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4. Juli

Verrières-de-Joux – FxCH – N10 – Couvet – Noiraigue – Gorges de l’Areuse – Rochefort – Coffrane – Fontaines – Dombresson – Saint Imier – Tramelan – Abbey de Bellelay – Gorges du Pichoux – Bassecourt – Delémont – N18 – Aesch – Reinach – Basel – CHxD – B34 – Rheinfelden – Bad Säckingen – Bad Säckingen-Obersäckingen (188 km)

Beim zweiten Erwachen ist es kurz nach sechs und taghell, allmählich Zeit zum Aufstehen. Dieser Platz war zwar ruhig, aber nicht optimal. Das Vordach des Gebäudes, an dessen Wand ich mein Quartier genommen hatte, war nicht lang genug, um meinen Schlafsack vor dem Morgentau zu schützen. Ich werde ihn also eine Weile offen transportieren müssen, damit er für die nächste Nacht trocken ist. Die Isomatte wird auch gereinigt werden müssen, wenn sie trocken ist. Ich fühle mich wieder mal etwas klebrig, obwohl die vorangegangene Nacht ja höchsten Komfort und alle Möglichkeiten geboten hatte. Aber so was lässt sich eben innerhalb eines anstrengenden Tages wieder zunichte machen.

Die Grenze ist inzwischen offen, der Schweizer Wachmann fragt mich nach dem Ausweis und stellt fest, dass ich schon weit gereist bin. Auf der Schweizer Seite geht es bald unten in Richtung Neuchâtel. Diesen Ort will ich allerdings umgehen, erstens ist jetzt nicht die Zeit zum Übernachten, zweitens habe ich das Schweizer Dachgeberverzeichnis sowieso zu Hause vergessen, drittens liegt der Ort am See, also unten, und ich muss heute noch oft genug hoch und ’runter, und viertens ergibt sich so eine kleine Abkürzung durch die Hinterorte. An der ersten Stelle offeriert das Ferienparadies eine Fahrradroute mit 14 Prozent Gefälle. Ich denke mir: »Schmal, steil, glitschig vom Morgentau und zum Glück nicht obligatorisch – da verliere ich nur Zeit und Sicherheit« (denn ich will heute noch die Schweiz in Richtung Deutschland verlassen) – und bleibe auf der im Rahmen des üblichen abfallenden Hauptstraße.

Es ist nicht die letzte Entscheidung, die ich zu fällen habe. Einige Zeit später steigt die Nationalstraße deutlich an; zuvor zweigt rechts eine Ortszufahrt ab. Na denn. Nach 100 Metern kommen mir Zweifel: muss es wirklich die Hauptstraße sein? Ich studiere die Karte, leider, wie ich später feststellen werde, an der falschen Stelle, denn ich weiß nicht, wie der Ort unten heißt. Die Karte verheißt mir jedenfalls eine zweite Route, und ich denke, die verläuft im Tal. Also wieder ’runter und ’rein in den Ort. Dort gibt es auch Fahrradschilder nach Neuchâtel, und unbarmherzig werde ich in die erste Bergfalle gelotst. Das ist steiler als die Hauptstraße, und wo es endet, muss ich abwarten. Bald stehe ich an der nächsten Gabelung. Unerbittlich weiter nach oben führt der markierte Radweg, in der Horizontalen ist es lediglich für »Autorisierte« erlaubt. Beide Wege sind recht schmal, aber schön asphaltiert. Ergeben folge ich zunächst dem Radweg, aber schneller als auf der Hauptstraße rebelliere ich gegen den scheinbar endlos (und noch dazu auf der »falschen« Flussseite) ansteigenden Weg. Das muss ich ja alles wieder ’runter und auf der anderen Seite wieder hoch! Zurück, und dem Privatweg gefolgt! Er ist wunderbar: Schattig, noch feucht von der Nacht, absolut still, keine Menschenseele, und es geht bergab, dass ich meine, ich müsste schon unterhalb des Flusses fahren, und inständig hoffe, nicht irgendwann in einer Sackgasse zu landen. Da ist der Fluss und von der Hauptstraße weit und breit kein Zeichen. Nach einer Weile finde ich eine Brücke, und nun zeigt sich, dass die N10 doch ökonomischer vorging (aber natürlich längst nicht so reizvoll): Es geht bergan, und zwar nicht von schlechten Eltern. Inzwischen habe ich meinen Irrtum auf der Karte erkannt; dort wäre ich wohl nie abgebogen, aber nun bin ich einmal hier, und schön war’s auch, und nach einer Weile erreiche ich wieder die Hauptstraße.

Zweites Frühstück. Ich breite den Schlafsack aus, krame meine Vorräte hervor und beginne zu tafeln. Später bekomme ich auf einem Hof auch Trinkwasser. Die Schweizer sind gar nicht so schlecht.

