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6. Juli 6. Juli

7. Juli

Thannhausen – Damm des kleinen Brombachstausees – Enderndorf – Spalt – Georgensgmünd – Roth – Roth-Meckenlohe – RMD-Kanal – Nürnberg – Regnitzradweg – Fürth-Stadeln – Fürth-Vach – RMD-Kanal – Erlangen-Büchenbach (92 km)

Wenn nicht ganz besondere Ereignisse eintreten, wird dies der letzte Tag der Tour. Die Strecke kann nicht mehr sonderlich lang werden, Berge liegen auch keine mehr im Weg, allenfalls ein paar Hügel. Sehr früh werde ich wach, weil im Stall auf der gegenüber liegenden Straßenseite die Kühe gemolken werden. Ich drehe mich noch einmal um, damit es einigermaßen ausgeschlafen auf die Fahrt geht. Halb sieben beginnt das Frühstück. Wenn die ersten Schüler oder Lehrer in die Schule wollen, muss ich schließlich abreisebereit sein, und wann das sein wird, weiß ich nicht.

Es ist noch nicht 7 Uhr, als sich an der Schulbushaltestelle das erste Mädchen einfindet. Die Kleine will nicht in diese Schule, aber weil der Bus noch nicht da ist, kommt sie schnurstracks auf mich zu, um herauszufinden, was es mit diesem Kerl auf sich hat. Sie fragt mich, woher ich komme, wohin ich will und erklärt mir, dass sie von der Schule nicht begeistert sei – da müsse man so viel lernen. Obwohl ich in den letzten Jahren zu meiner ganz privaten Erkenntnis gekommen bin, dass in der Schule tatsächlich viele überflüssige Übungen veranstaltet wurden, dass also vielleicht sechs Jahre vor der Berufsausbildung genügt hätten, möchte ich sie in ihrer Ansicht natürlich nicht bestärken und gebe ihr eine Durchhalteparole auf den Weg. Als das zweite Kind an der Bushaltestelle eintrifft, kehrt sie zurück, um ihre neu gewonnenen Erkenntnisse mitzuteilen. Ein wenig kann ich die Gespräche von meinem Frühstückskissen aus mitverfolgen. Als der Bus kommt, ruft sie noch »Schönen Dank für das Gespräch«, wir winken einander zu, und dann sitze ich mit meinen Reiseplänen wieder allein.

Der Brombachstausee ist durch einen Damm zweigeteilt. Der kleine, ältere See liegt einen knappen halben Meter höher als der neue. Nach einigem Suchen im Wald finde ich den Damm. Auf den Waldwegen zuvor habe ich den Eindruck gehabt, dass meine Reifen etwas mehr Druck vertragen könnten. Also steige ich ab und sorge für mehr Leichtigkeit beim Lauf.

Die Orte um den See herum scheinen sich gut auf ihn eingestellt zu haben. Ich sehe zwei gut besetzte Segelboothäfen, Enderndorf ist sehr gepflegt und bietet mit Fahrradverleih, schmucken Unterkünften, Gaststätten, einem sehr gepflegten Dorfbild und einem Neubau oben auf dem Berg, der sicherlich mal ein Hotel oder eine Tagungsstätte wird, alles, was man so veranstalten kann, um den See zu einem Gewinn zu machen.

In Spalt fülle ich meine Reserven auf und mache kurzes zweites Frühstück. Mit Entsetzen und Erleichterung stelle ich fest, dass ich nach dem Luftaufpumpen vergessen hatte, die Pumpe wieder abzuschließen, so dass das Schlüsselbund mit allen wichtigen Schlüsseln auf dem Gepäckträger liegen blieb. Seither sind einige Kilometer gefahren, und es wäre ein hoffnungsloses Unterfangen, diese Strecke jetzt nach dem kleinen Ding abzusuchen. Aber es liegt eben noch dort, wo ich es vergessen hatte, und mir kommt wieder ins Gedächtnis, dass auf einer solchen Reise strenge Regeln unerlässlich sind, die festlegen, in welcher Tasche was abgelegt wird und was nach Pausen überprüft werden muss.

