aktueller Pfad stephangeue.de / trips / 1999 / 19990619.html

18. Juni 18. Juni20. Juni 20. Juni

19. Juni

Porto – D81xD51 – Calenzana – D151 – Zilia – Montegrosso – Cateri – D71 – Belgodère – N197xN1197xD81 – Saint Florent (166 km)

So was hat man nicht alle Nächte: Eine Matratze, vollkommen nach den eigenen Bedürfnissen geformt, groß genug für 100 mal Umdrehen, gleichzeitig aber fest, eine leichte Brise, Lichter drüben von der Stadt und eine Brandung, die mit ihrem Rauschen für Beruhigung sorgt. So könnten sie alle sein, denke ich. Jetzt vielleicht ein Bad? Wäre ja nicht schlecht, allerdings wird es zur Reinigung wohl ähnlich wirkungslos sein wie am Abend zuvor. Wenn ich jetzt eine Dusche hätte, um mich nach dem Bad vom Salz zu befreien, würde ich wohl hineinspringen, aber so… Mir ist jetzt einfach nicht warm genug, obwohl ich nicht friere.

Langsam suche ich meine Sachen zusammen. Die Angler vom Abend sitzen noch immer da – mit all ihrer Ausrüstung, ihren Lampen, ihrem Kaffee. Gefangen haben sie aber anscheinend nichts. Na, mir müssten ja mehrere Füße fehlen, die ganze Nacht da zu sitzen. Da muss man doch irgendwann mal müde werden. Aber vielleicht schlafen die ja tagsüber und genießen die ganze Nacht lang die Stimmung, von der ich nur eine viertel Stunde am Abend und am Morgen etwas mitbekam. Alles ist möglich. Sie bieten mir einen Kaffee an. Ich danke. Mensch, sollte ich nicht – schon allein wegen der Völkerverständigung? Und was erzähle ich denen dann außer merci bien? An meiner Stelle badet jetzt ein anderer. Sieh mal an, der traut sich das sogar am Tag: nackt zu baden.

Der Weg über den hinteren Sandteil des Strandes ist nicht leicht. Es geht nicht mal im ersten Gang. Große Schmach, schon auf den ersten 100 Metern und dazu in der Ebene zum Schieben verurteilt zu sein. Schlappschwanz! Sieht ja keiner. Ich erreiche die Straße und einige Zeit später die Nordseite Portos, die Auffahrt am Ortsausgang. Von hier aus kann ich sehen, dass ich es mir hätte einfacher machen können: Da gibt’s noch eine andere Brücke über den Fluss, einen kürzeren Weg. Na, einerlei.

Die nächsten 40 Kilometer sind eine außergewöhnlich verschnörkelte Route. Man könnte meinen, es seien die steilsten Berge zu überwinden. Und so völlig flach bleibt es ja auch nicht. Die Berge, zu denen sich die Küste aufschwingt, sind im Gegenteil sogar recht beachtlich. Über 1600 Meter hoch ist das Hinterland, allerdings von hier aus nicht zu erkennen. Die Straße versucht in erster Linie, Steigungen zu vermeiden. Und aus diesem Grund macht sie alles mit, was das Gelände vorgibt – eine Art Höhenlinie quasi. Der Asphalt ist typisch korsisch: endlose Flicken, nicht sehr breit, und zu allem Überfluss das einzige Band im Westen der Insel. Hier entlang wird also einiges an Verkehr abgewickelt. Immer wieder begegnen mir Busse. Na, ist ja noch gut, dass es wenigstens Busse sind. Wenn es jedes Mal 50 Autos wären, gefiele mir das sicherlich noch weniger. Aber die wären vermutlich schmaler. Die Busse sind ziemlich breit, an schmalen Stellen brauchen sie fast die ganze Straße, und einer fährt auch mal außerordentlich rücksichtslos auf mich zu. Ich muss ihm ausweichen und fahre dabei immer noch so dicht am Blech vorbei, dass ich nur die Hand auszustrecken brauchte, um Kontakt zu haben. Zwar habe ich nicht direkt hektisch ausweichen müssen, aber hätte ich nichts getan, wäre ich jetzt platt. Rindvieh, elendes! Gelegentlich möchte ich schon mal hinterherschießen können.

