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24. Juni

Col de Tende – Casterino – D91 – Saint Dalmas-de-Tende – N204 – Saorge – Breil-sur-Roya – FxI – (N204)x(D93) – IxF – D93xD2204 – Sospel – D2566 – Col de Turini – la Bolléne-de-Vésubie – D2565 – Saint Martin-Vésubie – Col Saint Martin – Saint Dalmas – D2565xD2205 – Saint Sauveur-sur-Tinée (151 km)

Ich kann nicht gerade sagen, dass ich vom kalten Morgenwind geweckt worden bin, aber dass draußen ein außergewöhnlich frisches Lüftchen weht, kann ich förmlich wittern. Sinn der Wahl gerade dieses Lagers war ja, davon unmittelbar möglichst wenig abzubekommen, und im Zusammenspiel mit meiner arktischen Bekleidung hat sie ihren Zweck auch erfüllt. Ich lebe also noch, aber was wird sein, wenn ich mich aus dem Schlafsack gepellt habe? Die Frage ist allerdings bei genauer Betrachtung müßig – ich muss hier irgendwann ’raus. Glücklicherweise ist mit diesem Vorgang nicht das klassische Schema »heraus aus dem Schlafanzug, hinein in die Tageskleidung« verbunden, sondern ich krieche praktisch ready to go aus meiner Schlafhülle, und nun muss ich nur noch sehen, wie ich mit meinen etwas klammen Fingern erstens den Schlafsack eingerollt und dann ein paar gut gekühlte Puddingbecher geöffnet kriege. Frühstück muss schließlich sein, und es heißt ja, dass man mit heißen Getränken dem Magen schadet. Es gelingt mir, diese auch tatsächlich zu vermeiden. Dann krabbele ich wieder durch meine Kanonenschießscharte und stelle beruhigt fest, dass mein Fahrrad noch immer unversehrt und unerschütterlich dort steht, wo ich es am Vorabend zurückgelassen hatte.

Das Wetter ist prima; dass hier oben Wind weht, ist bei der freien Lage völlig normal. Im Tal ist es etwas diesig, vor allem aber schattig. Meine »Zahncreme«-Aufnahme der Strecke der gestrigen Auffahrt wird unter diesen Umständen zumindest im Augenblick nichts. Vielleicht später. Der Reiseführer stellt mir eine Kammfahrt in Aussicht, und Fahrten über die Spitzen einer Gebirgskette – oder am besten: an ihnen entlang – gehören unbestritten zu den schönsten Routen mit viel Ausblick. – Ich bin schon nicht mehr allein: Ein Wanderer hat den beschwerlichen Weg schon am frühen Morgen unternommen. Gut, wenn man unter solchen Umständen seinen Range Rover dabei hat. Dann ist es nicht ganz so mühsam. Ein etwas geländegängigeres Fahrzeug wünschte ich mir jetzt auch; denn die Schotterpiste von gestern Abend ist noch keineswegs zu Ende. Ich verwerfe auch die Überlegung, vielleicht noch ein bisschen in den Gebieten östlich meines Quartiers den Kamm zu explorieren; denn erstens geht’s dort noch weiter nach oben, und zweitens lässt die Qualität des Weges doch sehr zu wünschen übrig, und ich will die Geduld meiner Reifen nicht unnötig strapazieren. In Richtung Westen ist es aber auch nur eine Schotterpiste (wohlgemerkt: Schotter, nicht Splitt). Gelegentlich wünschte ich mir, es möge ein riesiger Staubsauger kommen und all das lose, scheinbar funktionslose Gestein vom Weg saugen. Solange diese Steine nicht eines Tages unter dem Gewicht schwererer Fahrzeuge in den Untergrund gepresst werden, machen sie Passanten zu Fuß wie auf Rädern wirklich nur das Leben schwer. Auf einigen hundert Metern findet sich von Zeit zu Zeit eine dünne Asphaltschicht, die hier vor langer Zeit einmal auf wundersame Weise hergekommen sein muss. Warum gerade hier, warum nur ab und zu, von wem?

