aktueller Pfad stephangeue.de / trips / 1999 / 19990615.html

14. Juni 14. Juni16. Juni 16. Juni

15. Juni

Corte – N193 – Venaco – Vivario – N193xD69 – Col de Sorba – Ghisoni – Col de Verde – Cozzano – Zicavo – Col de la Vaccia – Aullène – D69xD268 – Sainte Lucie-de-Tallano (139 km)

Grausam!!! Wie konnte ich nur mein Moskitonetz zu Hause liegen lassen! Das kleine Netz, gerade mal ausreichend fürs Gesicht, dieses Netz hat gefehlt. Ob ich wohl eine Minute lang geschlafen habe? Die Nacht werde ich sicherlich nicht so schnell vergessen. Es war die Hölle! Dabei bin ich gar nicht so zerstochen. Aber dieser Psychoterror, da zu liegen, irgendwo doch wehrlos und offen, und erst eine lange Zeit nur zu ahnen, dass es gleich beginnt, zu warten, was wohl schneller kommt: Eine Mücke oder der ersehnte Schlaf, vor allen Dingen einer, der tief genug ist, zur Not sogar einen Stich zu betäuben. Und dann kommt es: Das Sirren, das unerbittliche, gnadenlose und ankündigende. Ich weiß noch, wie Clemens sich für seine Wohnung, d.h. für sein Bett, ein Moskitonetz gekauft hatte. Das Sirren war fortan Musik in seinen Ohren. Hat er gesagt! Genau! Es ist nämlich relativ, einzig abhängig vom Wissen um das, was höchstwahrscheinlich danach kommt oder unter keinen Umständen passiert. Und zwischen den Alternativen entscheidet Haben und nicht Haben einer überzeugenden Gegenwehr. Ich kann mich erinnern, wie ich in Finnland, noch ziemlich weit oben in Lappland, mal eine Nacht – na ja, besser eine helle Zeit zwischen 22 und 6 Uhr – verbrachte, und da hatte ich das Netz fürs Gesicht, nichts weiter. Aber die damals auf dem Netz herumkrabbelnden Mücken hatten mich fast belustigt, jedenfalls nicht lange am Einschlafen gehindert. Und jetzt? Warum habe ich das Ding bloß nicht mitgenommen?! Das sind wenige Gramm. Nie wieder wird mir das auf einer Reise passieren! Heiliger Schwur!

Wenn es wenigstens kalt gewesen wäre! Wenn ein mittelprächtiger Wind übers Land gezogen wäre – na gut, dann hätte es gar keine Mücken gegeben – oder sonst eine Kühle mich heimgesucht hätte… Aber nein, es war eine laue Sommernacht, und wie um ausgerechnet hier zu beweisen, dass er himalajatauglich sei, spielte der Schlafsack ausgerechnet in dem Moment seine Isolation aus, als ich mich bis auf gerade mal ein Atemloch in seinen Tiefen verkroch, inständig hoffend, dass ich nicht am eigenen Atem ersticke. Ach was, die Temperatur stieg in dem Textil innerhalb von Minuten bis auf ein gefühltes Saunamilieu – und dabei hatte ich mir gerade nach der Dusche für die Nacht ein frisches Hemd angezogen; alles Essig –, und verzweifelt strampelte ich mich wieder frei, was für das Abkühlen geeignet war, aber nicht fürs Einschlafen, denn die Quälgeister kommen zumindest hier erst dann, wenn es ans Einschlafen geht. Na gut, die Nacht ist vorbei; mal sehen, wie ich mich tagsüber auf den Beinen halten werde.

