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3. Juli

le Chaumet – D27 – Cruseilles – D41 – Monnetier – D906axN206 – FxCH – Genève – Nyon – Vich – Burtigny – Saint George – Col du Marchairuz – le Brassus – le Bioux – Vallorbe – CHxF – N57 – Verrières-de-Joux (165 km)

Habe ich gestern noch getönt, ich würde zwischen halb und um acht aufbrechen wollen? Es ist halb acht – als ich aufstehe. Solch ein Himmelbett verlässt doch niemand freiwillig, auch wenn es ein ganz normales französisches Doppelbett ist. Seine Bedeutung erlangt dieses Lager aus zwei Gründen: Ich habe es gewaschen aufgesucht, und zwar richtig gewaschen, und ich habe schon einige Nächte lang nicht mehr ein vergleichbares Lager aufgesucht. Einige Nächte? Wie kurz doch das Gedächtnis ist! Erst in der vorletzten Nacht genoss ich ähnlichen Komfort, aber schweißtreibende Tage können eine solche Erinnerung rasch verdrängen.

Also ’raus aus den Federn, alles zusammengepackt… Wie steht’s um die Wäsche? Na ja, wird im Fahrtwind schon trocknen. Das erste Frühstück des Tages zieht sich hin; ich genieße es auf einem eisernen Stuhl an einem eisernen Tisch. Aber eben an einem Tisch. Ob mir nach dem Urlaub wohl die Straßenrandmahlzeiten fehlen werden, bei denen mir fast völlig egal war, wer mich in welchem Zustand sah? Egal – bezahlt habe ich bereits, bin aufbruchbereit, es ist deutlich nach acht, und die Mülltüte ist auch schon gepackt, also wird die Herbergsmutter wenig Arbeit haben. Ich verabschiede mich von ihr und mache mich auf den Weg. Es wird erst mal eine Winkelreise. Nach Genf könnte ich schließlich schneller kommen; es ist eine Gelegenheit, sich von Frankreich quasi auf Raten zu verabschieden. Nein, es wird nicht andauernd über die Grenze gehen, die ja immerhin auch eine EU-Außengrenze ist (und daher mit Kontrollen verbunden sein könnte), aber ich werde mir die Schweiz erst einmal ansehen, bevor ich sie besuche – und mich am Abend wieder auf »sicheres Terrain« nach Frankreich zurückziehe. So jedenfalls ist es geplant.

Die D41 sieht auf der Karte aus wie eine Kammtour. Da müsste man ja irgendwann einen Höhenzug sehen können – und zu ihm aufsteigen. Vorerst ist nichts zu sehen, und es geht in einer Art bergab, wie ich sie schätze: Leicht, wenige Prozent, Unterstützung durch den Pedalisten ist gelegentlich geraten. Das Potential reicht für lange Zeit. Indes bleibt sicher: Was ich hier so unerwartet hinunterfahre, addiert sich zu meiner Kammbesteigung hinzu. Aber meine Güte, so wild wird diese Besteigung nicht werden, wenn ich berücksichtige, was ich schon alles hinter mir habe. Dennoch: Ich ertappe mich gelegentlich bei dem Gedanken, dass die Berge nach solchen Strapazen irgendwann mal so etwas wie ein Kinderspiel sein müssten. Dann spiele ich den Gedanken weiter und komme zu dem ernüchternden Schluss: Nein, keineswegs werden die Berge mit zunehmender Reisedauer oder zunehmender Fitness immer leichter. Allerdings spielen sie eine immer geringere Rolle für die nach ihnen folgende Route, für den Rest des Tages. Nicht meine Kraft nimmt zu – bzw. hat zugenommen –, sondern meine Ausdauer und Regenerationsfähigkeit. War zu Anfang der Reise nach dem ersten großen Berg Schluss mit der Fete, so kann jetzt der zweite, dritte und vierte kommen. Dass der fünfte oder sechste dann nicht mehr kommen kann, liegt nicht an der mangelnden Ausdauer, sondern an der Begrenztheit des hellen Tages. Bekam ich aus Unachtsamkeit am Anfang der Reise den Hungerast, so war für Stunden der Spaß aus. Jetzt esse ich, was mir fehlt, mache ein paar Notizen im Reisetagebuch, studiere vielleicht kurz die weitere Route auf der Karte, und dann ist die Mahlzeit dort angekommen, wo sie fehlte, und es kann weitergehen. Aber 1000 Höhenmeter sind noch immer 1000 Höhenmeter, und 12 Prozent Anstieg immer noch 12 Prozent. Vielleicht geht’s ein bisschen schneller, weil ich in einer Phase des Ärgers über den Gegenwind, Michelins falsche Gefälleangaben oder eine kleine Schwächephase mal die Keule heraushole und der Schaltung Saures gebe. Das wäre zu Beginn einer Reise unbedachter Luxus, der mit längeren Erschöpfungsphasen ungleich teurer bezahlt werden müsste. Heute dagegen… na, wir werden sehen.

