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23. Juni

Beaulieu-sur-Mer – N98 – FxMonaco – Monte-Carlo – MonacoxF – N98xN7 – Menton – D2566 – Col de Castillon – Sospel – D2204 – Col de Brouis – D2204xN204 – Saorge – Tende – Col de Tende (118 km)

Das Erwachen ist etwa so, wie ich mir das gedacht habe. Gegen 8 Uhr höre ich das erste Mal Autos oben vorbeifahren. Einerlei, die Nacht war einfach zu kurz. Da muss mehr drin sein. Also drehe ich mich noch einmal um. Aber der Schlummer will sich nicht wieder einstellen. Die Stelle ist auch irgendwie nicht das, was man lauschig nennt. Sie liegt halt unterhalb der Straße, sogar noch unterhalb eines kleinen Parkplatzes, und dass ich nicht auf einem Müllhaufen liege, ist nur darauf zurückzuführen, dass ich ihn in der Nacht mit den Füßen etwas beiseite geschoben habe. Das Papier findet sich nun also neben meinem Schlafsack.

Das Frühstück findet statt wie immer, doch dann stellt sich ein besonderes Problem ein. Ich habe bedauerlicherweise auf der Fähre versäumt, »größere Besorgungen« zu erledigen, und diese drängen nun unaufschiebbar. Der Platz ist zwar nicht ideal, aber es geht so. Doch da naht Ungemach: Ein Auto hält auf dem Parkplatz, und ein junger Mann steigt mit zwei kleinen Hunden aus. Sie sind das, was man sich gewöhnlich unter Schoßhündchen vorstellt, und er scheint so etwas wie ein Angestellter für die weniger feinen Angelegenheiten der herrschaftlichen Tiere zu sein. Aus Monaco ist er extra dafür angerauscht. Nun geht er am Geländer des Parkplatzes auf und ab und wartet auf die Schlüsselereignisse. Ich warte auch. Solange der da oben rumrennt, habe ich hier unten quasi keine freie Hand. Und es scheint, dass es den Hunden mit mir ebenso geht. Sie wollen nicht. Oder können nicht. Und treten von einem Bein auf das andere. Nun hau endlich ab, denke ich in meiner Not. Irgendwann wird es dem Mann schließlich zu blöd, er lädt seine Zamperl wieder in den Wagen und düst davon. Und so kann wenigstens ich meine Situation verbessern.

Die Küste gefällt mir nicht besonders. Sie ist in erster Linie Durchgangsstraße. Zwar gibt es in Eze mal eine Passage, wo die Hauptstraße durch einen Tunnel geführt wird – da ist dann für wenige Minuten Ruhe –, aber das ist eher die Ausnahme. Dabei ist diese Straße mitnichten der einzige Verbindungsweg zwischen Ost und West. Da ist noch die N7 oberhalb der Berglinie, die das ganze Hinterland meinen Blicken entzieht, dahinter verläuft die D2564, dann kommt die A8, und zumindest bis kurz vor Monaco kann man auch noch ganz hinten die D2204a benutzen. So viele Stränge deuten auf viel Verkehr. Hier, auf der N98, geht es noch, aber trotzdem ist immer etwas los. An dieser Straße möchte ich nicht wohnen, und die Strände würden mich dafür auch nicht entschädigen. Erstens sind sie nicht einsam, auch jetzt, vor der Saison, nicht, zweitens hört man auch dort die Straße, jedenfalls bei Windstille, und drittens sind sie nicht so toll. Ich hatte das ja schon vor Nizza erfahren. Mit solchen Betrachtungen erreiche ich schließlich Monaco.

Man ist auf einmal da. Da ist keine Stadtmauer zu sehen, kein Schlagbaum, da sind keine Kontrollen, jedenfalls keine sichtbaren (man erzählt mir später von Videoüberwachung), und es ist auch nicht so, dass Monaco quasi auf dem Acker beginnt: Eine Stadt geht praktisch fließend in die andere über. So, und wo verschaffe ich mir nun den Überblick? Ich habe ein weiteres Land meiner Reisesammlung hinzugefügt, das kann ich also abhaken; ich könnte jetzt weiterfahren und mich dabei auf all die wahren Herausforderungen berufen, aber nun bin ich einmal hier. Da möchte ich wenigstens sagen können, wie diese Stadt ungefähr aussieht, was sie prägt. Nach einigem Herumkurven zeigt sich, dass am Hafen ein recht guter »Unterblick« besteht. Freilich, es ist die Perspektive eines Darstellers auf das aufstrebende Halbrund eines Amphitheaters, nicht die der Zuschauer herunter auf die Spielfläche. Man sieht die Dinge eben aus der Froschperspektive. Die Fußballplätze, die da angeblich auf dem Dach zumindest eines Hochhauses existieren, werde ich von hier aus nicht erkennen können, aber allein deswegen fahre ich gewiss nicht in die Berge.

