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26. Juni

Guillaumes – D28 – Valberg – Beuil – Gorges Superieures du Cians – D28xN202xD2205xD32 – la Tour – D32xD2565 – Gorges de la Vésubie – D2565xN202xD17 – Gilette – Roquesteron (137 km)

Wer sich so weich bettet, schläft natürlich lange und auch recht gut. Aber irgendwann mache ich mir bewusst, welche Herausforderungen auf den nächsten 140 Kilometern vor mir liegen und dass das nicht zu machen ist, wenn ich erst gegen Mittag losfahre. Also hoch! Bevor ich das Bett wegräume, gibt es Frühstück. Im Haus gegenüber kläffen zwei Hunde. Sie scheinen nicht gerade jemanden freudig zu begrüßen, sondern machen eher einen gereizten Eindruck, ja, sie schaukeln sich sogar noch gegenseitig auf. Aber ich sehe sie nicht, und ich denke, sie können mich auch nicht sehen. Wenn ich mal kurz ganz ruhig sitze, nicht kaue, gewissermaßen die Luft anhalte, beruhigen sie sich. Aber kaum beiße ich von meinem Baguette ab oder bewege mich auf dem Bett und die Federn knarzen, geht der Lärm wieder los. Die Tiere müssen mich entweder doch sehen, oder sie haben ein unglaublich gutes Gehör.

Ich packe zusammen, stelle das Bett wieder dorthin, wo es vorher stand, und versuche, in der Ortsdurchfahrt meine Vorräte aufzubessern. Aber es gibt nur wenige Einkaufsmöglichkeiten. In einem Laden bekomme ich etwas Obst; es scheint so etwas wie ein Naturkostladen zu sein, und er ist gut besucht. Während ich an der Kasse anstehe, fällt mein Blick auf eine Information, ein DIN-A4-Blatt, in dem über Dioxin in Lebensmitteln hingewiesen wird. Da steht, dass Dioxin in der Natur auch unabhängig vom Menschen vorkommt und z.B. bei Waldbränden entsteht – soweit ich das entziffern kann. Ja, darüber habe ich noch nie nachgedacht. Vielleicht sollte man diese Information mal der deutschen Müllindustrie zuspielen; das wäre doch eine gute Argumentationshilfe.

Mit mäßigem Futtervorrat, aber der Zuversicht, bald wieder eine Einkaufsmöglichkeit zu finden, mache ich mich gegen 9 Uhr auf den Weg nach Valberg. Warum das wohl »Valberg« heißt! Also, das »Berg« steht ganz sicher für den Berg, auf dem der Ort liegt. Unerklärlich ist mir, wie dieses deutsche Wort nach dort unten (im Süden) den Weg gefunden hat. Ungefähr zwei Stunden lang zieht sich die Auffahrt hin, und immer mal wieder habe ich einen Blick nach hinten, unten, zwar nicht ganz bis nach Guillaumes, aber fast. Dafür fallen mir die Zickzack-Straßen auf, die von Guillaumes direkt an den Berghängen nach oben streben. Ich fahre immerhin ein paar Kilometer lang erst mal durch ein Flusstal. Der Fluss selbst ist zwar nicht zu sehen – das Flussbett ist leer –, aber dass hier zur Schneeschmelze so richtig was los ist, kann ich schon erkennen. Spätestens nach der Verabschiedung vom Fluss geht es ziemlich steil in die Höhe. Valberg ist ein Touristenort, geprägt vom Wintersport. Man sieht einige Lifte und zahllose Geschäfte, in denen der überwiegend nutzlose Kram verkauft wird, den wohl nur Touristen kaufen. Im Winter wird man an der einen oder anderen Ecke sicherlich auch Sportartikel kaufen können, aber Schlitten sind nun mal im Sommer extrem schwer loszuschlagen.