Von Spalt nach Georgensgmünd führt ein Radweg auf der ehemaligen Bahnlinie. Die nagelneue Landkarte (Stand 1999) weist indes noch ungerührt die Bahnlinie aus. Ich werde Marco Polo diesen und andere Fehler um die Ohren hauen müssen (meine Wohnung in Erlangen ist z.B. auch noch nicht eingezeichnet). Aber der Radweg ist natürlich Spitze.

Mein nächstes Ziel ist Bernlohe. Mit einigem Fragen finde ich Heikes Adresse, aber eine Frau dort sagt mir, die wohne schon lange nicht mehr dort. Dachte ich es mir dort: Wieder eine Karteileiche im ADFC-Dachgeber. Na, der werde ich eine Botschaft direkt nach Nürnberg bringen!

Auf dem Weg nach Roth wird gearbeitet. Die rechte Böschung ist aufgewühlt, teilweise schmal, zuweilen sehr breit. Vermessungsleute sind bei der Arbeit und rufen sich Zahlen zu. Schweres Gerät macht Lärm. Ich frage mich im Verlauf der Fahrt immer intensiver, was das wohl wird. Es ist Werktag, und der Verkehr ist so schwach, dass ein vierspuriger Ausbau eigentlich nicht sinnvoll erscheint. Aber es geht auf Mittag, und ich weiß nicht, was morgens so los ist. Außerdem wird oft auch gebaut, was nicht sinnvoll ist. Schließlich frage ich einen Bauarbeiter, was das wird, und er antwortet »ein Radweg«. Ich bin einen Moment lang sprachlos. »Was denn, mit dem Aufwand?«

Ich habe keine Lust auf weiteren Straßenverkehr und strebe direkt den Rhein-Main-Donau-Kanal an. Eigentlich ist das Wetter perfekt (fast bedeckt, leichter Rückenwind, selten Sonne), aber trotzdem fühle ich mich müde und hungrig. Also mache ich Pause, und bei dieser Gelegenheit inspiziere ich den Reifen des Vorderrads. Was macht eigentlich »mein Schnitt«? Ich bin entsetzt: Da guckt der Schlauch in der Größe eines Stecknadelkopfes durch. Es kann bei dem Splitt eigentlich nur noch eine Frage von wenigen Kilometern sein, bis der ungeschützte Schlauch an dieser Stelle von einem Stein aufgeschlitzt wird. Darauf will ich es auf den letzten Kilometern nicht noch ankommen lassen. Doch was tun? Einen Reifen kann man nicht flicken. Ich lasse die Luft heraus, falte den Plastikdeckel meiner gerade geleerten Boulettenpackung zu einer vierfachen Schicht und lege sie zwischen Mantel(loch) und Schlauch. Das funktioniert. Das Rad dreht sich ohne Beule oder Acht. Und es wird wohl auch bis Erlangen halten.

Jetzt strebe ich das Nordklinikum an. Will doch mal sehen, was meine beiden Schwestern, Angela und Sabine, zu meinem Erscheinungsbild sagen. Vielleicht gibt es eine Lücke, und ich kann gleich mal Blut spenden. Die Fahrt durch das westliche Nürnberger Gewerbegebiet ist ein bisschen verwirrend, aber die Sonne und mein Gefühl sagen mir, wo Osten ist, und darum finde ich den Weg ohne Probleme.

