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29. Juni 29. Juni1. Juli 1. Juli

30. Juni

Valloire – Saint Michel-de-Maurienne – D902xN6xD74 – Saint Etienne-de-Cuines – Saint Rémy-de-Maurienne – D74xD207xD73 – Saint Georges-des-Hurtières – Aiguebelle – Randens – D72 – Aiton – D925 – Sainte Héléne-sur-Isère – Albertville – D990xD97 – Rognaix – D97xD94 – Col de la Madeleine – D213 – la Chambre – D213xN6xD906 – Saint Jean-de-Maurienne (166 km)

Halb sieben: Die Nacht zählte zwar gerade noch zum Durchschnitt, aber das Quartier liegt schon allein deshalb darunter, weil ich hier nicht richtig ausschlafen kann. Wenn nun doch noch ein Bewohner auftaucht, bin ich der Penner auf der Schwelle. Das muss ja nicht sein. Ich winde mich aus dem Schlafsack, ziehe mich an, verpacke alles, und noch bevor ich mich ungefrühstückt in den Sattel schwinge, taucht der Mann von gestern auf. Offenbar ein Frühaufsteher, aber erstens »kennt« er mich schon, und zweitens mache ich hier ja nur »kurz Pause«.

Ach ja, das Motiv von gestern Abend. Ich fahre also wieder hoch, dorthin, wo ich gestern hergekommen bin. Nein, natürlich nicht bis zum Pass, sondern nur ein paar 100 Meter, und da habe ich dann die beiden Kapellen oder Kirchen beiderseits des Tals im Sucher. Der Himmel ist hier und da blank geputzt, aber so richtig Vertrauen erweckend ist das noch nicht. Eine Dampfwolke bildet sich vor meinem Mund. Meine Herren, frisch ist’s!

Nach eingefangenem Motiv kann’s nun aber wirklich richtig nach Valloire gehen, und das sogar ganz von selbst. Am Ortseingang finde ich eine Bank. Bevor es also hinter dem Städtchen wieder bergan geht, verabreiche ich mir hier eine Stärkung. Sicher, das erste Frühstück befähigt nicht zu Höchstleistungen, aber die verlangt die Auffahrt zum Col du Télégraphe ja auch gar nicht. Vielleicht sind es 100 Höhenmeter, maximal 200. Das müsste damit schon zu schaffen sein.

Der Pass ist denn auch wirklich leicht – von dieser Seite aus. Die Sicht ins Tal auf der anderen Seite ist mäßig. Ich versuche zu erkennen, warum die Straße nicht einfach dem Fluss Valloirette stetig hinab folgen konnte und stattdessen noch mal in Berge hoch musste, aber auch das ist nicht zu ergründen. In der Nähe versperren Gebirgsausläufer die Sicht und in der Ferne die Luftfeuchtigkeit. Ich kann aber so etwas wie eine größere Baustelle im Haupttal erkennen. Damit habe ich nichts zu schaffen; ich werde in die andere Richtung fahren, auch wieder flussabwärts.

Zuerst jedoch muss ich hier hinunter ins Haupttal, aber das ist uns ja die liebste Pflicht: Gute 1000 Meter hinab – das verspricht mehr als eine viertel Stunde Wind um die Ohren, Kurven, Aussichten, keine Anstrengung, kein Schwitzen … aber Aufpassen!

Je weiter ich hinab komme, desto verrauchter wird die Luft. Wo das wohl herkommt? Welche Industrie spielt denn hier den bösen Mann? Schließlich, fast schon im Ort, wird die Ursache sichtbar: Ein Kleingärtner verbrennt Gras und allerlei Kram. Und deshalb ist das ganze Tal verqualmt! Kleine Ursache, große Wirkung. In St. Michel fahre ich hinter einer Kreuzung direkt den nächsten Brunnen an, um mir die Haare zu waschen. Das ist mal wieder nötig. Damit lässt sich auch gleich das zweite Frühstück verbinden.

