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6. Juli

Zwiefalten – B312 – Riedlingen-Zwiefaltendorf – B311 – Ehingen – zum Donauradweg – Ulm – Günzburg – Offingen – vom Donauradweg – B16 – Gundelfingen – Dillingen – Dillingen-Steinheim – Hohenaltheim – Merzingen – Ziswingen – Alerheim – Wemding – Otting – Monheim-Rehau – Treuchtlingen-Möhren – Treuchtlingen – Treuchtlingen-Graben – Weißenburg-Weimersheim – Theilenhofen – Thannhausen (208 km)

Ein Hallo von der Tür reißt mich mitten aus meinen Träumen. Es ist zehn nach sieben, fünf Minuten vor meiner vorgesehenen Zeit, aber wer so direkt zum Frühstück geladen wird, darf sich natürlich nicht noch mal umdrehen. Meine Dachgeber erzählen mir von den Lebensmittelallergien ihrer Söhne und den merkwürdigen Auswirkungen auf deren Verhalten (Aggressivität und mangelnde Selbstkontrolle). Ich bekomme noch vier Brötchen für die Reise, und dann müssen sie in ihren Laden bzw. in die Apotheke und ich auf die Straße. Es nieselt, was nach der 24 Stunden langen Ankündigung und dem langen guten Wetter eigentlich nur billig, aber trotzdem kein direkter Antrieb ist, sich auf den Weg zu machen. Bei dieser Gelegenheit vergesse ich meine einzige gefüllte Trinkflasche; denn mein Pfand-Cola-Begleiter ist biologisch verseucht und für Lebensmittel ohne gründliche Vorbehandlung nicht mehr zu gebrauchen.

Ich beschließe, es erst einmal ohne den Donauradweg zu versuchen, denn bei diesem Wetter ist er landschaftlich sicherlich kaum ein Gewinn. Kurz vor der Bundesstraße steht links unter den Bäumen ein einsames Zelt, daneben ein Fahrrad. »Guten Morgen!« rufe ich, und ein unlustiges »Morjn« tönt zurück.

Bis Ehingen wächst sich der Niederschlag zu einem ganz normalen Landregen aus. Ohne Regenjacke ist nun nichts mehr zu machen, und das Fahren macht keinen Spaß mehr. Der Verkehr auf der Bundesstraße ist mir auch zu viel. Vor einem Aldi vertrödele ich eine gute Stunde nach einem Einkauf mit zweitem Frühstück und dem Hoffen auf Besserung. Aber der Himmel verspricht nichts dergleichen, der Wetterbericht angeblich auch nicht. Also gut, den ganzen Tag kann ich hier nicht stehen. Es geht hinaus ins Ungemach.

Die Beschilderung am Donauradweg ist eine Wonne wie so oft, wenn speziell Radfahrern der Weg gewiesen werden soll. Meine Gastgeber haben mir von ihren Erfahrungen aus dem Harz erzählt: Als wenn der Fahrradtourismus sabotiert werden solle; die Schilder könnten nie im Leben von Radfahrern aufgestellt worden sein. Es gibt Schilder, auf denen steht einfach »Donauradweg«. Und ein Bildchen. Oder man kommt an eine Kreuzung und erfährt 50 Meter, nachdem man in eine der drei Alternativen eingebogen ist, dass es die richtige war. Oder irgend so eine sinnige Sache, die eigentlich auf keiner Straße denkbar ist.

In Ulm hole ich ein junges Paar auf gut bepackten Reiserädern ein. Lange können sie noch nicht unterwegs sein: Die Reifen sind wie neu. Wir fahren aber nicht zusammen; ich überhole sie, und später überholen sie mich wieder – so geht das eine ganze Weile. Bei einer dieser Gelegenheiten spreche ich sie an und erfahre, dass sie von Tuttlingen nach Wien wollen. Also an der Donau entlang. Der Radweg hat auch hier noch mehr zu bieten als beispielsweise zwischen Regensburg und Passau, dem wohl langweiligsten Teil der Donau. Es gibt ausgedehnte Wälder, auch mal Äcker, und der Weg ist mal asphaltiert, mal reichlich geschütteter Splitt, mal Lehm.

In Gundelfingen kann ich in einem Supermarkt endlich meine verkeimte Cola-Flasche gegen eine neue, gefüllte eintauschen. Ich rufe meine Eltern an, um zum Hochzeitstag zu gratulieren und ein letztes Lebenszeichen von der Tour aus zu geben. Vor dem Minimal hält ein Toyota-Geländewagen, in dem ein Mann in merkwürdiger Haltung saß oder eher zu liegen schien. Als er entsteigt, gibt die Federung deutlich nach. Er ist – jedenfalls für deutsche Verhältnisse – unglaublich fett!

Bei einer genaueren Betrachtung des Dachgeberverzeichnisses stellt sich die angestrebte Adresse in Wassertrüdingen als ein Freibad heraus: Außenplätze mit Freidusche. Na, so weit liegt der Komfort dann auch nicht über einem Platz unter freiem Himmel, dass sich der Umweg lohnte. Gibt es noch andere Ziele? Die Gegend ist wahrhaftig nicht dicht mit Adressen besetzt. Aber da ist Roth, allerdings hatte ich das schon als etwas zu ambitioniert ausgeklammert. In Dillingen überschlage ich noch einmal: Wenn ich um 22.00 Uhr dort sein will, muss ich in fünf Stunden 110 Kilometer zurücklegen. Und ich habe noch Ziele unterwegs. Das ist eigentlich nicht zu schaffen. Aber was habe ich zu verlieren? Also fahre ich los und schaffe trotz eines kurzen Regens tatsächlich über die ersten Berge aus den Donauniederungen heraus den angestrebten Schnitt. Sogar an Kirschbäumen fahre ich vorbei. Sollte das zu halten sein? Hinter den ersten Hügeln kommt schließlich noch nicht das Altmühltal, sondern zuerst das Nördlinger Ries und diverse andere »Unebenheiten«.

