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25. Juni

Saint Sauveur-sur-Tinée – D2205 – Saint Etienne-sur-Tinée – D2205xD64 – Col de la Bonette – Cime de la Bonette – D64xD900 – Barcelonnette – D902 – Gorges du Bachelard – Col de la Cayolle – D2202 – Guillaumes (150 km)

Die Nacht war erstaunlich gut, wenn auch kurz. Zwar lärmte der Fluss neben mir, zwar ließ die harte Bank kaum Möglichkeiten zur Veränderung der Lage zu, aber meine Jacke als Kopfkissen, der Schlafsack an sich … na, und vielleicht auch die zweieinhalb nicht zu vernachlässigenden Pässe des gestrigen Tages und die Toleranz der Nachtschwärmer und Frühaufsteher von St. Sauveur haben ihren Teil dazu beigetragen, dass ich fast ohne Pause geschlafen habe. Es ist noch früh am Morgen, aber ich gönne mir keinen 7-Uhr-Schlummer mehr; denn was heute auf meinem heimlichen Programm steht, das verlangt nach Disziplin. Die Routenplanung sagt schließlich nur, wo es langgeht, nicht aber, was davon an welchem Tag zu schaffen ist. Ich dagegen sage, dass heute zwei fette 2000er Pässe dran sind: Der Col de la Bonette und der Col de la Cayolle. Und ersterer wird immerhin von vielen Leuten für den höchsten der Alpen gehalten. Ich teile diese Auffassung nicht, aber den höchsten Punkt meiner Reise will ich hier tatsächlich erklimmen.

Davor hat der Herr aber viele Mühen gestellt, und ein wesentlicher Teil davon lässt sich allein aus der Subtraktion meiner gegenwärtigen Höhe (500 Meter über dem Meeresspiegel) von der Passhöhe (2715 Meter) ermitteln. Das sagt freilich noch nichts über die Steilheit der 54 Kilometer langen Strecke. Michelin stellt mir zwei Abschnitte mit über neun Prozent Anstieg in Aussicht; demzufolge dürfen die letzten 15 Kilometer getrost als Herausforderung der Sonderklasse angesehen werden. Aber solche Erörterungen sind wenig motivierend. Sie veranlassen mich lediglich, eine Sonderration Powerbar vorzusehen; gleich fünf Riegel hole ich aus meinem unerschöpflichen Vorrat hervor, um sie dort zu verstauen, wo es am ehesten schön warm ist: in der Hosentasche. Ansonsten sind meine Reserven eher knapp, aber wozu soll ich mich am Berg unnötig belasten?

Die Gedanken zur zu überwindenden Höhendifferenz haben dennoch einen Sinn. Ich kann mir nicht einfach sagen: »Da musst Du hoch!« So was zieht nicht einmal eine halbe Stunde lang. Disziplin braucht häufige Erneuerung, und die speist sich aus der Unterteilung der Strecke nach fast beliebigen Kriterien. Machen wir uns nichts vor: So eine Auffahrt ist meist nicht grandios genug, um irgendwann zwangsläufig oben zu sein. Wenn das so wäre, könnte ich mich unterwegs vor Radfahrern kaum retten. Sie ist neben all der Naturschönheit schlicht und ergreifend anstrengend, und zwar über einen ordentlichen Zeitraum. Meine Unterteilung sind die Stunden, die ich bis nach oben brauche, und ich nehme mir knappe sieben Stunden vor und errechne dafür einen Schnitt von 360 Höhenmetern pro Stunde. Das ist eine gute Zahl; denn sie ist zu schaffen und ich kann sie theoretisch jede Minute kontrollieren, ohne viel rechnen zu müssen, sofern nur eine aktuelle Höhenangabe existiert. Freilich stehen mir auf den ersten 30 Kilometern nur gute 800 Meter bevor, aber das ist ja immerhin schon ein substanzielles Hindernis, und mit etwas Tempo werde ich wohl auch hier zügig an Höhe gewinnen.

