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13. Juni

Nice – Fähre – I’lle-Rousse – Belgodère – N197xD47xD147 – Asco – Haute Asco – Asco – D147xD47xN197 – Ponte Leccia – D71 – Morosaglia (134 km)

Also, eine Wucht war die Nacht nicht. Andauernd kamen Mopeds und Motorräder und machten auf dem Berg Lärm. Warum die hier herumfuhren, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Man könnte vermuten, dass da einer dem anderen imponieren wollte, aber sie kamen ja immer einzeln, drehten ein paar Runden, damit ganz Nizza es hörte, und verschwanden dann wieder. Ich wünschte mir ein paar Mal, ich könnte solche Kisten einfach abknallen. Peng, dann vielleicht noch ein Knall, wenn viel im Tank war, und dann ist plötzlich Ruhe. Ist natürlich militant und hätte wahrscheinlich tragische Folgen für die Fahrer, aber letztlich knattern sie in der Realität ja doch unversehrt von dannen, wenn man einmal davon absieht, dass sie mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Ding an der Schüssel haben.

Auch ansonsten war die Wahl des Quartiers nicht optimal. Trotz der Höhe war es über Nacht recht mild hier, um nicht zu sagen: ziemlich warm, und ich begann wieder zu schwitzen. Ohne die lange Hose ist das nicht so schön. Ich könnte daher und natürlich auch unabhängig davon mal wieder eine Dusche gebrauchen, aber damit wird es wohl vor der Überfahrt nix, und auf der Fähre dürfte es angesichts der Kürze der Reise auch keine Duschen geben. Na ja, wenigstens die Haare werde ich mir vorher mal waschen. Auf einem der höchsten Punkte des Berges steht ein Brunnen, und dort verschaffe ich mir ein einigermaßen öffentlichkeitstaugliches Aussehen. Rasieren wird erst auf der Fähre was.

Viel Zeit fürs Frühstück, diverse Aufbaumaßnahmen oder sonstigen Müßiggang bleibt mir heute nicht. Die Fähre wird pünktlich fahren – wenigstens muss ich das unterstellen – und keine Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse nehmen. Ich kann sie von hier oben schon sehen. Also keine Experimente mit alternativen Routen für die Abfahrt, sondern rasch zum Hafen!

Am Ticketschalter trifft mich angesichts des Preises der Schlag. Das ist ja schon fast so viel wie die Überfahrt von Helsinki nach Travemünde 1996! Und es ist wieder eine Diskriminierung gegenüber Kraftfahrzeugen, die für ein Kilo wesentlich weniger bezahlen müssen als ich. Aber es ist eine Hochgeschwindigkeitsfähre, und der enorme Spritverbrauch muss eben bestraft werden. Allerdings hätte ich wohl kaum eine Alternative gehabt. Es scheint so, als seien nur noch schnelle Fähren zwischen Korsika und dem Festland unterwegs. Eine langsamere hätte ich mir also gar nicht aussuchen können. Und wenn es eine Übernachtfahrt wäre, müsste ich wahrscheinlich für eine Kabine oder zumindest ein Schlafregal bezahlen. Angesichts dieser Auslagen überschlage ich mein Budget für Korsika. Mit Vier-Sterne-Hotels wird’s sicherlich nichts auf der Insel. Wird’s denn noch was ohne sie? Denn wer weiß, ob dort eine Bank ist, die mir auf die Postbankkarte Geld gibt. Nun, wenn alle Stricke reißen, dann muss halt die Visa-Card ’ran.

Das Einfahren auf das Fahrzeugdeck ist immer eine Prozedur, die etwas ähnlich Unangenehmes hat wie das Ein-, Um- und Aussteigen auf Flughäfen. Alles ist dreckig, laut und stinkt. So sieht es zwar auf Flughäfen weniger aus, aber auch dort muss man von einem Ort zum anderen, das häufig umfangreiche Handgepäck immer im Schlepp. Also, der Vergleich hinkt irgendwie, aber beides gefällt mir nicht, und die Flughäfen sind halt das Erste, was mir dazu eingefallen ist.

