut 200 Metern Höhendifferenz. Dann jedoch blicke ich auf die Routenplanung, und ich muss feststellen, dass die »Unebenheit« in Wirklichkeit von 1208 Metern Höhe auf 2360 Meter wächst und Col d’Izoard heißt. Ach ja, da war eine Empfehlung aus dem Fahrradreiseführer. Die Nationalstraße sieht auch wirklich nicht so einladend aus: Fett und rot – kann sie in Wirklichkeit anders als breit, schwarz und stark befahren sein? Ich habe meinen Irrtum jedenfalls noch rechtzeitig bemerkt.

Wenig später geht es rechts ab. Ab jetzt ist mit deutlichen Anstiegen zu rechnen. Dafür will ich mich erst mal versorgen und fit machen. In einem Supermarkt gibt es so etwas wie Vanille-Waffeln – mal was anderes als Nugatcreme und Baguette. Sie sind ziemlich schwer und süß, aber vielleicht ist das ja der Stoff, aus dem Gipfelstürmer gemacht werden. Ich esse sie jedenfalls gleich in vierfacher Schichtung, und was zu süß ist, wird flüssig gestreckt.

Hinter Guillestre geht es erst mal hoch. Es ist zwar reizvoll, sich seitlich eines Tales nach oben zu arbeiten, aber solange der Bach nicht folgt, kann es jederzeit wieder hinab gehen. Und so geschieht es auch: Eine Weile noch stemmt sich die Straße gegen die Tiefe, aus der sich der Bach nur langsam erhebt, aber dann kommt die Konsolidierung: Wasser und Teer verlaufen mit Erreichen eines kleinen Stausees wieder auf Tuchfühlung.

Spektakulär ist die Landschaft nicht. Am letzten Abzweig zum Pass stehen zwei Schilder; das erste weist auf Straßenbauarbeiten und Sperrungen hinter dem Pass hin, Mo-Fr vormittags und nachmittags, und das zweite informiert darüber, dass der Pass heute bis 13 Uhr für Autos gesperrt sei, und zwar zugunsten von Radfahrern. Ich sehe auf die Uhr, und mir wird klar, dass ich den Pass erst am frühen Nachmittag erreichen kann. Also habe ich nichts von der Begünstigung für Radler, muss jedoch mit der Sperrung rechnen. Aber so wie ich die Lage einschätze, ist da oben kein Wassergraben oder eine hohe Mauer, nur damit niemand durchkommt. Der Zeitplan ist wahrscheinlich ein Arbeitsplan, d.h., er soll nicht vorrangig Touristen an der Reise hindern, sondern in erster Linie ein störungsfreies und kontinuierliches Arbeiten ermöglichen, und ihn zu berücksichtigen wird allen Verkehrsteilnehmern wärmstens ans Herz gelegt. Und was mich als Radfahrer betrifft, so bin ich bislang ja noch fast überall durchgekommen. Ich gehe also kein allzu großes Risiko ein, auch wenn man den enormen Einsatz berücksichtigt.

Kurz vor Arvieux sehe ich eine kleine Schlange auf der Straße – ausnahmsweise mal eine lebende. Aber um diese Zeit? Sie sollte sich woanders wärmen. Ich muss an eine ähnliche Begebenheit in den USA denken, als ich am 24. Mai 1993 kurz vorm Death Valley einen längeren Anstieg zu bewältigen hatte, und dort ein wesentlich größeres Tier zusammengerollt in der Sonne lag. Damals hatte ich erst einen respektvollen Bogen gemacht und dann ein Foto. Irgendwann in dieser Zeit hatten mir Autofahrer erzählt, dass Schlangen häufig im letzten Moment die schnell herannahende Gefahr noch sähen und sich dann über einen Meter vom Boden aufbäumten, um den Angreifer abzuwehren. Deshalb lagen damals so viele plattgefahrene Kadaver auf den Highways, meist längst vertrocknet. In realistischer Einschätzung meiner schwächeren Argumente fürchtete ich eine Auseinandersetzung mit Klapperschlangen und wollte sie ja auch ruhig leben lassen. Auch hier in Frankreich habe ich schon einige Schlangen gesehen, allerdings kleinere. Und die hier lässt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. Ich halte an, besorge mir einen Stock und schubse sie an. Sie bewegt sich nur wenig und unbeholfen. Was hat sie? Da entdecke ich, dass sie eine deutliche Druckstelle gleich hinter dem Kopf aufweist. Wieder ein sterbendes Tier, ein Opfer der Straße! Aber wie ist das gekommen? Meine einzige Erklärung ist ein Rennrad. Dessen Reifen sind schmal genug für eine solche Verletzung. Es muss wohl (entsprechend schnell) ins Tal unterwegs gewesen sein; denn ich will nicht glauben, dass die Fahrer mit einem Tempo Tiere überfahren, das ein Ausweichmanöver leicht ermöglicht hätte.

Im Ort mache ich Pause. Auf einer Bank erhalte ich wieder »Besuch« von Schwalben. Ein Vogel hat mich als Wendeschleife auserkoren, aber ich setze mir meinen Hut auf und hebe einmal die Hand, als er wieder angeschossen kommt. Das kennen wir ja schon. Nur erklären kann ich es mir immer noch nicht.

Der Pass oder zumindest der erste schwere Teil der Auffahrt zu ihm sieht ungewöhnlich aus: Zwei Berge flankieren die Passhöhe, wie das meist der Fall ist, und das Ganze hat dann eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Sattel. Und dieser Sattel sieht hier so aus, als sei ein fast voller Mehlsack darüber gelegt worden. Beide Enden des Sackes hängen herunter, und zumindest die Südseite, von der ich komme, liegt in der schiefen Ebene auf, die ich bis jetzt hinaufgekommen bin. Was ich jetzt vor mir habe, ist ein Weg, der an einem Zipfel des Sackes beginnt und sich dann im Zickzack bis zu dessen Mitte empor windet. Die Straße ist nicht einfach steil – sie ist sehr steil. Aber das hat mir schon die Karte verraten. Im Wiegetritt lasse ich also das Tal unter mir, und ich finde den letzten Ort potthässlich: Die Blechdächer reißen es voll ’rein. Wenn man noch ein paar Steine darauf gelegt hätte, wäre vielleicht was Nettes daraus geworden, aber so gerät es irgendwie fast zum Slum.

Derweil geht auf der anderen Seite des Berges die Mittagspause zu Ende. Keine Frage, ich werde durch den laufenden Baubetrieb fahren müssen, wenn sie mich überhaupt durchlassen. Noch aber bin ich nicht oben. Und zwischendurch geht es noch einmal gehörig hinab. Die Straße verläuft hier mitten durch einen nach oben schier endlosen Schutthang. Was über diesen 200 Metern Straßenlänge in jedem Frühjahr in Bewegung gerät, muss enorm sein. Wenn der Weg da überhaupt vom Untergrund her Bestand hat, wird er jedenfalls aufwendig von dem befreit werden müssen, was von oben herunterrutscht. Kein Busch, nicht mal ein Grasbüschel hält, was da wie mit dem Lineal gezogen nur auf einen kleinen Stein am Gipfel wartet, um als Lawine zu Tal zu donnern.

Einerlei, der Berg ruft, und zwar nicht über diese Halde, sondern entlang des Asphalts. Der Pass macht nicht so viel her. Schön hoch ist er halt, und PKW-Fahrer kehren hier wieder um, jetzt jedenfalls, nachdem die Mittagspause längst vorbei ist. Ein paar hundert Meter weiter steht eine Straßensperre. Das ist für mich noch kein ernstzunehmendes Hindernis. Aber dann kommen sie, die Bagger, die die alte Straße wegreißen, die großen Dumper, die einen mit altem Teer, die anderen mit neuem Untergrund, und ein paar Arbeiter, die Dinge erledigen, die mit Diesel nicht zu machen sind. Respektvoll warte ich, bis das schwere Gerät mal wieder ent- oder beladen zu Tal fährt, um dann vorsichtig durch eine tiefe Schotterschicht zu rollen. Ein Fahrer lässt mich vorbei; denn seine Motorbremse lässt nicht zu, dass er schneller als 25 km/h fährt, und das wäre für mich ein magerer Lohn für mein stundenlanges Schwitzen am Aufstieg.

Bei der Abfahrt, die mir ähnlich steil wie die Auffahrt erscheint (was nicht so schön ist, weil die ganze Energie in kurzer Zeit in den Bremsklötzen verheizt wird, anstatt mir viel länger um die Ohren zu pfeifen), registriere ich wieder einen lockeren Lärchenbestand auf der Alm. Dann kommt das Norddorf am Fuße des steilen Teils, und das ist nicht ein bisschen schöner als sein Gegenüber. Diesen Pass werde ich also nicht weiterempfehlen, zumal er angesichts der nahen Alternative im Tal eher eine Turnübung als die Überwindung eines echten Hindernisses ist. Freilich weiß ich nicht, wie diese Alternative aussieht. Wahrscheinlich ist sie belebter und langweiliger.

Derweil beginnt es zu regnen. Die Bewölkung von heute morgen macht also ernst. Es müsste so eine Reißleine geben, mit der sich die Regenjacke vom Gepäckträger aus per Handschlag anziehen ließe. Und umgekehrt natürlich. Aber so einfach machen es sich nur Leute, die aus den Fehlern der vergangenen Jahre gelernt haben. Die nehmen auch keine Winterjacke mit, wenn es im Sommer nach Südfrankreich geht. Dafür werde ich sie alle auslachen, wenn der unerwartete Kälteeinbruch kommt. Bei 10 Grad unter Null werde ich der einzig Zufriedene sein. Vorerst ist es eher deutlich 20 Grad über Null. Es regnet genau so lange, bis die Jacke nass ist. Damit ist sichergestellt, dass sie auf dem Gepäckträger einige Stunden brauchen wird, um wieder zu trocknen, regelmäßiges Umpacken und Neufalten vorausgesetzt. Da muss im nächsten Jahr wirklich eine andere Lösung her.

In Briançon hört er Regen auf. Um genau zu sein, dort hat er noch gar nicht angefangen. In einer Buchhandlung schaue ich nach, wo die Route des Grandes Alpes verläuft. Eigentlich soll man das Zeug ja kaufen und nicht angucken, aber bei dieser Karte stimmt das Preis-Qualitäts-Verhältnis einfach nicht. – Bei Géant möchte ich meine Vorräte aufbessern. Keine Frage, das Angebot ist grandios. Mir widerfährt indes, was schon in Porto-Vecchio geschah, nur dass ich diesmal nicht der Auslöser bin, sondern der Leidtragende. Die Kundin vor mir hat einen Artikel eingepackt, einen Dreierpack Schokolade. Es ist im Grunde verrückt: Die Dinger kosten höchstens drei Mark. Dass der Preis für weitere Kunden geklärt werden muss, ist gar keine Frage, aber dass jetzt eine ganze Schlange wartet, bis sich die Kassierer alle gegenseitig erklärt haben, dass sie den Preis nicht kennen, und dass »meine« Kassiererin nun zu einer Wanderschaft aufbricht, um den Sachverhalt mit der Gründlichkeit eines… na, ich will niemanden beleidigen, also, jedenfalls restlos aufzuklären, dass macht mich ungeduldig. Man könnte nun meinen, ich sei doch im Urlaub und hätte alle Zeit der Welt. Das ist ja auch richtig, aber mein Fahrrad steht dort draußen, nicht in Sichtweite, und nicht nur das Fahrrad, sondern das ganze kostbare Gepäck. Ich will’s ja nicht beschreien, aber wenn wegen dieser Trödelei nachher was fehlte, wäre das nicht einfach nur ärgerlich. Also, was ich nicht ungeschickt vom Management gefunden hätte, wäre, in diesen seltenen Fällen einer Lücke in der Datenerfassung eine bessere Kundenbindung herzustellen, indem sie diese Kleinigkeit als Geschenk deklarieren. Natürlich hätte sich mal jemand um den Preis kümmern müssen, aber … Lassen wir das. Es ist auch noch alles am Fahrrad, als ich wieder herauskomme.

Mir steht jetzt eine Fahrt nordöstlich des Massif des Ecrins bevor, eines sehr hohen, ausgedehnten und undurchdringlichen Berggebietes, das angeblich Sommerskilaufen ermöglicht. Bis zum Col du Lautaret sind vielleicht 800 bis 1000 Meter zu überwinden, aber angesichts der Länge der Strecke verspricht das ein moderates Unterfangen zu werden. Das Einzige, was nicht viel versprechend aussieht, ist der Himmel. Also, wer jetzt Hochgebirgsskilauf geplant hat, kann im günstigsten Fall mit reichlich Neuschnee rechnen. Ich flüchte mich unter das Dach einer geschlossenen Tankstelle, und auch wenn ich keinen Hunger habe, kann ich ja einfach mal was essen. Nach einem halben Kilo Pudding hat der Regen immer noch nicht aufgehört, und ich mag nicht mehr. Vielleicht etwas Obst? Derweil erscheint der Tankwart, wortlos schließt er sein Büro auf, schaltet die Zapfsäulen ein, setzt sich in seinen Sessel, kramt eine Zeitung hervor und harrt der Autos, die da kommen werden. Im Moment bin nur ich da, kein Kunde zwar, wahrscheinlich auch kein Lockvogel, aber er verscheucht mich auch nicht vom Terrain, macht nicht einmal böse Miene. Das finde ich so toll hier in Frankreich, dass die Leute sich von einem Landstreicher nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ob ich auf einer Baustelle übernachte, auf Privatgrund (nicht gerade im Wohnzimmer, aber eben auch nicht im Kommunalforst) oder auf dem Dorfplatz – na und? Ich sollte das mal in Deutschland ausprobieren!

Interessanterweise kommt der erste Kunde genau in dem Moment, als ich das schützende Dach verlasse. Noch einmal suche ich in der Folge Unterschlupf, aber dann ballen sich die Wolken um die Gipfel links oben zusammen und lassen das Massiv nur noch undurchdringlicher erscheinen. Ich habe dafür meine Ruhe und befasse mich mit der Annäherung an den Pass. Der ist irgendwann erreicht. Es ist Abend; andere Leute schlagen um diese Zeit ihr Quartier auf, aber hier oben, in 2000 Meter Höhe, und jetzt schon? Nicht mit mir. Ein Schild wirbt um Besucher für einen unvergesslichen alpinen Garten, und während ich mir eine Apfelsaftschorle anrühre, überlege ich, was darin wohl wachsen wird. Nein, dafür ist keine Zeit, ich muss noch hoch zum Galibier. Das wird mindestens noch anderthalb Stunden dauern.

In der zweiten Kehre sehe ich ihn, den Garten – von oben gewissermaßen. Ganz nett arrangiert. Ich werde ihn nie vergessen. Was ich nach einer halben Stunde aber nicht mehr weiß, ist die aktuelle Höhe. Die Kilometersteine mit einem bunten Motiv und der aktuellen Höhenangabe scheinen im oberen Teil der Straße gestohlen worden zu sein. Lediglich die massiven Schneeschilde links der Straße signalisieren, dass ich in wahrhaft alpine Regionen vorstoße. Vor Beginn der letzten 100 Höhenmeter steht ein Denkmal, dem »Erfinder« der Tour de France gewidmet. Dann kommt eine Baustelle, mit der man dem Berg die Spitze nehmen will, ein Tunnel unter dem Pass hindurch. Was das wohl soll? Das kleine Stückchen kann doch nicht so viel bringen – oder taut der Schnee hier schon einen halben Monat früher? Und schließlich kommt ein neuerlicher Betrugsfall von Michelin. Von wegen fünf bis neun Prozent Anstieg! Aber über eine so kleine Distanz haut mich das nicht um. Ärgerlich ist nur, dass die letzten Leute am Pass just in dem Moment abdampfen, als ich oben ankomme. Kann mich also niemand fotografieren. Demnach muss ich den Apparat auf den Boden stellen und den Selbstauslöser benutzen. Der Col du Galibier ist schließlich nicht irgendeine Kuppe, die man zwischen Mittagessen und Kaffee mal eben überquert.

Die Nordseite ist abends gegen neun Uhr bei diesen Witterungsverhältnissen nichts für ängstliche Gemüter. Schwarz streckt sich der Himmel, und was an der Dramaturgie eigentlich nur noch fehlt, ist eine anständige Windstärke. Und Regen, Gott sei Dank! Es ist keine Zeit zu versäumen, rasch hinab, auf Überlebens- und Übernachtungshöhe, solange sich die Tropfen noch zurückhalten. Hier oben ist es doch recht unwirtlich.

1000 Meter Höhenunterschied liegen vor mir. Eine feine Sache. Die Fans der Rennfahrer haben die Namen ihrer Idole auf dieser Straße verewigt: Pantani, Ullrich und all die anderen. Allerdings sind sie hier nicht hinuntergefahren, sondern mussten hinauf, und wenn sie die Etappe nicht in Valloire begann, dann hatten sie sogar knapp 2000 Höhenmeter bis zum Pass zu überwinden. Hier soll Jan Ullrich 1998 dem Hungerast erlegen sein und die Tour verloren haben. Ja, soll vorkommen. Mich beschäftigt einstweilen der Gedanke, wohin der »Dünndarm« auf der gegenüber liegenden Seite des Tals führen mag. Ich werde bei der nächsten Pause auf der Karte nachsehen. Und nun fängt es doch noch an zu regnen. Hätte er nicht bis Valloire noch warten können? Vor einer Ranch, die ein überdachtes Tor am Rande des Grundstücks hat, warte ich eine Besserung ab. Aber das kann auch die ganze Nacht dauern. Erst mal ist Zeit, die Berge auf mich wirken zu lassen. Es ist enorm, was mich da umgibt. Ich bin in dieser gigantischen Szene nicht nur unbedeutend, sondern völlig entbehrlich. Und wenn die Zeit nicht immer weiter fortschreiten würde, könnte ich noch eine ganze Weile über die kleinen Menschen in der großen Welt philosophieren.

Der Regen hat nachgelassen. Aber lustig ist die weitere Abfahrt deswegen noch keineswegs. Nasse Straßen bieten den schmalen und mittlerweile profillosen Reifen fast keine Haftung. Kurven wollen frühzeitig berücksichtigt werden. Mit einem Wort: Es ist gefährlicher.

