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28. Juni

Verdon – D957xD952 – Moustiers-Sainte-Marie – D952xD56 – Puimoisson – D953xD907xN85 – Digne-les-Bains – D990axD900 – Col de Maure – Seyne – D900xD954 – Savines-le-Lac – Embrun – N94xN2094 – Châteauroux les-Alpes (158 km)

Also, das mag zwar originell gewesen zu sein, aber es muss sich nicht wiederholen. Der »Liegeplatz« – also nicht der dieses Tretbootes, sondern meiner an »Deck« dieses »Kreuzers« – ist entschieden zu klein, und wenn auch das Boot an sich keine Schieflage hatte, so doch mein Schlafplatz. Auf jeder Wiese wäre das tolerabel gewesen, nicht aber auf dieser glatten Kunststoffoberfläche. Während der Nacht geriet ich einige Male ins Rutschen, wachte darüber auf, suchte dann neuen Halt, schlief wieder ein, aber ein solches Prozedere ist im Allgemeinen nicht das, was man sich unter erquicklichem Nachtschlaf vorstellt. Hinzu kam, dass trotz einer leichten Brise natürlich Mücken da waren (wo, wenn nicht hier am See?), und die nötigten mich trotz milder Temperaturen tief in den Schlafsack hinein – das alte Lied.

Immerhin, es hatte nicht angefangen zu regnen. Und nicht nur das, in der Nacht klarte der Himmel auf, wie ich zwischendurch feststellen konnte, und jetzt scheint auch die Sonne am leergefegten Himmel. Dann besteht nun vielleicht die Möglichkeit, den Ausgang des Canyons zu fotografieren? Nur, von wo? Die Tretboote sind angekettet, um für die ideale Perspektive auf den See hinauszufahren. Und im Übrigen müsste ich wahrscheinlich bis zum Nachmittag warten, um die Sonne im Rücken zu haben. Es muss also eine andere Möglichkeit geben. Zunächst mal gibt’s Frühstück. Dann sehen wir weiter.

Auf der Karte sehe ich, dass die Autos, die ich gestern in den Bergen habe entlang fahren sehen, die Nordroute benutzt haben müssen. Da hinauf muss ich also heute nicht. Umso flotter geht es voran. Betrachte ich die weitere Route, so sind heute keine Himmelstürmerqualitäten gefragt. An Moustiers fahre ich mehr oder weniger vorbei. Es soll recht schön sein, und so vor der Felswand sieht es – noch im Schatten – auch recht interessant aus, aber es liegt halt weiter oben, und das bremst meinen Entdeckereifer. Erste Steigungen bleiben mir trotzdem nicht erspart. Es scheint, dass ich jetzt die Provence so richtig wie im Bilderbuch vorgeführt bekomme: Lavendel-, Raps- und Getreidefelder wechseln einander ab, an den Straßen stehen Eichen. Ich muss mich mit den optischen Eindrücken begnügen. Sogar wenige Zentimeter von einer Lavendelblüte entfernt kann ich nichts riechen.

Mein Reiseplan sieht Riez als Wendepunkt vor, aber mir fällt beim besten Willen nicht ein, warum ich diesen Umweg machen wollte. Also kürze ich ab und fahre direkt nach Puimoisson. Auch dieser Ort ist Provence pur. Ich beschließe, wenigstens mal zum Marktplatz zu fahren, einzukaufen, etwas zu Mittag zu essen und vielleicht derweil etwas Flair zu schnuppern. Und in der Tat: Da wird Obst und Gemüse verkauft. Die Leute sind mit aller Ruhe am Werk, und vor mir kaufen drei deutsche Frauen das halbe Sortiment weg. Bis das alles gewogen, bewertet und aufaddiert ist, darf ich mit meinen vier Pfirsichen warten. Beraten werden die drei von einem Mann, der hier offenbar arbeitet, weil er ein französisches Kennzeichen am Wagen hat, aber auf jeden Fall auch aus Deutschland stammt. Er erzählt ihnen dann auch gleich etwas über all die Dinge, die sich sonst noch so im Blickfeld abspielen. Da ist zum Beispiel diese Frau im auffälligen Kleid, eine Wunderheilerin, die von Ferne heilt, und er wusste auch gleich von heftigen Zahnschmerzen zu berichten, die sie ihm mal in kürzester Zeit ausgetrieben hat. Keiner wisse, wie es funktioniert, aber darauf käme es ja letzten Endes auch nicht an. Ich ziehe mich derweil zu einem Sitzplatz zurück, um mich an meinen ungeheuer saftigen Pfirsichen zu laben.

Auch die weitere Fahrt, nun klar in Richtung Norden, ist zwar wellig, aber nicht allzu schwer. (Ohne Training müsste ich aber auch bei diesem Profil nach wenigen Stunden die Waffen strecken.) Also geht es relativ zügig voran. Am frühen Nachmittag erreiche ich auf diese Weise Digne. Interessant, das ist ja die Partnerstadt von Bad Mergentheim. Ich sollte Herrn Ruck mal fragen, ob er sich hier auskennt. Wohl nicht, tippe ich. In einer solch wichtigen Stadt hoffe ich meine Reserven auffüllen zu können, und obwohl ich zwei- oder dreimal die Runde mache, komme ich nur an kleinen Läden und einem großen Supermarkt vorbei: Alle geschlossen, es ist ein Skandal!