Die Passstraße ist gesäumt von verfallenen »Burgen« und Kasernen aus den letzten beiden Jahrhunderten. Je älter, desto trutziger und rustikaler sind die Bauwerke, und es kommt mir so unwirklich vor, hier so etwas zu sehen. Es muss ein erbärmliches Leben gewesen sein, das die Soldaten hier im Winter geführt haben (und wie ich erlebt habe, dürfte es selbst in der warmen Jahreszeit frisch gewesen sein). Und in einer Gegend, in der die Bewohner der Bergdörfer vermutlich das ganze Jahr über mit dem Daseinskampf zu tun gehabt haben, musste das Militär hier oben seine Animositäten austragen, und dabei hat sich doch an den Grenzverläufen wenig geändert. Hier erfahre ich auch, dass das Roya-Tal bis nach dem Zweiten Weltkrieg italienisch war. Guckt man sich die Ortschaften in ihrer Bauweise und Architektur an und den Verlauf des Tales, so gehört es logisch nach wie vor zu Italien: Die Europastraße kommt aus Italien (Ventimiglia an der Küste) und führt auch wieder dorthin (über den Tunnel de Tende). Aber das war wohl der Tribut, den das faschistische Italien nach dem Krieg zahlen musste. Immerhin, die Dörfer haben schon seit viel längerer Zeit zu Frankreich gewollt; denn der Wechsel kam durch einen Volksentscheid zustande.

In einer Kurve scheuche ich zwei Murmeltiere auf. Es müssen Murmeltiere sein. Ich habe zwar noch nie welche in freier Natur gesehen, aber ich bin mir ziemlich sicher. Sie rollen durch große Felsbrocken und Geröll, als bestünden sie nur aus Watte. Ich hätte mir bei einer Flucht in diesem Tempo schon längst alle Knochen gebrochen.

Dann kommt eine Stelle, von der aus ich die gestrige Auffahrt im Blick habe. Es ist noch immer diesig, und lange Schatten machen es schwierig, das eigentliche Motiv im Sucher auszumachen. Ein Meisterfoto wird das wahrscheinlich nicht, aber schließlich habe ich auch die »Pflicht« zur Dokumentation. Da muss nicht alles schön sein. Nach getaner Aufnahme fliegt mir erst mal das Weitwinkelobjektiv herunter – diesmal ohne Hülle. Mir fährt ein Schreck durch die Glieder, und ich ahne das Schlimmste: Das Teil ist unersetzlich! Aber ich habe Glück: Ein schmaler Aluminiumring außerhalb der vorderen Linse hat den Fall abgefangen, ist zwar etwas verbeult, aber das ist das eindeutig kleinere Übel.

Weiter geht’s. Der Kamm ist eindeutig nicht autofrei. Da ist schon der nächste Tourist. Dann sind ein paar Schäfer im Gange, Zäune zu versetzen. Dass die ein Kraftfahrzeug brauchen, ist einzusehen, weil sie sonst ihren Kram nicht hier hochkriegen. Die Straße steigt wieder an, und während der Pass noch den Eindruck vermittelte, als befände ich mich oberhalb der Baumgrenze, wachsen hier, jenseits der 2000 Meter, Lärchen und machen die Alm zur Bilderbuchlandschaft. Das Einzige, was diesen Eindruck trüben könnte, ist der Zustand der Straße. Ich lasse kurz vor dem höchsten Punkt des Kamms das letzte Stück Asphalt hinter mir, und jetzt geht der Weg in einen Zustand über, der je nach Geschwindigkeit und Beschaffenheit des Gefährts sogar Mountainbike-Fahrer das Fürchten lehren kann. Ich leide mit meinen Felgen, den Schläuchen und den Reifen. Vorder- und Hinterrad werden glücklicherweise einigermaßen gleich belastet, da das Vorderrad stärker beladen ist und durch das Bremsen zusätzliche Kraft aushalten muss, das Hinterrad aber erst mal mich trägt. Und diese Tretmühle (nein, treten muss ich nicht, nur unentwegt bremsen; denn die Abfahrt geht fast im Schritttempo vor sich) erstreckt sich über 500 Höhenmeter. Es dauert also. Und die Höhe ist keineswegs ein Bonus, der mich besonders schnell und besonders weit bringt. Es ist auch nicht so, dass ich mir in Muße die Landschaft angucken oder die Vögel anhören kann. Der Blick ist auf das gefährliche Gemenge zu meinen Füßen gerichtet, und hören tue ich sowieso nur einen Hubschrauber der E.D.F., der unentwegt zwischen einem Ort irgendwo innerhalb des nahen Nationalparks und dem Tal pendelt, in das hinunter ich unterwegs bin, und er schleppt jedes Mal einen großen Behälter in die Berge. Wahrscheinlich wird irgendeine Staumauer gebaut; jedenfalls übertönt das Geknattere alles andere.

