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22. Juni

Col de Vergio – D84 – Porto – D81 – les Calanche – D81 – Porto – D81xD81b – Calvi – Fähre (über Mitternacht) – Nice – N98 – Beaulieu-sur-Mer (134 km)

Als ich erwache, ist es bereits hell. Ringsum herrscht Stille. In der Nacht war ich einige Male wach geworden, und von einem Mal aufs andere hatte sich der heftige Wind plötzlich gelegt. Jetzt bedarf es einer willensstarken Entscheidung. Es ist lausig kalt hier oben, und ich muss die schützende Hülle des Schlafsacks verlassen. Die Aussicht auf einen Sonnenaufgang und der unerbittliche Terminrahmen durch die geplante Rückfahrt mit der Fähre gibt mir schließlich ausreichend Entschlusskraft. Für den Sonnenaufgang komme ich bereits zu spät. Es ist 6 Uhr, und der Feuerball hat sich mittlerweile so weit über die Berge im Osten erhoben, dass man schon nach Sekundenbruchteilen die Augen abwenden muss. Aber noch wärmt er nicht, und noch ist er rot. Der Sonnenaufgang wird schon in zehn Minuten vorbei sein. Dann ist früher Vormittag, und die Sonne wird beginnen zu heizen. Um dabei zu sein, wenn sie damit anfängt, hole ich rasch meine Frühstücksvorräte aus dem Gepäck und rolle den Schlafsack zusammen.

Kurz vor sieben ziehe ich das Fahrrad hinterm »Tresen« hervor und breche mit dem Gongschlag auf. Mir steht jetzt eine beachtliche Talfahrt bevor: Über 1400 Höhenmeter in morgendlicher Frische auf der Schattenseite der Insel, ohne Bewegung und ohne heute schon irgendwas gemacht zu haben, das mich innerlich hätte erwärmen können. Also habe ich alles herausgesucht, was die Kleiderkammer bietet, stülpe Plastiktüten über die Hände und rolle vermummt zu Tal. Und die Strecke hat was zu bieten! In der Ferne leuchtet von Zeit zu Zeit das Mittelmeer in klarstem Blau. Besonders die Nordflanke des nach Osten verlaufenden Tals wird mehr und mehr von den Sonnenstrahlen überstrichen. In der unteren Hälfte wird auf diese Weise ein Dorf in kräftigen Farben gezeichnet: Dächer in der ganzen Farbpalette von Gelb bis Rot, die Häuserfronten weiß, obwohl sie vermutlich eher grau sind, und ringsherum der grüne Wald, der auf der einen Seite bis zur Talsohle reicht, auf der anderen hinauf bis an die Stelle, an der der Fels fast senkrecht nach oben steigt. Ein Bilderbuchmotiv! Nun müsste mir nur noch der dazu passende Spruch einfallen. Wenn sich das Wetter so hält, werden die Calanche eine Wucht!

Auf der Abfahrt begegnen mir einige Radfahrer, die sich den Aufstieg auf den frühen Morgen gelegt haben. Abgesehen davon, dass es um diese Zeit noch nicht so gut um die Energiereserven bestellt ist, kann man es ja ruhig angehen und gerät nicht so in die Hitze des Tages hinein – selbst wenn sich die Auffahrt über drei oder vier Stunden hinzieht (es geht immerhin von 0 auf 1400). Die Saison der Pedalritter naht ihrem Höhepunkt offenbar früher als die der Motorisierten.

In Porto bin ich mit den Örtlichkeiten bereits vertraut. Angesichts des tollen Wetters und der Uhrzeit stellt sich die Frage natürlich nicht, ob ich direkt nach Calvi fahre oder vorher noch mal die Calanche ins Visier nehme. Allerdings will ich die 400 Höhenmeter nicht mit vollem Marschgepäck unternehmen. Darum suche ich mir ein gutes Versteck und deponiere dort meine Taschen. Und dann geht’s los. Berg bleibt Berg, aber mit 20 kg weniger fühle ich mich schon so ein bisschen von der Leine gelassen. Der Eindruck verstärkt sich angesichts der überraschend zahlreichen und meist weniger schnellen Urlaubsradler, die offenbar ihren Standort in Porto haben und nun mal einen Fitnessausflug nach Piana unternehmen. Das ist durchaus ambitioniert für diejenigen, die eine solche Fahrt einfach »mal so« machen. Unter ihnen sehe ich auch einen höchstens zehnjährigen Jungen, der mit seinem Vater die Höhen tapfer erklimmt. Respekt! Ob er wohl später genauso gern Fahrrad fährt?