Tatsächlich legt die Fähre einigermaßen pünktlich ab. Und sie macht wirklich Dampf. Schon bald verliert sich die Stadt und die Côte d’Azur im Dunst. Vorne ist Korsika allerdings noch nicht zu sehen. Ich kümmere mich um meine Rasur und gewinne dadurch ein einigermaßen zivilisiertes Aussehen, wobei man sich über die Klamotten sicherlich streiten kann, denn der Hose sieht man die bisherige Reisedauer auf jeden Fall schon mal an.

Die Überfahrt ist solange verlorene Zeit, wie ich nur in den Salons herumhocke. Also frühstücke ich erst mal ausgiebig. Das wäre sowieso notwendig gewesen. Und da das Wetter so toll ist, gehe ich natürlich auch mal nach draußen, schaue mir das schäumende Wasser am Heck an oder den Bug, der mit vielleicht 40 Kilometern pro Stunde fortwährend riesige Wassermengen zur Seite prügelt. Diese gewaltige Kraft, dieses große Schiff, das ist schon etwas Unnatürliches. Ich schaue mir die Korsikaroute an. Die habe ich damals separat geplant, und daher weiß ich, dass es gut 1400 Kilometer werden. Keine große Sache, neun oder zehn Tage werde ich dort sein, und dann werde ich die Insel wieder verlassen und möglicherweise nie wieder dorthin zurückkehren, weil die Route so beschaffen ist, dass tatsächlich so gut wie alle grün markierten Straßen »abgefahren« sind. Bislang war noch keine ferne Auslandsroute so toll, dass ich ihretwegen in dieses Land zurückgekehrt wäre. Es gibt immer noch Regionen, in denen ich bis dahin überhaupt noch nicht war, und die ich deshalb bevorzuge. Und so mag es auch Korsika gehen. Aber wer weiß, was die Zukunft bringt? Wer weiß, wie das Land überhaupt beschaffen ist? Aber das werde ich ja in Kürze erfahren.

Und dann ist Land in Sicht. Den Silberstreif am Horizont habe ich gar nicht mitbekommen. Korsika ist plötzlich da, Horizont füllend, heiß, trocken, schattenlos, flirrende und diesige Luft – so, wie man sich ein heißes Land unter der Sommermittagssonne vorstellt. Und kurz darauf legt die Fähre an, und wieder kommt mir das Flugzeug in den Sinn. Man kann keineswegs aussteigen, wenn der Flieger das erste Mal steht. Da muss noch manövriert werden, da müssen Gangway oder sonstige Vorrichtungen an das Flugzeug herangekarrt werden, und kaum irgendwo wird mit solcher Exklusivität auf ein Flugzeug gewartet, dass sich dann sofort das ganze Personal auf genau diese Maschine stürzt, um alles für das Aussteigen herzurichten. Hier ist es etwas anders. Trotzdem muss die Fähre erst die richtige Position einnehmen, vertäut werden, dann die Heckklappe öffnen… Na ja, was alles so dazugehört. Ich packe meine Siebensachen, und trotzdem bin ich nicht der Erste, der das Schiff verlässt. Es gibt jetzt im Grunde nur eine Möglichkeit, dem Trubel zu entkommen: Irgendwo anhalten und warten, bis sich die Autoschlange verlaufen hat. Eine zweite Möglichkeit geht auch noch: Man fährt mit der Schlange, bremst sie aus, lässt sie an breiteren Stellen auch mal stückchenweise an sich vorbei und atmet ohne Ende und in mittelprächtigen Dosen Abgase ein. Eine dritte Variante schließlich funktioniert nur kurze Zeit: Man lässt sie hinter sich, vollständig und keuchend. Pragmatisch, wie ich bin, entscheide ich mich für den zweiten Weg. I’lle-Rousse ist kein großer Ort. Sobald ich auf der Nationalstraße bin, verliert der Bauch der Fähre voller Autos an Bedeutung. Hier ist Platz und kein Gegenverkehr. Die Autos fahren in fünf Richtungen aus dem Dorf, wahrscheinlich die meisten in meine Richtung.

