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29. Juni

Châteauroux les-Alpes – N2094xN94xD902a – Guillestre – D902 – Col d’Izoard – Briançon – N91 – Col du Lautaret – D902 – Col du Galibier – Valloire (121 km)

Die Nacht verlief ruhig; die Platzwahl war offenbar gut. Geregnet hat’s auch nicht. Nach dem Frühstück geht’s los. Ich habe heute trotz aller Schnörkel eine ziemlich klare Richtung vor mir: Norden. An der Sonne werde ich mich aber aller Voraussicht nach kaum orientieren können. Nach dem tollen Mondaufgang von gestern hätte man eine andere Bewölkung erwarten können, aber ich war ja schon skeptisch gewesen. Jetzt ist die Frage, ob sich das Wetter wenigstens so hält, wie es im Moment aussieht.

Bis zur zweiten oder dritten Inspektion des Atlas’ gebe ich mich noch der Illusion hin, dass es heute nur gegen Abend einen langen Anstieg geben wird; denn die Karte verheißt entlang der N94/N91 nur eine »Unebenheit« von gut 200 Metern Höhendifferenz. Dann jedoch blicke ich auf die Routenplanung, und ich muss feststellen, dass die »Unebenheit« in Wirklichkeit von 1208 Metern Höhe auf 2360 Meter wächst und Col d’Izoard heißt. Ach ja, da war eine Empfehlung aus dem Fahrradreiseführer. Die Nationalstraße sieht auch wirklich nicht so einladend aus: Fett und rot – kann sie in Wirklichkeit anders als breit, schwarz und stark befahren sein? Ich habe meinen Irrtum jedenfalls noch rechtzeitig bemerkt.

Wenig später geht es rechts ab. Ab jetzt ist mit deutlichen Anstiegen zu rechnen. Dafür will ich mich erst mal versorgen und fit machen. In einem Supermarkt gibt es so etwas wie Vanille-Waffeln – mal was anderes als Nugatcreme und Baguette. Sie sind ziemlich schwer und süß, aber vielleicht ist das ja der Stoff, aus dem Gipfelstürmer gemacht werden. Ich esse sie jedenfalls gleich in vierfacher Schichtung, und was zu süß ist, wird flüssig gestreckt.

Hinter Guillestre geht es erst mal hoch. Es ist zwar reizvoll, sich seitlich eines Tales nach oben zu arbeiten, aber solange der Bach nicht folgt, kann es jederzeit wieder hinab gehen. Und so geschieht es auch: Eine Weile noch stemmt sich die Straße gegen die Tiefe, aus der sich der Bach nur langsam erhebt, aber dann kommt die Konsolidierung: Wasser und Teer verlaufen mit Erreichen eines kleinen Stausees wieder auf Tuchfühlung.

Spektakulär ist die Landschaft nicht. Am letzten Abzweig zum Pass stehen zwei Schilder; das erste weist auf Straßenbauarbeiten und Sperrungen hinter dem Pass hin, Mo-Fr vormittags und nachmittags, und das zweite informiert darüber, dass der Pass heute bis 13 Uhr für Autos gesperrt sei, und zwar zugunsten von Radfahrern. Ich sehe auf die Uhr, und mir wird klar, dass ich den Pass erst am frühen Nachmittag erreichen kann. Also habe ich nichts von der Begünstigung für Radler, muss jedoch mit der Sperrung rechnen. Aber so wie ich die Lage einschätze, ist da oben kein Wassergraben oder eine hohe Mauer, nur damit niemand durchkommt. Der Zeitplan ist wahrscheinlich ein Arbeitsplan, d.h., er soll nicht vorrangig Touristen an der Reise hindern, sondern in erster Linie ein störungsfreies und kontinuierliches Arbeiten ermöglichen, und ihn zu berücksichtigen wird allen Verkehrsteilnehmern wärmstens ans Herz gelegt. Und was mich als Radfahrer betrifft, so bin ich bislang ja noch fast überall durchgekommen. Ich gehe also kein allzu großes Risiko ein, auch wenn man den enormen Einsatz berücksichtigt.