Ein paar Radfahrer waren kurz vor mir in Porto aufgebrochen. Ich hatte sie überholt, dann sie mich wieder. Sie fahren etwas langsamer, vor allem die Frau (und der Mann fährt ihr halt nicht davon), aber sie scheinen weniger Pausen zu machen. Madame hat Probleme mit der Schaltung. Na, warum nicht auch mal Inhaber von Kettenschaltungen? So geht das mit dem gegenseitigen Überholen einige Male, ohne dass wir miteinander reden.

Die Holperei zieht sich hin. Es fährt sich nicht schön. Noch dazu ist die Luft vorn ziemlich knapp. Da müsste ich mal was tun; dann geht’s bestimmt leichter. Ich halte an, pumpe nach – es ist wirklich sehr wenig Luft im Schlauch! – und fahre weiter. Hinter der nächsten Kurve keimt ein Verdacht: Noch immer ist nicht besonders viel Luft im Schlauch – oder nicht mehr?! Platten!

Na, das ist nun wirklich kein Grund zum Jammern, auch wenn ich mir lauschigere Plätzchen zum Flicken vorstellen könnte. Immerhin habe ich bereits tausende Kilometer hinter mir ohne jede Panne – d.h. natürlich, ohne jede Reifenpanne. Was mir die Gangschaltung bisher für Spaß bereitet hat, will ich mir jetzt lieber nicht in Erinnerung rufen. Im Moment ist sie allerdings recht friedlich. Also der Schlauch: Ich lade vorn ab, krame das Flickzeug hervor, na ja, die ganze Prozedur… Nach 15 bis 20 Minuten kann’s weitergehen. Es war ein Dorn. Klar, bei diesen unentwegten Mähaktionen der Franzosen war es nur eine Frage der Zeit, bis mir mal eins der weniger grasigen Gewächse unter den Gummi kam. – Die beiden sind natürlich indessen über alle Berge.

Am höchsten Punkt dieser 40 Kilometer, am Col de Palmarella, beginnt ein neuer Straßenbelag. Die Reifen surren über den Asphalt. Ja, so müssen Straßen aussehen. Wer hat ihnen das bloß beigebracht? Noch dazu geht es leicht bergab. Auf der kurvenreichen Strecke stellt sich die Frage, wer unbehindert schneller vorankommt, ein Wohnmobil oder ich. Eine ganze Weile fährt es hinter mir her, weil ich der Ansicht bin, dass ich schneller bin – und einige Male lasse ich es auch ein ganzes Stückchen hinter mir zurück –, aber dann holt mich der Fahrer wieder ein und überholt schließlich. Aha, das ist jemand, der seine Fahrräder wirksam schont: Sie sind hinten ans Auto gehängt. Eins schwankt bedrohlich und sieht nicht besonders gesichert aus. Man müsste den Fahrer mal warnen. Aber wie, wenn er vor mir herfährt? Und schließlich setzt auch er sich ab, als die Kurven etwas weiter werden. Soll er doch machen, was er will. Sind ja nicht meine Räder.

Als ich wieder Meereshöhe erreicht habe, kommt mir ein Radler entgegen. Er will nach Galéria – ich in die entgegengesetzte Richtung. Ich frage ihn, woher er kommt, und er sagt, er sei Amerikaner. Der Mann ist schon weit herumgekommen und sieht gut bepackt aus. Wieder einmal bemerke ich, dass viele Amerikaner auf Reisen wie diesen oder mit dem Rucksack so eine komische Angewohnheit haben, die Taschen ihrer Gepäckstücke mit winzigen Vorhängeschlössern zu sichern. Es muss doch unheimlich zeitraubend sein, an den Kram heranzukommen. Und worin besteht der Nutzen? Wenn die Tasche als Ganzes geklaut wird, helfen die Schlösser sowieso nicht. Aber das ist ja nicht mein Bier.

Jetzt geht’s über einen längeren Abschnitt durchs Binnenland. Während ich mich an einer Brücke und Kreuzung auf der Karte orientiere, fahren an mir zwei Radfahrer vorbei, eine Frau und ein Mann in meiner Richtung. Das wäre doch ein Anreiz, einen Zahn zuzulegen. Die sehen nicht aus, als wären sie auf Weltreise, d.h., sie haben nicht viel Gepäck. Da sind sie natürlich im Vorteil, und ich darf sie nicht zu weit ziehen lassen. Also hinterher!