Als erstes stellt sich die gestrige Annahme, es gehe gleich zu Beginn steil in die Berge hinauf, als Irrtum heraus. Die Lichterkette beleuchtete eine andere Straße. Das bleibt mir also erst mal erspart. – In Isola opfere ich meine Light-Ambitionen dem Vitamin-Bedarf. Obst wiegt im Allgemeinen schwer, aber solange es nicht gleich fünf Kilo sind, macht es sich bei meiner Last ohnehin kaum bemerkbar. Filme? Sind immer noch sehr teuer. Es muss also ohne Ergänzung der Vorräte gehen. Um nicht alles einpacken zu müssen und weil das Essen sowieso irgendwann dran ist, verfrühstücke ich gleich einen Teil meiner Neuerwerbungen. Und während ich da so stehe, rauscht die Luft plötzlich dicht über meinem Kopf. Bevor ich reagieren kann, ist es wieder weg: Eine Schwalbe! Was ist denn in die gefahren? Während ich mir darüber Gedanken mache und versuche, Pfirsichsaftverluste zu vermeiden, kommt sie wieder an – wie ein Stuka-Flieger, nur dass sie glücklicherweise nichts ablädt. Das kann doch kein Zufall sein! Mir fallen Alfred Hitchcocks »Vögel« ein. Sollte sie im Sturzflug noch den Vorsatz haben, in diesem Gestrüpp (den sorgfältig selbstgestutzten Haaren) zu landen, sich bei näherer Betrachtung aber regelmäßig eines anderen besinnen, um dieses Erlebnis innerhalb weniger Sekunden zu vergessen und die Erfahrung dann neu machen zu müssen? Oder habe ich etwas an mir, was sie reizt? Aussehen, Geruch, Nähe zum Nest ihrer Jungen? Ich sehe doch nicht viel anders aus als all die anderen Menschen hier auch. Gut, ungepflegt halt, aber dafür haben Schwalben doch bestimmt keinen Geschmack. Ich mache ein paar Schritte. Unbeirrt hält der Vogel (vielleicht ist es auch jedes Mal ein anderer, sie verschwinden nach jeder Attacke) erneut auf mich zu. Na, also das ist doch ein Grund zur Weiterfahrt.

Der erste überflüssige Beitrag zur Bezwingung des Passes kommt in St. Etienne. Als sich die Straße aus dem Tal verabschiedete, noch bevor der letzte wichtige Ort passiert war, ahnte ich schon, dass dies eine Luxus-Steigung werden würde. Von wegen Luxus! Der Hang auf der gegenüber liegenden Seite des Tales macht einen ziemlich labilen Eindruck. Verständlich, dass zu dessen Füßen keine wichtige Straße mehr langgeführt werden soll. Jedenfalls bin ich jetzt wieder »unten«, nunmehr auf 1144 Metern.

In St. Etienne wartet ein größeres Aufgebot an Rennfahrern. Worauf? Keine Ahnung, es scheint, als warteten sie auf Nachzügler, die bereits wieder vom Pass herunterkommen. Es gibt ja Gerüchte, nach denen es inzwischen sogar Leute gäbe, die sich mit dem Bus zum Pass kutschieren lassen, um dann von dort sportlich gestylt und gut deodoriert die Abfahrt zu genießen. Aber nur kein Neid: Mit einem Rennrad und ohne Gepäck ist die Auffahrt von hier aus wohl in zwei, drei Stunden zu machen, und wer um sechs aufbrach, kann jetzt leicht wieder da sein. Jedenfalls kommen mir auf der weiteren Fahrt zwar viele Fahrer mit im Wind knatterndem Trikot entgegen, überholen tut mich indes keiner. Wer fährt auch ausgerechnet durch die Mittagshitze? Bei Lichte betrachtet ist die Hitze aber durchaus erträglich, genau genommen nur ein relativ mildes Temperaturmaximum, moderat vor allem durch die alpine Höhe. Die lässt mich vor allen Dingen Sorge um Gesicht, Ohren und Hände haben. Ich gehe davon aus, dass die UV-Belastung da oben nicht von schlechten Eltern sein wird und krame den Sun-Blocker hervor. Für alle anderen Fälle haben es bislang geradezu homöopathische Dosen einer Faktor-6-Creme getan.

