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14. Juni

Morosaglia – D71 – Col de Prato – Piedicroce – Col d’Arcarotta – Ortale – Saint Andréa-di-Cotone – D517xD17 – Chiatra – D17xD117xD16 – Matra – Pianello – Col de Casardo – D16xD339xD39 – Bustanico – Carticasi – San Lorenzo – D39xN193 – Ponte Leccia – Corte (151 km)

Die Nacht verlief nicht ohne Störungen. Ich bekam Besuch: Von einem Pferd und mindestens einer Kuh; die Tiere scheinen rund um die Uhr auf der Suche nach etwas grünem zu sein. Auch »meine Wiese« ist da nicht gerade ein Geheimtipp, aber die Viecher scheinen zumindest im Sommer nicht sehr anspruchsvoll zu sein. In schwacher Erinnerung an einen Gandhi-Film hoffte ich darauf, dass die großen Tiere auf keinen am Boden liegenden Menschen treten, was ja durchaus hätte verheerend sein können. Aber sie nahmen mich offensichtlich wahr und ließen mich in Ruhe, was jedoch aufgrund des harten Bodens nicht verhindern konnte, dass ihr Hufschlag mich weckte.

Insgesamt war es jedoch eine stille Nacht, und der Morgen scheint genauso still zu bleiben. Zwar ist die Sonne schon aufgegangen, bleibt aber noch hinter den Bergen verborgen. Ein bisschen was an Kletterei liegt schon noch vor mir. Ich packe meine Schlafrolle zusammen, frühstücke ein paar Happen, und … – also, die Kirschen sind ja noch längst nicht alle, und wer weiß schon, wo ich heute im Laufe des Tages mal wieder ein paar Vitamine angeboten kriege. Also lasse ich mir mit dem Aufbruch Zeit, zumal kein Mensch auf der Straße auftaucht. Zwar hängen die verbliebenen Früchte jetzt natürlich noch etwas höher als in der Nacht, und im Grunde könnte mich jetzt jeder sehen, aber es ist wie gesagt niemand da. Und so genehmige ich mir erneut ein Festmahl.

Langsam geht es los, nachdem ich mich in den Sattel geschwungen habe. Der Berg ist zwar nicht sehr steil, aber doch deutlich als solcher spürbar, und morgens ist das nicht der ideale Start. Auch wieder oder immer noch auf den Beinen sind meine nächtlichen Besucher, Kühe an fast jeder Kurve und natürlich auch deren nur auf Korsika so trockene Fladen, die schon fast an Pferdeäpfel erinnern. Milch ist mit solchem Vieh wahrscheinlich nicht zu machen.

Landschaftlich allerdings macht die Strecke was her. Als ich nach einer Weile den Pass erreicht habe, senkt sich die Landschaft halb zu meiner Linken in enorme Tiefen. Da kann an sich nicht mehr viel bis zur Meereshöhe fehlen. Ein riesiges Panorama breitet sich aus. Zwar überschaubar in ihrer Zahl, aber doch anscheinend wahllos hingestreut lugen hier und dort kleine Siedlungen und manchmal auch nur eine einzelne Kirche mit hohem Turm aus dem Busch- und Waldland hervor. Wie konnten die nur auf die Idee kommen, ausgerechnet dort, wo sie nun einmal waren, ein Dorf hinzubauen? Von hier oben für jeden sichtbar, und ansonsten nur schwer zu erreichen. Davon zeugt ein Gedärm von Wegen und Straßen, das überwunden werden muss, um von unten hier hoch (oder umgekehrt) zu gelangen. Zwischendurch gibt es hier und da Abzweige zu den Häusern. Ob nicht das eine oder andere Dorf schon verlassen ist? Von hier oben ist keine Bewegung und kein Mensch zu erkennen, höchstens mal ein Auto auf einer der Straßen. Wovon lebt man heutzutage in solch einer Gegend?

