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5. Juli

Bad Säckingen-Obersäckingen – B34 – Waldshut-Tiengen – B34xB314 – Stühlingen – Blumberg-Fützen – Blumberg – B27 – Geisingen-Kirchen – zum Donauradweg – Tuttlingen – Sigmaringen – Mengen – vom Donauradweg – Herbertingen-Hundersingen – Riedlingen – B312 – Zwiefalten (199 km)

Kurz nach sieben piept mein Wecker. Dann also: Zusammenpacken; die Wäsche vom Vorabend ist gut getrocknet, und falls noch was stockig sein sollte, so ist das bis zur Abfahrt am Körper getrocknet. Unten in der Küche herrscht Hektik: Der Sohn wird an diesem Tag einen Schulausflug zu einem elsässischen Bauernhof machen und braucht dringend noch das eine oder andere aus dem Supermarkt. Die Mannschaft lässt mich allein und bricht geschlossen zum Markt um die Ecke auf.

Nach einigen Minuten klingelt es. Ich gehe zur Tür, und vor mir steht ein Zigarettenhändler, hinter ihm sein Auto. Er stellt sich als derjenige vor, der die Automaten versorgt und dass er meinen Gastgebern regelmäßig einen größeren Posten für 90 Mark rabattiert verkauft. Na, denke ich, das sind mir die liebsten, aber der Mann macht einen seriösen Eindruck, und ich opfere meine Grundsätze einer kleinen dankbaren Geste meinen Gastgebern gegenüber. Flüssig bin ich soweit. Plötzlich schlägt die Tür hinter mir zu. Ist es nicht entzückend? Jetzt habe ich mich auch noch ausgeschlossen. Aber des Händlers Sorge soll es nicht sein, und wir trennen uns – er in sein Auto und ich zum Rundgang um das Haus, um einen anderen Eingang zu finden; denn immerhin ist die Tür in »meinem« Zimmer im ersten Stock noch offen. Kein Problem allerdings – die Wohnzimmertür im Erdgeschoss steht weit offen.

Nach dem »Weiterverkauf« der Glimmstängel und einem kleinen abschließenden Schwatz mache ich mich gegen halb neun auf den Weg, um gleich um die Ecke im erwähnten Markt meinen Reisebedarf zu decken. Dann geht’s auf die Piste. Ich stürze mich gleich in einen Konflikt. Die B34 ist ein Nadelöhr. Auf meiner alten ADAC-Karte von 1989 ist eine geplante Autobahn eingezeichnet. Die ist noch immer geplant oder wird jedenfalls von den Anrainern der B34 vehement gefordert. Ich verstehe, warum. Mag sein, dass es irgendwo einen Radweg gibt, seitlich der Straße verlaufen nur die asphaltierten Landwirtschaftsstraßen, freigegeben für Fahrräder, aber wie so oft mit ungewissem Ausgang. Wo werden sie enden? Ich benutze also die Hauptstraße und ziehe mir den Ärger eines LKW-Fahrers zu. Er hupt und ruft irgendwas von Radweg. Die Unmutsäußerungen halten sich aber in Grenzen, und vom gesunden Menschenverstand aus hat er auch Recht, so dass ich später das Wagnis eingehe und den Seitenweg benutze. Schließlich ist auch die Bundesstraße ein Wagnis mit ganz anderem Einsatz als nur ein paar Minuten Verzögerung.

In Waldshut verlasse ich die Straße und benutze den Radweg am Rhein. In welchem Zustand wird er sich wohl nach dem Mai-Hochwasser befinden? Noch immer oder schon wieder scheint der Rhein gut gefüllt. Der Weg hat an einigen Stellen gelitten; es geht aber noch. Nach einigen Kilometern ist der Rhein plötzlich deutlich kleiner. Das ist wohl nicht mehr der Rhein. Ich schaue auf die Karte – alles in Ordnung, dies ist die Wutach. An einer überdachten Holzbrücke über den Fluss mache ich Frühstückspause; denn dort ist Schatten. Schon halb zehn ziehe ich den Schatten auf Steinstufen der Sonne auf der Bank am Fluss vor. An mir ziehen Schulklassen vorüber: Unterricht im Freien. Worum es geht, weiß ich nicht, aber sie sitzen auf der anderen Seite des Flusses im Gras, und der Lehrer steht in der Mitte des Halbrunds, nachdem die Mädchen und Jungen sich auf diesen Platz geeinigt haben.

Mein nächstes Ziel ist die Sauschwänzle-Bahn, irgendwann vor dem ersten Weltkrieg gebaut, damit Deutschland nicht mit der Eisenbahn seine Militärtransporte durch die neutrale Schweiz fahren musste. Die Linienführung ist reichlich verschlungen – daher der Name. Über eine der Eisenbahnbrücken bummelt ein Triebwagen. Hinter der Brücke verfällt er in Schritttempo, und ein Mann beginnt die Strecke zu besprühen – wahrscheinlich mit einem Herbizid.