Die Strecke macht nicht viel her. Die Vegetation ist karg, die Besiedlung praktisch gleich null: Hier fährt man durch. Die beiden kommen mir wieder ins Blickfeld. Mir stellt sich das klassische Rollenspiel dar. Er könnte schneller, aber noch fahren sie zusammen. Als ich sie fast eingeholt habe, setzt sich der Mann jedoch ab und lässt die Frau zurück. Obwohl es bereits leicht wellig bergan geht, und obwohl sie mir gegenüber da sicherlich um einige Kilo, wenn nicht gar um einige Dutzend Kilo im Vorteil ist, hole ich sie schließlich ein und fahre vorbei. Von da an wird’s ungemütlich. Klebt sie mir am Hinterrad? Wie entwickelt sich der Abstand? Ich möchte nicht, trotz meiner gewichtigen Handicaps, dass sie mich wieder überholt. Und es wird steiler. Nein, sie überholt mich nicht. Außerdem bin ich jetzt gut drauf, und als ich mal zu einer Trinkpause anhalte, kann ich sie in der Ferne sehen. Es ist offensichtlich ein Kampf. So macht Radfahren doch keinen Spaß!

Aber ich möchte auch ihren früheren Begleiter nicht aus den Augen verlieren. Uneinholbar allerdings schraubt der sich den Berg hinauf. Gut 400 Höhenmeter sind es bis zum Pass. Da mache ich jetzt kein Rennen, bestimmt nicht. Und der Hang zieht sich hin – einmal rechts, einmal links. Wie lange, lässt sich nach den Erfahrungen der letzten Wochen leicht ausrechnen. Es gibt Regeln, die lassen sich bei allem guten Willen nicht brechen. Und eine davon besagt, dass mehr als 400 Höhenmeter pro Stunde ein sehr hartes Stück Arbeit ist.

Auch mit der Aussicht von oben wird die Landschaft nicht schöner. Aber wenigstens bin ich jetzt oben angekommen. Der Mann hat mich schon erwartet. Er – raucht. Das kann ja wohl nicht sein! Da habe ich mich von einem Raucher abhängen lassen! Aber gut, er hat kaum Gepäck. Wir kommen ins Gespräch, auf Englisch natürlich, sonst wäre es ja nur ein Gestottere. Er zollt mir Respekt mit meiner Zuladung. Ich leere meine letzte Flasche, und gemeinsam warten wir auf seine Begleiterin. Als sie schließlich den Pass erreicht, grüßen wir uns nur kurz, und dann mache ich mich auf den Weg hinab, weiter in Richtung Nordosten. Das könnte heute ein guter Tag werden, also: ein Tag, an dem ich weit komme.

Die Fahrt durchs Hinterland ist nicht spektakulär, aber doch interessant. In Calenzana mache ich erst mal Pause. Auf einer Bank an einer Kreuzung kann ich alle sehen, die den Ort in zwei Richtungen verlassen oder von dort kommen, und vor mir einen Laden. Der ist aber leider schon geschlossen. Und natürlich studiere ich wie bei fast allen Stopps ausführlich die Karte. Jetzt kommt die »monegassische« Gegend: Ich werde eine ziemlich lange Fahrt um den St. Rainier machen, der sich mehr als 800 Meter über den Meeresspiegel erhebt. Aber im Grunde ist mir der Fürst von Monacco ebenso wurscht wie dieser Berg, zumal die Straße ja drum herum führt. Ihr höchster Punkt liegt etwa 300 Meter weniger hoch.