Schließlich erreiche ich eine Brücke und damit die erste Senke, hinter der der Weg flacher und weniger steinig wird. Wenig später erreiche ich eine Gabelung, hinter der eine längere Auto- und Motorradschlange einem Schild Rechnung trägt, demzufolge im Nationalpark eigentlich alles verboten ist – auch Kraftfahrzeuge. Hier heißt es also absteigen, auch vom MTB, und laufen oder schieben, aber wer schiebt schon sein Fahrrad? Und wer fährt schon in diese Ecke? Ich beschließe, nach dieser relativ beschwerlichen Abfahrt erst mal ein zweites Frühstück einzulegen und suche mir ein Plätzchen zum Rasten. Und während ich da so sitze, kommt ein weiterer Motorradfahrer an. Er hält an und fragt mich nach der Einfahrt zum Parc National du Mercantour. Ja, hier links von mir, aber mit dem Motorrad werde das wohl nicht gehen. Er ist da anderer Ansicht, glaubt gar eine Sondergenehmigung zu haben. Ich kann mir nun überhaupt nicht vorstellen, auf welche Weise und aus welchem Grund ein deutscher Tourist eine solche Genehmigung bekommen sollte, sage ihm das auch und meine, irgendwo müsse der Lärm schließlich mal eine Grenze haben. Aber er sucht ja nur die passende Realität zu seinem akribisch aufgezeichneten und aufgerollten Weg und ist irritiert, weil er seine Kumpels hier nicht trifft.

Nachdem er den Motor ausgestellt hat, verhandelt und hilft es sich schon viel leichter. Ich kann ihn schließlich anhand meiner Karte davon überzeugen, dass er sich ganz sicher nicht hinter der Absperrschranke mit seinen Bekannten verabredet hat und dass das höchstwahrscheinlich ein weiter unten gelegener Abzweig sein muss, zu dem jene einen anderen Weg genommen haben, so dass er sie ohne es zu merken überholt hat. Ich fahre dann weiter und er kehrt um, mir nach, und nach wenigen Minuten sind alle drei Motorräder samt Fahrern wieder glücklich vereint, und was sie dann unternehmen, ist mir eigentlich relativ egal. Hauptsache, ich hatte mit meiner Belehrung Recht; denn es gibt doch kaum etwas Peinlicheres, als rechthaberisch Unrecht zu haben.

Ab Casterino habe ich wieder einen guten Belag unter den Reifen. Da ist es unbedeutend, dass die Straße zwischen steilen Kurven (in denen ich natürlich nicht einfach die Zügel schießen lassen kann) und flachen Passagen (in denen das Gefälle allein fürs Vorwärtskommen nicht ausreicht) wechselt.

In St. Dalmas erreiche ich wieder die Europastraße. Allen gängigen Regeln entsprechend kompensiert der Gegenwind das nun nur noch schwache Gefälle, aber das Gemisch lässt sich ertragen. Ich lasse noch einmal die oben an den Bergwänden klebenden Ortschaften an mir vorüberziehen, bewundere erneut die Streckenführung der Eisenbahn und erreiche schließlich Breil. Den Ort habe ich bereits gestern bei der Abfahrt vom Col de Brouis gesehen. Diesmal geht’s jedoch nicht wieder den Berg hinauf, sondern weiter in Richtung Italien. Aber zuerst gibt’s eine Pause – Mittagessen.