Mit dem Rücken zum Meer erhebt sich eine Betonwüste vor mir bis in die Berge. Sie hört auf, wo die Grenze zu Frankreich verläuft. Rechts liegt eine Yacht neben der anderen im Hafen, eine größer als die andere, jedoch alle ziemlich unproduktiv, nicht mal als private Sonnenbank benutzt. Na ja, Hauptsache, der Fiskus kriegt nichts. Links befindet sich die Burg, der Sitz der monegassischen Herrschaftsfamilie. Nachdem auch sie nicht mit Stacheldraht und hohen Mauern umgeben ist, will ich mir die Zeit nehmen, sie ein wenig zu erkunden. Vorher gibt’s zweites Frühstück. Ich unterhalte mich mit einem Lehrer einer Sprachschule. Die Kinder unterschiedlichen Alters sprechen französisch und englisch durcheinander; für die meisten scheint Englisch die Fremdsprache zu sein: »You should say: ›I beat you‹« verbessert der Lehrer einen Jungen, der beim Kartenspiel ein anderes Wort (»hurt« oder »hit«) benutzt hat, um seinem Gegenüber klarzumachen, dass dessen Lage hoffnungslos sei. In den paar Minuten erfahre ich einiges über die Besonderheiten des Fürstentums und seiner Bewohner.

Die nächsten Erkundungen führen mich zu Fuß die Treppen der Burg hinauf. Ich komme mir wie ein Invalide vor und werfe hin und wieder besorgte Blicke zu meinem Fahrrad hinunter. Als ich oben erkennen kann, dass auch Autos zur Burg fahren, beschließe ich, meinen Besuch mit dem Fahrrad fortzusetzen. Als ich damit jedoch am Fuß der Auffahrt ankomme, werde ich von einem Polizisten in eine andere Richtung gewiesen. Sollten die keine beräderten Besucher mögen? In der Tat fahren nur monegassische Fahrzeuge auf dieser Straße. Ich muss einen Trick anwenden, um schließlich doch auf diese Straße zu gelangen, und es schickt sich dann auch niemand an, mich an der Weiterfahrt zu hindern.

Man ist hier oben trotz dieser harten Restriktionen auf viele Besucher eingestellt, und zuverlässig kommen die Lemminge. Vor dem Palais stehen sie geduldig Schlange, um sich die herrschaftlichen Räume anzusehen oder das, was sie dafür halten. Ich würde ja nicht die halbe Welt durch mein Zimmer laufen lassen – auch nicht für Geld. Folglich würde ich den Besuchern irgendwas anderes zeigen. Jede Wette, dass die das in Monaco auch so machen.

Auf dem Platz vor dem Palais ist es schattig. Nach allen Seiten sind Kanonen ausgerichtet, daneben Stapel mit Kugeln, die zusammengeschweißt sind, damit sie keiner klaut oder sonstigen Unfug treibt. Ein gediegenes Maß an Touristenhändlern bietet Waren des »touristischen Bedarfs« feil. Ich setze mich auf eine Bank, und weil mir nichts Besseres einfällt, esse ich mal wieder was. Neben mir sitzt ein Einheimischer mit seinem Hund. Es ist ein ziemlich großes Tier, sieht friedlich aus und macht auch einen sehr geduldigen Eindruck. Diese Geduld braucht es auch; denn es naht eine Amerikanerin à la Nancy Reagan. Sie findet den Hund »so wonderful«, möchte ihn unbedingt mal streicheln und stellt dem Mann allerlei Fragen, auf die sie keine Antwort erwartet. Sie ist so einzigartig amerikanisch, dass ich gleich all meine guten Erfahrungen aus den USA über Bord werfen und in alte Vorurteile zurückfallen möchte. Als sie wieder abzieht, blickt der Mann zu mir herüber, und wir verstehen uns schweigend.

