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17. Juni

Carbini – Col de Bacinu – D59xD859 – Figari – D859xN196 – Sartène – N196xD19axN196 – Col de Celaccia – D302 – Cognocoli-Monticchi – Pisciatello – N196 – Cauro (146 km)

Der Morgen ist wunderbar. Am Himmel ist nicht eine Wolke. Die Sonne ist wohl schon aufgegangen, aber noch nicht über den Bergen zu sehen. Allerdings wirft sie weit oben bereits erste Strahlen durch die diesige Morgenluft. Ich rappele mich auf, packe rasch alles zusammen, bringe mich und das Fahrrad an eine unbedenkliche Stelle in unbedenklicher Verfassung, und dann ist etwas Ruhe für die Betrachtung des Schauspiels am Horizont. Aber auch auf der Westseite der Szene hat sich etwas getan. Nach ein paar Schritten kann ich Levie sehen. Nichts mehr ist vom abendlichen Nebel zu sehen. Eine Pracht! Korsika, wie es typischer kaum sein könnte. Beim Frühstück fällt wieder Müll an – das ewig wiederkehrende Problem mit den Puddingbechern und diversen anderen Behältern. Vor den Häusern stehen jedoch Mülltonnen, und wenn auch nicht ich es bin, der dafür Gebühren zahlt, so habe ich doch nur eingeschränkt Bedenken, dort etwas hineinzuwerfen, zumal es doch recht wenig ist und mir keine öffentlichen Behälter in der näheren Umgebung zur Verfügung stehen. Eine ältere Frau muss das allerdings beobachtet haben. Sie kommt an und schickt sich an, mir begreiflich zu machen, dass das so nicht geht. Der Müll müsse vorher in einen Müllsack und dieser wiederum in die Tonne getan werden. Sonst werde er nicht abgeholt – oder so ähnlich. Na gut, ich werde doch nicht mit ihr streiten. Ich kippe die Tonne um, suche meinen Müll wieder heraus und werfe ihn in eine andere Tonne mit Sack. Es muss ja alles seine Ordnung haben.

Nachdem das soweit geregelt ist, kommt die nächste Besucherin. Wieder eine nicht mehr ganz junge Frau, diesmal eine Ärztin. Sie befragt mich über meine Reise und hält mir dann einen Vortrag über die Bedeutung von Zucker für Sportler im Allgemeinen und Radfahrer im Besonderen. Es muss immer genug Zucker im Blut sein. Ja, natürlich, was denn sonst? Meine Güte, was die wohl von mir denkt. Ich sehe doch bestimmt völlig heruntergekommen aus. Gerade mal, dass das Fahrrad einigermaßen in Schuss und das Gepäck verhältnismäßig ordentlich verstaut ist.

Ich muss unbedingt etwas mit meiner Frisur unternehmen. Diese Mähne ist ja selbst in »Friedenszeiten« unpraktisch. Einen Igel könnte ich jetzt gebrauchen… – Einstweilen verlasse ich das Dorf. Die Hunde am Ortsausgang spielen wieder verrückt. Wirklich ein Wunder, dass sie gestern nicht das ganze Dorf gegen mich aufgebracht haben. Nach einigen Metern stehen am Straßenrand Mahnmale für Widerstandskämpfer gegen die Nazis. Da muss sich auf Korsika ja richtig was abgespielt haben, so, wie diese Steine und übrigen Zeugnisse der Kriegsgeschehnisse und -opfer sich hier häufen.

Dem Morgen angemessen, geht es nicht mehr allzu weit nach oben. Nach sechs Kilometern ist der Pass erreicht, und die Auffahrt dorthin ist einigermaßen flach. Die Abfahrt ist wieder grandios. Die Sonne steht inzwischen höher am Himmel, heizt also schon einigermaßen, und so halten sich Kühlung und Heizung auf der Abfahrt die Waage. Die Straße ist recht unterschiedlich beschaffen. Zunächst mal wieder der korsische Flickenteppich, der eine stabile Gabel voraussetzt, dann ein sehr guter Abschnitt (warum haben sie das hier mitten auf der Strecke in Ordnung gebracht und nicht in einer Ortschaft beginnend?), und schließlich wird’s wieder wie üblich. Zwischendurch ein Blick auf Porto-Vecchio, aber als ich aus den Bergen heraus bin, ist auch diese Aussicht verschwunden. Ich nähere mich dem südlichsten Punkt meiner diesjährigen Reise.