Es kann nicht endlos bergab gehen. Das Gefälle wird kräftiger, und bald ist ein Bach erreicht, der die Wende markiert, die Wende zu ebenso gestaltetem Aufstieg. Es ist übersichtlich, landschaftlich schön – kleine Dörfer, Gehöfte, Alleen, überschaubare Gehölze –, und bald ist Cruseilles erreicht. Dort wäre ich auch hingekommen, wenn ich meine ursprüngliche Route unverändert gefahren wäre.

Der Ort liegt an der N201, die von Genf nach Annecy führt, und dort ist der Teufel los. Ich verstehe, warum der Autor des Radtourenbuches für Frankreich diesen Weg zumindest von Genf bis hierher gemieden hat. So werde auch ich es halten, nur wähle ich noch einen anderen Weg als er. Vorerst aber sind meine Vorräte erschöpft, und ich werde zum letzten Mal in Frankreich einkaufen können. Schweizer Franken will ich mir nicht besorgen; also müssen zumindest die Essensvorräte für zwei Tage reichen – ein ambitioniertes Gepäck! Gleichzeitig habe ich noch etwa 50 Francs Münzgeld und will meine 200-Francs-Scheine nicht mehr anbrechen, um meine Devisen möglichst komplett wieder in DM zurücktauschen zu können. Also heißt es haushalten, aber das habe ich ja im Prinzip schon auf der ganzen Reise gemacht.

Vor dem Supermarkt steht ein Mann und verkauft Singer-Produkte. Er will es jedenfalls, habe ich den Eindruck. Singer ist nicht gerade eine Billigmarke, und ich stelle mit Erstaunen fest, dass der Händler nicht nur Nähmaschinen im Angebot hat, sondern auch Staubsauger. Sieh an, das wusste ich noch gar nicht. Aber ich habe schon einen Staubsauger, und wie ich da so mit meinem Fahrrad ankomme, ist ihm schon klar, dass ich kein potenzieller Kunde bin. Einstweilen kaufe ich Lebensmittel. Bei dem anschließenden Vorgang des zweiten Frühstücks und Verpackens meiner Einkäufe ergibt sich dann aber doch so etwa wie ein Gespräch. Er verrät mir, dass es vormittags mehr Spaß mache, dort zu stehen, weil er sich da noch im Schatten befinde, und ich erfahre, dass heute die Tour de France anfängt – die für die Profis. Ja, irgendwann Anfang Juli sollte es sein, wusste ich, aber wann genau, war mir entfallen. Dass ich es überhaupt mitbekomme, ist nur meinem Aufzug zu verdanken. Nachrichtlich bin ich fast auf dem Stand des 19. Mai stehen geblieben.

