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30. Juni 30. Juni2. Juli 2. Juli

1. Juli

Saint Jean-de-Maurienne – D906xN6 – Modane – Lanslebourg-Mont-Cenis – N6xD902 – Col de l’Iseran – Val d’Isère – Bourg-Saint Maurice – Bonneval (139 km)

Die ersten Kilometer kenne ich ja nun schon, wenn auch in umgekehrter Richtung, und der kleine Unterschied macht’s, dass ich mich wundere: Es geht stärker bergauf als ich erwartet hatte. Natürlich sind dies alles keine Grenzsituationen, aber in der Ebene fährt es sich deutlich leichter. Gut letztlich, dass alles, was jetzt geklettert wird, an der Passauffahrt zum höchsten Pass zumindest der französischen Alpen nicht mehr notwendig ist, also auch nicht mehr an den Reserven zehrt.

Wer immer jetzt einwendet, dass doch der Col de la Bonette der höchste Pass der Alpen sei, dem halte ich die Mogelpackung auf all den Postkarten entgegen: Über 2800 Meter liegen nur der Cime de la Bonette, der nur zu Fuß erreichbar ist, und eine Schleife, die vom Pass ausgeht und den Cime umgibt. Das ist keine Passstraße, und der Col de la Bonette liegt denn auch deutlich niedriger als die 2764 Meter, zu denen ich mich heute aufschwingen muss. Dafür wird Col de l’Isèran heute der einzige Pass sein.

Kurz vor Saint Michel-de-Maurienne, wohin ich gestern vom Col du Télégraphe herabrauschte, werde ich von einer Gruppe Rennradler überholt. Es ist ein Seniorenclub mit einer Dame im Zirkel. Das sind keine Leute, die heute 200 Kilometer fahren wollen (was von der momentanen Geschwindigkeit her kein Problem wäre); die wollen zum Col du Galibier oder wenigstens zum Col du Télégraphe. Schon ein paar Male habe ich Radfahrer gesehen, die mit dem Auto bis zum Fuß einer Passstraße fahren, dann das Rennrad ausladen und unmittelbar die »substanzielle« Herausforderung angehen. Anders wird es wohl auch nicht gehen, wenn sie wie fast immer ohne jedes Gepäck, ja, anscheinend sogar ohne Verpflegung aufbrechen. So werden keine Tagesreisen durchgeführt, das sind Ausflüge von maximal einigen Stunden.

Trotz dieser Überlegung beschließe ich, ihnen zu folgen; denn ihr Tempo ist durchaus machbar. Wie schon auf Korsika kommt auch diesmal kein Gespräch zustande, nicht einmal ein Gruß. Wir gehören zwei verschiedenen Welten an. – Wie ich es mir gedacht habe, biegen die Leute in der Stadt rechts ab.

Für mich beginnt ein unerwarteter Höllentrip. Hatte ich vom Col du Télégraphe aus nicht eine Baustelle gesehen? Ich hätte das ernster nehmen sollen – aber geändert hätte es auch nichts. Die Autobahn auf der Karte befindet sich in der Wirklichkeit noch im Bau, und bei genauerem Hinsehen muss ich Michelin dieses Detail auch zugestehen. Der gesamte Schwerlastverkehr der Autobahn ergießt sich nun auf die Nationalstraße, und es ist absehbar, dass das mindestens zwölf Kilometer lang so bleiben wird. Ein Sattelschlepper nach dem anderen zieht an mir vorbei, und zwar in beiden Richtungen. Zwischendurch mal eine kurze Lücke und ein paar PKW. Ich zähle: sieben LKW pro Minute, und wem das nicht viel scheint, der möge bedenken, dass es eine ganze Weile dauert, bis sich so ein long vehicle an mir vorbeigeschoben hat. Es sind viele Italiener dabei, aber auch Briten, Spanier, Holländer und andere – und Franzosen natürlich. Ich überlege, ob es einen Zusammenhang mit der Sperrung des Mont-Blanc-Tunnels gibt, aber der ist ziemlich weit entfernt, und laut Karte existieren nähere Alternativen.