In Figari, kurz vor dem Abbiegen nach Nordwesten, fülle ich mal wieder meine Vorräte auf. Der Laden hat alles Mögliche. Ich streife durch die Regale. Da! Eine Schere, und eine erschwingliche dazu (jedenfalls deutlich preiswerter als eine Friseurrechnung)! Sie landet im Korb. Ein kleiner Spiegel noch dazu. Versucht mich doch an der Kasse die Verkäuferin zu beschummeln. Ich deute an, dass ich die Schere wieder zurückbringe. Da entdeckt sie endlich, dass sie mir zu viel (natürlich zu viel, die irren sich nie nach unten) berechnen wollte. Vielleicht sollte ich ihr das Wort »pardon« beibringen, aber mir fehlt die Wortgewandtheit für das pädagogische Drumherum.

Einen oder zwei Kilometer weiter startet eine ausgedehnte Aktion, ein bislang einmaliger Selbstversuch radikaler Kultivierung und Vereinfachung: An einem Picknick-Tisch staple ich die zum Verzehr bestimmten Lebensmittel und dazu Schere und Spiegel. Ich bin Pragmatiker, plane keine bestimmte Frisur, aber wenn die Haare einigermaßen kurz sind, kann’s doch so schlecht nicht sein. Mit der Zweifinger-Methode bestimme ich die Länge, und los geht’s. Bald spüre ich, wie oben Luft wird. Um mich herum liegen die Haare. Es muss also tatsächlich weniger geworden sein. Ich stelle fest, dass ich nicht zum Friseur tauge, weil die Muskulatur der linken Hand, die den Zeige- und den Mittelfinger zusammendrückt, nicht sehr ausdauernd ist. Ich muss die Finger ausruhen! Nach einer Weile geht es weiter. Der Spiegel könnte ruhig größer sein. Schließlich guckt zwischen den beiden Fingern kaum mehr etwas hervor. Ich betrachte mich. Na ja, ein Igel ist es nicht, ein bisschen zerzaust sehe ich aus, vielleicht auch gerupft, jedenfalls allemal besser als vorher.

Mit dem Essen vergeht auch noch mal Zeit. Als es dann weitergeht, zeigt sich, dass eine harte Zeit begonnen hat: Gegenwind, eine trockene, karge Gegend, Sommerhitze, und dass die Route nicht ins Zentrum der Insel führt, bedeutet keineswegs, dass sie flach ist. Vor mir wellt sich vielmehr ein Berg-und-Tal-Szenario. In dieser Szene kann man sich Gedanken über alles Mögliche machen, über Gott und die Welt, schöne Frauen, die künftigen Strecken, über die Alpen, über den Tag der Heimkehr, über die laufende Durchschnittsgeschwindigkeit und vieles andere mehr – aber nicht über die Umgebung. Das wäre dann doch zu trist. Ich stelle Betrachtungen über meinen heutigen Verzehr an und komme zu der Feststellung, dass es bislang nicht viel war, gestern dafür umso mehr. Profitiere ich noch von diesen Vorräten? Dann wende ich mich wieder meiner Behaarung zu. Also, das Haupthaar haben wir jetzt in Ordnung gebracht, oder sagen wir mal: erträglich gestaltet. Mein Barthaar ist dagegen auch schon wieder vier Tage alt. Das ist zwar an sich nicht so ungewöhnlich auf Reisen, aber eben schon spür- und sichtbar. Was wird damit nun? Gewöhnlich ist eine Rasur nur in Hotels gut machbar, aber jetzt habe ich ja einen Spiegel, also warum soll ich nicht am nächsten Brunnen oder Fluss etwas mehr Gepflegtheit in mein Antlitz bringen? Von wegen! Wann besteht schon mal die Chance, ungestraft und ohne gesellschaftliches Aufsehen zu erregen oder sich täglich vor Kollegen rechtfertigen zu müssen, am eigenen Aussehen herumzuexperimentieren? Eigentlich müsste ich gleich noch einen Schritt weiter gehen: Die Haare schwarz färben oder sogar grün! Aber beides glaubt mir keiner. Ich bin kein dunkelhaariger Typ. Also belassen wir es bei einem werden wollenden Bart und gekürzten Haaren. Was ich da möglicherweise vergeigt habe, dürfte in Erlangen wieder bis auf eine reparable Länge nachgewachsen sein.