Diese Szene bleibt zu meiner Linken. Meine Strecke verläuft jetzt stetig am Hang, mit ganz leichtem Gefälle. Hier ist gut Fahren. Für Piedicroce macht sie einen großen Schlenker. Ich sollte mal zusehen, dass ich was zu Futtern kriege. Kirschen sind nicht sehr nahrhaft, und meine Picknickkörbe sind im Grunde alle. Was da noch bleibt, reicht für nicht mal einen halben Tag, hinzu kommen Honig und meine Leistungsreserven, vielleicht zwei Kilo Powerbar. Im Prinzip langt das für mehrere Tage, allerdings ist es kein Nahrungsmittel wie Brot oder Nudeln, sondern eher eine Ergänzung für die ganz harten Auffahrten oder Gegenwinde, und so ist es auch eingeplant. Allein – im Ort ist alles geschlossen. Zu! Mir fällt ein, dass heute Montag ist. Ah, da ist also erst am Nachmittag mit offenen Geschäften zu rechnen. Na gut, dumm nur, dass dieses mittelgroße Dorf heute wohl die größte Ortschaft sein wird, durch die ich komme. Wer wird heute Nachmittag noch in einem der letzten Nester was zum Verkauf anbieten? Und überhaupt, wo kaufen die Dörfler ein, wenn sie was brauchen? Machen sie dann immer gleich die ganz große Tour nach Ponte Leccia, immerhin 30 Kilometer die einfache Strecke? Oder kommt der Bäcker und der Fischhändler und der Fleischer und wer sie alle sind… kommen die hier durch, so als fliegender Händler? Einerlei, jetzt gibt’s weder immobil noch auf Rädern etwas. Ich muss also so weiter. Indes trifft diese Knappheit zusammen mit dem Aufstieg zum nächsten Pass. Zwar sind es nur 170 Meter, und noch habe ich keinen Hunger. Aber ich weiß, dass Feierabend ist, wenn der sich einmal eingestellt hat. Was also tun?

Oben am Pass steht ein Restaurant. Es widerstrebt mir, dort einzukaufen oder essen zu gehen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob dort heute überhaupt gekocht wird, so verlassen, wie es aussieht. Aber es ist immerhin offen und ohne Gäste. Wer Hunger hat, kann dennoch essen: Schinken, produits régionaux. Die Preise sind gesalzen, und davon abgesehen ist Fleisch auch nicht gerade das, was mich jetzt besonders schnell wieder fit macht. Ich frage nach Schokolade, Brot (Baguette) oder ähnlichem. Croissants hat die Frau im Angebot, und sie verlangt Feiertagspreise. Ich bezahle, und sie stellt mir eine Schale voll hin. Ach so, denke ich mir, ja, dann sind sie wohl doch eher günstig. Bevor ich zum zweiten Stück greife, frage ich aber lieber noch einmal nach, und Madame beraubt mich meiner Illusionen. Nein, das war anscheinend nur ein Marketing-Gag. Hätte ja sein können, dass bei Monsieur der Appetit beim Essen kommt. Keine Sorge, der wäre schon da gewesen, aber so viel Wirtschaftsförderung überlasse ich dann doch lieber anderen Stellen. Und nun? Soll ich jetzt Wasser und Honig mischen? Aber wer weiß, die Mittagszeit bricht an. Vielleicht kommen in wenigen Stunden volle Auslagen auf die Straße. Ich fahre weiter, und das stellt sich einigermaßen leicht dar, weil es am Hang entlang – der diesmal links liegt – leicht abwärts geht.