Die Pässe im Schweizer Jura sind nicht spektakulär. Sie liegen etwas über 1000 Meter, und kommt man aus der Ebene, wollen auch sie erst mal genommen sein, aber sie taugen nicht zum Höhepunkt eines Tages – man überwindet sie, sammelt sie bestenfalls, um im Bündel damit zu prahlen. Aber die erste Passabfahrt des Tages nach St. Imier hat es in sich. Ich werde noch lange daran denken. Wieder einmal ist es eine unwirtschaftliche Abfahrt, eine steile also, bei der der Fahrtwind nicht reicht, um mein Tempo ungefährlich zu halten. Ich muss bremsen, und das scheint auch alles gut zu gehen. Die Stadt kommt in Sicht, die Straße wird bereits flacher, und dass es gefährlich werden könnte, kommt mir gar nicht mehr in den Sinn. Da sehe ich, dass in 20 Metern, kurz vor einer Kurve, Splitt auf der Straße liegt, und zwar zentimeterdick, und ich bin noch auf gut 40 km/h. Runter mit dem Tempo! Runter! Aber nach zwei Sekunden rolle ich bereits durch das Splittfeld. Kein Gedanke mehr an die Vorderradbremse, sonst liege ich auf der Straße oder im Graben. Und hinten ist kein Profil mehr vorhanden! Ich schaue auf den Tacho: Knapp 30 und kaum eine Änderung. Und die Kurve kommt immer näher! Da komme ich höchstens mit 15 durch, sonst trägt es mich ’raus, und sie kommt, kommt, kommt! Auf der Straße staut sich der Splitt im Abstand von vielleicht fünf Zentimetern zu kleinen Wällen, als wäre ein sehr grobes Profil darüber gefahren. Ich habe allerdings eher die automatischen Bremssysteme der Kraftfahrzeuge im Verdacht. Das macht meine Bremsmanöver nicht leichter, aber so etwas wie ABS muss ich jetzt auch imitieren, wenn das gut gehen soll. Da plötzlich, ein Kracher, und ich denke schon, das müsste der Sturz sein, aber es ist der linke Lowrider. Er hat nun, nachdem tausende Kilometer zuvor der rechte den Geist aufgegeben hat, das Zeitliche gesegnet, und der Zeitpunkt will mir überhaupt nicht geeignet erscheinen. Ein Aluminiumstab poltert durch die Speichen, die Tasche fliegt im hohen Bogen auf die Straße (oje, schon wieder 100 Mark abzuschreiben) … – und ich stehe. In den letzten zwei, drei Sekunden muss ich ein Blackout gehabt haben. Wie konnte das gehen? Wie kam ich durch die Kurve und dann noch zum Stehen? Ein Radfahrer ist mir entgegengekommen und hat von dem Vorfall kaum Notiz genommen. Auffällig genug war’s doch wirklich. Solidarität wird hier wohl nicht so groß geschrieben. Das ist jetzt jedoch nicht wichtig. Zwar zittern mir die Knie, aber ich bin unverletzt, inzwischen auch wieder ungefährdet und laufe rasch zurück, um die Tasche zu holen. Sie scheint doch tatsächlich äußerlich unversehrt, enthält aber natürlich den Fotoapparat und meinen kostbaren Korsika-Pinienzapfen, Dinge, nach denen erst noch gesehen werden muss. Ich biege den Lärm verursachenden Stab ab, nehme die Tasche in die Hand (denn die Inventur wird sehr bald erfolgen müssen) und rolle bis zur Stadtgrenze. Da, rechts ein Schild: Splitt auf der Straße. Wie originell, dass man das hinterher gesagt bekommt! Aber ich bin vorsichtig; wer weiß, ob ich es weiter oben am Berg im Rausch der Geschwindigkeit übersehen habe. Und ich habe keine Lust, die Strecke noch mal zu fahren, nur um letztlich jemand anderem die Schuld an diesem Beinahe-Unfall geben zu können.

An einer Tankstelle mache ich Pause. Aufmerksam inspiziere ich die Tasche und ihren Inhalt. Es ist unglaublich! Nichts ist beschädigt, nichts kaputt. Also, wenn das kein Qualitätsbeweis ist! Ich reiße die Reste des Lowriders ab und hänge die Tasche hoch zu der anderen. Hätte ich eigentlich schon in den Vogesen machen können. Aber nun ist es eben kein Lowrider mehr – auch eine Frage des Schwerpunkts des gesamten Fahrrads. Allmählich beruhige ich mich auch selbst und finde sogar Nerven, verdrießlich auf den steilen Anstieg innerhalb des Ortes zu blicken. Er ist das kurze Vorspiel zum nächsten Pass.

Langsam geht es aufwärts, Zeit, das Geschehene zu verarbeiten. Tja, noch mal Glück gehabt. So langsam dominiert wieder die Anstrengung das Geschäft, und es dauert lange genug, um den Schweiß in Strömen fließen zu lassen. Am Scheitelpunkt sehe ich wieder aus wie eingepullert (d.h., der Schweiß ist mir bis in die Hose gelaufen). Oben ist keine Gelegenheit für einen Wäschewechsel, aber in Tramelan finde ich eine Fabrik, deren Gelände von der Straße aus nicht einzusehen ist. Und da heute Sonntag ist, wird wohl auch niemand dort arbeiten. Hier ziehe ich mich rasch um.

