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16. Juni

Sainte Lucie-de-Tallano – D268 – Zonza – Col de Bavella – Col de Larone – D268xN198 – Solenzara – N198 – Porto-Vecchio – D368 – Zonza – D268 – Levie – D59 – Carbini (149 km)

Solch ein Bretterstapel scheint eine gute Ruhestatt zu sein. Jedenfalls habe ich lange und fast ohne Unterbrechung geschlafen. Halb sechs war ich mal wach. Und da hatte ich einen schlechten »Tagtraum«: Regen. Völlig klar, dass mich große Müdigkeit erfasste und ich mich wieder umdrehte, um weiterzuschlafen.

Während sonst morgens häufig die Uhr drängelt – also, um acht musst du auf der Piste sein, sonst hast du bei all den Boxenstopps am Vormittag bis 12 Uhr mal wieder keine 40 Kilometer geschafft! –, lasse ich sie heute drängeln. Der graue Himmel bietet ja auch wenig Motivation, sich unter dem schützenden Dach hervor zu bewegen. Allerdings könnte natürlich Besuch kommen. Heute ist schließlich ein ganz normaler Werktag. Und an vielen Orten dieser Welt wird um diese Zeit durchaus schon gearbeitet. Aber vielleicht ist das ja in Korsika anders… oder doch wenigstens in diesem Sägewerk. Ich nutze die Zeit zu einem besonders ausführlichen Frühstück. Wer weiß, wann die nächste Regenpause kommt.

Trotz dieser Gelassenheit – oder vielleicht gerade ihretwegen – komme ich 8 Uhr in die Pedalen, und zunächst mal lässt sich die Fahrt gut an. Die Kletterei gestern Abend war eine gute Vorleistung, die ich heute gleich zu Anfang nicht unbedingt gebraucht hätte. Dennoch muss ich am Anfang noch einige Höhenmeter überwinden. Mir hilft, dass das Wetter sich inzwischen wieder etwas aufgeheitert hat. Vielleicht ist der Tag ja doch noch zu was zu gebrauchen. Wenn nicht, bleibe ich einfach hier; denn die Route sieht vor, dass ich nach guten 100 Kilometern hier wieder vorbeikomme. Es wird also eine Rundfahrt. Es soll zumindest eine werden.

An der Auffahrt nach Zonza komme ich wieder einmal an Kirschbäumen vorbei. Habe ich für heute eigentlich schon genügend Vitamine zu mir genommen? Im Grunde kann man ja nie genug für seine Gesundheit tun, aber meine Verpflegung lässt auch abseits solch radikaler Ansichten Platz für eine fruchtige Aufbesserung. Ansonsten gibt’s halt ab und zu mal ein paar Äpfel oder Nektarinen. Aber Kirschen? Bei diesen Preisen? Da steige ich doch lieber auf einen Baum und hole mir, was sonst ohnehin keiner holt. Vorher stelle ich das Fahrrad hinter einen Stein und wähle den richtigen Baum. Von unten ist da nämlich kaum noch was zu machen. Andere waren vor mir da. Aber weiter oben hält das Gehölz für den Unerschrockenen noch so allerlei bereit. Die Plünderung dieses Baums ist eine ganze Episode. Derweil kommen unten Wanderer vorbei, auch Radfahrer und natürlich jede Menge Autos. Aber keiner nimmt mich hier oben wahr. Na, ich bin auch nicht der Anerkennung wegen hier hochgeklettert, sondern um satt zu werden. Aber das ist ein Phänomen der Landstraße: Ich werde nicht satt. Ich habe auch keinen Hunger, ich hatte beim Anblick der Kirschen nur Appetit, und den habe ich immer noch. Es ist wie ein Fass ohne Boden. Und das gilt annähernd auch für viel nahrhaftere Dinge: Nichts zu tun oder Regen? Na, dann esse ich eben was.