Hier will ich jetzt kaufen, was mir noch fehlt. Aber der Laden, in den ich gehe, scheint kurz vorm Ausverkauf zu stehen. Es gibt kaum Artikel, die ich suche, und was es gibt, ist sündhaft teuer. Kein Wunder, dass sich hierher kaum jemand verläuft. Später halten ein paar deutsche Motorradfahrer und fragen nach einer Bank oder einem Geldautomaten. Da kann ich zwar nicht helfen, aber wir kommen trotzdem noch kurz ins Gespräch, wobei sie feststellen, dass der Urlaub recht kostspielig sei. Ich wundere mich (in der Hoffnung, dass mich der Ladeninhaber vor dem Geschäft nicht versteht), dass sie ihr Wasser unter diesen Umständen im Laden kaufen und erzähle von dem köstlichen Wasser aus fast jeder Quelle in den Bergen. Das gäb’s da kostenlos und einwandfrei. Einer der Männer meint, eigentlich hätte ich Recht. Aber ob sie deshalb in Zukunft etwas anders machen, weiß ich natürlich nicht.

In Valberg mache ich noch einen besonderen Deal: In einem Fotoladen gibt es Diafilme, mal ausnahmsweise nicht von Kodak. Ich bin über das Angebot von 39 Francs so begeistert, dass ich dem verdutzten Händler gleich drei Stück abnehme. Er hat große Probleme, den Gesamtpreis auszurechnen und sucht lange nach einem Taschenrechner, als ich schon längst das Geld passend bereithalte. Wie sich die Ansprüche ändern: Weil ich drei Wochen lang nur Filme für deutlich über 20 Mark das Stück gesehen habe, freue ich mich über Angebote bei 12 Mark wie ein Schneekönig, und dabei ist es in Deutschland noch mal um mehr als die Hälfte billiger – Entwicklung eingeschlossen. Aber Deutschland ist weit weg, und deshalb schlage ich jetzt gnadenlos zu.

So, und da ich nun oben bin, will ich jetzt endlich nach unten, und zwar nicht irgendwie und irgendwo lang, sondern durch die Gorges Superieures du Cians. Kaum etwas ist in der Michelin-Karte fetter gedruckt worden als diese Schlucht. Da darf man wohl etwas erwarten. – Ein wenig Geduld brauche ich noch. Ab Beuil geht es dann jedoch steil nach unten, wieder einmal mit den Insignien der Tour de France auf dem Asphalt. Ich werde nicht enttäuscht. Das Tal verengt sich zusehends, erst zur Schlucht, dann zur Klamm, und schließlich fast zur Röhre! Die Wände nach oben werden immer steiler, das Licht hier unten immer dämmriger, und der rote Fels trägt seinen Teil zur Stimmung bei. An einigen Stellen gibt es Fuß- bzw. Radwege entlang dem Fluss, die Straße hat dann einen Tunnel. Während ich sonst den kurzen Weg bevorzuge, möchte ich diesmal etwas sehen. Nach einem solchen Abzweig von der Hauptstraße wölbt sich das Massiv ungestützt über mir der nur ein, zwei Meter entfernten gegenüber liegenden Wand entgegen, dazwischen und links von mir gurgelt der Fluss. Wahrscheinlich bewege ich mich auf einer alten Fahrbahn, die aus dem Fels herausgeschlagen worden und irgendwann zu eng geworden war. Es gibt ein paar Informationstafeln, sogar Bänke für Wanderer, obwohl ich mich frage, wie anders die hierher kommen wollen als mit dem Fahrzeug auf der Straße entlang. Wandern würde ich auf der Piste sicherlich nicht. Das ist zwar wahrscheinlich nicht gefährlicher als Radfahren, aber Asphalt ist nicht der ideale Untergrund für die Füße.