Zum Handels- und Freizeitverkehr kommt der Baustellenverkehr; denn an der Autobahn wird fieberhaft auf einem mehrere Kilometer langen Abschnitt gearbeitet, zu dem zahllose Brücken unterschiedlicher Bauart gehören. (Ich verstehe diese teure Vielfalt nicht; sind die statischen Anforderungen und geologischen Gegebenheiten wirklich so verschieden? Oder hat jeder Architekt seine eigene Brücke bekommen?) So viele Menschen habe ich selten auf einer Baustelle auf so engem Raum gesehen. Die Sonne gewinnt langsam an Kraft, und dass es nicht völlig unerträglich wird, liegt daran, dass die Brummis relativ ’mild’ rußen, dass überall auf der Baustelle Leute mit Wasserschläuchen stehen, die der Staubentwicklung Einhalt gebieten und dass mit der Sonne auch der Aufwind in Gang kommt. Ich betrachte das Tal: Es ist im Eimer. Aber auf der anderen Seite muss man natürlich fragen, was ein Tal an sich wertvoller macht als irgendeine Ebene, durch die eine Schnellstraße planiert wird. Und es ist noch offen, was nach Abschluss der Arbeiten bleibt. Als ich nämlich schließlich Modane erreiche, wo der Verkehr auf die N566 abgezweigt ist und schon 50 bis 100 Meter über dem Ort verläuft, ist so gut wie nichts mehr von den tausenden bullernden PS zu hören. Das Tal hat so ziemlich seine Ruhe. Bleibt die Theorie, dass mehr Straßen immer mehr Verkehr induzieren.

Ich muss erst mal einkaufen: Getränke, Obst, Brot. Das Gepäck wird vorübergehend um über fünf Kilogramm schwerer, und eine umständliche Prozedur des Umfüllens der Getränke zwischen den neuen und alten Flaschen beginnt. Schließlich soll während der Fahrt aus den angebrochenen Behältern nichts auslaufen. Dafür plempere ich jetzt ein bisschen.

Das Wetter ist toll, der Wind günstig, die Straße ruhig, und nach dem Abzweig zum Col du Mont-Cenis wird der Tourismus der Vorsaison hier endgültig unter sich sein. Die Straße verläuft gelegentlich übermütig, bergauf und wieder hinunter, aber die Richtschnur wird durch das Flüsschen Arc vorgegeben, und das fließt schließlich immer noch von oben nach unten, wenn ich auch gelegentlich einiger ausgedehnter Abfahrten daran zweifle.

Gegen 15 Uhr erreiche ich das »Basislager«, Bonneval-sur-Arc, den Ort, von dem aus es vor allem aufwärts geht und erst in zweiter Linie vorwärts. Werde ich jetzt noch Augen für die bunten Wiesen rechts und links der Straße haben? Sie liefern mit ihrer unaufdringlichen Farben- und Formenvielfalt unzählige Vorlagen für die schönsten und natürlichsten Blumensträuße. Gar nicht zu reden von dem therapeutischen Potential, das die Kräuter womöglich darstellen und das ich nicht kenne, und ihrem Duft, den ich mit meiner Nase nicht riechen kann. Es heißt ja, dass Pflanzen mit großen Blüten optisch reizen und solche mit eher bescheidenen Farben über den Geruch.

Bonnevals Dächer sind zum größten Teil steingedeckt. Es muss ein enormes Gewicht sein, das da auf den Dachbalken lastet, nicht vergleichbar mit deutschen Schieferdächern etwa. Obwohl die Platten insbesondere bei jüngeren Bauten mit erstaunlicher Passgenauigkeit und Regelmäßigkeit aufeinander liegen, zweifle ich an der Regen- und Winddichtigkeit eines solchen Daches. Die Steine sind mehrere Zentimeter dick, und wie die Fugen da sicheren Schutz gegen Unwetter bilden sollen, bleibt mir schleierhaft.

Wie in den allermeisten Fällen ist der Pass von unten nicht zu sehen. Das ist vielleicht auch gut so. Es könnte schließlich entmutigend sein. Was ich bis jetzt sehe, ist ein einfacher Zickzack, der bereits in eine beachtliche Höhe führt und dem Fahrer das Dorf erst links und dann rechts zu Füßen legt. Ich hebe also ab. Nach wenigen Minuten lasse ich die Kirchturmspitze unter mir, und kurz darauf kann ich über diesen Punkt andere Häuser im Dorf anvisieren. Stein um Stein streicht langsam unter dem »Fadenkreuz« entlang. Vor der ersten Kehre werfe ich noch einen Blick auf das lange Tal, aus dem ich gekommen bin, dann liegt es hinter mir und das Panorama mit dem Dorf rechts. Eine lange Reihe von Motorradfahrern taucht auf und schickt sich an, den Gipfel zu stürmen – bis jetzt noch lautlos. Wenige Minuten später donnern sie an mir vorbei, Österreicher, die wie die Besengten fahren, allen voran eine Gold Wing – welch ein Sakrileg, damit so zu heizen! Alle mit dem Kennzeichen IM. Ich werde mir die Jungs vorknöpfen, denke ich mir, und ihnen ein paar Takte über zivilisierte Fahrweise erzählen, wenn ich sie erwische.