Nach einer knappen Stunde habe ich die Szene erreicht. Ich bin wahrhaftig nicht allein: Radfahrer, Motorräder, einige Autos – wo Platz ist, da stehen sie, und ihre Fahrer klettern herum, wo Amateure sich gerade noch bewegen können, ohne sich das Genick zu brechen. Am gefährlichsten ist wahrscheinlich immer noch die Straße, denn dort spazieren einige Fußgänger, als befänden sie sich nicht auf einer unübersichtlichen Fernstraße, sondern auf irgendeinem Boulevard. Ich fahre erst mal durch bis zum oberen Ende der Calanche und dann langsam wieder zurück. Das nenne ich gute Bedingungen zum Fotografieren! Eine Sicht, gut wie selten, eine Beleuchtung, die scharfe Konturen zeichnet, na, und das Wetter ist selbstredend brillant. – In der gleichen Richtung wie ich ist ein Motorradpärchen aus Osnabrück auf dem Weg. Wir tauschen ein paar Eindrücke aus, und auf dem Weg in den unteren Teil der bizarren Felsszenerie sehen wir uns einige Male. Ich bewundere den Pioniergeist der Erbauer dieser Straße. Häufig ist sie fast wie ein Schwalbennest an den Feld geklebt worden, jedenfalls musste die Talseite oft meterhoch gemauert werden. Die Landschaft sieht nicht aus, als hätte sie ewig Bestand. Einige Felsformationen sind deutlich erodiert und ragen nur noch wie ein Pilz oder Baum in die Höhe. Wenn ihnen die Basis eines Tages ganz wegbricht, werden sie entweder in die Schlucht oder auf die Straße stürzen.

Auf der Fahrt zum unteren Ausgang der Calanche sehe ich wieder Arbeiter beim »Mähen« des Straßenrandes. Es scheint geradezu ein Hobby zu sein, so unverdrossen sind die Orangekittel bei jeder Tageszeit und -hitze auf der Piste. Für mich ist das besonders gefährlich, denn in diesem felsigen Terrain wächst kein Gras am Straßenrand, sondern nur Dornenpflanzen. Gemäht verteilen sie sich auf der ganzen Straße, und bei der letzten Fahrt entlang der Westküste habe ich mir ja die erste Panne dieser Tour eingefangen. Das wäre heute ganz unpassend, denn Verzögerungen möchte ich im Hinblick auf die Abfahrt der Fähre nicht haben.

Auch die Abfahrt nach Porto gibt mehr her als beim letzten Mal. Obwohl kaum Wind weht und die See ruhig scheint, schäumt die Brandung heftig und versieht die Küste und jeden Stein, der aus dem Wasser ragt, mit einem weißen Saum. Möglich, dass sich der Wind der letzten Nacht noch auswirkt. Auch die nächsten 40 Kilometer der Route kann ich jetzt viel klarer überblicken. Aber die kenne ich ja schon. In Porto lade ich mein Gepäck wieder auf, kaufe noch ein und mache mich wieder an den Aufstieg. 400 Meter ist das Höchste, was mich heute noch erwartet, keine wilde Angelegenheit also, und ich freue mich schon auf die spiegelglatte Abfahrt vom Pass.

Die Fahrt bis zum Abzweig nach Galeria wird dann auch wirklich nicht aufregend. Respektvoll fahre ich an jedem Blatt und jedem Zweig vorüber, die auf der Straße liegen, damit sich die Story nicht an derselben Stelle wiederholt. Eine Panne bleibt mir dann auch dieses Mal erspart. Trotzdem ist es diesmal anders. Auf den ersten 20 Kilometern geben die Küstenberge immer mal wieder den Blick auf die Calanche und Capo Rosso frei, also die Ziele dieses Morgens, aber im Gegensatz zur Fahrt vor drei Tagen liegen sie jetzt zum Greifen nahe. Die Sicht ist exzellent.