Steil geht es zu Tal. Mir steht ein Höhenunterschied zwischen 1500 und 300 Metern in Aussicht. Das ist etwas zum Auskosten, und ich koste es aus, und in jeder steilen Kurve preise ich mich glücklich, diese Strecke nicht andersherum geplant zu haben. Es muss eine mörderische Schinderei sein (unnötig zu erwähnen, dass die Tour de France hier hinaufgefahren war). Immer wieder mal frage ich mich, wie man sich einem solchen Tal wohl von oben nähert. Was ist da oben? Einfach nur Wald, der immer steiler nach unten wegsackt und irgendwann den Blick auf den freien Fall freigibt? Nach einigen Kilometern kommt der erste Abzweig nach links, in ein Dorf in den Bergen. Die Karte verrät, dass das Dorf nicht etwa Ende der Straße ist, sondern man auf der anderen Seite wieder hinunter kommt. Mensch, wer hat solche Wege nur zum ersten Mal angelegt? Das ist doch nicht vergleichbar mit einem Hausbau oder dem Bestellen eines Ackers. Das erfordert Exploration, Planung, einen Haufen Arbeit oder Geld, und das alles für ein paar Handvoll Leute, die dann da oben leben. Sicherlich sind solche Pisten nicht das Produkt der Neuzeit, aber gerade die ersten Siedler, die da mal mit einem Wagen ’rauf wollten, muss es doch unglaublich sauer gekommen sein. Am nächsten Abzweig, wieder nach links, diesmal eine Sackgasse, trennt sich der rote Fels vom grauen. Das ganze Tal taucht ein in eine andere Stimmung. An dieser Stelle fahre ich mal hinunter zur Brücke über den Fluss, um einen Blick Flussaufwärts zu werfen und ein paar Fotos zu machen. Es ist grandios. Reichlicher Ertrag des Tages, der doch gerade seinen Mittag erreicht hat. Und so wird mir auch noch einiges bevorstehen.

Nach unten hin zur N202 weitet sich das Tal wieder etwas auf. Die Fernstraße ist unspektakulär, geradezu langweilig. Hier dominiert wieder das Kraftfahrzeug, parallel verläuft eine Kleinbahnstrecke.

Nach knapp 20 Kilometern verspricht die Route etwas abwechslungsreicher zu werden. Die Karte zeigt einen ziemlich merkwürdigen Abzweig, dem ich nach Norden folgen will, wieder in Richtung Col de la Bonette. Als ich ihn erreiche, ist er noch verworrener als im Atlas. Zunächst mal weiß ich es (natürlich) besser als die Schilder, glaube an eine Abkürzung gegenüber den Vorgaben, aber dann muss ich sogar entgegen einer Einbahnstraße wieder zurück; sonst müsste ich einen Umweg von über zehn Kilometern machen. Über einige Kurven und Brücken findet die Straße schließlich ihren Weg neben der Tinée. Mir steht jetzt noch eine Handvoll Kilometer bevor, in denen ich mich entspannt durch das Flusstal blasen lassen kann. Dann geht’s auf nach la Tour, nicht zu steil zwar, aber dauerhaft und mit langem Blick auf das versinkende Tal. Auch die Straße mit all ihren Schleifen unter mir kann ich sehen, und ich weiß mehrere Minuten vorher, welches Auto mich als Nächstes überholen wird. Da ist zum Beispiel dieser Kastenwagen einer Gärtnerei, der mich mit viel Hupen überholt. Ob das nun ein Gruß sein soll oder die Warnung an die potenziell entgegenkommenden Verkehrsteilnehmer hinter der nächsten Kurve – mich ärgert es jedenfalls. Aber was kann ich denn tun? Schimpfen hat keinen Sinn – das hört eh’ keiner; Steine hinterher schmeißen auch nicht – erst mal müsste ich welche sammeln, und dann sind sie natürlich zu schnell, und schließlich ist überhaupt nicht ’raus, wie die Reaktion auf so was aussähe. Außerdem wäre das ein Konflikt nach dem anderen. Da kommt bereits der Nächste, und manche sind in ihrem Übermut schon übel. Aber die Straße ist so etwas wie eine Sackgasse. Zwar zeigt der Atlas zwei Auswege, aber der eine ist tatsächlich nur ein Weg, und der andere ist als gefährlich eingestuft. Wir werden sehen. Und tatsächlich kommen sie alle wieder ’runter, die mir unangenehm aufgefallen sind. Den Gärtner erkenne ich schon von weitem, und mir fällt auf die Schnelle nichts anderes ein, als den rechten Zeigefinger auf die Lippen zu legen. Die Insassen verstehen mich, und verschwörerisch tun sie es mir nach. Ob der Fahrer theoretisch in der Lage wäre, mit der anderen Hand gleichzeitig zu lenken und zu hupen, weiß ich nicht, praktisch beschränkt er sich aufs Lenken, und das kommt mir sehr entgegen.