Um sieben rücken Bauarbeiter an. Sie haben zwar nur um die Ecke zu tun, aber ein bisschen unpassend wird mir das Quartier vor Publikum dann doch. Also sehe ich zu, dass ich in die Spur komme. Der Tag verspricht heute alle Härten, ganz unabhängig von der Nacht. Zuerst kommt eine Auffahrt, die sogar Michelin mit zwei Doppelpfeilen versehen hat. Das werden 300 Höhenmeter. Nach der nächsten Abfahrt folgen dann gute 900, dann noch einmal 600 und schließlich 450 Höhenmeter – alles netto und möglicherweise ist der Tag dann ja noch nicht vorbei. Denn eine überaus lange Strecke wird’s nicht. Landschaftlich verspreche ich mir einiges von diesem zentralen Teil.

Die erste Auffahrt wird indes nicht so schlimm wie befürchtet. Man kann sich noch nicht einmal darauf verlassen, dass sie immer untertreiben, denke ich unfreundlich an den Kartenverlag. Aber wer weiß, vielleicht stimmt die Angabe ja sogar, neun Prozent sind schnell erreicht, und es könnten schon mehr sein. Vielleicht haben die Michelin-Leute hier ausnahmsweise mal exakt gemessen, weil es sich um eine der wichtigsten Straßen der Insel handelt.

Das Wetter ist schön, und nach einer knappen Stunde darf ich das erste Mal gut rollen. Die Fahrt geht hinab durch Venaco, ein Städtchen am Hang, und in all dem Gefalte windet sich irgendwo, jedenfalls immer an einer unerwarteten Stelle, die Eisenbahn hervor, und wenn ich nicht wüsste, woher sie kommt und wohin sie will, wäre es schwer, das zu erraten. Der Richtungswechsel ist das einzig Kontinuierliche an ihrem Streckenverlauf. Jetzt allerdings überquert sie die Straße und hält der Straße weiter oben am Hang die Treue, solange es weiter, jetzt nur noch leicht, bergab geht. Ich fahre auf eine Brücke zu, deren Darstellung im Atlas mich schon neugierig gemacht hat. Das muss eine ganz gewagte Konstruktion sein. Aber nein, es ist ein EU-Projekt. Es ist wirklich erstaunlich, wofür die Europäische Union Geld ausgibt. Das sieht also so aus: Die Eisenbahn überquert ein quer liegendes Tal auf einer ziemlich hohen Brücke. Für sie ist das gleichzeitig der Beginn eines langen Aufstiegs um über 500 Meter. Die Hauptstraße muss auch über das Quertal, in dessen Sohle es natürlich einen Fluss gibt, und damit die Überquerung nicht so teuer wird, hat man sich in traditioneller Weise erst mal der Quelle genähert, indem die Straße erst nach rechts abbiegt, dann parallel zum Fluss unter der Eisenbahnbrücke hindurchführt, auf diese Weise auch der Sohle des Quertals näher kommt, danach einen Linksschwenk macht und nunmehr wieder parallel zur Eisenbahn jenseits derselben auf einer verhältnismäßig kurzen und nicht sehr hohen Brücke den Fluss überquert, um das Ganze auf der anderen Flussseite spiegelsymmetrisch zu wiederholen und somit wieder in Flucht zum ursprünglichen Straßenverlauf zu liegen. So, und nun hat sich offenbar ein schlauer Kopf gedacht, den Schnörkel könne man doch leicht sparen. Das sind vielleicht 500 Meter, die da eingespart werden. Zugegeben, die Passage mag etwas schmal sein, aber dafür ein -zig-Millionen-Projekt aufzulegen, ist ein Stück, das glatt aus Deutschland kommen könnte. Nur mit dem Unterschied, dass es dort von eigenem Geld – bzw. eigenen Schulden – bezahlt worden wäre. Ich meine mich zu erinnern, auf der Fähre während der Überfahrt Nachrichten gesehen zu haben, in deren Verlauf die Brücke gezeigt wurde.