Das Nördlinger Ries ist eigentlich zu schade, um einfach so durchzuhetzen. Aber ich bekomme von der einen oder anderen Hügelkuppe aus schon ein wenig von der Landschaft mit. Man braucht viel Phantasie, um sich vorzustellen, dass hier mal ein ziemlich großer Stein vom Himmel gefallen sein und die Landschaft auf dieser riesigen Fläche geformt haben soll. Meine Vorräte nehmen rasant ab, insbesondere die Schokolade. Ich lasse mich auf einen Radwanderweg ein, und damit ist im Prinzip besiegelt, dass das Vorhaben scheitert. Na, man kann ja bei »vernünftigen« Radlern auch noch nach zehn eintrudeln. Kann man das?

Nach den vielen Regenfällen wimmelt es auf der Straße wieder von Nacktschnecken und deren Überbleibseln, um die sich wie schon in Frankreich mehrere Kannibalen scharen. In Treuchtlingen will ich eine endgültige Entscheidung, und was ich ahnte, stellt sich als wahr heraus: Heike Jürgens ist in Roth eine (schon ziemlich alte) Karteileiche. Der Dachgeber hält längst nicht alles, was er verspricht. Schade, dass da nicht rigider kontrolliert wird. Nun ist jedenfalls klar, dass ich mir irgendwas anderes suchen muss, dass die rasche Fahrt kein konkretes Ziel und daher auch keine Rechtfertigung mehr hat, und ich kann in aller Ruhe Fossa Carolina anfahren, den Karlsgraben nördlich von Treuchtlingen.

Ich bin erstaunt, dort einen wassergefüllten Kanal vorzufinden. Bisher dachte ich immer, darin befände sich kein Wasser, weil das Projekt gescheitert sei. Aber das Wasser ist dort nur, weil der Graben nachträglich durch einen Damm zugeschüttet wurde, und es reicht nur vielleicht 100 Meter weit. Dann steigt die Talsohle an und geht in ein undurchdringliches Gestrüpp über. Aber die Breite ist imposant (12m) und größer als teilweise beim König-Ludwig-Kanal. Ein paar Informationstafeln vertiefen mein Wissen. Ich erfahre, dass das Projekt im 8. Jahrhundert unter Karl dem Großen in Angriff genommen wurde, dass sein Reich damals bis nach Süditalien und in die Pyrenäen reichte, dass über 1000 Leute an dem drei Kilometer langen Graben zwischen Altmühl und Rezat arbeiteten, dass im Norden die Grabenränder über Nacht immer wieder nachrutschten und dass das Vorhaben schließlich im Zusammenhang mit militärischen Auseinandersetzungen abgebrochen wurde. Kurioserweise steht dort etwas vom hohen Wissensstand der damaligen Ingenieure, die sich in der Neigung der Kanalböschung dokumentiere. Nur, dass sie trotzdem immer wieder abrutschte und es damals noch gar keine Ingenieure gab. Na ja. Auf den Tafeln steht auch, wann der König-Ludwig-Kanal gebaut wurde und dass er sich niemals amortisierte, weil anderthalb oder zwei Jahrzehnte nach seiner Fertigstellung die Eisenbahn ihren Siegeszug durch Deutschland antrat und ihm mit ihrer Schnelligkeit sozusagen »das Wasser abgrub«. Mit dem RMD-Kanal ist schließlich der dritte Kanal gebaut worden, und über dessen Rentabilität schweigen sich die Tafeln wohlweislich aus, aber wer die paar Kähne jeden Tag zählt, kann sich das ja denken.

Die Sonne ist gerade hinter dem Horizont verschwunden, aber ich will ja noch zum Brombachstausee. Die Karte verrät mir, durch welche Orte ich zu fahren habe. Damit ich nicht immer wieder die Karte aufschlagen muss, präge ich mir für die Ortschaften Kürzel ein: Metz-Holz-Weimar-Störzel-Stopf geht mir immer wieder durch den Kopf und steht für ähnlich klingende, aber deutlich längere Namen.

Kurz vor zehn – der helle Streifen am Horizont hält sich hartnäckig – bemerke ich plötzlich kleine Kröten, die auf der Straße sitzen. Gelegentlich macht eine von ihnen einen Satz, aber im Allgemeinen scheinen sie zu schlafen. Ich halte an, um sie zu betrachten. Sie sind vielleicht anderthalb Zentimeter groß, und ich schubse eine von ihnen von hinten an, damit sie mir auf die andere Hand springt, was nach einigen Versuchen auch gelingt. Da sitzt sie nun und ist praktisch zum Tode verurteilt; denn sie wird in dieser Nacht nicht mehr wandern, aber ein paar Autos werden hier auch noch langkommen, und sie werden viel zu schnell für die kleinen Hüpfer sein – Gelegenheit, wieder einmal über das grausame Gesetz der Straße nachzudenken, auf der niemand jemandem etwas Böses will, aber die meisten nach hoher Geschwindigkeit streben, und je kleiner und langsamer das Leben auf dem Asphaltband ist, desto geringer sind seine Chancen in der Auseinandersetzung mit den Schnellen und Großen. Ich habe bisher Glück gehabt; ich bin schneller als die meisten Tiere und vor allem größer. Und: Mich umzufahren ist strafbar; das habe ich ihnen allemal voraus.

Kurz vor elf finde ich ein Dach vor einer Schule, beschließe, den Brombachstausee auch am nächsten Morgen noch interessant zu finden und lege mich nach einem Imbiss zur Ruhe.

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