In der zweiten Kurve verliere ich Dorf und Zickzack aus den Augen, und eine neue Szene tut sich vor mir auf, die weniger übersichtlich ist, aber noch größeren Höhengewinn verspricht. Unten, also da, wo ich jetzt bin, ist noch alles grün, und am oberen Ausgang eher felsig und karg. Aus der Ferne sehen die Gras überzogenen Felsen aus wie englischer Rasen, aber beim Näherkommen entfaltet das Grün all seine Facetten, hat normale Halmlänge und zeigt auch die eine oder andere Blüte. Die Alpenblumen zeigen sich am besten an die Höhe angepasst; denn sie bleiben in der Höhe als die einzigen Pflanzen übrig, und ihre kräftigen Farben verblüffen mit ihrer Lebenskraft in dieser rauen Umgebung, die nur eine kurze frostfreie Periode kennt.

Schaue ich jetzt zurück, fällt der Blick auf große Gletscherflächen, vorläufig noch ewiges Weiß, gelegentlich ist es auch braun, und ich frage mich, woher der Dreck in dieser Höhe kommt, aber in zehn, zwanzig Jahren soll es damit ja auch vorbei sein, wenn man den Prognosen der Klimaforscher glauben darf.

Schließlich kommt an einer engen Stelle der Durchbruch zum dritten Teil der Passstraße. Eintönig führt sie auf der linken Seite des Tals nach oben. Hier gibt es nur noch Steine, Felsen, ruhende Seilbahnen, Strommasten, die Straße, hier mal eine kleine Blüte, dort ein Moos – das ist alles. Ach ja, und Gegenwind. Anscheinend weiß der Aufwind von der Nordseite nicht, wohin er nach Erreichen des Passes wehen soll. Es wird steiler, und die Temperatur sinkt so weit ab, dass der Schweiß allmählich versiegt. Das ist sehr vorteilhaft, brauche ich dann doch keinen großen Kleiderwechsel am Pass, bevor es wieder bergab geht. Noch immer aber sehe ich ihn nicht, und im Gegensatz zu südlicheren Alpenstraßen hat man hier auf die Markierung der vollen Höhenhunderter verzichtet. Ich weiß also nicht, wie weit es noch ist. Aber mir geht es gut, ich habe weder Hunger noch Durst, nur die dünnere Luft scheint sich bemerkbar zu machen. Es wäre doch mal interessant, wie hoch der Luftdruck hier eigentlich noch ist.

Jetzt bekomme ich bestätigt, dass die Reise in umgekehrter Richtung nicht hätte durchgeführt werden können. Schneewände von mehreren Metern Höhe türmen sich um die nächste Kehre. Ich möchte bezweifeln, dass hier vor drei Wochen schon durchzukommen gewesen wäre. In der anderen Richtung wäre ich aber spätestens in der zweiten Urlaubswoche hier angekommen – chancenlos, möchte ich meinen. Da, endlich kommen Zeichen des Passes ins Blickfeld: Drei Fahnen für Frankreich, die Savoie und Val d’Isère.

Wo, wenn nicht hier, ist ein Foto am Passstein angebracht? Aber da hat doch so ein Trottel sein Auto direkt vor dem Stein geparkt! Ein Holländer. Ich bin versucht, mein Fahrrad gleich an den Oldtimer zu lehnen und das Foto so zu machen, da sehe ich, dass auch noch der Zündschlüssel steckt. Also, weit dürfte der Fahrer dann ja nicht sein. Er kommt auch schon an, und ich erkläre ihm, dass seine Kiste da völlig verkehrt steht. Er versteht das und bietet gleich noch an, das Foto zu machen. Na gut, das versöhnt mich. Schließlich ist das mit dem Selbstauslöser keine so einfache Sache – ohne Stativ.