Aber noch ist es nicht soweit. Einstweilen freue ich mich über das tolle Wetter und mache mir Gedanken über die Wühlereien, die der kleine Mensch, etwas vergrößert um seine technischen Errungenschaften, in den großen Bergen anstellt. Dort ist der Berg abgegangen, und die Straße macht vorerst behelfsmäßig einen Bogen um das neue Hindernis. Hier wird für irgendwelche Zwecke im Flussbett gebaggert. Wie tief es wohl tatsächlich ist? Man müsste – wieder einmal – einen großen Staubsauger haben und alles absaugen können. Vielleicht ist es besser, dass man es nicht kann. Was Menschen alles so für Ideen haben.

Langsam geht es zur Sache. Ich liege relativ gut in der Zeit, und das ist angesichts der Steigungen auch notwendig; es wäre abenteuerlich, das alles nonstop abspulen zu wollen, jedenfalls mit einer Gangschaltung, die vollen Krafteinsatz erfordert. Ich durchfahre die letzte bewohnte Ortschaft, ein verlassenes Hotel, in dem einstmals auch deutsches Bier zu haben war, wie ein rostendes Schild verkündet, schließlich eine verfallene Siedlung, früher wohl mal von Minenarbeitern bewohnt, jetzt Touristenattraktion mit der einen oder anderen Informationstafel. Inzwischen ist der Cime de la Bonette sichtbar geworden. Die Strecke macht den Eindruck, als hätte sie es darauf angelegt, die höchste zu werden. Sollte da wirklich nirgends ein niedrigeres Durchkommen möglich gewesen sein? Jedenfalls findet sich im weiten Umkreis kein Berg, der höher als dieser Gipfel ist, und der Pass liegt gerade mal 100 Meter darunter. Ein kurzer Blick auf die Karte bestärkt mich in meinen Fragen. Da sind gleich zwei Pässe, mehrere 100 Meter tiefer, quasi um die Ecke. Dieses nur wenige Monate im Jahr befahrbare Stück Straße kostspielig zu unterhalten kann doch eigentlich nur touristische Bedeutung haben. Aber das ist mir jetzt egal. Wenn es zusätzlich einen niedrigeren Pass gäbe, würde ich trotzdem über den höchsten fahren.

Ein sichtbarer Pass kann sehr weit entfernt sein, vor allem kann er viel höher liegen, und logischerweise kann es lange dauern, bis man ihn erreicht. Ein Österreicher überholt mich mit seinem Wohnmobil, und noch lange sehe ich ihn durch das Gebirge fahren, von Ausläufer zu Ausläufer und immer mal wieder dazwischen aus dem Blickfeld verschwindend. Gut, er rast nicht gerade, aber wie lange soll das dann erst bei mir dauern? Eben quäle ich mich die zweite als besonders steil ausgewiesene Strecke hoch, und ich habe so meine Zweifel, dass dies höchstens 13 Prozent sind. An der Straße steht aber kein Schild, das mehr verkündet, und Michelin beschränkt sich auf zwei Pfeile. Jedenfalls schaffe ich es nicht, meine Vorgabe zu halten. Vielleicht liegt es daran, dass ich noch zwei Riegel Powerbar übrig habe. Aber ich mag einfach nichts mehr von dem Zeug. Und Hunger habe ich auch nicht gerade.

Nach einer Weile wird rechts der Blick auf eine theoretische Alternative zum Col de la Bonette sichtbar: Dort geht’s auf der anderen Seite zu Tale, wenn auch ohne Weg und Straße – ich habe den Col de Raspaillon erreicht, und nun fehlen nur noch 200 Meter bis oben, Höhenmeter wohlgemerkt. Nebenbei bemerkt wird die Luft langsam dünn. Rechts verfällt ein Geschützstand und Bunker. Ein Wahnsinn, hier oben Krieg zu führen.

