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18. Juni

Cauro – D27 – Bastelica – D27xD127 – Tavera – D127xN193xD361xD1 – Sarrola-Carcopino – D1xD101 – Saint Andréa-d’Orcino – D101xD81 – Sagone – Cargèse – Piana – les Calanche – D81 – Porto (142 km)

Die Nacht verlief ruhig, ohne Polizei oder sonstige Störungen, und wach geworden bin ich auch kaum. Am Morgen weckt mich zwar das Tageslicht, aber das ist durch die Überdachung doch stark gedämpft. Geschwitzt habe ich allerdings in der Nacht. Zwar spüre ich den Schweiß auf der eigenen Haut kaum, aber ohne lange Hosen ist der Schweiß auf der Haut des jeweils anderen Beins zu merken, und weil der nicht erst einen Tag alt ist, also ein bisschen klebt, ist das unangenehm. Für ein besseres Gefühl wechsle ich also erst mal die Wäsche, auch wenn natürlich gleichzeitig ein Bad oder wenigstens eine Dusche vonnöten wäre. Vielleicht wird’s ja heute etwas damit.

Während ich da so herumfuhrwerke und meine Sachen zurechträume (auch all die »geliehenen« Decken wieder an ihren Platz lege, damit möglichst wenige Spuren meines Aufenthalts zurückbleiben), schlägt eine Uhr. Mit fällt auf – übrigens hier nicht zum ersten Mal –, dass der Uhrschlag immer doppelt erfolgt. Wenn es also acht Uhr schlägt, gibt es in aller Regel erst die vier Schläge zur vollen Stunde, dann, meist mit einer anderen Glocke, die acht Schläge für die Stunden, und für alle, die »erst jetzt zugeschaltet haben«, das Ganze noch einmal. Erst dachte ich, das käme von verschiedenen Uhren, aber in allen Orten erfolgt dies so klanggleich und perfekt synchronisiert, dass es sich um Absicht handeln muss, und im Grunde ist es ja auch wirklich recht praktisch.

Zum Frühstück verlasse ich die Garage und fahre ein Stück in Richtung Ortsmitte zurück, um mich dort für den Vormittag mit Vorräten einzudecken. Der Laden hat aber noch nicht offen. Dafür erfahre ich aus den bereits angelieferten Zeitungen, dass in der Nähe von Bastia ein Politiker oder Wirtschaftsboss (so genau kann ich das nicht entziffern) erschossen worden sein soll. Das Bild zeigt ein Auto, in dessen Tür und Fenster mehrere Einschüsse zu sehen sind. »Sie ließen ihm keine Chance.« schreibt der Kommentator. Na, was denn auch sonst?

Also suche ich mir einen Platz in einer relativ neuen Wohnanlage von Häusern, die sich im Halbkreis um ein paar Wasserspiele gruppieren. Dort stehen auch ein paar Bänke – erinnert an altengerechtes Wohnen –, und auf eine von denen setze ich mich und mache Frühstück. Natürlich gehört dazu eine Routenschau für den heutigen Tag und insbesondere die nächsten Stunden. Ich habe 800 Höhenmeter vor mir, allerdings verziert mit einigen Abfahrten, so dass es brutto leicht 900 werden könnten. Hoffentlich wird’s zunächst nicht so steil, denn morgens reiße ich gewöhnlich keine Bäume aus.

So kommt es dann. Es geht meist in erträglichem Maße bergan, und nach drei Abfahrten und einer letzten Auffahrt erreiche ich Bastelica, einen Ort, der zwar nicht am Ende der Welt liegt (weil zwei Straßen weiterführen), aber die eine davon endet in den Bergen, und die zweite führt an einer anderen Stelle über sie hinweg, aber zumindest letztere ist so beschaffen, dass sie das Dorf nicht gerade infrastrukturell erschließt. Bastelica liegt ca. 400 Meter höher als Cauro. Hier, auf der halben Höhe also, genehmige ich mir wieder eine Pause und beobachte derweil drei nicht mehr ganz junge Männer, die den Freitagvormittag verschwatzen.