Nächster größerer Ort ist Sartène. Die Stadt hat eine bemerkenswerte Höhenausdehnung. Kurz bevor ich sie erreiche, überquere ich einen Pass von 290 Metern Höhe. Dann komme ich in der Oberstadt mit der Kirche, einigen Hotels und Wohnhäusern an, und von da an geht’s bergab. Fast auf Meereshöhe liegt schließlich die Ausfahrt. Kurz vor der Überquerung eines größeren Flusses, den ich vorgestern schon mal in umgekehrter Richtung, allerdings etwa 15 Kilometer weiter Flussaufwärts, überquert habe, fallen mir rechts am Straßenrand Pinien auf. Auf der Straße und im Gras liegen riesige Zapfen. Die Dinger sind gigantisch, verglichen mit denen der mitteleuropäischer Kiefer. Davon nehme ich mir einen mit, einen besonders gut erhaltenen. Viel wiegen tut er ja nicht, und irgendwas muss ich schließlich von der Reise mitbringen. Aber da sehe ich noch einen, der ist fast rundherum geschlossen. Und ohne Werkzeuge ist daran auch kaum etwas zu ändern. Warum sollte er nicht so bleiben? Außerdem sind da noch Samen drin. Da könnte ich doch mal eine Pinienplantage anlegen. Wo gibt es so was schon im Norden?

An Propriano fahre ich mehr oder weniger vorüber. Am entscheidenden Abzweig zur Ortsumgehung steht allerdings ein Supermarkt, und an dem kann ich nicht vorbei. Schließlich sind hier Auswahl und Preise am günstigsten. Für Abwechslung auf der Speisekarte kaufe ich Champignons und Mais, obwohl das nach reiflicher Überlegung an sich schon ziemlich etablierte Lebensmittel auf dieser Reise sind. Jetzt müsste ich mal wieder eine größere Pause machen und meinen Blutzuckerspiegel auf Vordermann bringen. Die höheren Berge des Tages habe ich nämlich noch vor mir.

Vor einem weiteren Markt setze ich mich an die Straße und verdrücke ein Baguette mit viel Nougatcreme. Am nahen Horizont spannt sich eine Bergkette, an einer Stelle durch einen Pass etwas vertieft und links davon ein Dorf oder eine kleine Stadt (Olmeto) in den Bergen. Das sieht alles recht harmlos aus. Wüsste ich es nicht genauer, würde ich die Höhe auf vielleicht 100 Meter schätzen. Indes sind es laut Karte knappe 600. Das ist unter durchschnittlichen Umständen eine Sache von fast zwei Stunden. Na, dann wollen wir doch mal sehen, wie viel Zeit ich nach solchem Kraftfutter brauche. Entschlossen mache ich mich an den Aufstieg. Bis auf eine Einbahnampelregelung in Olmeto hält mich nichts auf, und die Ampel eigentlich auch nicht ernstlich; nicht, weil sie nicht oder nur kurz rot wäre, sondern weil die einspurige Strecke viel zu lang ist, um als Radfahrer bergan nicht irgendwann trotzdem dem Gegenverkehr zu begegnen. Für solche Tempi ist die Ampel nicht dimensioniert. Also, warum soll ich dann warten? Kurz nachdem das grüne Licht erloschen ist, fahre ich an der Regelung vorbei. Der abzusehende Konflikt wird keiner. Dafür bin ich zu schmal und die Straße zu breit. Bevor ich die obere Ampel erreiche, werde ich auch noch einmal von einer Karawane überholt, die in meine Richtung fährt. Das gibt mir nachträglich ein bisschen Recht.