Da hier nicht viel passiert und mein opulentes Mahl beendet ist, schwinge ich mich wieder auf meinen Transporter und fahre – auf einer anderen Route – zurück zur Abfahrt. Als ich an einer Kirche vorbeikomme, in der sich offenbar alle sakralen Ereignisse des Fürstenhauses abspielen, halte ich noch mal an und mache einen kurzen Rundgang; denn drinnen hört man die Orgel einen französischen Romantiker spielen. Allerdings ist das Instrument bereits verlassen, als ich in das Schiff trete. Die Kirche ist im Übrigen ganz nett, mit poliertem Boden, aber ein wenig zum Rundkurs degradiert, damit die Touristen auf ihrem Weg durch das Gemäuer möglichst selten zusammenstoßen. Ich bin bald wieder draußen.

Nun geht’s eigentlich nur noch aus Monaco heraus. Ich benutze dazu am Hafen entlang teilweise den legendären Formel-1-Kurs und komme dabei immer mehr zu der Auffassung, dass die Stadt im Grunde nur ein großes Gebäude mit vielen eingebauten Straßen ist. Ich habe nicht das Gefühl, irgendwo etwas Urwüchsiges zu sehen, etwas, das nicht zurechtgemacht ist, eine Straße mit Straßengraben wenigstens. Nichts dergleichen. Man hätte das alles aus einem großen Fels oder Betonstück herausmeißeln können. Damit will ich nicht sagen, dass es schlecht aussieht. Aber es fällt halt auf. Auffallen tun mir auch einige Menschen. Es kann jedoch sein, dass ich hier nur besonders aufmerksam diejenigen registriere, die mittags vom Tennisplatz kommen, obwohl Wochentag ist, und danach das Handy herausziehen, um sich über die aufregenden Ereignisse auf der Asche oder ähnliche spannende Abenteuer auszutauschen.

Nach ein paar Schleifen ist es dann soweit: Ortsausgang. Eingang zum nächsten Ort. Mir kommt wieder in Erinnerung, dass ich ja in Nürnberg anrufen wollte, um einen Blutspendetermin auszumachen, möglichst am Montag, am Tag meiner Rückkehr aus dem Urlaub. Es ist zwar ein bisschen gewagt, gleich am ersten Tag zu spät zur Arbeit zu kommen, dann noch mit verbundenen Armen, auch im Räuberzivil beim Roten Kreuz aufzutauchen, aber wenn die Reise durch Deutschland am Ende fade sein sollte, hätte sie so noch einen kleinen Kick. In Menton, kurz vor meinem endgültigen Abschied vom Mittelmeer und der Côte d’Azur, finde ich eine Telefonzelle und rufe an. Ich werde zur Blutabnahme verbunden, Sabine geht ’ran. Warum kann nicht Angela ’rangehen? Aber das frage ich nur mich. Ist nicht zu ändern. Und zu allem Überdruss verkündet Sabine, dass am Montag schon nichts mehr geht. Alles voll. Na ja, war ja nur so ’ne Idee. Von wo ich anrufe? Aus Monaco. Is’ nicht wahr! Aber ja doch! So ganz stimmt das zwar nicht mehr, aber ich werde doch jetzt keinen Geographie-Unterricht geben. Sie fragt, ob ich nicht etwas mitbringen könnte, etwas Kleines, ein Stückchen Asphalt aus der Formel-1-Strecke. Das geht nun sowieso nicht, weil ich ja dort nicht mehr bin, aber weil ich das nicht zugeben will, argumentiere ich mit der Beliebigkeit von Teer und all den Bergen, über die ich den Schotter schleppen müsste. Aber sie könnte Piniensamen bekommen. Davon hätte ich sicherlich ein paar Exemplare übrig. Die will sie aber nicht. Dann eben nicht.

Mir ist durchaus klar, was jetzt vor mir liegt. Die Strecke nach Norden ist voller Musik. Will heißen, dass da einige Hindernisse auf mich warten, wie ich sie zumindest in Korsika nicht hatte. Lediglich der Mont Ventoux wird da gerade noch mithalten können. Und jetzt bin ich unten. Ganz unten, am Meeresspiegel. Also nicht lange ’rumgemacht, sondern los!

In Menton verläuft die A8 weit im Hinterland. Als ich unter der hohen Brücke hindurchfahre, wird verständlich, wieso hier Maut verlangt wird. Das dürfte eine kostspielige Trassenführung sein. Immerhin, schon jetzt habe ich einen Blick auf das Meer, also ein klein wenig an Höhe gewonnen. Und nach einem weiteren Kilometer liegen auch die letzten verwirrenden Kreuzungen hinter mir, so dass es nun nur noch immer geradeaus geht – all die Schleifen natürlich berücksichtigt. Die Karte verheißt mir für den ersten Pass eine Besonderheit. Da gibt es einen Tunnel, der gegenüber dem eigentlichen Pass ca. 150 Höhenmeter spart. So ein Tunnel ist an sich nichts Attraktives. Aber ein Pass in 700 Metern Höhe hat auch nichts Spektakuläres. Ich traue dem Braten nicht. Da wird bestimmt wieder eine Extrarunde für Radfahrer drin sein.