Die neue Brücke scheint erst vor wenigen Tagen befahrbar geworden zu sein, jedenfalls sind die Bauarbeiten noch im Gange, und nun geht es geradewegs wieder in die Höhe. Nach einigen Minuten habe ich die Eisenbahn wieder neben mir, und der Blick wird frei auf eine abenteuerliche Schnörkelei des Schienenstrangs, die im Wesentlichen der Überwindung des oben genannten Höhenunterschiedes dient. Ähnliches veranstaltet die Straße, und einen Bahnübergang gibt es in Vivario. Dort existiert sogar ein Bahnhof, wo gerade ein Dieseltriebwagen steht. Damit sehe ich zum ersten Mal eine solche Schmalspureisenbahn auf Korsika. Das wäre was für meine Kollegen! Aber viel her macht so ein Schienenbus bzw. eine Kombination aus zwei Wagen nicht gerade.

Doch damit ist die Auffahrt noch lange nicht bewältigt. Die steilen Kurven ziehen sich jetzt über dem Ort lang, und der Überblick über das Tal mit der Brücke, aus dem ich mich gerade empor winde, wird immer besser. Zwar kann ich auch nach längerer Fahrt nicht die gesamte Eisenbahnstrecke überblicken, weil ein Zipfel bzw. eine Wendeschleife hinter dem Berg südlich von Vivario verborgen bleibt, aber wenn ich wissen will, wie die Strecke aussieht, schaue ich eben auf die Karte. Dann wird es flacher, der Ort hinter mir verschwindet aus meinem Blickfeld; die Karte verzeichnet hier sogar einen Pass. Genau an diesem Pass muss ich jedoch links abbiegen, um jetzt eine lange Strecke auf der D69 zu beginnen, von der ich mir landschaftlich allerhand verspreche. Zu den ersten Eindrücken zählt jedoch die Fortsetzung des Anstiegs, und zwar nur knapp unterhalb dessen, was ich als unangenehm steil bezeichnen würde. Für die Anstrengung werde ich mit reichlich Schatten und deutlich niedrigeren Temperaturen entschädigt. Zuerst verläuft die schmale, ruhige Straße durch Gebirgswald, also eher geduckten und lichten Bewuchs, viel Moos und große Steine. Doch dann beginnt ein ziemlich alter Nadelforst, hochgewachsen und ziemlich dicht. Es dringt also wenig Sonne durch die Baumkronen, wobei mir nach einiger Zeit der Verdacht kommt, dass bereits die Wolken die Sonne verdecken. Der Nordhang ist auch derart steil, dass es gut sein könnte, die Sonne liege hinter dem Berg. Wie dem auch sei. So steil ist der Berg, dass ich Überlegungen darüber anstelle, was wohl abgeht, wenn weit oben einer der großen Steine ins Rollen kommt. Die Straße musste bergseitig gegraben und talseitig unterstützt werden, sonst hätte sie hier keinen Platz gehabt. Spannend dürften in den Kehren Begegnungen großer Fahrzeuge sein. Busfahrer scheinen ja vor kaum einem Weg zu scheuen, aber ihnen begegne ich hier nicht. Hin und wieder taucht allerdings ein Auto auf, und sobald ich es höre und gesehen habe, überlege ich, wo wir uns wohl begegnen werden oder es mich überholt. Bis dahin will ich diesen Baum oder jenen Stein oder da hinten die Kehre erreicht haben. Über solche kleinen Zwischenziele, auch mit »Terminen« versehen, kurbele ich mich nach und nach höher.

Zwischendurch höre ich nur das Rauschen der Baumkronen im Wind oder das Nadelwaldgeräusch. Das ist so undefinierbar, auch ein Rauschen zwar, aber eines von ferne, unauflösbar, keinem Baum zuzuordnen; es klingt so, als spiele ein leichter Wind gerade 100 Meter entfernt mit den Nadeln, und Rauschen in Nadeln klingt ja auch noch anders als das in Blättern. Mir kommt der Spruch in den Sinn: Über allen Gipfeln Ist Ruh, In allen Wipfeln Spürest du Kaum einen Hauch… Wie es weitergeht, versuche ich zu verdrängen. Und mit inzwischen wieder anderen Gedanken erreiche ich dann tatsächlich den Gipfel – oder vielmehr den Pass. Die Gipfel liegen noch gute 400 Meter höher, rechts und links. Allerdings bleibt mir das im Wald verborgen, nur hat es ein Pass im Allgemeinen so an sich, dass zu beiden Seiten die Topographie noch höhere Kreise zieht.