Aber irgendwann, nunmehr unter kräftiger Sonne, muss ich ja doch weiter. Die Richtung ist klar, der Gradient (nach oben) auch. Also, was soll’s? Ich muss geahnt haben, dass es jetzt schwerer wird. Völlig klar, derselbe Höhenunterschied wird auf einer viel kürzeren Distanz überwunden. Und dann kommt es faustdick! So dick, dass ich absteigen und schieben muss. Und das will was heißen. Unter 14 Prozent passiert das im Grunde nie, und es ärgert mich, und natürlich trägt Michelin die Verantwortung; ich möchte mal wieder den ganzen Verlag zum Teufel jagen. Laut Karte sind hier nämlich höchstens neun Prozent möglich. Hinzu kommt, dass kaum ein Baum Schatten spendet. Also geht es zwar nach kurzer Zeit wieder in die Pedale, aber anstrengend und ergo schweißtreibend ist es natürlich trotzdem, mehr jedenfalls, als wäre es so flach wie ausgewiesen.

Aber irgendwann ist man halt immer oben, wenn eine Straße hochführt und zwischenzeitlich die Welt nicht untergeht. Die Karte weist den weiteren Straßenverlauf als gefährlich aus. Und wie ich so um die Kurve, hinter den Berg seitlich des Passes schaue, weiß ich, was der Verlag meint. Die Piste ist total im Eimer – zunächst jedenfalls –, mit Schlaglöchern beachtlichen Ausmaßes übersät, und als ich dem Weg schließlich folge, stelle ich fest, dass an mehreren Stellen der Hang stark ins Rutschen gekommen ist, wodurch die Straße teilweise verschüttet ist, und wenn weiter oben ein Steinchen an die falsche Stelle fällt, kann daraus eine Lawine werden, und dann möchte ich mich der Einschätzung schon anschließen, dass die Straße nicht ungefährlich ist. Aber ich bin ja mutig und will hier kein Zelt aufschlagen, sondern nur vorbei – es muss also schon viel und schnell kommen, wenn es mir dabei an den Kragen gehen sollte. Derweil schweift mein Blick über das Tal vor mir. Es ist eine tiefe Schlucht, auf deren Basis sich die Eisenbahn ihrer südlichsten korsischen Station, Ajaccio, nähert, die auch gleichzeitig eine der größten Städte der Insel ist. Gleichzeitig gibt es da unten natürlich noch einen Fluss und eine wichtige Straße, die N193, die Ajaccio mit Corte verbindet. Der Pass, den sie auf diesem Weg überwinden muss, ist etwas niedriger als mein derzeitiger Standort. Ich habe auch einen guten Überblick über die vor mir liegende Abfahrt, und da ist zu sehen, dass weiter unten an der Straße offensichtlich ganze Arbeit geleistet worden ist; jedenfalls tritt der pechschwarze Asphalt in starken Kontrast nicht nur zu dem, was derzeit unter meinen Reifen liegt, sondern vor allem zu all dem Grün, Blau und Grau, aus dem sich das Bergpanorama zusammensetzt und das von der Sonne grell beleuchtet wird.

Dort, wo es eher eine Buckelpiste ist, fahre ich langsam, weiter unten wird’s steiler und auch besser, und als ich die neue Strecke erreiche, lasse ich dem Gaul die Zügel schießen. Sollte ich vielleicht nicht tun, denn breit ist sie nicht gerade, die Straße. Zwar kann ich auf den Serpentinen gelegentlich einen Blick auf die nächsttiefere Etage werfen, aber eben nur gelegentlich, und dass Berge und Vegetation zuweilen eine frappierende Schallgrenze bilden, müsste ich eigentlich wissen. Jedenfalls begegnet mir auf einer der Passagen ein Motorrad, und zwar auf seiner Seite. Groß ist der Abstand zwischen uns nicht, als wir aneinander vorbeifahren, und das gibt einen gut dosierten Adrenalinstoß, vor allem, weil ich es bin, der hier nicht korrekt fährt. Aber es ist ja nichts passiert, und etwas vorsichtiger setze ich die Fahrt fort. Das Tal liegt wieder auf derselben Höhe wie Cauro, also zieht sich die Abfahrt hin. Hätte dagegen wohl jemand etwas einzuwenden? Es ist ein Sausen und Brausen, ein Neigen und Wiegen. Motorrad fahren könnte mir viel Spaß machen, wenn es nicht so laut und teuer wäre, wenn ich es vertreten könnte und die Kisten nicht so schwer vom Gewicht und der Reparierbarkeit wären. Und natürlich erhöht das Tempo auch das Risiko, und der Helm ist bei Unfällen im Gebirge oft eher eine Illusion als ein echter Schutz.