Die Strecke ist nicht schön. Trotz der benachbarten Autobahn ist die Nationalstraße ziemlich belebt. Es gibt mindestens noch eine weitere Straße, aber die zieht sich verschnörkelt von Ort zu Ort, und erst nach 15 Kilometern bietet sich eine echte Alternative zur Hauptstraße. Dann wäre da noch die Eisenbahn und der Fluss – voll ist das Tal, reduziert zur Ummantelung eines Infrastrukturstrangs. Zusätzlich gibt es Zu- und Abfahrten an der Autobahn, einen Bahnhof oder eine Industrieansiedlung. Diese Knoten wirken fast wie Geschwüre, beanspruchen zusätzlichen Platz im ohnehin oft engen Tal. Also, hier möchte ich nicht wohnen.

Nach dem Abbiegen auf die D74 wird es deutlich ruhiger. Hin und wieder kann ich den Betrieb vergessen, wenn die Landstraße durch Bäume vom übrigen Rummel getrennt ist. Einmal kommt mir auf einem Mountain-Bike eine junge Radlerin entgegen. Habe ich eben geträumt, oder warum habe ich sie erst in letzter Sekunde wahrgenommen? Na, nun ist sie weg. – Nach einigen Kilometern sehe ich rechts einen kleinen See. Wo habe ich doch gleich das letzte Mal geduscht oder gebadet? Am Lac de Serre-Ponçon, und das ist schon wieder anderthalb Tage her. Also hinein in die Fluten! Ein bisschen zögere ich, denn in 100 Metern Entfernung sind zwei Angler beschäftigt und haben mich auch schon wahrgenommen, aber sie werden’s wohl überstehen. Wenige Augenblicke später frage ich mich, ob ich es wohl überstehen werde: viel mehr als zehn Grad sind das nicht, frisch vom Gletscher heruntergekommen. Bloß schnell wieder ’raus! Aber erfrischt hat es allemal.

Wie zu erwarten war, verlaufen die Seitenstraßen nicht optimal, was die Vermeidung von Kurven, Anstiegen und Gefällen angeht. Solange kein Schnee auf der Straße liegt, lasse ich das gelten. Schließlich ist es hier landschaftlich viel schöner als unten. Bis kurz vor Aiguebelle habe ich einiges an Höhe gesammelt, und nun geht es im Wald hinab, unmerklich auch über die Autobahn, die hier durch einen Tunnel führt, und an einem kleinen, idyllisch gelegenen See vorbei, den ich wegen des Tempos einer Abfahrt aber nur für wenige Sekunden wahrnehme.

Kurz vor Aiton sehe ich rechts einen Kirschbaum. Mensch, so lange keine Kirschen! Leider muss ich erst mühsam die steile Böschung hochklettern, um an die überreifen Früchte heranzukommen, und dann muss ich feststellen, dass es mit dem Genuss nicht mehr so weit her ist: Die Maden haben von dem Baum Besitz ergriffen. Also, so nötig habe ich es dann ja doch nicht.

Die Strecke nach Albertville ist so eben, dass ich meine, die Isère fließe bergauf. Erstaunlich ist jedenfalls, dass sie fließt, aber das ist vermutlich auch der Grund für die Kanalisierung. Bemerkenswert finde ich auch die Bäche, die rechts aus den Bergen kommen. Sie haben nicht etwa ein Tal gegraben (also, weiter oben in den Bergen natürlich schon), sondern in der Ebene im Gegenteil eine Erhöhung geschaffen, in dessen Mitte sie in einer kleinen Vertiefung fließen. Die Straße muss also zum Bach hinauf und hinterher wieder hinunter. Ich erinnere mich, dass ich vor zwei Jahren in Italien nahe Bozen und später in Österreich gesehen habe, wie Flüsse in der Ebene des breiten Haupttals flache Kegel von teilweise mehr als einem Kilometer Durchmesser und bis über 50 Metern Höhe aufgeschüttet haben, eine Fracht, die von dem gemächlichen Fluss im Haupttal offenbar nicht mehr in dem Maße abtransportiert werden kann, wie Nachschub aus den Bergen kommt. In diesem Tal sind die Dimensionen vergleichsweise harmlos, aber eine andere Erklärung fällt mir auch hier nicht ein.