In den Vororten von Valloire gibt es zwar Hotels, aber die sind für mein Gefühl eine Nummer zu gediegen. Wenn ich da ankäme, in meinem Outfit und nass noch obendrein… Nein, nein, es muss etwas anderes sein. Derweil weckt das Panorama mein Interesse. Leider kann ich jetzt keine guten Fotos mehr machen; denn dafür fehlt das Licht. Wenn die Sonne nicht irgendwo scheint, und sei es nur hinter Wolken, sinkt der Kontrast gleich enorm. Vielleicht morgen, aber dann brauche ich hier Quartier, wenn ich nicht eine weite Strecke wieder hinaufklettern will. Also muss ich das Gelände genauer in Augenschein nehmen: Rechts steht ein langgestrecktes Gebäude, kein Wohnhaus, eher ein großes Quartier. Beim Umschreiten stelle ich fest, dass es einem Skiverband gehört, aber der kann zu dieser Jahreszeit sicher nicht viel damit anfangen. Demnach warten die Räume auf bessere Zeiten. Alles ist derweil verriegelt und verrammelt. Also kein Dach für mein müdes Haupt. Gegenüber steht ein Appartementhaus mit U-förmigem Grundriss, d.h. einem kleinen Innenhof, wenn man so will. Es sieht ebenfalls ziemlich unbewohnt aus, jedenfalls brennt nirgends Licht. Der Hof ist beplankt und teilweise überdacht, wahrscheinlich, damit man wenigstens von einer Wohnung zur nächsten trockenen Fußes kommt. Aber ein schöner Platz ist das nicht. Schließlich kann ja doch der eine oder andere zu Hause sein und nur sein Licht bereits gelöscht haben. Oder es wohnen Nachtschwärmer hier, die erst spät heimkommen. Wenn ich dann da neben der Wohnungstür liegen würde, erforderte das schon eine Menge Toleranz. Aber in der Umgebung scheint es nichts Besseres zu geben. Sicherheitshalber klingle ich die Türen ab; wenn dann doch jemand öffnet, kann ich ja nach einem Hotel fragen. Es rührt sich aber nichts. Gut. – Bis alle Geschäfte des Abends erledigt sind, vergeht noch eine viertel Stunde, und ich will gerade in den Schlafsack kriechen, den ich zwischen der Hauswand und meinem Fahrrad ausgebreitet habe, da geht doch noch eine Tür auf. Ein junger Mann kommt heraus und fragt, ob ich vorhin geklingelt hätte, was ich bejahe. Nun ist es zu spät, um nach einem Hotel zu fragen, aber er sieht keine Probleme mit meinem Quartier, das Haus sei tatsächlich ziemlich leer. Dass er sich über mein Lager wundert, ist wohl normal.

30. Juni

Valloire – Saint Michel-de-Maurienne – D902xN6xD74 – Saint Etienne-de-Cuines – Saint Rémy-de-Maurienne – D74xD207xD73 – Saint Georges-des-Hurtières – Aiguebelle – Randens – D72 – Aiton – D925 – Sainte Héléne-sur-Isère – Albertville – D990xD97 – Rognaix – D97xD94 – Col de la Madeleine – D213 – la Chambre – D213xN6xD906 – Saint Jean-de-Maurienne (166 km)

Halb sieben: Die Nacht zählte zwar gerade noch zum Durchschnitt, aber das Quartier liegt schon allein deshalb darunter, weil ich hier nicht richtig ausschlafen kann. Wenn nun doch noch ein Bewohner auftaucht, bin ich der Penner auf der Schwelle. Das muss ja nicht sein. Ich winde mich aus dem Schlafsack, ziehe mich an, verpacke alles, und noch bevor ich mich ungefrühstückt in den Sattel schwinge, taucht der Mann von gestern auf. Offenbar ein Frühaufsteher, aber erstens »kennt« er mich schon, und zweitens mache ich hier ja nur »kurz Pause«.

Ach ja, das Motiv von gestern Abend. Ich fahre also wieder hoch, dorthin, wo ich gestern hergekommen bin. Nein, natürlich nicht bis zum Pass, sondern nur ein paar 100 Meter, und da habe ich dann die beiden Kapellen oder Kirchen beiderseits des Tals im Sucher. Der Himmel ist hier und da blank geputzt, aber so richtig Vertrauen erweckend ist das noch nicht. Eine Dampfwolke bildet sich vor meinem Mund. Meine Herren, frisch ist’s!

Nach eingefangenem Motiv kann’s nun aber wirklich richtig nach Valloire gehen, und das sogar ganz von selbst. Am Ortseingang finde ich eine Bank. Bevor es also hinter dem Städtchen wieder bergan geht, verabreiche ich mir hier eine Stärkung. Sicher, das erste Frühstück befähigt nicht zu Höchstleistungen, aber die verlangt die Auffahrt zum Col du Télégraphe ja auch gar nicht. Vielleicht sind es 100 Höhenmeter, maximal 200. Das müsste damit schon zu schaffen sein.

Der Pass ist denn auch wirklich leicht – von dieser Seite aus. Die Sicht ins Tal auf der anderen Seite ist mäßig. Ich versuche zu erkennen, warum die Straße nicht einfach dem Fluss Valloirette stetig hinab folgen konnte und stattdessen noch mal in Berge hoch musste, aber auch das ist nicht zu ergründen. In der Nähe versperren Gebirgsausläufer die Sicht und in der Ferne die Luftfeuchtigkeit. Ich kann aber so etwas wie eine größere Baustelle im Haupttal erkennen. Damit habe ich nichts zu schaffen; ich werde in die andere Richtung fahren, auch wieder flussabwärts.

Zuerst jedoch muss ich hier hinunter ins Haupttal, aber das ist uns ja die liebste Pflicht: Gute 1000 Meter hinab – das verspricht mehr als eine viertel Stunde Wind um die Ohren, Kurven, Aussichten, keine Anstrengung, kein Schwitzen … aber Aufpassen!

Je weiter ich hinab komme, desto verrauchter wird die Luft. Wo das wohl herkommt? Welche Industrie spielt denn hier den bösen Mann? Schließlich, fast schon im Ort, wird die Ursache sichtbar: Ein Kleingärtner verbrennt Gras und allerlei Kram. Und deshalb ist das ganze Tal verqualmt! Kleine Ursache, große Wirkung. In St. Michel fahre ich hinter einer Kreuzung direkt den nächsten Brunnen an, um mir die Haare zu waschen. Das ist mal wieder nötig. Damit lässt sich auch gleich das zweite Frühstück verbinden.

Die Strecke ist nicht schön. Trotz der benachbarten Autobahn ist die Nationalstraße ziemlich belebt. Es gibt mindestens noch eine weitere Straße, aber die zieht sich verschnörkelt von Ort zu Ort, und erst nach 15 Kilometern bietet sich eine echte Alternative zur Hauptstraße. Dann wäre da noch die Eisenbahn und der Fluss – voll ist das Tal, reduziert zur Ummantelung eines Infrastrukturstrangs. Zusätzlich gibt es Zu- und Abfahrten an der Autobahn, einen Bahnhof oder eine Industrieansiedlung. Diese Knoten wirken fast wie Geschwüre, beanspruchen zusätzlichen Platz im ohnehin oft engen Tal. Also, hier möchte ich nicht wohnen.

Nach dem Abbiegen auf die D74 wird es deutlich ruhiger. Hin und wieder kann ich den Betrieb vergessen, wenn die Landstraße durch Bäume vom übrigen Rummel getrennt ist. Einmal kommt mir auf einem Mountain-Bike eine junge Radlerin entgegen. Habe ich eben geträumt, oder warum habe ich sie erst in letzter Sekunde wahrgenommen? Na, nun ist sie weg. – Nach einigen Kilometern sehe ich rechts einen kleinen See. Wo habe ich doch gleich das letzte Mal geduscht oder gebadet? Am Lac de Serre-Ponçon, und das ist schon wieder anderthalb Tage her. Also hinein in die Fluten! Ein bisschen zögere ich, denn in 100 Metern Entfernung sind zwei Angler beschäftigt und haben mich auch schon wahrgenommen, aber sie werden’s wohl überstehen. Wenige Augenblicke später frage ich mich, ob ich es wohl überstehen werde: viel mehr als zehn Grad sind das nicht, frisch vom Gletscher heruntergekommen. Bloß schnell wieder ’raus! Aber erfrischt hat es allemal.

Wie zu erwarten war, verlaufen die Seitenstraßen nicht optimal, was die Vermeidung von Kurven, Anstiegen und Gefällen angeht. Solange kein Schnee auf der Straße liegt, lasse ich das gelten. Schließlich ist es hier landschaftlich viel schöner als unten. Bis kurz vor Aiguebelle habe ich einiges an Höhe gesammelt, und nun geht es im Wald hinab, unmerklich auch über die Autobahn, die hier durch einen Tunnel führt, und an einem kleinen, idyllisch gelegenen See vorbei, den ich wegen des Tempos einer Abfahrt aber nur für wenige Sekunden wahrnehme.

Kurz vor Aiton sehe ich rechts einen Kirschbaum. Mensch, so lange keine Kirschen! Leider muss ich erst mühsam die steile Böschung hochklettern, um an die überreifen Früchte heranzukommen, und dann muss ich feststellen, dass es mit dem Genuss nicht mehr so weit her ist: Die Maden haben von dem Baum Besitz ergriffen. Also, so nötig habe ich es dann ja doch nicht.

Die Strecke nach Albertville ist so eben, dass ich meine, die Isère fließe bergauf. Erstaunlich ist jedenfalls, dass sie fließt, aber das ist vermutlich auch der Grund für die Kanalisierung. Bemerkenswert finde ich auch die Bäche, die rechts aus den Bergen kommen. Sie haben nicht etwa ein Tal gegraben (also, weiter oben in den Bergen natürlich schon), sondern in der Ebene im Gegenteil eine Erhöhung geschaffen, in dessen Mitte sie in einer kleinen Vertiefung fließen. Die Straße muss also zum Bach hinauf und hinterher wieder hinunter. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Jahren in Italien nahe Bozen und später in Österreich gesehen habe, wie Flüsse in der Ebene des breiten Haupttals flache Kegel von teilweise mehr als einem Kilometer Durchmesser und bis über 50 Metern Höhe aufgeschüttet haben, eine Fracht, die von dem gemächlichen Fluss im Haupttal offenbar nicht mehr in dem Maße abtransportiert werden kann, wie Nachschub aus den Bergen kommt. In diesem Tal sind die Dimensionen vergleichsweise harmlos, aber eine andere Erklärung fällt mir auch hier nicht ein.

Nach Albertville fahre ich hinein und kurze Zeit später wieder heraus. Der Teil, den ich sehe, verspricht nicht viel; außerdem haben wir Sommer im Wintersportort, und überdies ist die Olympiade mittlerweile Geschichte. Die Strecke bis zum Fuß der Auffahrt zum Col de la Madeleine ist unspektakulär. Ich bessere noch einmal meinen Getränkevorrat auf, und dann stehe ich vor der »Wand«: Steil geht es los, hinein ins Grüne; fast wie ein Dschungel umgibt der Wald die schmale Straße. Es ist ja wirklich nicht das erste Mal, dass ich auf einer schmalen Straße in die Berge fahre, aber ich wundere mich einmal mehr über die geringe Breite dieser so langen Straße. Natürlich ist es kein Nadelöhr in dem Sinne, dass hier viel Verkehr wäre, mir sind auch die enormen Kosten für Verbreiterungen am Steilhang bewusst, und schließlich kommen die paar Autos auch noch alle aneinander vorbei – wenn die Fahrer einander bei der zuweilen beachtlichen Geschwindigkeit rechtzeitig sehen. Ich wünsche mir auch am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist, aber wo andernorts Kleinflugzeuge starten könnten, erstaunt hier die Beschaulichkeit.

In Grenzen freilich, denn irgendwo oben wird offenbar gebaut. Schwere Brummis schnaufen hin und wieder an mir vorbei, beladen nach oben, leer nach unten, und gnädig verschluckt das Grün den Lärm, wenn sie um die nächste Kurve biegen. Auch Müll wird nach oben gefahren. Warum um alles in der Welt gerade hier nach oben, denke ich, aber ich habe die Konsequenzen des Tals einfach noch nicht zu Ende gedacht. Wohin schließlich sonst mit dem Kram? Eine viertel Stunde später sehe ich die Müllkippe. Da hilft bloß noch Weggucken.

Auf dem Asphalt stehen dieselben Namen wie auf der Abfahrt vom Col du Galibier: Pantani im Pirelli-Look, Jan Ullrich mit dem Telekom-T, Virenque und andere – wieder mir entgegen. Welcher Rennfahrer wird so etwas bergab schon lesen? Stammen diese Ehrfurchtsbezeigungen hier aus einem anderen Jahr als die anderen, oder haben die Tour-Fahrer eine ähnlich verschnörkelte Route wie ich genommen?

Weiter oben sehe ich, was einem Reisenden in den Bergen noch alles zustoßen kann: Von der gegenüber liegenden Seite des Tals kommt eine Straße herab, die mal auf meinen Weg mündete. Sie ist allerdings auf etwa 50 bis 100 Metern abgerutscht, und darüber ist ein beachtliches Stück Berg zum Auslöser für die Zerstörung geworden. Wie zum Hohn hat Mutter Natur noch ein paar Lawinen- und Geröllschutzstahlnetze an den Rändern stehen lassen, dort, wo die Straße unvermittelt abbricht. Nach meiner Ansicht wird dort nicht mehr gebaut; denn da warten noch -zig mal mehr Massen auf die nächste Tauwetterperiode. Es wäre ein Abenteuer, die Straße etwa auf demselben Verlauf zu erneuern. Und doch ist dort nur sichtbar geworden, was auf meiner Seite vielleicht nur unter der Grasnarbe verborgen bleibt: Die Unberechenbarkeit des Berges.

Oben am Pass wird wieder ein bisschen gemogelt. Man hat sieben Meter aufgerundet und zählt den Pass nun zu den 2000ern. Es geht auf 8, es ist frisch, und ich ziehe mir die Jacke über, um ungefährdet ein bisschen abkühlen zu können, und für die Abfahrt brauche ich sowieso Schutz. Es ist mir immer wieder unbegreiflich, wieso die Rennfahrer häufig nicht einmal mit einer Zeitung oder einem Stück Zellophan in die Berge gehen; die Talfahrt hat doch sehr wenig mit sportlicher Leistung zu tun. Da müssten eigentlich 200 Gramm für einen Mikrofaseranzug übrig sein.

Nach wenigen Metern sehe ich das Tal, den Abschnitt, an dem ich heute früh schon vorbeigefahren bin. Das ist bemerkenswert; denn wenn ich von oben die Talsohle sehe, kann ich von unten auch die Passhöhe erkennen, und das ist sehr selten. Ob es psychologisch wünschenswert wäre, weiß ich nicht so recht.

Die Abfahrt ist unspektakulär, aber wegen der relativ hohen Qualität des Belags sehr schnell. Landschaftlich ist hier dem Wintersport ein zu großes Opfer gebracht worden. Da hatte die Nordseite mehr zu bieten. Abfahrten um diese Uhrzeit sind problematisch: Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, aber wegen der Insekten muss ich eine Brille tragen. Zwar befindet sich meine normale Brille irgendwo im Gepäck, aber bis jetzt habe ich sie nur spazieren gefahren, und wie immer in dieser Situation bin ich jetzt zu faul zum Wühlen. Die Sonnenbrille jedoch dreht die Uhr glatt um eine Stunde weiter, und das ist ganz schön dunkel.

Unten. Und nun? Wohin heute noch? Ich könnte mir doch wieder mal ein Hotel leisten. Also noch bis St. Jean. Die Fahrt ist unproblematisch, kurz und unspektakulär. Im Ort angekommen, habe ich die Qual der Wahl. Welches Hotel soll ich nehmen? Sie haben alle zwei Sterne, und außerdem hat das gar nichts zu sagen im Bezug auf das, was mir wichtig ist: viel Platz, Ruhe, nicht zu weiches Bett und moderate Preise. Das erste Hotel will sage und schreibe nur 100 Francs. Da muss was faul sein! In der Kneipe im Erdgeschoss ist noch tüchtig Leben. Vielleicht nur eine dünne Holzdecke, und ich kann in der Nacht französische Trinksprüche lernen. Das nächste bitte. 170 Francs. Na ja, mehr sollte es aber auch nicht sein. Das Fahrrad kommt in die Garage, und was ich so brauche, nehme ich mit hoch (heute wird mal keine Wäsche veranstaltet)… Da, die spontane Idee: Heute gehe ich mal aus. Es kann ja nicht sein, dass ich über sechs Wochen in Frankreich gewesen bin und nicht ein einziges Mal ein Restaurant besucht habe! Der Salat mit Bruno zählt nicht. Ja, er hatte sich ein Menü kommen lassen und Froschschenkel getafelt. Mein Geiz flüsterte mir derweil ein: Abends soll man sowieso nicht so viel essen. Aber jetzt – ich beschließe, es krachen zu lassen. Vielleicht gebe ich im ersten Hotel zumindest noch dem Koch eine Chance. – Was könnte das nun heißen, was da auf der Tafel steht. Es gibt zwei Menüs, und eins davon kann ich mir am Tisch gegenüber ansehen: Pommes frites. Davon habe ich eigentlich nicht geträumt. Also das andere. Ansonsten halte ich mich abseits. Ich habe noch nicht geduscht. Aber da müssen die hier durch. Die Männer am Tresen haben schließlich auch alle eine Fahne.

Es wird ein Essen zum Weitersagen, und es wird eine eigene, kleine Story. Wenn man sich schon nicht auskennt mit der Gastronomie! Als erstes klären wir die Wahl des Menüs und dass ich mich mit Tafelwasser begnüge. Das geht rasch und relativ unkompliziert. Dann kommt ein Teller mit zwei kleinen Essiggurken, vier Scheiben Schinken und ein Korb mit Baguette-Stückchen. Was denn…? Ich überlege fieberhaft, wie wohl der weitere Umfang des Menüs sein wird. Kommt womöglich gleich als Nächstes der Käse? Dass der noch irgendwann, jedoch auf jeden Fall gegen Ende des Menüs kommt, weiß ich bereits. Ich zwinge mich zur Ruhe, erinnere mich daran, dass ich großzügig und bescheiden bleiben wollte, und schließlich genügt ein Einkauf im Supermarkt, um zu erfahren, dass das Preisgefüge bei Lebensmitteln in Frankreich ein anderes ist als bei Aldi und Norma, wobei diese Läden in Frankreich ebenso selten wie außergewöhnlich billig sind – eben wie in Deutschland, nur hebt sich das dort nicht so extrem ab, wenn man nicht gerade als Kontrastprogramm zum Tengelmann geht. Warum sollte man mich also gerade im Restaurant beschenken? Da kommt schließlich noch die Bedienung hinzu. Also gut, da ist ja noch die Beilage. Viel Brot und wenig Fleisch sind sowieso gesünder, und zum Glück habe ich noch das Wasser und einen Napf Senf auf dem Tisch; sonst wär’s zu trocken. Dennoch schaue ich sehnsüchtig zum Nachbartisch, wo eine Doppelportion Mann gerade eine Ketchupflasche auf seine Fritten entleert. Der könnte ruhig mal Diät machen und mir die Flasche ’rüberreichen. Er macht keine Diät, sondern bewahrt auch noch die Portion seiner Mutter (oder ist das etwa seine Frau?!) vor dem Verderb. Also kein Ketchup für mich. Ist sowieso nicht gesund.