Als ich nach acht Kilometern ins Inland abbiege, ist der Trubel im Großen und Ganzen vorbei. Jetzt wird sich zeigen, wie die Insel auf den zweiten Blick beschaffen ist. Es geht flach bergan. Es ist wirklich auffällig, wie flach die Auffahrt ist. Der Norden der Insel ist sehr trocken. Ich kann nicht verstehen, was all die Urlauber so toll an Korsika finden. Da muss es noch mehr geben als diese Halbwüste, sonst würde doch kaum einer hier seinen Urlaub verbringen. Während ich den Hang hinauffahre, betrachte ich rechts das Panorama. Hinten liegt der Hafen im Dunst, weiter vorn, ziemlich genau rechts von mir, sehe ich am Horizont einen See, einen Stausee vermutlich. In dieser Hitze sieht das richtig unwirklich aus. Und dann ist da noch eine Eisenbahn. Also, Gleise wenigstens. Es ist eine Schmalspurstrecke, aber weit und breit ist kein Fahrzeug zu sehen. Scheint wohl nicht häufig befahren zu werden. Auch die Haltepunkte sehen aus wie zuletzt von Guerillakämpfern besucht: Demoliert, verschmiert. Die korsische Unabhängigkeitsbewegung scheint sich so oft wie möglich zu verewigen.

Mit Belgodère passiere ich das erste Bergdorf. Außer einer Gendarmeriestation sehe ich dort allerdings nichts von Bedeutung. Wenig später erreiche ich den ersten Pass. Was daran allerdings ein Pass ist, bleibt für mich unklar. Aus meiner Sicht ist es einfach nur eine Kurve auf einer Straße, auf der ich nach wie vor dem so genannten Pass bergauf fahre. Eine gute halbe Stunde später erreiche ich allerdings tatsächlich einen Pass in knapp 700 Meter Höhe. Das wäre also das erste Stück Arbeit des heutigen Tages gewesen. Vor mir liegt jetzt eine 20 Kilometer lange Abfahrt.

Auch hier ist die Landschaft trostlos trocken. Zwar gibt es laut Karte einen Bach oder sogar einen Fluss, aber der scheint zwischendurch immer mal wieder zu versickern. In seiner Nähe stehen vereinzelt Rinder, nicht eingezäunt, manchmal auch auf der Straße herumstreunend. Die haben’s hier nicht gut – nur eine ziemlich uneingeschränkte Freiheit. Jetzt begegnen mir auch wieder die Gleise. Sie scheinen die Bergspitze an einer anderen Stelle überwunden zu haben und streben nun ebenfalls in Schlängellinien dem Tal zu.

Vier Kilometer vor Erreichen der Straße zu den Gorges de l’Asco, die ich mir anschauen möchte, mündet mein Weg auf die Hauptstraße, auf der vermutlich ein Großteil des Verkehrs ins Innere der Insel strömt. Diese Straße ist neuer, breiter, kürzer, führt nicht so weit in die Berge, hat für mich nur den Nachteil, dass sie laut Karte landschaftlich nichts zu bieten hat. Darum bin ich lieber durch die Berge gefahren.

Die Stichstraße beginnt auf etwa 200 Metern Höhe. Sie endet in 1361 Metern Höhe. Da ich denselben Weg wieder zurück fahren muss, beschließe ich, den nicht benötigten Teil meines Gepäcks irgendwo zu verstecken und einigermaßen unbeschwert in die Berge aufzubrechen. Nach fünf Kilometern noch einigermaßen flacher Fahrt finde ich ein verlassenes Gebäude, eher eine Ruine, und in dessen Keller stelle ich meine Taschen. So fährt es sich schon um einiges leichter. Hier ist die Landschaft auch wesentlich grüner; Korsika wird mir als Urlaubsziel allmählich verständlicher.