Nach Albertville fahre ich hinein und kurze Zeit später wieder heraus. Der Teil, den ich sehe, verspricht nicht viel; außerdem haben wir Sommer im Wintersportort, und überdies ist die Olympiade mittlerweile Geschichte. Die Strecke bis zum Fuß der Auffahrt zum Col de la Madeleine ist unspektakulär. Ich bessere noch einmal meinen Getränkevorrat auf, und dann stehe ich vor der »Wand«: Steil geht es los, hinein ins Grüne; fast wie ein Dschungel umgibt der Wald die schmale Straße. Es ist ja wirklich nicht das erste Mal, dass ich auf einer schmalen Straße in die Berge fahre, aber ich wundere mich einmal mehr über die geringe Breite dieser so langen Straße. Natürlich ist es kein Nadelöhr in dem Sinne, dass hier viel Verkehr wäre, mir sind auch die enormen Kosten für Verbreiterungen am Steilhang bewusst, und schließlich kommen die paar Autos auch noch alle aneinander vorbei – wenn die Fahrer einander bei der zuweilen beachtlichen Geschwindigkeit rechtzeitig sehen. Ich wünsche mir auch am liebsten, dass alles so bleibt, wie es ist, aber wo andernorts Kleinflugzeuge starten könnten, erstaunt hier die Beschaulichkeit.

In Grenzen freilich, denn irgendwo oben wird offenbar gebaut. Schwere Brummis schnaufen hin und wieder an mir vorbei, beladen nach oben, leer nach unten, und gnädig verschluckt das Grün den Lärm, wenn sie um die nächste Kurve biegen. Auch Müll wird nach oben gefahren. Warum um alles in der Welt gerade hier nach oben, denke ich, aber ich habe die Konsequenzen des Tals einfach noch nicht zu Ende gedacht. Wohin schließlich sonst mit dem Kram? Eine viertel Stunde später sehe ich die Müllkippe. Da hilft bloß noch Weggucken.

Auf dem Asphalt stehen dieselben Namen wie auf der Abfahrt vom Col du Galibier: Pantani im Pirelli-Look, Jan Ullrich mit dem Telekom-T, Virenque und andere – wieder mir entgegen. Welcher Rennfahrer wird so etwas bergab schon lesen? Stammen diese Ehrfurchtsbezeigungen hier aus einem anderen Jahr als die anderen, oder haben die Tour-Fahrer eine ähnlich verschnörkelte Route wie ich genommen?

Weiter oben sehe ich, was einem Reisenden in den Bergen noch alles zustoßen kann: Von der gegenüber liegenden Seite des Tals kommt eine Straße herab, die mal auf meinen Weg mündete. Sie ist allerdings auf etwa 50 bis 100 Metern abgerutscht, und darüber ist ein beachtliches Stück Berg zum Auslöser für die Zerstörung geworden. Wie zum Hohn hat Mutter Natur noch ein paar Lawinen- und Geröllschutzstahlnetze an den Rändern stehen lassen, dort, wo die Straße unvermittelt abbricht. Nach meiner Ansicht wird dort nicht mehr gebaut; denn da warten noch -zig mal mehr Massen auf die nächste Tauwetterperiode. Es wäre ein Abenteuer, die Straße etwa auf demselben Verlauf zu erneuern. Und doch ist dort nur sichtbar geworden, was auf meiner Seite vielleicht nur unter der Grasnarbe verborgen bleibt: Die Unberechenbarkeit des Berges.

Oben am Pass wird wieder ein bisschen gemogelt. Man hat sieben Meter aufgerundet und zählt den Pass nun zu den 2000ern. Es geht auf 8, es ist frisch, und ich ziehe mir die Jacke über, um ungefährdet ein bisschen abkühlen zu können, und für die Abfahrt brauche ich sowieso Schutz. Es ist mir immer wieder unbegreiflich, wieso die Rennfahrer häufig nicht einmal mit einer Zeitung oder einem Stück Zellophan in die Berge gehen; die Talfahrt hat doch sehr wenig mit sportlicher Leistung zu tun. Da müssten eigentlich 200 Gramm für einen Mikrofaseranzug übrig sein.

Nach wenigen Metern sehe ich das Tal, den Abschnitt, an dem ich heute früh schon vorbeigefahren bin. Das ist bemerkenswert; denn wenn ich von oben die Talsohle sehe, kann ich von unten auch die Passhöhe erkennen, und das ist sehr selten. Ob es psychologisch wünschenswert wäre, weiß ich nicht so recht.