Immer mal wieder überschlage ich, mit welcher Durchschnittsgeschwindigkeit ich den Rest der Strecke fahren müsste, um pünktlich zur Abfahrt der Fähre zu kommen. Dieser Wert schmilzt sichtlich dahin. Als ich die D81b erreiche, ist es schon fast ein Spazierschritt. Mir fällt ein, dass ich mich bald endgültig vom Meer verabschieden werde. Spätestens morgen geht es in die Alpen, und dann ist Baden höchstens noch in Seen und Flüssen möglich, aber nicht mehr in der See. Also, wie wär’s? Links lockt das Meer. Jetzt brauche ich nur noch einen leeren Strand. Und darauf muss ich nicht lange warten. Nach wenigen Kilometern bietet sich dem Auge ein grauer Streifen von mehr als einem Kilometer Länge. Er ist nicht das, wovon Südseeurlauber träumen. Er ist weder weiß noch fein, aber ich komme dort ins Wasser, ohne mir notwendigerweise die Knochen zu brechen, und ich werde niemanden in Verlegenheit bringen, nur weil ich keine Badehose habe. Entschlossen lenke ich mein Gefährt in Richtung Brandung. Und die hat ihren Namen heute wirklich verdient. Die Brecher sind nicht von schlechten Eltern. Während ich mich fertig mache, nähert sich von rechts ein älteres Paar. Na gut, wenn Ihr noch vorbei wollt. Aber sie wollen nicht. Also, wisst Ihr, der Strand ist doch wirklich groß genug. Da kann ich Euch nun wirklich nicht helfen. Entschlossen lasse ich die letzten Hüllen fallen, und mir ist egal, was sie darüber denken. Meine Schuhe stelle ich außer Reichweite der Wellen und beschwere einen davon noch mit der halbgefüllten Trinkflasche.

Auf dem Weg ins Wasser wird mir klar, was da vor mir los ist: Das sind die Reste eines Sturmes. Und prompt haut mich der erste Brecher in den Kies. Mir fällt ein Bericht über Surfen auf Hawaii ein, in dem davon die Rede war, wie gefährlich das Wellenreiten sein kann, wenn man unter die Wassermassen gerät. Na ja, aber fünf Meter hoch ist es hier ja nicht. Das sind höchstens anderthalb Meter. Aber immerhin. Es hat bis zu meinen Schuhen gereicht und einen von ihnen ein Stück mitgerissen, so dass ich hastig zurück an Land gehe und sie noch ein gutes Stückchen weiter in Sicherheit bringe. Zweiter Anlauf: Ich muss eine Serie der kleineren Wellen zwischendurch abpassen, um einigermaßen ungefährdet ins tiefe Wasser zu gelangen. Dann, sobald sie sich nicht mehr brechen und ich immer oben schwimme, stellen sie keine Gefahr mehr dar, und ich muss nur noch aufpassen, ob es Strömungen oder Winde gibt, die mich eventuell vom Ufer wegtreiben könnten – Ankunft in Gibraltar in vier Wochen.

Das Bad dauert nicht lange. Erstens ist es mir wirklich zu unsicher, hier einfach ein Stückchen hinauszuschwimmen, zweitens habe ich meine Abkühlung, und drittens habe ich heute ja noch einen Termin in Nizza. Also lasse ich mich wieder ans Ufer spülen, ziehe mich an und trete die Weiterfahrt an. – Die Landschaft ist hier nicht aufregend. Es ist zwar nicht langweilig, aber es gibt keine Siedlungen, keine außergewöhnlichen Berge, lediglich einige Umwege immer an der Uferlinie entlang. 146 Meter hoch ist die höchste Erhebung. Bemerkenswerte Dinge passieren nicht. Ich bin fast froh drum. Kurz vor Calvi sehe ich am Straßenrand einen Augsburger Mercedes stehen, und sein Besitzer nimmt mit einer Videokamera das Innere seines Wagens auf. Das muss ein rasend spannender Urlaubsbericht werden, wenn er sonst nichts zu filmen hat.

In Calvi besorge ich mir mal wieder Geld, und da noch reichlich Zeit ist, beschließe ich einen größeren Einkauf. In Nizza wird’s zu spät dazu, und wann’s danach mal was wird, weiß ich nicht. Allerdings muss ich den Supermarkt erst eine Weile suchen.

Der Ort ist voll auf den Fremdenverkehr eingestellt. Er ist an sich nicht sehr groß, aber der Hafen verleiht ihm Bedeutung, und die Zahl der Restaurants und Andenkenläden ist immens. Nirgends ist viel los, und das Personal langweilt sich sichtlich, aber vorerst habe ich dafür keine Blicke, weil jetzt erst mal die Tickets wichtig sind. Wo sich der Hafen befindet, ist offensichtlich, nur von einer Fähre ist noch nichts zu sehen, und so muss ich erst mal die richtige Stelle finden. Dort ist erstaunlich wenig los, wenn man bedenkt, dass es eigentlich kaum noch eine Stunde bis zur Abfahrt der Fähre ist. Jedenfalls ist keine Fähre da. Beim Ticketkauf erfahre ich dann, dass das Schiff erhebliche Verspätung haben wird. Na, damit werde ich dann wohl leben müssen.

