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2. Juli

Bonneval – Cormet de Roselend – D902xD217xD925 – Beaufort – D925xD218b – Col des Saisies – Flumet – D909 – Col des Aravis – la Clusaz – D4xD12 – Saint Pierre – D208xD6xN203 – la Roche-sur-Foron – N203xD27 – le Chaumet (126 km)

Na ja, so die Wucht ist eine Nacht im Hotel-Rohbau auch nicht, obwohl ich trotz der immerhin denkbaren Einsturzgefahr keine Alpträume hatte. Ein offener Himmel ist ja nicht schlecht, quasi auf dem Dach eines »Hochhauses« ist es noch besser, im Grünen schließlich noch, aber da fangen die Haken auch schon an: Das Grüne sind nicht nur kleine Birken und Fichten, sondern auch feuchtes Moos, und das hat über Nacht meine Isomatte von unten nass und schmutzig gemacht. Zudem frage ich mich immer nachdrücklicher, warum um alles in der Welt in diesem engen und tiefen Tal ein Hotel und zu allem Überfluss noch ein Schwimmbad gebaut werden sollte. Da scheint doch nie die Sonne! Ich jedenfalls müsste noch Stunden warten, bis mir ein Strahl erste Wärme spendete. Für die Wärme muss ich schon selbst sorgen – oder hinfahren, wo die Sonne scheint.

Nach dem Frühstück räume ich die Sachen zusammen und hoffe auf den kleinen Grünstreifen zwischen Straße und »Schwimmbad«, um dort meine Isomatte säubern zu können. Allein – das Ergebnis befriedigt nicht. Also steige ich zum Fluss hinunter, direkt unterhalb des Schwimmbads, um die Folie zu waschen. Ich erwarte eiskaltes Gletscherwasser, doch wie groß ist mein Erstaunen, als es handwarm aus den Bergen sprudelt! Doch halt, nicht aus den Bergen, sondern unter der Mauer hervor, die das Schwimmbad begrenzt. Könnte das vielleicht ein Thermalbad sein? Warm baden, das wäre ein mögliches Motiv für den Bau, warum nicht? Unter Umständen wurden die Kalkulationen irgendwann obsolet, oder das Wasser war nicht nur warm, sondern verunreinigt oder irgendwie ungeeignet, oder es hatte geologische Probleme gegeben.

Egal, ich muss los. Die Isomatte wird auf den Gepäckträger geklemmt; denn so nass kann sie nicht ins Gepäck. Es geht aufwärts. Heute kommen keine 2000er Pässe mehr, sondern lauter »kleine«. Der erste ist 1967 Meter hoch, leicht zu merken – Clemens’ Geburtsjahr. Jetzt habe ich ca. 1000. Das sind also »nur« weitere 1000 Meter. Er wird mich auf den Teppich zurückholen. Vorerst spekuliere ich darüber, wann mich wohl der erste Sonnenstrahl treffen wird.

Es ist nicht optimal, am Berg zu starten. Am Morgen werden immer kleine Brötchen gebacken, und es ist problematisch, wenn stattdessen Brote gebraucht werden. Der Berg ist steil, sogar Michelin weist darauf hin. Nach einigen 100 Metern verändert sich das Aussehen des Waldes in der Talsohle. Die Laubbäume wirken wie mit einer gigantischen Bürste bearbeitet: Entlaubt, umgeknickt, entwurzelt. So könnte das aussehen, wenn eine Lawine »steinig« ist. Erstaunlich ist, dass die Verwüstung zwar wohl von links kam, denn dort ist sie am stärksten, aber keineswegs auf die linke Seite beschränkt blieb. Dabei fahre ich auf der rechten Seite, und die ist gut fünf Meter höher als der Fluss und sicher zehn Meter von ihm entfernt. Die Lawine muss ein gewaltiges Volumen gehabt und das Tal auf längere Zeit unpassierbar gemacht haben.