Nach dem Pass habe ich wieder einmal Gelegenheit, die Anlage und vermutlich Planung der korsischen Straßen zu bewundern. Da liegt ein Ort »zum Greifen nahe«, vielleicht fünf oder sechs Kilometer, und die Fahrt dorthin entlang der nördlichen Seite der Berge zieht und zieht sich hin. Es könnten glatt 20 Kilometer sein. Na gut, das gibt’s in jedem faltigen Gebirge, aber das besondere hier ist, dass die Straße dabei kaum einen Meter aus der Horizontalen abweicht: Immer an der Wand lang! Es wäre interessant zu erörtern, wo entlang die für die Erbauer preiswerteste Route ginge und wo entlang ein Durchschnitts-PKW bei niedrigstem Verbrauch fahren müsste – und wie weit beide Idealrouten von der tatsächlichen Route abweichen. Durch das Tal zu bauen hieße ja ebenfalls, Serpentinen vorzusehen. Und für Kraftfahrzeuge wären sowohl die Ab- als auch die Auffahrt mit erhöhtem Spritverbrauch verbunden. Wer mag diese Straßen hier wohl geplant haben? Aber mir kommt noch eine andere, nicht mehr so neue Idee: Könnte man nicht eine Brücke bauen? So lang sind die zu überbrückenden Distanzen häufig nicht. Wenn ich mich allerdings an die neue Brücke südlich von Corte erinnere, wo -zig Millionen für eine Verkürzung der Strecke um nicht mal einen Kilometer verbaut wurden, dann muss ich meine Idee dem Diktat der Ökonomie opfern. Außerdem ist hier nicht viel Verkehr. Die meisten fahren wohl an der Küste entlang. Aber für Fußgänger könnte man eine solche Brücke doch viel einfacher, leichter und mit geringeren Anforderungen bauen. Vielleicht als Seilbrücke. In Gedanken entwerfe ich solch ein Ding. Welche Kräfte müsste es aushalten? Welche Materialien wären zu verwenden?

Allerdings darf ich auch auf diesen Straßen nicht ins Träumen kommen. Denn in den vielen Kurven lauert häufig eine typisch korsische Tücke: Sand! Warum der Sand gerade in den Kurven liegt, wie er also dorthin kommt, ist mir schleierhaft. Neben der Straße liegt selbst kein Sand – von dort kann er also nicht auf die Straße gelangt sein. Vielleicht eine Disziplinierungsmaßnahme? Oder gar Sabotage? Immerhin, wer nicht wirklich langsam durch eine solche Kurve fährt oder jedenfalls mit allen Rädern auf dem Sand landet, der verliert leicht die Kontrolle über sein Fahrzeug.

Links, in Richtung Küste, liegt der Stausee, den ich schon am ersten Tag auf der Insel in der Ferne gesehen hatte und der damals besonders unwirklich, fast wie eine Fata Morgana, in der flimmernden Hitze lag. Jetzt lässt es sich mit den Temperaturen ganz gut an – na ja, es ist auch schon fortgeschrittener Nachmittag. Bald werde ich in Belgodère auch wieder auf die Route des ersten Tages treffen, bis dorthin aber immer schön auf der jetzigen Höhe verharrend. Es geht gut voran. Ich nähere mich dem Schnitt von zwölf Kilometern pro Stunde. Das ist zwar nicht so berauschend, aber wenn man all die Trödelei berücksichtigt, die vielen Stopps und Essenspausen mitzählt, ist das keine schlechte Durchschnittsgeschwindigkeit. Und sie ist ganz sicher gut im Vergleich zu den übrigen Tagen. Dort sind es häufig nur zehn bis elf, selten mal an die zwölf. Wenn nichts dazwischen kommt, werden es heute sogar mehr. Da, jetzt ist der Ort schon sichtbar. Kinderspiel.

Von wegen! Da kommt noch eine Schleife, die Schleife selbst hat auch noch eine Schleife. Die Strecke erinnert mich so ein bisschen an eine Fahrt in Norwegen, bei der ich den Zielort Stryn auf der anderen Seite des Fjords schon sah, aber bis dorthin noch ungefähr 30 Kilometer um alle Zipfel der Bucht zurücklegen musste. Das war am Tag vor dem verregneten Geirangerfjord… Ja ja, jetzt kann von Regen oder gar Frost und Schnee keine Rede sein. Ich finde es im Moment ganz angenehm.