Vorerst aber habe ich Gelegenheit, mir Gedanken über eine merkwürdige Brücke oben in den Bergen zu machen: Das sieht aus wie eine Wendeschleife, eine klassische Konstruktion für Bergbahnen. Aber ich habe auf der Auffahrt keine Bahnlinie gesehen, und die Karte weist auch keine aus. Für eine Straßenschleife ist sie aber zu filigran, zu schmal, und sie wäre von der Anlage her auch völlig unüblich. Man kann selbst großen Lastzügen einen viel engeren Wendekreis zumuten und baut diesen auch so gut wie nie auf eine Brücke, sondern immer so weit wie möglich in den Berg hinein, zur Not außen noch etwas aufgeschüttet oder gemauert. Eine viertel Stunde später habe ich ihre Höhe erreicht, und es wird klar: Hier war mal eine Bahn, wahrscheinlich ein Opfer des letzten Krieges. Die Brücke scheint noch intakt zu sein, das Betreten ist allerdings verboten, und sowohl Zu- als auch Ausfahrt der Schleife liegen jetzt unter der Straße.

Wenig später komme ich an die Gabelung der Straße. Wie vorausgesehen, ist der Tunnel für Radfahrer gesperrt. Gleichmütig biege ich nach rechts ab; es sind ja nur 150 Höhenmeter, und sie sind zu überblicken. Da muss man eben eine halbe Überstunde einlegen. Vielleicht sehe ich auf diese Weise noch ein letztes Mal das Meer. Außerdem wäre die Tunnelfahrt für mich tatsächlich etwas heikel; denn mein Rücklicht funktioniert nur sehr gelegentlich, und das wäre mir im Dunkeln doch sehr peinlich.

Doch auch hier bekomme ich meinen Tunnel, wenn auch nur einen ganz kleinen, vielleicht 20 Meter langen, ganz oben. Danach geht’s dann dafür umso länger in die Tiefe. Wie tief Sospel liegt, weiß ich nicht, aber mehr als 400 Meter über dem Meeresspiegel werden es wohl nicht sein. Allerdings weiß ich, dass dieser Ort nur eine Senke auf meinem Weg nach oben ist. Es wird also gleich wieder hinaufgehen – ich kann mir die Richtung aussuchen.

Im Dorf möchte ich aber erst mal meine Getränkevorräte auffüllen; denn die Auffahrt fällt auf die heißeste Stunde des Tages. Im Laden hat man gerade auf mich gewartet. Der ist nämlich geschlossen. Das heißt, so richtig ist er nicht geschlossen, die Jalousie ist nur halb herabgelassen. Man sieht mich, wie ich unschlüssig vor der Tür stehe – und bittet mich herein. Na, und dann habe ich auch noch Sonderwünsche, will nicht irgendeinen Saft, sondern Apfelsaft. Nach einigem Suchen findet der Inhaber das Gewünschte; mit einem Literkarton kann er zwar kein großes Geschäft machen, aber immerhin Sportsgeist zeigen. Solcherart gerüstet, verliere ich keine weitere Zeit und mache mich an den zweiten Pass des Tages. Auf der Karte sind es gleich zwei Pässe, aber was dazwischen liegt, kann ich nicht erkennen. Als ich dann die Stelle erreiche, wo der erste Pass sein soll, ist da – nichts. Es geht einfach weiter nach oben. Kein Schild, kein Tal… wo ist der Pass? Einerlei. Dann muss ich zum nächsten Scheitelpunkt nicht so weit nach oben. In meiner Ratlosigkeit halte ich am Straßenrand zum Wasserwechsel und werde dabei von zwei Rennfahrern überholt. Mit denen kann ich ohnehin nicht konkurrieren. Wirklich nicht? Am Pass habe ich sie jedenfalls wieder eingeholt. 879 Meter halten sie für wert, anzuhalten, innezuhalten, sich ihre Leistung bewusst zu machen, vielleicht die Brust schwellen zu lassen und schließlich die Kleider zu wechseln. Damit halte ich mich doch gar nicht erst auf, sondern fahre ohne Zwischenstopp wieder nach unten – auf der anderen Seite, versteht sich.