In einigen Kilometern Entfernung sehe ich, wie eine Hochspannungsleitung ganz oben das Tal überquert. Die Schlüsselmasten, die besonders hohe Lasten zu tragen haben, weil sie den Leitungen eine neue Richtung geben oder über eine weite Distanz helfen, sind rot-weiß gestrichen und dadurch besonders gut zu sehen. Mir war ein solcher Mast schon bei der Auffahrt zum Col de la Madeleine aus großer Entfernung aufgefallen. Ich taufe den linken Mast auf den Namen Max und überlege, ob ich seine Höhe bis zum Pass wohl einstellen werde. Die Leitungen glitzern im Sonnenlicht wie Spinnweben, und sie bringen meine Gedanken wieder zurück zu meiner Seilbrücke über die Gorge du Verdon. Mir fällt ein IMAX-Film ein, in dem gezeigt wurde, wie ein Bergsteiger in seinem Schlafsack wie eine Mumie an einem Seil hing und schlief, und zwar nicht einen halben Meter über dem Boden, sondern am Half Dome oder irgendwo da in der Nähe im Yosemite-Nationalpark, Hunderte von Metern über sicherem Grund und noch lange nicht oben, also mitten in der Felswand. Das war ein eindrucksvoller Zoom, beginnend aus mehr als einem Kilometer Distanz, wo die riesige Feldwand noch überschaubar, aber kein Bergsteiger sichtbar war, bis hin zum Leinwand füllenden Schlafsack. Könnte man so was vielleicht vermarkten, indem Mumiensäcke oder kleine Kojen an die Seilbrücke gehängt werden, jedenfalls über Nacht? Nur, wie kann man sie für Leute zugänglich machen, die keine erfahrenen Bergsteiger sind? Am Seil muss schließlich alles leicht sein, um es nicht zu stark zu belasten. Und was passiert, wenn sich ein Gast bemüßigt fühlt zu schaukeln, gar nicht zu reden von Phänomenen, die in »Doppelzimmern« auftreten? Die Probleme sind schwierig. Wahrscheinlich sollte ich erst mal die einfache Talüberbrückung realisieren oder mich mit anderen Herausforderungen beschäftigen.

Zum Beispiel wie diese beiden Leute da. Sie sammeln Müll. Hier oben, am Straßenrand. Sie sehen nicht aus wie Angestellte im öffentlichen Dienst, sondern eher wie Alpenfreunde. Die Bewohner der Savoie sind sehr selbstbewusst, tragen ihre Schweizer Farben offen zur Schau (z.B. neben Autokennzeichen), und gelegentlich findet man sogar Schmierereien, die die Unabhängigkeit fordern, wobei nicht ganz klar wird, in wie vielen Departements in diese Richtung gedacht wird. Als die Sammler 100 Meter abgegrast haben, rollt der Mann sein Auto ein Stückchen weiter den Berg hinab. Er rollt! Er startet den Motor nicht, und schon gar nicht lässt er ihn die ganze Zeit laufen, sondern löst lediglich die Bremse! Das ist das erste Mal, dass ich dieses Verhalten in Frankreich beobachte.

Oben am Pass steht ein Mann mit seinem Wohnwagen und verkauft Souvenirs und »produits regionaux«, wie z.B. Honig. Ein Schweizer Ehepaar kommt aus der entgegengesetzten Richtung, parkt seinen Wagen und betrachtet die Kostbarkeiten aus einiger Entfernung. »Hier müssen Sie kaufen! Das sind die absoluten Schnäppchen!« rufe ich hinüber. »Sind Sie sicher?« fragt die Frau erheitert zurück. »Aber ja doch, schließlich hat der Kram erst hier hochgefahren werden müssen.« Hoffentlich versteht der Verkäufer meine »Werbung« nicht.

Ich mache mich an die Abfahrt, allerdings bin ich völlig durchgeschwitzt und müsste meine Wäsche wechseln. Nach einigen hundert Metern findet sich neben der Straße ein Bach, und da spüle ich Hemd und Unterhemd durch. Nun fahre ich als lebendiger Wäschetrockner durch die Gegend; das ist vielleicht doch ein bisschen heikel – so völlig ohne innere Heizung (bergab). Also ziehe ich meine Regenjacke unter das Unterhemd; das allein schon wirkt sicherlich komisch, gar nicht zu reden von der gleißenden Sonne, die mittlerweile sehr an Kraft gewonnen hat. Dieselbe Jacke trage ich im Winter bei Frost auf dem Weg zur Arbeit. Am ersten ebenen Abschnitt an einem Stausee bekomme ich das zu spüren und lege sie wieder ab. Das muss soweit reichen.

