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21. Juni

Alzeto – D31xD231xD64xD81 – Col de Teghime – D38 – Oletta – Col de San Stefano – D62xN193xD107 – la Marana – D107xD10xN193 – Ponte Leccia – Francardo – D84 – Col de Vergio (135 km)

Der Schlafplatz muss etwas haben. Jedenfalls ist der Sonnenaufgang schon passé, als ich wach werde. Der Tisch im Freien war allemal erste Wahl unter all den Möglichkeiten, die sich gestern Abend geboten hatten. Es hätte nur noch gefehlt, dass die Aufbauten weinumrankt und die Tischplatte ein kleines bisschen gefedert sind. Dann hätte das Anwesen weniger verlassen und heruntergekommen gewirkt, und wahrscheinlich hätte ich mich vor dem Aufwachen noch einige Male herumgedreht. So aber, auf steinernem Untergrund, ist der erste Dreher nach dem erforderlichen Schlaf auch gleichzeitig der Wecker, weil ich garantiert auf einer Stelle ohne Speck lande.

Wie gesagt, die Sonne steht schon nicht mehr dicht über dem Horizont. Es muss bereits nach sieben sein. Dann will ich nicht länger zögern. Nach den gestrigen Informationen in Bastia könnte ich morgen Abend die Fähre in Calvi besteigen. Aber dazu müssen noch ca. 250 Kilometer gefahren werden. Und es liegen einige Berge dazwischen. An sich könnte ich auf dem direkten Weg schon heute Nachmittag dort sein, aber ich will noch über den Col de Vergio und natürlich noch einmal zu einer besseren Zeit als damals in die Calanche.

Da der Ort so schön abgeschieden ist – zwar fahren vor dem Hoftor Autos vorbei, aber die können mich hier nur sehen, wenn sie wissen, dass ich hier bin, und genügend langsam fahren –, kann ich mir nicht vorstellen, einen besseren Platz zum Frühstücken zu finden. Außerdem dauert es ja immer einige Stunden, bis die volle Leistungsfähigkeit hergestellt ist. Je früher ich also die ersten Kalorien zu mir nehme, desto besser. Ich muss zu Hause mal einen Arzt nach einer Erklärung für diese enorme Zeitspanne fragen, denn wenn mir unterwegs mal das Essen ausgeht, dauert es nach einer Mahlzeit nur eine verhältnismäßig kurze Zeit, bis ich wieder einsatzfähig bin. Nur im Normalzustand vor oder lange nach einer solchen Reise ist der Kreislauf so lahm, dass ein Hungerast für den Rest des Tages ein Weiterfahren unmöglich macht.

Zum Essen setze ich mir schon den Hut auf, nehme aber sonst ein Sonnenbad. Das wird wohl ein heißer Tag, wenn die Sonne morgens schon so anfängt. Na, mir soll es recht sein. Nach dem Einpacken verliere ich weiter keine Zeit und nehme die Fahrt wieder entlang der Berge auf, gelegentlich etwas bergab, dann wieder ein Stückchen bergauf – das richtige Profil für den Morgen. Allerdings verläuft die Strecke so kurvig, dass mir nur die Küste und die Sonne Orientierung geben. Ich warte jetzt auf die D81, denn auf ihr erwarte ich wieder eine klarere Tendenz und bessere Beschilderung.

Bevor ich sie sehe, kann ich sie riechen. Das heißt, natürlich stinkt nicht die Straße. Eine Müllkippe über Bastia scheint den ganzen Dreck der Gegend in wenig professioneller Weise aufzunehmen. Aber was heißt schon professionell? Wann stinkt Müll bei diesen Temperaturen nicht? Wenn er mit Hightech aus Deutschland verbrannt wird? Fast vor meiner Haustür (in Fürth) steht ein Debakel deutscher Müllverwertungskunst, das Hersteller und zwischenzeitlichem Besitzer viel Ärger gemacht und hohe Rechnungen beschert hat. Und ein Werk dieses Kalibers würde wahrscheinlich sogar den Müll von halb Korsika zu wirtschaftlichem Betrieb erfordern und trotzdem horrende Müllgebühren voraussetzen – was letztlich zu wilden Kippen führen würde. Eine erste Auslese treffen hier die Möwen. In dichten Scharen kreisen sie um die letzten Anlieferungen. Der Gestank ist nicht sehr intensiv, aber unangenehm. So etwa könnte es in einem Krematorium riechen, vermute ich. Der Geruch soll dort auch süßlich sein. Hin und wieder erinnert mich der Gestank auch an Räucherschinken, aber ich kann mich nicht dauerhaft auf diesen Vergleich einlassen. Dafür riecht Schinken zu gut und dieser Müll zu schlecht.