Die schmale Straße könnte auch zu einem Pass führen. Es geht anständig bergauf. Das Ziel ist nicht zu sehen, nicht einmal, wie die Szene in drei Kilometern aussieht, weil die Route sich durch ein enges Felstal windet, und rechts oder links davon noch einmal tief unten der Fluss. Das wäre jetzt mal eine Chance, ein Bad zu nehmen. Das Wasser ist immerhin nicht salzig, und schön kühl dürfte es außerdem sein. Also, worauf warte ich noch? Auf eine Stelle, an der der Fluss mal nicht ganz so tief im Tal liegt, so dass ich schnell unten und schnell wieder oben bin. Nach einer Weile bietet sie sich. Da unten sind zwar schon zwei junge Männer, aber die stören mich nicht. Sie verhindern lediglich, dass ich ein Vollbad nehme. Stattdessen steige ich kurz entschlossen bis zum Schritt in die klaren Fluten, wobei das Wasser hier, in einer Senke, eher ruhig dahinfließt. Die Unterhose will ich mir dann doch lieber trocken halten, sonst wird das nix mit der Weiterfahrt. Nach einer Weile erreiche ich Asco, wobei die Straße den Ort nur streift, und dann oberhalb desselben weiter in die Berge führt. Ich muss feststellen, dass ich hier erst etwa ein Drittel der Höhe erklommen habe. Von allein fährt ein Fahrrad ohne Gepäck also auch nicht.

Die Vegetation ändert sich, Nadelbäume bedecken das jetzt breitere Tal; weiter oben sind sie kleiner und stehen vereinzelter. Zwar kann ich das Ziel nicht erkennen, aber dafür Berge, an deren Hängen Schnee liegt. Na bitte, das hat doch was. Im Mittelmeer! Das muss man sich mal klarmachen. Zwar haben wir noch nicht Hochsommer, aber der längste Tag des Jahres ist nur mehr eine Woche entfernt.

Vereinzelt steigt die Straße jetzt ziemlich steil an. Da macht es sich gut, statt 120 nur gute 90 Kilogramm schleppen zu müssen. So kann ich übertriebene Anspannung vermeiden und mich noch an diversen Schnörkeln der Straße ergötzen, die meiner Ansicht nach nicht besonders realistisch auf der Karte erfasst sind. Aber im Maßstab 1:200000 ist eben nicht alles möglich.

Nach einer letzten Doppelkurve erreiche ich einen großen, zum Tal hin abfallenden Platz. Rechts und links am oberen Ende stehen ein paar Häuser, dahinter ein paar Wirtschaftsgebäude. Ich fahre heran und stelle das Fahrrad ab. Jetzt darf ich mir wohl erst mal eine Mahlzeit gönnen. Das waren schließlich keine Peanuts. Das rechte große Haus ist so etwas wie eine Winterherberge. Eine ganze Serie von Emblemen und Plaketten soll dokumentieren, wie bedeutend das angrenzende Skigebiet ist. Die weiße Pracht ist jetzt aber wohl nirgends für eine Abfahrt geeignet. Nur oben auf der Nordseite der Felshänge sind noch ein paar Quadratmeter übrig geblieben. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass hier im Winter tatsächlich mächtig was los ist. Der Platz macht einen abgenutzten Eindruck. Ich trete die Rückreise an. Das dürfte ja nun relativ einfach gehen, denke ich mir.

Es geht auch einfach. Und schnell. Nach wenigen Minuten habe ich eine lange, gerade, abschüssige Strecke vor mir und komme rasch in Fahrt. Da taucht von vorn hinter einer Kurve ein Geländewagen auf. Der Kerl muss besoffen sein! Oder schläft der?! Er fährt von seiner Spur aus geradewegs auf mich zu. Er fährt nicht links, so dass ich ihm ausweichen könnte, indem ich ebenfalls links fahre – nein, er »driftet« langsam, aber doch zügig fahrend, direkt auf mich zu und lässt mir praktisch nur den Straßengraben als einigermaßen kollisionsfreien Raum. Der scheidet jedoch aus, weil ich bei diesem Gefälle nicht so schnell von knapp 50 km/h zum Stehen komme. Mit dieser Geschwindigkeit wäre es im Grunde einerlei, ob ich auf seinem Kühler oder im Geröll lande. Mir bleibt allerdings genug Zeit, um kräftig Adrenalin auszustoßen. Nicht im letzten Moment, aber doch auch nicht allzu weit davor kehrt der Fahrer auf seine Spur zurück. De facto hat das Ganze vielleicht vier, fünf Sekunden gedauert. Jetzt halte ich erst mal an, um mich wieder zu beruhigen. So ein Arschloch! Der soll mal wieder vorbeikommen! Diese »Begegnung« beschäftigt mich noch den ganzen Abend, und ich überlege, wie ich dem Kerl seine Rücksichtslosigkeit heimzahlen könnte, aber viele Möglichkeiten habe ich nicht, und ernstzunehmende aus sicherer Position eigentlich gar keine.