Schließlich la Tour: Ein Dorf, das auf einem Gebirgsausläufer gebaut wurde, ihn sozusagen wie eine Kappe oben herum umschließt. Ich brauche erst mal Wasser. An einer Pumpe, deren Bedienung ich mir vor einiger Zeit kundigen Trinkenden abgeschaut habe, stille ich meinen Durst und fülle die Flasche auf. Dann kommt mir der Gedanke, dass es doch einen Grund haben muss, warum so viele Autos hier einfach hoch- und dann wieder hinuntergefahren sind. Da muss doch noch etwas sein. Also fahre ich durch enge Gassen über holpriges Pflaster zum Marktplatz, wo in der Sonne des späten Nachmittags eine Menge Leute sitzen, die meine etwas ratlosen und ein bisschen neugierigen Kurven um die Bänke und an den Fassaden entlang verfolgen. Aber die Hauptrolle will ich nicht allzu lange spielen, und durch eine andere Gasse verschwinde ich wieder. Am Ortsausgang rätsle ich noch ein bisschen an der richtigen Richtung, entscheide mich dann für die Richtige, und eine beispiellose Strecke nimmt ihren Anfang.

Was jetzt kommt, ist gewiss nicht einzigartig in den französischen Alpen. Aber der Widerspruch zwischen dem, was Michelin in anmaßender Weise als »höchste Präzision« beschreibt, und der Realität klafft wohl kaum irgendwo weiter auseinander. In der Legende der Karte finden sich genaue Erklärungen dafür, wie eine Straße gekennzeichnet wird, die unbefestigt ist, wie eine schwierig zu befahrende oder gefährliche Straße (was immer das sein mag) eingezeichnet ist, und welche Symbole verwendet werden, um Steigungen zwischen fünf und neun, neun und 13 sowie darüber liegende Werte zu kennzeichnen. All das ist hier falsch: Die Route ist teilweise eine Schotterpiste. Das nenne ich unbefestigt, vielleicht schwierig zu befahren – der betreffende Abschnitt wird als ganz normale schmale, befestigte Straße gekennzeichnet. Dass er locker über zehn Prozent Anstieg hat, erst hinunter, dann wieder hinauf, das verschweigen die Meisterkartographen. Dann kommt die angeblich schwierig zu befahrende Strecke. Die ist aber jetzt in Ordnung. Gut, links ist der Hang, da mag ab und zu mal ein Stein herunterfallen oder -rollen, aber wollten alle Straßen in den Alpen als gefährlich markiert werden, an denen Steinschlag auftreten kann, dann könnte man gleich das komplette Gebirge schraffieren. Diese Straße nun wird zusehends steiler, immer steiler, und es wird unfeierlich. Es ist, als würde ich eine Wand hochfahren. Wenn hier kein Asphalt wäre, würde sich das Hinterrad schon längst durchdrehen, und ich müsste schieben. Das sind unter Garantie mindestens 15 Prozent. Die Kartenfritzen ficht das nicht an. Ich wünsche sie alle zum Teufel. Nicht mal einen einzigen Pfeil finde ich eingezeichnet, gerade so, als führte der Weg durch holländische Grachten. Man könnte jetzt einwenden, dass das dann doch schwierig zu fahren gewesen sein muss, und insofern stimmt auch die Beschreibung. Aber an anderer Stelle im Atlas wird die rot-weiße Markierung auch durch Gefälle-Pfeile ergänzt. Schwierig oder gefährlich heißt also noch nicht automatisch steil, und schließlich wird der Atlas in erster Linie an Autofahrer verkauft. Für die ist ein solcher Anstieg in aller Regel auch kein Problem. Ich darf wohl annehmen, dass wegen meiner Schwierigkeiten niemand im Verlag Abstriche am Anspruch seines Werks machen wird. Von den Gefälleangaben abgesehen sind die Karten auch wirklich gut, d.h. genau und in den Details sehr gut zu erkennen. Und deutsche Generalkarten sind in den Steigungsangaben keineswegs besser, in vielen anderen Punkten sogar deutlich schlechter. Aber sie behaupten wenigstens nicht, die allerbesten zu sein.