Auf der gegenüber liegenden Seite des Tals verläuft ebenfalls eine Straße. Auch sie neigt sich leicht dem Meer zu. Einmal angenommen, ich wollte hinüber, wie weit wäre das wohl auf befestigten Wegen? Aber auch diese Seite macht von einem Buckel des Hangs zum nächsten ordentliche Umwege. Und die Straßenbauer scheinen einen ausgeprägten Sinn für Ökonomie besessen zu haben. Anstatt jedes Seitental auf exakt gleich bleibender Höhe bis in den letzten Winkel zu verfolgen, um dann auf dessen anderer Seite wieder hervorzukriechen, fahren sie ein Stückchen bergab, um so auf kürzerem Wege die Stelle zur Überquerung der Talsohle zu erreichen, und auf der anderen Seite geht’s dann natürlich wieder hinauf. Diese Höhenunterschiede sind nicht gewaltig, oftmals zwischen fünf und vielleicht 30 Metern, aber einfach nur Rollen ist auf diese Weise nicht drin. Außerdem passen diese »Unebenheiten« nicht zu meinem Fahrstil – ich muss mich an einen Berg gewöhnen, dann kann ich damit umgehen, aber bis mir das hier gelingt, ist er schon vorbei –, und schließlich und vor allem habe ich ein undeutliches Gefühl von Hunger. Ich kann es nicht beschreiben. Es ist völlig anders, als wenn ich ohne Frühstück ins Büro fahren würde und nach vier Stunden Hunger aufs Mittagessen hätte – richtigen Hunger, der mit einem richtigen Teller voll Essen richtig gestillt ist. Es ist irgendwie undefiniert, und auf der anderen Seite hänge ich auch nicht total in den Seilen, aber so viel ist sicher: Jetzt zwei Baguettes, vielleicht noch eine oder zwei Tafeln Schokolade, und der Tag wäre viel schöner – obwohl die Sonne an sich ihr bestes gibt.

Rechts im Tal wird ein Stausee sichtbar. Türkis schimmert seine Oberfläche im Sonnenschein. Woher kommt bloß die Farbe? Der Himmel hat doch ein anderes Blau. Und blaues Gestein wäscht das Wasser hier sicherlich auch nicht aus den Bergen. Aber wer weiß, vielleicht Kalk, und wenn das Licht auf den Kalk fällt, bricht es sich irgendwie. Was weiß ich? – Laut Karte muss ich über die Staumauer des Sees auf dessen andere Seite fahren. Jetzt ist also klar, wie tief hinab die Fahrt über dieses Tal führen wird. Es bleibt gewiss nicht das letzte. Auf der anderen Seite des Tals, schräg vor mir, direkt hinter bzw. über dem See ragt eine Kirche über dem Berg auf. Drumherum gruppiert sich eine Siedlung. Das könnte Chiatra sein. Laut Karte muss ich da durch. Die Häuser liegen gewissermaßen auf einem Sattel, das heißt, das Bergmassiv kommt von rechts und bäumt sich noch einmal links vom Dorf auf, bevor es zum Stausee hin abstürzt.

In San-Giuliano ist Wendepunkt. Dies ist wieder eine Siedlung, in der am Montag einfach nichts zu kriegen ist. Ich hole den nächste Power-Bar aus meiner Tasche. Die Dinger müssen schließlich auch alle werden, und bislang habe ich nicht der gefahrenen Strecke entsprechend Gebrauch davon gemacht. War bisher vielleicht zu leicht. Aber das kann ich eigentlich nicht sagen, und außerdem kann man zwei Kilogramm Kraftfutter oder was auch sonst als zusätzliche Last nicht einfach in den Skat drücken, wenn es an die Grenzen der Gangschaltung geht. Vor mir wird im Dunst das Meer sichtbar. Aber nur kurz; ich biege scharf rechts ab und holpere eine miserable, steile Straße hinab. Es geht wahrhaftig über Stock und Stein, und schließlich erreiche ich die Mauerkrone des Sees. Von hier unten ist die Farbe des Wassers weniger inspirierend. Umso aufregender ist der Weg am anderen Ende der Mauer: Es könnte glatt eine Teststrecke sein, aber ich muss den Michelin-Leuten zugestehen, dass sie aus dem Zustand der Piste kein Geheimnis gemacht haben. Auch einen Doppelpfeil haben sie spendiert, um mir zu signalisieren, dass es happig wird beim Aufstieg. Erst mal kommt ein ungemütliches Auf und Ab, aber dann setzt sich das Auf eindeutig durch. Ich muss sehen, dass das Hinterrad auf dem Schotter nicht durchdreht. Jetzt habe ich auch die Wendung vollzogen, fahre also quasi wieder zurück, habe Chiatra vor mir und das Meer im Rücken.