Diesmal ist die Höhendifferenz deutlich größer: Es geht von weiter oben nach weiter unten, und es geht mächtig steil los. Dass Michelin darüber ohne Hinweis hinweggeht, ficht mich mal weniger an – der Weg führt schließlich nach unten. Im letzten Drittel wird im Tal Breil sichtbar. Der Ort scheint an einem See zu liegen, der wie ein dunkelgrünes Auge aus der Tiefe heraufblickt. Allerdings lasse ich Ortschaft und See rechts hinter mir liegen; durch Breil werde ich auf der Rückfahrt vom Col de Tende fahren. Da kann ich jetzt meine Neugier zügeln. Außerdem muss ich mich langsam mit den Chancen auseinandersetzen, heute noch 1500 Höhenmeter und mindestens 40 Kilometer unter die Räder zu nehmen. Das Sonderstück um den nächsten Pass herum fange ich heute entweder gar nicht erst an, oder ich vollende es auf Gedeih und Verderb. Ersteres wird eine Trödel-Tour, auf der ich das Fahrrad für den Rest des Abends im Prinzip schieben könnte. Letzteres läuft auf eine Viecherei hinaus, die mich bis in die späte Nacht auf den Beinen halten wird. Wofür entscheide ich mich? Gar nicht, ich kenne die Perspektive – das muss reichen.

Einstweilen mache ich gute Fortschritte. Ein flotter Rückenwind bläst mich durch die Gorges de Saorge, und diese Felsschlucht ist sehenswert. Sie ist so eng, dass für die Straße an einigen Stellen zusätzlich Platz geschaffen werden musste. Und an einem Tunnel wird gebaut. Die Baustelle ist beeindruckend, und es ist auch ganz schön was los. Zwischen den Felsen der Schlucht habe ich oben in den Bergen, gerade mal von all den Kurven dem Durchblick freigegeben, ein Dorf gesehen, Saorge, fast unwirklich in seiner Höhe und von der Abendsonne beleuchtet, wohingegen es hier unten schon ganz schön schattig ist. Hinter der Baustelle und einer weiteren Kurve wird Saorge in seiner ganzen Pracht sichtbar. Hoch oben und scheinbar unerreichbar, denn es ist keine Straße zu erkennen, die dieses Amphitheater von Häusern erschließt. Alle gruppieren sich jedoch um eine horizontal verlaufende Dorfstraße, fast wie in Korsika. Dies ist kein französisches Dorf. Es sieht jedenfalls irgendwie nicht so aus.

Nachdem der Ort meinen Blicken entschwunden ist, werden zum ersten Mal die abenteuerlichen Schleifen der Eisenbahn für mich sichtbar. Hier stehen keine nutzlosen Ruinen; dieser Strang ist noch in Betrieb und wird sogar hin und wieder gar nicht so langsam befahren, wie ich feststellen kann. Auch die Eisenbahn muss hier einen enormen Höhenunterschied überwinden. Zwar wird sie wie die Straße nicht bis zum Pass aufsteigen, sondern in ca. 1000 Meter Höhe endgültig im Tunnel verschwinden, um dann erst wieder auf italienischer Seite ans Tageslicht zurückzukehren, aber von Breil sind das immerhin 700 Meter, und man scheint die Kletterfähigkeit der Eisenbahn nicht über Gebühr beansprucht haben zu wollen. Dafür muss sie nun Kreise drehen. In St. Dalmas, dem Rückkehrpunkt vom geplanten Rundkurs durch die Berge – also durch die »richtigen« Berge –, besuche ich den letzten Bäcker des Tages und halte so ausführlich Mahlzeit, dass ich mich danach eigentlich nicht einfach in die Büsche hauen kann, sondern noch etwas leisten muss. Erst recht um diese Uhrzeit. Menschen unterschätzen häufig die Vielzahl der Plätze dieser Welt, auf die sie ihre müden Häupter betten können. Nur müde müssen sie halt sein. Mit diesem optimistischen Wahlspruch lasse ich dann auch Tende hinter mir, die letzte ernstzunehmende Ortschaft vor dem Pass. Mittlerweile hat die freundliche Plänkelei neben dem Fluss ein Ende. Es geht jetzt deutlicher nach oben, und das wird ja auch Zeit. Längst ist das Tal so hoch von Bergen umgeben, dass kein Sonnenstrahl mehr hinabreicht, und meine Idee, die Sonne noch einmal zu erreichen (also schnell genug nach oben zu gelangen), reift gar nicht erst zum Ziel. Ich habe sie schon oft gehabt und letztlich nur selten umsetzen können. Das hat mich vorsichtig gemacht.