Auf der weiteren Fahrt habe ich keine gefährlichen Begegnungen mehr, lediglich durch Asco fahre ich in der falschen Richtung, diesmal nämlich durchs Dorf entgegen der Einbahnstraße. Na, und irgendwann habe ich wieder mein Gepäck vollständig an Bord, und schließlich bin ich wieder an der Hauptstraße und wenige Minuten später in Ponte Leccia. Auf der Landkarte sieht der Ort unscheinbar aus, ein wirklich kleines Dorf. Tatsache ist jedoch, dass drei wichtige und zwei weniger wichtige Straßen hier zusammentreffen, und sich zusätzlich ein Supermarkt hier befindet. Wahrscheinlich kommen die Menschen von über 1000 Quadratkilometern hier zumindest hin und wieder zum Einkaufen. Außerdem ist hier die (einzige) Verzweigung der Eisenbahn Koriskas. Insofern darf man der Siedlung durchaus etwas Städtisches zubilligen.

Auf einer der weniger wichtigen Straßen in Richtung Piedicroce und Cervione und schließlich zur Küste, jedenfalls »querbergein«, verlasse ich den Ort. Hier ist am Sonntagabend nicht viel los. Es geht sogleich in die Berge. Etwas anderes bleibt angesichts des Geländes auch nicht übrig. Die Strecke ist als landschaftlich schön ausgewiesen, aber so toll ist das hier nicht. Freilich, ganz nett, am besten ist noch der Blick auf die Silhouette des Bergmassivs um den Monte Cinto, den höchsten Berg der Insel, von dessen Gipfel ich in Haut-Asco gerade mal vier Kilometer entfernt war. Eine Reihe von Spitzen erinnert an Silhouetten in den Dolomiten.

Die Auffahrt ist aber moderat, praktisch immer an der Wand lang, wobei auch die »Wand« nicht gerade steil ist. Es ist nur absolut kein Ende zu erkennen, aber das jetzt schon zu erwarten, wäre angesichts der Verworfenheit des vor mir liegenden Massivs und der noch vor mir liegenden Höhe auch vermessen. Also kurbele ich so vor mich hin. Immer wieder trotten Kühe an der Straße entlang. Auch Viehzäune finden sich rechts und links der Straße, und das eingezäunte Gelände ist trostlos kahl. Da ist nichts mehr zu fressen, rein gar nichts. Hier muss gefüttert werden – oder zum Freigang geöffnet.

Die Dämmerung schreitet voran, im nächsten Ort, der noch ein ganzes Stück bergauf entfernt liegt, muss ich etwas finden – muss! Allerdings besteht das Dörflein bestenfalls aus ein paar Häusern, denn der Ortsname ist auf der Karte weit größer als die schwarzen Vierecke, die Besiedlung andeuten sollen. Na ja, lasse ich mich halt überraschen.