Dank der treuen Aufwinde – oder vielleicht ist es auch ein normaler Tiefdruckwestwind – habe ich Unterstützung von hinten. Nach Überwindung der Wasserscheide zur Donau ist es damit vorbei. Nun müsste der Wind eigentlich von vorn kommen. Es bleibt aber glücklicherweise einigermaßen still. Mit der Wasserscheide ist das so eine Sache. Bei Dillingen gibt es die Donauversickerungen. Erst mal bin ich daran vorbeigefahren. Aber man kann doch nicht einfach den Donauradweg entlang fahren und das Ende der Donau verpassen. Also zurück. Am Ausgangspunkt eines Fußweges wird gerade haute cuisine um ein paar Würstchen veranstaltet – aber wirklich: was der Kerl am Grill da alles an Zutaten auspackt! Ich stelle mein Fahrrad ab und mache mich auf den Weg. Alles, was ich zu sehen bekomme, sind ein paar unratbedeckte kleine Strudel, wie sie sich bei Regen über Kanalisationsdeckeln bilden. Das ist wirklich nicht die Wucht; und versickert ist die Donau dabei auch nicht. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel und fahre weiter. Kurze Zeit später wieder ein Schild »Donauversickerung«. Man soll ja nie aufgeben. Diesmal habe ich Glück. Es ist zwar nicht gerade spektakulär, aber aus dem Fluss oder breiten Bach wird ein Rinnsal, und später versickert er vielleicht völlig – ich kann das von hier aus nicht sehen, aber im Sommer soll es so sein. Ein halbes Dutzend Seniorenradler dokumentiert sein Hiergewesensein durch das Foto »nackte Füße in der versickernden Donau«. Nun aber weiter.

In Tuttlingen muss ich mich erst mal mit Orientierungshilfen für den weiteren Weg ausstatten. Ich kaufe mir eine Generalkarte von Deutschland. Dann rufe ich meine auserwählten Dachgeber an. Denen passt es nicht so richtig. Und dann noch von Tuttlingen bis Zwiefalten? Heute? (Es ist kurz nach vier!) Mit dem Fahrrad? (Womit denn sonst?) Also gut. Ich versuche es, stelle keine Ansprüche (habe ich das schon mal gemacht?) und werde irgendwann nach neun eintreffen. Das ist natürlich so gut wie keine Aussage, aber was kann ich schon versprechen?

Mit verhältnismäßig mageren Vorräten breche ich auf, wieder auf dem Donauradweg. Die Landschaft überrascht mich. Der Fluss – jetzt ist er wieder einer – hat sich durch das Kalkgebirge ein ziemlich tiefes Tal geschnitten. Die Franzosen würden es glatt »gorge« nennen. Über längere Abschnitte gibt es als einzige Infrastruktur nur diesen Weg. Gelegentlich ist er asphaltiert, aber häufig gesplittet, so dass ich in den Kurven aufpassen muss. Schilder signalisieren bei solchen Gelegenheiten Querrinnen (in Ermangelung eines Schildes für »Hügel«) und fordern die Radfahrer auf, für die nächsten 300 Meter abzusteigen. Wie absurd! Bei diesem Belag muss ich immer an meinen Vorderreifen denken. Eine lange Lebenserwartung hat er ja nicht mehr.

In Sigmaringen hat die Pracht mit einsamen Schlössern hoch am Berge, grünen Auen im Nadelwald und unerwarteten Pässen (20 Höhenmeter pro Stück!) ein Ende. Ich hole mir einen Mini-Döner, damit das Essen nicht so lange dauert und breche in einen weniger interessanten Teil des Radweges auf. Gegenwind! Die letzten 20 Kilometer werden dadurch nicht leichter. Kurz vor Zwiefalten quietschen plötzlich Reifen hinter mir. Der Kerl muss wohl verrückt sein. Oder besoffen. Oder hat sich über meine Ignoranz gegenüber dem Berg- und Tal-Radweg geärgert und meint, mich erziehen zu müssen.

Die Ankunft gelingt mir kurz vor zehn. Nach einer Dusche und der obligatorischen Hosenwäsche steige ich noch einmal in die Gemächer der Familie hinab, um mit den Eltern der Familie bis nach Mitternacht zu plaudern: Über Radtouren in Frankreich, Pässe in der Schweiz, und über Liegeräder und deren Handicaps für den Fahrer (Regen, Hunde und ein bisschen eventuell die Berge). Dann beschließen wir alle, ein bisschen schneller zu schlafen und legen uns zur Ruhe.

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