Links stehen ein paar Häuser, vielleicht eine Wirtschaft… wer weiß. Vor dem letzten Haus steht eine junge Frau mit einem Schlauch in der Hand und wäscht irgendwas ab. Sie grüßt mich (außergewöhnlich) freundlich und mit östlichem Akzent. Ich winke zurück. Sie sollte vielleicht besser oben am Pass stehen. Das würde mich sicherlich stärker motivieren. Einstweilen weiß ich nur, dass jetzt noch 900 Höhenmeter vor mir liegen. Es ist so gekommen, wie ich es mir gedacht habe: Wenn ich oben ankomme, wird die Sonne längst untergegangen sein, höchste Zeit also, ein Schlaflager aufzusuchen. Quizfrage: Wo könnte das da sein? Ferner sind keine Fotos mehr möglich. Zwar kann man jetzt noch fotografieren, aber die Kontraste verblassen im Schatten doch sehr stark. Und dabei hat der Autor meines Reiseführers gerade diese Strecke in leuchtenden Farben beschrieben. Wir werden sehen, ob sich am Morgen ein Motiv ergibt.

Einstweilen legt sich die Straße in Falten und in Kurven, und mit angemessenem Anstieg kurbele ich mich nach oben. Bis zur Tunneleinfahrt vergeht nicht viel Zeit. Ich muss da gar nicht hin; denn schon vielleicht 150 Meter vorher zweigt eine schmale Straße nach links ab, und es besteht überhaupt kein Zweifel, dass dies der Zugang zu den Prüfungen ist, die auf mich warten. Aber ich habe einen Verdacht bezüglich des Tunnels, und dem möchte ich nachgehen, damit ich mich mal wieder so richtig über die autophilen Verkehrsmacher aufregen kann. Ich fahre also weiter auf der Straße, und bald kommt eine ganze Palette von Verbotsschildern ins Blickfeld. Sie sind noch zu weit weg, um genau erkennen zu können, was da alles verboten ist, aber ich würde eine hohe Wette wagen, dass auch Radfahrer zu den im Tunnel unerwünschten Objekten gehören. Und richtig! Eine Sauerei! Nirgends steht eine Information, weder an der Straße noch auf dem Atlas. Als wenn Tunnels in Frankreich a priori für Radfahrer gesperrt wären. … Vielleicht sind sie es? Zwar will ich gar nicht in den Tunnel, und selbst wenn es erlaubt wäre, hätte ich ein mulmiges Gefühl, weil mein Rücklicht meutert, und das wäre dann ja doch sehr fahrlässig – der Tunnel ist immerhin über drei Kilometer lang und hat den Verkehr einer Europastraße auszuhalten –, aber wenn ich jetzt hier lang wollte, und wenn das Licht in Ordnung wäre, dann stünde ich ganz schön dumm da und müsste das Verbot entweder ignorieren oder einen Umweg von weit über 100 Kilometern machen und die bisher erklommenen Höhen dabei natürlich auch wieder aufgeben, weil der Umweg durchs Tal führte… Oder ich müsste tun, was ich ohnehin tun will, nämlich über Stock und Stein hinauf zum Pass, wie es die Fahrzeuge vor 100 Jahren wahrscheinlich auch so machten. Und auf der anderen Seite wieder hinunter, aber das steht nicht auf dem Programm.

Der Abzweig ist schmal. Er ist so unauffällig wie die Zufahrt zu einer Viehweide, aber zunächst mal ist er asphaltiert. Der Belag ist historisch, er dürfte schon einige Jahrzehnte erlebt haben. Und offensichtlich hat das Geld oder das Material damals nur für einige 100 Meter gereicht. Es geht auch nicht gerade flach in die Höhe. Die Straße ist jetzt eindeutig steiler als die Europastraße. Man leistete sich damals wohl nicht den Luxus einer langgestreckten Ausführung. Bemerkenswert ist, dass offenbar nur ein schmaler Teil des Berghanges für den Aufstieg geeignet schien. Jedenfalls geht es permanent hin und her, die Abschnitte zwischen den Kehren sind kaum 50 Meter lang. Der Autor hat dazu geschrieben, dass die Auffahrt von oben wie ausgedrückte Zahncreme aussieht. Es ist ja nun nicht das erste Mal, dass ich in die Berge fahre, aber für den Autor gilt das sicher ebenso. Wenn er also die Form des Weges für erwähnenswert hält, muss es was Besonderes sein, und ich bin schon sehr gespannt darauf, mir das alles von oben anzusehen.