Ein Höflichkeitsstückchen Brot habe ich zurückgelassen. Ja, zur Not ließe es sich so schon aushalten. Wortlos räumt die Bedienung ab und lässt mich mit lauter unausgesprochenen Fragen zurück. Was kommt wohl nun? Es vergeht ein Moment, wirklich eine kurze Zeit, gemessen an Wartezeiten in Deutschlands Restaurants, und dann kommt, was ich ganz gern vorher gewusst hätte, nur eben nicht hatte auf der Tafel entziffern können: Braten und Nudeln mit Soße. Spitze! Und ein neugefüllter Korb mit Baguette-Stückchen! Wohlweislich bediene ich mich daraus nun nur noch sehr zurückhaltend. Es geht auch ohnedies leicht über die gewöhnliche Sättigung hinaus und ist köstlich. Der Kerl kann seine Tomatenpampe meinetwegen behalten.

Jetzt wird’s wieder schwierig. Der Käse ist keine einfache Angelegenheit. Die Kellnerin erwartet von mir eine Entscheidung: Fromage blanc oder … ja, was meint sie wohl damit? Ich möchte es so wie die Nachbarn. Die sind mir glücklicherweise immer ein Stückchen voraus. Eine Platte. Es kommt eine Platte, und es haut mich um: Das ist mindestens ein halbes Pfund, und am ganzen Pfund dürfte nicht viel fehlen. Aber ich bin satt! Und bis auf ein kurzes Bad gehe ich auch gleich ins Bett. Oh, die Baguettes am Anfang! Ich hätte nicht so misstrauisch alles verschlingen sollen, was lediglich als dekorative Beilage gedacht war. Tapfer schneide ich mir von jeder Sorte ein Stück ab. Das kann man doch nicht machen, den Käse so pur essen! Keine Sorge, eine Magenverstimmung riskiere ich nicht, eher einen Magenwanddurchbruch. In Deutschland muss in den Trog, was einmal über die Theke ging und nicht verzehrt wurde. Rechnen die hier ernsthaft damit, dass irgendjemand den ganzen Käse vertilgt? Auch der Nachbar »kostet« nur. Und ich? Es hilft nichts, die Hälfte geht ans Personal. Oder wer auch immer es essen mag. Ich kann nicht mehr.

Aber das war’s noch nicht. Ich werde vor die Wahl gestellt: Ein Dessert, einen Obstsalat oder ein Eis. Ich tippe, dass das Dessert am kleinsten ist, und ich tippe richtig. Das hat schon eine Weile im Kühlschrank gestanden, aber bloß keine Kritik! Es ist schlicht, schmeckt nicht schlecht, und wenn da überhaupt noch was abzurunden war, dann ist jetzt alles rund. Und das Ganze kostet nur 60 Francs, also knappe 18 Mark. Als ich daraus 75 Francs machen will, wundert sich die Frau, als bekäme sie zum ersten Mal im Leben Trinkgeld. So kann man was erleben.

Ich rolle mich ins Hotelzimmer, versinke in der Badewanne auf die Gefahr hin, nicht wieder herauszukommen, und stelle fest, dass im Waschbecken der Abfluss nicht funktioniert (die Hose muss doch mal durchgespült werden, und es dauert ewig, bis das Becken wieder leer ist). Weil ich frische Luft haben will und am nächsten Morgen den Tagesanbruch nicht versäumen möchte, mache ich mich am Rolleau zu schaffen. Das könnte auch mal renoviert werden. Die Kurbel stellt sich störrisch, und ich beschließe, dass das Tageslicht schon einen Weg durch die Ritzen finden wird. Schluss. Aus.

1. Juli

Saint Jean-de-Maurienne – D906xN6 – Modane – Lanslebourg-Mont-Cenis – N6xD902 – Col de l’Iseran – Val d’Isère – Bourg-Saint Maurice – Bonneval (139 km)

Die ersten Kilometer kenne ich ja nun schon, wenn auch in umgekehrter Richtung, und der kleine Unterschied macht’s, dass ich mich wundere: Es geht stärker bergauf als ich erwartet hatte. Natürlich sind dies alles keine Grenzsituationen, aber in der Ebene fährt es sich deutlich leichter. Gut letztlich, dass alles, was jetzt geklettert wird, an der Passauffahrt zum höchsten Pass zumindest der französischen Alpen nicht mehr notwendig ist, also auch nicht mehr an den Reserven zehrt.

Wer immer jetzt einwendet, dass doch der Col de la Bonette der höchste Pass der Alpen sei, dem halte ich die Mogelpackung auf all den Postkarten entgegen: Über 2800 Meter liegen nur der Cime de la Bonette, der nur zu Fuß erreichbar ist, und eine Schleife, die vom Pass ausgeht und den Cime umgibt. Das ist keine Passstraße, und der Col de la Bonette liegt denn auch deutlich niedriger als die 2764 Meter, zu denen ich mich heute aufschwingen muss. Dafür wird Col de l’Isèran heute der einzige Pass sein.

Kurz vor Saint Michel-de-Maurienne, wohin ich gestern vom Col du Télégraphe herabrauschte, werde ich von einer Gruppe Rennradler überholt. Es ist ein Seniorenclub mit einer Dame im Zirkel. Das sind keine Leute, die heute 200 Kilometer fahren wollen (was von der momentanen Geschwindigkeit her kein Problem wäre); die wollen zum Col du Galibier oder wenigstens zum Col du Télégraphe. Schon ein paar Male habe ich Radfahrer gesehen, die mit dem Auto bis zum Fuß einer Passstraße fahren, dann das Rennrad ausladen und unmittelbar die »substanzielle« Herausforderung angehen. Anders wird es wohl auch nicht gehen, wenn sie wie fast immer ohne jedes Gepäck, ja, anscheinend sogar ohne Verpflegung aufbrechen. So werden keine Tagesreisen durchgeführt, das sind Ausflüge von maximal einigen Stunden.

Trotz dieser Überlegung beschließe ich, ihnen zu folgen; denn ihr Tempo ist durchaus machbar. Wie schon auf Korsika kommt auch diesmal kein Gespräch zustande, nicht einmal ein Gruß. Wir gehören zwei verschiedenen Welten an. – Wie ich es mir gedacht habe, biegen die Leute in der Stadt rechts ab.

Für mich beginnt ein unerwarteter Höllentrip. Hatte ich vom Col du Télégraphe aus nicht eine Baustelle gesehen? Ich hätte das ernster nehmen sollen – aber geändert hätte es auch nichts. Die Autobahn auf der Karte befindet sich in der Wirklichkeit noch im Bau, und bei genauerem Hinsehen muss ich Michelin dieses Detail auch zugestehen. Der gesamte Schwerlastverkehr der Autobahn ergießt sich nun auf die Nationalstraße, und es ist absehbar, dass das mindestens zwölf Kilometer lang so bleiben wird. Ein Sattelschlepper nach dem anderen zieht an mir vorbei, und zwar in beiden Richtungen. Zwischendurch mal eine kurze Lücke und ein paar PKW. Ich zähle: sieben LKW pro Minute, und wem das nicht viel scheint, der möge bedenken, dass es eine ganze Weile dauert, bis sich so ein long vehicle an mir vorbeigeschoben hat. Es sind viele Italiener dabei, aber auch Briten, Spanier, Holländer und andere – und Franzosen natürlich. Ich überlege, ob es einen Zusammenhang mit der Sperrung des Mont-Blanc-Tunnels gibt, aber der ist ziemlich weit entfernt, und laut Karte existieren nähere Alternativen.

Zum Handels- und Freizeitverkehr kommt der Baustellenverkehr; denn an der Autobahn wird fieberhaft auf einem mehrere Kilometer langen Abschnitt gearbeitet, zu dem zahllose Brücken unterschiedlicher Bauart gehören. (Ich verstehe diese teure Vielfalt nicht; sind die statischen Anforderungen und geologischen Gegebenheiten wirklich so verschieden? Oder hat jeder Architekt seine eigene Brücke bekommen?) So viele Menschen habe ich selten auf einer Baustelle auf so engem Raum gesehen. Die Sonne gewinnt langsam an Kraft, und dass es nicht völlig unerträglich wird, liegt daran, dass die Brummis relativ ’mild’ rußen, dass überall auf der Baustelle Leute mit Wasserschläuchen stehen, die der Staubentwicklung Einhalt gebieten und dass mit der Sonne auch der Aufwind in Gang kommt. Ich betrachte das Tal: Es ist im Eimer. Aber auf der anderen Seite muss man natürlich fragen, was ein Tal an sich wertvoller macht als irgendeine Ebene, durch die eine Schnellstraße planiert wird. Und es ist noch offen, was nach Abschluss der Arbeiten bleibt. Als ich nämlich schließlich Modane erreiche, wo der Verkehr auf die N566 abgezweigt ist und schon 50 bis 100 Meter über dem Ort verläuft, ist so gut wie nichts mehr von den tausenden bullernden PS zu hören. Das Tal hat so ziemlich seine Ruhe. Bleibt die Theorie, dass mehr Straßen immer mehr Verkehr induzieren.

Ich muss erst mal einkaufen: Getränke, Obst, Brot. Das Gepäck wird vorübergehend um über fünf Kilogramm schwerer, und eine umständliche Prozedur des Umfüllens der Getränke zwischen den neuen und alten Flaschen beginnt. Schließlich soll während der Fahrt aus den angebrochenen Behältern nichts auslaufen. Dafür plempere ich jetzt ein bisschen.

Das Wetter ist toll, der Wind günstig, die Straße ruhig, und nach dem Abzweig zum Col du Mont-Cenis wird der Tourismus der Vorsaison hier endgültig unter sich sein. Die Straße verläuft gelegentlich übermütig, bergauf und wieder hinunter, aber die Richtschnur wird durch das Flüsschen Arc vorgegeben, und das fließt schließlich immer noch von oben nach unten, wenn ich auch gelegentlich einiger ausgedehnter Abfahrten daran zweifle.

Gegen 15 Uhr erreiche ich das »Basislager«, Bonneval-sur-Arc, den Ort, von dem aus es vor allem aufwärts geht und erst in zweiter Linie vorwärts. Werde ich jetzt noch Augen für die bunten Wiesen rechts und links der Straße haben? Sie liefern mit ihrer unaufdringlichen Farben- und Formenvielfalt unzählige Vorlagen für die schönsten und natürlichsten Blumensträuße. Gar nicht zu reden von dem therapeutischen Potential, das die Kräuter womöglich darstellen und das ich nicht kenne, und ihrem Duft, den ich mit meiner Nase nicht riechen kann. Es heißt ja, dass Pflanzen mit großen Blüten optisch reizen und solche mit eher bescheidenen Farben über den Geruch.

Bonnevals Dächer sind zum größten Teil steingedeckt. Es muss ein enormes Gewicht sein, das da auf den Dachbalken lastet, nicht vergleichbar mit deutschen Schieferdächern etwa. Obwohl die Platten insbesondere bei jüngeren Bauten mit erstaunlicher Passgenauigkeit und Regelmäßigkeit aufeinander liegen, zweifle ich an der Regen- und Winddichtigkeit eines solchen Daches. Die Steine sind mehrere Zentimeter dick, und wie die Fugen da sicheren Schutz gegen Unwetter bilden sollen, bleibt mir schleierhaft.

Wie in den allermeisten Fällen ist der Pass von unten nicht zu sehen. Das ist vielleicht auch gut so. Es könnte schließlich entmutigend sein. Was ich bis jetzt sehe, ist ein einfacher Zickzack, der bereits in eine beachtliche Höhe führt und dem Fahrer das Dorf erst links und dann rechts zu Füßen legt. Ich hebe also ab. Nach wenigen Minuten lasse ich die Kirchturmspitze unter mir, und kurz darauf kann ich über diesen Punkt andere Häuser im Dorf anvisieren. Stein um Stein streicht langsam unter dem »Fadenkreuz« entlang. Vor der ersten Kehre werfe ich noch einen Blick auf das lange Tal, aus dem ich gekommen bin, dann liegt es hinter mir und das Panorama mit dem Dorf rechts. Eine lange Reihe von Motorradfahrern taucht auf und schickt sich an, den Gipfel zu stürmen – bis jetzt noch lautlos. Wenige Minuten später donnern sie an mir vorbei, Österreicher, die wie die Besengten fahren, allen voran eine Gold Wing – welch ein Sakrileg, damit so zu heizen! Alle mit dem Kennzeichen IM. Ich werde mir die Jungs vorknöpfen, denke ich mir, und ihnen ein paar Takte über zivilisierte Fahrweise erzählen, wenn ich sie erwische.

In der zweiten Kurve verliere ich Dorf und Zickzack aus den Augen, und eine neue Szene tut sich vor mir auf, die weniger übersichtlich ist, aber noch größeren Höhengewinn verspricht. Unten, also da, wo ich jetzt bin, ist noch alles grün, und am oberen Ausgang eher felsig und karg. Aus der Ferne sehen die Gras überzogenen Felsen aus wie englischer Rasen, aber beim Näherkommen entfaltet das Grün all seine Facetten, hat normale Halmlänge und zeigt auch die eine oder andere Blüte. Die Alpenblumen zeigen sich am besten an die Höhe angepasst; denn sie bleiben in der Höhe als die einzigen Pflanzen übrig, und ihre kräftigen Farben verblüffen mit ihrer Lebenskraft in dieser rauen Umgebung, die nur eine kurze frostfreie Periode kennt.

Schaue ich jetzt zurück, fällt der Blick auf große Gletscherflächen, vorläufig noch ewiges Weiß, gelegentlich ist es auch braun, und ich frage mich, woher der Dreck in dieser Höhe kommt, aber in zehn, zwanzig Jahren soll es damit ja auch vorbei sein, wenn man den Prognosen der Klimaforscher glauben darf.

Schließlich kommt an einer engen Stelle der Durchbruch zum dritten Teil der Passstraße. Eintönig führt sie auf der linken Seite des Tals nach oben. Hier gibt es nur noch Steine, Felsen, ruhende Seilbahnen, Strommasten, die Straße, hier mal eine kleine Blüte, dort ein Moos – das ist alles. Ach ja, und Gegenwind. Anscheinend weiß der Aufwind von der Nordseite nicht, wohin er nach Erreichen des Passes wehen soll. Es wird steiler, und die Temperatur sinkt so weit ab, dass der Schweiß allmählich versiegt. Das ist sehr vorteilhaft, brauche ich dann doch keinen großen Kleiderwechsel am Pass, bevor es wieder bergab geht. Noch immer aber sehe ich ihn nicht, und im Gegensatz zu südlicheren Alpenstraßen hat man hier auf die Markierung der vollen Höhenhunderter verzichtet. Ich weiß also nicht, wie weit es noch ist. Aber mir geht es gut, ich habe weder Hunger noch Durst, nur die dünnere Luft scheint sich bemerkbar zu machen. Es wäre doch mal interessant, wie hoch der Luftdruck hier eigentlich noch ist.

Jetzt bekomme ich bestätigt, dass die Reise in umgekehrter Richtung nicht hätte durchgeführt werden können. Schneewände von mehreren Metern Höhe türmen sich um die nächste Kehre. Ich möchte bezweifeln, dass hier vor drei Wochen schon durchzukommen gewesen wäre. In der anderen Richtung wäre ich aber spätestens in der zweiten Urlaubswoche hier angekommen – chancenlos, möchte ich meinen. Da, endlich kommen Zeichen des Passes ins Blickfeld: Drei Fahnen für Frankreich, die Savoie und Val d’Isère.

Wo, wenn nicht hier, ist ein Foto am Passstein angebracht? Aber da hat doch so ein Trottel sein Auto direkt vor dem Stein geparkt! Ein Holländer. Ich bin versucht, mein Fahrrad gleich an den Oldtimer zu lehnen und das Foto so zu machen, da sehe ich, dass auch noch der Zündschlüssel steckt. Also, weit dürfte der Fahrer dann ja nicht sein. Er kommt auch schon an, und ich erkläre ihm, dass seine Kiste da völlig verkehrt steht. Er versteht das und bietet gleich noch an, das Foto zu machen. Na gut, das versöhnt mich. Schließlich ist das mit dem Selbstauslöser keine so einfache Sache – ohne Stativ.

Am Pass steht abseits des obligatorischen Souvenirladens eine kleine Kapelle, aber sonst ist es hier oben ziemlich unwirtlich. Es ist bereits Abend, und ich muss sehen, dass ich noch in Tiefen hinabsteige, in denen es über Nacht nicht so kalt wird. Nach Val d’Isère ist dies kein Problem. Man muss nur hin und wieder bremsen und im Übrigen schön aufpassen. Nach kurzer Zeit wird der Ort im tiefen, tiefen Tal sichtbar, dahinter ein See. Na also, das nenne ich eine Perspektive! Wenig später passiere ich eine Seilbahnstation, und fasziniert stelle ich fest, dass das Seil die gesamte Höhe ohne Zwischenstütze überwindet. Angesichts der dicken Trosse muss ich an das Seilbahnunglück in Italien denken. Mir fällt wieder das Problem der Kettenlinie ein. Zu Hause werde ich mich mal hinsetzen und versuchen, die Formel für die Form und Belastbarkeit eines solchen Seils herauszufinden.

Von oben sah die Stadt besser aus. Hotels über Hotels. Ob das alles besser erscheint, wenn hier richtiger Rummel ist, weiß ich nicht; da ist dann schließlich nicht nur mehr los, sondern es liegt auch Schnee. Aber im Sommer ist so ein reiner Skiort schon irgendwie trostlos. Der Stausee ist nicht voll. Wurde zu viel Strom gebraucht, oder gab es nicht genug Schnee? Nach der Fahrt durch all die Galerien und Tunnels entlang des Sees geht es wieder hinab, und es geht weit hinab. Links versinkt die Sonne hinter den Bergen. Nachdem die Straße mit dem Tal einen Schwenk in Richtung Westen macht, habe ich sie von vorn. Viel ist so nicht zu sehen, und die Sonnenbrille streut das Licht eher über das gesamte Blickfeld. Nach einigen Experimenten mit und ohne Brille bzw. Hut behalte ich nur noch den tief in die Stirn gezogenen Hut auf. So bleiben die Augen verschattet, und aggressiv ist die Sonne jetzt sowieso nicht mehr.

Kurz vor Bourg-St. Maurice komme ich durch einen Ort, und da stehen doch rechts ein paar Motorräder mit Österreicher Kennzeichen IM! Links der Straße wird derweil zu Abend gespeist. Also, wenn ich mir diese Gelegenheit entgehen lasse! »Das nächste Mal heizt Ihr da nicht wie die Blöden den Berg hoch! Das hat ja überhaupt keine Kultur!« oder so ähnlich, jedenfalls in einem Ton, der es ihnen erlaubt, darüber zu lachen. Den Männern bleibt der Mund offen stehen. Woher weiß der, wie wir südlich des Passes gefahren sind? Sie rufen durcheinander und wollen wissen, ob ich da auch drübergefahren bin. »Jo, mei« sage ich nur, fahre weiter und überlasse ihnen die Diskussion dieser kurzen Begegnung.