Schließlich ist es geschafft. Eigentlich jedenfalls. Aber wenn ich einmal hier bin, und wenn schon noch die Schleife um den Cime de la Bonette führt, und wenn der denn das höchste Stückchen Straße in Europa darstellt, dann will ich mir doch nicht vorhalten lassen, dass ich nur sozusagen »über die Mauer gekrabbelt« bin, um gleich wieder auf der anderen Seite herunterzuklettern. So viel Zeit muss nun schon noch sein. Und so viel Courage: Das letzte Stück ist im wahrsten Sinne des Wortes der Gipfel, steiler und ungemütlicher als den ganzen bisherigen Tag über. Ein deutsches Ehepaar kommt mir zu Fuß entgegen (die Weiterfahrt ab dem Pass ist eigentlich verboten) und klatscht Beifall. Da geht der Unmut über dieses außergewöhnliche Hindernis mit mir durch und der Ärger darüber, dass die Ignoranz der Konsequenzen des Autofahrens so leichtfüßige Gipfelbesuche ermöglicht, und ich erwidere: »Mit 80 PS unterm Hintern ist Applaus leicht!« Die Frau sagt darauf in versöhnlichem Ton: »Na, darum klatschen wir ja auch.« Und der Mann meint irgendetwas, das ich an seiner Stelle wahrscheinlich auch gesagt hätte. Wenige Augenblicke später tut es mir leid, aber jetzt bin ich oben und fahre nicht für eine Entschuldigung wieder hinunter, bevor ich hier alles gesehen habe. Die letzten Meter muss aber auch ich mein Fahrrad stehen lassen und laufen. Misstrauisch werfe ich während des Fußmarsches Blicke auf ein paar Belgier, die sogar diese letzten Meter Straße mit dem Auto gefahren sind, bis es eben nicht mehr weiterging. Zu allem Überfluss tragen sie Radfahrertrikots und fotografieren sich gegenseitig an einem Gedenkstein nach dem Motto: »Seht her, wir haben’s bis hier oben geschafft!« – Der Gipfel ist unspektakulär. Dort stehen nur zwei Tafeln, die all die Berge zeigen, die man vielleicht an zwei Tagen im Jahr von hier aus sehen kann. Ansonsten ist der Berg ziemlich tot; nur ein paar Moose halten in dieser Höhe die Stellung.

Dann will ich mich also nicht länger aufhalten und mache mich an die Abfahrt. Beinahe habe ich sie unterschätzt. Es ging doch auf der anderen Seite so steil hoch, und wenn diese hier auch zum Pass hinunterführt, sollte sie wohl ähnlich steil sein. Da liegt plötzlich 30 oder 40 Meter vor mir ein größerer Stein, ein halber Kühlschrank etwa, und für die Kurve, die mich ihm ausweichen ließe, bin ich einfach zu schnell. Also ’runter mit dem Tempo! Aber wie, bei diesem Gefälle? Die nächsten zwei, drei Sekunden werden eine mordsgefährlich knappe Angelegenheit, und sie schärfen mir für den Rest des Tages die Sinne. Am Pass atme ich noch einmal kurz durch, ziehe mir meine Jacke über, was ein Rennfahrer nicht kann, der es auch gerade geschafft hat, aber er macht dafür ein Foto von mir und meiner Ladung, weil ihm diese Last auf einem Fahrrad hier oben gar zu ungewöhnlich erscheint, und dann geht es hinab nach Barcelonnette.

Der Ort liegt gut 1100 Meter über dem Meeresspiegel. Das wird also eine anständige Abfahrt. Und sie wird dauern. Und ich werde mir im Tal die Frage beantworten müssen, ob ich dann noch den Col de la Cayolle schaffe. Der bedeutet immerhin weitere knappe 1200 Höhenmeter – netto wohlgemerkt. Wer weiß, wie viele Wellen da noch sind. Außerdem wohnt Pascal in Barcelonnette, und ich hatte versprochen, ihn nach Möglichkeit zu besuchen. Meine Route passiert den Ort aber nur einmal. Entweder ich versuche es heute, oder ich ändere eine spätere Route, oder ich breche mein Versprechen. Aber damit muss ich mich im Moment nicht belasten. Erst einmal geht es zu Tale.