Die Auffahrt zum Col de Bavella ist an sich nicht schwer und könnte so schön sein, aber es regnet. Der Tag darf als durchwachsen gelten. Aber das ist mir immer noch lieber als ein ewig und gleichmäßig eingegrauter Himmel, bei dem man nie weiß, wann der Regen aufhört, weil die Wolken bis zum Horizont reichen und wahrscheinlich noch viel weiter.

Für diesen Pass hat Michelin etwas mehr Druckerschwärze spendiert. Das muss sich herumgesprochen haben. Vielleicht haben all die Touristen, die es hier her gezogen hat, auch andere Quellen. Fest steht, dass es viele sind. Da steht auch eine Madonna, und das bedeutet in einem katholischen Land ja schon eine Attraktion an sich. Aber auch abseits dieser Statue macht dieser Punkt etwas her. Da ist die Aussicht auf das Tal, in dem die Straße im Weiteren versinken wird. Und das Ganze wird von einem unablässig wechselnden Licht beschienen, das der Szene etwas Lebendiges verleiht. Aber dieser Rummel ist nicht so mein Ding. Ich habe alles gesehen, einiges fotografiert, was hält mich hier noch?

Es folgt eine steile Abfahrt auf einer lausigen Straße, die von Kilometer zu Kilometer immer saumäßiger wird. Ich muss ununterbrochen bremsen, und selten steigt das Tempo über 30. Wenigstens ist die Straße auch sehr kurvenreich. Über 45 km/h würde ich selbst bei guter Belagqualität kaum kommen. So indes werde ich für gut gefederte Autos hinter mir zum echten Hindernis, denn bei uneinsehbarem Gegenverkehr auf schmaler Straße wäre das Überholen ein mehr als nur abenteuerliches Unterfangen. Als endlich die Straße gerade in die Ebene ausläuft, halte ich an: Die Felgen kochen – sofern denn da was zum Kochen ist. Jedenfalls haben sie sich enorm erhitzt, und dass der Reifen jetzt anfängt zu schwächeln, würde mir gerade noch fehlen. Hier ist weit und breit kein Ersatz. Aber da weicht nichts. Glücklicherweise. Und vorläufig wird da auch nichts mehr aufgeheizt, denn die Karte verheißt einen weiteren Pass, ein Pässchen nur, jedenfalls etwas, zu dem ich hochfahren muss. Meine Jacke ist noch von der letzten Abfahrt nass, und an sich müsste ich sie tragen, bis sie wieder trocken ist, aber das funktioniert naturgemäß am besten bei Sonnenschein. Wenn der aber kommt, brauche ich keine Jacke, schon gar nicht bei der Auffahrt zum nächsten Pass. Alles Blödsinn! Die Jacke kommt auf den Gepäckträger. Wozu habe ich schließlich zwei Stück davon? Trotzdem, auf den beiden Packeseln herrscht eine ziemliche Unordnung. Da mischen sich Handtücher, der Atlas, jetzt noch die Jacke und zuweilen auch Obst schön durcheinander, und wenn’s regnet, auch noch der Hut. Da wäre eigentlich mal eine Innovation fällig. Vielleicht fällt mir ja bis zum nächsten Jahr etwas Vernünftiges ein.

Die Abfahrt von diesem Pass ist wieder ein Test für Gabel und Reifen. Von 600 Meter Höhe geht es hinab zum Meer, und da gibt’s ganz schön was zu rollen. Es ist jetzt an sich noch nicht die Zeit, darüber zu sinnen, wie die Reifen wohl in drei Wochen aussehen werden, aber so etwas in dieser Drehe wird’s wohl sein, was noch vor mir liegt, und bis jetzt ist die Zeche (die Anzahl der täglichen Höhenmeter) von Woche zu Woche höher geworden, und die sind’s ja, die am Gummi zehren, hinauf am Hinterrad, hinab am Vorderrad.