Ich hoffe ja, dass Angela da ist. Ohne sie wäre mein heruntergekommener Auftritt nur die 100 Mark Entschädigung wert – wenn es denn zur Spende kommt. Und was soll ich sagen? Ich stehe im Empfangsraum, und wer kommt die Treppe herunter? Angela mit neuer Frisur. Auf den zweiten Blick erkennt sie auch mich und fragt mich doch glatt, ob ich zum Spenden komme. »Wenn Ihr eine Lücke habt…« Sie haben eine. Sie haben eine Riesenlücke. Mehrere Spender haben heute kurzfristig abgesagt. Es herrscht depressive Stimmung. Sabine fragt mich, ob ich so rieche, wie ich aussehe, was angesichts meines Outfits weit von einem Kompliment entfernt ist, aber das bin ich von ihr gewöhnt und achte auch viel mehr auf Angela. Aber die ist eine kühle Dunkle und zeigt kaum Emotionen angesichts der Spenderebbe oder meines Äußeren. Beide telefonieren in den Spenderlisten herum, aber überall gibt es nur Absagen. Schließlich bin ich der einzige Spender und sitze sogar zwei, drei kostbare Minuten mit Angela allein. Aber sie macht sich nicht viel aus mir, und so versanden meine zaghaften Versuche, ein Gespräch zustande zu bringen. Sabine moniert die alte Kiste, mit der ich die Reise gemacht habe. Na ja, eine neue war vorher ja nicht mehr zu kriegen. Natürlich sind 7000 Kilometer Wahnsinn. Eine andere Kategorie scheint völkerübergreifend kaum vorstellbar.

Ich nehme meine 100 Mark und ziehe meiner Wege. Was mögen die Leute denken? Ein Radler, dick bepackt und beide Ellenbogen verbunden – ein Unfall, ein blöder Sturz? Lange Ärmel sind wohl besser. In Fürth überholt mich ein junges Mädchen, nachdem ich bis dahin so vor mich hingetrödelt habe. Nicht, dass ich das nicht tolerieren könnte (könnte ich wirklich?), aber das ist doch mal ein Maßstab, um einen Zahn zuzulegen. Sie fährt schwer im höchsten Gang; das wird das Ritzel bald ruinieren, aber vielleicht spielt Geld weniger eine Rolle. Ich muss deutlich beschleunigen, um Schritt halten zu können. Es geht aber. Wäre ja auch’n Ding. In Vach trennen sich unsere Wege, ohne dass wir ein Wort gewechselt hätten. Auf diese Weise gelange ich kurz vor fünf nach Erlangen.

Hier spielt sich ab, was nach jeder großen Reise angesagt ist: Erstmaliges totales Zerlegen des Gepäcks, große Wäsche, und der Rest wird sich in den folgenden Tagen schon finden. Es hat sich viel Post angesammelt. Der meiste Kram landet schon nach Sekunden auf dem großen Papierhaufen zu meinen Füßen. Aber einiges ist zu erledigen. Und da ist auch noch die Geburtstagspost, teilweise ungeöffnet, nicht zu vergessen die Reisepost (also die Briefe an meine Dachgeber). Eigentlich nicht schlecht, dass ich einige Tage früher gekommen bin. Wer weiß, was die Arbeit bringen wird. Ist es viel, so werde ich froh sein, die dringenden Brocken bereits vom Tisch zu haben.

Ja, das war’s. Nie ist mir so sehr wie auf dieser Reise bewusst geworden, wie viel Glück ich unterwegs hatte, wie viel mir hätte passieren können, aber nicht passiert ist. Das ist eine Bewahrung, an der mein Schutzengel wohl jeden Tag mehrere Einsätze hatte. Eigentlich kann ich nicht sagen, dass ich diesmal besonders riskant gefahren wäre. Aber die Strecke hatte ein unvergleichliches Profil. Den Krafteinsätzen am Aufstieg standen Augenmaß und Vorsicht bei der Abfahrt gegenüber. Wo es an ihnen mangelte, war ich auf Rücksicht, Voraussicht und Geduld der anderen Verkehrsteilnehmer, auf Verlässlichkeit der Technik (auf die sowieso) und auf Glück angewiesen. In der Summe reichte es immer. Ist es nicht toll? Noch immer kann ich sagen, dass ich seit 1990 auf keiner meiner großen Touren einen Unfall oder eine Verletzung erlitt. Das sind -zigtausende Kilometer! Ein Wunder und ein Grund zur Dankbarkeit!

6. Juli 6. Juli