Trotz der Kühle bei der Auffahrt bin ich doch ziemlich verschwitzt, und da es so kühl bleibt und die Abfahrt lang und tief zu werden verspricht, ziehe ich mir die Jacke über. Sicher ist sicher. Auch sieht der Himmel über dem Tal vor mir ziemlich schwarz aus. Donner grollen. Da ist alles drin. – Aufregend ist die Abfahrt nicht. Es geht im Wald wieder hinab, und zwar in ein Tal, hinter dem sich ebensolche Berge emporschwingen wie die, aus denen ich gerade komme. Auf der Fahrt fällt mir ein, dass jetzt sicherlich eine gute Zeit wäre, mal wieder was zu futtern. Die nächste Auffahrt wird ihren Tribut fordern. Wo könnte ich mal anhalten? Da, in einer der nächsten Kurven steht ein Motorradfahrer und macht auch gerade Pause. Er kommt aus Österreich, Kennzeichen P (wofür steht das, wo ist es?), und es ist keine Gang. Vielleicht kann man sich mit dem sogar ein wenig unterhalten. Ich halte an. Zwischen Baguettebissen und riesigen Löffeln voller Nougatcreme erzählen wir uns von unseren Fahrten, er von einer Motorpanne (Einspritzpumpe) und der Story um Rettung aus großer Not und Reparatur des Schadens. Meine Güte, aus einigen wenigen Erfahrungen weiß ich, wie unangenehm es ist, meine Frachtkutsche zu schieben. Was wäre das erst noch, wenn ich gleich solch eine Kiste hätte! Und dann noch den Berg hoch. Nicht auszudenken. Der Mann wartet hier, weil er davon ausgeht, dass es im Tal regnet und darauf keinen Bock hat. Ich auch nicht. Aber erstens ist keineswegs gesichert, dass es unten regnet, und zweitens war das auf Dauer noch nie ein Grund, die Fahrt einzustellen. Nachdem ich nun also im Trockenen getan habe, was an sich auch in einer Bushaltestelle oder einem sonstigen Unterstand als Nebenbeschäftigung zum Aussitzen eines Niederschlags taugt, schwinge ich mich wieder in den Sattel und rolle zu Tale.

Und dort regnet’s tatsächlich. Was soll’s? Da müssen wir durch. Allerdings ist eine Fahrt im Regen natürlich nicht so erfreulich – eine Auffahrt zumal. Während ich also im »Schatten« einer großen Fichte stehe, wo es nur dünn und gelegentlich sprüht, und vor lauter Verlegenheit schon wieder mampfe, versuche ich mir ein Motiv auszudenken, das mich nun den Hang hinauftreibt, der ja kein kleiner sein wird. Da überholt mich ein Paar auf Rädern. Mensch, und ich habe immer gedacht, ich sei tough! Da will ich doch mal gleich aufessen und hinterherfahren. Wer weiß, vielleicht ergibt sich ja ein Gespräch. Aber nach aller Erfahrung sind Paare immer ziemlich mit sich beschäftigt, und bei dem Wetter ist der durchschnittliche Radler vielleicht auch nicht so kommunikativ wie sonst. Einerlei. Es kann nicht sein, dass die kämpfen und ich kneife.