Der Berg fordert seinen Tribut. Obwohl die Straße besser wird – hier ist sogar ein kleines Team gerade damit beschäftigt, sie auszubessern –, ist der Aufstieg keine Bagatelle, zumal die Sonne heiß vom frühen Nachmittagshimmel herab brennt. Nun gehen mir auch noch die Getränke aus! Da ist ja dann gleich ganz Feierabend. Aber Wasser dürften die Leute dort oben wohl hoffentlich haben.

Haben sie. An der Ortseinfahrt steht ein Brunnen, und ich tanke erst mal auf. Dazu wieder einen Energieriegel. Wenn ich die Dinger mal für heute zur Notreserve erkläre, erfüllen sie sofort eine wichtige Funktion. Aber ich hätte schon gerne mal wieder etwas anderes. Ob das allerdings an diesem Tag noch was wird, halte ich eher für zweifelhaft.

Der Streckenverlauf bis zurück zur N193 wird abenteuerlich. Es bereitet Mühe, ihn auf der Karte zu verfolgen, und auch die Distanz ist nicht so einfach zu ermitteln. Geradegezogen dürfte die Route glatt doppelt so lang sein. Hinzu kommt ein absolutes Sammelsurium von Straßennummern, -breiten und -qualitäten. Nur die ganz breiten fehlen. Es dürfte aber noch einige Male über Schotter gehen. Nun, ich werde ja sehen, wie viel Mountainbike ich unter mir habe. Den Reifen traue ich nach den bisherigen Erfahrungen noch allerhand zu. Keine Panne bisher, toi, toi, toi.

Es kostet einige Zeit, bevor ich wieder in die Gänge komme. Auch ist Chiatra (siehe die Sattelansicht oben) keineswegs der höchste Punkt des Massivs. Jetzt geht’s jedenfalls erst mal nach Moïta… Also, Namen haben die hier. Das ist doch alles nicht französisch. Wann kam Korsika wohl »heim ins Reich«? Aber Geschichte ist nicht gerade meine Stärke. Ich habe keine Ahnung. – Während des Aufstiegs studiere ich Fauna und Flora. Die Landschaft sieht irgendwie zerfranst aus. Als hätte hier mal ein Urwald gestanden (wird bis zu den Römern sicherlich auch so gewesen sein), der dann nicht vollständig kahlgeschlagen wurde. Vereinzelt oder auch mal dichter stehen durchaus respektable Bäume an der Straße und in der Gegend, aber meist ist es hohes Buschwerk. Und die Fauna? Also, hier müssen mal Schafe langgezogen sein. Oder so was Ähnliches. Jedenfalls haben sie ihre Losung hinterlassen, und die ist interessant, nämlich für Mistkäfer. Also, vielleicht sind das auch keine Mistkäfer, aber in einem Biene-Maja-Heft gibt es eine Figur, die Kurt Mistkäfer genannt wird und meist eine große Mistkugel vor sich herrollt. Ob diese Käfer hier genauso aussehen, vermag ich während der Fahrt nicht zu beurteilen, aber sie rollen jedenfalls die Kugeln der Losung über die Straße. Es sind, um genauer zu sein, immer zwei, die sich um ein solches Stück balgen, und weil die Straße für sie irgendwohin abschüssig ist – für mich führt sie aufwärts, darum bin ich für solche Beobachtungen langsam genug –, rollen sie bald auf der Ober-, bald auf der Unterseite der Kugel, und wer letztlich gewinnen wird, bleibt natürlich offen. Dieses Bild sehe ich einige Male, aber es ist das erste Mal, dass ich das life beobachte.

Der Pass kommt, und dort steht ein Kirschbaum. Da hält mich natürlich nichts. Fast jede Abwechslung auf dem Speiseplan ist mir jetzt recht, auch wenn da ein Haus steht, zu dem der Baum ganz sicher gehört. Ich halte mich am Rand des Baums. Da könnte man unter Umständen noch über die Grundstücksgrenze streiten, aber letztlich ist das ein schwaches Argument. Früher hätte man einfach Kirschen klauen gesagt. Aber da soll’n sie halt ihr Zeug ernten und nicht auf dem Ast verfaulen lassen. Diese Gefahr ist zwar noch nicht akut, aber reif sind die Früchte. Da könnte man sie eigentlich pflücken. Und darum tue ich das, um zu retten, was noch zu retten ist.