Kurz darauf erreiche ich Bourg-St. Maurice. Jetzt kommt wieder ein bedeutender Anstieg: Ich folge der Grande Route des Alpes. Der Höhenunterschied ist so bedeutend, dass es völlig außer Frage steht, ob ich diesen Pass heute noch schaffe. Ich werde ihn nicht schaffen. Aber um Quartier zu suchen, ist es einfach noch zu früh und zu hell. Ich könnte ja mal zur Abwechslung in meinem »Grundwortschatz Französisch« blättern, aber im Grunde habe ich mich schon lange damit abgefunden, dass ich dieses Buch lediglich zur Bodenhaftung mitgenommen habe, es also spazieren fahre.

Nein, nein, das entspricht nicht meinem Naturell. Lediglich eine Auskunft, dass es bis zum Pass keine Herberge gibt und das Tal dorthin im Übrigen vor Bremsen, Mücken oder Schlangen wimmele, könnte mich zurückhalten. Niemand indes verrät mir dergleichen, und so breche ich auf; da sind schließlich zwei Orte auf der Karte verzeichnet. Oder sagen wir mal so: Da sind zwei kleine Quadrate, die mit jeweils einem Namen versehen sind. Das kann im Einzelfall ein einziges Haus sein.

Links der Straße tost ein Fluss. Nach einer halben Stunde überquere ich ihn und muss mich mit einem ruhigeren und deutlich kleineren Gewässer als Begleiter begnügen. Rechts sehe ich, wie der Hauptarm sich reißend Bahn durchs Unterholz bricht. Die Gewalt der Wassermassen ist beeindruckend. Wie lange wohl ein solcher Flusslauf Bestand hat, bevor er hinweggefegt und in andere Formen geschliffen und gepresst wird?

Als es schon auf halb zehn zugeht, erreiche ich einen merkwürdigen Ort: Links der Straße scheint mal ein Schwimmbad gestanden zu haben. Funktionsdienliche Wassermengen scheint es schon lange nicht mehr erlebt zu haben; denn im Becken unterhalb des Sprungturms wachsen Bäume, die schon den Sprungturm selbst erreicht haben. Ob die Anlage überhaupt mal betrieben wurde, ist schwer auszumachen; denn sie scheint komplett zu sein. Es gibt sogar Reste von Umkleidekabinen. Rechts dagegen steht eine Ruine, die niemals fertig gebaut worden ist: Ein Hotelrohbau, der sich über sechs oder sieben Geschosse erstreckt. Die Frontfassade wurde bis auf die Fensteröffnungen im Wesentlichen abgeschlossen, aber an den Seiten sind nur die Geschossdecken zu sehen; alles andere ist offen, auch das Dach. Auch hier bricht sich die Natur offensichtlich schon seit Jahren wieder Bahn. Warum wurde der Bau nicht vollendet, frage ich mich, ja, warum wurde er überhaupt erst begonnen? Was kann man von diesem Hotel aus schon anderes unternehmen als eine Autofahrt, und selbst diese scheitert an den Parkplatzkapazitäten. Da sind keine Skipisten, keine Panoramen, keine Kulturstätten, kaum mal Sonne, nichts – außer diesem auch irgendwie deplaziert wirkenden Schwimmbad nicht gerade üppiger Ausmaße. Schattenbaden, die neue Badekultur in Zeiten von Ozonloch und UV-Bombardement?

Ich schaue auf die Karte: Oje, das scheint der erste »Ort« zu sein. Zwar geht da noch ein Weg hoch in die Berge, und einmal biegt auch ein Auto dorthin ab, aber das scheint’s für diese Eintragung gewesen zu sein. Welche Annehmlichkeiten wird dieses unvollständige Etablissement hier wohl für die Nacht bieten? Die Rechnung dürfte sich ja in Grenzen halten. Ich erforsche das Angebot, und die Sache erweist sich als Offerte mit Adventure-Additiven: Die Betontreppen liegen voller Schutt, was den Aufstieg zu einer schlüpfrigen Angelegenheit macht. Ein Geländer gibt’s natürlich nicht, dafür den Blick in den großzügigen Schacht, um den die Treppe nach oben führt. Immer schön links halten, denke ich, wenn Du hier ’runter fliegst, findet Dich in den nächsten 100 Jahren niemand. Riesige Rundfenster geben auf der der Straße abgewandten Seite den Blick auf Dschungel und Fels frei: ein bis drei Meter weit. Man hätte hier genauso gut zumauern können, so steil steigt das Tal auf der Rückseite des Gebäudes an. Auch die Flure und »Zimmer« haben Spannung zu bieten. Da ist zum Beispiel ein Türrahmen zum Fahrstuhlschacht (natürlich ohne Fahrstuhlkabine und ohne Tür). Oder die Ungewissheit bezüglich der Haltbarkeit der Betondecken bei Belastung durch zusätzliche 70 Kilogramm. An Essentials (Betten) und Amenities (Dusche) mangelt es deutlich; dafür scheinen, wie Spuren früherer Besucher verraten, Extravaganzen wie z.B. offene Feuer möglich zu sein. Pionier bin ich hier also nicht. Im Penthouse beschließe ich, dass es in dieser Nacht weder Regen noch schweren Tau geben wird. So viele Zimmerpflanzen hat keine Suite der Welt aufzuweisen. Also wieder hinunter, um das Fahrrad ins Entree zu hieven und die notwendigen Dinge für die Nacht und den Morgen auszuwählen und damit erneut nach oben zu steigen. Berge waren schließlich den ganzen Tag lang kein Problem. Warum also jetzt?

Oben muss ich erst noch etwas den Waldboden entfernen, der sich im Laufe der Jahre etabliert hat; dann kommt das Abendbrot mit Ausblick auf das Schwimmbad und die Straße, und zufrieden mit dem Tag krieche ich in den Schlafsack.

2. Juli

Bonneval – Cormet de Roselend – D902xD217xD925 – Beaufort – D925xD218b – Col des Saisies – Flumet – D909 – Col des Aravis – la Clusaz – D4xD12 – Saint Pierre – D208xD6xN203 – la Roche-sur-Foron – N203xD27 – le Chaumet (126 km)

Na ja, so die Wucht ist eine Nacht im Hotel-Rohbau auch nicht, obwohl ich trotz der immerhin denkbaren Einsturzgefahr keine Alpträume hatte. Ein offener Himmel ist ja nicht schlecht, quasi auf dem Dach eines »Hochhauses« ist es noch besser, im Grünen schließlich noch, aber da fangen die Haken auch schon an: Das Grüne sind nicht nur kleine Birken und Fichten, sondern auch feuchtes Moos, und das hat über Nacht meine Isomatte von unten nass und schmutzig gemacht. Zudem frage ich mich immer nachdrücklicher, warum um alles in der Welt in diesem engen und tiefen Tal ein Hotel und zu allem Überfluss noch ein Schwimmbad gebaut werden sollte. Da scheint doch nie die Sonne! Ich jedenfalls müsste noch Stunden warten, bis mir ein Strahl erste Wärme spendete. Für die Wärme muss ich schon selbst sorgen – oder hinfahren, wo die Sonne scheint.

Nach dem Frühstück räume ich die Sachen zusammen und hoffe auf den kleinen Grünstreifen zwischen Straße und »Schwimmbad«, um dort meine Isomatte säubern zu können. Allein – das Ergebnis befriedigt nicht. Also steige ich zum Fluss hinunter, direkt unterhalb des Schwimmbads, um die Folie zu waschen. Ich erwarte eiskaltes Gletscherwasser, doch wie groß ist mein Erstaunen, als es handwarm aus den Bergen sprudelt! Doch halt, nicht aus den Bergen, sondern unter der Mauer hervor, die das Schwimmbad begrenzt. Könnte das vielleicht ein Thermalbad sein? Warm baden, das wäre ein mögliches Motiv für den Bau, warum nicht? Unter Umständen wurden die Kalkulationen irgendwann obsolet, oder das Wasser war nicht nur warm, sondern verunreinigt oder irgendwie ungeeignet, oder es hatte geologische Probleme gegeben.

Egal, ich muss los. Die Isomatte wird auf den Gepäckträger geklemmt; denn so nass kann sie nicht ins Gepäck. Es geht aufwärts. Heute kommen keine 2000er Pässe mehr, sondern lauter »kleine«. Der erste ist 1967 Meter hoch, leicht zu merken – Clemens’ Geburtsjahr. Jetzt habe ich ca. 1000. Das sind also »nur« weitere 1000 Meter. Er wird mich auf den Teppich zurückholen. Vorerst spekuliere ich darüber, wann mich wohl der erste Sonnenstrahl treffen wird.

Es ist nicht optimal, am Berg zu starten. Am Morgen werden immer kleine Brötchen gebacken, und es ist problematisch, wenn stattdessen Brote gebraucht werden. Der Berg ist steil, sogar Michelin weist darauf hin. Nach einigen 100 Metern verändert sich das Aussehen des Waldes in der Talsohle. Die Laubbäume wirken wie mit einer gigantischen Bürste bearbeitet: Entlaubt, umgeknickt, entwurzelt. So könnte das aussehen, wenn eine Lawine »steinig« ist. Erstaunlich ist, dass die Verwüstung zwar wohl von links kam, denn dort ist sie am stärksten, aber keineswegs auf die linke Seite beschränkt blieb. Dabei fahre ich auf der rechten Seite, und die ist gut fünf Meter höher als der Fluss und sicher zehn Meter von ihm entfernt. Die Lawine muss ein gewaltiges Volumen gehabt und das Tal auf längere Zeit unpassierbar gemacht haben.

In einigen Kilometern Entfernung sehe ich, wie eine Hochspannungsleitung ganz oben das Tal überquert. Die Schlüsselmasten, die besonders hohe Lasten zu tragen haben, weil sie den Leitungen eine neue Richtung geben oder über eine weite Distanz helfen, sind rot-weiß gestrichen und dadurch besonders gut zu sehen. Mir war ein solcher Mast schon bei der Auffahrt zum Col de la Madeleine aus großer Entfernung aufgefallen. Ich taufe den linken Mast auf den Namen Max und überlege, ob ich seine Höhe bis zum Pass wohl einstellen werde. Die Leitungen glitzern im Sonnenlicht wie Spinnweben, und sie bringen meine Gedanken wieder zurück zu meiner Seilbrücke über die Gorge du Verdon. Mir fällt ein IMAX-Film ein, in dem gezeigt wurde, wie ein Bergsteiger in seinem Schlafsack wie eine Mumie an einem Seil hing und schlief, und zwar nicht einen halben Meter über dem Boden, sondern am Half Dome oder irgendwo da in der Nähe im Yosemite-Nationalpark, Hunderte von Metern über sicherem Grund und noch lange nicht oben, also mitten in der Felswand. Das war ein eindrucksvoller Zoom, beginnend aus mehr als einem Kilometer Distanz, wo die riesige Feldwand noch überschaubar, aber kein Bergsteiger sichtbar war, bis hin zum Leinwand füllenden Schlafsack. Könnte man so was vielleicht vermarkten, indem Mumiensäcke oder kleine Kojen an die Seilbrücke gehängt werden, jedenfalls über Nacht? Nur, wie kann man sie für Leute zugänglich machen, die keine erfahrenen Bergsteiger sind? Am Seil muss schließlich alles leicht sein, um es nicht zu stark zu belasten. Und was passiert, wenn sich ein Gast bemüßigt fühlt zu schaukeln, gar nicht zu reden von Phänomenen, die in »Doppelzimmern« auftreten? Die Probleme sind schwierig. Wahrscheinlich sollte ich erst mal die einfache Talüberbrückung realisieren oder mich mit anderen Herausforderungen beschäftigen.

Zum Beispiel wie diese beiden Leute da. Sie sammeln Müll. Hier oben, am Straßenrand. Sie sehen nicht aus wie Angestellte im öffentlichen Dienst, sondern eher wie Alpenfreunde. Die Bewohner der Savoie sind sehr selbstbewusst, tragen ihre Schweizer Farben offen zur Schau (z.B. neben Autokennzeichen), und gelegentlich findet man sogar Schmierereien, die die Unabhängigkeit fordern, wobei nicht ganz klar wird, in wie vielen Departements in diese Richtung gedacht wird. Als die Sammler 100 Meter abgegrast haben, rollt der Mann sein Auto ein Stückchen weiter den Berg hinab. Er rollt! Er startet den Motor nicht, und schon gar nicht lässt er ihn die ganze Zeit laufen, sondern löst lediglich die Bremse! Das ist das erste Mal, dass ich dieses Verhalten in Frankreich beobachte.

Oben am Pass steht ein Mann mit seinem Wohnwagen und verkauft Souvenirs und »produits regionaux«, wie z.B. Honig. Ein Schweizer Ehepaar kommt aus der entgegengesetzten Richtung, parkt seinen Wagen und betrachtet die Kostbarkeiten aus einiger Entfernung. »Hier müssen Sie kaufen! Das sind die absoluten Schnäppchen!« rufe ich hinüber. »Sind Sie sicher?« fragt die Frau erheitert zurück. »Aber ja doch, schließlich hat der Kram erst hier hochgefahren werden müssen.« Hoffentlich versteht der Verkäufer meine »Werbung« nicht.

Ich mache mich an die Abfahrt, allerdings bin ich völlig durchgeschwitzt und müsste meine Wäsche wechseln. Nach einigen hundert Metern findet sich neben der Straße ein Bach, und da spüle ich Hemd und Unterhemd durch. Nun fahre ich als lebendiger Wäschetrockner durch die Gegend; das ist vielleicht doch ein bisschen heikel – so völlig ohne innere Heizung (bergab). Also ziehe ich meine Regenjacke unter das Unterhemd; das allein schon wirkt sicherlich komisch, gar nicht zu reden von der gleißenden Sonne, die mittlerweile sehr an Kraft gewonnen hat. Dieselbe Jacke trage ich im Winter bei Frost auf dem Weg zur Arbeit. Am ersten ebenen Abschnitt an einem Stausee bekomme ich das zu spüren und lege sie wieder ab. Das muss soweit reichen.

Die Abfahrt nach Beaufort ist lang und sehr gut ausgebaut. Es macht Spaß, von einer Kurve zur anderen zu rollen, sich abwechselnd in die eine und die andere Richtung zu neigen, und nur einmal bekomme ich einen Schreck, als ich millimeterscharf an einem vielleicht faustgroßen Stein vorbeifahre. Bei 50 km/h kann so ein Ding das Ende der Reise sein. In einem Tunnel spüre ich ein Knacken am Fahrrad, fast unmerklich, aber es beunruhigt mich. An einer sonnigen Stelle halte ich und inspiziere das Vorderrad. Ahnte ich es doch: Die zweite Speiche ist hin. So lässt sich die Fahrt nicht weiterführen. Ich rolle mit verminderter Geschwindigkeit bis Beaufort (mit schleifender Bremse ist schnelles Fahren sowieso nicht mehr möglich), halte vor einem Laden, der so aussieht wie ein Fahrradgeschäft, lade das Gepäck ab und zerlege das Vorderrad. Nun muss ich auch den Reifen abziehen, weil sonst die Speichennippel nicht ausgewechselt werden können. Es ist eingetreten, was ich befürchtet hatte: Zwei gerissene Speichen machen das Zentrieren von einem ein- zu einem zweidimensionalen Problem und damit ungleich schwieriger. Ohne Zentrierbock gebe ich mich mit einem Schlag von einem Millimeter zufrieden. Das ist immerhin schon viel besser als auf den letzten … na, mindestens 1000 Kilometern, wo die eine gerissene Speiche eine schöne Acht erzeugte und ein Lockern der Vorderbremse erforderlich machte; und das war immerhin ein gewisses Risiko. Nun kann ich wieder alles schön straff einstellen. Aber der Reifen! Das wird mir keiner glauben. An mehreren Stellen ist bereits die zweite Gewebeschicht sichtbar, und besonders am vier bis fünf Millimeter langen Schnitt, der seit Antritt der Reise im Reifen klafft, wird der Schutz des Schlauches immer fragwürdiger. Vielleicht sollte ich doch mal nach einem neuen Reifen fragen. Ich gehe in den Laden und erläutere mein Problem. Na ja, da gibt es nicht viel zu erklären; wer das nicht auf den ersten Blick sieht … Der Chef kratzt sich am Kopf und steigt in den Keller. Das Geschäft handelt anscheinend eher mit allgemeinen Sportartikeln. Eine dekorative Assistentin schreibt Preisschilder und verteilt sie gleichmäßig vor Turnschuhen. Nach einer Weile kommt der Mann mit einem 26er Reifen wieder hoch. Na, das wird wohl nichts. Schließlich habe ich 28 Zoll Durchmesser. Das sieht er dann auch und steigt wieder hinab, erneut Gelegenheit, die kleine Frau zu betrachten, die Absatz fördernd lächelt. Der nächste Reifen ist ein 27er, gefällt mir so gänzlich ohne Profil auch nicht, und weil kein Geschäft zu machen ist, erlischt das Lächeln und wir trennen uns rasch wieder. Und im Grunde sage ich mir: Wir wollen doch erst mal sehen, ob das Ding nicht bis nach Deutschland hält! Außerdem habe ich den Keller voller Reifen. Die sollen da schließlich nicht verrotten oder Risse kriegen.

Es geht auf halb eins. Erschrocken unterbreche ich meine Arbeiten und hole mir rasch noch etwas Verpflegung aus dem benachbarten Laden. Mensch, der Tag ist schon halb herum, und ich bin gerade mal knappe 30 Kilometer weit gekommen! Aber Zeit für ein Mittagessen muss sein. Ist in dem Tirami su etwa Likör drin? Das ist ein halbes Kilo. Ich werde danach im Zickzack über die Straße fahren! Aber wahrscheinlich ist es nur ein Aroma, und bei der nächsten Auffahrt wird wieder anständig geschwitzt.

Und so geschieht es. Nach wenigen Kilometern biegt die Straße rechts ab, ich überquere einen auffällig verschmutzten Fluss (sieht nach Bauarbeiten weiter oben aus), und sogleich legt sich das Asphaltband in gefällige Schleifen. Es ist wirklich angenehm, nicht zu steil, von guter Qualität, lediglich high noon. Kurz vorm Abzweig nach Hauteluce, einem kleinen Dorf, ändert sich das: der Teer kommt durch, die Straße klebt, wenig später auch der Reifen, und zu allem Überfluss gibt’s ein Zwischentief mit Abzweig nach links genau dort, wo ich am schnellsten bin. Kein Drama. Pause. Im Schatten eines winzigen Holzhäuschens (ein Chalet für die Mülltonnen) bringe ich meinen Flüssigkeitshaushalt in die Balance und beobachte einen gewaltigen Bernhardiner, der im Schatten in aller Seelenruhe einen Knochen bearbeitet. Ein Hund müsste man sein. Dann brauchte man nicht hier in der Sonne zu schwitzen.

Um die Passhöhe wurde le Saisies erbaut, ein Skidorado wie aus dem Bilderbuch. Es scheint durch die Nähe zu Albertville geprägt zu sein; denn ich finde Hinweise auf die Olympischen Winterspiele von … Tja, wann war das doch gleich? – Es gibt viele Geschäfte, in denen man allen möglichen Kram kaufen kann, u.a. auch Postkarten. Da der Hochzeitstag meiner Eltern nicht mehr fern ist und ich schon fast eine Tradition pflegen kann, wenn ich eine Karte aus dem Ausland schicke, suche ich nach einer entsprechenden Glückwunschkarte. Ich durchstöbere in drei Läden das reichhaltige Angebot, ja, ich lasse sogar fahnden. Kein Glück. Jedenfalls keine Karte zum gewünschten Anlass. Dann soll es eben nicht sein.