Schließlich erreiche ich einen kurzen Tunnel am Pass, werfe einen letzten Blick in mein Tal der Qualen, überlege mir, um wie viele »Normalkilometer« meine Schaltung auf diesem Weg wohl gealtert sein mag, und rolle mit langsam nachlassendem Groll auf Utelle zu. Rechts oben auf dem Berg versucht die Madone d’Utelle zu locken, aber da mag sein was will, eine Kathedrale, eine grandiose Aussicht, … mehr kann ich mir im Moment nicht vorstellen, und das, was mir einfällt, reizt mich nicht im mindesten.

Mit Zweifeln suche ich um diese Uhrzeit nach einem Laden, und tatsächlich findet sich eine kleine »Stube« kurz hinterm Marktplatz, wo viele Menschen den Samstagabend vor einem Lokal verbringen. Es wird kein großer Einkauf, aber trotz des geringen Umfangs geht mir ein Artikel »ins Netz«, den ich nur nach dem Geschmack auswähle, nicht aber nach der Zugänglichkeit: eine Dose Champignons ohne Patentverschluss (beachte: mein Messer war in Breil liegen geblieben).

Die Fahrt nach unten kann ich von oben ziemlich gut übersehen: immer hin und her in ein noch sonniges Tal. Also hinab! Unterwegs gibt es in einer der zahllosen Kurven plötzlich ein Geräusch und Gefühl, wie ich es leider inzwischen sehr gut kenne, trotzdem immer wieder noch einen leisen Zweifel behalte: ein dumpfer Knack. Darum halte ich an und untersuche, zu zehn Prozent hoffend, den Rest bangend, die Speichen des Hinterrades. Vergebens gehofft: Ein Draht hat sich in typischer Weise verabschiedet. Immerhin – berücksichtigt man die bisherige Wegstrecke, so haben sich die Hinterradspeichen bislang bravourös gehalten. Nun wollten sie mir wohl signalisieren, dass sie keinen weiteren Berg dieser Kategorie tolerieren werden. Der einfachste Weg wäre nun vermutlich wieder die Lockerung der Bremse, aber die ist schon vorn locker. Selbst drei Bremsen taugen nicht viel, wenn keine von ihnen richtig Biß hat. Das wäre ein zu hohes Risiko. Ich beschließe den sofortigen Ersatz, aber bis hinunter ins Tal reicht’s wohl noch mit schleifender Bremse.

Da nichts ausgebaut werden muss (nur die alte Speiche muss heraus- und die neue hineingeschraubt werden), dauert die ganze Prozedur kaum eine viertel Stunde. Wenn sich doch alle technischen Probleme so perfekt und schnell lösen ließen! – Die Straße verläuft jetzt entlang der Vésubie flussabwärts nach Südosten. Den Fluss kenne ich schon; erst vorgestern Abend bin ich an ihm einige Kilometer aufwärts nach St. Martin gefahren. Aber am Wasser ist davon natürlich nichts wieder zu erkennen. Das Einzige, was mir jetzt etwas vertraut vorkommt, ist die Verengung des Tals, die Gorges de la Vésubie … schon wieder Gorges! Habe ich schon zu viel davon, oder bin ich einfach durch den heutigen Tag auf andere Weise ausreichend bedient? Den Gorges du Cians können die hier nicht das Wasser reichen.