Und wie ich so rolle, sinke ich allmählich auf den Grund eines Tales herab, das von den nun immer höheren Felsen eingerahmt wird und im unteren Bereich lose mit Kiefern bewachsen ist. Von rechts kommt ein Fluss, der sich sehr schön in seinem steinigen Bett macht. Zwischen diesen Steinen liegen am klaren Wasser auch einige Sonnenanbeter – züchtig bekleidet natürlich. Erst kurz vor Erreichen der Küste öffnet sich das Tal, und dann ist da das Meer.

Zwar gilt die Küstenstraße als landschaftlich schön, und angesichts der weißen Strände will ich das auch ein wenig gelten lassen, aber gemessen an den Bergen ist sie relativ langweilig. Im ersten Küstenort, Solenzara, mache ich erst mal Halt. Postkarten werden eingekauft. Mensch, meine Haare! Da ist ein Friseur. Aber wie soll ich dem beibringen, was mir so vorschwebt… Na ja, er wird wohl ein paar Bilder haben. Die hat schließlich jeder Provinzfriseur. Aber das sind immer solche Modefrisuren, und das kann ich jetzt wahrhaftig nicht gebrauchen. Und was soll das Ganze dann kosten? Ich meine, zieht er mich nachher über den Tisch, und wenn nicht, was ist hier normal? Also, das lasse ich wohl doch lieber bleiben.

Nach einer Weile überholt mich ein Bus. Moment mal, den kenne ich doch! Das ist doch der Tschechenbus aus Baux-de-Provence, der mit Pocahontas! Aber natürlich ist er viel zu schnell, um seinen nächsten Stopp abpassen zu können, und wer weiß denn schon, wo die kühnen Recken ihren nächsten Ausflug starten. Ahoi! Tja, das war wohl nix mit einem Wiedersehen. Aber schon ein toller Zufall! Kann natürlich auch sein, dass es ein ganz anderer Bus ist. Aber Aufmachung und Nationalität sind jedenfalls dieselben.

Wieder fahre ich ein Stückchen. Es kommen so wahnsinnige Herausforderungen auf mich zu wie ein Pass in 19 Meter Höhe, dann noch einer mit 27 Metern. Plötzlich fährt ein Mann auf einem Rennrad an mir vorbei. Na, das ist ein Gegner im Klassenkampf. Da vertut man keine Zeit mit Grüßen. Oder hat er doch etwas gesagt? Einerlei. Jedenfalls ist er deutlich schneller, und da kommt noch einer und noch einer… insgesamt fünf Fahrer, genauer gesagt: vier Fahrer und eine Fahrerin. Alle fahren sie an mir vorbei, und zwar zügig, und hier ist es doch so langweilig. Also, das wäre doch mal einen Versuch wert. Ich könnte doch mal… also, jedenfalls kann ich nicht lange überlegen, sonst besteht keinerlei Chance, den letzten Fahrer noch zu erreichen. Ich muss es jetzt einfach mal versuchen, und dann kann ich immer noch beurteilen, ob das eine Weile durchzuhalten ist, oder ob mich das die Kräfte für den Rest des Tages kostet. Geistig schalte ich einen Gang höher (praktisch lasse ich das natürlich, weil ich sonst überhaupt nicht in Gang komme) und versuche aufzuholen. Aber die Brüder fahren einen tüchtigen Zahn. Während ich so mit 18 bis 20 km/h vor mich hingetrödelt habe, liegen die ca. 10 km/h darüber. Das ist kein Pappenstiel. Allerdings schaffe ich es, dass der Abstand sich nicht mehr erhöht. Nur kostet mich das bei vollem Fahrtwind immer noch viel Kraft. Ich muss näher herankommen, damit ich von deren Windschatten profitiere. Ich will ja mal hoffen, dass da trotz aller Aerodynamik noch ein Resteffekt bleibt. Also los, noch eine Stufe zünden! Es gelingt! Nach etwa einer Minute spüre ich die Entlastung und kann nun tatsächlich hochschalten. Jetzt heißt es aufpassen, ob einer bremst.