Der Pass liegt quasi am Ortsrand, und wenn’s im Winter vielleicht noch was hergibt, so flüchte ich doch jetzt; denn der ist wirklich nicht sehenswert. Wie schön, dass ich jetzt keine Hindernisse mehr vor mir habe und praktisch bis zum Genfer See rollen könnte. Das denke ich jedenfalls für ein paar Kilometer. Dann blicke ich auf die nächste Kartenseite, und mir wird wieder ins Gedächtnis gerufen, was ich gestern schon mal wusste: Da war noch ein dritter Pass; die lange Abfahrt kommt danach. Also gut, der hat dann auch nur noch knapp 1500 Meter.

Aber zuvor muss ich mich entscheiden, an welcher Stelle ich das davor liegende Tal durchquere – möglichst hoch natürlich, und dazu versuche ich herauszubekommen, in welcher Richtung der auf der Karte eingezeichnete Fluss fließt. Ich gucke nicht genau hin und nehme prompt den Weg über den tiefsten Punkt. Dafür ist dies dann immerhin die kürzeste Route. Und der Leistungskurve des Tages entsprechend geht es zivilisiert nach oben, jedenfalls macht mir der Aufstieg keine Mühe. Auf einer Wiese rechts vor mir stehen vor einer Rechtskehre zwei Männer, und wie sie mich sehen, fragt der eine »Bon?« Na, was denn sonst, denke ich: »Très bon« ist meine Antwort, um gleich darauf nachzulegen: »Très facile«, und mir fällt noch was Besseres ein, als ich die beiden schon fast umrundet habe: »Trop facile!« Darauf erwidert der Frager: »Bien«, und unsere tief schürfende Erörterung der Umstände meiner Reise geht zu Ende.

Die Auffahrt ist landschaftlich recht schön. Der Pass selbst ist deutlich weniger verbaut als der zuvor; hier werden Rinderfelle verkauft. Ganz nett, aber ich brauche gerade keine, und jetzt kann ich endlich abwärts fahren, erst nach la Clusaz, dessen Name mir irgendwie bekannt klingt, dann noch ein paar Kilometer weiter, und dann komme ich an eine interessante Gabelung, wo es in zwei Richtungen in unterschiedliche Täler bergab geht. Einzigartig ist das zwar nicht, aber doch relativ selten. Ich habe mich bei der Planung für die Gorge des Eveaux entschieden, aber Schluchten haben’s nach 18 Uhr immer schwer, noch ein paar Stiche zu machen – es liegt ja fast alles bereits im Schatten. Den Fotoapparat kann ich jedenfalls steckenlassen. Im unteren Teil wird’s noch mal richtig eng, aber die üppige Vegetation nimmt der Formation die Schärfe.

In St. Pierre kommt der letzte Einkauf des Tages. Wie ich so meine Erwerbungen verstaue, fährt ein Z3 auf den Parkplatz vor dem Lebensmittelladen. Er hat was Besonderes, das muss eine neue Version sein. Aber bei aller Bewunderung für das gelungene Redesign fällt doch trotzdem sehr rasch mein Blick auf die Fahrerin im offenen Verdeck: Glatte, halblange rosa Haare und eine rassige Erscheinung. Sie ist unheimlich attraktiv, sogar ein bisschen schön, sieht aber verhältnismäßig unbezahlbar aus. Sie und ihr Wagen passen perfekt zueinander. Mancher Mensch muss einfach auf großem Fuß leben; sonst gerät er in einen Widerspruch zwischen sich, seinem Outfit und seinen quasi erblich erworbenen Ansprüchen an das Leben. Wenn das nicht so wäre, könnte ich versuchen mir vorzustellen, wie die Frau z.B. auf einem Fahrrad wirken würde oder hinter einem Herd oder hochschwanger. Aber weil der Eindruck in sich geschlossen ist, weil er sitzt, kann ich auf diese absurden Gedanken gar nicht erst kommen.

Das ändert aber nichts daran, dass in diesem Moment die Rolläden heruntergelassen werden, sie und ihr BMW also zu spät zum Einkauf kommen. Ein leichter Schatten fällt auf ihr bis dahin unbekümmertes Gesicht, ich komme gerade noch dazu zu denken »dass Du kaum Französisch kannst, hat hier wirklich gar kein Gewicht!«, und schon ist sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Da kann man sich doch nur noch hinsetzen und zu Abend tafeln.

Mit Cruseilles wird das heute bestimmt nichts mehr, obwohl meine Kilometerbilanz bislang mickrig ausfällt. Aber es lagen ja auch ein paar Unebenheiten auf dem Weg, und im Gesamtzeitplan liege ich so locker, dass der Rest bis nach Hause fast zu Fuß erledigt werden könnte. Es geht durch la Roche, ein paar Kilometer auf der stark befahrenen N203 entlang und schließlich rechts ab. An die weichen Horizontlinien muss sich das Auge erst gewöhnen: Flache Hügel, Berge nur in abstrakter Ferne weit links, Wiesen mit eingestreuten Wäldchen, und hin und wieder ein Haus oder ein Gehöft. In einem von ihnen bekomme ich Wasser, und mehrere Schilder am Straßenrand ermuntern mich, es doch mal wieder mit einer gepflegten Übernachtung zu probieren.

Schließlich finde ich nach Sonnenuntergang eine Privatpension. Der Mann des Hauses verweist mich an die Chefin, und die stößt sich nicht lange (oder überhaupt nicht) an meinem reisegezeichneten Aussehen und führt mich ums Haus. Es lässt sich für meine Ansprüche luxuriös an, und es wird immer größer und nimmt überhaupt kein Ende. Um Gottes Willen, das ist ja ein Appartement, wie soll ich das denn bezahlen? Bloß gut, dass mein Lamento sich mangels Wortgewandtheit sehr kurz ausnimmt. Die Wirtin macht einfach die Tür zur Küche zu und deklariert das Ganze als Zimmer. Und als sie dann nur 140 Francs dafür will, mache ich lieber gleich alles fertig und bezahle sofort, bevor ihr noch eine Kurtaxe einfällt. Ein so günstiges Angebot hatte ich nicht erwartet.

Der Abend zieht sich hin: Wäsche waschen, Nachtmahl, duschen. Ich gehe dann doch mal in die Küche, die eher ein Wohnzimmer mit Kochzeile ist, und fahnde nach einem Dosenöffner. Es kann doch nicht angehen, dass ich die Champignons nun noch bis nach Erlangen schleppe, nur weil mir das Messer abhanden gekommen ist. Ich werde rasch fündig, und bald darauf versinkt die liebe Seele rundum zufrieden in einem nicht zu weichen Himmelbett.

3. Juli

le Chaumet – D27 – Cruseilles – D41 – Monnetier – D906axN206 – FxCH – Genève – Nyon – Vich – Burtigny – Saint George – Col du Marchairuz – le Brassus – le Bioux – Vallorbe – CHxF – N57 – Verrières-de-Joux (165 km)

Habe ich gestern noch getönt, ich würde zwischen halb und um acht aufbrechen wollen? Es ist halb acht – als ich aufstehe. Solch ein Himmelbett verlässt doch niemand freiwillig, auch wenn es ein ganz normales französisches Doppelbett ist. Seine Bedeutung erlangt dieses Lager aus zwei Gründen: Ich habe es gewaschen aufgesucht, und zwar richtig gewaschen, und ich habe schon einige Nächte lang nicht mehr ein vergleichbares Lager aufgesucht. Einige Nächte? Wie kurz doch das Gedächtnis ist! Erst in der vorletzten Nacht genoss ich ähnlichen Komfort, aber schweißtreibende Tage können eine solche Erinnerung rasch verdrängen.

Also ’raus aus den Federn, alles zusammengepackt… Wie steht’s um die Wäsche? Na ja, wird im Fahrtwind schon trocknen. Das erste Frühstück des Tages zieht sich hin; ich genieße es auf einem eisernen Stuhl an einem eisernen Tisch. Aber eben an einem Tisch. Ob mir nach dem Urlaub wohl die Straßenrandmahlzeiten fehlen werden, bei denen mir fast völlig egal war, wer mich in welchem Zustand sah? Egal – bezahlt habe ich bereits, bin aufbruchbereit, es ist deutlich nach acht, und die Mülltüte ist auch schon gepackt, also wird die Herbergsmutter wenig Arbeit haben. Ich verabschiede mich von ihr und mache mich auf den Weg. Es wird erst mal eine Winkelreise. Nach Genf könnte ich schließlich schneller kommen; es ist eine Gelegenheit, sich von Frankreich quasi auf Raten zu verabschieden. Nein, es wird nicht andauernd über die Grenze gehen, die ja immerhin auch eine EU-Außengrenze ist (und daher mit Kontrollen verbunden sein könnte), aber ich werde mir die Schweiz erst einmal ansehen, bevor ich sie besuche – und mich am Abend wieder auf »sicheres Terrain« nach Frankreich zurückziehe. So jedenfalls ist es geplant.

Die D41 sieht auf der Karte aus wie eine Kammtour. Da müsste man ja irgendwann einen Höhenzug sehen können – und zu ihm aufsteigen. Vorerst ist nichts zu sehen, und es geht in einer Art bergab, wie ich sie schätze: Leicht, wenige Prozent, Unterstützung durch den Pedalisten ist gelegentlich geraten. Das Potential reicht für lange Zeit. Indes bleibt sicher: Was ich hier so unerwartet hinunterfahre, addiert sich zu meiner Kammbesteigung hinzu. Aber meine Güte, so wild wird diese Besteigung nicht werden, wenn ich berücksichtige, was ich schon alles hinter mir habe. Dennoch: Ich ertappe mich gelegentlich bei dem Gedanken, dass die Berge nach solchen Strapazen irgendwann mal so etwas wie ein Kinderspiel sein müssten. Dann spiele ich den Gedanken weiter und komme zu dem ernüchternden Schluss: Nein, keineswegs werden die Berge mit zunehmender Reisedauer oder zunehmender Fitness immer leichter. Allerdings spielen sie eine immer geringere Rolle für die nach ihnen folgende Route, für den Rest des Tages. Nicht meine Kraft nimmt zu – bzw. hat zugenommen –, sondern meine Ausdauer und Regenerationsfähigkeit. War zu Anfang der Reise nach dem ersten großen Berg Schluss mit der Fete, so kann jetzt der zweite, dritte und vierte kommen. Dass der fünfte oder sechste dann nicht mehr kommen kann, liegt nicht an der mangelnden Ausdauer, sondern an der Begrenztheit des hellen Tages. Bekam ich aus Unachtsamkeit am Anfang der Reise den Hungerast, so war für Stunden der Spaß aus. Jetzt esse ich, was mir fehlt, mache ein paar Notizen im Reisetagebuch, studiere vielleicht kurz die weitere Route auf der Karte, und dann ist die Mahlzeit dort angekommen, wo sie fehlte, und es kann weitergehen. Aber 1000 Höhenmeter sind noch immer 1000 Höhenmeter, und 12 Prozent Anstieg immer noch 12 Prozent. Vielleicht geht’s ein bisschen schneller, weil ich in einer Phase des Ärgers über den Gegenwind, Michelins falsche Gefälleangaben oder eine kleine Schwächephase mal die Keule heraushole und der Schaltung Saures gebe. Das wäre zu Beginn einer Reise unbedachter Luxus, der mit längeren Erschöpfungsphasen ungleich teurer bezahlt werden müsste. Heute dagegen… na, wir werden sehen.

Es kann nicht endlos bergab gehen. Das Gefälle wird kräftiger, und bald ist ein Bach erreicht, der die Wende markiert, die Wende zu ebenso gestaltetem Aufstieg. Es ist übersichtlich, landschaftlich schön – kleine Dörfer, Gehöfte, Alleen, überschaubare Gehölze –, und bald ist Cruseilles erreicht. Dort wäre ich auch hingekommen, wenn ich meine ursprüngliche Route unverändert gefahren wäre.

Der Ort liegt an der N201, die von Genf nach Annecy führt, und dort ist der Teufel los. Ich verstehe, warum der Autor des Radtourenbuches für Frankreich diesen Weg zumindest von Genf bis hierher gemieden hat. So werde auch ich es halten, nur wähle ich noch einen anderen Weg als er. Vorerst aber sind meine Vorräte erschöpft, und ich werde zum letzten Mal in Frankreich einkaufen können. Schweizer Franken will ich mir nicht besorgen; also müssen zumindest die Essensvorräte für zwei Tage reichen – ein ambitioniertes Gepäck! Gleichzeitig habe ich noch etwa 50 Francs Münzgeld und will meine 200-Francs-Scheine nicht mehr anbrechen, um meine Devisen möglichst komplett wieder in DM zurücktauschen zu können. Also heißt es haushalten, aber das habe ich ja im Prinzip schon auf der ganzen Reise gemacht.

Vor dem Supermarkt steht ein Mann und verkauft Singer-Produkte. Er will es jedenfalls, habe ich den Eindruck. Singer ist nicht gerade eine Billigmarke, und ich stelle mit Erstaunen fest, dass der Händler nicht nur Nähmaschinen im Angebot hat, sondern auch Staubsauger. Sieh an, das wusste ich noch gar nicht. Aber ich habe schon einen Staubsauger, und wie ich da so mit meinem Fahrrad ankomme, ist ihm schon klar, dass ich kein potenzieller Kunde bin. Einstweilen kaufe ich Lebensmittel. Bei dem anschließenden Vorgang des zweiten Frühstücks und Verpackens meiner Einkäufe ergibt sich dann aber doch so etwa wie ein Gespräch. Er verrät mir, dass es vormittags mehr Spaß mache, dort zu stehen, weil er sich da noch im Schatten befinde, und ich erfahre, dass heute die Tour de France anfängt – die für die Profis. Ja, irgendwann Anfang Juli sollte es sein, wusste ich, aber wann genau, war mir entfallen. Dass ich es überhaupt mitbekomme, ist nur meinem Aufzug zu verdanken. Nachrichtlich bin ich fast auf dem Stand des 19. Mai stehen geblieben.

Also, auf in die Berge, es wird schon nicht so schlimm werden. Und in der Tat steigt die Straße mit präziser Gleichmäßigkeit an. Wohin, ist allerdings in dem wunderschönen Wald nicht zu erkennen, und wie weit hoch, bleibt mir ebenfalls verborgen. Und würde nicht die Sonne scheinen, hätte ich in all den Kurven schon längst die Orientierung verloren. Aber es gibt nur diese eine Straße, und ich fahre, als wäre ich nach 200 oder 300 Metern oben, d.h., ich fahre schnell. Indes, es nimmt kein Ende. Sollte ich vielleicht einen kleineren Gang wählen? Nein, nein, nach 200 Metern bin ich ja oben. Mitnichten! Also, vielleicht reicht ja doch der zweite Gang. Ein Mann auf einem Rennrad überholt mich. Kunststück, denke ich – zum x-ten Mal.

Irgendwann wird dann der Blick frei nach Süden. Ich kann Annecy sehen, den See dahinter, das Tal, in dem ich am Morgen gestartet bin; allerdings gelingt es mir nicht, meine Karte mit der Landschaft in Deckung zu bringen und auf diese Weise womöglich meinen Übernachtungsort zu identifizieren. Aber oben bin ich trotzdem noch nicht. Während ich da stehe, fährt ein zweiter Radler vorbei. Er hat Recht: Vom Herumstehen komme ich nicht weiter. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel. Nachdem der Wald sich gelichtet hat, wird auch absehbar, dass es bis zum Höhepunkt nicht mehr weit sein kann. Ich nehme die Verfolgung des zweiten Radfahrers auf, der anscheinend nicht so viel schneller ist als ich. Nach einigen Minuten kann ich ihn überholen. Ich stelle mir das frustrierend vor, so mit elf bis zwölf Kilogramm Velo und einer Technik, der schlimmstenfalls die letzten beiden Prozent Wirkungsgrad fehlen, von jemandem überholt zu werden, der einen knappen Zentner mit Verlusten nahe dem zweistelligen Prozentbereich transportiert. Aber gut, der Mann ist bestimmt zehn Jahre älter als ich; und wer nicht kontinuierlich Berge fährt, der steht mit Sicherheit irgendwann am Anfang seines Trainings – vielleicht ist dieser Fahrer genau in der Situation.

Der Blick wird erstmalig auch nach Norden und Nordwesten frei, und ich hoffe, in der Tiefebene Genf zu sehen, aber von einer Stadt oder einem See ist weit und breit nichts zu sehen. Muss wohl noch kommen.

Für eine Kammstraße verläuft der Weg relativ eben. Die Kuppen sind elegant umgangen worden. Nach einer Weile wird dann auch Genf sichtbar, und deutlich ist die ca. 100 Meter hohe Fontaine im Genfer See auszumachen. Viel weiter reicht die Sicht aber nicht. Kein Wunder: Der Lac Léman ist ungefähr 80 Kilometer lang, und bei diesem sonnigen Sommerwetter ist einfach nicht zu erwarten, dass nach 30 oder 40 Kilometern noch etwas im Dunst zu erkennen ist.

Nach einem Pass (der für die Kammstraße also ein Tiefpunkt ist) geht es noch einmal zu einem Aussichtspunkt nach oben, und dann beginnt eine Abfahrt, die sich gewaschen hat – und die mich dann auch verstehen lässt, warum der Autor des Radreiseführers nicht gerade diesen Weg nach Annecy gewählt hat. Steil und lang geht es in die Tiefe, und an jeder Waldlichtung ist zu erkennen, wie mir allmählich die Übersicht abhanden kommt. Auf Umwegen nähere ich mich der Schweizer Grenze, und dann ist sie da; ich zeige meinen Ausweis vor, und das war’s.

Ich fahre durch Genf in der Erwartung, in jeder Straße irgendein Gebäude zu erblicken, das internationale Bedeutung erkennen lässt, etwa vom Roten Kreuz, vom IOC oder wer weiß was noch. Aber nichts. Sicher, da stehen repräsentative Gebäude, auch Hotels und Banken, und die Stadt hat zweifellos Flair, wie ich bemerke, als ich mich in der Nähe der Rhône-Brücke auf eine Parkbank setze und beim 12-Uhr-Essen die Passanten und den Betrieb auf dem See studiere. Aber irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Was soll’s? Die Stadt war als Transit gedacht, und ich habe heute sowieso noch viel vor.