Linkerhand wird die zweite, echte Alternative zum Col de la Bonette sichtbar: Der Col de la Moutière ist ein richtiger Pass – da geht es rechts und links des Sattels gehörig in die Höhe. Auch dort verläuft keine Straße, sondern nur ein Weg, aber immerhin. – Im Laufe der Abfahrt wird es warm, im Tal richtig heiß. Es ist halb fünf. Eigentlich wollte ich gegen 16 Uhr Barcelonnette in Richtung Col de la Cayolle verlassen. Ich überlege, ob 17 Uhr vielleicht auch noch reicht. Die Höhe des Passes lässt sich dadurch freilich nicht herunterrechnen. Aber selbst mit der neuen Frist muss ich erst mal Barcelonnette erreichen. Das sind neun Kilometer gegen den Wind, wenn auch flussabwärts. Unterwegs überhole ich eine Gruppe Radfahrer, und denen teile ich auf Anfrage bereits meinen Entschluss mit, den Cayolle heute auch noch überwinden zu wollen. Unter diesen Umständen versuche ich lieber gar nicht erst, Pascal zu erreichen. Am Ende ist er gar zu Hause, und ich hätte dann kaum eine Ausrede, seine Einladung gerade heute auszuschlagen. Das ist der Tag, um Bäume auszureißen. Kaum einmal bekomme ich sonst die Berge so maßgeschneidert vorgesetzt. Also plündere ich an der Ausfahrt von Barcelonnette meine letzten Vorräte, Getränke eingeschlossen.

Und wie ich da so sitze und über meine vergeblichen Versuche nachdenke, auf den angrenzenden Grundstücken auch nur einem einzigen Menschen zu begegnen, den ich um Wasser hätte bitten können, fährt auf der Ausfahrt nach Süden ein Mädchen auf einem Mountain-Bike vorbei. Dazu muss man wissen, dass diese Fahrräder (die hier natürlich V.T.T., also vélo tout-terrain, genannt werden) in diesem Teil Frankreichs vergleichsweise selten sind, jedenfalls viel seltener als Rennräder. Auch wenn ich glatt eine Wette wagen würde, dass dieses Wesen gleich um die nächste Ecke biegen wird, damit sich nicht irgendwo ein Tröpfchen Schweiß an verborgener oder gar offen sichtbarer Stelle sammeln möge (außerdem ist sie allein unterwegs, und Französinnen habe ich bisher nur auf dem Rennrad und nur in Gruppen mit Männern fahren sehen), fällt mir bei ihrem Anblick sofort ein, dass ich ja ursprünglich schon viel früher zum Pass aufbrechen wollte. Dann blicke ich in meine Hände: alles ausgetrunken, alles aufgegessen. Was hält mich hier eigentlich noch? Das Irrationale meines Tuns wird mir zwar rasch bewusst, aber ich habe wahrhaftig einen guten Grund, in dieselbe Richtung zu fahren wie sie. Und sie biegt nicht bei erster Gelegenheit ab. Ich ertappe mich bei dem Gedanken, sie könnte vielleicht auch zum Pass fahren. Wie töricht! Alles was recht ist, aber wäre dies das Gefährt meiner Wahl? Und würde ich nicht wenigstens eine Kleinigkeit zu essen mitnehmen? Sicher, die Rennfahrer haben auch nicht dergleichen im Gepäck, aber die haben eben auch ein Rennrad und sind dazu eine Idee schneller.

Ich fahre einfach erst mal hinterher. Schließlich soll man im Urlaub nicht hetzen, und den Berg hinauf schon gar nicht. Solange ich – in geziemendem Abstand – hinter ihr herfahre, kann ich sie zwar nur von hinten betrachten, aber sobald ich sie überholt habe, überhaupt nicht mehr, es sei denn, ich würde mich indiskret umdrehen. Und schließlich fährt sie zwar etwas langsamer als ich, trödelt aber nicht gerade. Da kann ich diesen Schritt in aller Ruhe bedenken. Hätte ich wohl was zu sagen? Oh Gott, mein Französisch! Überhol sie lieber rasch und dreh Dich nicht um! Alles andere kann doch nur peinlich werden.

Beim Überholen fange ich den Duft eines Parfüms ein. Es ist keine betäubende Wolke, wie ich es manchmal abstoßend erlebe, sondern nur ein Hauch. Eigentlich Quatsch vor einer Tour in die Berge, aber dass sie die vorhat, ist ja auch nur reine Spekulation. – Sie hat ein schönes Gesicht. Aber Anstarren ist eben nicht opportun, außerdem spielt die Musik vorn, auf der Straße. So lasse ich sie zurück. Allein, der Weg ist voller Tücken: Da wäre als erstes der Brunnen am rechten Straßenrand. Es ist wohl verständlich, dass ich vor solch einem Aufstieg meine leeren Flaschen füllen möchte. Ich tue es und werde dabei überholt. Meine Wette hätte ich also spätestens hier verloren.