Der führende Fahrer gibt Zeichen nach hinten, wenn irgendwo ein Kanaldeckel die Ebenheit der Straße stört, denn so schnell, wie er ausweicht, kann kaum jemand reagieren. Also würde nur er dem Hindernis ausweichen. Mir sind solche Störungen relativ egal. Kanaldeckel sind ja nun wirklich kein Thema für Tourenräder. – Die Fahrer nehmen mich mit Gleichmut zur Kenntnis. Gelegentlich wechselt ihre Reihenfolge. Klar, ich würde auch nicht immer vorn fahren wollen.

Einer der Fahrer hat einen Getränkerucksack. Mensch, davon hat mir doch letztens erst jemand erzählt. War es Bruno? Einerlei. Der hat jedenfalls immer einen Schluck parat. In die Flasche könnten gut und gerne zwei, drei Liter reinpassen. Das hält dann schon einen halben Tag lang. Und vielleicht trinkt der ja auch mehr als ich, weil er genug davon hat und wirklich nur den Mund dafür zu öffnen braucht. Ich schaue nicht rechts und links, die Strände sind ohnehin vorbei. Wir bewegen uns im Hinterland. Hinter der nächsten Kurve kommt eine Steigung. Au Backe, das wird hart! Ein kleiner Hügel nur, aber die machen da natürlich ’rauf wie nix. Ich hinterher. Hier muss ich wirklich keulen. Ich habe reichliche 30 Kilo mehr die Anhöhe hinaufzuwuchten. Das müsste man mal in Watt ausrechnen. Aber dafür habe ich erst wieder Geist, als wir oben sind.

Ich würde was drum geben, dieses Bild mal von der Seite zu sehen, als Foto, als Panoramaaufnahme. Das ist doch für die Götter: Vorn fünf gebeugte Gestalten, nicht perfekt, aber doch modisch gestylt in schillernden Trikots. Behelmt natürlich. Da gibt es kaum ein überflüssiges Gramm. Gepäck findet keinen Platz, und so ist auch keines da. Die Fahrräder farbig, wie neu, die Speichen blitzen in der Sonne, alles schlank. Und in derselben Reihe am Ende die Parodie: ein Hanswurst auf einem Panzer von Fahrrad mit breiter Tourenbereifung, einem bulligen Lenker und einer Nabenschaltung, man stelle sich das vor! Unordnung auf den Gepäckträgern, gekleidet fast wie ein Ranger im afrikanischen Busch: langes Hemd, lange Flatterhose, Treter von Turnschuhen. Und das Schärfste: Ein Hut, ein breitkrempiger Hut, noch dazu mit dickem Draht verstärkt. Der Kerl unrasiert, die ganze Ausrüstung ziemlich angegammelt. Gut, es funktioniert, aber es mutet merkwürdig an. Und der fährt jetzt schon seit zehn Kilometern in diesem Korso mit.

Ich muss zugeben: Rennfahrern wäre ich nicht gefolgt, denn die wären mindestens noch mal 10 km/h schneller gewesen. Das hier sind normale Leute, die Geld für eine Rennausrüstung ausgegeben haben und recht gut im Saft stehen. Sie sind wohl auch ein paar Jahre älter als ich. Ob es sie deprimiert, dass ich da trotz aller Handicaps so mithalte? Na, hoffentlich nicht.

Wir erreichen Porto-Vecchio. Hier will ich einkaufen, vielleicht auch eine Schere, und dazu muss ich meine Vorreiter verlassen. Zum Abbiegen überhole ich den letzten zur Hälfte und sage merci – das war’s. Es wäre doch mal interessant, diesen Leuten bei ihren weiteren Gesprächen zuhören zu können. – Der Supermarkt liegt direkt am Abzweig in die Berge, den ich mir für den fortgeschrittenen Nachmittag vorgenommen habe. Ich habe durch dieses »Verfolgungsrennen« Zeit gewonnen, mindestens eine viertel Stunde, und ermüdet hat mich die Fahrerei in letzter Konsequenz nicht. Das wäre was, wenn ich im Urlaub zu zweit unterwegs wäre, und ständig würde einer vorneweg hetzen. Allerdings hätte das den gravierenden Nachteil, dass ich dann kaum noch etwas von der Landschaft mitbekommen würde. Also, diese viertel Stunde werde ich jetzt mindestens mit Einkaufen und Essen verbringen.