Oben bin ich nach gut einer Stunde. Was für eine Fahrt! Ja, mit der richtigen »Fütterung« fährt es sich gleich ganz anders, einmal abgesehen davon, dass sich der Fahrtwind nicht mehr in meinen Haaren verfangen kann… Allerdings spielt das wohl erst recht bei Bergauffahrten eher eine untergeordnete Rolle. Jetzt wird’s allerdings schwierig: Soll ich – wie geplant – auf der Hauptstraße bleiben, um dann nach zehn Kilometern scharf nach links abzubiegen, nach weiteren zehn wieder scharf nach rechts…? Oder soll ich auf der immerhin auch durchgängig grün geränderten Straße, die hier gleich links abgeht, auf 10,5 Kilometern einen wesentlich kürzeren Weg zum selben Punkt wählen? Man müsste jetzt mal eine Meinungsumfrage machen, aber viel los ist hier am Pass nicht. Am ersten Haus ist niemand zu sehen, am Haus gegenüber tut sich was. Da kommt gerade jemand mit einem Geländewagen an. Den frage ich, welche Route er wählen würde. Er, der Autofahrer! Welche Maßstäbe mache ich mir denn hier neuerdings zu Eigen? Ich habe auch nicht das Gefühl, ob er das Kriterium richtig verstanden hat, nach dem ich ihn beide Routen zu beurteilen bitte. Ich versuche zu erklären. Nach einer Weile empfiehlt er mir die kürzere Variante, und ich muss dann sehen, ob er mich einigermaßen verstanden hat und sein Geschmack einigermaßen dem meinen entspricht. Nach einem Blick zurück – viel höher als 100 Meter fühle ich mich auch hier oben nicht, aber die Abfahrt wird mich schon die Fakten lehren – wende ich mich der Route zu, die letztlich den Zuschlag bekommen hat.

Landschaftlich macht die Abfahrt was her, aber die Straßen waren oben besser. Je weiter ich in die Tiefen hinabrolle, desto klarer rüttelt sich mir das ins Bewusstsein. Entweder werde ich auf dieser Reise noch einen sehr tragischen Unfall erleiden, oder die chinesische Billiggabel ist zwar verrostet, aber aus gutem Stahl. Man möchte sich das gar nicht ansehen, wie sie unter den Unebenheiten vibriert. Immerhin – vorher hat die Luftbereifung ja schon einiges abgefangen, aber dennoch. Das einzig Tröstliche an dieser Unsicherheit ist die Tatsache, dass gewöhnliche Gabeln zwei Ausfallenden haben, von denen ja wahrscheinlich immer zuerst eines bricht. Trotzdem brauche ich keinen praktischen Nachweis für diese Vermutung. Lieber wäre es mir, wenn sie – die Gabel – einfach halten würde und ich im nächsten Jahr mit einem Drahtesel auf Reisen gehen könnte, für den diese Bezeichnung eher eine Beleidigung wäre. Und halten müsste er natürlich auch.