Einstweilen bin ich aber noch lange nicht oben. Unter normalen Bedingungen würde ich für diese Arbeit anderthalb Stunden veranschlagen, aber dieser Weg wirft alle Berechnungsmodelle über den Haufen. Der Asphalt hat inzwischen ein Ende. Er wird von einem Weg abgelöst, der meist ziemlich grob geschottert ist. Das ist irgendwie nicht das Richtige für ein Reiserad wie meins. Zumindest alles, was die Räder daran ausmacht, dürfte leiden. Und ich zusätzlich. Denn es ist wirklich steil. Ich stehe auf und gehe in den Wiegetritt über. Das Drehmoment ist für die Schaltung eindeutig zu hoch, aber was soll’s? Das Opfer muss in Frankreich wohl gebracht werden. In England habe ich es seinerzeit schließlich auch gebracht. Rechts taucht ein erstes Gebäude auf, das mit einem bisschen guten Willen als ehemalige Kaserne und jetzige Ruine gedeutet werden kann. Es ist durch einen Drahtzaun und eindeutigen Hinweise auf Privatbesitz gegen Landstreicher und Leute meines Schlages abgegrenzt. Außerdem liegt es noch weit unterhalb des Passes. Von unten erkenne ich beim Blick den Steilhang hinauf weitere Ruinen oder Gebäude. Eines thront ziemlich weit oben mit Blick über das ganze Tal, das nun auch zusehends unter mir versinkt. Allerdings wird es gleichzeitig immer dämmriger, so dass mir mein Überblick keine neuen Einblicke beschert. Das wird dann wohl alles der Morgen bringen müssen – oder dem ungünstigen Timing geopfert. Aber diese Burg dort oben – das wäre vielleicht ein Platz zum Übernachten. Sie ist nur eben noch weit, weit über mir, und der Weg dorthin wird scheinbar immer steiler.

Unverzagt kurbele ich mich nach oben. Was ich hier absolviere, ist ja ein Rundkurs. Eigentlich Blödsinn, den ganzen Kram mit nach oben zu schleppen und dann wieder hinunter, wo ich doch hundertprozentig denselben Weg für die Rückfahrt benutzen werde. Aber da sind die immer wieder neuen Fragen, was ich nicht mitnehme und wo ich dies solange deponiere. Diese Erwägungen haben sich erledigt. Jetzt gibt es kein zurück mehr. Und mittlerweile gibt es auch kein weiter mehr: Das Hinterrad dreht durch, weil ich mich über den Lenker gebeugt habe. Schieben ist angesagt. Wenn das nicht Bände über den Weg spricht. Was treibt mich eigentlich hier hinauf? Ein paar Zeilen in einem Buch, ein Foto, das einige Schleifen einer hellen Piste auf dem dunklen Hintergrund einer Alm zeigt, ganz winzig darauf und nur bei genauem Hinsehen erkennbar, ein Radfahrer auf dieser Piste… Und ich versuche nun, herauszufinden, ob die Auffahrt tatsächlich so toll ist, ob ich wohl die Stelle finde, von der aus die Aufnahme gemacht worden ist, ob sie mich beeindruckt, mehr sogar natürlich; denn was ist schon ein Foto? Und ich finde sie! Mit tiefen Atemzügen biege ich wieder um eine Kurve – hier oben sind die Kehren viel weiter voneinander entfernt, der Hang flacher, der Weg auch ein kleines bisschen weniger steil. Da kann man wieder fahren. Na ja, sofern das gilt. Sitzen und treten kann man, fahren ist vielleicht etwas übertrieben, und eine Reise ist es momentan ganz gewiss nicht. Vielleicht hat es stattdessen den Hauch eines Abenteuers.

Michelin zeichnet zehn Kehren im Atlas ein. Ich möchte sagen, es sind mindestens 30 Kurven. 40 wäre keine sehr gewagte Schätzung. Na gut, wenn die Karte den Maßstab 1:200000 hat, würden Wege im Abstand von fünf bis zehn Metern mit einer Länge von 50 Metern natürlich auch kaum darstellbar sein. Aber wer glaubte, es ginge schön gerade nach oben, der wird lernen, dass Kurven dem groben Maßstab als erstes zum Opfer fallen, und er wird solche Drucke künftig vorsichtiger interpretieren.