Die Abfahrt ist unspektakulär, aber wegen der relativ hohen Qualität des Belags sehr schnell. Landschaftlich ist hier dem Wintersport ein zu großes Opfer gebracht worden. Da hatte die Nordseite mehr zu bieten. Abfahrten um diese Uhrzeit sind problematisch: Die Sonne verschwindet hinter den Bergen, aber wegen der Insekten muss ich eine Brille tragen. Zwar befindet sich meine normale Brille irgendwo im Gepäck, aber bis jetzt habe ich sie nur spazieren gefahren, und wie immer in dieser Situation bin ich jetzt zu faul zum Wühlen. Die Sonnenbrille jedoch dreht die Uhr glatt um eine Stunde weiter, und das ist ganz schön dunkel.

Unten. Und nun? Wohin heute noch? Ich könnte mir doch wieder mal ein Hotel leisten. Also noch bis St. Jean. Die Fahrt ist unproblematisch, kurz und unspektakulär. Im Ort angekommen, habe ich die Qual der Wahl. Welches Hotel soll ich nehmen? Sie haben alle zwei Sterne, und außerdem hat das gar nichts zu sagen im Bezug auf das, was mir wichtig ist: viel Platz, Ruhe, nicht zu weiches Bett und moderate Preise. Das erste Hotel will sage und schreibe nur 100 Francs. Da muss was faul sein! In der Kneipe im Erdgeschoss ist noch tüchtig Leben. Vielleicht nur eine dünne Holzdecke, und ich kann in der Nacht französische Trinksprüche lernen. Das nächste bitte. 170 Francs. Na ja, mehr sollte es aber auch nicht sein. Das Fahrrad kommt in die Garage, und was ich so brauche, nehme ich mit hoch (heute wird mal keine Wäsche veranstaltet)… Da, die spontane Idee: Heute gehe ich mal aus. Es kann ja nicht sein, dass ich über sechs Wochen in Frankreich gewesen bin und nicht ein einziges Mal ein Restaurant besucht habe! Der Salat mit Bruno zählt nicht. Ja, er hatte sich ein Menü kommen lassen und Froschschenkel getafelt. Mein Geiz flüsterte mir derweil ein: Abends soll man sowieso nicht so viel essen. Aber jetzt – ich beschließe, es krachen zu lassen. Vielleicht gebe ich im ersten Hotel zumindest noch dem Koch eine Chance. – Was könnte das nun heißen, was da auf der Tafel steht. Es gibt zwei Menüs, und eins davon kann ich mir am Tisch gegenüber ansehen: Pommes frites. Davon habe ich eigentlich nicht geträumt. Also das andere. Ansonsten halte ich mich abseits. Ich habe noch nicht geduscht. Aber da müssen die hier durch. Die Männer am Tresen haben schließlich auch alle eine Fahne.

Es wird ein Essen zum Weitersagen, und es wird eine eigene, kleine Story. Wenn man sich schon nicht auskennt mit der Gastronomie! Als erstes klären wir die Wahl des Menüs und dass ich mich mit Tafelwasser begnüge. Das geht rasch und relativ unkompliziert. Dann kommt ein Teller mit zwei kleinen Essiggurken, vier Scheiben Schinken und ein Korb mit Baguette-Stückchen. Was denn…? Ich überlege fieberhaft, wie wohl der weitere Umfang des Menüs sein wird. Kommt womöglich gleich als Nächstes der Käse? Dass der noch irgendwann, jedoch auf jeden Fall gegen Ende des Menüs kommt, weiß ich bereits. Ich zwinge mich zur Ruhe, erinnere mich daran, dass ich großzügig und bescheiden bleiben wollte, und schließlich genügt ein Einkauf im Supermarkt, um zu erfahren, dass das Preisgefüge bei Lebensmitteln in Frankreich ein anderes ist als bei Aldi und Norma, wobei diese Läden in Frankreich ebenso selten wie außergewöhnlich billig sind – eben wie in Deutschland, nur hebt sich das dort nicht so extrem ab, wenn man nicht gerade als Kontrastprogramm zum Tengelmann geht. Warum sollte man mich also gerade im Restaurant beschenken? Da kommt schließlich noch die Bedienung hinzu. Also gut, da ist ja noch die Beilage. Viel Brot und wenig Fleisch sind sowieso gesünder, und zum Glück habe ich noch das Wasser und einen Napf Senf auf dem Tisch; sonst wär’s zu trocken. Dennoch schaue ich sehnsüchtig zum Nachbartisch, wo eine Doppelportion Mann gerade eine Ketchupflasche auf seine Fritten entleert. Der könnte ruhig mal Diät machen und mir die Flasche ’rüberreichen. Er macht keine Diät, sondern bewahrt auch noch die Portion seiner Mutter (oder ist das etwa seine Frau?!) vor dem Verderb. Also kein Ketchup für mich. Ist sowieso nicht gesund.