Talstation. Fast auf Meereshöhe. Der nächste Berg ist schon in Sicht. Kleine Pause, kleine Mahlzeit, und weiter geht’s. Die Landschaft wird nach Erreichen des nächsten Dorfes wieder interessanter. Zwar muss ich erst mal klären, in welcher Richtung ich aus dem Ort wieder heraus muss, weil Schilder fehlen, aber letztlich orientiere ich mich an der Himmelsrichtung. Die weitere Auffahrt ist gut zu sehen. Zum Überqueren eines Flusses muss ich leider erst mal wieder in die Tiefe, weil hohe Brückenbögen bei diesen Straßen offenbar nicht lohnen. Es geht höher hinauf als vorhin am Pass; darum schaue ich mal zurück. Dort zieht sich eine lange Wolke hin. Brennt es da etwa? Oder ist das Abendnebel? Also, für den Abend ist das eigentlich noch zu zeitig. Die Sonne neigt sich zwar schon dem Horizont zu, aber eine halbe Stunde ist wohl noch Zeit, und vorher habe ich vor allem angesichts der Tageshitze keine Erklärung für Nebel. Also doch ein Feuer? Bei der Auffahrt schweifen wieder meine Gedanken: Ich sollte mich langsam für die nächste Blutspende anmelden. Den Auftritt im Räuberzivil in Nürnberg kann ich mir doch nicht entgehen lassen. Aber die Idee ist natürlich ziemlich abgefahren: Aus Korsika einen Termin für was auch immer auszumachen, noch dazu für eine Blutspende, die eigentlich immer Zeit hat und kein »Überseegespräch« erforderte. Andererseits reizt mich die Vorstellung schon, mit Sack und Pack dort vorzufahren: Also, Herrschaften, wollt Ihr mal Blut von einem Spitzensportler? Das müsste ja glatt leuchten vor Sauerstoffgehalt. Ist natürlich Quatsch. Und was würde Angela dazu sagen?

Mit diesen Überlegungen erreiche ich den nächsten Pass. Nach einigen Kilometern flacher Abfahrt beschließe ich ein Abendessen. Die Aussicht ist sehr interessant. Das kann man sich ruhig ein paar Minuten länger ansehen. In meiner Provianttasche offenbart sich eine große Schweinerei: Eine Packung Schokoladenpudding hat sich geöffnet, weil die Aluminiumfolie der Abdeckung irgendwo Druck abbekommen hat. Es ist eine riesengroße Sauerei. Bis auf die Klamotten, die in den hinteren Taschen verpackt sind, ist fast die Hälfte des Gepäcks bedroht, und viel geringer ist der Schaden dann auch wirklich nicht. Also: Alles ’rausräumen, Sauberes von Schokoladigem trennen und die neuerdings braunen Stücke abwaschen. Wie? Womit? Na, das hängt von den Gegenständen ab. Das meist lecke ich sauber. Das spricht entweder für die Hygiene in meinem Gepäck oder für mein Immunsystem. Für meinen Geschmack wahrscheinlich nicht. Damit so etwas nun nicht mehr passiert, muss ich den ganzen restlichen Pudding auf einmal aufessen, und das ist nicht wenig. In Zukunft werde ich mir einen anderen Platz für diese Lebensmittel überlegen müssen. Glücklicherweise sind die Postkarten in der anderen Tasche, also nicht in Mitleidenschaft gezogen worden.

Die restliche Abfahrt wird aber noch sehr schön. Essen werde ich heute wohl nicht mehr müssen. Die Frage, die sich jetzt viel drängender stellt, ist die nach der Übernachtung. Ein Hotel wäre ja inzwischen wirklich nicht schlecht. Seit Toulon hatte ich keine Dusche mehr, ergo keine zivilisierte Übernachtung. Aber da kann man mal sehen, was der moderne Mensch so alles verkraftet. Oder bin ich vielleicht nicht modern?

Wieder bin ich praktisch auf Meereshöhe gelandet, und weil es nicht weitergeht nach Ajaccio, sondern erneut ein Schlenker ansteht – ich bin schon gespannt darauf, wie die Einzeichnung aller Fahrten auf der Karte letztlich aussehen wird, aber hier im Atlas mache ich das nicht; den brauche ich vielleicht noch mal unverschmiert –, ist damit fast zwangsläufig auch wieder ein Aufstieg verbunden. Also, so richtig Lust habe ich jetzt eigentlich nicht mehr. Die Dämmerung bricht mit Macht herein, die Straße ist belebt, und mein Rücklicht macht Probleme. Was heißt, es macht Probleme: Es funktioniert nicht. Das könnte mir ja allen Stolz auf meine Elektrik rauben. Besonders lustig ist die Auffahrt auch nicht. Die Landschaft macht nicht viel her, die Straße ist trotz ihrer Qualität und Breite noch eine halbe Baustelle, und wo ich demnächst in die Horizontale gehe, ist noch völlig ungewiss. Eigentlich wie immer.