Unter dem Vorzeichen des Regens beginnt also eine Auffahrt, die nur den Anstieg und den Wald mit der vorigen gemeinsam hat. Das Wetter ist anders, die Piste… ja, es ist zuweilen höchstens noch eine Piste, denn hier wird gebaut. Die Straße ist aufgerissen, und riesige Steine wie auch alter Asphalt und auch Baumstümpfe – alles, was so im Weg sein kann, wenn eine neue, breitere Teerdecke planiert werden soll – werden durch die Gegend gefahren, hier mal den Abhang hinuntergekippt und dort auf einem neu geschaffenen Ablageplatz deponiert. Ich hoffe, die beiden noch einzuholen und vertraue dabei auf die Tatsache, dass sie zu zweit sind, was am Berg keinerlei Vorteile bietet, sondern nur dafür sorgt, dass der Schnellere sich selbst bei wenig Fairness nach dem Tempo des Langsameren richtet, was im Zweifelsfall wohl die Frau sein wird. Jetzt fahre ich selbst über Schotter. Ja, es ist nicht toll, aber es gibt schlimmeres. Zwar ist es kalt, aber mit Regenjacke dann auch wieder nicht. Gegen dieses Wetter ist keine Kleidung so recht gewachsen, jedenfalls keine, die ich dabei hätte. Ich überhole die beiden. Außer einem Gruß kommt nichts zustande. So weiß ich nicht einmal, woher sie kommen. Gesetzt den Fall, es wären Franzosen, dauerte ein Gespräch vermutlich auch nicht lange. Was würde ich schon verstehen? Weiter oben muss ich ein paar Minuten warten, weil ein Bagger gerade einen LKW belädt und dabei so energisch schwenkt und solche Brocken bewegt, dass ich mich aus seinem Schwenkbereich auf jeden Fall heraushalten möchte, und der überstreicht die ganze Straße. Es gibt nichts Schöneres, als im Regen stehend Menschen bei der Arbeit zuzusehen, die ein Dach über dem Kopf haben. Ich beobachte, wie der Bagger mit einem riesigen Findling kämpft. Obwohl, Findlinge gibt’s ja hier gar nicht. Dann ist es eben ein großer Stein. Also, die Hydraulikleitungen des Baggers dampfen. Das Öl muss wohl schwer arbeiten. Und irgendwann geht es weiter und irgendwann später bin ich schließlich oben. Die beiden anderen Fahrer habe ich nicht mehr gesehen.

Inzwischen hat sich der Regen verzogen. Es gibt also ein Licht am Ende des Tunnels, oder vielmehr: Das Ende ist erreicht. Die Landschaft täuscht mich über die Höhe des Passes hinweg. Sanft fällt die Straße vor mit ab. Da ist gut rollen. Unter diesen Umständen trägt sich auch die Jacke zum Trocknen einigermaßen komfortabel.

Ein Dorf, noch eins. Hier gabelt sich die Straße. Der Hauptzweig biegt rechts ab. Das ist nicht mein Weg. Irgendwie machen die Dörfer mal wieder den Eindruck vom Ende der Welt. Wie oft wohl hier jemand herkommt? Na, oft natürlich! Das ist eine Durchgangsstraße, die von einem touristischen Ziel zum anderen führt. Und jetzt ist noch keine Saison, also täuscht die Ruhe hier. Andersherum gefragt: Wie oft und wie weit kommen die Leute hier in die weite Welt, aufs Festland, ins Ausland, ’raus aus Europa? Wo gehen die Kinder in die Schule, in eine gute Schule? Fragen, auf die ich keine Antworten erhalte. Ist ja auch nicht so wichtig für mich. Tatsache ist, dass die Dörfer nicht allein deshalb Entwicklungsgebiet sind, weil sie im korsischen Hinterland liegen. Sie gehören immerhin zu Frankreich, auch wenn die Grande Nation nicht auf den ersten Blick durch jedes Detail leuchtet.