Die Abfahrt nach Beaufort ist lang und sehr gut ausgebaut. Es macht Spaß, von einer Kurve zur anderen zu rollen, sich abwechselnd in die eine und die andere Richtung zu neigen, und nur einmal bekomme ich einen Schreck, als ich millimeterscharf an einem vielleicht faustgroßen Stein vorbeifahre. Bei 50 km/h kann so ein Ding das Ende der Reise sein. In einem Tunnel spüre ich ein Knacken am Fahrrad, fast unmerklich, aber es beunruhigt mich. An einer sonnigen Stelle halte ich und inspiziere das Vorderrad. Ahnte ich es doch: Die zweite Speiche ist hin. So lässt sich die Fahrt nicht weiterführen. Ich rolle mit verminderter Geschwindigkeit bis Beaufort (mit schleifender Bremse ist schnelles Fahren sowieso nicht mehr möglich), halte vor einem Laden, der so aussieht wie ein Fahrradgeschäft, lade das Gepäck ab und zerlege das Vorderrad. Nun muss ich auch den Reifen abziehen, weil sonst die Speichennippel nicht ausgewechselt werden können. Es ist eingetreten, was ich befürchtet hatte: Zwei gerissene Speichen machen das Zentrieren von einem ein- zu einem zweidimensionalen Problem und damit ungleich schwieriger. Ohne Zentrierbock gebe ich mich mit einem Schlag von einem Millimeter zufrieden. Das ist immerhin schon viel besser als auf den letzten … na, mindestens 1000 Kilometern, wo die eine gerissene Speiche eine schöne Acht erzeugte und ein Lockern der Vorderbremse erforderlich machte; und das war immerhin ein gewisses Risiko. Nun kann ich wieder alles schön straff einstellen. Aber der Reifen! Das wird mir keiner glauben. An mehreren Stellen ist bereits die zweite Gewebeschicht sichtbar, und besonders am vier bis fünf Millimeter langen Schnitt, der seit Antritt der Reise im Reifen klafft, wird der Schutz des Schlauches immer fragwürdiger. Vielleicht sollte ich doch mal nach einem neuen Reifen fragen. Ich gehe in den Laden und erläutere mein Problem. Na ja, da gibt es nicht viel zu erklären; wer das nicht auf den ersten Blick sieht … Der Chef kratzt sich am Kopf und steigt in den Keller. Das Geschäft handelt anscheinend eher mit allgemeinen Sportartikeln. Eine dekorative Assistentin schreibt Preisschilder und verteilt sie gleichmäßig vor Turnschuhen. Nach einer Weile kommt der Mann mit einem 26er Reifen wieder hoch. Na, das wird wohl nichts. Schließlich habe ich 28 Zoll Durchmesser. Das sieht er dann auch und steigt wieder hinab, erneut Gelegenheit, die kleine Frau zu betrachten, die Absatz fördernd lächelt. Der nächste Reifen ist ein 27er, gefällt mir so gänzlich ohne Profil auch nicht, und weil kein Geschäft zu machen ist, erlischt das Lächeln und wir trennen uns rasch wieder. Und im Grunde sage ich mir: Wir wollen doch erst mal sehen, ob das Ding nicht bis nach Deutschland hält! Außerdem habe ich den Keller voller Reifen. Die sollen da schließlich nicht verrotten oder Risse kriegen.

Es geht auf halb eins. Erschrocken unterbreche ich meine Arbeiten und hole mir rasch noch etwas Verpflegung aus dem benachbarten Laden. Mensch, der Tag ist schon halb herum, und ich bin gerade mal knappe 30 Kilometer weit gekommen! Aber Zeit für ein Mittagessen muss sein. Ist in dem Tirami su etwa Likör drin? Das ist ein halbes Kilo. Ich werde danach im Zickzack über die Straße fahren! Aber wahrscheinlich ist es nur ein Aroma, und bei der nächsten Auffahrt wird wieder anständig geschwitzt.