Also, auf in die Berge, es wird schon nicht so schlimm werden. Und in der Tat steigt die Straße mit präziser Gleichmäßigkeit an. Wohin, ist allerdings in dem wunderschönen Wald nicht zu erkennen, und wie weit hoch, bleibt mir ebenfalls verborgen. Und würde nicht die Sonne scheinen, hätte ich in all den Kurven schon längst die Orientierung verloren. Aber es gibt nur diese eine Straße, und ich fahre, als wäre ich nach 200 oder 300 Metern oben, d.h., ich fahre schnell. Indes, es nimmt kein Ende. Sollte ich vielleicht einen kleineren Gang wählen? Nein, nein, nach 200 Metern bin ich ja oben. Mitnichten! Also, vielleicht reicht ja doch der zweite Gang. Ein Mann auf einem Rennrad überholt mich. Kunststück, denke ich – zum x-ten Mal.

Irgendwann wird dann der Blick frei nach Süden. Ich kann Annecy sehen, den See dahinter, das Tal, in dem ich am Morgen gestartet bin; allerdings gelingt es mir nicht, meine Karte mit der Landschaft in Deckung zu bringen und auf diese Weise womöglich meinen Übernachtungsort zu identifizieren. Aber oben bin ich trotzdem noch nicht. Während ich da stehe, fährt ein zweiter Radler vorbei. Er hat Recht: Vom Herumstehen komme ich nicht weiter. Also schwinge ich mich wieder in den Sattel. Nachdem der Wald sich gelichtet hat, wird auch absehbar, dass es bis zum Höhepunkt nicht mehr weit sein kann. Ich nehme die Verfolgung des zweiten Radfahrers auf, der anscheinend nicht so viel schneller ist als ich. Nach einigen Minuten kann ich ihn überholen. Ich stelle mir das frustrierend vor, so mit elf bis zwölf Kilogramm Velo und einer Technik, der schlimmstenfalls die letzten beiden Prozent Wirkungsgrad fehlen, von jemandem überholt zu werden, der einen knappen Zentner mit Verlusten nahe dem zweistelligen Prozentbereich transportiert. Aber gut, der Mann ist bestimmt zehn Jahre älter als ich; und wer nicht kontinuierlich Berge fährt, der steht mit Sicherheit irgendwann am Anfang seines Trainings – vielleicht ist dieser Fahrer genau in der Situation.

Der Blick wird erstmalig auch nach Norden und Nordwesten frei, und ich hoffe, in der Tiefebene Genf zu sehen, aber von einer Stadt oder einem See ist weit und breit nichts zu sehen. Muss wohl noch kommen.

Für eine Kammstraße verläuft der Weg relativ eben. Die Kuppen sind elegant umgangen worden. Nach einer Weile wird dann auch Genf sichtbar, und deutlich ist die ca. 100 Meter hohe Fontaine im Genfer See auszumachen. Viel weiter reicht die Sicht aber nicht. Kein Wunder: Der Lac Léman ist ungefähr 80 Kilometer lang, und bei diesem sonnigen Sommerwetter ist einfach nicht zu erwarten, dass nach 30 oder 40 Kilometern noch etwas im Dunst zu erkennen ist.

Nach einem Pass (der für die Kammstraße also ein Tiefpunkt ist) geht es noch einmal zu einem Aussichtspunkt nach oben, und dann beginnt eine Abfahrt, die sich gewaschen hat – und die mich dann auch verstehen lässt, warum der Autor des Radreiseführers nicht gerade diesen Weg nach Annecy gewählt hat. Steil und lang geht es in die Tiefe, und an jeder Waldlichtung ist zu erkennen, wie mir allmählich die Übersicht abhanden kommt. Auf Umwegen nähere ich mich der Schweizer Grenze, und dann ist sie da; ich zeige meinen Ausweis vor, und das war’s.

Ich fahre durch Genf in der Erwartung, in jeder Straße irgendein Gebäude zu erblicken, das internationale Bedeutung erkennen lässt, etwa vom Roten Kreuz, vom IOC oder wer weiß was noch. Aber nichts. Sicher, da stehen repräsentative Gebäude, auch Hotels und Banken, und die Stadt hat zweifellos Flair, wie ich bemerke, als ich mich in der Nähe der Rhône-Brücke auf eine Parkbank setze und beim 12-Uhr-Essen die Passanten und den Betrieb auf dem See studiere. Aber irgendwie habe ich mir das anders vorgestellt. Was soll’s? Die Stadt war als Transit gedacht, und ich habe heute sowieso noch viel vor.