Nächstes Überholmanöver. Mir ist doch noch etwas eingefallen. Aber mein Gruß gelingt mir so »perfekt«, dass sie nicht mal den versteht und zurückfragt. Die wie gesagt eher rhetorische Frage, ob sie auch zum Pass unterwegs sei, verneint sie und sagt dann etwas, das ich so deute wie: »So weit, wie ich heute komme und dann wieder zurück.« Aha. Das war unsere gesamte Konversation.

Wenige Minuten später das zweite unerwartete »Hindernis«: Eine malerische alte Brücke über den Fluss, eine andere über einen Bach aus einem Seitental. Da ich mir abgewöhnt habe, während der Fahrt freihändig zu fotografieren, muss ich anhalten. Verstohlener Blick nach hinten: Ob sie wohl schon umgekehrt ist? Nein, sie taucht hinter einer Kurve auf. Respekt! Ich mache mein Foto, aber dann fällt mir nichts mehr ein, was mich überzeugend aufhalten könnte, und so fahre ich wieder weiter. Einmal geht das noch nach diesem Schema, und dann sehe ich sie nicht mehr.

Ich sollte wirklich noch einmal Pascal besuchen und ihn als Such- und Identifikationsdienst einspannen. Aber wie wäre das wohl, wenn mich jemand beauftragte, in Büchenbach einen Mann oder eine Frau ausfindig zu machen, die sagen wir mal ein gelbes Moped hat und am 8. Juli damit nach Kosbach unterwegs war. Blödsinn, wie sollte das gehen?

Ich muss mich also mit dem Tal trösten, und das ist, verglichen mit vielen anderen, durch die ich bislang gefahren bin, noch am ehesten dazu geeignet. Die Abendsonne beleuchtet eine Straße, auf der sich kaum zwei PKW begegnen könnten, geschweige denn größere Fahrzeuge. Es kommt auch selten eines. Birken verleihen dem Fluss und der Straße eine besondere Note. Ich kann mich nicht erinnern, so etwas sonst irgendwo auf dieser Reise gesehen zu haben.

Nach 20 Kilometern – es ist inzwischen nach sieben – geht es rechts nach oben und damit ein wenig mehr zur Sache. Am Fuß dieser besonderen Auffahrt steht ein Mann mit seinem Reisefahrrad. Macht er eine Pause? Nein, er wartet auf seine Begleiterin, die – wohl etwas vorsichtiger – ihm durch die Kurven folgt. Die Stelle ist übrigens gerade mal sechs Kilometer Luftlinie vom Cime de la Bonette entfernt (und 1000 Meter niedriger). Ökonomisch großer Blödsinn, aber ich fahre ja nicht mit dem Ziel der Wirtschaftlichkeit. Mit der Auffahrt verändert sich das Landschaftsbild. Lärchen stehen licht auf der Alm, und als weiter oben die Bäume immer weniger werden, sehe ich sie wieder: die Murmeltiere. Die possierlichen Tiere sind eigentlich nicht niedlich, weil sie nicht eben handlich wirken, aber wenn sie bei meinem Anblick erst warnend pfeifen und dann entweder querbeet über die Wiese oder direkt in den rückwärtigen Bau flüchten, walzen oder kullern sie in ihrer Fülle gleichsam über den Boden, und das sieht schon lustig aus. Eines ist wohl gerade nicht in der Nähe des Baus und nimmt deshalb den Weg quer durch die Botanik. In der nächsten Kurve begegnen wir uns unerwartet wieder. Aber es hat natürlich noch kein Vertrauen gefasst und flüchtet erneut. Einem weiteren Tier kann ich mich bis auf drei, vier Meter nähern. Es sitzt direkt vor seinem Bau an der Straße und hat mich wohl erst sehr spät wahrgenommen. Und dann gibt es auch welche, die weiter entfernt von der Straße sitzen und sich ungefährdet fühlen, meinen Weg aber wachsam verfolgen.