Als ich Belgodère schließlich etwas verspätet gegenüber meiner Zielvorgabe erreiche, steht die Uhr nach sechs. Ob ich jetzt wohl noch was Vernünftiges zu kaufen kriege – am Samstag? Tatsächlich, ein kleiner Tante-Emma-Laden ist noch offen. Neben den üblichen Sachen greife ich mir eine Konserve mit Bohnen. Das Etikett sieht natürlich lecker aus. Trotzdem beschließe ich beim Verzehr der anderen Sachen, dass das was für harte Zeiten wird. Ab ins Gepäck, sonst fahre ich den nächsten Berg wieder zu schnell hinauf.

Nach einem Blick in die Runde mache ich mich an die Weiterfahrt. Es geht jetzt den Berg hinab, wieder in Richtung I’lle-Rousse. Das fährt sich diesmal natürlich angenehmer. Ich verfolge die Gleise der Eisenbahn. Man müsste sie wirklich mal abfahren. Aber dieses Mal wird das nichts. Auch ist das vielleicht eher etwas für eine Fahrt zu zweit. Nach einer Viertel Stunde ist das Meer erreicht. Diesmal geht es aber nach rechts, in Richtung St. Florent. Damit betrete ich Neuland und befahre eine Straße, die nach der Art der Einzeichnung auf der Karte belebt sein könnte. Auf jeden Fall ist sie dafür ausgelegt. Die Straßenbauer haben hier einen machtvollen Kampf mit der Natur ausgefochten, tiefe Einschnitte in den Fels angelegt und ein breites Asphaltband dazwischen. Es sieht aus, als hätten sie gerade gestern den letzten Dreck der Bauarbeiten weggefegt. Als die Straße wenig später die Küste wieder verlässt – in Richtung Ponte Leccia –, versuche ich, ihren ursprünglichen Verlauf zu verfolgen, von dem auf der Karte noch ein Schwänzchen eingezeichnet ist – einfach aus Neugierde, mal auf einer toten Straße zu fahren. Ist eigentlich Quatsch. Manchmal bin ich fast eine Stunde lang gefahren, ohne einem Fahrzeug zu begegnen, und jetzt mache ich solche Eskapaden. Der Versuch endet denn auch kläglich irgendwie in der falschen Richtung, nicht weit von einem zugeschütteten und überwachsenen Ende der Straße. War nix. Macht nix.

Jetzt verfolge ich den Lauf der Magistrale weiter bis zum Abzweig nach St. Florent. Er sollte bald kommen. Er kommt auch bald. Hier verspricht die Straße zwar etwas ruhiger zu werden, aber sie wird auch wieder bergiger. Die Karte weist das Gelände als Désert des Agriates aus, also entweder als Nachspeise oder als Wüste. Für die Tour des heutigen Tages wird es so etwas wie eine Nachspeise. Von den klimatischen Verhältnissen und der Vegetation her ist es eher eine Wüste, und so ist es orthographisch auch gemeint. Was es ist, das mich jetzt besonders anspornt, weiß ich nicht, aber trotz des allmählichen und langgezogenen Anstiegs geht es unheimlich flott voran. Fast mit Tempo 20 surrt das Fahrrad den Hang hinauf. Mir soll’s recht sein. Wäre nur schön, wenn sich die Leistungsfähigkeit ein bisschen gleichmäßiger über den Tag verteilen würde. Soll aber wohl nicht sein.

Die Landschaft ist in der Tat bemerkenswert. Kein Baum, kaum ein Strauch, eine einzige kleine Ortschaft. Die Felsformationen sind dagegen recht beeindruckend. Waren das nun auch die Römer? Und waren sie hier besonders schlimm? Oder ist diese Ecke der Insel klimatisch außergewöhnlich benachteiligt? Das werde ich hier wohl nicht herausfinden.