Das ist ein großer Laden. Neben all den Kalorienbombern werde ich hier vor allem nach einer Schere fahnden. Ich habe Glück. Allerdings wundere ich mich etwas über den Preis. Die Schere hängt an einem Metallstift, und über diesem Stift steht irgendwas zwischen 15 und 25 Francs. Natürlich bekommt man für dieses Geld in Europa auch Scheren, aber die machen in aller Regel nicht viel her. Dieses Stück dagegen stammt sogar aus Solingen, eine Schneiderschere. Aber, warum nicht? Solange sie tut, wofür ich sie brauche… Beladen trete ich an die Kasse. Es dauert seine Zeit. Dann bin ich dran. Und ich muss feststellen, dass mir glatt 75 Francs für die Schere berechnet werden. Also, so war das nicht ausgemacht. Ich weise die Verkäuferin auf den ausgewiesenen Preis hin, der dummerweise nicht an der Schere selbst klebt – da steht nur der Strichcode drauf, und demzufolge kann ich mit der Frau nicht darüber verhandeln –, und sie nimmt das auch zur Kenntnis. Nur: Wie jetzt weiter? Sie muss das klären, und zwar in aller Ruhe. Es ist faszinierend, mit welcher Hingabe sie unter ihren Kolleginnen eine Meinungsumfrage startet, auch mal für ein, zwei Minuten völlig verschwindet. Und was unter deutschen Verhältnissen undenkbar wäre: Die Menschen in der Schlange bleiben dort stehen, als käme die Verkäuferin in der nächsten Sekunde angefegt, um nun mit vervielfachter Geschwindigkeit die verlorene Zeit wieder aufzuholen. Was jedoch bei nüchterner Betrachtung Blödsinn ist. Keiner geht zu einer anderen Kasse, keiner regt sich auf. Aber das kann ja alles noch kommen. Mir wird die Sache langsam peinlich. Als die Frau schließlich wieder zurückkommt und mit ihrer Miene andeutet, dass sie keine für mich befriedigende Lösung gefunden hat, steht mein Entschluss längst fest: Die Schere bleibt hier!

Was soll’s? Ich habe jetzt was vor. Was Richtiges. 1000 Höhenmeter. Keine Bagatelle. Da kann ich mir keine Schwachheiten leisten. Da muss die Basis stimmen, der Futterbesatz gewissermaßen, der Blutzuckerspiegel. Die Reserven müssen gut gefüllt sein, auch wenn es immer wieder sinnlos scheint, die vollen Taschen in die Berge hochzuschleppen und mit leeren wieder herunterzukommen. Aber so ist das, an den Pässen gibt es selten Märkte wie diesen, und was sind auf 45 Kilogramm Fahrrad und Normalgepäck schon drei oder vier Kilo Schwankungen durch Pudding, Nugatcreme, Brot und einen Karton Apfelsaft? Das fällt doch bei genauer Betrachtung kaum ins Gewicht. Nach der ersten Mahlzeit beschließe ich weitere Käufe und überlege mir, was derweil mit dem Fahrrad und der doch etwas ungeordnet herumliegenden Fracht geschehen könnte. Ein paar junge Leute sitzen in meiner Nähe herum, und es stellt sich heraus, dass es Schüler aus Deutschland sind. Ich frage sie, ob sie ein paar Minuten aufpassen könnten, und sie sagen das zu.