Ich habe mir eine Route herausgesucht, auf der der Verkehr wohl in früheren Zeiten das Gebirge überquerte. Inzwischen wurde eine neue Route gebaut, und bei der Ausfahrt aus Digne muss ich nur aufpassen, dass ich nicht die falsche Straße erwische. Die Beschilderung könnte besser sein. Nach einigen Kilometern bin ich mir aber sicher, mich für die richtige Straße entschieden zu haben. Das Tal ist verkehrsarm, flach und nahezu unbewohnt. Die Berge rechts und links sind nicht überwältigend hoch, bewaldet, und die einzige Besonderheit an ihnen sind Hinweise auf Saurierfossilien. Ich denke mir, dass da sicherlich nirgends offen Knochen herumliegen werden; denn die hätten längst Liebhaber gefunden, und deshalb fahre ich weiter.

Auf halber Strecke verengt sich das Tal zur Schlucht. Na ja, Gorges hauen mich jetzt nicht mehr so schnell um. Der Bach indes könnte mich locken. Ich wäre nicht der einzige, der ein Bad nimmt. Aber genau das ist ja der Grund, warum ich es wohl besser lassen sollte; denn wer weiß, ob mein Adamskostüm nicht Befremden erregen würde. Links der Straße sind ein paar Arbeiter gerade mit dem kunstvollen Aufschichten eines überdimensionalen Eis aus lauter Steinen fertig geworden. Wahrscheinlich soll das ein Saurierei sein.

Die Auffahrt zum Col de Maure erstreckt sich über eine solche Länge und ist daher so leicht, dass es nicht weiter erwähnenswert ist. Zwei Ereignisse fallen mir nach der Einmündung auf die D900 auf, wo der Verkehr wieder deutlich dichter ist: Eine Gold Wing mit Anhänger kommt mir entgegen, und in diesem Anhänger sitzt – ein großer Hund. Ich bin mir nicht sicher, ob er sich wohl fühlt, aber jedenfalls wirkt er nicht verkrochen und kann bei diesen Temperaturen sicherlich auch gut eine Abkühlung vertragen. Außerdem werden diese Riesenmotorräder in aller Regel recht unaufgeregt gefahren. – An einer etwas steileren Stelle sehe ich plötzlich auf der linken Fahrspur ein Eichhörnchen, das die Straße nicht rechtzeitig hat überqueren können. Ein Traktor nähert sich von vorn, und das Tier versucht, der Gefahr zu entkommen, aber es kommt nicht vom Fleck, scheint mit dem Unterleib förmlich festgenagelt zu sein. Ich hoffe, dass der Traktor es gnädig überrollt, damit seine Leiden ein Ende haben, und komme ins Grübeln über das Gesetz der Straße.

In Seyne fasse ich den Entschluss, Pascal wegen einer Übernachtung anzurufen. Zwar ist es noch nicht die Zeit dafür, aber meine Zeitreserven sind allemal groß genug, um mal früher zu stoppen und etwas weniger zu fahren. Es wird verheerend: Nicht Pascal geht ans Telefon, sondern seine Mutter. Mit ihr muss ich französisch sprechen, und was im direkten Gespräch schon schwierig ist, wächst sich am Telefon zur Katastrophe aus. Nach wenigen Minuten kommt die Blockade, so dass ich dann gar nichts mehr verstehe, nicht einmal, dass sie verspricht, ihrem Sohn von meinem Anruf zu erzählen. (Das wird mir wieder einmal erst später klar.) Dieser ist übrigens gerade für einige Tag mit dem Fahrrad unterwegs, so dass sich der Besuch in kurzer Zeit in Wohlgefallen auflöst. Nun gut, verfolge ich halt weiter meine Route.

Auf dem Weg zum Lac de Serre-Ponçon ist noch eine »Anhöhe« zu überwinden, und engagiert mache ich mich an die Arbeit. Rechts schwingen sich die Berge zu enormer Höhe auf, eine Reminiszenz an die Pässe Col de la Bonette und Cayolle – ja, das waren noch Zeiten und Höhen. Ich muss an meine Auffahrt zur Festung am Col de Tende denken; denn ganz oben sind Kammstraßen oder doch zumindest -wege zu erkennen. Wer um alles in der Welt baut nur da oben Wege? – Ein Segelflugzeug umkreist immer wieder den Gipfel, und hinter dem Pass werden wahre Schwärme von Gleitschirmfliegern sichtbar, die heute offenbar tolle Thermiken vorfinden. Was heißt heute? Schließlich geht’s bei Schönwetter am Hang fast immer nach oben. Und so halten sie sich denn auch erstaunlich lange in der Luft.