In einem der nächsten Dörfer begegne ich einem Mountain-Biker. Er steht da so, und deshalb halte ich an. Er spricht mich gleich auf Deutsch an. Nun sag mir doch mal einer, wieso! Der Mann könnte Mitte 50 oder auch schon 60 sein, und was er da macht, ist bestenfalls ein Tagesausflug. Sein Gepäck ist sehr spartanisch. Er spricht von Problemen mit seiner Kette. Ich erkläre mich bereit, mir das mal anzusehen, aber wie er vor mir eine Runde dreht, um mir das Phänomen vorzuführen, passiert nichts Auffälliges, und so erkenne ich natürlich auch keinen Handlungsbedarf. Er erzählt mir, sein »Basislager« sei unten am Strand, ein Wohnmobil. Seine Familie und die eines Freundes kämen seit Jahren hier her. Fahrrad fahre er auf Anraten seines Arztes, seit er sich die Gelenke mit Skilaufen verdorben habe und nun zur Hälfte künstlich sei; er habe schon versucht, seinen Freund anzurufen, aber hier sei wohl gerade Funkschatten – schadenfroh denke ich: Scheiß-Handy!

Nachdem ich nun wieder ein paar Höhenmeter abgegeben habe, geht es erneut in die Höhe. Ich komme jetzt besser damit zurecht und denke mir Geschichten aus, wen ich hier oben so aus meiner Erlanger Bekanntschaft treffen könnte und wie die wohl darauf reagieren würden, mich unter so »unbürokratischen« Verhältnissen vorzufinden. – Ein Rettungshubschrauber jagt dicht vorbei. Mensch, bis solche Hilfe dort ist, wo sie gebraucht wird (wenn man kein Handy hat!), hat die natürliche Auslese schon längst stattgefunden! Ich fahre unbeirrt weiter. Nach etlichen Kurven und einigen Metern höher höre ich den Hubschrauber wieder. Aber er wird nicht sichtbar, scheint auf der Stelle zu stehen. Und kurz darauf, hinter der nächsten Kurve, sehe ich eine Plattform, wo der Helikopter ordentlich Staub aufwirbelt und Frisuren durcheinanderbringt. Es scheint eine Übung zu sein, denn solche Plattformen befinden sich ja nicht an jeder Ecke.

Kurz vor Erreichen des knapp 1100 Meter hohen Col de Casardo wird aus der Straße wieder mal eher ein Weg. So wird die Abfahrt nicht gerade rasant. Wenn ich mir aber auf der anderen Seite vorstelle, was hier die Infrastruktur pro Einwohner kosten mag, kann ich den Zustand der Straße verstehen. – Ich komme an einer Schweinekoppel vorbei. Das ist mal was Neues. Borstenvieh habe ich bislang in Frankreich überhaupt noch nicht gesehen. Mich scheinen sie auch zum ersten Mal zu sehen, denn ein paar »Ausgänger« wollen hektisch in ihre Umzäunung zurück. Die müssen ja wirklich Todesangst haben, wie sie dabei in Panik geraten. Dabei fahre ich nur vorbei.

Landschaftlich lässt die Strecke nach. In San Lorenzo überrascht mich – nach einem erneuten Ausflug in die Kirschen – ein unerwarteter Anstieg, der zwar nicht so fürchterlich lang ist, aber gehörig Kraft fordert. Auch dort plündere ich Obstbäume, allerdings sind die Früchte schon nicht mehr besonders knackig. Als ich nach einigen weiteren Minuten den »Pass« erreiche, begegnet mir eine große Gruppe von Radreisenden. Das »Hauptfeld« ist etwas auseinander gezogen, weil dort wahrscheinlich auch jeder seinen eigenen Rhythmus beim Aufstieg hat. Was für die anstrengend war, ist für mich umso leichter, und nun beginnt die Abfahrt zur N193, und mir langt’s für heute auch mit den Bergen. Knappe 20 Kilometer später, kurz vor der Hauptstraße, verlasse ich das Tal noch einmal kurz, aber das sind dann Kleinigkeiten.