Außer mir wartet am Hafen ein Tramper, der, wie sich herausstellt, aus dem Elsaß stammt und nahezu perfekt deutsch spricht. Wir erzählen uns gegenseitig unsere Reisen, wobei er naturgemäß öfter mit Einheimischen in Kontakt kam und dabei auch einige Abenteuer erlebte. Dieser Mann bringt nun bei einer Angestellten von Corsica ferries (die nebenbei bemerkt aus Bayern stammt und ihre Muttersprache nicht erkennbar verlernt hat) den Grund für die Verspätung in Erfahrung: Sturm auf dem Mittelmeer. Na, das ist ja zum Lachen. Fast könnte man sich spiegeln im Wasser, und keine Welle ist weit und breit zu sehen. Aber er erzählt mir, am Vortag sei die Fähre ganz ausgefallen, und die Wellen seien teilweise über fünf Meter hoch gewesen. Auch heute noch sei draußen »was los«. Man erwarte jederzeit die Abfahrt in Nizza. Die Abfahrt! In Nizza! Das kann ja heiter werden. Nun ist also wirklich noch Zeit, und ich beginne damit, zwei Postkarten zu schreiben. Auf keiner Reise habe ich so ungern Reisepostkarten geschrieben. Vielleicht liegt das daran, dass Frankreich gängiges Touristenland ist und wahrscheinlich niemand sonderlich vom Hocker gerissen wird, wenn er von dort eine Karte kriegt. Warum also welche schreiben? Aus Gewohnheit. Bevor ich also mit dieser kommunikativen Übung beginne, öffne ich die Dose für Härtefälle mit den Bohnen und etwas Fleisch, damit ich sie nicht womöglich noch durch die Alpen schleppe. Der Inhalt sieht ziemlich undefinierbar aus und schmeckt auch so. Nach der halben Dose denke ich mir, ich könnte ein gutes Werk an den herumstreunenden und bettelnden Katzen tun, aber sie finden keinen Gefallen daran. Das Zeug scheint sogar deren Geschmack zu beleidigen. Wenn ich keine Lebensmittel vernichten will, darf ich dann diese Dose wegwerfen? Schwer zu sagen.

Die nächste Übung gilt dem Aufspüren eines Briefkastens. Daraus wird dann tatsächlich ein Stadtrundgang zu nächtlicher Stunde. Nach langem Auf und Ab durch die Gassen und Straßen Calvis finde ich, was ich suche, und eile zurück; denn als ich mein Fahrrad zurückließ, hatte ich nur von zehn Minuten gesprochen.

Schließlich kommt die Fähre nach 22 Uhr an. Und dann muss es plötzlich ganz schnell gehen. Trotzdem ergießt sich eine endlose Autoschlange aus dem eisernen Rumpf. Wir gehen an Bord, ich suche mir einen Platz und mache mich lang. Schließlich brauche ich auch in dieser Nacht meinen Schlaf, und wenn das erst nach Ankunft der Fähre losginge, würde ich morgen erst am späten Vormittag aufbrechen können.

Und tatsächlich schaukelt das Schiff! Es lässt sich aber aushalten. Der Tramper stellt noch Überlegungen darüber an, wo er in Nizza schlafen will, und ich höre eine Weile zu; denn er scheint nicht sehr anspruchsvoll zu sein. Aber dann wird es immer weniger interessant, und schließlich ist mir alles egal. – Bei der Ankunft um 1.40 Uhr werde ich jedenfalls geweckt. Vielleicht hat der Schlaf ja geholfen. Jetzt muss ich auf alle Fälle richtig wach werden, denn nun komme ich wieder auf die Straße, und wenn da auch nicht viel los ist, so muss ich doch ein Lager suchen. Da der Tramper am Strand schlafen will, der ziemlich gut einsehbar ist und wo ich meinen ganzen Kram lieber nicht abstellen will, trennen sich unsere Wege. Außerdem geht er in Richtung Westen, mein nächstes Ziel liegt jedoch im Osten.

Die Fahrt führt mich durch nächtlich leere Orte, und es ist mal eine ganz andere Fahrt. Ab und zu kommt ein Auto, aber davon abgesehen herrscht Stille. Immer so weiter möchte ich allerdings nicht fahren; denn nachts ist nicht so viel zu sehen wie tagsüber. Die dicht besiedelte und -bebaute Küste bietet jedoch kaum Stellen, die auch bei Tagesanbruch noch schwer einsehbar sind, und so bin ich fast eine volle Stunde unterwegs, bis ich hinter Beaulieu neben einem kleinen Parkplatz auf einer »Wiese« (einer Fläche mit etwas Gras und ziemlich viel Müll) ein Plätzchen finde. Na gut, machen wir heute halt mal ein Kontrastprogramm mit leicht abgesenktem Komfort.

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