Wenig später ist Schluss mit der Abfahrt. Michelin verspricht mir eine gewürzte Auffahrt, steiler als sieben Prozent jedenfalls. Da muss ich mich ja auf einiges gefasst machen, so lang, wie die so gekennzeichnete Etappe auf der Karte aussieht. Aber erst mal beginnt es ganz harmlos. Links geht es hangaufwärts, rechts ins Tal. Im Gegensatz zu den bisherigen Auf- und Abfahrten ist die Schräge diesmal recht flach. Die Straße ist schlecht. Wodurch geht hier eine Straße eigentlich kaputt? Gibt es im Winter Frost, durch den der Asphalt zerstört wird? Wenn ja, kommen einige förderliche Bedingungen zusammen. So ist da z.B. ein Bach links der Straße, eingeklemmt zwischen dem Hang und der ausgefransten Teerdecke. Er fließt rasch und klar und voll, immer neben der Straße, kilometerweit. Das verstärkt das Gefühl, auf dem Weg mitten in der Natur unterwegs zu sein. Das Gewässer ist jetzt so harmlos, aber was ist, wenn es hier mal richtig gießt? Dann wird die ganze Straße überschwemmt. Für die frei herumlaufenden Kühe ist es auch eine feine Sache, obwohl die wahrscheinlich nicht vorzugsweise auf der Straße laufen, aber wenn doch einmal, haben sie gleich Wasser frei Haus.

An dem ersten Pfeil bin ich längst vorbei. Das hier ist alles Mögliche, aber nicht steiler als drei oder vier Prozent. Hier kann ich ohne wesentliche Einschränkungen fahren. Ich möchte wissen, welche Quellen diese Kartenschreiber benutzen. Fragen die jemanden, der vor ein paar Jahren mal hier war? Oder schätzen sie? Das nennt sich »höchste Präzision«. Ich nenne das schamlose Übertreibung. Aber mein Ärger hält sich in Grenzen. Besser übertrieben als untertrieben. Nur häufen sich die Abweichungen von der Realität, und solche Anmaßung reizt mich.

Von einem englischen Reisenden erfahre ich, dass der Weg hinter dem Pass ins Tal schlecht sein soll. Tja, was soll ich dazu sagen? Da werde ich wohl durch müssen. Jetzt zeichnet sich allerdings erst mal ab, dass der Pass selbst bereits schlecht ist, und zwar von oben – als Regen. Das hätte ja jetzt nicht unbedingt mehr sein müssen! Aber was soll’s? Bergab ist Regen leichter zu ertragen als unter Anstrengung. Und die Straße ist wider Erwarten ziemlich gut. Allerdings lässt sie nach, und später finde ich, dass das Urteil des Engländers doch recht zutreffend gewesen ist. Wegen der Unebenheiten muss ich bremsen, obwohl der Wind schon unangenehm durch das Tal fegt. Die Geräusche von den Bremsen klingen nicht gut. Lassen die Bremsklötzer langsam nach? Wäre ja im Prinzip kein Wunder, nach diesen Strecken. Aber jetzt möchte ich da nichts machen; sie müssen noch eine Weile halten.

Die Abfahrt zum tiefsten Punkt des heutigen Tages zieht sich sehr lang, weit über 30 Kilometer. Nach einer Weile wird dann auch das Wetter besser, und jetzt macht es wieder Spaß. Einige Kilometer hinter Aullène gräbt sich das Tal links von mir in die Tiefe, und die Straße folgt erst allmählich. Auf der anderen Seite des Tals verläuft auch eine Straße, und wer von einer Seite auf die andere will, hat einen langen Weg, obwohl es in der Luftlinie vielleicht zwei, drei Kilometer sind. In der blank gefegten Luft scheint es näher zu sein. Die tiefe Sonne wirft lange Schatten. Es wird Zeit für mich, einige Gedanken an das Ziel der heutigen Reise zu verschwenden. Wo wird Halt sein? Wie wird mein Quartier aussehen? Angesichts des wechselhaften Wetters sollte ich schon ein Dach haben. Alles andere könnte zu unangenehmen Überraschungen führen.