An der Kreuzung fallen mir wieder mein dürftiger Proviant und mein Hunger ein, und ich überlege, ob ich nicht noch mal nach Ponte Leccia zum Einkaufen fahren sollte. Die Frage ist nur, ob dort noch ein Laden offen hat. Ich frage jemanden an der Straße, und der macht mir Mut. Neben der Kleinbahnlinie geht’s nun leicht abwärts auf diesen Knotenpunkt zu, in dem ich schon war und in den ich laut Reiseplanung auch noch einmal zurückkehren werde. Die jetzige Fahrt ist eine außer der Reihe. Der Supermarkt an der Hauptkreuzung ist noch geöffnet, und ich falle ein wie ein Heuschreckenschwarm. Hier gibt es alles, was ich brauche, und wer mit leerem Magen einkaufen geht, der langt hin. Über das normale Maß hinaus, vielleicht auch über das, was am nächsten Berg an Zuladung vernünftig wäre, kaufe ich ein: Schokolade, Pudding, Fleisch, Cola, Obst. Da kommt was zusammen.

Es dauert eine Zeit, bis ich alles einigermaßen verstaut habe, aber es besteht überhaupt kein Zweifel, dass ich mir im Ort noch einen Platz zum Festmahl suchen werde. Und so geschieht es schon wenig später: Ich mache es mir auf einer Bank bequem, verschlinge eine Packung Schinken und reduziere auch den übrigen Proviant auf Normalmaß. Da soll noch mal einer sagen, ich ließe es mir im Urlaub nicht gut gehen. Diese Erfahrung werde ich mir jedenfalls einprägen: Ich werde nicht zulassen, noch einmal am Montag ohne nennenswerte Vorräte dazustehen.

Die weitere Fahrt steht nun im Zeichen der untergehenden Sonne. Ich werde versuchen, Corte noch zu erreichen, auch wenn zwischendurch noch 250 Höhenmeter überwunden werden müssen. Das ist aber jetzt alles kein Thema mehr. Wo steht das Klavier? Also fahre ich wieder zurück zum Abzweig, an dem ich auf die Hauptstraße eingebogen war, und weiter in Richtung Süden. Am Pass wird ein Tunnel für die Straße gebaut. Die Eisenbahn hat dort die ersten abenteuerlichen Schnörkel schon hinter sich. Als ich in Corte einrolle, wird es bereits dunkel. Wirklich höchste Zeit, dass ich für heute Schluss mache.

Abseits der Hauptstraße finde ich ein Lagerhaus, dessen Rampe überdacht ist. Dort gibt’s sogar einen Wasserhahn und einen Schlauch, so dass ich duschen kann. Beim Abtrocknen bricht mir leider das Armband meiner Uhr ab, so dass ich da wohl eine Neuinvestition nach dem Urlaub einplanen muss, aber das ist keine Tragödie. Auf der Rampe liegen ein paar Styroporplatten herum, auf die ich mich legen kann – fast so gut gefedert wie zu Hause. Ich freue mich darauf, einigermaßen sauber in meine Koje kriechen zu können und genehmige mir ein frisches Hemd für die Nacht.

Lange habe ich allerdings keine Ruhe. Mücken besuchen mich. Da habe ich mich wohl zu früh gefreut. War das nicht der richtige Ort? Ich rappele mich wieder auf und denke nach. Ist vielleicht im Haus nebenan ein ruhiges Plätzchen? Das Haus ist zwar bewohnt, aber vielleicht ist ja die oberste Wohnung leer, so dass ich dort auf dem Flur mein Lager aufschlagen kann. Nur – die Haustür ist offen. Da kommen natürlich auch die Mücken durch. Und das oberste Stockwerk ist nicht unbewohnt.

Also wieder ’runter. Was das wohl wird heute Nacht?

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