Kurz vor Arvieux sehe ich eine kleine Schlange auf der Straße – ausnahmsweise mal eine lebende. Aber um diese Zeit? Sie sollte sich woanders wärmen. Ich muss an eine ähnliche Begebenheit in den USA denken, als ich am 24. Mai 1993 kurz vorm Death Valley einen längeren Anstieg zu bewältigen hatte, und dort ein wesentlich größeres Tier zusammengerollt in der Sonne lag. Damals hatte ich erst einen respektvollen Bogen gemacht und dann ein Foto. Irgendwann in dieser Zeit hatten mir Autofahrer erzählt, dass Schlangen häufig im letzten Moment die schnell herannahende Gefahr noch sähen und sich dann über einen Meter vom Boden aufbäumten, um den Angreifer abzuwehren. Deshalb lagen damals so viele plattgefahrene Kadaver auf den Highways, meist längst vertrocknet. In realistischer Einschätzung meiner schwächeren Argumente fürchtete ich eine Auseinandersetzung mit Klapperschlangen und wollte sie ja auch ruhig leben lassen. Auch hier in Frankreich habe ich schon einige Schlangen gesehen, allerdings kleinere. Und die hier lässt sich einfach nicht aus der Ruhe bringen. Ich halte an, besorge mir einen Stock und schubse sie an. Sie bewegt sich nur wenig und unbeholfen. Was hat sie? Da entdecke ich, dass sie eine deutliche Druckstelle gleich hinter dem Kopf aufweist. Wieder ein sterbendes Tier, ein Opfer der Straße! Aber wie ist das gekommen? Meine einzige Erklärung ist ein Rennrad. Dessen Reifen sind schmal genug für eine solche Verletzung. Es muss wohl (entsprechend schnell) ins Tal unterwegs gewesen sein; denn ich will nicht glauben, dass die Fahrer mit einem Tempo Tiere überfahren, das ein Ausweichmanöver leicht ermöglicht hätte.

Im Ort mache ich Pause. Auf einer Bank erhalte ich wieder »Besuch« von Schwalben. Ein Vogel hat mich als Wendeschleife auserkoren, aber ich setze mir meinen Hut auf und hebe einmal die Hand, als er wieder angeschossen kommt. Das kennen wir ja schon. Nur erklären kann ich es mir immer noch nicht.

Der Pass oder zumindest der erste schwere Teil der Auffahrt zu ihm sieht ungewöhnlich aus: Zwei Berge flankieren die Passhöhe, wie das meist der Fall ist, und das Ganze hat dann eine gewisse Ähnlichkeit mit einem Sattel. Und dieser Sattel sieht hier so aus, als sei ein fast voller Mehlsack darüber gelegt worden. Beide Enden des Sackes hängen herunter, und zumindest die Südseite, von der ich komme, liegt in der schiefen Ebene auf, die ich bis jetzt hinaufgekommen bin. Was ich jetzt vor mir habe, ist ein Weg, der an einem Zipfel des Sackes beginnt und sich dann im Zickzack bis zu dessen Mitte empor windet. Die Straße ist nicht einfach steil – sie ist sehr steil. Aber das hat mir schon die Karte verraten. Im Wiegetritt lasse ich also das Tal unter mir, und ich finde den letzten Ort potthässlich: Die Blechdächer reißen es voll ’rein. Wenn man noch ein paar Steine darauf gelegt hätte, wäre vielleicht was Nettes daraus geworden, aber so gerät es irgendwie fast zum Slum.

Derweil geht auf der anderen Seite des Berges die Mittagspause zu Ende. Keine Frage, ich werde durch den laufenden Baubetrieb fahren müssen, wenn sie mich überhaupt durchlassen. Noch aber bin ich nicht oben. Und zwischendurch geht es noch einmal gehörig hinab. Die Straße verläuft hier mitten durch einen nach oben schier endlosen Schutthang. Was über diesen 200 Metern Straßenlänge in jedem Frühjahr in Bewegung gerät, muss enorm sein. Wenn der Weg da überhaupt vom Untergrund her Bestand hat, wird er jedenfalls aufwendig von dem befreit werden müssen, was von oben herunterrutscht. Kein Busch, nicht mal ein Grasbüschel hält, was da wie mit dem Lineal gezogen nur auf einen kleinen Stein am Gipfel wartet, um als Lawine zu Tal zu donnern.

Einerlei, der Berg ruft, und zwar nicht über diese Halde, sondern entlang des Asphalts. Der Pass macht nicht so viel her. Schön hoch ist er halt, und PKW-Fahrer kehren hier wieder um, jetzt jedenfalls, nachdem die Mittagspause längst vorbei ist. Ein paar hundert Meter weiter steht eine Straßensperre. Das ist für mich noch kein ernstzunehmendes Hindernis. Aber dann kommen sie, die Bagger, die die alte Straße wegreißen, die großen Dumper, die einen mit altem Teer, die anderen mit neuem Untergrund, und ein paar Arbeiter, die Dinge erledigen, die mit Diesel nicht zu machen sind. Respektvoll warte ich, bis das schwere Gerät mal wieder ent- oder beladen zu Tal fährt, um dann vorsichtig durch eine tiefe Schotterschicht zu rollen. Ein Fahrer lässt mich vorbei; denn seine Motorbremse lässt nicht zu, dass er schneller als 25 km/h fährt, und das wäre für mich ein magerer Lohn für mein stundenlanges Schwitzen am Aufstieg.