Und so geschieht es. Nach wenigen Kilometern biegt die Straße rechts ab, ich überquere einen auffällig verschmutzten Fluss (sieht nach Bauarbeiten weiter oben aus), und sogleich legt sich das Asphaltband in gefällige Schleifen. Es ist wirklich angenehm, nicht zu steil, von guter Qualität, lediglich high noon. Kurz vorm Abzweig nach Hauteluce, einem kleinen Dorf, ändert sich das: der Teer kommt durch, die Straße klebt, wenig später auch der Reifen, und zu allem Überfluss gibt’s ein Zwischentief mit Abzweig nach links genau dort, wo ich am schnellsten bin. Kein Drama. Pause. Im Schatten eines winzigen Holzhäuschens (ein Chalet für die Mülltonnen) bringe ich meinen Flüssigkeitshaushalt in die Balance und beobachte einen gewaltigen Bernhardiner, der im Schatten in aller Seelenruhe einen Knochen bearbeitet. Ein Hund müsste man sein. Dann brauchte man nicht hier in der Sonne zu schwitzen.

Um die Passhöhe wurde le Saisies erbaut, ein Skidorado wie aus dem Bilderbuch. Es scheint durch die Nähe zu Albertville geprägt zu sein; denn ich finde Hinweise auf die Olympischen Winterspiele von … Tja, wann war das doch gleich? – Es gibt viele Geschäfte, in denen man allen möglichen Kram kaufen kann, u.a. auch Postkarten. Da der Hochzeitstag meiner Eltern nicht mehr fern ist und ich schon fast eine Tradition pflegen kann, wenn ich eine Karte aus dem Ausland schicke, suche ich nach einer entsprechenden Glückwunschkarte. Ich durchstöbere in drei Läden das reichhaltige Angebot, ja, ich lasse sogar fahnden. Kein Glück. Jedenfalls keine Karte zum gewünschten Anlass. Dann soll es eben nicht sein.

Der Pass liegt quasi am Ortsrand, und wenn’s im Winter vielleicht noch was hergibt, so flüchte ich doch jetzt; denn der ist wirklich nicht sehenswert. Wie schön, dass ich jetzt keine Hindernisse mehr vor mir habe und praktisch bis zum Genfer See rollen könnte. Das denke ich jedenfalls für ein paar Kilometer. Dann blicke ich auf die nächste Kartenseite, und mir wird wieder ins Gedächtnis gerufen, was ich gestern schon mal wusste: Da war noch ein dritter Pass; die lange Abfahrt kommt danach. Also gut, der hat dann auch nur noch knapp 1500 Meter.

Aber zuvor muss ich mich entscheiden, an welcher Stelle ich das davor liegende Tal durchquere – möglichst hoch natürlich, und dazu versuche ich herauszubekommen, in welcher Richtung der auf der Karte eingezeichnete Fluss fließt. Ich gucke nicht genau hin und nehme prompt den Weg über den tiefsten Punkt. Dafür ist dies dann immerhin die kürzeste Route. Und der Leistungskurve des Tages entsprechend geht es zivilisiert nach oben, jedenfalls macht mir der Aufstieg keine Mühe. Auf einer Wiese rechts vor mir stehen vor einer Rechtskehre zwei Männer, und wie sie mich sehen, fragt der eine »Bon?« Na, was denn sonst, denke ich: »Très bon« ist meine Antwort, um gleich darauf nachzulegen: »Très facile«, und mir fällt noch was Besseres ein, als ich die beiden schon fast umrundet habe: »Trop facile!« Darauf erwidert der Frager: »Bien«, und unsere tief schürfende Erörterung der Umstände meiner Reise geht zu Ende.

Die Auffahrt ist landschaftlich recht schön. Der Pass selbst ist deutlich weniger verbaut als der zuvor; hier werden Rinderfelle verkauft. Ganz nett, aber ich brauche gerade keine, und jetzt kann ich endlich abwärts fahren, erst nach la Clusaz, dessen Name mir irgendwie bekannt klingt, dann noch ein paar Kilometer weiter, und dann komme ich an eine interessante Gabelung, wo es in zwei Richtungen in unterschiedliche Täler bergab geht. Einzigartig ist das zwar nicht, aber doch relativ selten. Ich habe mich bei der Planung für die Gorge des Eveaux entschieden, aber Schluchten haben’s nach 18 Uhr immer schwer, noch ein paar Stiche zu machen – es liegt ja fast alles bereits im Schatten. Den Fotoapparat kann ich jedenfalls steckenlassen. Im unteren Teil wird’s noch mal richtig eng, aber die üppige Vegetation nimmt der Formation die Schärfe.