Am ersten Pass dieses Tages erinnert ein Denkmal an die Kämpfe um Korsika im zweiten Weltkrieg. Es steht auch noch ein kleines, reichlich verrostetes Geschütz dort. Aber sonst ist der Pass lediglich gut als Geruchsbarriere. Eine Auffahrt in die Berge, begleitet von Müllgestank, ist nicht gerade das Angenehmste. Jetzt kommt erst mal eine Abfahrt nach Oletta. St. Florent ist schon wieder zu sehen. Weder will ich dort wieder hin noch soweit wieder hinunter. Aber Klettereien gehören ja zum Tagesgeschäft. Danach muss ich eben wieder hoch. Zwischendurch gibt es eine kleine Verzögerung, weil der Straßenrand gemäht wird und auf der schmalen Straße außer mir niemand an dem Traktor vorbeikommt.

In Oletta suche ich zuerst nach einem Briefkasten, dann beginnt wieder der Aufstieg zum nächsten Pass: Col de S. Stefano. Das ist keine lange Strecke. Oben muss ich mich entscheiden, ob ich dem Vorschlag Pierres folge und quer durch die Botanik nach Ponte Leccia fahre – durch nahezu unbewohntes und ziemliches dürres Gebiet, wo es allerdings auch schön ruhig sein dürfte – oder auf Umwegen und erst mal wieder ans Meer hinunter, durch den Trubel der Geschäftsvororte von Bastia und ein Stück am Meer entlang. Ich entscheide mich für letztere Variante, auch, weil es meiner Planung am ehesten entspricht.

Die Abfahrt vom Pass wird immer schöner. Sie heißt auf der Karte »Défilé de Lancone«. Allerdings muss ich aufpassen. Besonders übersichtlich ist die Straße mit all ihren Kurven und so eng, wie sie ist, nicht gerade. Erst im unteren Abschnitt, wo die Berge rechts und links hinter mir zurückbleiben, wird das Asphaltband breiter und überschaubar. Kurze Zeit später mündet das Vergnügen in den Horror: die vierspurige Straße vom Ausblick des gestrigen Abends. Und die schien heute morgen vom Schlaftisch aus noch so harmlos. Na, die nächsten drei oder vier Kilometer werde ich wohl schaffen; dann ist diese Piste überstanden. Und schließlich bin ich schon auf viel belebteren Straßen unterwegs gewesen.

So ein bisschen was hat dieser Beton schon von einer Autobahn. Es ist was los. Und es ist eine Werbemeile. Oder auch ein paar mehr. Jedenfalls ist sie in ein Gewerbegebiet eingebettet, das jedes Gefühl für architektonischen Anspruch oder Ästhetik vermissen lässt. – Wieder überholen mich zwei Autos, das erste ein etwas teureres Cabrio, das zweite eher ein Kleinwagen. Drinnen geht es hoch her. Die beiden Parteien scheinen sich nicht zu mögen. Etwa 100 Meter später halten sie rechts. Und tatsächlich steigen insgesamt drei Damen aus, eine davon mit Regen- oder wohl eher Sonnenschirm bewaffnet, und gehen wie die Furien aufeinander los. Also, das wäre ja glatt ein Grund anzuhalten und den Ausgang der Auseinandersetzung abzuwarten. So was kriegt man sonst nur im Kino geboten, in einem italienischen Film vielleicht. Aber unter uns: Korsika ist ja schon irgendwie fast italienisch. Man muss sich nur mal die Ortsnamen anschauen. Dann denke ich mir allerdings, dass die Frauen von einem solchen Paparazzo – immerhin führe ich sichtbar einen Fotoapparat bei mir, und warum sollte ich eine solche Szene nicht auch noch am Ende fotografieren? – wahrscheinlich sehr wenig halten dürften und ihre Aggressionen womöglich auf mich lenken würden. Das kann ich auch nicht gebrauchen. Also fahre ich vorüber, nur ein unhörbares »Mais, mesdames!« auf den Lippen.