20 Kilometer später wird es für heute das letzte Mal interessant. Erst geht es durch einen Tunnel und dann bei einem Abzweig scharf nach links und deutlich abwärts, so dass ich schon denke, jetzt müsste gleich wieder ein Tunnel in die entgegengesetzte Richtung kommen, diesmal auf der darunter liegenden Etage. Nein, es sind die Gorges du Pichoux, die letzten der Reise. Sie machen durchaus was her, aber um sie genießen zu können, fahre ich zu schnell. Erst im unteren Teil, wo das Tal seinen Klamm-Charakter allmählich verliert, geht es etwas gemächlicher voran, Gelegenheit zum Schauen.

Bis zum Rhein dürfte sich jetzt kein nennenswertes Hindernis mehr vor mir auftun, und in Delémont treffe ich die Entscheidung, jetzt mal richtig schnell zu fahren, 40 Kilometer in zwei Stunden; denn es ist kurz vor fünf, und bis 19 Uhr möchte ich die deutschen Dachgeber anrufen, um nicht gar zu sehr mit der Tür ins Haus zu fallen.

Es gelingt. Die Strecke bietet außer immer mehr Verkehr nicht viele Attraktionen. Irgendwann wird die Sprache wieder deutsch; spätestens jetzt wird sichtbar, dass ich auf dem Heimweg bin. Das geplante Tempo gelingt mir, weil ich bei Grellingen rebelliere: Ein Tunnel, deklariert als Autostraße, und keine beschilderte Alternative für Radfahrer! Ihr könnt mich mal, denke ich mir, und fahre auch in den Tunnel. Nein, so lupenrein ist dieses Gefühl nicht. Immerhin darf ich das erst mal nicht, und außerdem sagt man der Schweizer Polizei nach, dass sie nicht lange fackele, wenn es um die Ahndung von Ordnungswidrigkeiten geht. Dann ist da ja eine Straße rechts abgebogen, aber dass dies die alte, nunmehr von Radfahrern und nicht Transitreisenden zu benutzende ist, das weiß ich nicht, sondern kann es höchstens vermuten, und dass man dort entlang auch nach Basel kommt, kann ich ebenfalls nicht wissen. Und schließlich ist mein Rücklicht nur sehr sporadisch zu Diensten bereit. Im Tunnel ist es aber fast das wichtigste Utensil am Fahrrad. Nicht zu vergessen all die verhinderten Sheriffs, die mich nun ermahnen werden. Und sie tun es! Vier-, fünfmal geht das hinter mir los, begleitet vom Rattern der Reifen auf dem buckeligen Mittelstreifen, den unter normalen Umständen keiner überfahren soll und das ja auch nicht zu tun braucht. Dann sind sie sich wohl selbst zu laut, und das Hupkonzert lässt nach. Aber ich komme super voran, die Luft ist fast besser als draußen, kühler allemal, und wenn sie von irgendwoher kommt, dann sicherlich von hinten. Nach fünf oder sechs Minuten ist alles vorbei, inklusive Grellingen.

Vor Basel werde ich genau an der Stelle von der Straße verbannt, wo ich sowieso ’runter wollte, und wo die Radfahrerbeschilderung Lücken hat, weist mir die Sonne den Weg. Im Stadtzentrum verfahre ich nach derselben Methode, und bald überquere ich den Rhein. Noch kein Deutschland? Nein, und ich glaubte, das müsse gleich hinter der Brücke losgehen. Zehn Minuten später ist es dann aber soweit, kurz vor sieben, aber nach Boden küssen ist mir dann doch nicht zumute; nur die nächste Telefonzelle strebe ich an, um die Übernachtung auszumachen.

Das klappt, und nun müssen nur noch die letzten 30 Kilometer bis nach Bad Säckingen überwunden werden. Sie sind nicht weiter interessant, und rasen muss ich nun auch nicht mehr; denn bis um neun ist das gut zu schaffen. Aber dies wird insgesamt eine lange Etappe. Einzig die Gewittertürme über Basel, der Schweiz und auch Lörrach scheinen mich einzukreisen, und ich bin mir keineswegs sicher, trockenen Fußes mein Ziel zu erreichen, was ja noch nicht einmal das Gefährlichste am Gewitter ist. Allein – ein paar Tropfen und lediglich fernes Grollen sind das einzige Zeugnis dieser Bedrohung.

Bei meinen Gastgebern empfängt mich der Sohn, der mir mein Zimmer (mit Bett!) zuweist und sogleich wieder in seinen Freundeskreis entflieht. Ich bin allein, dusche mich, wasche meine Sachen, hänge sie auf dem Balkon zum Trocknen auf und steige dann hinunter, um zu sehen, ob es die Dachgeber überhaupt gibt. Ja, es gibt sie, erst die Mutter der Familie und ihre Freundin, später auch ihr Mann, der vom Spätdienst nach Hause kommt, und ich werde in ein abendliches Gespräch verwickelt, das bis in die Nacht andauert.

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