Die Strecke bietet nicht viel Interessantes. Das ist aus meiner Erfahrung kritisch für das Durchstehen einer Tour. Wenn in der zweiten oder dritten Woche mal eine Durststrecke vorkommt, wo es einfach nur weitergeht, die nächsten Ziele also einige Hundert Kilometer entfernt liegen, dann gibt es kaum eine Alternative. Wenn so was am Ende der Tour passiert, ist die Versuchung groß, einfach in den nächsten Zug zu steigen und sich nach Hause chauffieren zu lassen. Es wäre nicht das erste Mal, aber die Schweiz könnte vor das Vorhaben eine hohe finanzielle Hürde setzen oder Probleme im grenzüberschreitenden Fahrradtransport machen, obwohl ich letzteres gerade von der Schweiz eigentlich nicht erwarten würde.

Da der Verkehr zwischen Genf und Lausanne ziemlich dicht fließt, wurde ein Radweg eingerichtet. Das hindert eine Hochzeitsgesellschaft aber nicht daran, ihre Autos allesamt auf dem Radweg abzustellen. Und nicht nur das – als ich mich anschicke, den verbleibenden Platz für die Vorbeifahrt zu nutzen, biegt noch einer vor mir ein und zwingt mich zum Bremsen und Ausweichen. Wird solch rüpelhaftes Verhalten wohl geahndet werden? Geprägt von der Erfahrung, dass die Ordnungsmacht immer mit wichtigeren Problemen und vor allen Dingen andernorts beschäftigt ist, fahre ich dicht an dem aussteigenden Fahrer vorbei (der natürlich geschockt ist von der Erkenntnis, auf dem Radweg Radfahrer vorzufinden), hinaus auf die Straße; denn der Gefahr durch möglicherweise sich öffnende Türen kann ich mit meiner schweren Fracht noch viel schlechter ausweichen als sonst.

Der Abzweig in Nyon ist nicht einfach zu finden. Die Suche wird zusätzlich dadurch erschwert, dass die Schweiz – wie auch Deutschland – im Gegensatz zu Frankreich nur eine spärliche Straßennummerierung durchführt, dass sich außer für Autobahnen und Nationalstraßen jedenfalls kaum Nummern auf Straßenschildern oder Landkarten finden. Gibt es also mehrere Wege nach Rom, so lässt sich die Vielfalt dieser Wege nicht durch Straßennummern auflösen, und sollte es gar in einen Vorort von Rom gehen, hülfen nicht einmal mehr die Richtungsschilder nach Rom. Diese Situation ist mir an sich gut vertraut, aber ich bin eben von Frankreich in dieser Beziehung verwöhnt worden. Schließlich finde ich die Ausfahrt nach Vich. Es geht in den Schweizer Jura.

Seit dem Morgen transportiere ich einen Liter Apfelsaft mit mir herum; den will ich nun in meine Reiseverpflegung umwandeln. Allerdings scheint das hier nicht mehr so einfach wie in Frankreich zu sein: Die vielen Brunnen am Straßenrand sind häufig mit »eau non potable« gekennzeichnet, und wenn’s kein Trinkwasser ist, dann will ich’s auch lieber nicht trinken. Schließlich soll es ja noch ein paar Tage weitergehen. Irgendwann steht an einem Brunnen schließlich kein solches Schild, ich steige ab und habe dann drei Liter Getränke. Das dürfte für den Rest des Tages und vielleicht auch noch den nächsten Morgen reichen.