In Cauro ist es schon einigermaßen dunkel. Hier muss es sein. Überall treibe ich mich herum. Hinlegen kann man sich fast überall, aber nirgends ist es gleichzeitig überdacht, und das wäre mir doch schon einigermaßen wichtig. Also, was nun? Ein Hotel? Das erste ist geschlossen, in das zweite traue ich mich hinein und lese mit Entsetzen, dass man hier Minimum 200 Francs verlangt. Nein, für eine Dusche und ein einfaches Zimmer ist mir das zu viel. Und – eine uralte Erörterung im Zusammenhang mit meinen Urlaubsreisen und den Spesen des hellen Tages – es ist unverhältnismäßig. Ich lebe und speise (also wirklich: selbst ein normales Essen im Restaurant eingerechnet) tagsüber für weniger, als mir hier für die (viel kürzere) Nacht ohne Frühstück in Rechnung gestellt werden würde. Außerdem ist das ja nicht die erste Herberge in Frankreich, in die ich gehe. Da hatten wir schon andere Preise. Also nicht. Und nun? Mensch, das kann ja wohl nicht wahr sein. Da stehe ich hier mitten in der Nacht wie ein Depp auf der Straße und überlege mir, was nun werden soll. Na gut, noch bin ich ja nicht in jeden Winkel gekrochen. Es muss doch hier etwas Akzeptables geben. Ein Haus scheint unbewohnt zu sein. Da brennt jedenfalls kein Licht. Aber ich bin inzwischen so erfahren (siehe Anjony), dass ich von dem einen nicht mehr so einfach auf das andere schließe. Doch hinter dem Haus steht so etwas wie eine Garage. Die werde ich jetzt mal in Augenschein nehmen. Es erweist sich jetzt als vorteilhaft, dass es so dunkel ist. In der Dämmerung würde ich nicht einfach über einen Hinterhof marschieren, der von verschiedenen Seiten her einsehbar ist. Zwar ist auch die Nacht hell genug, dass ein Mensch mit normalen Augen mich sehen könnte, aber vielleicht schauen sie ja um die Zeit nicht mehr alle ausgerechnet in die Richtung aus dem Fenster. Und auf der Straße ist auch nichts mehr los.

Ich schiebe das Fahrrad in den Stall und schließe die Tür hinter mir, damit ich draußen wenig Anhaltspunkte für meine Anwesenheit liefere. Aber jetzt brauche ich die Taschenlampe, und das ist natürlich umso verräterischer, je dunkler es ansonsten ist. Also muss ich sie gedämpft und sparsam verwenden. Platz ist hier für zwei Autos. In der Ecke stehen ein paar verrostete Fahrräder. Auch sonst ist das Inventar so alt oder verstaubt, dass möglicherweise schon lange keiner mehr hier war. Auf einem Gestell hängen Decken. Na, immerhin wird es eine Übernachtung dritter Klasse. Ich breite sie auf dem steinernen Boden aus, lege meinen Schlafsack darauf und mich hinein. Jetzt könnte ich eigentlich schlafen, aber draußen herrscht Unruhe. Na, mich wird doch nicht etwa jemand gesehen oder gehört haben? Weitere Gäste kann ich jetzt überhaupt nicht gebrauchen. Oder womöglich jemanden, der mich hier verjagen will. Das fehlte gerade noch. Ich halte die Luft an. Obwohl das relativ belanglos ist. Allerdings höre ich so besser. Die Geräusche verebben. Na, wahrscheinlich habe ich noch mal Glück gehabt. Gute Nacht!

16. Juni 16. Juni18. Juni 18. Juni