Die Strecke bietet nicht viel Interessantes. Das ist aus meiner Erfahrung kritisch für das Durchstehen einer Tour. Wenn in der zweiten oder dritten Woche mal eine Durststrecke vorkommt, wo es einfach nur weitergeht, die nächsten Ziele also einige Hundert Kilometer entfernt liegen, dann gibt es kaum eine Alternative. Wenn so was am Ende der Tour passiert, ist die Versuchung groß, einfach in den nächsten Zug zu steigen und sich nach Hause chauffieren zu lassen. Es wäre nicht das erste Mal, aber die Schweiz könnte vor das Vorhaben eine hohe finanzielle Hürde setzen oder Probleme im grenzüberschreitenden Fahrradtransport machen, obwohl ich letzteres gerade von der Schweiz eigentlich nicht erwarten würde.

Da der Verkehr zwischen Genf und Lausanne ziemlich dicht fließt, wurde ein Radweg eingerichtet. Das hindert eine Hochzeitsgesellschaft aber nicht daran, ihre Autos allesamt auf dem Radweg abzustellen. Und nicht nur das – als ich mich anschicke, den verbleibenden Platz für die Vorbeifahrt zu nutzen, biegt noch einer vor mir ein und zwingt mich zum Bremsen und Ausweichen. Wird solch rüpelhaftes Verhalten wohl geahndet werden? Geprägt von der Erfahrung, dass die Ordnungsmacht immer mit wichtigeren Problemen und vor allen Dingen andernorts beschäftigt ist, fahre ich dicht an dem aussteigenden Fahrer vorbei (der natürlich geschockt ist von der Erkenntnis, auf dem Radweg Radfahrer vorzufinden), hinaus auf die Straße; denn der Gefahr durch möglicherweise sich öffnende Türen kann ich mit meiner schweren Fracht noch viel schlechter ausweichen als sonst.

Der Abzweig in Nyon ist nicht einfach zu finden. Die Suche wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Schweiz – wie auch Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich nur eine spärliche Straßennummerierung durchführt, dass sich außer für Autobahnen und Nationalstraßen jedenfalls kaum Nummern auf Straßenschildern oder Landkarten finden. Gibt es also mehrere Wege nach Rom, so lässt sich die Vielfalt dieser Wege nicht durch Straßennummern auflösen, und sollte es gar in einen Vorort von Rom gehen, hülfen nicht einmal mehr die Richtungsschilder nach Rom. Diese Situation ist mir an sich gut vertraut, aber ich bin eben von Frankreich in dieser Beziehung verwöhnt worden. Schließlich finde ich die Ausfahrt nach Vich. Es geht in den Schweizer Jura.

Seit dem Morgen transportiere ich einen Liter Apfelsaft mit mir herum; den will ich nun in meine Reiseverpflegung umwandeln. Allerdings scheint das hier nicht mehr so einfach wie in Frankreich zu sein: Die vielen Brunnen am Straßenrand sind häufig mit »eau non potable« gekennzeichnet, und wenn’s kein Trinkwasser ist, dann will ich’s auch lieber nicht trinken. Schließlich soll es ja noch ein paar Tage weitergehen. Irgendwann steht an einem Brunnen schließlich kein solches Schild, ich steige ab und habe dann drei Liter Getränke. Das dürfte für den Rest des Tages und vielleicht auch noch den nächsten Morgen reichen.

Vielleicht hätte mich misstrauisch machen sollen, dass an allen anderen, zudem höher gelegenen Brunnen desselben Ortes wieder Warnungen angebracht sind. Nichtsdestotrotz stille indes meinen Durst, und nehme die Auffahrt zum Col du Marchairuz in Angriff. Nicht lange darauf meine ich, dass es wohl mal wieder Zeit für eine Essenspause sei, aber ich spüre überhaupt keinen Appetit. Ich forsche dem Gefühl nach: Die Appetitlosigkeit scheint richtig tief zu sitzen. Ist es am Ende gar Übelkeit? Spätestens in diesem Moment fällt mir wieder mein Getränk ein. Ist es vielleicht doch kein Trinkwasser gewesen? Oder ist die alte Cola-Flasche inzwischen bis zur Ungenießbarkeit verkeimt? Was auch immer – irgendwas ist nicht in Ordnung, und ich male mir aus, wie der Abend oder gar die Nacht verlaufen könnte, wenn ich mir den Magen verdorben haben sollte. Vorläufig reichen meine Kräfte noch nach dem bewährten Prinzip: Kein Hunger – kein Hungerast. Aber wie lange wird das so gut gehen? Und womit stille ich meinen Durst? Ich starte ein zweifelhaftes Experiment: Ich trinke einfach weiter; denn so, wie die Situation jetzt ist, kann sie zur Not bleiben. Nur, wenn mir richtig schlecht wird, muss ich anhalten; das muss ich aber bei Hunger und Durst auch. Ach ja, und anderes Wasser gibt es nicht. Quellen sehe ich am Straßenrand gar keine, und die eingemauerten Brunnen tragen immer solche abschreckenden Schilder.

Neben der Straße erstrecken sich Weinfelder. Na ja, dass das Grundwasser hier nicht besonders sein kann, wundert mich nicht; denn einerseits lässt der Bewuchs nicht den Schluss zu, dass keine Pestizide eingesetzt worden sind, und andererseits wird der kalkige Boden wohl kaum verhindern, dass solche Stoffe ins Grundwasser gelangen. Also gibt es eine gewisse Chance, dass ich eine Portion Schädlingsbekämpfungsmittel abbekommen habe. Später werde ich Radler sehen, die sogar die existierenden Hinweisschilder an den Brunnen ignorieren und dort ihre Flaschen abfüllen.

Mit der Zeit werden aus den Weinfeldern Almwiesen und schließlich Wald. Unweit des Passes mache ich Pause und studiere die Karte. Mein Zustand ist unverändert, und auf die Stabilisierung nehme ich einen tiefen Schluck aus der Flasche. Bei der Weiterfahrt sehe ich am Straßenrand zwei Mädchen Blumen pflücken. Ob sie wohl nur deswegen (mit dem Auto) hier hochgefahren sind? Die eine schaut mich an und macht ein paar Bewegungen, die wie eine Mischung aus Radfahren und Aerobic aussehen. Ich ärgere mich darüber, und mein deutscher Kommentar lautet: Oh Mann, seid Ihr doof. Das verschafft mir Luft, und sie haben es wahrscheinlich nicht verstanden, und wenn doch, ist es auch nicht so schlimm, und letztlich ist meine Fahrt dadurch auch nicht unterbrochen worden.

Bald darauf erreiche ich den Pass. Es geht danach nicht einfach wieder hinunter, sondern erst mal nur so ein bisschen. Auf den Höhenzügen wachsen Lärchen, dazwischen viel Wiese. Schließlich geht es doch ins Tal hinunter, nicht sehr weit; denn die Talsohle, der Lac de Joux, liegt mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Am Südostufer des Sees geht es in Richtung Vallorbe. Aus der Karte habe ich geglaubt entnehmen zu können, dass es dorthin auch einen Abfluss gebe, aber das war ein Fehlblick. Ein kleines Hindernis hemmt stattdessen noch kurz die Schussfahrt – der See fließt also anscheinend irgendwo unterirdisch ab –, aber dann geht’s hinunter.

Kurz vor der Grenze versuche ich, meine Wasservorräte aufzufüllen. Mit der scheußlichen Cola-Flasche gehe ich in eine Kneipe, geradewegs auf den Tresen zu und frage: »Avez vous de l’eau potable?« Wahrscheinlich nicht außerordentlich höflich, aber die unfreundliche Reaktion des Wirts erstaunt mich dann doch. Was er sagt, verstehe ich zwar nicht, aber es kommt das Wort »service« darin vor, und ich reime mir zusammen, dass Wasserversorgung wohl nicht zu seinem Service gehört. »Mann, seid Ihr Schweizer freundlich!« bedanke ich mich und verlasse das Lokal. Also muss ich mein Glück in Frankreich versuchen.

Die Franzosen wollen wissen, woher ich komme und wohin ich fahre. Natürlich, gern, aber für die Ortsnamen muss ich den Atlas herausziehen. Das dauert ihnen schon zu lange; der nächste bitte. Ich lasse mich aber nicht irremachen; außerdem will ich wissen, ob der Wasserhahn um die Ecke Trinkwasser führt. Ja. Den Sieger der ersten Etappe der Tour de France kennen sie aber nicht. Ich mache mich an dem Wasserhahn zu schaffen und wühle in meinen Vorräten – eine Grenzmahlzeit gewissermaßen. Derweil wird ein Schweizer Autofahrer auf die freie Spur hinter dem Grenzhäuschen gewinkt. Er wird nach heutigen Maßstäben gefilzt. Dabei macht er eigentlich keinen verdächtigen Eindruck auf mich (aber ich bin ja kein Profizöllner): Er reist mit Frau und Kind, und nun muss er den Kofferraum vorzeigen, in seine Musikkassetten schauen lassen und in die Taschen der Türen seines Autos. Er barmt, faltet die Hände und blickt abwechselnd auf seine Schuhe und zum Himmel. Ich wundere mich ja auch über die Durchsuchung, aber eine Entwürdigung ist das noch lange nicht. Wer weiß, vielleicht ist das Verhältnis der Franko-Schweizer und der benachbarten Franzosen nicht so besonders. Billigeinkäufe sind sicherlich häufig, und ein Preisgefälle existiert ganz sicher bei verschiedenen Dingen. Aber zwischen Deutschland und der Schweiz scheint das überhaupt kein Problem zu sein. Die einen finden hier etwas billiger, die anderen dort. Aber gut, das ist ja nur eine Theorie. Vielleicht muss der Gendarm auch nur seine Existenzberechtigung nachweisen. Im Westeuropa muss es ziemlich langweilig sein, als Grenzer zu arbeiten. Es passiert zwar gelegentlich etwas, aber so selten, dass mir das zwischendurch zu uninteressant wäre. Na, und wenn es interessant wird, dann wäre es mir zu gefährlich. Also kein Job für mich.

Ich fahre weiter, eine längere Zeit wieder bergan, und ich überlege, ob ich mir trotz nur noch großer Scheine noch eine Hotelunterkunft vor der nächsten Nacht in der Nähe von Basel leisten soll. Aber ich will wohl nicht so richtig; denn mein Blick entdeckt nur ein Hotel, das mir nicht gefällt, und sonst nichts. Ich überlege schon, ob ich gleich weiter wieder in die Schweiz fahre, aber da steht kurz vor der Grenze ein kurioses Schild: Grenze zwischen 6 und 20 Uhr geöffnet – jetzt also geschlossen. Feierabend in der Schweiz, kein Einlass mehr. Na, so was. – In diesem Grenzdorf gibt es kein lauschiges Plätzchen. Dann muss es eben dritter Klasse sein. Hinter einem Lagerhaus finde ich einen gemähten Grasstreifen, ziemlich schmal, auch etwas steinig, höchstens dritter Klasse. Aber was soll’s? Ein letztes Mal, so nehme ich mir vor, krieche ich unter freiem Himmel in den Schlafsack. Morgen wird mal so richtig durchgezogen!

4. Juli

Verrières-de-Joux – FxCH – N10 – Couvet – Noiraigue – Gorges de l’Areuse – Rochefort – Coffrane – Fontaines – Dombresson – Saint Imier – Tramelan – Abbey de Bellelay – Gorges du Pichoux – Bassecourt – Delémont – N18 – Aesch – Reinach – Basel – CHxD – B34 – Rheinfelden – Bad Säckingen – Bad Säckingen-Obersäckingen (188 km)

Beim zweiten Erwachen ist es kurz nach sechs und taghell, allmählich Zeit zum Aufstehen. Dieser Platz war zwar ruhig, aber nicht optimal. Das Vordach des Gebäudes, an dessen Wand ich mein Quartier genommen hatte, war nicht lang genug, um meinen Schlafsack vor dem Morgentau zu schützen. Ich werde ihn also eine Weile offen transportieren müssen, damit er für die nächste Nacht trocken ist. Die Isomatte wird auch gereinigt werden müssen, wenn sie trocken ist. Ich fühle mich wieder mal etwas klebrig, obwohl die vorangegangene Nacht ja höchsten Komfort und alle Möglichkeiten geboten hatte. Aber so was lässt sich eben innerhalb eines anstrengenden Tages wieder zunichte machen.

Die Grenze ist inzwischen offen, der Schweizer Wachmann fragt mich nach dem Ausweis und stellt fest, dass ich schon weit gereist bin. Auf der Schweizer Seite geht es bald unten in Richtung Neuchâtel. Diesen Ort will ich allerdings umgehen, erstens ist jetzt nicht die Zeit zum Übernachten, zweitens habe ich das Schweizer Dachgeberverzeichnis sowieso zu Hause vergessen, drittens liegt der Ort am See, also unten, und ich muss heute noch oft genug hoch und ’runter, und viertens ergibt sich so eine kleine Abkürzung durch die Hinterorte. An der ersten Stelle offeriert das Ferienparadies eine Fahrradroute mit 14 Prozent Gefälle. Ich denke mir: »Schmal, steil, glitschig vom Morgentau und zum Glück nicht obligatorisch – da verliere ich nur Zeit und Sicherheit« (denn ich will heute noch die Schweiz in Richtung Deutschland verlassen) – und bleibe auf der im Rahmen des üblichen abfallenden Hauptstraße.

Es ist nicht die letzte Entscheidung, die ich zu fällen habe. Einige Zeit später steigt die Nationalstraße deutlich an; zuvor zweigt rechts eine Ortszufahrt ab. Na denn. Nach 100 Metern kommen mir Zweifel: muss es wirklich die Hauptstraße sein? Ich studiere die Karte, leider, wie ich später feststellen werde, an der falschen Stelle, denn ich weiß nicht, wie der Ort unten heißt. Die Karte verheißt mir jedenfalls eine zweite Route, und ich denke, die verläuft im Tal. Also wieder ’runter und ’rein in den Ort. Dort gibt es auch Fahrradschilder nach Neuchâtel, und unbarmherzig werde ich in die erste Bergfalle gelotst. Das ist steiler als die Hauptstraße, und wo es endet, muss ich abwarten. Bald stehe ich an der nächsten Gabelung. Unerbittlich weiter nach oben führt der markierte Radweg, in der Horizontalen ist es lediglich für »Autorisierte« erlaubt. Beide Wege sind recht schmal, aber schön asphaltiert. Ergeben folge ich zunächst dem Radweg, aber schneller als auf der Hauptstraße rebelliere ich gegen den scheinbar endlos (und noch dazu auf der »falschen« Flussseite) ansteigenden Weg. Das muss ich ja alles wieder ’runter und auf der anderen Seite wieder hoch! Zurück, und dem Privatweg gefolgt! Er ist wunderbar: Schattig, noch feucht von der Nacht, absolut still, keine Menschenseele, und es geht bergab, dass ich meine, ich müsste schon unterhalb des Flusses fahren, und inständig hoffe, nicht irgendwann in einer Sackgasse zu landen. Da ist der Fluss und von der Hauptstraße weit und breit kein Zeichen. Nach einer Weile finde ich eine Brücke, und nun zeigt sich, dass die N10 doch ökonomischer vorging (aber natürlich längst nicht so reizvoll): Es geht bergan, und zwar nicht von schlechten Eltern. Inzwischen habe ich meinen Irrtum auf der Karte erkannt; dort wäre ich wohl nie abgebogen, aber nun bin ich einmal hier, und schön war’s auch, und nach einer Weile erreiche ich wieder die Hauptstraße.

Zweites Frühstück. Ich breite den Schlafsack aus, krame meine Vorräte hervor und beginne zu tafeln. Später bekomme ich auf einem Hof auch Trinkwasser. Die Schweizer sind gar nicht so schlecht.

Die Pässe im Schweizer Jura sind nicht spektakulär. Sie liegen etwas über 1000 Meter, und kommt man aus der Ebene, wollen auch sie erst mal genommen sein, aber sie taugen nicht zum Höhepunkt eines Tages – man überwindet sie, sammelt sie bestenfalls, um im Bündel damit zu prahlen. Aber die erste Passabfahrt des Tages nach St. Imier hat es in sich. Ich werde noch lange daran denken. Wieder einmal ist es eine unwirtschaftliche Abfahrt, eine steile also, bei der der Fahrtwind nicht reicht, um mein Tempo ungefährlich zu halten. Ich muss bremsen, und das scheint auch alles gut zu gehen. Die Stadt kommt in Sicht, die Straße wird bereits flacher, und dass es gefährlich werden könnte, kommt mir gar nicht mehr in den Sinn. Da sehe ich, dass in 20 Metern, kurz vor einer Kurve, Splitt auf der Straße liegt, und zwar zentimeterdick, und ich bin noch auf gut 40 km/h. Runter mit dem Tempo! Runter! Aber nach zwei Sekunden rolle ich bereits durch das Splittfeld. Kein Gedanke mehr an die Vorderradbremse, sonst liege ich auf der Straße oder im Graben. Und hinten ist kein Profil mehr vorhanden! Ich schaue auf den Tacho: Knapp 30 und kaum eine Änderung. Und die Kurve kommt immer näher! Da komme ich höchstens mit 15 durch, sonst trägt es mich ’raus, und sie kommt, kommt, kommt! Auf der Straße staut sich der Splitt im Abstand von vielleicht fünf Zentimetern zu kleinen Wällen, als wäre ein sehr grobes Profil darüber gefahren. Ich habe allerdings eher die automatischen Bremssysteme der Kraftfahrzeuge im Verdacht. Das macht meine Bremsmanöver nicht leichter, aber so etwas wie ABS muss ich jetzt auch imitieren, wenn das gut gehen soll. Da plötzlich, ein Kracher, und ich denke schon, das müsste der Sturz sein, aber es ist der linke Lowrider. Er hat nun, nachdem tausende Kilometer zuvor der rechte den Geist aufgegeben hat, das Zeitliche gesegnet, und der Zeitpunkt will mir überhaupt nicht geeignet erscheinen. Ein Aluminiumstab poltert durch die Speichen, die Tasche fliegt im hohen Bogen auf die Straße (oje, schon wieder 100 Mark abzuschreiben) … – und ich stehe. In den letzten zwei, drei Sekunden muss ich ein Blackout gehabt haben. Wie konnte das gehen? Wie kam ich durch die Kurve und dann noch zum Stehen? Ein Radfahrer ist mir entgegengekommen und hat von dem Vorfall kaum Notiz genommen. Auffällig genug war’s doch wirklich. Solidarität wird hier wohl nicht so groß geschrieben. Das ist jetzt jedoch nicht wichtig. Zwar zittern mir die Knie, aber ich bin unverletzt, inzwischen auch wieder ungefährdet und laufe rasch zurück, um die Tasche zu holen. Sie scheint doch tatsächlich äußerlich unversehrt, enthält aber natürlich den Fotoapparat und meinen kostbaren Korsika-Pinienzapfen, Dinge, nach denen erst noch gesehen werden muss. Ich biege den Lärm verursachenden Stab ab, nehme die Tasche in die Hand (denn die Inventur wird sehr bald erfolgen müssen) und rolle bis zur Stadtgrenze. Da, rechts ein Schild: Splitt auf der Straße. Wie originell, dass man das hinterher gesagt bekommt! Aber ich bin vorsichtig; wer weiß, ob ich es weiter oben am Berg im Rausch der Geschwindigkeit übersehen habe. Und ich habe keine Lust, die Strecke noch mal zu fahren, nur um letztlich jemand anderem die Schuld an diesem Beinahe-Unfall geben zu können.