Die Weiterfahrt ist unspektakulär. Ich bin nur noch etwa 150 Meter über dem Meeresspiegel. Alle wertvollen Energievorräte des Morgens sind also verpulvert, und das ist diesmal wirklich nicht besonders effizient verlaufen. In diesem Tal scheint nichts mehr los zu sein; immer wieder fahre ich an verlassenen und verfallenden Bahnhofsgebäuden vorbei, einmal auch drunter durch. Dass die Strecke nur noch im Transit befahren wird, liegt wohl daran, dass dort kaum noch jemand wohnt, und das lässt sich mit seiner mangelnden Attraktivität erklären. Schließlich hat wohl auch der Autoverkehr seinen Teil zur Entvölkerung beigetragen. Zum Verkauf angebotene Häuschen werden sicherlich nicht so schnell Käufer finden.

Hinter der italienischen Grenze weitet sich das Tal etwas; ich warte nur noch auf die Abfahrt nach Sospel; denn ich ahne, dass das harte Arbeit werden wird – eben, weil ich mich fast schon wieder auf Meereshöhe befinde. Und so kommt es dann auch. Ein vertrocknetes Seitental führt zunächst moderat aufwärts, aber ab Olivetta geht’s nach oben, und hinter dem Ort heißt es gar aufstehen. Michelin hat wieder mal untertrieben. Wie die wohl die Steilheit einer Straße ermitteln, frage ich mich. Ob sie einfach zwei Punkte nehmen, die womöglich mehrere Kilometer weit auseinander liegen und von denen sie die Höhen kennen, um dann daraus den Anstieg herauszudividieren? Jedenfalls sind die Angaben häufig Murks.

Als ich dann schließlich – inzwischen wieder in Frankreich – den Pass erreiche, muss ich feststellen, dass mein Messer weg ist. Verloren? Nach einigem Überlegen fällt mir ein, dass ich es wohl in Breil liegengelassen haben muss. Zurück? Bloß das nicht, nein, diesen Berg fahre ich nicht noch einmal hoch. Schließlich war die Spitze ohnehin schon abgebrochen. Da muss ich mir bei Gelegenheit eben mal ein neues kaufen und in der Zwischenzeit sehen, wie ich mir anderweitig helfe.

In Sospel finde ich neben der Straße ein schattiges Plätzchen, an dem ich mich für den Col de Turini stärke. Das sind schließlich deutlich über 1000 Meter Höhendifferenz. Und wie ich da so sitze, kommen zwei Fahrräder angerollt. Ein Schweizer Paar, vielleicht Ende 40 oder in den 50ern, scheint auch auf dem Weg zum Pass zu sein. Dabei sind sie gut beladen. Respekt! Ich überlege nicht lange, packe rasch meine Sachen ein, da auch alles aufgegessen ist, und fahre hinterher. Aber nur ein paar Meter fahren wir zu dritt – ohne ein Wort zu wechseln –, da entdecke ich links der Straße eine Waschstelle mit Quelle. Wer weiß, wann ich mich und meine Sachen mal wieder waschen kann? Also lasse ich die beiden ziehen und veranstalte erst mal ein großes Geplempere. Eine viertel Stunde oder 20 Minuten später fühle ich mich sehr viel besser und nehme die Verfolgung auf.

Es geht schneller als erwartet. Diesmal stehen sie am Straßenrand und machen eine Pause. Ich brauche noch nicht wieder eine und ziehe vorüber. Kurze Zeit später muss ich kurz die Fahrt unterbrechen, und dann sind sie wieder führend. In Moulinet schließlich überhole ich sie zum letzten Mal, wobei die einzigen Worte gewechselt werden; ich frage sie: »Wann sehen wir uns beim nächsten Mal?« Das Hin und Her scheint sie auch schon zu belustigen. Moulinet bietet neben den landschaftlichen Reizen und der Tatsache, dass sie sich an der Straße über einen beträchtlichen Höhenunterschied erstreckt, zwei interessante Akzente: Ich erfahre, dass morgen die Ralley Monte Carlo hier entlangführen wird, und anscheinend trainieren einige Fahrer schon heute. Jedenfalls fahren sie teilweise wie besengt durchs Gebirge, und sie tragen auch Schilder neben dem Nummernschild, die die Teilnahme an dem Rennen anzeigen. Für mich bedeutet das, dass ich heute möglichst noch diese Route verlassen muss; denn für die Dauer des Rennens dürfte die Strecke wohl gesperrt werden, und wer weiß, wie lange das dauern wird. Die zweite Besonderheit ist eine originelle Ausschreibung einer Wohnung nach dem Motto »Hier spricht man deutsch«: Da wird eine »Furienwohnung (mobliert)« angezeigt, und ich frage mich, ob das wohl das Separée für die Schwiegermutter ist oder nur ein Schreibfehler. Ob sie schon mal deutsche Gäste in diesem Appartement hatten?