Vielleicht hätte mich misstrauisch machen sollen, dass an allen anderen, zudem höher gelegenen Brunnen desselben Ortes wieder Warnungen angebracht sind. Nichtsdestotrotz stille indes meinen Durst, und nehme die Auffahrt zum Col du Marchairuz in Angriff. Nicht lange darauf meine ich, dass es wohl mal wieder Zeit für eine Essenspause sei, aber ich spüre überhaupt keinen Appetit. Ich forsche dem Gefühl nach: Die Appetitlosigkeit scheint richtig tief zu sitzen. Ist es am Ende gar Übelkeit? Spätestens in diesem Moment fällt mir wieder mein Getränk ein. Ist es vielleicht doch kein Trinkwasser gewesen? Oder ist die alte Cola-Flasche inzwischen bis zur Ungenießbarkeit verkeimt? Was auch immer – irgendwas ist nicht in Ordnung, und ich male mir aus, wie der Abend oder gar die Nacht verlaufen könnte, wenn ich mir den Magen verdorben haben sollte. Vorläufig reichen meine Kräfte noch nach dem bewährten Prinzip: Kein Hunger – kein Hungerast. Aber wie lange wird das so gut gehen? Und womit stille ich meinen Durst? Ich starte ein zweifelhaftes Experiment: Ich trinke einfach weiter; denn so, wie die Situation jetzt ist, kann sie zur Not bleiben. Nur, wenn mir richtig schlecht wird, muss ich anhalten; das muss ich aber bei Hunger und Durst auch. Ach ja, und anderes Wasser gibt es nicht. Quellen sehe ich am Straßenrand gar keine, und die eingemauerten Brunnen tragen immer solche abschreckenden Schilder.

Neben der Straße erstrecken sich Weinfelder. Na ja, dass das Grundwasser hier nicht besonders sein kann, wundert mich nicht; denn einerseits lässt der Bewuchs nicht den Schluss zu, dass keine Pestizide eingesetzt worden sind, und andererseits wird der kalkige Boden wohl kaum verhindern, dass solche Stoffe ins Grundwasser gelangen. Also gibt es eine gewisse Chance, dass ich eine Portion Schädlingsbekämpfungsmittel abbekommen habe. Später werde ich Radler sehen, die sogar die existierenden Hinweisschilder an den Brunnen ignorieren und dort ihre Flaschen abfüllen.

Mit der Zeit werden aus den Weinfeldern Almwiesen und schließlich Wald. Unweit des Passes mache ich Pause und studiere die Karte. Mein Zustand ist unverändert, und auf die Stabilisierung nehme ich einen tiefen Schluck aus der Flasche. Bei der Weiterfahrt sehe ich am Straßenrand zwei Mädchen Blumen pflücken. Ob sie wohl nur deswegen (mit dem Auto) hier hochgefahren sind? Die eine schaut mich an und macht ein paar Bewegungen, die wie eine Mischung aus Radfahren und Aerobic aussehen. Ich ärgere mich darüber, und mein deutscher Kommentar lautet: Oh Mann, seid Ihr doof. Das verschafft mir Luft, und sie haben es wahrscheinlich nicht verstanden, und wenn doch, ist es auch nicht so schlimm, und letztlich ist meine Fahrt dadurch auch nicht unterbrochen worden.

Bald darauf erreiche ich den Pass. Es geht danach nicht einfach wieder hinunter, sondern erst mal nur so ein bisschen. Auf den Höhenzügen wachsen Lärchen, dazwischen viel Wiese. Schließlich geht es doch ins Tal hinunter, nicht sehr weit; denn die Talsohle, der Lac de Joux, liegt mehr als 1000 Meter über dem Meeresspiegel. Am Südostufer des Sees geht es in Richtung Vallorbe. Aus der Karte habe ich geglaubt entnehmen zu können, dass es dorthin auch einen Abfluss gebe, aber das war ein Fehlblick. Ein kleines Hindernis hemmt stattdessen noch kurz die Schussfahrt – der See fließt also anscheinend irgendwo unterirdisch ab –, aber dann geht’s hinunter.