An einer Tankstelle mache ich Pause. Aufmerksam inspiziere ich die Tasche und ihren Inhalt. Es ist unglaublich! Nichts ist beschädigt, nichts kaputt. Also, wenn das kein Qualitätsbeweis ist! Ich reiße die Reste des Lowriders ab und hänge die Tasche hoch zu der anderen. Hätte ich eigentlich schon in den Vogesen machen können. Aber nun ist es eben kein Lowrider mehr – auch eine Frage des Schwerpunkts des gesamten Fahrrads. Allmählich beruhige ich mich auch selbst und finde sogar Nerven, verdrießlich auf den steilen Anstieg innerhalb des Ortes zu blicken. Er ist das kurze Vorspiel zum nächsten Pass.

Langsam geht es aufwärts, Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Tja, noch mal Glück gehabt. So langsam dominiert wieder die Anstrengung das Geschäft, und es dauert lange genug, um den Schweiß in Strömen fließen zu lassen. Am Scheitelpunkt sehe ich wieder aus wie eingepullert (d.h., der Schweiß ist mir bis in die Hose gelaufen). Oben ist keine Gelegenheit für einen Wäschewechsel, aber in Tramelan finde ich eine Fabrik, deren Gelände von der Straße aus nicht einzusehen ist. Und da heute Sonntag ist, wird wohl auch niemand dort arbeiten. Hier ziehe ich mich rasch um.

20 Kilometer später wird es für heute das letzte Mal interessant. Erst geht es durch einen Tunnel und dann bei einem Abzweig scharf nach links und deutlich abwärts, so dass ich schon denke, jetzt müsste gleich wieder ein Tunnel in die entgegengesetzte Richtung kommen, diesmal auf der darunter liegenden Etage. Nein, es sind die Gorges du Pichoux, die letzten der Reise. Sie machen durchaus was her, aber um sie genießen zu können, fahre ich zu schnell. Erst im unteren Teil, wo das Tal seinen Klamm-Charakter allmählich verliert, geht es etwas gemächlicher voran, Gelegenheit zum Schauen.

Bis zum Rhein dürfte sich jetzt kein nennenswertes Hindernis mehr vor mir auftun, und in Delémont treffe ich die Entscheidung, jetzt mal richtig schnell zu fahren, 40 Kilometer in zwei Stunden; denn es ist kurz vor fünf, und bis 19 Uhr möchte ich die deutschen Dachgeber anrufen, um nicht gar zu sehr mit der Tür ins Haus zu fallen.

Es gelingt. Die Strecke bietet außer immer mehr Verkehr nicht viele Attraktionen. Irgendwann wird die Sprache wieder deutsch; spätestens jetzt wird sichtbar, dass ich auf dem Heimweg bin. Das geplante Tempo gelingt mir, weil ich bei Grellingen rebelliere: Ein Tunnel, deklariert als Autostraße, und keine beschilderte Alternative für Radfahrer! Ihr könnt mich mal, denke ich mir, und fahre auch in den Tunnel. Nein, so lupenrein ist dieses Gefühl nicht. Immerhin darf ich das erst mal nicht, und außerdem sagt man der Schweizer Polizei nach, dass sie nicht lange fackele, wenn es um die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten geht. Dann ist da ja eine Straße rechts abgebogen, aber dass dies die alte, nunmehr von Radfahrern und nicht Transitreisenden zu benutzende ist, das weiß ich nicht, sondern kann es höchstens vermuten, und dass man dort entlang auch nach Basel kommt, kann ich ebenfalls nicht wissen. Und schließlich ist mein Rücklicht nur sehr sporadisch zu Diensten bereit. Im Tunnel ist es aber fast das wichtigste Utensil am Fahrrad. Nicht zu vergessen all die verhinderten Sheriffs, die mich nun ermahnen werden. Und sie tun es! Vier-, fünfmal geht das hinter mir los, begleitet vom Rattern der Reifen auf dem buckeligen Mittelstreifen, den unter normalen Umständen keiner überfahren soll und das ja auch nicht zu tun braucht. Dann sind sie sich wohl selbst zu laut, und das Hupkonzert lässt nach. Aber ich komme super voran, die Luft ist fast besser als draußen, kühler allemal, und wenn sie von irgendwoher kommt, dann sicherlich von hinten. Nach fünf oder sechs Minuten ist alles vorbei, inklusive Grellingen.

Vor Basel werde ich genau an der Stelle von der Straße verbannt, wo ich sowieso ’runter wollte, und wo die Radfahrerbeschilderung Lücken hat, weist mir die Sonne den Weg. Im Stadtzentrum verfahre ich nach derselben Methode, und bald überquere ich den Rhein. Noch kein Deutschland? Nein, und ich glaubte, das müsse gleich hinter der Brücke losgehen. Zehn Minuten später ist es dann aber soweit, kurz vor sieben, aber nach Boden küssen ist mir dann doch nicht zumute; nur die nächste Telefonzelle strebe ich an, um die Übernachtung auszumachen.

Das klappt, und nun müssen nur noch die letzten 30 Kilometer bis nach Bad Säckingen überwunden werden. Sie sind nicht weiter interessant, und rasen muss ich nun auch nicht mehr; denn bis um neun ist das gut zu schaffen. Aber dies wird insgesamt eine lange Etappe. Einzig die Gewittertürme über Basel, der Schweiz und auch Lörrach scheinen mich einzukreisen, und ich bin mir keineswegs sicher, trockenen Fußes mein Ziel zu erreichen, was ja noch nicht einmal das Gefährlichste am Gewitter ist. Allein – ein paar Tropfen und lediglich fernes Grollen sind das einzige Zeugnis dieser Bedrohung.

Bei meinen Gastgebern empfängt mich der Sohn, der mir mein Zimmer (mit Bett!) zuweist und sogleich wieder in seinen Freundeskreis entflieht. Ich bin allein, dusche mich, wasche meine Sachen, hänge sie auf dem Balkon zum Trocknen auf und steige dann hinunter, um zu sehen, ob es die Dachgeber überhaupt gibt. Ja, es gibt sie, erst die Mutter der Familie und ihre Freundin, später auch ihr Mann, der vom Spätdienst nach Hause kommt, und ich werde in ein abendliches Gespräch verwickelt, das bis in die Nacht andauert.

5. Juli

Bad Säckingen-Obersäckingen – B34 – Waldshut-Tiengen – B34xB314 – Stühlingen – Blumberg-Fützen – Blumberg – B27 – Geisingen-Kirchen – zum Donauradweg – Tuttlingen – Sigmaringen – Mengen – vom Donauradweg – Herbertingen-Hundersingen – Riedlingen – B312 – Zwiefalten (199 km)

Kurz nach sieben piept mein Wecker. Dann also: Zusammenpacken; die Wäsche vom Vorabend ist gut getrocknet, und falls noch was stockig sein sollte, so ist das bis zur Abfahrt am Körper getrocknet. Unten in der Küche herrscht Hektik: Der Sohn wird an diesem Tag einen Schulausflug zu einem elsässischen Bauernhof machen und braucht dringend noch das eine oder andere aus dem Supermarkt. Die Mannschaft lässt mich allein und bricht geschlossen zum Markt um die Ecke auf.

Nach einigen Minuten klingelt es. Ich gehe zur Tür, und vor mir steht ein Zigarettenhändler, hinter ihm sein Auto. Er stellt sich als derjenige vor, der die Automaten versorgt und dass er meinen Gastgebern regelmäßig einen größeren Posten für 90 Mark rabattiert verkauft. Na, denke ich, das sind mir die liebsten, aber der Mann macht einen seriösen Eindruck, und ich opfere meine Grundsätze einer kleinen dankbaren Geste meinen Gastgebern gegenüber. Flüssig bin ich soweit. Plötzlich schlägt die Tür hinter mir zu. Ist es nicht entzückend? Jetzt habe ich mich auch noch ausgeschlossen. Aber des Händlers Sorge soll es nicht sein, und wir trennen uns – er in sein Auto und ich zum Rundgang um das Haus, um einen anderen Eingang zu finden; denn immerhin ist die Tür in »meinem« Zimmer im ersten Stock noch offen. Kein Problem allerdings – die Wohnzimmertür im Erdgeschoss steht weit offen.

Nach dem »Weiterverkauf« der Glimmstängel und einem kleinen abschließenden Schwatz mache ich mich gegen halb neun auf den Weg, um gleich um die Ecke im erwähnten Markt meinen Reisebedarf zu decken. Dann geht’s auf die Piste. Ich stürze mich gleich in einen Konflikt. Die B34 ist ein Nadelöhr. Auf meiner alten ADAC-Karte von 1989 ist eine geplante Autobahn eingezeichnet. Die ist noch immer geplant oder wird jedenfalls von den Anrainern der B34 vehement gefordert. Ich verstehe, warum. Mag sein, dass es irgendwo einen Radweg gibt, seitlich der Straße verlaufen nur die asphaltierten Landwirtschaftsstraßen, freigegeben für Fahrräder, aber wie so oft mit ungewissem Ausgang. Wo werden sie enden? Ich benutze also die Hauptstraße und ziehe mir den Ärger eines LKW-Fahrers zu. Er hupt und ruft irgendwas von Radweg. Die Unmutsäußerungen halten sich aber in Grenzen, und vom gesunden Menschenverstand aus hat er auch Recht, so dass ich später das Wagnis eingehe und den Seitenweg benutze. Schließlich ist auch die Bundesstraße ein Wagnis mit ganz anderem Einsatz als nur ein paar Minuten Verzögerung.

In Waldshut verlasse ich die Straße und benutze den Radweg am Rhein. In welchem Zustand wird er sich wohl nach dem Mai-Hochwasser befinden? Noch immer oder schon wieder scheint der Rhein gut gefüllt. Der Weg hat an einigen Stellen gelitten; es geht aber noch. Nach einigen Kilometern ist der Rhein plötzlich deutlich kleiner. Das ist wohl nicht mehr der Rhein. Ich schaue auf die Karte – alles in Ordnung, dies ist die Wutach. An einer überdachten Holzbrücke über den Fluss mache ich Frühstückspause; denn dort ist Schatten. Schon halb zehn ziehe ich den Schatten auf Steinstufen der Sonne auf der Bank am Fluss vor. An mir ziehen Schulklassen vorüber: Unterricht im Freien. Worum es geht, weiß ich nicht, aber sie sitzen auf der anderen Seite des Flusses im Gras, und der Lehrer steht in der Mitte des Halbrunds, nachdem die Mädchen und Jungen sich auf diesen Platz geeinigt haben.

Mein nächstes Ziel ist die Sauschwänzle-Bahn, irgendwann vor dem ersten Weltkrieg gebaut, damit Deutschland nicht mit der Eisenbahn seine Militärtransporte durch die neutrale Schweiz fahren musste. Die Linienführung ist reichlich verschlungen – daher der Name. Über eine der Eisenbahnbrücken bummelt ein Triebwagen. Hinter der Brücke verfällt er in Schritttempo, und ein Mann beginnt die Strecke zu besprühen – wahrscheinlich mit einem Herbizid.

Dank der treuen Aufwinde – oder vielleicht ist es auch ein normaler Tiefdruckwestwind – habe ich Unterstützung von hinten. Nach Überwindung der Wasserscheide zur Donau ist es damit vorbei. Nun müsste der Wind eigentlich von vorn kommen. Es bleibt aber glücklicherweise einigermaßen still. Mit der Wasserscheide ist das so eine Sache. Bei Dillingen gibt es die Donauversickerungen. Erst mal bin ich daran vorbeigefahren. Aber man kann doch nicht einfach den Donauradweg entlang fahren und das Ende der Donau verpassen. Also zurück. Am Ausgangspunkt eines Fußweges wird gerade haute cuisine um ein paar Würstchen veranstaltet – aber wirklich: was der Kerl am Grill da alles an Zutaten auspackt! Ich stelle mein Fahrrad ab und mache mich auf den Weg. Alles, was ich zu sehen bekomme, sind ein paar unratbedeckte kleine Strudel, wie sie sich bei Regen über Kanalisationsdeckeln bilden. Das ist wirklich nicht die Wucht; und versickert ist die Donau dabei auch nicht. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel und fahre weiter. Kurze Zeit später wieder ein Schild »Donauversickerung«. Man soll ja nie aufgeben. Diesmal habe ich Glück. Es ist zwar nicht gerade spektakulär, aber aus dem Fluss oder breiten Bach wird ein Rinnsal, und später versickert er vielleicht völlig – ich kann das von hier aus nicht sehen, aber im Sommer soll es so sein. Ein halbes Dutzend Seniorenradler dokumentiert sein Hiergewesensein durch das Foto »nackte Füße in der versickernden Donau«. Nun aber weiter.

In Tuttlingen muss ich mich erst mal mit Orientierungshilfen für den weiteren Weg ausstatten. Ich kaufe mir eine Generalkarte von Deutschland. Dann rufe ich meine auserwählten Dachgeber an. Denen passt es nicht so richtig. Und dann noch von Tuttlingen bis Zwiefalten? Heute? (Es ist kurz nach vier!) Mit dem Fahrrad? (Womit denn sonst?) Also gut. Ich versuche es, stelle keine Ansprüche (habe ich das schon mal gemacht?) und werde irgendwann nach neun eintreffen. Das ist natürlich so gut wie keine Aussage, aber was kann ich schon versprechen?

Mit verhältnismäßig mageren Vorräten breche ich auf, wieder auf dem Donauradweg. Die Landschaft überrascht mich. Der Fluss – jetzt ist er wieder einer – hat sich durch das Kalkgebirge ein ziemlich tiefes Tal geschnitten. Die Franzosen würden es glatt »gorge« nennen. Über längere Abschnitte gibt es als einzige Infrastruktur nur diesen Weg. Gelegentlich ist er asphaltiert, aber häufig gesplittet, so dass ich in den Kurven aufpassen muss. Schilder signalisieren bei solchen Gelegenheiten Querrinnen (in Ermangelung eines Schildes für »Hügel«) und fordern die Radfahrer auf, für die nächsten 300 Meter abzusteigen. Wie absurd! Bei diesem Belag muss ich immer an meinen Vorderreifen denken. Eine lange Lebenserwartung hat er ja nicht mehr.

In Sigmaringen hat die Pracht mit einsamen Schlössern hoch am Berge, grünen Auen im Nadelwald und unerwarteten Pässen (20 Höhenmeter pro Stück!) ein Ende. Ich hole mir einen Mini-Döner, damit das Essen nicht so lange dauert und breche in einen weniger interessanten Teil des Radweges auf. Gegenwind! Die letzten 20 Kilometer werden dadurch nicht leichter. Kurz vor Zwiefalten quietschen plötzlich Reifen hinter mir. Der Kerl muss wohl verrückt sein. Oder besoffen. Oder hat sich über meine Ignoranz gegenüber dem Berg- und Tal-Radweg geärgert und meint, mich erziehen zu müssen.

Die Ankunft gelingt mir kurz vor zehn. Nach einer Dusche und der obligatorischen Hosenwäsche steige ich noch einmal in die Gemächer der Familie hinab, um mit den Eltern der Familie bis nach Mitternacht zu plaudern: Über Radtouren in Frankreich, Pässe in der Schweiz, und über Liegeräder und deren Handicaps für den Fahrer (Regen, Hunde und ein bisschen eventuell die Berge). Dann beschließen wir alle, ein bisschen schneller zu schlafen und legen uns zur Ruhe.

6. Juli

Zwiefalten – B312 – Riedlingen-Zwiefaltendorf – B311 – Ehingen – zum Donauradweg – Ulm – Günzburg – Offingen – vom Donauradweg – B16 – Gundelfingen – Dillingen – Dillingen-Steinheim – Hohenaltheim – Merzingen – Ziswingen – Alerheim – Wemding – Otting – Monheim-Rehau – Treuchtlingen-Möhren – Treuchtlingen – Treuchtlingen-Graben – Weißenburg-Weimersheim – Theilenhofen – Thannhausen (208 km)

Ein Hallo von der Tür reißt mich mitten aus meinen Träumen. Es ist zehn nach sieben, fünf Minuten vor meiner vorgesehenen Zeit, aber wer so direkt zum Frühstück geladen wird, darf sich natürlich nicht noch mal umdrehen. Meine Dachgeber erzählen mir von den Lebensmittelallergien ihrer Söhne und den merkwürdigen Auswirkungen auf deren Verhalten (Aggressivität und mangelnde Selbstkontrolle). Ich bekomme noch vier Brötchen für die Reise, und dann müssen sie in ihren Laden bzw. in die Apotheke und ich auf die Straße. Es nieselt, was nach der 24 Stunden langen Ankündigung und dem langen guten Wetter eigentlich nur billig, aber trotzdem kein direkter Antrieb ist, sich auf den Weg zu machen. Bei dieser Gelegenheit vergesse ich meine einzige gefüllte Trinkflasche; denn mein Pfand-Cola-Begleiter ist biologisch verseucht und für Lebensmittel ohne gründliche Vorbehandlung nicht mehr zu gebrauchen.

Ich beschließe, es erst einmal ohne den Donauradweg zu versuchen, denn bei diesem Wetter ist er landschaftlich sicherlich kaum ein Gewinn. Kurz vor der Bundesstraße steht links unter den Bäumen ein einsames Zelt, daneben ein Fahrrad. »Guten Morgen!« rufe ich, und ein unlustiges »Morjn« tönt zurück.

Bis Ehingen wächst sich der Niederschlag zu einem ganz normalen Landregen aus. Ohne Regenjacke ist nun nichts mehr zu machen, und das Fahren macht keinen Spaß mehr. Der Verkehr auf der Bundesstraße ist mir auch zu viel. Vor einem Aldi vertrödele ich eine gute Stunde nach einem Einkauf mit zweitem Frühstück und dem Hoffen auf Besserung. Aber der Himmel verspricht nichts dergleichen, der Wetterbericht angeblich auch nicht. Also gut, den ganzen Tag kann ich hier nicht stehen. Es geht hinaus ins Ungemach.

Die Beschilderung am Donauradweg ist eine Wonne wie so oft, wenn speziell Radfahrern der Weg gewiesen werden soll. Meine Gastgeber haben mir von ihren Erfahrungen aus dem Harz erzählt: Als wenn der Fahrradtourismus sabotiert werden solle; die Schilder könnten nie im Leben von Radfahrern aufgestellt worden sein. Es gibt Schilder, auf denen steht einfach »Donauradweg«. Und ein Bildchen. Oder man kommt an eine Kreuzung und erfährt 50 Meter, nachdem man in eine der drei Alternativen eingebogen ist, dass es die richtige war. Oder irgend so eine sinnige Sache, die eigentlich auf keiner Straße denkbar ist.