Mit dem Abzweigen endet der Trubel. Ich kaufe mir ein paar Pfirsiche und Nektarinen – es ist wirklich der Wahnsinn, was die Leute hier für »eigene Ernte« bezahlen: Obst aus Korsika scheint auf Korsika dreimal so teuer zu sein wie in Deutschland; aber wieso nur? – und schwenke dann ein auf die Strandpromenade, die mich nun wieder in Richtung Südosten führt. Giuseppe hat mir ja gestern von Eukalyptusbäumen erzählt, die die Mücken mit ihrem Geruch vertrieben hätten. Nun gut, tagsüber sehe ich sowieso keine Mücken, und stechen tun sie auch nicht. Aber ich rieche auch nichts, wenngleich das nichts bedeuten muss. Jedenfalls hat diese Strandpromenade keinen Reiz, da sie nicht am Strand verläuft. Man sieht ihn nicht. Stattdessen lege ich mich in eine Bushaltestelle, nachdem ich mir einen Liter Milch hinter die Binde gekippt habe, was dann doch ein bisschen viel auf einmal war, und betrachte Hakenkreuz- und andere Schmierereien im Inneren des kleinen steinernen Bauwerks – schön schattig übrigens.

Am Rande bemerkt, lässt sich aus all den Einkäufen noch ableiten, dass die Gegend um Bastia sich wenig um arbeitsfreie Wochenenden schert, auch den Montag als vollwertigen Arbeitstag anzusehen scheint.

Eines der nördlichen Enden der Inseleisenbahn liegt in Bastia. Die Fahrt nach Ponte Leccia verspricht nun häufigen Kontakt mit dem Schienenstrang. Aber erst mal muss ich wieder an die Berge ran. Die Strecke ist öde. Sieht auch auf der Karte so aus. Also, dieser Abstecher war sicherlich keine Empfehlung wert. Als ich die Hauptstraße wieder erreiche (auf der ich vor anderthalb Stunden einige Kilometer in Richtung Norden gefahren bin), ist sie inzwischen zur zweispurigen Fernstraße geschrumpft. Einen Kilometer geht es noch in Richtung Süden, dann biegt sie nach rechts ins Binnenland ab. Geradeaus, nach Süden, kann man an der Küste entlang bis zur Südspitze der Insel fahren, gute 100 Kilometer.

Die Karte lässt einen Straßenverlauf streng am Fluss vermuten, aber das ist eine Täuschung. Es geht einige Male nach oben und wieder hinunter, alles in Maßen, aber eben unerwartet. Auch der Verkehr ist ziemlich lebhaft, aber das war ja abzusehen. Aus den Bergen rechts schlängelt sich die von Pierre empfohlene Straße in vielen Kurven zur Hauptstraße herab. Erörterungen, ob diese nun vielleicht oder ganz gewiss die schönere Route gewesen wäre, sind jetzt ohnehin müßig. Unterwegs begegne ich einem holländischen Radlerpaar. Wenn ich so an die letzten Tage zurückdenke, häufen sich solche Begegnungen. Offenbar beginnt langsam die Saison derer, die an keine Ferien gebunden sind.

Ponte Leccia kenne ich inzwischen ganz gut. Das ist jetzt das dritte Mal, dass ich an dem Rondell am Ortseingang vorbeikomme, an dem Supermarkt und später an der Kirche auf der linken Seite. – Nordwind stellt sich ein. So gehört sich das auch, wenn es bergan geht. Er dürfte dann noch etwas in Richtung Osten drehen. Dann wäre alles perfekt. Trotzdem habe ich fast 1300 Höhenmeter vor mir. Das dürfte für heute das 2000er Maß wohl wieder vollmachen. Aber von Pierre habe ich gehört, dass der Aufstieg beispiellos flach sein soll. Das würde es erleichtern, aber zuerst möchte ich das erleben.