Ich lasse mich aber nicht aufhalten, und weiter geht’s nach oben. Es scheint nach dem wenig Erfolg versprechenden Auftakt doch noch ein guter Tag zu werden; denn ich fühle mich gut bei der Auffahrt. Unterwegs begegnet mir ein BMW. Der Fahrer hält an, und ich überlege schon, was er wohl von mir wollen wird, als er sich aus dem Fenster lehnt und mir fragend zuruft: »Pas trop dure?« Meine Güte, was will er wohl? (»Ist es nicht zu hart?«) Es wird wahrscheinlich eine aufmunternde Bemerkung sein, denke ich und nicke ihm freundlich zu. Na ja, er wird das Paradoxon wohl verwinden, dass einer sagt, es sei ihm zu schwer und trotzdem weiterfährt. Es ist überhaupt nicht zu schwer, nur wird mir erst Minuten später klar, was er mich tatsächlich gefragt hat. Das ruft mir sofort eine ähnliche Begegnung vor vier Jahren in Schottland in Erinnerung. Da fuhr ich auch einen Berg hinauf, als neben mir ein Geländewagen bremste und einer im selben Ton herüber rief: »Hold on!« (»Halte durch!«) Das nahe liegende »Halt an!« assoziierend, dachte ich, der kann mich mal, und erwiderte entschlossen »I won’t!«; denn an solchen Hügeln hält man nicht an. Wenn er was von mir will, kann er ja oben noch mal fragen. Wenig später wurde mir auch hier der wahre Sachverhalt klar. Auch in dieser Situation spannte ich also einen Widerspruch zwischen Reden und Tun auf. Nun gut, so was sitzt dann umso fester als neue Vokabel.

Der Pass ist nicht sichtbar. Bis zum Schluss. Immer mal wieder setze ich mir Marken, die ich bis zu einer bestimmten Zeit erreichen will. Das gelingt mir zwar, aber wenn dort der Pass nicht ist, dann ist auch das Ziel noch nicht erreicht. Am späten Nachmittag ist es dann aber soweit. Inmitten des Waldes befindet sich eine Kreuzung, nach rechts führt eine Straße die weitere Kammlinie hinauf, nach links verschwindet sie rasch im Wald, so dass ich nicht sagen kann, ob es dort ins Tal hinunter oder auch in die Berge hinauf geht. Und geradeaus erwarte ich eine längere Abfahrt. Das Tal der Vésubie liegt dort 500 Meter über NN, und das sind ziemlich genau 1100 Meter Höhenunterschied. Erst mal gönne ich mir aber ein Eis, auch, um mich etwas abzukühlen.

Die Frage, die sich angesichts des abnehmenden Tages stellt, ist die nach der Art und dem Ort der Übernachtung. Nahe liegend ist St. Martin, aber das wird kein Bravourstückchen, und wenn ich meine Gedanken mal in die Perspektive des kommenden Tages versetze, wird auch der nur Stückwerk. Einerlei, meine Zeitreserven sind reichlich bemessen. Ich komme auf jeden Fall rechtzeitig nach Hause, wenn nicht noch ein Unglück geschieht. Also nehme ich erst mal die Abfahrt in Angriff. Sie ist ganz nett. Sie dauert ihre Zeit und macht ihren Spaß, aber viel zu sehen gibt es nicht. Der Wind pfeift halt schön um die Ohren.

Unten wird zunächst mal klar, dass zwar die 500 Meter über dem Meeresspiegel stimmen, aber St. Martin liegt weit höher. Egal, wo die Fahrt heute endet – sie wird noch ein paar Tropfen Schweiß kosten, selbst wenn sich der Anstieg über 13 Kilometer erstreckt. Aber was soll’s? Ich habe fast den Eindruck, als hätte ich den ganzen Tag über immer mehr Kraft gewonnen. Das reiten wir doch auf der linken Backe ab.