Und irgendwann bin ich oben. Es ist inzwischen halb neun, und obwohl ich mir einen engagierten Wettlauf mit der Sonne geliefert habe, liegt der Pass leider inzwischen im Schatten. Das Pass-Foto wird also nicht so toll, und ich muss es auch selbst machen, weil hier wie gesagt nicht viel los ist. Die Abfahrt ist wie immer eine rasante Angelegenheit. Unterwegs treffe ich noch einen Fuchs und ein Reh, das ist dann alles aus der Fauna (von Vögeln und Insekten mal abgesehen). Im Übrigen gefällt mir die Gegend nicht so besonders. Alles sieht irgendwie dreckig aus, bis mir auffällt dass der Fels schwarz ist, irgendein Schiefergestein, und auf dem wächst wohl weniger als auf Kalkstein oder Sedimenten.

In St. Martin befinde ich mich inzwischen wieder auf »Überlebenshöhe«, und da es mit Macht dämmert, stellt sich die Frage nach der Übernachtung. Ein Hotel, das Zimmer ab 180 Francs offeriert, ignoriere ich als zu teuer, und so kommt der Ortsausgang, und dann muss es wohl Guillaumes sein. Die Reize der Strecke, z.B. den Tunnelreigen unterwegs, nehme ich nicht mehr so besonders gut wahr. Es wird halt dunkel. Außerdem konzentriere ich mich mental schon auf die Übernachtungsfrage. Guillaumes macht auch zunächst den Eindruck, als müsste sich dort leicht etwas finden lassen, aber natürlich ist mir klar, dass auf diese Idee am Freitag auch andere kommen, und zwar früher am Tag. So befindet das erste Hotel am Platz zunächst mal oberhalb meiner preislichen Vorstellungen. Und als ich dann feststelle, dass es auch das einzige Gasthaus im Ort ist und zähneknirschend zurückkehre, erfahre ich, dass es belegt ist. Also schlecht, es wäre ja wirklich mal wieder Zeit für eine kultivierte Übernachtung gewesen, aber vielleicht bin ich den Hoteliers auch zu unkultiviert, obwohl ich der Wirtin ihre Auskunft abkaufe.

Als Ausgleich beschließe ich, gepflegt zu dinieren. Was heißt gepflegt? Eine Pizza möchte ich haben. Sie hat einen ausgefallenen Namen und eine viel versprechende Zutatenliste, und der Koch macht sich nach meiner Bestellung gleich auf den Weg. Als er dann aber fertig ist, finde ich, er hätte weniger sparen können. Das, was den Gehalt wertvoll macht, findet sich nur in Spuren auf der Pizza; nichtsdestoweniger schmeckt sie sehr gut, ich bin einigermaßen satt, und schließlich soll man ja nicht mit zu vollem Magen ins Bett gehen. Dieses will indes erst noch gefunden werden. Zu einem Zeltplatz habe ich keine Lust, wo ich doch gar kein Zelt habe (da gehen bloß wieder Diskussionen über die Gebühren los); denn dort lauern bestimmt wieder die Mücken. Außerdem müsste ich den Ort in einer Richtung verlassen, in die mich meine Route gar nicht führt. Das hieße, dass ich morgen wieder zurück müsste.

Auf einem dunklen Platz seitlich der morgigen Ausfahrt stöbere ich nach einem Lager herum. Nach einer Weile finde ich an einen Schuppen gelehnt neben anderem Schrott ein Klappbett, eine geradezu fürstliche Liegestatt. Es ist etwas schmutzig und verstaubt, aber das bin ich auch, und damit sich wenigstens über mich niemand beklagen kann, wasche ich mich am nahen Brunnen. Dann breite ich den auch nicht mehr so ganz geruchlosen Schlafsack über alles, was am Klappbett nicht so toll aussieht, verkrieche mich darin, finde es fast etwas zu weich und suche den Schlummer. Auf der gegenüber liegenden Seite werden im Licht der Straßenlaternen noch bis in die tiefe Nacht hinein irgendwelche Ballspiele veranstaltet, aber irgendwann ist meine Müdigkeit stärker als die Rufe und Pfiffe, und ich schlafe ein.

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