Nach der zweiten, wesentlich kürzeren Einkaufsrunde bin ich im Wesentlichen mit Einpacken und Verstauen beschäftigt. Und dann beginnt auch schon die Auffahrt. Zunächst fängt alles ganz einfach an. Die Straße steigt flach an, sinkt sogar noch einmal ab. Die Bedingungen scheinen ideal zu sein: Die Sonne scheint, high noon ist jedoch vorbei, Sicht und Straße sind gut, die Landschaft ganz nett, und so wie sich die Szene darstellt, werde ich zumindest hin und wieder einen Blick auf Porto-Vecchio und seine Bucht haben. Die Stadt hat einen Hafen, und als ich das erste Mal über die Bäume des ersten Hanges hinwegschauen kann, erkenne ich, wie eine große Fähre gerade den Hafen verlässt. Mal abwarten, wie lange ich sie noch sehen werde.

Aber das kann nicht ewig so weitergehen, sonst wird die Auffahrt -zig Kilometer lang. Und die Zunahme des Anstiegs lässt nicht lange auf sich warten. Er bleibt jedoch glücklicherweise erträglich. Leider gilt dieses Attribut auch für den Straßenbelag, aber schnell kann ich ja ohnehin nicht fahren. Wenn z.B. die Rennfahrer vorhin in diese Richtung abgebogen wären, hätte ich absolut keine Chance mehr gehabt.

Hin und wieder öffnet sich tatsächlich der Blick auf die Stadt und die Bucht, und da der Hang hier ziemlich steil ist, vergrößert sich der Abstand zur Bucht nur langsam, wohingegen der Überblick sich jedes Mal verbessert. Schließlich kann ich im Dunst am Horizont sogar Sardinien erkennen. Diese Insel soll ja deutlich größer als Korsika sein. Wer weiß, ob ich dahin überhaupt mal komme. Und immer noch ist da die Fähre. Sie hat einen großen Bogen gemacht und fährt jetzt in Richtung Süden. Die Entfernung zu ihr muss deutlich gewachsen sein, obwohl das nicht der Fall zu sein scheint, aber sehr langsam bewegen sich diese Kähne ja nicht gerade, und warum sollte diese Fähre draußen vor Anker gehen?

Nach gut zwei Stunden erreiche ich Ospedale, einen schönen Ort, der sich um eine ganze Reihe von Serpentinen der Straße schmiegt und so vom einen zum anderen Ende einen ganz anständigen Höhenunterschied überwindet. Da gibt es einige Häuser, in denen zu wohnen ich mir gut vorstellen könnte. Wo hat man schon solch einen Ausblick? Allerdings: Wo sollte ich hier arbeiten? Und einfach den ganzen Tag nur im Restaurant oder auf der Terrasse zu sitzen wäre selbst nach einem Lottogewinn nicht mein Traum.

Das Dorf ist indes noch nicht das Ende des Aufstiegs. Aber es ist nicht weit davon entfernt. Es wird langsam flacher, auch etwas kühler, aber das mag an dem Wald liegen, durch den ich jetzt fahre und der mir bei sinkender Sonne natürlich viel Schatten verschafft. Schließlich erreiche ich den auf der Karte eingezeichneten Stausee. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass der so weit oben liegt. Viele Quellen kann er ja bis hierher noch nicht eingesammelt haben. Aber weiter unten wäre ein ähnliches Stauvolumen wohl viel aufwendiger zu realisieren gewesen. Auf meiner Seite führt die Straße durch einen lockeren Kiefernwald, durch den zur Linken hin und wieder der Wasserspiegel erkennbar ist. Am Ende des Sees überquere ich die Staumauer und habe zur Rechten den Blick den Hang hinab auf das Meer, allerdings eher in Richtung Nordosten, so dass weder die Fähre noch die Stadt zu sehen sind.