Die Strecke ist nicht aufregend. Das einzig bemerkenswerte sind die mehrfachen Auffächerungen der Straße bei der Überquerung von Seitentälern. Während der Gegenverkehr eine schmale Brücke geradewegs über die Tiefe nimmt, biegt »meine« Spur nach rechts ab, folgt horizontal dem Einschnitt bis zur Kehre an einer viel kleineren Brücke und führt dann auf der anderen Seite des Seitentals wieder zurück zur Hauptstraße. Ich überlege, in welcher Reihenfolge diese Aufteilung zustande kam. Wahrscheinlich ist die kleine Brücke der älteste Weg. Dann kam sicherlich die große Brücke. Und die hat sich dann vermutlich im Laufe der Zeit als zu schmal herausgestellt, so dass man sich – womöglich aus Geldmangel – wieder der alten Strecke besann, um nicht die große Brücke teuer verbreitern zu müssen. Der Weg Flussaufwärts ist also länger als der flussabwärts.

Vor St. Martin habe ich einen Ausblick auf die Stelle, an der ich das Tal möglicherweise wieder verlassen werde. Zwei Straßen führen nach Westen und nach oben. Die linke, südlichere wird malerisch ein letztes Mal von den Strahlen der untergehenden Sonne geküsst, und dass die das tut, lässt vermuten, dass das Gebirgsmassiv dort einigermaßen niedrig ist. Das könnte also der Pass sein. Die Auffahrt ist übersichtlich, aber den Pass selbst kann ich nicht sehen – wie sie überhaupt ganz selten von unten aus sichtbar sind. Und dann ist da noch die nördliche Straße, tiefer in den Wald verkrochen, mit ungewissem Ausgang nach oben und bereits in der Dämmerung liegend. Vom Verlauf passt sie besser zu dem, was die Karte als Zufahrt zum Col St. Martin angibt. Wir werden sehen. In der Stadt geht es auf halb neun zu, eigentlich noch ein bisschen früh, aber da der Pass knappe 600 Meter höher liegt, was normalerweise mit reichlichen anderthalb Stunden veranschlagt wird, suche ich mir lieber hier ein Quartier. Da wäre doch mal eine Gite d’etappe direkt am Zielort. Ich folge dem Hinweisschild – und lande auf einem leeren Parkplatz. Ein Parkplatz! Nichts sonst! Das kann doch wohl nicht eine Gite d’etappe sein! Also jedenfalls wird es nicht mein Nachtquartier. Im Stadtzentrum finde ich ein Hotel, von außen viel versprechend, und als ich die Tür öffne und mich ins Restaurant und zur Anmeldung ins Untergeschoss begebe, überkommt mich schon ein ziehendes Gefühl in der Hosentasche. Der Laden ist zu fein. Also, grundsätzlich ist mir fast nichts zu fein, aber Feinheit hat eben ihren Preis. Und so fällt die Information der Wirtin denn auch nicht überraschend aus. Sie möchte 200 Francs für ein Zimmer haben. Es gibt wohl noch ein preiswerteres ohne Dusche, aber es existiert keine separate Dusche auf dem Flur. Also, was soll ich denn damit? Dem Interieur nach zu urteilen, sind die Preise durchaus angemessen, aber sie passen halt nicht zu meinen übrigen Reiseauslagen. Also trolle ich mich. Und nun?