Ein Höflichkeitsstückchen Brot habe ich zurückgelassen. Ja, zur Not ließe es sich so schon aushalten. Wortlos räumt die Bedienung ab und lässt mich mit lauter unausgesprochenen Fragen zurück. Was kommt wohl nun? Es vergeht ein Moment, wirklich eine kurze Zeit, gemessen an Wartezeiten in Deutschlands Restaurants, und dann kommt, was ich ganz gern vorher gewusst hätte, nur eben nicht hatte auf der Tafel entziffern können: Braten und Nudeln mit Soße. Spitze! Und ein neugefüllter Korb mit Baguette-Stückchen! Wohlweislich bediene ich mich daraus nun nur noch sehr zurückhaltend. Es geht auch ohnedies leicht über die gewöhnliche Sättigung hinaus und ist köstlich. Der Kerl kann seine Tomatenpampe meinetwegen behalten.

Jetzt wird’s wieder schwierig. Der Käse ist keine einfache Angelegenheit. Die Kellnerin erwartet von mir eine Entscheidung: Fromage blanc oder … ja, was meint sie wohl damit? Ich möchte es so wie die Nachbarn. Die sind mir glücklicherweise immer ein Stückchen voraus. Eine Platte. Es kommt eine Platte, und es haut mich um: Das ist mindestens ein halbes Pfund, und am ganzen Pfund dürfte nicht viel fehlen. Aber ich bin satt! Und bis auf ein kurzes Bad gehe ich auch gleich ins Bett. Oh, die Baguettes am Anfang! Ich hätte nicht so misstrauisch alles verschlingen sollen, was lediglich als dekorative Beilage gedacht war. Tapfer schneide ich mir von jeder Sorte ein Stück ab. Das kann man doch nicht machen, den Käse so pur essen! Keine Sorge, eine Magenverstimmung riskiere ich nicht, eher einen Magenwanddurchbruch. In Deutschland muss in den Trog, was einmal über die Theke ging und nicht verzehrt wurde. Rechnen die hier ernsthaft damit, dass irgendjemand den ganzen Käse vertilgt? Auch der Nachbar »kostet« nur. Und ich? Es hilft nichts, die Hälfte geht ans Personal. Oder wer auch immer es essen mag. Ich kann nicht mehr.

Aber das war’s noch nicht. Ich werde vor die Wahl gestellt: Ein Dessert, einen Obstsalat oder ein Eis. Ich tippe, dass das Dessert am kleinsten ist, und ich tippe richtig. Das hat schon eine Weile im Kühlschrank gestanden, aber bloß keine Kritik! Es ist schlicht, schmeckt nicht schlecht, und wenn da überhaupt noch was abzurunden war, dann ist jetzt alles rund. Und das Ganze kostet nur 60 Francs, also knappe 18 Mark. Als ich daraus 75 Francs machen will, wundert sich die Frau, als bekäme sie zum ersten Mal im Leben Trinkgeld. So kann man was erleben.

Ich rolle mich ins Hotelzimmer, versinke in der Badewanne auf die Gefahr hin, nicht wieder herauszukommen, und stelle fest, dass im Waschbecken der Abfluss nicht funktioniert (die Hose muss doch mal durchgespült werden, und es dauert ewig, bis das Becken wieder leer ist). Weil ich frische Luft haben will und am nächsten Morgen den Tagesanbruch nicht versäumen möchte, mache ich mich am Rolleau zu schaffen. Das könnte auch mal renoviert werden. Die Kurbel stellt sich störrisch, und ich beschließe, dass das Tageslicht schon einen Weg durch die Ritzen finden wird. Schluss. Aus.

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