In Ulm hole ich ein junges Paar auf gut bepackten Reiserädern ein. Lange können sie noch nicht unterwegs sein: Die Reifen sind wie neu. Wir fahren aber nicht zusammen; ich überhole sie, und später überholen sie mich wieder – so geht das eine ganze Weile. Bei einer dieser Gelegenheiten spreche ich sie an und erfahre, dass sie von Tuttlingen nach Wien wollen. Also an der Donau entlang. Der Radweg hat auch hier noch mehr zu bieten als beispielsweise zwischen Regensburg und Passau, dem wohl langweiligsten Teil der Donau. Es gibt ausgedehnte Wälder, auch mal Äcker, und der Weg ist mal asphaltiert, mal reichlich geschütteter Splitt, mal Lehm.

In Gundelfingen kann ich in einem Supermarkt endlich meine verkeimte Cola-Flasche gegen eine neue, gefüllte eintauschen. Ich rufe meine Eltern an, um zum Hochzeitstag zu gratulieren und ein letztes Lebenszeichen von der Tour aus zu geben. Vor dem Minimal hält ein Toyota-Geländewagen, in dem ein Mann in merkwürdiger Haltung saß oder eher zu liegen schien. Als er entsteigt, gibt die Federung deutlich nach. Er ist – jedenfalls für deutsche Verhältnisse – unglaublich fett!

Bei einer genaueren Betrachtung des Dachgeberverzeichnisses stellt sich die angestrebte Adresse in Wassertrüdingen als ein Freibad heraus: Außenplätze mit Freidusche. Na, so weit liegt der Komfort dann auch nicht über einem Platz unter freiem Himmel, dass sich der Umweg lohnte. Gibt es noch andere Ziele? Die Gegend ist wahrhaftig nicht dicht mit Adressen besetzt. Aber da ist Roth, allerdings hatte ich das schon als etwas zu ambitioniert ausgeklammert. In Dillingen überschlage ich noch einmal: Wenn ich um 22.00 Uhr dort sein will, muss ich in fünf Stunden 110 Kilometer zurücklegen. Und ich habe noch Ziele unterwegs. Das ist eigentlich nicht zu schaffen. Aber was habe ich zu verlieren? Also fahre ich los und schaffe trotz eines kurzen Regens tatsächlich über die ersten Berge aus den Donauniederungen heraus den angestrebten Schnitt. Sogar an Kirschbäumen fahre ich vorbei. Sollte das zu halten sein? Hinter den ersten Hügeln kommt schließlich noch nicht das Altmühltal, sondern zuerst das Nördlinger Ries und diverse andere »Unebenheiten«.

Das Nördlinger Ries ist eigentlich zu schade, um einfach so durchzuhetzen. Aber ich bekomme von der einen oder anderen Hügelkuppe aus schon ein wenig von der Landschaft mit. Man braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass hier mal ein ziemlich großer Stein vom Himmel gefallen sein und die Landschaft auf dieser riesigen Fläche geformt haben soll. Meine Vorräte nehmen rasant ab, insbesondere die Schokolade. Ich lasse mich auf einen Radwanderweg ein, und damit ist im Prinzip besiegelt, dass das Vorhaben scheitert. Na, man kann ja bei »vernünftigen« Radlern auch noch nach zehn eintrudeln. Kann man das?

Nach den vielen Regenfällen wimmelt es auf der Straße wieder von Nacktschnecken und deren Überbleibseln, um die sich wie schon in Frankreich mehrere Kannibalen scharen. In Treuchtlingen will ich eine endgültige Entscheidung, und was ich ahnte, stellt sich als wahr heraus: Heike Jürgens ist in Roth eine (schon ziemlich alte) Karteileiche. Der Dachgeber hält längst nicht alles, was er verspricht. Schade, dass da nicht rigider kontrolliert wird. Nun ist jedenfalls klar, dass ich mir irgendwas anderes suchen muss, dass die rasche Fahrt kein konkretes Ziel und daher auch keine Rechtfertigung mehr hat, und ich kann in aller Ruhe Fossa Carolina anfahren, den Karlsgraben nördlich von Treuchtlingen.

Ich bin erstaunt, dort einen wassergefüllten Kanal vorzufinden. Bisher dachte ich immer, darin befände sich kein Wasser, weil das Projekt gescheitert sei. Aber das Wasser ist dort nur, weil der Graben nachträglich durch einen Damm zugeschüttet wurde, und es reicht nur vielleicht 100 Meter weit. Dann steigt die Talsohle an und geht in ein undurchdringliches Gestrüpp über. Aber die Breite ist imposant (12m) und größer als teilweise beim König-Ludwig-Kanal. Ein paar Informationstafeln vertiefen mein Wissen. Ich erfahre, dass das Projekt im 8. Jahrhundert unter Karl dem Großen in Angriff genommen wurde, dass sein Reich damals bis nach Süditalien und in die Pyrenäen reichte, dass über 1000 Leute an dem drei Kilometer langen Graben zwischen Altmühl und Rezat arbeiteten, dass im Norden die Grabenränder über Nacht immer wieder nachrutschten und dass das Vorhaben schließlich im Zusammenhang mit militärischen Auseinandersetzungen abgebrochen wurde. Kurioserweise steht dort etwas vom hohen Wissensstand der damaligen Ingenieure, die sich in der Neigung der Kanalböschung dokumentiere. Nur, dass sie trotzdem immer wieder abrutschte und es damals noch gar keine Ingenieure gab. Na ja. Auf den Tafeln steht auch, wann der König-Ludwig-Kanal gebaut wurde und dass er sich niemals amortisierte, weil anderthalb oder zwei Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung die Eisenbahn ihren Siegeszug durch Deutschland antrat und ihm mit ihrer Schnelligkeit sozusagen »das Wasser abgrub«. Mit dem RMD-Kanal ist schließlich der dritte Kanal gebaut worden, und über dessen Rentabilität schweigen sich die Tafeln wohlweislich aus, aber wer die paar Kähne jeden Tag zählt, kann sich das ja denken.

Die Sonne ist gerade hinter dem Horizont verschwunden, aber ich will ja noch zum Brombachstausee. Die Karte verrät mir, durch welche Orte ich zu fahren habe. Damit ich nicht immer wieder die Karte aufschlagen muss, präge ich mir für die Ortschaften Kürzel ein: Metz-Holz-Weimar-Störzel-Stopf geht mir immer wieder durch den Kopf und steht für ähnlich klingende, aber deutlich längere Namen.

Kurz vor zehn – der helle Streifen am Horizont hält sich hartnäckig – bemerke ich plötzlich kleine Kröten, die auf der Straße sitzen. Gelegentlich macht eine von ihnen einen Satz, aber im Allgemeinen scheinen sie zu schlafen. Ich halte an, um sie zu betrachten. Sie sind vielleicht anderthalb Zentimeter groß, und ich schubse eine von ihnen von hinten an, damit sie mir auf die andere Hand springt, was nach einigen Versuchen auch gelingt. Da sitzt sie nun und ist praktisch zum Tode verurteilt; denn sie wird in dieser Nacht nicht mehr wandern, aber ein paar Autos werden hier auch noch langkommen, und sie werden viel zu schnell für die kleinen Hüpfer sein – Gelegenheit, wieder einmal über das grausame Gesetz der Straße nachzudenken, auf der niemand jemandem etwas Böses will, aber die meisten nach hoher Geschwindigkeit streben, und je kleiner und langsamer das Leben auf dem Asphaltband ist, desto geringer sind seine Chancen in der Auseinandersetzung mit den Schnellen und Großen. Ich habe bisher Glück gehabt; ich bin schneller als die meisten Tiere und vor allem größer. Und: Mich umzufahren ist strafbar; das habe ich ihnen allemal voraus.

Kurz vor elf finde ich ein Dach vor einer Schule, beschließe, den Brombachstausee auch am nächsten Morgen noch interessant zu finden und lege mich nach einem Imbiss zur Ruhe.

7. Juli

Thannhausen – Damm des kleinen Brombachstausees – Enderndorf – Spalt – Georgensgmünd – Roth – Roth-Meckenlohe – RMD-Kanal – Nürnberg – Regnitzradweg – Fürth-Stadeln – Fürth-Vach – RMD-Kanal – Erlangen-Büchenbach (92 km)

Wenn nicht ganz besondere Ereignisse eintreten, wird dies der letzte Tag der Tour. Die Strecke kann nicht mehr sonderlich lang werden, Berge liegen auch keine mehr im Weg, allenfalls ein paar Hügel. Sehr früh werde ich wach, weil im Stall auf der gegenüber liegenden Straßenseite die Kühe gemolken werden. Ich drehe mich noch einmal um, damit es einigermaßen ausgeschlafen auf die Fahrt geht. Halb sieben beginnt das Frühstück. Wenn die ersten Schüler oder Lehrer in die Schule wollen, muss ich schließlich abreisebereit sein, und wann das sein wird, weiß ich nicht.

Es ist noch nicht 7 Uhr, als sich an der Schulbushaltestelle das erste Mädchen einfindet. Die Kleine will nicht in diese Schule, aber weil der Bus noch nicht da ist, kommt sie schnurstracks auf mich zu, um herauszufinden, was es mit diesem Kerl auf sich hat. Sie fragt mich, woher ich komme, wohin ich will und erklärt mir, dass sie von der Schule nicht begeistert sei – da müsse man so viel lernen. Obwohl ich in den letzten Jahren zu meiner ganz privaten Erkenntnis gekommen bin, dass in der Schule tatsächlich viele überflüssige Übungen veranstaltet wurden, dass also vielleicht sechs Jahre vor der Berufsausbildung genügt hätten, möchte ich sie in ihrer Ansicht natürlich nicht bestärken und gebe ihr eine Durchhalteparole auf den Weg. Als das zweite Kind an der Bushaltestelle eintrifft, kehrt sie zurück, um ihre neu gewonnenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ein wenig kann ich die Gespräche von meinem Frühstückskissen aus mitverfolgen. Als der Bus kommt, ruft sie noch »Schönen Dank für das Gespräch«, wir winken einander zu, und dann sitze ich mit meinen Reiseplänen wieder allein.

Der Brombachstausee ist durch einen Damm zweigeteilt. Der kleine, ältere See liegt einen knappen halben Meter höher als der neue. Nach einigem Suchen im Wald finde ich den Damm. Auf den Waldwegen zuvor habe ich den Eindruck gehabt, dass meine Reifen etwas mehr Druck vertragen könnten. Also steige ich ab und sorge für mehr Leichtigkeit beim Lauf.

Die Orte um den See herum scheinen sich gut auf ihn eingestellt zu haben. Ich sehe zwei gut besetzte Segelboothäfen, Enderndorf ist sehr gepflegt und bietet mit Fahrradverleih, schmucken Unterkünften, Gaststätten, einem sehr gepflegten Dorfbild und einem Neubau oben auf dem Berg, der sicherlich mal ein Hotel oder eine Tagungsstätte wird, alles, was man so veranstalten kann, um den See zu einem Gewinn zu machen.

In Spalt fülle ich meine Reserven auf und mache kurzes zweites Frühstück. Mit Entsetzen und Erleichterung stelle ich fest, dass ich nach dem Luftaufpumpen vergessen hatte, die Pumpe wieder abzuschließen, so dass das Schlüsselbund mit allen wichtigen Schlüsseln auf dem Gepäckträger liegen blieb. Seither sind einige Kilometer gefahren, und es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, diese Strecke jetzt nach dem kleinen Ding abzusuchen. Aber es liegt eben noch dort, wo ich es vergessen hatte, und mir kommt wieder ins Gedächtnis, dass auf einer solchen Reise strenge Regeln unerlässlich sind, die festlegen, in welcher Tasche was abgelegt wird und was nach Pausen überprüft werden muss.

Von Spalt nach Georgensgmünd führt ein Radweg auf der ehemaligen Bahnlinie. Die nagelneue Landkarte (Stand 1999) weist indes noch ungerührt die Bahnlinie aus. Ich werde Marco Polo diesen und andere Fehler um die Ohren hauen müssen (meine Wohnung in Erlangen ist z.B. auch noch nicht eingezeichnet). Aber der Radweg ist natürlich Spitze.

Mein nächstes Ziel ist Bernlohe. Mit einigem Fragen finde ich Heikes Adresse, aber eine Frau dort sagt mir, die wohne schon lange nicht mehr dort. Dachte ich es mir dort: Wieder eine Karteileiche im ADFC-Dachgeber. Na, der werde ich eine Botschaft direkt nach Nürnberg bringen!

Auf dem Weg nach Roth wird gearbeitet. Die rechte Böschung ist aufgewühlt, teilweise schmal, zuweilen sehr breit. Vermessungsleute sind bei der Arbeit und rufen sich Zahlen zu. Schweres Gerät macht Lärm. Ich frage mich im Verlauf der Fahrt immer intensiver, was das wohl wird. Es ist Werktag, und der Verkehr ist so schwach, dass ein vierspuriger Ausbau eigentlich nicht sinnvoll erscheint. Aber es geht auf Mittag, und ich weiß nicht, was morgens so los ist. Außerdem wird oft auch gebaut, was nicht sinnvoll ist. Schließlich frage ich einen Bauarbeiter, was das wird, und er antwortet »ein Radweg«. Ich bin einen Moment lang sprachlos. »Was denn, mit dem Aufwand?«

Ich habe keine Lust auf weiteren Straßenverkehr und strebe direkt den Rhein-Main-Donau-Kanal an. Eigentlich ist das Wetter perfekt (fast bedeckt, leichter Rückenwind, selten Sonne), aber trotzdem fühle ich mich müde und hungrig. Also mache ich Pause, und bei dieser Gelegenheit inspiziere ich den Reifen des Vorderrads. Was macht eigentlich »mein Schnitt«? Ich bin entsetzt: Da guckt der Schlauch in der Größe eines Stecknadelkopfes durch. Es kann bei dem Splitt eigentlich nur noch eine Frage von wenigen Kilometern sein, bis der ungeschützte Schlauch an dieser Stelle von einem Stein aufgeschlitzt wird. Darauf will ich es auf den letzten Kilometern nicht noch ankommen lassen. Doch was tun? Einen Reifen kann man nicht flicken. Ich lasse die Luft heraus, falte den Plastikdeckel meiner gerade geleerten Boulettenpackung zu einer vierfachen Schicht und lege sie zwischen Mantel(loch) und Schlauch. Das funktioniert. Das Rad dreht sich ohne Beule oder Acht. Und es wird wohl auch bis Erlangen halten.

Jetzt strebe ich das Nordklinikum an. Will doch mal sehen, was meine beiden Schwestern, Angela und Sabine, zu meinem Erscheinungsbild sagen. Vielleicht gibt es eine Lücke, und ich kann gleich mal Blut spenden. Die Fahrt durch das westliche Nürnberger Gewerbegebiet ist ein bisschen verwirrend, aber die Sonne und mein Gefühl sagen mir, wo Osten ist, und darum finde ich den Weg ohne Probleme.

Ich hoffe ja, dass Angela da ist. Ohne sie wäre mein heruntergekommener Auftritt nur die 100 Mark Entschädigung wert – wenn es denn zur Spende kommt. Und was soll ich sagen? Ich stehe im Empfangsraum, und wer kommt die Treppe herunter? Angela mit neuer Frisur. Auf den zweiten Blick erkennt sie auch mich und fragt mich doch glatt, ob ich zum Spenden komme. »Wenn Ihr eine Lücke habt…« Sie haben eine. Sie haben eine Riesenlücke. Mehrere Spender haben heute kurzfristig abgesagt. Es herrscht depressive Stimmung. Sabine fragt mich, ob ich so rieche, wie ich aussehe, was angesichts meines Outfits weit von einem Kompliment entfernt ist, aber das bin ich von ihr gewöhnt und achte auch viel mehr auf Angela. Aber die ist eine kühle Dunkle und zeigt kaum Emotionen angesichts der Spenderebbe oder meines Äußeren. Beide telefonieren in den Spenderlisten herum, aber überall gibt es nur Absagen. Schließlich bin ich der einzige Spender und sitze sogar zwei, drei kostbare Minuten mit Angela allein. Aber sie macht sich nicht viel aus mir, und so versanden meine zaghaften Versuche, ein Gespräch zustande zu bringen. Sabine moniert die alte Kiste, mit der ich die Reise gemacht habe. Na ja, eine neue war vorher ja nicht mehr zu kriegen. Natürlich sind 7000 Kilometer Wahnsinn. Eine andere Kategorie scheint völkerübergreifend kaum vorstellbar.

Ich nehme meine 100 Mark und ziehe meiner Wege. Was mögen die Leute denken? Ein Radler, dick bepackt und beide Ellenbogen verbunden – ein Unfall, ein blöder Sturz? Lange Ärmel sind wohl besser. In Fürth überholt mich ein junges Mädchen, nachdem ich bis dahin so vor mich hingetrödelt habe. Nicht, dass ich das nicht tolerieren könnte (könnte ich wirklich?), aber das ist doch mal ein Maßstab, um einen Zahn zuzulegen. Sie fährt schwer im höchsten Gang; das wird das Ritzel bald ruinieren, aber vielleicht spielt Geld weniger eine Rolle. Ich muss deutlich beschleunigen, um Schritt halten zu können. Es geht aber. Wäre ja auch’n Ding. In Vach trennen sich unsere Wege, ohne dass wir ein Wort gewechselt hätten. Auf diese Weise gelange ich kurz vor fünf nach Erlangen.

Hier spielt sich ab, was nach jeder großen Reise angesagt ist: Erstmaliges totales Zerlegen des Gepäcks, große Wäsche, und der Rest wird sich in den folgenden Tagen schon finden. Es hat sich viel Post angesammelt. Der meiste Kram landet schon nach Sekunden auf dem großen Papierhaufen zu meinen Füßen. Aber einiges ist zu erledigen. Und da ist auch noch die Geburtstagspost, teilweise ungeöffnet, nicht zu vergessen die Reisepost (also die Briefe an meine Dachgeber). Eigentlich nicht schlecht, dass ich einige Tage früher gekommen bin. Wer weiß, was die Arbeit bringen wird. Ist es viel, so werde ich froh sein, die dringenden Brocken bereits vom Tisch zu haben.

Ja, das war’s. Nie ist mir so sehr wie auf dieser Reise bewusst geworden, wie viel Glück ich unterwegs hatte, wie viel mir hätte passieren können, aber nicht passiert ist. Das ist eine Bewahrung, an der mein Schutzengel wohl jeden Tag mehrere Einsätze hatte. Eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich diesmal besonders riskant gefahren wäre. Aber die Strecke hatte ein unvergleichliches Profil. Den Krafteinsätzen am Aufstieg standen Augenmaß und Vorsicht bei der Abfahrt gegenüber. Wo es an ihnen mangelte, war ich auf Rücksicht, Voraussicht und Geduld der anderen Verkehrsteilnehmer, auf Verlässlichkeit der Technik (auf die sowieso) und auf Glück angewiesen. In der Summe reichte es immer. Ist es nicht toll? Noch immer kann ich sagen, dass ich seit 1990 auf keiner meiner großen Touren einen Unfall oder eine Verletzung erlitt. Das sind -zigtausende Kilometer! Ein Wunder und ein Grund zur Dankbarkeit!