In St. Pierre kommt der letzte Einkauf des Tages. Wie ich so meine Erwerbungen verstaue, fährt ein Z3 auf den Parkplatz vor dem Lebensmittelladen. Er hat was Besonderes, das muss eine neue Version sein. Aber bei aller Bewunderung für das gelungene Redesign fällt doch trotzdem sehr rasch mein Blick auf die Fahrerin im offenen Verdeck: Glatte, halblange rosa Haare und eine rassige Erscheinung. Sie ist unheimlich attraktiv, sogar ein bisschen schön, sieht aber verhältnismäßig unbezahlbar aus. Sie und ihr Wagen passen perfekt zueinander. Mancher Mensch muss einfach auf großem Fuß leben; sonst gerät er in einen Widerspruch zwischen sich, seinem Outfit und seinen quasi erblich erworbenen Ansprüchen an das Leben. Wenn das nicht so wäre, könnte ich versuchen mir vorzustellen, wie die Frau z.B. auf einem Fahrrad wirken würde oder hinter einem Herd oder hochschwanger. Aber weil der Eindruck in sich geschlossen ist, weil er sitzt, kann ich auf diese absurden Gedanken gar nicht erst kommen.

Das ändert aber nichts daran, dass in diesem Moment die Rolläden heruntergelassen werden, sie und ihr BMW also zu spät zum Einkauf kommen. Ein leichter Schatten fällt auf ihr bis dahin unbekümmertes Gesicht, ich komme gerade noch dazu zu denken »dass Du kaum Französisch kannst, hat hier wirklich gar kein Gewicht!«, und schon ist sie aus meinem Blickfeld verschwunden. Da kann man sich doch nur noch hinsetzen und zu Abend tafeln.

Mit Cruseilles wird das heute bestimmt nichts mehr, obwohl meine Kilometerbilanz bislang mickrig ausfällt. Aber es lagen ja auch ein paar Unebenheiten auf dem Weg, und im Gesamtzeitplan liege ich so locker, dass der Rest bis nach Hause fast zu Fuß erledigt werden könnte. Es geht durch la Roche, ein paar Kilometer auf der stark befahrenen N203 entlang und schließlich rechts ab. An die weichen Horizontlinien muss sich das Auge erst gewöhnen: Flache Hügel, Berge nur in abstrakter Ferne weit links, Wiesen mit eingestreuten Wäldchen, und hin und wieder ein Haus oder ein Gehöft. In einem von ihnen bekomme ich Wasser, und mehrere Schilder am Straßenrand ermuntern mich, es doch mal wieder mit einer gepflegten Übernachtung zu probieren.

Schließlich finde ich nach Sonnenuntergang eine Privatpension. Der Mann des Hauses verweist mich an die Chefin, und die stößt sich nicht lange (oder überhaupt nicht) an meinem reisegezeichneten Aussehen und führt mich ums Haus. Es lässt sich für meine Ansprüche luxuriös an, und es wird immer größer und nimmt überhaupt kein Ende. Um Gottes Willen, das ist ja ein Appartement, wie soll ich das denn bezahlen? Bloß gut, dass mein Lamento sich mangels Wortgewandtheit sehr kurz ausnimmt. Die Wirtin macht einfach die Tür zur Küche zu und deklariert das Ganze als Zimmer. Und als sie dann nur 140 Francs dafür will, mache ich lieber gleich alles fertig und bezahle sofort, bevor ihr noch eine Kurtaxe einfällt. Ein so günstiges Angebot hatte ich nicht erwartet.

Der Abend zieht sich hin: Wäsche waschen, Nachtmahl, duschen. Ich gehe dann doch mal in die Küche, die eher ein Wohnzimmer mit Kochzeile ist, und fahnde nach einem Dosenöffner. Es kann doch nicht angehen, dass ich die Champignons nun noch bis nach Erlangen schleppe, nur weil mir das Messer abhanden gekommen ist. Ich werde rasch fündig, und bald darauf versinkt die liebe Seele rundum zufrieden in einem nicht zu weichen Himmelbett.

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