Bei der Abfahrt, die mir ähnlich steil wie die Auffahrt erscheint (was nicht so schön ist, weil die ganze Energie in kurzer Zeit in den Bremsklötzen verheizt wird, anstatt mir viel länger um die Ohren zu pfeifen), registriere ich wieder einen lockeren Lärchenbestand auf der Alm. Dann kommt das Norddorf am Fuße des steilen Teils, und das ist nicht ein bisschen schöner als sein Gegenüber. Diesen Pass werde ich also nicht weiterempfehlen, zumal er angesichts der nahen Alternative im Tal eher eine Turnübung als die Überwindung eines echten Hindernisses ist. Freilich weiß ich nicht, wie diese Alternative aussieht. Wahrscheinlich ist sie belebter und langweiliger.

Derweil beginnt es zu regnen. Die Bewölkung von heute morgen macht also ernst. Es müsste so eine Reißleine geben, mit der sich die Regenjacke vom Gepäckträger aus per Handschlag anziehen ließe. Und umgekehrt natürlich. Aber so einfach machen es sich nur Leute, die aus den Fehlern der vergangenen Jahre gelernt haben. Die nehmen auch keine Winterjacke mit, wenn es im Sommer nach Südfrankreich geht. Dafür werde ich sie alle auslachen, wenn der unerwartete Kälteeinbruch kommt. Bei 10 Grad unter Null werde ich der einzig Zufriedene sein. Vorerst ist es eher deutlich 20 Grad über Null. Es regnet genau so lange, bis die Jacke nass ist. Damit ist sichergestellt, dass sie auf dem Gepäckträger einige Stunden brauchen wird, um wieder zu trocknen, regelmäßiges Umpacken und Neufalten vorausgesetzt. Da muss im nächsten Jahr wirklich eine andere Lösung her.

In Briançon hört er Regen auf. Um genau zu sein, dort hat er noch gar nicht angefangen. In einer Buchhandlung schaue ich nach, wo die Route des Grandes Alpes verläuft. Eigentlich soll man das Zeug ja kaufen und nicht angucken, aber bei dieser Karte stimmt das Preis-Qualitäts-Verhältnis einfach nicht. – Bei Géant möchte ich meine Vorräte aufbessern. Keine Frage, das Angebot ist grandios. Mir widerfährt indes, was schon in Porto-Vecchio geschah, nur dass ich diesmal nicht der Auslöser bin, sondern der Leidtragende. Die Kundin vor mir hat einen Artikel eingepackt, einen Dreierpack Schokolade. Es ist im Grunde verrückt: Die Dinger kosten höchstens drei Mark. Dass der Preis für weitere Kunden geklärt werden muss, ist gar keine Frage, aber dass jetzt eine ganze Schlange wartet, bis sich die Kassierer alle gegenseitig erklärt haben, dass sie den Preis nicht kennen, und dass »meine« Kassiererin nun zu einer Wanderschaft aufbricht, um den Sachverhalt mit der Gründlichkeit eines… na, ich will niemanden beleidigen, also, jedenfalls restlos aufzuklären, dass macht mich ungeduldig. Man könnte nun meinen, ich sei doch im Urlaub und hätte alle Zeit der Welt. Das ist ja auch richtig, aber mein Fahrrad steht dort draußen, nicht in Sichtweite, und nicht nur das Fahrrad, sondern das ganze kostbare Gepäck. Ich will’s ja nicht beschreien, aber wenn wegen dieser Trödelei nachher was fehlte, wäre das nicht einfach nur ärgerlich. Also, was ich nicht ungeschickt vom Management gefunden hätte, wäre, in diesen seltenen Fällen einer Lücke in der Datenerfassung eine bessere Kundenbindung herzustellen, indem sie diese Kleinigkeit als Geschenk deklarieren. Natürlich hätte sich mal jemand um den Preis kümmern müssen, aber … Lassen wir das. Es ist auch noch alles am Fahrrad, als ich wieder herauskomme.