Jetzt bin ich gespannt, wie es weitergeht. Es soll ein Pass kommen, aber zuerst geht es mal wieder etwas in die Tiefe. Hier wurde großflächig abgeholzt. Dabei müsste ich gerade jetzt mal ins Gehölz. Als es wieder bergan geht, gerate ich geradezu in Not. Die Anstrengung kurbelt den Kreislauf an, und das vergrößert meine Bedrängnis. Was soll ich bloß machen? Ich kann doch hier nicht einfach neben der Straße… Glücklicherweise beruhigt sich mein Bauch wieder ein wenig. Und schließlich erreiche ich auch den Pass. Die Straße bricht dort durch einen kleinen Wall, und dahinter beginnt ein richtiger Dschungel…

Die weitere Fahrt nach Zonza gestaltet sich nicht ganz so, wie ich mir das vorgestellt hatte. Zwar geht es von der Tendenz her hinab, aber über lange Strecken muss ich auch Anstiege bewältigen, wenngleich keine steilen. Sie stören mich nur, weil ich mich auf eine langgezogene Abfahrt gefreut hatte. Inzwischen wird es richtig kühl. Die Wolken scheinen sehr niedrig zu hängen, und regelrecht überraschend bricht die Dämmerung herein.

Die Strecke zurück nach Levie kenne ich, aber sie sieht sehr verändert aus. Nebel hat sich ins Tal gelegt, und es ist schon beeindruckend, wie völlig anders das Tal wirkt. Man könnte meinen, irgendwo brenne der Wald. Aber das ist kein Rauch, sondern einfach nur Nebel. So dunkel, wie es jetzt mittlerweile ist, stellt sich natürlich ganz deutlich die Frage nach dem Quartier. In Levie bietet sich nichts. Wenn es ein Plätzchen geben sollte, das nicht unmittelbar von der Straße her einsehbar ist, fällt es mir unter diesen Bedingungen nicht auf, und so verfolge ich einfach weiter meine Route, und die führt nun fast wieder zurück nach Porto-Vecchio, allerdings ein wenig weiter westlich. Ich hoffe noch den nächsten Ort zu erreichen, und der muss dann auf Gedeih und Verderb ein Dach bieten.

Das sind jetzt noch einmal acht Kilometer, und nach wenigen Kilometern stelle ich mir die Frage, worauf ich mich da eingelassen habe. Zunächst mal geht es flott auf korsischen Straßenverhältnissen in eine ungewisse Tiefe. Als ich dann weit genug »gesunken« bin, um unter keinen Umständen mehr umzukehren, beginnt der Aufstieg. Und der zieht sich hin. Der nimmt kein Ende. Was aber ein Ende nimmt, ist der Tag. Es ist finstere Nacht. Herrschaften! Um diese Zeit fährt man doch nicht mehr Fahrrad! Aber hier ist keine Bleibe. Ich muss weiter. Zum Glück funktioniert mein Rücklicht; denn hin und wieder kommt doch noch ein Auto auf dieser Strecke lang, auch wenn ich das Gefühl habe, kurz vorm Ende der Welt unterwegs zu sein.

Die meisten Wege erreichen ein Ziel, und so werden irgendwann ein paar Straßenlaternen sichtbar. Und nun? Das Dorf scheint zu schlafen. Einzig die Hunde veranstalten ein Höllenspektakel, wenn ich mich ihnen – bzw. den von ihnen bewachten Grundstücken – zu weit nähere. So auch eines mit einem interessanten Balkon. Da muss wohl jemand wohnen, sonst wäre der Köter längst verhungert. Das ist hier alles nichts. Selbst mit Taschenlampe ist kein Platz zu erkennen, der einerseits von der Straße her nicht so gut zu sehen ist, andererseits für niemanden erster morgendlicher Weg ist. Ich will ja nicht, dass im Morgengrauen jemand über mich stolpert, wenn ich mich da irgendwohin gepflanzt habe. Endlich entdecke ich einen Hauseingang, der nicht sehr benutzt wirkt. Für alle Fälle nehme ich mir für den nächsten Morgen einen Senkrechtstart vor, ein Frühstück bei Sonnenaufgang (so früh wird ja wohl kaum jemand aufstehen) und vor allem andernorts. Aber hier lässt sich vielleicht schlafen, selbst wenn es regnen sollte. Und so viel ist ziemlich sicher: Heute Abend stört mich hier gewiss niemand mehr.

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