Mit den Vorräten sieht’s nicht so gut aus, also halte ich in einer Ortschaft an, um zu sehen, was mir geboten werden kann. Ein kleiner Laden bietet einiges gegen Hunger und Durst und für schwere Bedürfnisse, aber als ich bei den Säften ankomme, stockt mir der Atem: 12 Francs 40 für einen Liter Apfelsaft im Karton! Die sind ja wohl nicht gescheit. So nicht, meine Lieben! Dann also weiter.

Auf diese Weise bleiben die Vorräte mager, vor allem die flüssigen. Das geht natürlich nicht lange gut. Auf der Hauptstraße geht mir so allmählich die Luft aus. Die Hauptstraße verlässt hier die Talsohle für ein paar Kilometer und muss dafür ein paar Höhenmeter spendieren. Rechts liegt ein Grundstück an der Straße. Die müssten doch wenigstens fließendes Wasser haben. Ich frage nach. Wenn im Ausland (also außerhalb von Deutschland) jemand nach Wasser fragt, meinen viele, man wolle Mineralwasser oder jedenfalls in Flaschen abgefülltes Wasser haben, weil sie korrekt davon ausgehen, dass ich das Wasser trinken will. Ob das Rückschlüsse auf die Qualität des Leitungswassers zulässt? Es ist ja bekannt, dass die deutschen Grenzwerte ziemlich rigide sind. Aber es wird mich schon nicht gleich umbringen. Eine Frau zeigt mir auf Anfrage einen Wasserhahn im Garten und erklärt mir, welche Hähne ich anstellen muss, damit dort letztlich Wasser herauskommt. Ich tanke anderthalb Liter, bedanke mich artig und lege an der Straße gleich noch eine kurze Pause ein. Während ich da so sitze (natürlich die Karte studiere) und irgendwas kaue, kommen drei Mädchen auf Fahrrädern vorbei. Die sind nicht auf großer Reise, das ist gar keine Frage. Interessant an ihnen ist ihre Sprache. Sie klingt wie italienisch, könnte natürlich auch korsisch sein. Aber würden Einheimische hier um diese Zeit mit dem Fahrrad entlang fahren? Sie wirken eher wie Feriengäste.

Im Gepäck habe ich immer noch die zwei Kienäpfel, den offenen, trockenen und den größtenteils noch geschlossenen, schwereren. Der eine gefällt mir von der Form her, aus dem anderen will ich die Samen gewinnen, Piniensamen. Aber muss ich das Zeug hier wirklich über alle Berge schleppen, noch dazu, wenn ich die Route noch mal kreuzen werde? Allerdings belehrt mich ein genauer Blick auf den Routenplan und auf die Karte, dass ich hier nicht mehr lang komme. Es hat also keine Verheißung, die Tüte irgendwo im Gebüsch oder Straßengraben zu verstecken. – Kurz nachdem ich die kleine Anhöhe erklommen habe, geht’s rechts ab ins Hinterland. Ich habe hier einen Weg über die Dörfer ausgesucht, weit um Ajaccio herum, und erhalte dadurch auch einen kürzeren Zugang zur Küstenstraße, der D81. Aber noch ist es nicht soweit, und keiner hat behauptet, dass der kürzere Weg auch der leichtere ist.

Drei, vier Kilometer geht’s durch Felder und Buschland und alles ist grau und dürr in einer Weise, dass es wahrscheinlich reicht, an ein Streichholz zu denken, und schon geht alles in Flammen auf. Dann biegt allerdings die D1 nach Norden ab, eine scharfe Kurve, und von da an wird’s schöner. Zunächst verbindet sich damit ein Anstieg von 400 Metern Höhendifferenz. Das ist also eine Beschäftigung für die folgende volle Stunde. Das nächste Dorf hat sich um den bedeutendsten Anteil dieses Anstiegs arrangiert, und wie ein Wurm schlängelt sich das Asphaltband in Serpentinen durch den Ort. Ziemlich weit oben und hoch aufragend sehe ich als erstes eine Kirche, und ich stelle mir, ich befände mich in einem sehr tiefen Keller unterhalb der Kirche, in einem Schacht gewissermaßen, und stiege jetzt allmählich zu ihr empor, erst auf Höhe des Schiffs, dann in den Turm, und rasch wird klar, dass ich nach diesem Gedankenspiel bald aus sehr großer Höhe von oben auf die Spitze werde spucken können. Kurz nach Erreichen der Kirche habe ich erneut Gelegenheit, Wasser zu fassen, und ich lasse sie nicht aus. Bei der Gelegenheit bringe ich gleich noch eine Ansichtskarte auf den Weg, wobei der Briefkasten anscheinend gerade geleert worden ist, denn ein Postauto hat mich vor kurzem überholt. Wann die nächste Leerung sein wird? Demnächst. So etwa sieht die Terminbestimmung auf dem Kasten aus. Wie nett!