Mir steht jetzt eine Fahrt nordöstlich des Massif des Ecrins bevor, eines sehr hohen, ausgedehnten und undurchdringlichen Berggebietes, das angeblich Sommerskilaufen ermöglicht. Bis zum Col du Lautaret sind vielleicht 800 bis 1000 Meter zu überwinden, aber angesichts der Länge der Strecke verspricht das ein moderates Unterfangen zu werden. Das Einzige, was nicht viel versprechend aussieht, ist der Himmel. Also, wer jetzt Hochgebirgsskilauf geplant hat, kann im günstigsten Fall mit reichlich Neuschnee rechnen. Ich flüchte mich unter das Dach einer geschlossenen Tankstelle, und auch wenn ich keinen Hunger habe, kann ich ja einfach mal was essen. Nach einem halben Kilo Pudding hat der Regen immer noch nicht aufgehört, und ich mag nicht mehr. Vielleicht etwas Obst? Derweil erscheint der Tankwart, wortlos schließt er sein Büro auf, schaltet die Zapfsäulen ein, setzt sich in seinen Sessel, kramt eine Zeitung hervor und harrt der Autos, die da kommen werden. Im Moment bin nur ich da, kein Kunde zwar, wahrscheinlich auch kein Lockvogel, aber er verscheucht mich auch nicht vom Terrain, macht nicht einmal böse Miene. Das finde ich so toll hier in Frankreich, dass die Leute sich von einem Landstreicher nicht aus der Ruhe bringen lassen. Ob ich auf einer Baustelle übernachte, auf Privatgrund (nicht gerade im Wohnzimmer, aber eben auch nicht im Kommunalforst) oder auf dem Dorfplatz – na und? Ich sollte das mal in Deutschland ausprobieren!

Interessanterweise kommt der erste Kunde genau in dem Moment, als ich das schützende Dach verlasse. Noch einmal suche ich in der Folge Unterschlupf, aber dann ballen sich die Wolken um die Gipfel links oben zusammen und lassen das Massiv nur noch undurchdringlicher erscheinen. Ich habe dafür meine Ruhe und befasse mich mit der Annäherung an den Pass. Der ist irgendwann erreicht. Es ist Abend; andere Leute schlagen um diese Zeit ihr Quartier auf, aber hier oben, in 2000 Meter Höhe, und jetzt schon? Nicht mit mir. Ein Schild wirbt um Besucher für einen unvergesslichen alpinen Garten, und während ich mir eine Apfelsaftschorle anrühre, überlege ich, was darin wohl wachsen wird. Nein, dafür ist keine Zeit, ich muss noch hoch zum Galibier. Das wird mindestens noch anderthalb Stunden dauern.

In der zweiten Kehre sehe ich ihn, den Garten – von oben gewissermaßen. Ganz nett arrangiert. Ich werde ihn nie vergessen. Was ich nach einer halben Stunde aber nicht mehr weiß, ist die aktuelle Höhe. Die Kilometersteine mit einem bunten Motiv und der aktuellen Höhenangabe scheinen im oberen Teil der Straße gestohlen worden zu sein. Lediglich die massiven Schneeschilde links der Straße signalisieren, dass ich in wahrhaft alpine Regionen vorstoße. Vor Beginn der letzten 100 Höhenmeter steht ein Denkmal, dem »Erfinder« der Tour de France gewidmet. Dann kommt eine Baustelle, mit der man dem Berg die Spitze nehmen will, ein Tunnel unter dem Pass hindurch. Was das wohl soll? Das kleine Stückchen kann doch nicht so viel bringen – oder taut der Schnee hier schon einen halben Monat früher? Und schließlich kommt ein neuerlicher Betrugsfall von Michelin. Von wegen fünf bis neun Prozent Anstieg! Aber über eine so kleine Distanz haut mich das nicht um. Ärgerlich ist nur, dass die letzten Leute am Pass just in dem Moment abdampfen, als ich oben ankomme. Kann mich also niemand fotografieren. Demnach muss ich den Apparat auf den Boden stellen und den Selbstauslöser benutzen. Der Col du Galibier ist schließlich nicht irgendeine Kuppe, die man zwischen Mittagessen und Kaffee mal eben überquert.

Die Nordseite ist abends gegen neun Uhr bei diesen Witterungsverhältnissen nichts für ängstliche Gemüter. Schwarz streckt sich der Himmel, und was an der Dramaturgie eigentlich nur noch fehlt, ist eine anständige Windstärke. Und Regen, Gott sei Dank! Es ist keine Zeit zu versäumen, rasch hinab, auf Überlebens- und Übernachtungshöhe, solange sich die Tropfen noch zurückhalten. Hier oben ist es doch recht unwirtlich.