Vorerst rolle ich weiter mit gelegentlichen Pedaltritten zu Tale. Liegt es an der verminderten Höhe, oder hat die späte Sonne noch so viel Kraft? Es wird warm. Die Jacke ist eh trocken. Kehren wir zu bewährter Kluft zurück. Nur den Hut brauche ich nicht, weil ich im Schatten der Berge westlich von mir fahre. Da die Sonne noch scheint und ich auch noch keine Glanzleistung an Strecke vollbracht habe, beschließe ich, dass mein Schlafplatz oberhalb des nahen Wendepunktes am Fluss Rizzanèse liegen soll, deutlich oberhalb. Von dieser Seite des Tals aus kann ich die Route studieren, die mich auf der anderen wieder in die Berge hinaufführen wird. Es ist ein Jammer! Ich bin heute wahrhaftig genug bergab gefahren – und bergauf natürlich auch. Zwei solcher Teile könnte ich mir sparen, wenn hier einfach eine Brücke über das Tal führen würde. Tut sie aber nicht. Also bleibt mir wohl keine andere Wahl als ein vorletzter kräftiger Happen in den letzten Sonnenstrahlen, ein »Entschlacken« der Garderobe und ein erneuter Ritt in die Höhe. Bedeutend wird’s jetzt nicht mehr, aber mit links ist der Weg auch nicht zu machen. In Ste. Lucie forsche ich bereits nach möglichen Unterkünften. Das Dorf lebt. Hier trifft man sich am Abend. Aber ein Hotel oder etwas Derartiges finde ich nicht. Es gibt Häuser, da würde ich im Dunkeln schon mal eine Runde riskieren, um nach möglichen Plätzen zu suchen, aber jetzt ist die Dämmerung noch viel zu hell, um derartige Erforschungen unbeobachtet durchführen zu können. Deshalb kurbele ich mich immer weiter nach oben, bis zum Ortsausgang. Soll es in Gottes freier Natur sein? Mücken werden mich hier ja wohl hoffentlich nicht belästigen. Aber das erweist sich natürlich tückischerweise erst beim ersten Umdrehen im Schlafsack, und dann ist die Standortwahl bereits gefallen. Noch allerdings habe ich die vor mir. Die Kapelle dort vielleicht? Das wär’s! Leider ist sie verschlossen, und auch ein sorgfältiger Rundgang offenbart keine noch so kleine Luke. Soll wohl nicht sein. Da oben, auf dem Hang, die Lagerhalle oder was das ist? Ich überquere die Straße und folge einem Weg in die Berge. Von oben kann ich auf den Ort herabblicken und auf das Tal, auf dessen anderer Seite ich vorhin noch im Schatten unterwegs war. Das hier ist ein Sägewerk, scheint es. Es sieht ganz anders aus als das in den Vogesen. Könnte ich hier über Nacht trocken bleiben und gleichzeitig von unangenehmen Besuchern ungestört? Also, ich meine jetzt etwaige Arbeiter oder Eigentümer. Aber mal Hand aufs Herz, wer käme wohl auf die Idee, abends nach neun noch mal nachzugucken, ob da ein Wanderer seine Glieder ausstreckt oder gar ein Brett klaut? Die Lage scheint ideal. Ich muss nur das Fahrrad zwischen die Bretterstapel schieben, damit es von außen nicht gleich zu sehen ist, mir einen der niedrigeren Stapel aussuchen, unterm Dach natürlich, meinen Schlafsack ausbreiten und hineinkriechen. Dann kann ich mich über das nahende Gewitter – in einigen Kilometern grollt der schwarze Himmel jedenfalls schon wieder bedrohlich – geradezu freuen. Das ist mir so egal, vorausgesetzt, der Blitz schlägt nicht gerade hier ein. Aber warum sollte er?

14. Juni 14. Juni16. Juni 16. Juni