Am Pass steht abseits des obligatorischen Souvenirladens eine kleine Kapelle, aber sonst ist es hier oben ziemlich unwirtlich. Es ist bereits Abend, und ich muss sehen, dass ich noch in Tiefen hinabsteige, in denen es über Nacht nicht so kalt wird. Nach Val d’Isère ist dies kein Problem. Man muss nur hin und wieder bremsen und im Übrigen schön aufpassen. Nach kurzer Zeit wird der Ort im tiefen, tiefen Tal sichtbar, dahinter ein See. Na also, das nenne ich eine Perspektive! Wenig später passiere ich eine Seilbahnstation, und fasziniert stelle ich fest, dass das Seil die gesamte Höhe ohne Zwischenstütze überwindet. Angesichts der dicken Trosse muss ich an das Seilbahnunglück in Italien denken. Mir fällt wieder das Problem der Kettenlinie ein. Zu Hause werde ich mich mal hinsetzen und versuchen, die Formel für die Form und Belastbarkeit eines solchen Seils herauszufinden.

Von oben sah die Stadt besser aus. Hotels über Hotels. Ob das alles besser erscheint, wenn hier richtiger Rummel ist, weiß ich nicht; da ist dann schließlich nicht nur mehr los, sondern es liegt auch Schnee. Aber im Sommer ist so ein reiner Skiort schon irgendwie trostlos. Der Stausee ist nicht voll. Wurde zu viel Strom gebraucht, oder gab es nicht genug Schnee? Nach der Fahrt durch all die Galerien und Tunnels entlang des Sees geht es wieder hinab, und es geht weit hinab. Links versinkt die Sonne hinter den Bergen. Nachdem die Straße mit dem Tal einen Schwenk in Richtung Westen macht, habe ich sie von vorn. Viel ist so nicht zu sehen, und die Sonnenbrille streut das Licht eher über das gesamte Blickfeld. Nach einigen Experimenten mit und ohne Brille bzw. Hut behalte ich nur noch den tief in die Stirn gezogenen Hut auf. So bleiben die Augen verschattet, und aggressiv ist die Sonne jetzt sowieso nicht mehr.

Kurz vor Bourg-St. Maurice komme ich durch einen Ort, und da stehen doch rechts ein paar Motorräder mit Österreicher Kennzeichen IM! Links der Straße wird derweil zu Abend gespeist. Also, wenn ich mir diese Gelegenheit entgehen lasse! »Das nächste Mal heizt Ihr da nicht wie die Blöden den Berg hoch! Das hat ja überhaupt keine Kultur!« oder so ähnlich, jedenfalls in einem Ton, der es ihnen erlaubt, darüber zu lachen. Den Männern bleibt der Mund offen stehen. Woher weiß der, wie wir südlich des Passes gefahren sind? Sie rufen durcheinander und wollen wissen, ob ich da auch drübergefahren bin. »Jo, mei« sage ich nur, fahre weiter und überlasse ihnen die Diskussion dieser kurzen Begegnung.

Kurz darauf erreiche ich Bourg-St. Maurice. Jetzt kommt wieder ein bedeutender Anstieg: Ich folge der Grande Route des Alpes. Der Höhenunterschied ist so bedeutend, dass es völlig außer Frage steht, ob ich diesen Pass heute noch schaffe. Ich werde ihn nicht schaffen. Aber um Quartier zu suchen, ist es einfach noch zu früh und zu hell. Ich könnte ja mal zur Abwechslung in meinem »Grundwortschatz Französisch« blättern, aber im Grunde habe ich mich schon lange damit abgefunden, dass ich dieses Buch lediglich zur Bodenhaftung mitgenommen habe, es also spazieren fahre.

Nein, nein, das entspricht nicht meinem Naturell. Lediglich eine Auskunft, dass es bis zum Pass keine Herberge gibt und das Tal dorthin im Übrigen vor Bremsen, Mücken oder Schlangen wimmele, könnte mich zurückhalten. Niemand indes verrät mir dergleichen, und so breche ich auf; da sind schließlich zwei Orte auf der Karte verzeichnet. Oder sagen wir mal so: Da sind zwei kleine Quadrate, die mit jeweils einem Namen versehen sind. Das kann im Einzelfall ein einziges Haus sein.