Nach dem Erreichen des höchsten Punktes dieser Strecke ist nun kein Halten mehr. St. Florent, ich komme! Das Einzige, was mich jetzt noch stoppen könnte, wäre eine außergewöhnlich gute Stelle für eine Übernachtung. Aber wo soll die schon hier herkommen? Und so dauert es nicht mehr lange, bis ich die kleine Stadt erreiche. Noch vor der eigentlichen Ortschaft geht es links zu einem Zeltplatz ab. Na ja, warum nicht? Da könnte ich wenigstens duschen. Ich fahre auf das Gelände und studiere die Preisliste: Eine Person – so und so viel, ein Zelt – so und so viel, usw. Na, das ist doch eine klare und günstige Regelung. Ein Zelt habe ich nicht. Das kann jeder sehen und zur Not auch nachprüfen. Also ’ran an die Rezeption. Dort jedoch zeigt sich, dass der Patron seine eigenen Preistafeln nicht kennt oder schlicht ignoriert oder nicht sein kann, was nicht sein darf, oder dass das menschliche Phänomen zutage tritt, dass Menschen nicht versuchen zu verstehen, was sie sich gar nicht erst vorstellen können. Der Mann will mir partout einen Zeltplatz berechnen. Nein, mein Lieber, da können wir kein Geschäft machen. Das ist doch ganz einfach. – Viel würde er von mir ohnehin nicht bekommen. Also, warum sollte er da jetzt nachgeben? Noch dazu gegenüber einem Fremden.

Dann eben nicht. Gehe ich halt in die große Wanne. Was mir nicht so gefällt, sind die Wetteraussichten. Es sieht nach Regen aus. Und was mache ich hier, am freien Strand, bestenfalls in der Nähe einiger Kiefern oder Pinien? Schlecht. Weiter hinten ist eine Segelschule. Da stehen lauter Boote. Man könnte eines davon umkippen, aber die Dinger sind entweder zu kurz oder zu schwer, und natürlich ist das auch alles verboten, aber mit hereinbrechender Dunkelheit ist das sowieso egal. Das mit den Booten ist höchstens eine Lösung für strömenden Regen. Bleibt mir also nur mein Schlafsack und das Prinzip Hoffnung.

Das Bad macht keinen solchen Spaß. Das Wasser ist ziemlich trübe, und als ich es wieder verlassen will, laufen Touristen am Strand vorüber. Ich will nicht provozieren, also bleibe ich noch eine Weile draußen. Als sie endlich vorüber sind, mache ich mich rasch für die Nacht fertig und verkrieche mich in gebührender Entfernung vom Wasser – wer weiß, vielleicht kommt Seegang auf – im Schlafsack.

Nein, Seegang kommt nicht auf, stattdessen kommen Mücken. Das muss doch jetzt nicht sein! Verzweifelt verkrieche ich mich immer tiefer, aber dort wird die Luft deutlich stickiger. So kann ich nicht die Nacht überstehen, so schlafe ich auch gar nicht erst ein. Das ist eine bleibende Lehre von Corte. Aber was bleibt mir? Ich mache die Öffnung für das Gesicht ganz klein und hoffe auf Besserung.

Eine Weile später kommen wieder ein paar Touristen vorbei. Die sollen doch auf ihrem Zeltplatz bleiben und hier nicht friedliche Schläfer stören! Jedenfalls tue ich so, als ließe ich mich nicht von ihnen stören, und bald haben auch sie sich verzogen. Dann beginnt die Nacht und endlich auch der Schlaf.

Die Story des Tages könnte hier nun enden, wenn sonst keiner mehr in der Nacht gekommen wäre. Das ist aber nicht so. Ein Mann schlendert am Strand entlang, und was er anstellt, um mich zu wecken, weiß ich nicht. Jedenfalls bin ich schließlich wach. Er sucht ein Gespräch mit mir – mitten in der Nacht! Offensichtlich schlafe ich noch ein bisschen. Er spricht nur französisch, sagt, dass er aus Paris komme. Woher ich käme. Na ja, Französisch-Übungen helfen vielleicht auch gegen Mitternacht. Von da und dort, antworte ich. Ob ich allein reise. Ja. Ganz klar, ich schlafe noch ein bisschen, sonst hätte ich schon längst deutlich und hellwach mein Ruhebedürfnis signalisiert. Dann fragt er mich, ob ich verheiratet bin. Was der alles wissen will! Nein. Und dann geht er mir tatsächlich an die Beine! Es steht völlig außer Zweifel, dass ich total verschlafen bin, sonst würde ich jetzt aufspringen und ihn im Meer ersäufen. So aber reicht es nur für ein »bonne nuit«. Ich drehe mich ’rum, und nun hat er wohl begriffen, dass nur er am anderen Ufer steht. Jetzt beginnt meine Nachtruhe.

18. Juni 18. Juni20. Juni 20. Juni