Schließlich bin ich oben. Dass ich die ganze Zeit über keine Änderungen an der Kleiderordnung vorgenommen habe, führt dazu, dass ich jetzt sogar kaum noch verschwitzt bin; denn hier oben weht ein ziemlich kühles Lüftchen. Der Pass liegt in 1871 Metern Höhe, und er ist ein echter Pass, d.h., nach rechts und links geht es entlang des Kammweges weiter nach oben. Rechts muss irgendwo hinter einer Anhöhe die Burg oder dieses auffällige Gebäude liegen; vorerst sehe ich nur die Ruinen einer Kaserne. Meine Güte, muss das ein Vergnügen gewesen sein, hier Dienst zu tun. Die Kälte, der Wind, immer wieder irgendwelche Konflikte. Ob die wohl noch Blicke für die herbe Schönheit der Natur hier oben hatten? Die Erkundung der Kaserne zeigt, dass dies kein geeigneter Platz für eine Übernachtung ist. Die Zwischendecken und Dächer waren offenbar alle aus Holz und sind entweder verbrannt oder verwittert, jedenfalls nicht mehr vorhanden. Na, dann schauen wir uns halt mal die Burg an. Hinter einem Hügel kommt sie ins Blickfeld. Auf halbem Wege mache ich jedoch kehrt, um das Fahrrad nachzuholen. Dieses Gebäude oder gar keines, sagt mir der erste Blick; denn dort ist ein Dach.

Nein, eine Burg ist das nicht. Der Reiseführer schreibt auch von einer Festung, und bei genauer Betrachtung ist das die richtige Bezeichnung. Ein relativ flacher Bau mit nur einem Obergeschoss und einem Grasdach, das so geschlossen ist, dass ich mir nicht vorstellen kann, es sei zufällig begrünt, keine Fenster, sondern nur Schießscharten für die Kanonen und Gewehre, eine nicht mehr vorhandene Zugbrücke über einen noch vorhandenen Graben (hier entlang ist also kein Zugang)… da werde ich mir noch Jahrzehnte nach der letzten militärischen Nutzung dieses Bauwerks ernsthaft Gedanken darüber machen müssen, wie ich in den Laden hineinkomme. Die Festung liegt an der Südseite des Kamms, und die Südfront fällt steil in das Tal ab. Dort existiert kein Burggraben, und die Schießscharten für die Kanonen beginnen in etwa zwei Metern Höhe. Ein schmaler Sims in etwa einem Meter Höhe erlaubt eine Inspektion für Klettergewandte. Ja,… wenn ich den Bauch einziehe, passe ich wahrscheinlich durch diese Öffnung in der etwa zwei Meter dicken Wand. Nun muss ich mir nur noch überlegen, wo ich das Fahrrad über Nacht abstelle und welche Sachen ich brauchen werde. Mehrmals möchte ich diese Kletterpartie nicht machen. Sie ist letztlich nicht völlig ungefährlich. Bei der Inspektion brauche ich inzwischen eine Taschenlampe, und ich stelle fest, dass es zweckmäßige und unzweckmäßige Plätze zum Schlafen gibt, dass man hier auf Nimmerwiedersehen verunglücken kann, dass aber schon andere »Gäste« hier waren und zum Zeugnis ihrer Pionierleistung die entbehrlicheren Segnungen unserer Zivilisation hinterlassen haben: Mülltüten liegen herum. Aber wer aus der Bude ein Hotel machen wollte, hätte sicherlich ein größeres Problem: Die Suiten wären schlicht zu dunkel. Wollte man standesgemäße Fenster in die Wände brechen, wäre dies nicht nur ein technisches Problem, sondern würde das Gebäude vermutlich völlig seines Charakters berauben. Da habe ich doch noch mal Glück gehabt und kann daher zum Nulltarif übernachten.

Für die Nacht in über 1800 Meter Höhe hole ich mir fast alles, was die Wäschetasche zu bieten hat. In voller Montur, Regenjacke eingeschlossen, steige ich nach dem Essen in den Schlafsack, dem – bzw. der darunter liegenden Isomatte – ich vorher etwas Platz auf dem betonierten, aber mit Schutt bedeckten Fußboden geschaffen hatte. Über mir hängt ein riesiger eiserner Haken an der Decke. Hoffentlich hängt er auch morgen noch dort. Aber falls nicht, ist er ausreichend groß, um mir keine Sorgen mehr zu bereiten. Und in der Gewissheit, dass dies einer der höchsten Plätze ist, an denen ich bisher auf Reisen übernachtet habe, und eingehüllt von der Stille, die dem Wind der Berge gehört, schlafe ich ein.

22. Juni 22. Juni24. Juni 24. Juni