Zehn Kilometer hinter Ponte Leccia biegt die Straße zum Pass rechts ab, mit ihr die Eisenbahn. Ich weiß aber, dass sie das nur tut, um Höhe zu gewinnen und dann wieder zum Ausgangspunkt zurückzukehren; denn vor einer Woche bin ich hier geradeaus nach Corte weitergefahren, und mit mir nach einiger Zeit auch wieder die Eisenbahn. Also, eine Reise ist sie wohl wert. Man müsste sich nur ein, zwei Tage Zeit nehmen, gutes Wetter erwischen und genug zu Essen und Trinken mitnehmen; denn schnell fährt das museale Stück wahrhaftig nicht. Ich fahre derweil ziemlich flott in die Berge hinein. Er ist schon fast unheimlich, dieser Rückenwind. Und das Verrückteste daran ist, dass er hoch oben über mir offenbar in entgegengesetzter Richtung bläst. Das ist kein gutes Zeichen, würde ich sagen. Es dauert noch eine Weile, und dann hat der Wind gemerkt, dass unten auch noch Platz für ihn ist: Gegenwind. Und das in den Bergen! Das kann doch eigentlich noch nicht das ganze Ungemach sein. Normalerweise bricht nur ein Tiefdruckgebiet die Regel der Schönwetterhangwinde. Wo steckt es also, wo sind die Wolken, wo der Regen?!

Einstweilen bleibt der Himmel blau. Nur hin und wieder jagen einzelne Wolken gehetzt in Richtung Osten. Auch der Aufstieg bleibt flach – wie versprochen. Das ist kein mühseliges Kurbeln. Das ist Fahren im dritten oder vierten Gang. Freilich, ich muss mich hinter den Felsen verstecken, damit ich den Gegenwind nicht abkriege; na ja, es ist nicht so sehr mein Verdienst. Es scheint tatsächlich so zu sein, dass der Wind die Talsohle immer erst hinter mir entdeckt. Selten erwischt mich eine Böe direkt. Weil die Straße aber so schön flach ist, zieht sie sich entsprechend lange hin: 40 Kilometer weist die Karte aus. Das mache ich mir im Moment lieber gar nicht erst klar.

E.D.F. warnt wieder einmal vor Überschwemmungen. Ergo ist da oben irgendwo ein Wasserkraftwerk. Es ist auch ganz klar auf der Karte ausgewiesen. Apropos Wasser – ich könnte mal wieder ein Bad gebrauchen. Vorhin, als ich die Holländer beim Baden traf, war mir das Gewässer zu suspekt. Schließlich wusste ich, wo das schon überall langgeflossen war. Aber hier können noch nicht so viele hineingepinkelt haben. Also Wäsche. In voller Montur (ohne Socken und Schuhe allerdings) springe ich in das kühle nass. Ohne Zweifel lösen sich auch vereinzelte Schmutzpartikel von Hemd und Hose, aber mir kommen Zweifel an dieser Methode der Textilreinigung. Unter Wasser erweist sich die lockere Mikrofaser als flüchtiger Stoff, insbesondere bei Applikation von Seife, d.h., er ist nicht so recht zu fassen. Jetzt ist er jedenfalls erst mal nass – ob nachher einigermaßen sauber, wird sich zeigen. Wie trocknet man den Kram nun? Natürlich während der Fahrt. Das geht allerdings nicht bei dem, was unmittelbar zwischen Sattel und mir zu liegen kommt. Schließlich sind der Sattel wie auch mein Hintern tierisch und würden unter der Feuchtigkeit leiden. Also breite ich die Sachen auf den Steinen aus, mich daneben. Ich werde doch hoffentlich in dieser kurvenreichen Gegend keine neugierigen Blicke angesichts meiner hier unüblichen Freikörperkultur auf mich ziehen. Aber es gibt keine Unfälle. Muss ich daraus irgendwelche Schlüsse ziehen?

Als ich die Staumauerkrone erreiche, weiß ich, dass sich über mir keine Schönwetterverwirbelung verirrt hat. Das ist eine echt steife Brise, ein stürmischer Wind, ein Lüftchen, das eine regelrechte Brandung gegen die Staumauer klatschen lässt. Na, da sind wir doch lieber oberhalb des Wassers, bevor irgendetwas womöglich bricht. Ich erreiche Calacuccia. Der Ort sieht aus wie »oben«, wie geschafft für heute, vermittelt Passstimmung. Aber ach! Noch 24 Kilometer bis zum Pass, und es ist deutlich nach acht. Um wie viel Uhr will ich denn diesmal Quartier machen? Da ist nichts mehr, kein Dorf, zwei, drei kleine schwarze Rechtecke… Sollen das Häuser sein? Auch die Höhe dürfte langsam ungemütlich werden. Abends geht das ja noch, in der Nacht vielleicht ebenfalls, aber morgens? Brrr. Ach was, ich mache jetzt erst mal Pause. Vielleicht reift dann eine Entscheidung in mir. Mit Ruhm bekleckert habe ich mich auf der heutigen Strecke jedenfalls noch nicht. Ein Puddingbecher nach dem anderen wird geleert. Hinter meiner Bank verschwindet gluckernd ein reißender, aber klarer Bach im Underground, tritt ein paar Meter später als eine Art Gosse wieder zu Tage. Was wohl passiert, wenn es hier mal regnet. Dann passt er nicht mehr in die Unterführung und überflutet Bürgersteig wie Straße. Oder auch nicht. Wer weiß?