Dann wird der See, ein Stausee, sichtbar. Erst nur an einigen Stellen, so dass man meinen könnte, es seien mehrere Gewässer, dann immer größer und tiefblau und tief unten. Das wird wieder eine tolle Abfahrt! Und sie ist wirklich schön; denn eine solche Perle wartet selten im Tal. Nach dem Abzweig auf die D954 geht es weiter hinab. Rechts sind irische Kajakfahrer im Gang, sich zum Fluss abzuseilen. Ein bisschen merkwürdig, auch ihr Auto haben sie mitten auf der Straße geparkt; dabei wirkt das Ganze nicht wie eine Rettungsaktion, die eine solch rücksichtslose Blockade rechtfertigen würde. Aber mir macht das weniger aus, da ich auch bei Gegenverkehr noch vorbeikomme.

An einem solchen See darf man nicht einfach nur entlang fahren. Man muss darin baden. Schließlich habe ich auch heute geschwitzt. Also suche ich mir eine Stelle, die von der Straße nicht einsehbar ist, und balanciere über die spitzen Steine am Ufer ins Wasser. Solange ich draußen bleibe, ist es klar. Schon bei den ersten Schritten jedoch wird grauer Schlamm aufgewirbelt. Also mache ich einen beherzten Sprung ins tiefe Wasser. Talsperren sind ja im Allgemeinen sehr tief und haben eine steile Uferböschung.

Obwohl der Sonnenuntergang höchstens noch eine Stunde hin ist, scheint dieses Bad jedoch zu früh gewesen zu sein: Die Straße hebt deutlich von der Uferlinie ab, immer weiter, und bald ärgert mich der Anstieg. Er ist wieder mal steiler, als Michelin in kontinuierlicher Verharmlosung zugibt. Außerdem ist er nur für ein kleines Nest gebaut worden, von dessen Durchfahrtsstraße aus man ohnehin keinen Blick auf den See hat. Dafür werden Grundstücke mit Seeblick verkauft. Das sind mindestens 100 Höhenmeter extra, eine neue Salzschicht auf der Haut inklusive.

Einige Kilometer später werde ich unerwarteterweise für die Anstrengung entschädigt. Hinter einer Kurve erblicke ich die Demoiselle, ein bemerkenswertes Gebilde aus Stein, von dem ich in einem der Naturreiseführer ein Foto gesehen hatte: Auf weichem, porösem Grundgestein, das von Sonne, Regen und Frost leicht und rasch wegerodiert wird, lagert eine harte Schicht (wahrscheinlich Basalt), die das senkrecht darunter liegende Material schützt. Auf diese Weise sind stalagmitenförmige Gebilde aus der geschlossenen Gesteinsformation übrig geblieben, die einen dunklen, harten Stein als überdimensionalen Hut tragen, ähnlich den gigantischen Gebilden, die Frauen der Oberschicht vor 100 Jahren getragen haben. Daher rührt wohl auch der Name. Ich nehme an, dass diese Steine in den nächsten Jahrzehnten restlos eingestürzt sein werden. Ist natürlich toll, dass ich sie so unerwartet noch zu sehen bekommen habe.

Savines und Embrun sind vom Tourismus geprägt, wobei hier nicht nur Skirummel ist, sondern auch Sommerziele; insofern besteht eine gewisse Ausgeglichenheit. In Savines überquert eine imposante Straßenbrücke den See so niedrig, als schwimme sie, und ich frage mich, ob der See dort so flach ist oder die Brückenpfeiler so tief. Jetzt geht auch die Sonne unter, später als auf Korsika, stelle ich fest. Na ja, es geht schließlich nach Norden, und die Verkürzung der Tage nach Mittsommer macht sich noch nicht bemerkbar.

In Embryn suche ich nach einer Übernachtung, und im Prinzip strotzt die Stadt vor Hotels, aber die erscheinen mir alle eine Nummer zu groß. Dafür sind die Restaurants fast alle leer. Wie die sich wohl tragen? Mit diesen Überlegungen verlasse ich die Stadt. Dann wird’s wohl mal wieder das Wiesenhotel sein müssen. Nach wenigen Kilometern werden Radfahrer von der Rennstrecke verwiesen, und da entlang der Piste sowieso kein ruhiges Fleckchen zu finden ist, folge ich den Schildern hinauf in den bergigen Rand des Tals. Dort findet sich links ein Rastplatz mit schönem Rasen, zwar ohne Dach, also ist des Morgens mit feuchtem Schlafsack zu rechnen, aber den kann man ja wieder trocknen. Nachdem ich mich verkrochen habe, werde ich noch mit einem Mondaufgang für die Anstrengungen des Tages belohnt. Obwohl der Himmel für ihn freien Platz lässt, habe ich das Gefühl, dass sich etwas zusammenbraut. Wenn es in der Nacht also regnen sollte, werde ich flüchten müssen. Irgendwann muss ich ja auch das mal ausprobieren.

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