Es keimt bereits der Gedanke, diesen Ort zu fliehen, aber noch will ich der Branche eine Chance geben. Ich folge dem nächsten Schild, das eine Chambre d’hôte verheißt. Nachdem das aber auf immer schmaleren Wegen immer steiler nach oben führt, wird’s mir schließlich zu bunt, und ich beschließe, nur noch Angebote entlang der Ortsausfahrt aufzugreifen, sofern da welche sind. Irgendwo werden auch noch Unterkünfte für Seminare und Tagungen angeboten, aber weder das eine noch das andere ist, wonach mir der Sinn steht, so dass ich schließlich meinen Trieben folge und eben »schnell noch« den Pass hinauffahre. In der Tat gelingt mir ein beachtliches Tempo, und so ist zwar die Sonne schon längst verschwunden, als ich schweißgebadet den Pass erreiche, wo ein leeres, aber verschlossenes Sporthotel steht und nur wenige Gäste die beiden Lokale bevölkern, aber von der Dunkelheit trennt mich gewiss noch eine viertel Stunde. Und nun? Es ist an sich ein Jammer, in die Dunkelheit hinein zu Tal zu fahren, schließlich auch nicht ganz ungefährlich. Zwar ist der Verkehr leichter schon von weitem zu erkennen; denn in den Bergen ist es Selbstmord, nachts ohne Licht zu fahren – egal, ob mit Kraftfahrzeug oder Fahrrad. Die Frage ist aber, wann sie mich erkennen; denn mein Licht ist verhältnismäßig schwach, und statistisch ist der Alkoholpegel der übrigen Verkehrsteilnehmer jetzt höher als tagsüber. Ich kann also sehen, ob ich hier oben etwas finde, wo ich einigermaßen geschützt schlafen kann, oder ich lasse mich auf das Abenteuer ein, die wieder über 1000 Höhenmeter mit Geduld und viel Vorsicht noch heute hinunterzurollen. Was musste ich auch unbedingt noch am späten Abend in die Berge?!

Erst mal gibt’s aber eine kleine Wäsche. Da steht ein kleiner Brunnen, und weil der Ort der Übernachtung zwar noch ungewiss ist, der Modus aber doch wieder einmal derselbe wie in den vorigen Nächten sein wird, gibt’s also sicherlich keine Dusche. Ein bisschen Hygiene muss allerdings sein, und wo, wenn nicht hier?

Dann geht es an die Abfahrt. Ich habe nicht vor, bis ins Tal hinabzusteigen; denn dort sind die Übernachtungsmöglichkeiten a priori auch nicht besser als anderswo. In St. Dalmas mache ich das erste Mal halt. An der Straße lockt eine Pizzeria. Einige Leute sitzen auch noch auf der Terrasse, direkt neben der Chaussee. Eine Pizza! Das wär’s jetzt. Dunkel ist es eh schon, aber wer weiß, wie lange das dauert? Ich bekomme jedoch Bedenkzeit; denn direkt hinter der Pizzeria findet sich wieder mal ein Hinweis auf eine Gite d’etappe. Na, wenn das nicht ein idealer Übernachtungsplatz ist! Ich stelle mein Fahrrad vor einer Art Stadttor ab und betrete das Dorf. Es herrscht eine merkwürdige Atmosphäre. Es ist viertel elf, und kein Mensch ist zu hören. Da denkt man nun, die Mediterraner, insbesondere die im Westen, würden den Tag erst zehn Uhr beginnen und dafür bis nach Mitternacht machen, aber ach! Tiefes Dunkel strahlt förmlich aus den Häusern, und die einzigen Geräusche kommen von der Durchfahrtsstraße. Ich laufe durch die Straßen wie durch eine Burg. Ringsum sind nur Natursteine, die Gassen sind schmal, führen teilweise durch die Häuser, und die spärliche Beleuchtung verengt die Szene zusätzlich. Ob mein Fahrrad draußen wohl noch steht? Obwohl weitere Schilder fehlen, gehe ich immer der Nase nach und erreiche schließlich ein mehrstöckiges Haus im italienischen Stil. Dies ist also die Herberge. Mensch, sieht das geschlossen aus! Ich ergreife die Klinke, und die Tür tut sich auf. Sieh an. Ein Hinweis auf die Herbergsräume führt mich die Treppe hinauf. Im Dachgeschoss komme ich in einen Flur, der zu den Duschen, Wirtschafts- und Schlafräumen führt. Auch hier ist alles offen, aber kein Mensch zu sehen oder zu hören. Als ich dann allerdings die zwei Schlafräume probehalber einen Spalt öffne, liegen da Rucksäcke, und es schlafen auch Menschen. Also, mein Lieber, hier bist Du eindeutig zu spät! Die würden sich freuen, wenn da jetzt noch einer anfinge herumzuwursteln. Und davon einmal abgesehen, ist mir die Nacht mit Bruno noch gut im Gedächtnis. Kann ich heute Schnarcher in der Nachbarschaft gebrauchen? Nein? Also retour!