Aber noch bin ich nicht oben. Weit genug freilich, um einen immer besseren Überblick zu kriegen, und das Gefühl, sich hierher aus eigener Kraft aufgeschwungen zu haben, ist immer wieder toll. Nach Erreichen des Passes wird es eine geradezu verwunschene Abfahrt. Schmal die Straße, praktisch nicht existent der Verkehr, Winkel und Wendungen, eine dschungelähnliche Vegetation und vor allem keine Anstrengung begleiten mich auf dem Weg. Man muss sich mal vorstellen, hier wolle man jemanden besuchen: In the middle of nowhere, würde der Engländer sagen. Das wäre erst mal ein Suchabenteuer.

Kurz bevor ich die Küstenstraße erreiche, fahre ich an einer Kirschplantage vorbei. Das kann ja wohl nicht sein! Da lassen die hier die reifen Früchte am Baum vergammeln, und auf dem Markt kosten sie bis zu 10 Mark das Kilo! Ich habe da an sich wenig Skrupel, diesem Missstand abzuhelfen. Problematisch ist allerdings, dass die Bäume eingezäunt sind. Zwar führt ein Weg auf das Grundstück, aber da schreckt mich dann doch das Tor, das zwar offen ist, das ich aber doch hinter mir lassen müsste. So muss ich mich halt mit dem begnügen, was über den Zaun hängt oder an Bäumen außerhalb des Geländes. Aber da waren schon andere vor mir tätig. Außerdem ist das Obst ziemlich staubig. Dennoch verbringe ich eine ganze Weile an dieser Weggabelung.

Wenig später erreiche ich die Küstenstraße. Auf ihr geht es die restlichen Meter hinab bis zur Küste. Die Ebene ist nicht sehr interessant. Als es dann nach einem Großeinkauf hinter Cargèse allmählich wieder in die Berge geht, kommt wenigstens etwas Profil in die Landschaft. Aber sie bleibt karg. An einer der Kurven wird Käse verkauft. Also, Appetit hätte ich schon. Aber wenn der Käse hier ähnliche Preise erzielt wie die Kirschen, werde ich lieber den nächsten Supermarkt abwarten. In Porto könnte ich damit Glück haben, und das ist ja nicht mehr weit hin. An einer späteren Kurve steht ein abgebranntes Haus. Ich sehe mir das mal an. Im Innern des Hauses ist nichts mehr übrig geblieben. Decken und Innenwände wie auch das Dach müssen aus Holz gewesen sein. Man kann noch die Aussparungen in den Wänden sehen. Die Wände selbst wurden grob aus Feldsteinen zusammengefügt. Da hat sich niemand die Mühe gemacht, die Steine passend zueinander auszuwählen oder gar vorher zu behauen, um die Fugen etwas zu verkleinern. Kein Quartier für die Nacht, außerdem ist es eh zu früh. Die Sonne steht noch am Himmel, zwar nicht mehr hoch, aber doch sichtbar.

Vor dem höchsten Punkt dieser Relation kurz vor Piana geht’s noch mal kurz hinab. Das dürften heute auch wieder an die 2000 Höhenmeter gewesen sein, und was bleibt zum Schluss? Meeresniveau! Auf einer Insel oder an der Küste ist dies oftmals das Schicksal der Kletterer, dass am Abend alles wieder futsch ist. Aber die Eindrücke bleiben, und der nächste Tag hält ja neue Reserven bereit. Erst mal jedoch erreiche ich Piana, und dieser Ort macht schon was her. Auf 400 bis 500 Metern Höhe gibt es jede Menge Hotels verschiedener, jedoch meist gehobener Kategorien und nach Westen einen Ausblick über Schluchten und auf das Mittelmeer in drei bis fünf Kilometern. Das wär’ schon was hier. Aber da die Etablissements allesamt besser aussehen als die Spelunke in Cauro, werden sie wohl auch mehr haben wollen, und das sehe ich nicht ein. Die Sonne ist derweil ’neigeditscht. Fotos geben also mangels Kontrast nicht mehr viel her.