Nachdem die Vorräte übersichtlich geworden sind, die Sonne hinter den Bergen verschwunden ist und mir immer noch keine glänzende Idee gekommen ist, wie und wo ich die Nacht verbringen könnte, schwinge ich mich wieder in den Sattel und fahre weiter. Der flache Anstieg setzt sich fort. Wenn schon 24 Kilometer, dann rasch. Auch landschaftlich macht die Gegend was her. Es wäre schade gewesen, wenn ich aus irgendwelchen Erwägungen diese Passage verpasst hätte. Indes fegen weiterhin Wolken über mich hinweg. Sie reißen sich von einem glutrot beleuchteten Stau jenseits der Berge los. Auf der Westseite der Insel scheint ganz schön was angesagt zu sein. Der Himmel steht regelrecht in Flammen, und wenn ich von dem Wind hier auch nicht so viel mitbekomme, so muss da oben doch unheimlich was los sein. »Da oben«, das sind die höchsten Berge Korsikas, die Felsen, die etwa wie in den Dolomiten, nur nicht ganz so hoch, bis zu 2700 Meter weit in den Himmel ragen.

Licht an! Das erste Haus ist ein übersichtliches Grundstück, schlecht für heimliche Übernachtungen. Das zweite: Die Fremdenlegion! Legia Patria Nostra, grüßt es wieder von den Wänden, und ein paar Krieger stapfen durch die Dunkelheit. Fremdenlegion, das flößt mir Respekt ein. Gewalttätiges, rohes Volk, das ist ungefähr das, was mir dabei einfällt. Wahrscheinlich ein Klischee, aber was soll ich denn von Leuten erwarten, die für was auch immer in fremder Länder Dienste treten, um u.U. zu töten oder im schlimmsten Fall selbst getötet zu werden? Das dritte Haus ist ein Hotel mit vorgelagertem Zeltplatz. Nein, nun nicht mehr. Jetzt bin ich fast oben. Da werde ich mich doch nicht kurz vorher domestizieren lassen. Außerdem habe ich kein Zelt, und dieser Platz bietet keinerlei Schutz gegen Regen oder Morgentau.

In einer der letzten Kurve habe ich noch einen mondbeschienenen Blick auf den Stausee von Calacuccia. Erst halte ich ihn für einen anderen See, weil mir die Richtung abwegig vorkommt, aber im Dunkeln habe ich wohl doch schon ein bisschen die Orientierung verloren. Die Karte weist weit und breit keinen See aus. Also weiter!

Oben! Endlich! Haben wir jetzt 99 Prozent Nacht oder schon 100? Wie es sich für einen Pass gehört, ist er nackt. Und hier soll ich schlafen?! Außerdem stehe ich jetzt an der Stelle, an der der Wind von Westen ungefiltert, ungemindert und ziemlich frisch angreift. Meine Güte, was soll das werden? Ich bocke meinen Esel auf und schaue mich um. Ein Souvenirladen, ein Auto – das ist alles. Ein deutsches Auto, einer aus dem Hochsauerlandkreis. Was macht der wohl um diese Zeit hier in den Bergen? Ich trete näher. Nein, er treibt sich nicht in den Bergen herum, er schläft. Wahrscheinlich will er sich morgen in den Bergen herumtreiben. Und der Laden? Na ja, Laden ist etwas übertrieben. Es ist eine überdachte Hütte. Hinter dem Tresen ist eine Türöffnung nach Norden. Nach Süden und Osten fehlen die Wände gänzlich. Die wichtigste Wand aber steht: Nach Westen. Ich beschließe, mich hinter der Bar zur Ruhe zu legen. Die Kleiderschränke werden geplündert, der Schlafsack ausgerollt, und dann beginnt die Nachtruhe.

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