An der Mündung in die Var treffe ich wieder auf die N202. Dort steht auch ein kleines Dorf, und an der Durchfahrtsstraße finde ich einen kleinen Laden, der noch offen ist. Also nicht lange gezögert: Im Warenkorb landet diesmal neben anderen wichtigen Energieträgern ein Krabbensalat. An der Kasse ist mal wieder die Summe zu hoch. Die sollten mal zu Aldi gehen, um die Preise richtig zu lernen. Aber der Salat ist göttlich. Ich bin stark versucht, mir einen weiteren zu holen, aber dann machen sie den Laden dicht. Wird ja auch langsam Zeit.

Nach drei Kilometern geht es wieder von der Hauptstraße herunter, diesmal nach rechts. Flussabwärts sieht die Landschaft wenig verlockend aus: Industriegelände, ein kanalisierter Fluss, wenig Grün, viel Verkehr. Ich biege stattdessen ins Tal des Esteron ab. Neben einem Fluss fährt sich’s doch leicht in die Berge. Von wegen: Gilette liegt bereits weit oben, weit oberhalb des Flusslaufs. Aber der Anstieg ist moderat, und die Hoffnung, oben noch einmal die untergehende Sonne zu sehen, treibt mich an.

Das Tal ist sehr schön, und wenn alle Ortschaften eine so malerische Lage haben wie das Rasierklingendorf (obwohl diese Marke mit Doppel-L geschrieben wird), dann wird dies ein wertvoller Abschnitt der Reise. In Gilette ist mächtig was los, überall stehen Autos an der Straße herum, und am Ortsausgang konzentriert sich die Feststimmung um eine Apotheke herum. Hat der Pharmazeut vielleicht seine Tochter unter die Haube gebracht? Ich habe keine Ahnung und finde auch keinen plausiblen Grund; fragen mag ich lieber nicht, da stehe ich dann bloß wieder im Regen französischer Fremdwörter, und so wichtig ist es ja auch nicht.

In Pierrefeu versuche ich das erste Mal, in einer Gaststätte Quartier zu finden. Als ich frage, ob ein Zimmer frei ist, schauen sich Wirtin und Wirt kurz an und dabei fällt ihnen ein, dass kein Zimmer frei sei. Das leere Lokal spricht Bände. Da sagt man doch besser gar nichts und geht ganz schnell wieder – am Ende überlegen sie es sich noch mal anders. In Roquesteron wird es schon dunkel, aber vor diesem Hotel ist so viel Leben, dass ich es ohne weiteres glauben könnte, wenn nichts mehr frei wäre. Indes, der Wirt hat noch was für mich. Die Zimmer mit Dusche sind mir ein bisschen zu kostspielig, aber er kann mir auch eines ohne anbieten, und da zögere ich denn auch angesichts der Unterkünfte der letzten zwei Wochen nicht lange. Er zeigt mir das Zimmer und das Bad, und dann setzt mein Abendprogramm ein.

Bis halb zwölf stehe ich am Waschbecken und spüle hoch belastete Abwässer aus meiner Wäsche. Der Dreck ist beeindruckend, meine Fracht sollte eigentlich spürbar leichter werden. Danach spanne ich meine Wäscheleine quer durchs Zimmer, hänge alles auf in der Hoffnung, dass es bis zum Morgen einigermaßen trocknet, und nehme dann selbst ein Bad. Unbeschreiblich! Man sollte jeden Vollbader dazu verdonnern, vorher mindestens ein paar Tage durch die Alpen gewandert (zu Fuß oder mit dem Fahrrad) zu sein, damit er weiß, was er an dem Bad hat. Kurz nach Mitternacht krieche ich ins Bett, und das ist nach den vielen Nächten im Schlafsack schon was außergewöhnlich Gutes.

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