Jetzt ist schon alles wurscht. Ich setze mich wieder aufs Fahrrad und beschließe, erst wieder in der Horizontalen nach Quartier zu suchen, also unten im Tal. Die Abfahrt geht jetzt erst so richtig los. Im Mondlicht kann ich erkennen, dass die Straße sich am Rande eines Kessels in die Tiefe windet, und gelegentlich zeichnet ein Scheinwerfer die Linien deutlich nach. Kurven kann ich viel großzügiger schneiden als tagsüber, weil der Gegenverkehr schon Minuten vorher zu erkennen ist. Ansonsten herrscht tiefer Friede und eine Ruhe, wie es sie tagsüber einfach nicht gibt. Ein bisschen Sorge machen mir im Moment nur die Nachtflieger, die Insekten. Ich kann ja jetzt nicht noch die Sonnenbrille aufsetzen, um die Augen zu schützen. Da könnte ich gleich in den Blindflug übergehen. Aber die Gefahr, dass mir etwas in die Augen fliegt, besteht natürlich trotzdem. Ich kann sie aufleuchten sehen, wenn sie in meinen Scheinwerferkegel hineinfliegen. Wirklich nur dann? Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass die Glühwürmchen unterwegs sind. Ganz sicher – wenn ich anhalte, leuchten sie noch immer.

Der Mond gießt ein mildes Licht über die Szene. Ich bin mir nicht sicher, ob ich dieses Tal nicht lieber im Sonnenlicht sehen würde. Soviel ich erkennen kann, macht es was her. Aber ich kann nicht viel erkennen. Die Kontraste sind nachts eben viel schwächer, und Farben fehlen ebenfalls. Was für mich unter diesen Umständen auch überraschend kommt, ist die letzte wichtige Kurve nach Norden. Noch weit oberhalb der Talsohle, aber nahezu senkrecht über ihr geht es nach rechts ab. Ein kurzer Halt gewährt mir einen Blick aus dem Schwalbennest in die Tiefe. Das sind mindestens noch 100 Meter, und die wirken in ihrer nächtlichen Bodenlosigkeit vielfach tiefer.

Unten. Und nun? Schnell noch den Col de la Bonette hinauf? Zwar fühle ich mich immer noch fit, aber auf die Augen legt sich bereits eine Schwere. Es geht auf elf zu. Also vielleicht doch lieber nicht. – Ein Schuppen an der Straße erweist sich als zu wenig komfortabel. Und weil weiter nichts kommt, erreiche ich schließlich St. Sauveur. Hinter dem Ort illuminiert eine großzügige Straßenbeleuchtung eine Himmelsstürmerstrecke. Aha, denke ich, da wirst Du morgen also hinauf müssen. Der Ort selbst drängt sich an die Wände des Tals, Haus an Haus ohne irgendwelche lauschigen Lücken oder Wiesen oder andere geeignete Schlafplätze. St. Sauveur muss es nun aber wirklich sein. Ich kann doch nicht immer weiter fahren, ohne etwas von der Landschaft zu sehen.

Eine Seitenstraße führt hinunter zum Fluss. Abgesehen vom Rauschen des Wassers ist es dort ruhiger. Ein Jugendclub zeigt an, dass es tatsächlich Leben im Ort gibt. Das letzte Haus in der Straße untersuche ich genauer. Ja, da gäb’s schon einige Plätze, wo ich mich hinlegen könnte, aber ich möchte keinen Anwohner auf der Türschwelle belagern. Es muss irgendein öffentlicher Platz sein oder, noch besser, etwas uneinsehbares. Schließlich inspiziere ich eine Holzbank mit Rückenlehne zum Fluss und finde sie tauglich. Damit am Morgen ein paar Reserven vorhanden sind und sich die Verdauung über Nacht nicht langweilt, esse ich noch einen Camembert, und dann ist der Tag beendet.

23. Juni 23. Juni25. Juni 25. Juni