Kurz vor der Grenze versuche ich, meine Wasservorräte aufzufüllen. Mit der scheußlichen Cola-Flasche gehe ich in eine Kneipe, geradewegs auf den Tresen zu und frage: »Avez vous de l’eau potable?« Wahrscheinlich nicht außerordentlich höflich, aber die unfreundliche Reaktion des Wirts erstaunt mich dann doch. Was er sagt, verstehe ich zwar nicht, aber es kommt das Wort »service« darin vor, und ich reime mir zusammen, dass Wasserversorgung wohl nicht zu seinem Service gehört. »Mann, seid Ihr Schweizer freundlich!« bedanke ich mich und verlasse das Lokal. Also muss ich mein Glück in Frankreich versuchen.

Die Franzosen wollen wissen, woher ich komme und wohin ich fahre. Natürlich, gern, aber für die Ortsnamen muss ich den Atlas herausziehen. Das dauert ihnen schon zu lange; der nächste bitte. Ich lasse mich aber nicht irremachen; außerdem will ich wissen, ob der Wasserhahn um die Ecke Trinkwasser führt. Ja. Den Sieger der ersten Etappe der Tour de France kennen sie aber nicht. Ich mache mich an dem Wasserhahn zu schaffen und wühle in meinen Vorräten – eine Grenzmahlzeit gewissermaßen. Derweil wird ein Schweizer Autofahrer auf die freie Spur hinter dem Grenzhäuschen gewinkt. Er wird nach heutigen Maßstäben gefilzt. Dabei macht er eigentlich keinen verdächtigen Eindruck auf mich (aber ich bin ja kein Profizöllner): Er reist mit Frau und Kind, und nun muss er den Kofferraum vorzeigen, in seine Musikkassetten schauen lassen und in die Taschen der Türen seines Autos. Er barmt, faltet die Hände und blickt abwechselnd auf seine Schuhe und zum Himmel. Ich wundere mich ja auch über die Durchsuchung, aber eine Entwürdigung ist das noch lange nicht. Wer weiß, vielleicht ist das Verhältnis der Franko-Schweizer und der benachbarten Franzosen nicht so besonders. Billigeinkäufe sind sicherlich häufig, und ein Preisgefälle existiert ganz sicher bei verschiedenen Dingen. Aber zwischen Deutschland und der Schweiz scheint das überhaupt kein Problem zu sein. Die einen finden hier etwas billiger, die anderen dort. Aber gut, das ist ja nur eine Theorie. Vielleicht muss der Gendarm auch nur seine Existenzberechtigung nachweisen. Im Westeuropa muss es ziemlich langweilig sein, als Grenzer zu arbeiten. Es passiert zwar gelegentlich etwas, aber so selten, dass mir das zwischendurch zu uninteressant wäre. Na, und wenn es interessant wird, dann wäre es mir zu gefährlich. Also kein Job für mich.

Ich fahre weiter, eine längere Zeit wieder bergan, und ich überlege, ob ich mir trotz nur noch großer Scheine noch eine Hotelunterkunft vor der nächsten Nacht in der Nähe von Basel leisten soll. Aber ich will wohl nicht so richtig; denn mein Blick entdeckt nur ein Hotel, das mir nicht gefällt, und sonst nichts. Ich überlege schon, ob ich gleich weiter wieder in die Schweiz fahre, aber da steht kurz vor der Grenze ein kurioses Schild: Grenze zwischen 6 und 20 Uhr geöffnet – jetzt also geschlossen. Feierabend in der Schweiz, kein Einlass mehr. Na, so was. – In diesem Grenzdorf gibt es kein lauschiges Plätzchen. Dann muss es eben dritter Klasse sein. Hinter einem Lagerhaus finde ich einen gemähten Grasstreifen, ziemlich schmal, auch etwas steinig, höchstens dritter Klasse. Aber was soll’s? Ein letztes Mal, so nehme ich mir vor, krieche ich unter freiem Himmel in den Schlafsack. Morgen wird mal so richtig durchgezogen!

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