Links der Straße tost ein Fluss. Nach einer halben Stunde überquere ich ihn und muss mich mit einem ruhigeren und deutlich kleineren Gewässer als Begleiter begnügen. Rechts sehe ich, wie der Hauptarm sich reißend Bahn durchs Unterholz bricht. Die Gewalt der Wassermassen ist beeindruckend. Wie lange wohl ein solcher Flusslauf Bestand hat, bevor er hinweggefegt und in andere Formen geschliffen und gepresst wird?

Als es schon auf halb zehn zugeht, erreiche ich einen merkwürdigen Ort: Links der Straße scheint mal ein Schwimmbad gestanden zu haben. Funktionsdienliche Wassermengen scheint es schon lange nicht mehr erlebt zu haben; denn im Becken unterhalb des Sprungturms wachsen Bäume, die schon den Sprungturm selbst erreicht haben. Ob die Anlage überhaupt mal betrieben wurde, ist schwer auszumachen; denn sie scheint komplett zu sein. Es gibt sogar Reste von Umkleidekabinen. Rechts dagegen steht eine Ruine, die niemals fertig gebaut worden ist: Ein Hotelrohbau, der sich über sechs oder sieben Geschosse erstreckt. Die Frontfassade wurde bis auf die Fensteröffnungen im Wesentlichen abgeschlossen, aber an den Seiten sind nur die Geschossdecken zu sehen; alles andere ist offen, auch das Dach. Auch hier bricht sich die Natur offensichtlich schon seit Jahren wieder Bahn. Warum wurde der Bau nicht vollendet, frage ich mich, ja, warum wurde er überhaupt erst begonnen? Was kann man von diesem Hotel aus schon anderes unternehmen als eine Autofahrt, und selbst diese scheitert an den Parkplatzkapazitäten. Da sind keine Skipisten, keine Panoramen, keine Kulturstätten, kaum mal Sonne, nichts – außer diesem auch irgendwie deplaziert wirkenden Schwimmbad nicht gerade üppiger Ausmaße. Schattenbaden, die neue Badekultur in Zeiten von Ozonloch und UV-Bombardement?

Ich schaue auf die Karte: Oje, das scheint der erste »Ort« zu sein. Zwar geht da noch ein Weg hoch in die Berge, und einmal biegt auch ein Auto dorthin ab, aber das scheint’s für diese Eintragung gewesen zu sein. Welche Annehmlichkeiten wird dieses unvollständige Etablissement hier wohl für die Nacht bieten? Die Rechnung dürfte sich ja in Grenzen halten. Ich erforsche das Angebot, und die Sache erweist sich als Offerte mit Adventure-Additiven: Die Betontreppen liegen voller Schutt, was den Aufstieg zu einer schlüpfrigen Angelegenheit macht. Ein Geländer gibt’s natürlich nicht, dafür den Blick in den großzügigen Schacht, um den die Treppe nach oben führt. Immer schön links halten, denke ich, wenn Du hier ’runter fliegst, findet Dich in den nächsten 100 Jahren niemand. Riesige Rundfenster geben auf der der Straße abgewandten Seite den Blick auf Dschungel und Fels frei: ein bis drei Meter weit. Man hätte hier genauso gut zumauern können, so steil steigt das Tal auf der Rückseite des Gebäudes an. Auch die Flure und »Zimmer« haben Spannung zu bieten. Da ist zum Beispiel ein Türrahmen zum Fahrstuhlschacht (natürlich ohne Fahrstuhlkabine und ohne Tür). Oder die Ungewissheit bezüglich der Haltbarkeit der Betondecken bei Belastung durch zusätzliche 70 Kilogramm. An Essentials (Betten) und Amenities (Dusche) mangelt es deutlich; dafür scheinen, wie Spuren früherer Besucher verraten, Extravaganzen wie z.B. offene Feuer möglich zu sein. Pionier bin ich hier also nicht. Im Penthouse beschließe ich, dass es in dieser Nacht weder Regen noch schweren Tau geben wird. So viele Zimmerpflanzen hat keine Suite der Welt aufzuweisen. Also wieder hinunter, um das Fahrrad ins Entree zu hieven und die notwendigen Dinge für die Nacht und den Morgen auszuwählen und damit erneut nach oben zu steigen. Berge waren schließlich den ganzen Tag lang kein Problem. Warum also jetzt?

Oben muss ich erst noch etwas den Waldboden entfernen, der sich im Laufe der Jahre etabliert hat; dann kommt das Abendbrot mit Ausblick auf das Schwimmbad und die Straße, und zufrieden mit dem Tag krieche ich in den Schlafsack.

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