Als ich mit hereinbrechender Dunkelheit tatsächlich die ersten Häuser erreiche, kommt mir wieder in Erinnerung, dass heute Europawahl ist. Da ist ein Wahllokal, und es ist noch offen. Aber nach Wählen steht mir im Moment nicht der Sinn, ginge hier auch nicht ohne jegliche Wahlunterlagen. So was macht man ja per Briefwahl vor Antritt des Urlaubs. Wo kriege ich jetzt hier… ein Zimmer? Oder auch sonst was. Da steht ein Haus, das glatt ein Gästezimmer haben könnte. Ich stelle das Rad ab und trete zögernd an das Grundstück heran. In einem großen Zimmer ist Licht, und hier draußen ist es immerhin noch so hell, dass mich die Anwohner wahrnehmen und vor die Tür treten. Ich grüße und frage, ob hier eine Übernachtungsmöglichkeit besteht. Ich habe den Eindruck, dass die Frau des Hauses verneint, und das ist glaubhaft, denn die Leute hinter ihr sehen nicht aus, als würden sie zur Familie gehören, jedenfalls sind sie so zahlreich, dass das Haus als voll gelten kann. Aber natürlich können das auch Ressentiments gegenüber Fremden sein, die kaum Französisch sprechen. Ist jedoch letztlich egal. Ich will zum Fahrrad zurückkehren, da fragt der Mann des Hauses, was ich will. Vielleicht hat er es nicht verstanden, und höflich wiederhole ich meine Frage. Die Frau sagt jetzt deutlicher, dass nichts zu machen ist. Der Mann hat meine Frage noch immer nicht verstanden. Dieser taube Kerl! Soll er halt seine Frau fragen; die hat’s doch offensichtlich verstanden. Hier also nicht. Ich fahre weiter, weiter bergauf. Nach einer Rechtskurve ist der Ortsausgang erreicht. Ich inspiziere das letzte Gebäude, in dem momentan offensichtlich niemand zu Hause ist. Aber es macht einen ziemlich gut verschlossenen Eindruck, und auf das Grundstück, das ohnehin keinen attraktiven Schlafplatz bietet, ist auch schlecht zu gelangen. Einfach über den Zaun klettern ist im Ort schon sehr blöd. Und das ganze Fahrrad kann ich sowieso nicht mitnehmen. Ist also alles zu sehen, jederzeit. Scheidet aus. Ich kehre wieder zurück in den Ort. In der Kurve von vorhin ist eine Abfahrt, hin zu einigen höher gelegenen Häusern, von denen eins ein Museum ist. Hier wird ein für Korsika vor langer Zeit einmal sehr wichtiger Mann geehrt. Das interessiert mich um diese Zeit und unter diesen Bedingungen allerdings nur am Rande, muss ich gestehen. Viel wichtiger ist mir ein Schlafplatz. Das kleine Kirchlein dort, offenbar nicht mehr als solches in Benutzung, ist nicht betretbar. Alles verrammelt. Das Museum selbst natürlich auch. Zwischen beiden Gebäuden liegt eine Wiese. Die könnte es zur Not sein, wenn das Wetter sich nicht verschlechtert. Sie ist auch nicht von der Straße einsehbar, und wer mich dort überhaupt sehen will, muss sich schon bis auf wenige Meter nähern. Na ja, ein würdiger Empfang auf Korsika ist das nicht so direkt, aber wer in die Pampa fährt, muss in der Pampa übernachten. Ich lege mein Zeug ab und erforsche die Kirschbäume auf der Zufahrt zum Museum. An die untersten Zweige komme ich heran, und es stellt sich heraus, dass die Früchte außergewöhnlich schmackhaft sind. Es beginnt ein Gelage, bei dem ich vergesse, auf die Uhr zu schauen. Ohne Ende stopfe ich mich voll, solange noch Kirschen einigermaßen ohne Flurschaden erreichbar sind. Hinaufklettern müsste man, da hängen sie offensichtlich viel dichter, aber das ist hier gar nicht so einfach, ohne die Klamotten zu ramponieren. So muss ich also mit den »niedrigen Trauben« auskommen. Irgendwann denke ich mir dann, dass ich jetzt vielleicht doch schlafen gehen sollte, weil es unangenehm werden könnte, wenn mich am frühen Morgen doch jemand mitten im Ort schlafen sehen würde. Ich muss ja nicht unbedingt negativ auffallen. Und so breite ich die Isomatte aus, verkrieche mich im Schlafsack und finde den Schlafplatz sehr schnell schön individuell, reisegerecht, sogar bequem und natürlich nebenbei unschlagbar günstig.

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