Die Straße verlässt Piana und bricht sich Bahn durch einige Felsen, bis sie ein atemberaubendes Panorama erreicht: Les Calanche! Na, wenn das nichts ist! Michelin hat die Szene nicht umsonst fett gedruckt. Fast wie ein Schwalbennest klebt die Straße in diesem Halbrund am roten Fels, der vor allem auf der abfallenden Seite die erstaunlichsten Formationen entwickelt hat. Wer ist nur auf die Idee gekommen, ausgerechnet hier eine Straße lang zu bauen? Aber das Hinterland ist glatt doppelt so hoch, also nur schwer zu erschließen. Ich stelle mir nur vor, wie zum ersten Mal jemand hier stand und gesagt hat: Jetzt bauen wir hier eine Straße lang!

Ich ärgere mich, dass die Sonne schon untergegangen ist. Das ist die Szene auf Korsika! Aber ich bin ja jetzt nicht weit von Porto entfernt, und dorthin wird mich meine Reiseplanung noch einmal führen. Da muss ich unbedingt noch einmal zurück, auch wenn das mal 400 Höhenmeter extra sind. Auf der Fahrt durch die Calanche (wieso eigentlich nicht Calanches, wenn es schon les, also Plural, sind?) wird mir klar, dass sich neben mir auch andere für dieses Schauspiel interessieren. Autos, Busse und nicht zuletzt Fahrräder stehe herum, wo Platz dafür ist, oder fahren langsam, damit die Insassen Zeit zur Betrachtung haben. Wirklich schade, dass die Sonne schon untergegangen ist. Beim nächsten Besuch wird’s wahrscheinlich regnen, wenn es nach Murphy geht. Aber das würde ich ja schon von Porto aus sehen und dann gar nicht noch einmal hier hochfahren.

Jetzt also nach Porto! Die Fahrt geht im Selbstlauf. Blicke ich auf die Bucht herab, kann ich kaum glauben, dass dies an die 400 Meter Höhenunterschied sein sollen. Jedenfalls geht es, nunmehr mit Licht, ganz von allein. Ich kann erkennen, dass Porto einen breiten Strand hat, einen grauen zwar, aber die Farbe interessiert mich nicht so sehr. Wie wär’s denn mit einer Übernachtung dicht am Meer? Mal was Neues. Im Ort verlasse ich die Hauptstraße in Richtung Meer und erreiche bald den Strand. Die letzten Meter muss ich durch den tiefen Sand schieben. Die Lage? Nun, warum nicht? Der vorderste Teil des Strandes, der mir einigermaßen sicher vor mittelschwerem Seegang und Flut zu sein scheint, wird aus dicken, etwa hühnereigroßen Kieseln geformt. Auf so was legt man sich nicht zum Sonnen, warum sollte ich es für die Nacht wählen? Nun, ich bilde mir ein, dass die Isomatte und der Schlafsack einiges abfedern, und da die Steine hier nicht einzementiert sind, lassen sie sich vielleicht auch in die richtige Richtung drücken. Mir fällt eine Übernachtung 200 Kilometer südlich von Salt Lake City ein, bei der ich auch auf Kies nächtigte, freilich auf etwas feinerem. Aber bevor ich mich in mein Textil verkrieche, ist erst mal Hygiene angesagt. Außer ein paar Anglern am südlichen Rand des Strands ist niemand zu sehen, also werfe ich alles ab und springe in die Brandung. Jetzt muss ich nur aufpassen, dass ich nicht den Petrijüngern an den Haken gehe. Wer weiß, wie lang die Angelschnur hinausgeht. Mit Lichtern versuchen sie, Fische anzulocken. – Ich habe mir Seife mitgenommen, aber irgendwie ist das nicht das Richtige. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel sauberer bin, als ich das Meer wieder verlasse. Also landet wahrscheinlich ein Teil des Schmutzes im Handtuch, aber das wird dann ja auch irgendwann gewaschen werden können.

Ich lege mir den Schlafsack zurecht, krieche hinein, und bald habe ich mir mein Bett so zurechtgedrückt, dass es passt. Was mir allerdings überhaupt nicht passt, sind die Mücken, die ungebetenen Abendgäste, vor denen ich seit Corte geradezu einen Horror habe. Was wird das wohl für eine Nacht werden? Aber nach einiger Zeit scheinen sie sich nicht mehr für mich zu interessieren. Vielleicht bin ich auch einfach nur eingeschlafen.

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