1000 Meter Höhenunterschied liegen vor mir. Eine feine Sache. Die Fans der Rennfahrer haben die Namen ihrer Idole auf dieser Straße verewigt: Pantani, Ullrich und all die anderen. Allerdings sind sie hier nicht hinuntergefahren, sondern mussten hinauf, und wenn sie die Etappe nicht in Valloire begann, dann hatten sie sogar knapp 2000 Höhenmeter bis zum Pass zu überwinden. Hier soll Jan Ullrich 1998 dem Hungerast erlegen sein und die Tour verloren haben. Ja, soll vorkommen. Mich beschäftigt einstweilen der Gedanke, wohin der »Dünndarm« auf der gegenüber liegenden Seite des Tals führen mag. Ich werde bei der nächsten Pause auf der Karte nachsehen. Und nun fängt es doch noch an zu regnen. Hätte er nicht bis Valloire noch warten können? Vor einer Ranch, die ein überdachtes Tor am Rande des Grundstücks hat, warte ich eine Besserung ab. Aber das kann auch die ganze Nacht dauern. Erst mal ist Zeit, die Berge auf mich wirken zu lassen. Es ist enorm, was mich da umgibt. Ich bin in dieser gigantischen Szene nicht nur unbedeutend, sondern völlig entbehrlich. Und wenn die Zeit nicht immer weiter fortschreiten würde, könnte ich noch eine ganze Weile über die kleinen Menschen in der großen Welt philosophieren.

Der Regen hat nachgelassen. Aber lustig ist die weitere Abfahrt deswegen noch keineswegs. Nasse Straßen bieten den schmalen und mittlerweile profillosen Reifen fast keine Haftung. Kurven wollen frühzeitig berücksichtigt werden. Mit einem Wort: Es ist gefährlicher.

In den Vororten von Valloire gibt es zwar Hotels, aber die sind für mein Gefühl eine Nummer zu gediegen. Wenn ich da ankäme, in meinem Outfit und nass noch obendrein… Nein, nein, es muss etwas anderes sein. Derweil weckt das Panorama mein Interesse. Leider kann ich jetzt keine guten Fotos mehr machen; denn dafür fehlt das Licht. Wenn die Sonne nicht irgendwo scheint, und sei es nur hinter Wolken, sinkt der Kontrast gleich enorm. Vielleicht morgen, aber dann brauche ich hier Quartier, wenn ich nicht eine weite Strecke wieder hinaufklettern will. Also muss ich das Gelände genauer in Augenschein nehmen: Rechts steht ein langgestrecktes Gebäude, kein Wohnhaus, eher ein großes Quartier. Beim Umschreiten stelle ich fest, dass es einem Skiverband gehört, aber der kann zu dieser Jahreszeit sicher nicht viel damit anfangen. Demnach warten die Räume auf bessere Zeiten. Alles ist derweil verriegelt und verrammelt. Also kein Dach für mein müdes Haupt. Gegenüber steht ein Appartementhaus mit U-förmigem Grundriss, d.h. einem kleinen Innenhof, wenn man so will. Es sieht ebenfalls ziemlich unbewohnt aus, jedenfalls brennt nirgends Licht. Der Hof ist beplankt und teilweise überdacht, wahrscheinlich, damit man wenigstens von einer Wohnung zur nächsten trockenen Fußes kommt. Aber ein schöner Platz ist das nicht. Schließlich kann ja doch der eine oder andere zu Hause sein und nur sein Licht bereits gelöscht haben. Oder es wohnen Nachtschwärmer hier, die erst spät heimkommen. Wenn ich dann da neben der Wohnungstür liegen würde, erforderte das schon eine Menge Toleranz. Aber in der Umgebung scheint es nichts Besseres zu geben. Sicherheitshalber klingle ich die Türen ab; wenn dann doch jemand öffnet, kann ich ja nach einem Hotel fragen. Es rührt sich aber nichts. Gut. – Bis alle Geschäfte des Abends erledigt sind, vergeht noch eine viertel Stunde, und ich will gerade in den Schlafsack kriechen, den ich zwischen der Hauswand und meinem Fahrrad ausgebreitet habe, da geht doch noch eine Tür auf. Ein junger Mann kommt heraus und fragt, ob ich vorhin geklingelt hätte, was ich bejahe. Nun ist es zu spät, um nach einem Hotel zu fragen, aber er sieht keine Probleme mit meinem Quartier, das Haus sei tatsächlich ziemlich leer. Dass er sich über mein Lager wundert, ist wohl normal.

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